Zu Pfingsten 2017 gepredigt.

Stiftskirche Windecken, Verabschiedung aus dem Gemeindepfarramt daselbst (Joh 14, 15-19. 23b-27)

 

Hier ist der Text.

Jesus sagt: Wenn Ihr mich liebt, zeigt es dadurch, dass Ihr tut, was ich Euch gesagt habe. Ich werde mit dem Vater sprechen, und er wird Euch einen anderen, der tröstet, geben, so dass Ihr nie ungetröstet sein werdet. Dieser Tröster ist der Geist der Wahrheit. Die gottlose Welt kann ihn nicht annehmen, weil sie keine Augen hat, ihn zu sehen; sie nicht weiß, wonach sie schauen soll. Ihr aber kennt ihn, weil er bei Euch geblieben ist und in Euch bleiben wird.

Ich werde Euch nicht als Waisen zurücklassen. Ich komme zu Euch. In Kürze wird die Welt mich nicht mehr sehen, Ihr aber wohl, weil ich lebe und Ihr auch leben sollt.

Wer mich liebt, wird mein Wort sorgfältig hüten und mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und Nachbarn sein. Meine Worte aber nicht zu halten, bedeutet, mich nicht zu lieben. Das Wort, das Ihr hört, ist nicht mein Wort. Es ist das Wort des Vaters, der mich gesandt hat.

Ich erzähle Euch diese Dinge, während ich noch mit Euch lebe. Der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater in meinem Namen senden wird, wird Euch alles leicht machen. Er wird Euch an alle Dinge erinnern, die ich gesagt habe. Ich verlasse Euch wohlbehalten und in Gänze. Das ist mein Abschiedsgeschenk für Euch: Friede. Ich verlasse Euch nicht so, wie Ihr es gewohnt seid, verlassen zu werden – preisgegeben, beraubt. Deshalb seid nicht aufgebracht und verstört.

So steht es im Johannesevangelium im 14. Kapitel.

 

Du bist ein getrösteter Mensch. Und niemand ist ungetröstet. Das ist Pfingsten. Wo geschieht, was Jesus sagt. Sieh (richtig) hin. Auf die Anderen. Auf Dich selbst.

 

Tut doch einfach, was ich Euch sage. So einfach ist die Welt. Hast Du vielleicht schon mal gehört. Oder wie es sich anfühlt, wenn denn endlich mal jemand tut, was Du sagst.

Hier sagt’s einer. Und alle sind getröstet. Auch Du. Pfingsten ist: Geist für Dich.

 

Also lasst uns zunächst aus dem Weg räumen, was man so zuerst zu diesem Predigttext denken könnte: Dass es um Abschied geht und jeder das kennt, und die Jünger auch und dass ja alles gar nicht so schlimm sei mit dem Abschied, weil Gott und der Glaube und die weltweite Kirche und wir sowieso alle verbunden und so weiter.

 

Oder: Dass die Gemeinden des Johannesevangeliums verfolgt waren, um ihr Überleben kämpften, nach etwas Dauerhaftem suchten, und wir heute ja auch – und der demografische Wandel, die Werte der Kirche, der heftige weltanschauliche Gegenwind, Drohungen gegenüber Pfarrerinnen und Pfarrern, von außen und von innen, und so weiter. Alles, was uns so umtreibt, beschäftigt und sorgt.

 

Oder schließlich: Dass ja alles eine Frage des Geistes sei und es natürlich überall sonst besser, neuer, schöner, professioneller, größer und begeisterter sei als bei uns, einer Kirche, die für alle da ist. Und damit diffus. Gerichtet an die draußen und unten. Und die diese lästigen Leute habe, die nur an Weihnachten in die Kirche kämen, wegen der Krippe und der Kerzen und „O du fröhliche“. Gerichtete Kirche. Ja, auch an die drinnen und oben. Und Du doch vor allem denkst: Hauptsache die Kirche ist dort, wo ich bin oder wo ich will, dass die Kirche ist. Und die Pfarrerin. Und mit ihr möglicherweise auch noch der Geist. Und Pfingststimmung ist, auf der bunt verzierten Geburtstagstorte der Kirche hellblaubuntgeringelte Kerzchen anzuzünden, als ob wir einem unserer Kinder eine Freude machten und den Tag mit einer Schnitzeljagd nach dem Glauben oder den Glaubenden verbrächten.

