Religiös unbekannt. Zur „Göttinger Jesusfigur“

Evangelisches Studienseminar Hofgeismar, 

18. Februar 2019

 

Ich habe Jesus gefunden, sagt sie am Telefon. Man glaubt ihr nicht. Natürlich nicht.

In unserer religiös wohltemperierten Gegend ist Erweckung dieser Couleur etwas eher Fremdes.

In der öffentlichen Welt ist Religion diskret.

In einer Bildungseinrichtung zählen in guter Tradition vor allem die besseren Argumente, um gesprächsfähig zu sein.

 

Ich habe Jesus gefunden, sagt sie am Telefon. Jetzt schon eindringlich, nachdrücklich.

Es ist bereits dunkel, an diesem Abend. Sie geht durch einen Stadtpark, wie ihn so viele Städte haben, vor oder nach der Arbeit, vielleicht mit Hund. Vermutlich auf immer wieder gegangenen Wegen. Man könnte es Alltag nennen.

Sie findet Jesus. Lebensgroß, auf einer Parkbank liegend. So eine Parkbank, auf die zumindest ich mich nur notfalls setzen würde. Ein bisschen im Eck, mit nassem Laub und Resten von Zigaretten und Chipstüten zwischen den Streben, mit Graffiti besprüht. Und abends immer leicht feucht, es muss kalt sein.

Jesus auf der kalten Parkbank. Goldfarben, wäre es Tag, würden Dich die Reflektionen blenden. Und zugleich ein bisschen ramponiert, ein Arm ist ab. Dornenkrone und Lendenschurz, zu leicht bekleidet für Anfang Februar in Göttingen. Und ich muss aufpassen, dass ich nicht anfange mit zu frieren. Mit Jesus, in diesen Zeiten.

Ein Kulturzentrum hatte den als Requisite verwendeten Corpus Christi weggeworfen, Unbekannte hatten ihn aus einem Altmetall-Container entwendet und auf die Parkbank in der Nähe des Leineufers gelegt.

 

Das kulturelle Christentum in Deutschland ist stabil. Es trägt auch zur Stabilität unserer Kirche bei. Und doch macht es mich mindestens nervös, wenn die sichtbaren Dinge unseres Glaubens nur Requisite sind. Die eben noch nützlich sind, dann aber im Weg stehen.

Und dann sind da die Unbekannten. Sie machen irgendetwas mit den religiösen Dingen und ich weiß nicht wie und warum und doch erkennen sie irgendetwas: Sie legen Jesus auf eine Parkbank. Soll das humorvoll sein? Oder provokant? Oder fürsorglich? Ist es eine hilflose Geste? Meinten sie, ein paar Euro damit zu verdienen und jetzt ist sie doch zu schwer?

Und bin ich etwa abergläubisch, wenn ich jetzt am liebsten zum Auto zurückgehen würde, um ihn wenigstens behelfsmäßig in eine Decke einzuwickeln?

Und dann ist da die, die abends ihrer Wege geht. Nach der Arbeit oder vor der Arbeit, mit oder ohne Hund. Sie findet Jesus. Und niemand will ihr glauben.

Das ist kein Argument. Mit Religion haben wir es nicht so. So glaubt man hier nicht.

 

Die Polizei ist Freund und Helfer und kommt dann doch, obwohl sie kein Wort glaubt. Jesus wird erstmal in Gewahrsam genommen.

Verwaltungsgericht Köln, 20. November 2014: „Der Vorgang wird als Ingewahrsamnahme bezeichnet und begründet ein mit hoheitlicher Gewalt hergestelltes Rechtsverhältnis, kraft dessen eine Person die Freiheit in der Weise entzogen ist, dass sie von der Polizei gehindert wird, sich fortzubegeben.“

Die Zeitung berichtet, man wolle die Metallskulptur nicht einfach entsorgen, sondern suche einen neuen Ort für sie. Ein neues Zuhause.

In allem, was nur Requisite war, scheint Personsein auf, Bewegung, Wirksamkeit, eine mediale Aufmerksamkeit. Vielleicht auch Anstand, religiöser Respekt, Ehrfurcht.

Was ist das, was uns da plötzlich unvermutet vor die Füße fällt?

Niemand glaubt Dir. Du hast Jesus gefunden. Manche sagt vielleicht: Da ist etwas. Es gibt mehr. Was Du siehst, ist nicht alles. Es gibt rote Fäden, scheinbar unerklärliche Zusammenhänge, plötzliche Einsichten, Dinge, die einfach nicht so sein können, wie es die Welt will.

„Hurra. Handloser Heiland hat Heimat“, jubelt die Presse.

Die Finderin ist konfessionslos. Sie sagt: Jesus passt sehr gut in meine Wohnung. Ich glaube zwar nicht, aber Jesus bekommt bei mir einen Ehrenplatz.

Die Polizei erklärt den Fall für aufgeklärt und abgeschlossen.

 

 

Fotocredit: Polizeidirektion Göttingen  

 

 

 

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Weiteres Verzeichnis einiger Verluste, unscharf.

 

Aus dem großen Resonanzfeld der WinterWortWerkstatt 2019

Hanau, 26. Januar 2019

 

Vom Rest des Hauses durch eine Brandschutztür getrennt. Kleine Kinderhände müssen ganz fest drücken, schon so, dass die Fingerknöchel hervorschauen, damit sich was bewegt. Über den Widerstand hinaus, und Du wirst mit einem Quietschen belohnt. Der Kessel in Viessmann-orange (RAL 2001), obenauf eine Rußschicht, verschmiert eingebrannt, aber wer reckt den Hals schon so weit, um das zu sehen. Kalte Kacheln, graumeliert, und eine eigentümliche Wärme, fast mit Händen zu greifen. Die zähflüssig-thixotrop anmutet und sich mit jener Kälte verbindet, die die Tiefdrucklagen des deutschen Mittelgebirges zwischen die Häuser drückt.

Fenster jedenfalls beschlagen von innen und tauchen die Welt draußen in ein unscharfes, graues Licht.

Nirgends sind die Dinge klarer als zwischen allen Dingen.

Dort, wo die Funktionalitäten sich ihrer Reste entkleiden, sammeln sich die, die dem Takt trotzen, den entschlossenen Schritten und runden Geburtstagen mit angeschlagenem Goldrandgeschirr.

 

Sie ist eine kleine Dame. Während andere schimpfen und nichts erklären, erklärte sie alles und schimpfte nie. Also, so „Alles“ und „Nie“, wie man das halt so sagt und Ihr-wisst-schon-wie meint. Und sie und ich kauern auf kalten Kacheln, angelehnt am viessmann-orangenen Heizkessel, jenseits der wirklich bewohnten Welt und dem Gelächter an der Kaffeetafel voller Sahnetorten und Uromas Nusskuchen, wo ich das Nesthäkchen mit dunkelblauem Faltenrock und Puffärmelblüschen bin.

Überhaupt, wenn der immerwährende Kalender in der Küche das Feiern von Festen anordnet, puzzeln sich auf wunderbare Weise alle Möbel zu  einer einzigen, langen Tafel zusammen, deren Kanten und Unebenheiten nahezu mühelos kaschiert sind mit den Leinentischtüchern, die ihren wenigen großen Auftritten in einer schweren hölzernen Aussteuertruhe in der Diele entgegenfiebern.

 

Die kleine Dame, meine Oma, ist einfach durch zu viel Leben gegangen, um an all diese Spiele zu glauben. Ich verstehe wenig und ahne viel. So sitzen wir da, die Füße sind kalt und das Herz ist warm, indirekte Hitze direkt durchs Rückenmark.

 

Und wenn dann mal die Tür aufgeht, weht der leicht bittere Zug von Bohnenkaffee und Süße von Wurstsuppe zu uns. Und die wenigen Worten an der Grenze zu einer ahnungsvollen Wirklichkeit sind wie Schuhlöffel, die verhindern, dass das Leben sich vor der Zeit abnutzt. Graumelierte Kachelvorsprünge werden zur Bettkante, auf der die Geschichten erzählt werden, irgendwie auf dem Absprung dorthin, wo die Träume zählen.

 

Und an den langen Kaffeetafeln derweil die, die man oft bei- und dabei stets nebeneinander sieht. Hier wie beim Spazieren durchs Viertel oder Zeitunglesen. Nie sehen sie sich an, tauschen weder Worte noch Gesten. Also, diese Worte und Gesten, die mehr sind als Bewegungen und Laute. Schulter an Gewohnheit und Gewohnheit an Schulter vergeht die Zeit und sie gehen sich nichts weiter an als nötig ist für diese Nächte, in denen sich die Kälte von den Füßen ins Herz schleichen will.

 

Draußen hingegen brauchst Du heute den Mantel und dieses eigentümliche Zwischendrinnen, am Hotspot der Stadt, wo es den besten Kaffee gibt und Mantelständer Kratzer an der Wand hinterlassen und der Blick aus dem Fenster solche an der eigenen Moral.  Und freundliche Begrüßungen sind wie Leinentischtücher, die Kanten und Unebenheiten fast mühelos kaschieren, damit man einander bekannt bleibt als die, die tatsächlich noch Zeitungen lesen und sich und einander die Hände an dem Traum wärmen, man könne die Welt mit immer neuen Theorien beschreiben und verstehen.

 

Once in a while ist da etwas eingerichtet und du bist da, ohne dich wirklich niederzulassen. Flanierend zwischen Orten, die zähflüssig-thixotrop Wärme aus verborgenen Wänden pusten, vorgebend, echt zu sein. Und manchmal bleibst Du auch über Nacht. Und noch eine und noch eine. Die Tage werden zwar unterschieden, doch Nacht sei gleich, behauptet die Literatur [Elias Canetti, Provinz des Menschen].

 

Doch zurück ins Mittelgebirge und den Tiefdruckgebieten. Sie jedenfalls blieb dort. Sie ahnte nichts von den wenigen Worten in viesmann-orangener Kontur und den Unschärfen, die ein Blick durch von innen beschlagene Fenster erzeugt. Ihr war die Ordnung das Geheimnis des Puzzles und sie stimmte eben ein. Sie bügelte die Leinentischtücher, schlug die Sahne und putze Kondenswasser von den Fenstern.  So hatte sie das gelernt, in der Kinderlandverschickung, weil es in der Stadt zu gefährlich war. Die Gefahr hatten übrigens die gebracht, die jetzt die Kinder verschicken ließen.

 

Sie ihrerseits zog den Kindern dunkelblaue Faltenröcke an und Puffärmelblüschen. Eingebrannten Rußschichten sagte sie den Kampf an, auch denen, die fast keiner sieht und nach denen Du den Hals recken musst.