 

Natürlich widersprecht Ihr und runzelt die Stirne. Weil Euch die Kirche lieb und wert ist. Und mir ja auch. Und weil es gut ist zu wissen, wie Abschied sich anfühlt. Weil uns das auch solidarisiert: in der Kirche, und perspektivisch nicht nur, aber auch als Kirche. Und weil es unbedingt notwendig ist, darauf zu sehen, wo Christen verfolgt und geächtet werden und sie unserer Hilfe und unserer Fürbitte so dringend bedürfen. Und weil auch unbehaustes Christsein sich nach Heimat sehnt und Gemeinden wie Wohnzimmern und die meisten gerne Kuchen essen.

Und wir werden sagen: Manche sagen halt so, Andere sagen so. Und alles ist wenigstens ein bisschen relativiert. Und letztlich geschieht nichts. (und nicht nur, weil wir uns hilflos erleben) Weil wir einander nicht kränken wollen. Weil wir einander lieb und wert sind. Und das so ein hohes Gut ist in einer rauhen Welt. Wenigstens doch in der Kirche.

 

Jesus sagt nach dem Johannesevangelium: Liebt mich. Hütet mein Wort. Gott wird Euch lieben. Und wir werden Nachbarn sein, Wohnung bei Euch nehmen – wie Luther es sagt.

 

Jesu Abschied ist ein Abschied, der uns Gott zum Nachbarn macht. Ein Abschied, durch den nicht plötzlich einer weit weg lebt, plötzlich woanders; und ein Anderer zurückbleibt, und da etwas nicht mehr ist, was immer war. Und eingespielt und gekümmert und nervig und selbstverständlich und Du halt wusstest, was Du hast. So ein Abschied, der eben preisgibt und beraubt, aufbringt und verstört, der im Moment ein Drama ist, aber doch auch irgendwann von „Jetzt“ und „Damals“ reden lässt. Und das Jetzt alles viel besser ist oder Damals alles viel schöner.

 

Hier: Ein Abschied, durch den wir mit Gott Wand an Wand wohnen.

 

Und ich mich abwartend frage:

Wird das klappen? Oder stört ihn meine laute Musik gegen das akustische Chaos der Welt? Oder dass ich nie Unkraut jäte? Und er das dann auch im Garten hat. Und wenn es umgekehrt wäre? Und bei mir plötzlich wachsen würde, was Gott gesät hat und hegt? Ob es stört – Dass viele Leute ein- und ausgehen und oft die, denen niemand die Tür öffnet. Und dass die mal durchatmen, die den ganzen Tag die Kinder von A nach B karren, Glastische polieren und dafür Lebensträume weichen. Dass ich gelegentlich allein bei meinem Glauben bleiben muss, um Andere und mich selbst besser zu verstehen. Dass wir vom Tod reden und das Leben feiern, und streiten, ob es Wahrheit überhaupt gibt, ob und wer aufzuräumen hat, ob für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in unserer Gemeinde eigentlich die Eltern Sorge tragen müssten oder die krude Bemessungszahl der Personalstellen überhaupt an allem schuld ist.

 

Hört. Hütet das Wort und liebt Gott. Mehr ist es nicht. Und Gott bleibt.  Und liebt. Und setzt sich hinzu. An polierte Glastische und auf dönerpapierverschmierte Holzbänke. Auf das Plüschsofa neben Porzellanpuppe rechts und Jahrmarktteddy links. Auf die Parkbank neben der Shell, hinter der Kirche und am Fahrradständer an der Willi-Salzmann-Halle, bei Wind und Wetter. Und ja sogar — Und er hört Dir zu. Und tröstet. Und erinnert an Jesus. Und macht es Euch leicht. Gott will es leicht machen. Jesus geht, der Tröster kommt. Und er tut nichts Anderes. Es scheint ganz so zu sein, als ob sich gar nichts änderte: Jesus geht, Tröster kommt, Gott wohnt nebenan. Ein Abschied wie kein Abschied. Nur unter einer einzigen logischen Voraussetzung gilt das: Nämlich, dass Gott überall ist. Und zwar nicht: überall sonst, da und dort, sondern: genau hier. Genau hier, wo Du bist, und wo der ist, dem Du gerade ins Angesicht zu schauen versuchst, an den Du Dein Wort richtest und wo Dein Herz schlägt. Das ist doch Friede: Nicht preisgegeben zu sein. Gott gibt nicht preis. Unter keinen Umständen. Du bist getröstet. Niemand macht es niemandem recht und alle sind da.

 

Das kommt nicht zum Leben dazu, an Pfingsten, dieser Gott, dieser Trost. Was wäre Dein Leben denn ohne Trost? Was wäre Dein Leben, wäre es preisgegeben? An Mächte und Gewalten, an die Meinungen Anderer, an die gerade herrschende Deutungshoheit gesellschaftlicher Entwicklungen, an den Tod?

 

Doch Gott wohnt nebenan. Auf Dauer flüchtig eingerichtet, mit Zeit und zuhörendem Ohr, geschichtenschwerem Campingtisch mit wackeligen Füßen, der Bonbondose auf dem obersten Regalbrett und einem festen Platz fürs Päckchen Taschentücher. Und ich möchte mir vorstellen, es ist ein Haus ohne Hausordnung. Aber da sind wir Theologen und Theologinnen uns nicht so ganz einig. Ich möchte mir vorstellen, dass es ein Haus mit vielen Wohnungen ist. Gott ist da. Und wir sind da. Und die Wolken der Zeugen und Zeuginnen des Glaubens, denen wir verbunden sind. Genau hier.

 

Und niemand ist Waise, wie von Vater und Mutter verlassen. Auf Dich ist geachtet und Du bist angesehen. Und nichts ist untröstlich. Auch kein Abschied. Weil mit dem Abschied bleibt, was wichtig ist. Und Platz gemacht ist für das, was kommt. Für das Rauschen und Brausen, akustisches Chaos als Gleichnis der Welt, in der wir leben, und in dem doch jede etwas versteht von dem, was Gott will. Hütet das Wort. Liebt Gott. Lasst nicht los. Ihr habt die Wahl, worauf Ihr schaut.

 

Und auch Gott wird anklopfen. Vielleicht fehlt ihm Milch oder ein Schulbrot oder Dein Fleiß oder Deine Klugheit oder Dein praktisches Geschick. Und gemeinsam werdet Ihr vor dem Haus sitzen und sehen, was dort ist: Wolken und Wind, bites und bytes, Messzahlen, die die Welt machen wollen, wie sie irgendjemandem gefällt, und Rotkehlchen und Kinder, die eigenen und die sogenannten fremden, und Brot auf Omas angeschlagenen Tellern, zuweilen mit Sauerkirschmarmelade, und Wein für alle: Kirche, eigen und fremd. Stabil von ganz Nahem Außen her. Durch gehütetes Wort und kritische Frage und So-soll-es-Sein, Das-ist-gewisslich-Wahr, und diese großen Worte, an denen wir uns festhalten: guter Hirte, Licht der Welt, Salz der Erde. Nehmt das. Und Nehmt und esst. Nehmt und trinkt. Nehmt und spielt. Nehmt und denkt und streitet und betet.  Und rechnet dann auch ein bisschen, mit Bites und Messzahlen, vor allem aber mit Gotteswirken in Wolken und Wehen inmitten akustischen Chaos‘. All dies ist‘s. Genau hier.