 

Sie kochte Wurstsuppe und Bohnenkaffee und werktäglich zuverlässig öffnete sie den Pultdeckel des Sekretärs mit einem kleinen Messingschlüssel als Ritual einer Welt, die immer eine Nummer zu groß ist und in der alles seinen Platz hat. Ein Leben mit drei Schubfächern, im Aufsatz Sortierfächer, kleine Schublädchen, Aussparungen für Tinte, Papier, Briefe und die viktorianische Kuppeluhr, die alle Dinge in 15-Minuten-Takte teilt.  Gold und Bewegung und Klingelklang unter einer Glaskuppel, von irgendeiner Hand gefertigt, und keiner weiß wie. Zuverlässige Bewegungen drinnen und draußen.

 

„Ist das eigentlich eine Krankheit, dass Mama nicht aus ihren Abläufen rauskommt? Merkt sie das überhaupt? Ich gucke sie nur an.“ [Alexa Hennig von Lange, Kampfsterne]

 

Ich gucke sie an, wie sie da sitzt.

 

Wer erkrankt, verliert Schritt für Schritt seine geistigen und intellektuellen Fähigkeiten. Gedächtnis, Denkvermögen, Sprache und praktisches Geschick verschlechtern sich kontinuierlich. [flarft]

 

Die Angst davor, in wenigen Jahren ohne Erinnerungskultur auskommen zu müssen, darf nicht zu Inszenierungen führen, die eine Begegnung nur vorgaukeln. [FR vom 26.01.2019]

 

Ich gucke sie an, wie sie da sitzt. Ich habe kalte Füße und ein warmes Herz, indirekt durchs Rückenmark.

 

Und wenn dann mal die Tür aufgeht, dann muss sie ganz fest drücken, bis die Fingerknöchel hervorschauen. Es kommt der leicht bittere Zug von Bohnenkaffee und die Süße von Wurstsuppe und Fragen von Ämtern und Behörden und Richtern. Und ich ahne eine Wirklichkeit voller Bilder in sepia-viessmann-orange, die neben meiner steht. Und sie tauschen weder Worte noch Gesten, wohl aber Kaffee in angeschlagenem Goldrandgeschirr.

Und ich, ich beantworte Fragen von Ämtern und Behörden und Richtern und erkläre nichts.

 

 

 

 

VorFreude

 

 

Hildesheim,

Itzum,

ein zugiger Bahnhof (der Lokführer hatte verschlafen)

und ein Landeskirchenamt,

19./ 20. Dezember 2018

 

 

Termin blockieren

in der Farbe, die sagt:

„Das darfst Du nicht verschieben“,

in der Farbe, wie die Kugel am Weihnachtsbaum,

schillernd, leuchtend, golden,

wie das Paradies.

 

Ticket kaufen

Wenn alles noch superspar ist.

Rückgabe und Umtausch unmöglich.

Nur anfänglich Schelte für eigene Großzügigkeit:

Zeit für Zimtgeruch und Zimbelklang in der Stadt,

Zeit für das, was es nur hier gibt (#rösterei),

und diese seltsame sichtbare Kirche,

die jetzt ist und später nicht (#popupchurch),

seltsam, weil wir das in der Institution so gar nicht können,

das Saisonale, das Flüchtige, etwas lassen, was gut ist.

 

„Pling“ abstellen

Die Nachrichten kommen trotzdem.

„Wie verstehen wir das Thema?“

„Was gehört dazu?“

„Geht Arbeitsteilung?“

 

„Es hat nichts mit Hier und Jetzt zu tun.“,

behauptet meine Recherche.

Ich seufze. Als ob es nicht schon genug logische Probleme gäbe.

Hier und Jetzt ist etwas, was nichts mit Hier und Jetzt zu tun hat.

Und gehe damit ich durch den Advent.

 

„Ein emotionaler Snack“, ruft die Lieblingskolumnistin mir aus eilig gelesenen ZEITungen zu – wir brauchen das jetzt alles zum Basteln, diese Worte, das dezembernebelklamme Papier und die unfertigen Gedanken. An den Wörterwerkbänken wird eifrig gehobelt, während Wundermusik und Magentasterne uns ahnen lassen, wie ein Krippenkind die Fäden der Welt zieht.

 

Und lauter wirr-irres Zeug kommt auf den Tisch. Uralte Geschichten und flüchtige Begegnungen von heute, Zumutungen und reichlich Zukunft. Wir können uns Wirklichkeiten vorstellen, die derzeit nicht gegenwärtig sind. Anticipated pleasure, sagt die Forschung. Immer abstrakt. Ich schaue mich um und zweifele an den gelehrten Thesen.

 

Eingespielt im Spiel selbstgemachter Regeln und trotzdem überrascht. Engel im Haar, Nur-Jetzt-und-noch-nicht-Gerüche, Großer Raum in kleinen Hütten, Schriftworte an leuchtenden Wänden, probably made in China. Licht von Osten, durch eine ganze Nacht – bescheint Drinnen und Draußen und auch Deine Angst und Pein. Als sei das Leben Ein- und Auswickeln, Entdecken und Verbergen. Geheimnis, sagt die Schrift. #déformationprofessionelle

 

Schließlich: Frühstmorgens im Strom letzter Tage vor Weihnachten Spuren von everyday-entrepreneurship. Luhmann verkriecht sich im Koffer, während sein soziales Vertrauen mir in der S-Bahn gegenübersitzt. Mein Arbeitstag trailert #komplexitätsreduktion und die Ahnung: Vielleicht wird es gut. Und irgendwer hat mir für die vielzufrühe Ankunft im Amt eine Kanne frischen Kaffee in den Meetingraum bestellt. Diese Dinge, die nichts mit Hier und Jetzt zu tun haben.

 

Nur Nachfreude ist nostalgisch.

Segen, dass das, was kommt, das ist, was nicht hier und jetzt ist.

Was kommt, kommt von vorn.

Lässt sich nicht verschieben.

Vielleicht wird es gut.

Hier und Jetzt ist etwas, was nichts mit Hier und Jetzt zu tun hat.

Es hat die Farbe wie die Kugel am Weihnachtsbaum.

Wie das Paradies.

Und es schmeckt nach Minze und karamellisiertem Zucker.

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt (Weihnachtsmarkt Hildesheim)

 

Diese Sache mit „Begriff“ und „Anschauung“. Allererste Übungen fürs Predigen

 

Heilsbronn, 28./ 29. November 2018

 

Versuch über die Verantwortung

 

Was sagst du eigentlich? Kundige Menschen fragen das Jesus. Die Rechtslage ist klar: Im Gesetz steht, dass Frauen gesteinigt werden, wenn sie beim Ehebruch ertappt werden. Was ist Deine Meinung?

 

In der pluralistischen Gesellschaft ist es erstaunlich einfach, mit der eigenen Meinung gut zu leben. Mit dem, was Du sagen müsstest, wenn Dich denn überhaupt jemand fragte, was richtig sei. Denn es gibt immer genug Leute, die das Gleiche oder ähnlich denken und Dich darin bestärken.

 

Eli Pariser hat 2011 in einem Buch ausgeführt, dass es vielleicht so ist, dass uns ein Großteil von Meinungen schlicht verborgen ist. Algorithmen werden immer besser darin, vorauszusagen, welche Informationen und Meinungen ich eigentlich finden möchte. Das isoliert mich von Informationen, die nicht meinem Standpunkt entsprechen.

 

Deshalb scheint es erstmal erstaunlich, dass die schriftgelehrten Leute Jesus fragen: Was sagst Du eigentlich dazu? Freilich, sie suchen einen Grund, um ihn anzuklagen: Was Du meinst, ist nicht recht. Du siehst das nicht recht. Es kann gar nicht stimmen. Weil es anders ist, als es meine stabile Auffassung so meint.

 

Wo treffe ich diese anderen Meinungen, die mich herausfordern, Verantwortung zu übernehmen?

 

Es ist nicht so leicht, über die Verantwortung zu predigen, ohne moralisch zu sein. Deshalb erzähle ich Euch eine Geschichte über die Verantwortung:

 

Nachdem in Kassel der Obelisk vor wenigen Wochen abgebaut wurde, entschied eine junge Performancekünstlerin, eine Aktion auf dem Kasseler Königsplatz zu machen. Es war ein Sonntag, wo die Geschäfte geschlossen, die Cafés aber geöffnet sind. Einer der letzten schönen Herbsttage, die manche nochmal nutzten, um durch die Straßen und an den Auslagen vorbei zu flanieren. Yi Dahn kniete auf dem Asphalt und schrieb immer wieder diesen Satz weiter: „Ich bin ein Fremdling gewesen, und…“. Zunächst waren die Buchstaben groß, kunstvoll, kalligraphisch. Je mehr Menschen sich beteiligten, mitmachten, je weiter es an den Rand ging, desto zufälliger und eiliger wurden die Worte. Ich sah eine Weile zu, was dort geschah. Und nach Jahren der blankpolierten Flächen der Whiteboard- und Powerpointwelten nahm ich wieder einmal ein Stück Kreide in die Hand. Was sagst Du? So in Gedanken verloren, hörte ich plötzlich eine Stimme neben mir. Eine kleine Frau, so etwa Mitte 60, sonntäglich stadtfein gemacht, war wohl just hier an der Straßenbahnhaltestelle ausgestiegen: „Sagen Sie doch auch mal was, das geht doch nicht, dass die hier alles verschandeln!“ Sagen Sie doch auch mal was! Was sagst Du? Freilich, sie hat gar keinen Grund, mich anzuklagen. Mag sein, sie sucht Verbündete. Doch warum eigentlich ich? Weshalb werde ausgerechnet ich gefragt?

 

Sagen Sie doch auch mal was. Und vielleicht kennt einer von Euch diese Momente, wo man dann so dasteht, und eigentlich schon etwas denkt und meint, und vielleicht Angst hat vor der Gegenrede oder schlicht grad keine Lust hat auf Auseinandersetzung und tausendmal irgendwo Gehörtes und deshalb lieber etwas ganz Unverbindliches sagt: Ach wissen Sie, der nächste Regen wird es schon richten! Und im gleichen Augenblick ärgere ich mich ja, dass ich nicht sage, wie wichtig es mir ist, dass das Fremde in unserer Stadt endlich Worte und Stimmen und Ausdruck und öffentlich Raum bekommt.

 

Weshalb werde ausgerechnet ich gefragt? Und dieses „Ausgerechnet“, das mir in den Sinn kommt, macht mich hellhörig. Gehe ich denn eigentlich davon aus, dass es reicht, wenn Andere nach ihrer Meinung gefragt werden, ich möge aber bitteschön doch in Ruhe gelassen werden? Und irgendwie empfinde ich es schon auch als Zumutung, nicht in meiner eigenen sonntagssinnierenden Welt zu verbleiben, sondern so direkt herausgefordert zu sein, angegangen, berührt von einer Weltsicht außerhalb meiner eigenen Meinungen und Überzeugungen. Die Filterblase jedenfalls hat einen Piks bekommen.

 

Jesus jedenfalls „bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde“.

 

Verantwortung ist, wenn ausgerechnet ich gefragt werde, was recht ist. Ich habe mir das Kreidestück in den Rucksack gesteckt.