 

Und die Kerzen auf der Geburtstagstorte der Kirche werden dadurch leicht flackern und Gott teilt aus davon und es ist genug für alle und Friede – erinnert Euch: Abschied wie kein Abschied, Nicht-Preisgegeben-Sein – und Du hörst im akustischen Chaos Kehrverse: Hüte das Wort. Und liebe Gott. Du bist da. Und Gott nebendran. Und im Wort und unter Euren schwachen und zitternden Wörtern. Und das ist Trost, dieses Wort. Für Dich und für Andere. Weil Gottes Wille Friede ist. Und so geschieht Kirche. Daran muss sich alles messen lassen, was wir „Kirche“ nennen. Hier. Und ganz gleich, wie sie aussehen wird, diese Kirche, und diese Gemeinde. Und, wenn wir irgendwann (heute) aus dieser Kirche gehen, an den Orten, wo Ihr seid. In diesem Karussell da draußen, in Euren Büros, im Landtag, und an den Küchentischen, und auf der B-Ebene an der Hauptwache, dort, wo Welt ohne Tageslicht ist, wo wir hier und dort dran herumpolieren und sich doch nichts ändert; auf dem Campus des Studienseminars, am Wärtchen und in den verschlossenen Herzkammern Deiner Seele. Gehütetes Wort ist dorthin gesagt. Die Welt ist nie wortlos, nie ohne Wirken Gottes, nie ohne dass wir verstehen könnten, mit Herz und Sinnen. Gottes Welt ist Wortwelt, durchwirkt, geistgottesdurchwirkt. Deshalb wirkt Gottes Friede, deshalb funktioniert das überhaupt. Niemand kann das preisgeben oder rauben: Gott ist da. Genau hier. Daran seid erinnert, darauf schaut:

Gottes Friede, der höher ist alle Vernunft, bewahrt Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder, Tröster und Herrn.

 

Amen.

 

 

Fotocredit: Birgit Mattausch

 

Ich sah Dich, Kirchentag.

Es war mal wieder Kirchentag. So banal diese Feststellung im kirchlichen Kontext wirken mag – das Ereignis, auf das in vielen evangelischen Kirchen seit langer Zeit hingedacht und –gearbeitet wird, gehört keineswegs zum aktuellen kulturellen Gedächtnis der Bevölkerungsmehrheit in unserem Land. Und damit ist bereits ein Kernthema evangelischer Kirche heute benannt: So sehr der Protestantismus nach innen angesichts demographischer, gesellschaftlicher und religionskultureller Entwicklungen der Selbstvergewisserung bedarf, so sehr gerät er nach außen unter Druck. Wer darin kein halbwegs deutliches Bild hat, was das im Zusammenspiel bedeutet, gerät im Blick auf seine Ausdrucksformen ins Schlingern. Das war in Berlin allüberall zu sehen.

 

Dass Einschätzungen zum diesjährigen Kirchentag möglicherweise so disparat sein könnten wie noch nie, kann einerseits nicht dazu führen, dass dann eben auch alles so bleibt, wie es ist, noch andererseits das immer noch weit verbreitete Klischee bestärken, dass eben in evangelischen Kirchen einfach alles möglich sei.

 

Eine Spur könnte sein, die Wirkung von „Dingen“ im engeren Sinne ernst zu nehmen, und zwar bis hin zu ihrer moralischen Qualität. Der Jenaer Soziologie Hartmut Rosa benennt dies in Rezeption der Sozialphilosophie Bruno Latours als „diagonale Resonanz“, in der die Dinge zu uns in Austauschbeziehungen treten, indem sich uns der Eindruck vermittelt, die Dinge sprächen „für sich“.