 

 

Zum Dritten Advent 2018 (Reihe I: I Kor 4)

 

In der Mitte der Woche, allerallerspätestens dann, beginnen in der Familie Pläne für das Wochenende zu reifen. Wir leben in einer aus Zukunft bestimmten, gegenwartslosen Zeit.

 

„Ich will zu meinen Freunden“, sagt der eine, „wäre es nicht schön, Besuch zu haben?“, fragt der Andere. Und im Geiste sortiere ich regenfeste Kleidung für die Matschparty der Kinder im Park, schreibe Einkaufslisten für Sonntagskuchen und sammele die Brötchenkrümel auf, die schon seit Wochenbeginn unter dem Esstisch liegen. Sortiere das im Geiste, bevor ich es dann wirklich tue. Haushalterin.

 

Was für die Zukunft spekuliert wird an den großen Börsen der Welt, wo die Zahlen in Überlichtgeschwindigkeit in allen Richtungen um die Erdkugel fliegen, bestimmt, was für die Dinge, mit denen wir handeln, heute geschieht. Und auch bei mir: Amazon weiß heute, was ich morgen kaufe. Wir leben in einer aus Zukunft bestimmten, gegenwartslosen Zeit.

 

Und wenn Gott heute wüsste, was morgen wäre? Und wenn Gott heute wüsste, wer ich morgen bin? Und das morgen heute ist? Dann bin ich Haushalterin der Geheimnisse Gottes.

 

Pläne zu machen, wäre nun töricht, aber Bilder, wie es sein wird, gleich den Kindern, die im Matsch spielen, und dem Sonntagskuchenbesuch in der entkrümelten Stube, die habe ich auch:

Von den Herzensdingen, die von Gottes Licht beschienen sind.

Und dem Trachten des Menschen, das gut sein wird und ans Ziel gekommen ist.

 

Und Gott?

Er schaut durch die Terrassentür und summt leise ein Lied vor sich hin. Und die Welt, alle Zahlen und Listen und sogar die Krümel unter dem Tisch, sind durchzogen von dieser Melodie.

 

 

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt (St. Matthäus-Kirche, Regensburg)

 

 

 

 

 

 

 

Complexity turns, oder: Wie lernt man eigentlich einen religiösen Beruf?

Gastbeitrag für #mehrFragenalsAntworten von kirchehoch2

 

Dass religionshermeneutische Berufe sich notwendigerweise in Spannungsfeldern situieren, gehört spätestens seit der Rede von Kirche „auf der Schwelle“ (Ulrike Wagner-Rau, 2009) zum common sensepraktisch-theologischer Einsichten. Wie sich Kirche heute angemessen zeigt und was die Rolle von Pfarrern und Pfarrerinnen darin ist, wird zugleich – sachlogisch zutreffend – unklarer.

 

Was bedeutet diese kategoriale Diffusität für den institutionellen Bedarf nach vergleichbarer, abprüfbarer und effizienter Ausbildung? Was bedeutet sie für eine Berufsgeneration, deren – für Ältere leicht verstörendes – Sicherheitsbedürfnis stetig auf überraschende, komplexe Anforderungssituationen trifft? Könnte sich an dieser Stelle vielleicht besonders deutlich die Notwendigkeit eines #complexityturns zeigen?

 

Spannungsfelder

Die Sehnsucht nach sichtbarer Zugehörigkeit sowie Überwindung von berufsrollenspezifischer Einsamkeit angesichts des angenommenen Relevanzverlustes der Kirche steigt. Hinzu kommt, dass Kirchlichkeit in der deutschen Gesellschaft zunehmend als kulturellerHabitus an Bedeutung gewinnt und damit grundsätzlich ins Gegenüber zur religiösverstandenen Professionsrolle tritt. Das „Alles doch bitte wie gehabt“ der hochverbundenen Milieus konfrontiert sich mit der ebenso einseitigen Haltung, alles, was uns heute beträfe, sei „noch nie dagewesen“ (Pierre Bordieu hat diese Beobachtung bereits 1998 gemacht).

 

Zugehörigkeitsanforderungen und -sehnsüchte einerseits, Wille und Motivation zu Erkundung und Experiment andererseits treten gleichzeitig auf. Dies gilt auch für die Bezugssysteme, in denen religiöse Kommunikation auf Dauer im Schwange gehalten werden soll: Existieren auf der einen Seite Erwartungen, Erwartungserwartungen und herkömmliche Strukturen parochialer Kirchlichkeit, ist zugleich mindestens exemplarisch auf religiöse Kommunikation an herausragenden anderen Orten hinzuzeigen.

 

Stilsicher Veränderungsfertigkeiten lernen

Wenn ich im Feld dieser gegenläufigen Entwicklungen nach einer aktuellen zentralen Frage Ausschau halte, ist es diese: Wie lernt man eigentlich eine geistliche Berufstätigkeit im Kontext einer Kirche, die institutionell dazu beauftragt ist, dabei aber im Blick auf eine Berufssituation in derzeit offenen und sich rasant entwickelnden Organisationsstrukturen, die kaum überblickt werden können, handlungs- und stilsicher machen will? Wie lernt man dieses berufsreligiöse Riskieren, ohne sich entweder in vermeintliche Kerngeschäfte zurückzuziehen noch sich ständig „im freien Fall befindlich“ zu fühlen?

 

Der institutionelle Zusammenhang, in denen Ausbildung geplant wird und Bildung sich ereignen soll, verschärft den Verdacht, die Organisation verfolge in dieser diffusen Gemengelage ein Klärungsinteresse im Blick auf die berufsförmige Profilierung des Pfarramts. Und sofern sie es mit Kennzahlen, Personalstellen und Kostenkalkulation zu tun hat, erscheint dieses Interesse sogar teilweise plausibel und löst Dringlichkeiten aus.