 

Ich schlage vor, den Kirchentag als Ganzen ebenso wie Einzelnes, das ihn repräsentiert, als „Ding“ zu verstehen und sage ein paar Beispiele.

Kirchentag spricht für sich. Innerhalb der evangelischen Kirche gibt es hochverbundene Milieus an Bewegungschristentum, für die die Teilnahme an und Rezeption von Veranstaltungen des Kirchentags unhinterfragt ist. Dies ist für die Kirchen eine wichtige Ressource. Die Entwicklung sog. alternativer gottesdienstlicher Formen im 20. Jahrhundert, die Weiterentwicklung evangelischen Liedgutes sowie eine ganze Reihe gemeindlicher Initiativen, etwa im Bildungsbereich oder in der Einen-Welt-Arbeit wären nicht denkbar ohne Kirchentage. Meine Generation ist mit all dem selbstverständlich aufgewachsen, ebenso wie mit den dicken Kirchentagsprogrammen, die Besucherinnen und Besucher voraussetzen, die sich geflissentlich und zeitintensiv auf das evangelische Glaubensfest vorbereiten. In der Außenwahrnehmung wird der Kirchentag eher kritisch gesehen – wer die Annahme seiner gesellschaftlichen Relevanz nicht teilt, stellt seine Mitfinanzierung durch die öffentliche Hand ebenso in Frage wie die vorübergehende Besetzung des öffentlichen Raums. Wer als kritischer Beobachter am Abend der Begegnung am Reichstag entlangflanierte, hatte es leicht, gängige Kirchenklischees zu bestätigen: Vieles gut gemeint und unterschiedlich gemacht; in seinem Verweischarakter auf den christlichen Glauben evangelischer Prägung aber überwiegend unklar. Wer aber von innen schaut, weiß, mit welchem Fleiß ehrenamtliches Engagement aufgebracht wurde, um all diese Stände zu bespielen; wer von innen schaut, weiß, welche Abstimmungsprozesse Einrichtungen aufbringen müssen, um eine große Kirchentagsbühne einen Abend lang zu bespielen. Diese zwei ganz unterschiedlichen Blickrichtungen sind eventuell auch ein Indiz für die unmittelbar nach dem Ende der Veranstaltungstage medial viel traktierte Frage, wie viele Menschen eigentlich am Abschlussgottesdienst in Wittenberg teilnahmen.

 

Möglicherweise werden wir uns in den evangelischen Kirchen fragen lassen müssen, ob wir nicht in Zukunft auf diejenigen Ausdrucksformen verzichten sollten, die unbotmäßig Ressourcen binden und zugleich in ihrem Verweischarakter bisweilen sogar kontraindizieren. Denn wir begegnen denen, denen wir auch ohne all dies begegnen möchten und bleiben ansonsten doch auch lieber „unter uns“. Mag sein, Formaten wie dem „Abend der Begegnung“ unterliegt in einem Maße der Annahme von Milieuhomogenität der Kirchentagsbesucherinnen und –besucher, wie es faktisch schon nicht mehr der Fall ist und perspektivisch viel weniger der Fall sein sollte. Zusammengefasst heißt das: Als „Ding“ an sich ist der Kirchentag insgesamt ein wichtiger Impulsgeber für die Gemeinden vor Ort. Dem stehenden Hinweis darauf, dass es so schwierig sei, Einsichten und Ideen des Kirchentags vor Ort zu implementieren, verweist ja lediglich auf die Diversifizierung des gegenwärtigen Protestantismus auch im Blick auf seine grundsätzliche Bereitschaft zur Veränderung und Passung als gesellschaftskritischer Größe. Wer ohne relativen Widerstand wählt, was „mir zusagt“, droht leicht, sich in Filterbubbles zu verschanzen und im bequemen Schaumbad einer Wohlfühlkirche zu verharren. Weil es gut ist, dort zu sein, wo es schön ist. Vereinsförmig organisierte Kirche kann sich von der Tendenz nicht freimachen, sich so zu verhalten. Dem christlichen Glauben gemäß ist dies nicht – er zeigt das Andere, fordert heraus, legt das Widerständige vor die Füße. Nur von dieser Ausgangsposition her ist es überhaupt sinnvoll, die Rede von Gottes rechtfertigendem Handeln in einer Konfession zentral zu stellen.

 

Damit schon zum zweiten Aspekt der „Dinge“ – sie antworten: Impulse werden aufgenommen oder verhallen, die Diskussion gesellschaftsrelevanter Fragen wird weitergeführt oder nicht, theologische Denkanstöße werden durchdacht oder eben auch nicht. Der damit verbundene Prozess heißt – im Anschluss an die Ausführungen Hartmut Rosas – treffsicher: Arbeit. Es ist eine Arbeit, die sich nach dem Fest ergibt. Nicht das Wegräumen des dreckigen Geschirrs und Auffüllen der immergleichen Bestände, sondern diejenige Arbeit, die Kreativität freisetzt – die lernbar ist und Arbeit macht. Dass dies unterbleibt, mag Quelle von Frustration vieler Orten sein. Hauptamtliche gelten als quantitativ so beansprucht, dass sie diese Arbeit nicht leisten können oder wollen. Als Laienbewegung setzt der Kirchentag auf seine Wirkung als „gestreckte Kasualie“ bei seinen vielen Trägergruppen. Doch auch hier kann geschehen, was sich in Kirchengemeinden vielerorts beobachten lässt: Initiatoren und Zielgruppe sind (fast) identisch und am Ende bleibt alles, wie es ist.

 

Zugleich ist Glaube angewiesen auf Resonanzräume, die nicht das immer Gleiche echoen, sondern Anstöße liefern. Inwiefern das Christentum evangelischer Prägung sich in seinem normativen Anspruch und seiner soziologischen Verfasstheit hier auch spätestens im 20. Jahrhundert auseinanderbewegt hat, zeigt der Kirchentag 2017 eindrücklich. Nicht umsonst beschwört die Avantgarde des Protestantismus eine Wiederkehr des Spirituellen und stützt all jene Theologien, die sich dafür anschlussfähig zeigen.

 

Als eine Suchbewegung unter Druck – von außen und innen – hat es der Kirchentag nicht leicht. Wie auch jeder Einzelne, könnte er der Versuchung erliegen, die Selbstresonanz für die Lösung zu halten, die am ehesten gängig ist. Für mich erklärt dies zumindest die Kampagnenmotivik, die sich vom Vorwurf der Infantilität letztlich nicht befreien konnte und in manchen Linien zu hochproblematischen Bildprogrammen führte. Sich selbstresonant in der Tendenz eher zu unterfordern, stabilisiert für den Moment. Ob es allerdings die geeignete Strategie ist, die Kirchentagsbewegung und mit ihr einen maßgeblichen Teil des Protestantismus gesamtgesellschaftlich diskursfähig zu zeigen, mag dahingestellt sein. Demgegenüber dürften die innerkirchlichen Denkanstöße gewichtiger sein. Das ist viel. Und doch könnte Kirchentag mehr.

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

Zeit ansagen. This is my church

 

Für den PredigtSlam zum Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin/ Wittenberg, 25. Mai 2017. Gethsemanekirche in Berlin-Prenzlauer Berg. 

 

Ich erzähle Euch von gestern Nacht.

Ich meine diese Zeit,

Wenn die letzten Begegnungsabendbratwürste verkauft sind,

die Finger von Puderzucker und Currysauce hartnäckig kleben,

Restmünzen in irgendwelchen Taschen verschwunden sind,

und Erwartungen abgesteckt, Freundschaften versichert und die letzten Zäune um die kirchliche Community zuverlässig geprüft sind.