 

Demgegenüber ereignet sich pastorale Habitualisierung überall dort, wo sich in geprägten Räumen von Kirchlichkeit, in sozialen Anforderungssituationen oder auch in Lebenssituationen, die Menschen als relevant empfinden, Gestaltungsspielräume auftun, in denen ausprobiert werden kann, religiös zu reden und zu handeln. Es ist dies eine religiöse Rede und Aktion, die ihrerseits Freiräume schafft, mit Gottes Reden und Handeln zu rechnen.

 

Dies geschieht etwa in einer Ausbildungseinrichtung, an einem schönen Ort geschaffener, inszenierter Freiräume zum Üben und Probieren. In einer lebendigen Gemeinde mit vielen Konfirmandinnen und Konfirmanden, Kreisen, Projekten und vielen Taufen – inmitten der Spannung von „wie immer“ und „alles anders“. Mit Menschen am Tisch, die nicht mal eigene Tische haben, und damit in Welten jenseits gesellschaftlichen Interesses, weil ökonomisch uninteressant. In Schulen, Krankenhäusern und Gefängnissen, die Kristallisationspunkte erzwungener Sozialität sind und anthropologische und soziale Grenzsituationen provozieren. In winzigen Ortschaften, in denen die Geschichten des 20. Jahrhunderts unausgesprochen auch in den Schlagzeilen von heute mächtig sind.  In Kooperationsräumen oder Konflikten, in Kursgruppen und Konfirmandenfreizeiten.

 

Gleichnishaftes für prägnante Unklarheit

Dass das Bistum Hildesheim seinen Neustart pastoraler Ausbildungen in einem Haus zum Wohnen, Arbeiten und Einkaufen beginnt, regt meine eigenen Gedanken für die Zukunft pastoraler Ausbildung an. Auf einem Flyer ist ein Weg unter diesem Haus zu sehen. Eine Art Keller, Unterführung, Versorgungsstraße. Es gibt Fußspuren, die in der Tiefe des Bildes zu Fahrbahnmarkierungen werden. Tapsen, die sich irgendwie auch verlieren. Ob der Mensch humpelte? Und ich stelle mir vor, gerade dies sei ein kirchlicher Ort par excellence. Links und rechts lenken Graffiti meine Aufmerksamkeit. Rechts fletscht etwas die Zähne, und ich kann nicht sagen, ob es nur eine Phantasiegestalt ist. Vielleicht ist das auch gar nicht wichtig für die Frage, ob es für mich Bedeutung hat.  Links geht Dir direkt unter der Neonleuchte das Licht auf und Schriftzüge, die sich nicht unmittelbar erschließen, sondern unklar bleiben, drängen sich in den Vordergrund. Und ohne all diese lästigen, verborgenen und auch hässlichen Versorgungsleitungen wäre hier kein Ort, an dem Menschen leben könnten. Und in einer Ecke ist verhaltener Blumenschmuck, bevor sich der Weg im Dunkel verliert. Ob am Ende ein Ausgang ist, kann ich nicht erkennen. Vielleicht kann ich es auch schlicht noch nicht erkennen.

 

Und wenn es so ist, dass Menschen vor allem an solchen Orten lernen, zu hören, zu beten, zu reden, zu organisieren, Kirche zu konzipieren? An Orten, die der Unklarheit eher Prägnanz verleihen, als dass sie im Verdacht stehen, sie aufzuheben. Dass hier Materialität konsequent als Ausdruck von Kulturalität angesehen wird, leuchtet mir sehr ein, gehört es doch – einmal erkannt – zu den Grundevidenzen christlicher Kulturen, die unter freiheitlichen Bedingungen große Sorgfalt auf ihre Materialität legen (sollten).

 

So geschieht berufsreligiöses Lernen an Orten mit Häusern, die groß sind, leer oder voller Ein-Zimmer-Wohnungen, und in gewisser Weise „frei“ im Blick darauf, wie sie gedeutet werden können und was sich hier ereignet. Hochverdichtete Räume, in denen vieles zusammenkommt an Gedanken, Traditionen und Möglichkeiten. Und die damit die Fläche und das Ganze entlasten, indem sie einen stellvertretenden Dienst ausüben.

 

Ausbildungsorte sind hochverdichtete Räume, die einen stellvertretenden Dienst ausüben für die Kirche als Ganze. Umgekehrt bedarf es der Akzeptanz und der freundlichen Mitwirkung, der Sympathie der ganzen Kirche, damit diese Stellvertretung gelingt. Es ist eine Stellvertretung, die kein ästhetisches oder ethisches Vorzeigeprojekt gebiert:

 

Der Bau bleibt an vielen Stellen verwinkelt und unübersichtlich. Die Passagen sind nicht durchgängig überdacht. Probleme sind nur halbherzig gelöst. Die Nähe zu idyllischen Orten wird nicht genutzt, weil es gar keine Zugänge gibt. Niemand scheint daran gedacht zu haben. Die Hauptebene liegt über Straßenniveau und ist kaum zu erreichen. Es gibt ständige Akzeptanzprobleme und ästhetische Fragwürdigkeiten. Nichts steht unter Denkmalschutz, alles kann auch anders sein. Es fallen Späne zu Boden und Spontaneitäten gen Himmel. Absurdes geschieht und Agendarisches. Es gibt Ordnungen und vielviel Freiraum.