Wenn Du endlich alle Emoji-Spielkarten zusammengesammelt hast

und AbendSegen im Kerzenmeer Dein Leben ummantelt.

Letzte Ohrwürmer kriechen langsam aus dem Tag.

fullsizeoutput_a4f.jpeg

 

Berlin schläft nie.

Die Stadt unter der Erde schläft nie.

Rund um die Uhr indirekt ausgeleuchtet,

und kalte Schatten folgen Deinen Schritten.

Die Stadt unter Deinen Füßen schläft nie.

Central Station, hier sei die Mitte, Knoten aller Dinge, unseres Landes, der demokratischen Welt.

Central Station,

wo sich das Orange Berlin-Wittenberg dieser Tage in das Leben dieser Welt löst

wie Salz der Erde im Meer.

 

Und ich stelle mir vor,

einer sagt:

Mit dem Glauben verhielte es sich so. Wie mit dieser Central Station.

Manche warten ewig auf die Einfahrt und verpassen den Anschluss.

Oder Du verträumst den Ausstieg und landest irgendwo, wo Du gar nicht hinwillst.

Wo Du Dinge entdeckst, die nicht in Deinem Reiseplan standen.

Quietschende Bremsen sagen Dir: Es gibt einen Weg zurück.

Und alles ist mindestens zweisprachig und Vieles hörst Du doch nicht, weil Dein Gehör gar nicht weiß, wo Du hinhören sollst, und ob es wichtiger ist, dem Gespräch der Passageren zu lauschen oder den dumpfen Ansagen über den Lebensgleisbetten – spricht da eigentlich wirklich jemand? – oder ob es wichtiger ist, Deiner eigenen Lebensplaylist zu lauschen, die Dir natürlich am nächsten ist und den Takt Deines Lebens vorgibt.

 

This is my church.

 

„So viele Hilfsdienste, ist hier heute was besonderes?“ „Nein, ich habe keine Zeit, ich muss mein Auto abholen!“ „Ach, was mit Kirche??“

Und irgendwie sind mir Eure fordernd-fragenden Augen näher als die, die mich von Plakaten, Kaffeetassen und fair gehandelten Stoffbeuteln unbestimmt-eindringlich und irgendwie auch infantil-vorwurfsvoll anstarren. „We can’t hide behind a Wall.“

 

Und als der letzte Posaunenchor verstummt ist, steht einer wartend in die Zeit gefallen mit Maßanzug und rotem Rosenstrauß auf der leergefegten Terrasse neben der Systemgastro, sehnsüchtig nach Lebensüberblick und Liebe.

 

Und die Vielen purzeln am Feiertagsvorabend aus und in den letzten Zügen, hetzen ortloser Schritte über die Rolltreppen und sehen das eine Ziel, das so schnell wie nur irgend erreicht werden muss.

 

 

Und einer kniete sich zwischen sie alle, mitten auf dem Bahnsteig und schreibt Zeichen in den Sand, den das Profil deiner Schuhe zurückließ.  Stumm.

 

 

Und ihr fahrt hinauf und ich fahre hinab.

Dorthin, wo die ganze Nacht die Türen aufstehen.

Und immer wird ein Mund sich üben.

 

Und ich übersehe Dich fast, wie Du in dieser Ecke sitzt, so, als wäre wenigstens sie deine Heimat. Die Welt Deiner Werte und Melodien und Überlebensstrategien. Abgesteckt durch Deine Blicke.

 

Salzreste aus Pommestüten kleben auf dem Tisch fest, der die Spuren eines langen Tags trägt. Viele nahmen hier Platz. In deiner Heimat, als es für dich nur ums Überleben ging.

 

In den Händen hältst du den zerknitterten Pappbecher.

Kalter Cappuccino, zusammengesammelt aus den hingeworfenen Münzen der Passanten, hervorgeholt aus Hosentaschen.