 

Vikariat als „gestreckte Kasualie“

In einem unwirklich-wirklichen Raumnetzwerk ereignet sich so pastorale Entwicklung von beginnender Berufsprofessionalität. Spuren des Unfertigen und Fehlgeplanten bleiben notwendigerweise. Und damit eine breite Angriffsfläche für Kritik all derer, die der Welt eine Ordnung einschreiben (und nicht Gott sind!). Dann könnte es Teil dieser spezifischen Sendung sein, in diesen bleibend ungewohnten Spannungsfeldern Spielräume zu finden und handlungsfähig zu bleiben. Routinen für Handwerkliches zu finden und den wöchentlichen Terminkalender. Dem ‚Ereignis Gotteswirken‘ zuzutrauen, in der Institution verlässlich auf Dauer gestellt zu sein, für alle Welt zu wirken. Und das Vikariat wäre im Sinne der neueren evangelischen Kasualtheorie eine „gestreckte Kasualie“ für all diejenigen, von denen zukünftig mit Recht erwartet wird, öffentlich christliche Religion ins Spiel zu bringen.

 

Epilognotizen  

Wenn das stimmt, dann sähen Gottes Wohnungen gar nicht so aus wie die vielen Zimmer im Puppenhaus Deiner Kindheit, sondern Gott wohnte, wo Menschen durch unwirkliche Welten humpelten. Und Gott sammelte ihre Namen von den Betonwänden und schriebe sie sich in Herz. Und Gott schraubte die Neonröhren der Unbarmherzigkeiten von den Decken und Seraphim beleuchteten die Welt mit dem Licht ihrer leuchtenden, wärmenden Flügel. Und es wäre so, dass Gott sie umbaute (#complexityturns), die unwirklichen Welten unserer Kirche, und wir sähen es nicht, weil wir mittendrin wohnten.

 

Tu-Worte. Zum Tun und Lassen.

TuWorte

für thomas hirsch-hüffell

zur verabschiedung in den ruhestand, 3. november 2018

in hamburg-winterhude (epiphanienkirche)

 

 

Was denn nun noch

Neben Himmlische Musik und Himbeerdessert,

Neben Nehmen und Essen und Nehmen und Trinken?

Tu-Wörter, die im Lassen von Segen umfangen sind.

Offen. Ungeordnet

Nicht enzyklopädisch.

 

Mit dem Privileg, hier heute persönlich zu danken und auch für die Aus- und Fortbildungseinrichtungen in der EKD (insbesondere natürlich das Evangelische Studienseminar Hofgeismar), die (ebenfalls kleine) Arbeitsstelle Gottesdienst der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und die Internationale Konferenz der Predigerseminare.

 

 

An-Denken. Aushalten. Austragen. Aufbrechen. Auffallen. Aufrichten.

Beten. Begleiten.

Clownesk?

Du bist da.

Ich bin da. Du bist da. Schau. Da. Ich. Du. Da. Du. Da. Ich. Da. Du bist da. Ich bin da. Du, sag mal…

Eintasten. Einweisen. Entziffern. Entgegen. Entgegnen. Ergänzen. Entlocken. Eingelassenausgeliefert.

Ermuntern. Ermutigen.

Freigeben. Fährtensuchen. Flurbegehen. Fügen.

Gegenlesen. Gegenreden. Glücken.

Hirschhüffeln.

Imitieren. Integrieren. In vielen Welten. In viele Welten.

Jokern. Jonglieren.

Kleines achten.

Lautersein. Leisewerden. Leiden. Lesenlesenlesen.

Minderheitlich

Narrating Space —

Offenhalten.

Pass-ieren. Porträtieren. Protestieren. Perpetuiertes Wortwechseln über die Predigt.

Rhythmisieren. Reduzieren.

Sammeln. Sondern. Sinnzigeunern.

Staunen. Streunen. Schützen. Schulen. Schenken.

Türöffnen

Unterbrechen. Übersetzen. ÜbenÜbenÜben.

Verfugen. Verfügen. Viel Vergnügen.

Verflüssigen. Verharren. Vermischen. Verweben. Vollziehen.

Wieder holen. Wiederholen. Wieder—

Wandeln. Ver-w— Warten. Wissenwecken.

Zaudern. Zaubern. Zehren. Zumuten.

Und Buchstaben,

die aus der Ordnung fallen.

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

Beherbergendes Handeln

Zu einer Performance von Yi Dahn am 21. Oktober 2018 in Kassel: „Rewriting the Obelisk“

 

Es mag einer der letzten sonnigen Tage des Jahres sein. Auf der sonnenbeschienenen Seite des kreisrunden Königsplatzes schwätzen Menschen unter Sonnenschirmen, schattenseitig suchen sie Schutz im Inneren, Ruhe, Raum, Kontakt und schnelles Internet. Ansonsten ist da, wem die Zeit zu lang ist oder wer kein anderes Zuhause hat. Im losen, aber doch regelmäßigen Sonntagsrhythmus durchmessen die Trams den Ort, spucken Menschen aus und nehmen andere mit. Auffällig unauffällig patroullieren Ordnungshüter.

 

Mittendrin: #rewritingtheobelisk.