 

Ich übersehe Dich fast. Doch ich bin angesehen, von dir, und Du jetzt auch, von mir. So als fielen grad zwei Welten ineinander. Und ich versuche zu verstehen, was Du zu verstehen siehst und vielleicht tust Du es mir gleich.

Und als die letzten kichernden Teens gegangen sind, höre ich’s leise:

fullsizeoutput_a4f

 

Die Stadt singt sich ihr Wiegenlied in Endlosschleife. Wachet auf, ruft uns die Stimme.

 

Ich aber fliehe vor Endlosschleife und protestantischem Moralweckruf, vor der dumpfen Zugluft unter der Erde noch weiter unter die Erde, wo die Luft vibriert und Du nicht mehr unterscheiden kannst ob es tagt oder Nacht ist. Bässe werden tiefer, Takte eindringlicher und Sounds aufdringlicher. Und die Welt ohne Ich und Du und Ordnung und Ritual greift nach mir.

 

Und einer ging hinaus, auf einen Berg, allein.

 

Ich trage Deiner Augen Blick in mir und weiter und den Geruch nach kaltem Cappuccino.

 

In meiner InterimsHeimat: Automatische Rolläden quietschen und bremsen die Nacht. Ich wache irgendwann auf. Durch die Lamellen erstes Licht durch dichte Blätter alter Großstadtbäume am mondänen Stadtrand. Peripherie, die Bürgerlichen am Rande, plötzliches Licht, direkt auf die Netzhaut, das mich blinzeln lässt und ein zaghafter Stundenschlag eines Vorstadtkirchleins, der flüstert: Steh auf.

fullsizeoutput_a4f

 

„Ich danke dir, dass du mich diese Nacht bewahrt hast vor Schaden und Gefahr und allem Übel.“

 

Und ich sehe die Kirchen und Kanzeln dieser Stadt und meines Lebens.

Und die Kellerkapellen: Central Station, Mitte, Knoten aller Dinge, des Widerspruchs und der Furchtlosigkeit für unsere Kirche.

 

Und ich binde mir orange-Berlin-Wittenberg um und lege für einen Cappuccino to go beim Bäcker nebenan ein paar Münzen auf den Tresen.

 

 

 

 

Liedtextzeile: Susanne Brandt, Melodie: Miriam Buthmann

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

Gnadenganz und Nichts-ist-ganz

  1. Mai 2017. Miszelle

 

Wie der Tag die Augen öffnet, schließt die Nacht ihre Gedanken.

Schau mich nicht an.

Transite im Nebel.

Kurze Sätze, kleine Verabredungen, eilige Blicke auf die Uhr,

Leben Zug um Zug und in ganzen Zügen,

Käse, Himbeermarmelade, ungelesene Zeitungen.

Vergessliches und leere Räume für verlustige Dinge.

Gnade ist der Grund der Gnade. Ganz.

Inselerfahrungen, schlafende Stadt.

Macht der Vergangenheit und Kapital der Gegenwart.

In des Domes Kapitellen nisten die Vögel.

Schweren Türen bewahren die Schwelle des Heiligen.

Es ist warm und voller zarter Klänge.

Und Worte. Wiederholter und wiedergeholter Worte.

Souverän. Nah. Am Großen Ort. Gefunden.

Und die Gnade hat goldene Lettern und hinkt, wenn die Sonne aufgeht.

Nimm wahr und sprich und applaudiere nicht zu früh.

Verzichten und UnSchärfen. Nichts ist ganz.

Mehr wegschauen, um entscheiden zu können.

Solches braucht die Wahrheit.

Und jedes Wort kann anders sein.

Goldene Gnadenlettern in Deinem Rücken, seit Jahrhunderten.

Lehn Dich an.

Konfirmierend gepredigt.

Zum Sonntag Jubilate 2017

Und zu diesem Text: Gen 32, 23-32

Mitten heraus gepredigt. In ehedem