 

Dass der Abbau des Obelisken auf dem Kasseler Königsplatz nach performativen Resonanzen ruft, zeigte sich rasch. Menschen legten Blumen nieder. Ein Zeichen der Trauer. Anderen war wichtig, den Ort besonders zu markieren. All dies: Eher spontane Äußerungen, die sich aus Analogien herleiteten. 18 Tage später nun: ein Rewriting. Und dies eher eine Fortschreibung als ein re-enactment. Denn war (und ist) das obeliske Monument vertikal, eine (machtvolle) Achse, die Himmel und Erde verbindet, ist das Kunstwerk jetzt horizontal angelegt, flächig. In der Durchführung hat sich gezeigt, dass es unscharfe Ränder hat. Menschen müssen auf die Knie, um mitzuschreiben. Von weitem sieht es aus wie eine hingebungsvolle Gebetsgeste. Manche geben Worten Gestalt im Letteringstil mit Zeit für das Auf und Ab eines jeden Buchstabens, andere schreiben eilig, brauchen die Distanz zu den eigenen Worten.

 

Yi Dahn hatte ihre Performance einige Tage zuvor angekündigt: „Yi Dahn [plant] eine Performance, bei der sie mit Kreide den Satz „I was a stranger and …“ fortlaufend wiederholt. In jeder möglichen Sprache wird der Satz auf den Asphalt rund um die Stelle geschrieben, die bis vor kurzem noch von dem Obelisk besetzt war, bis der Kasseler Königsplatz vollständig mit den Worten bedeckt ist. Dieser Akt ist als Widmung gedacht, an den Einsatz all der Personen, die im Glauben an Mitmenschlichkeit mit diesem Thema zu kämpfen haben.
Um die Performance zu vervollständigen, begrüßt die Künstlerin die Teilnahme des Publikums unterschiedlichster kultureller Hintergründe – je mehr, desto besser – denn die wahre Bedeutung der Performance liegt im Prozess selbst, der zeigt: Solidarität ist niemals vergebens und wir können wiedereinmal bestätigen, dass Vielfalt uns alle verbindet und bereichert, und uns Kraft gibt, in eine bessere Zukunft zu gehen.“

 

Mir fällt ein, wie ich im letzten Sommer etwas ausgerechnet mit einem Rewriting begonnen habe. Und dabei gemerkt habe, wie tief der Geniekult doch im bürgerlichen Protestantismus verankert ist. Mir fällt meine Begeisterung für Uncreative Writingein und die immer neuen Ideen und Perspektiven, die ich daraus gewinne. Mir fällt die Not vieler ein, eigene Worte zu finden. Verbraucht-unverbrauchte, für die wirksamen Gelegenheiten, in denen es gegenwärtig freie öffentliche Rede gibt.

 

Mir fällt das biblische Menetekel auf. Und dass es Daniels mit seiner prophetischen Gabe bedurfte, um zu durchschauen, was die Worte bedeuteten, um es allen zu erklären und um mit beidem zu wagen, Mächtige mit Kritik zu konfrontieren. So war klar, weshalb er sprach und andere nicht. Obwohl die Worte so offensichtlich waren.

 

So auch heute. Die Worte sind offensichtlich. Sie wirken performant. Sie wirken medial. Aber sie wirken kaum unmittelbar. Viele sind da, doch wenige merken auf: Was geschieht denn da eigentlich? Was soll das?

Ich gehe ein bisschen herum.

 

Ich erschrecke, als ich merke, wie ich auf Worten herumlaufe, ja, herumlaufen muss, um andere zu lesen. Doch fast niemand erschreckt. Eine Alte sucht in mir eine Verbündete, dass das doch so nicht ginge, „was die da machen“. Ich erschrecke so sehr über die Worte, die sie dann noch so selbstverständlich zu mir, einer ihr doch Fremden, sagt, dass ich mich später erschrecke, so wenig dazu gesagt zu haben. Ich sehe Worte in fremden Sprachen, die ich nicht entziffern kann; denke an den, der einst scheint’s Unverständliches in den Sand schrieb und so die Welt änderte. Als Fremde* ist die Welt schwer lesbar, sie spricht eine andere Sprache. Die Institution will es sich bislang leicht machen, mit den Sprachen. Ob die Verfolgung des Fremden eine Autoimmunkrankheit von Institutionen sei – erst neulich erhitzten sich dazu die Gemüter. Und ich merke zusehends, wie gut es ist, dass diese fremden Sprachen an diesem Tag so sichtbar Raum haben – mit ihrer Mischung aus Dankbarkeit, Klage und Nachdenklichkeit.

 

Ich lächele über die unscharfen Ränder, die die Aktion erzeugt und die eifrigen Kinder, die nach der Kreide greifen, ohne sich Gedanken über den hartnäckigen, weißfeinen Staub in den Sonntagskleidern und den Rillen meiner eigenen Haut zu machen. Spuren, die bleiben, Spuren, die sich verändern, Spuren, die Fährten legen – danach fragen die flüchtigen Worte auf dem Königsplatz. Sie sind nicht in Stein gemeißelt. Mancher wird nicht wissen, dass es ein biblisches Wort ist, was er oder sie da weiterschreibt. Religiöse Worte sind heute flüchtige Worte, oft inkognito. Sie werden leichter gelesen, wenn sie nicht in dicken Büchern daherkommen. Es gibt Zeiten, da müssen wir uns für sie auf das Straßenpflaster mitten in den Städten knien. Da gilt es, sich die Hände und Kleider schmutzig zu machen für ein paar Momente, in denen anderen innehalten. Da sind abgerissene Monumente Anlass, um zu handeln wie die Kinder, und um an die Öffentlichkeit freizulassen, was beklagenswert ist, was hohe Güter sind und was Menschen bewegt. Den öffentlichen Raum für alle frei zu nutzen und ihm die Spuren eigenen Lebens einzuzeichnen, ist ein Grundsignum demokratischer Kultur.

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt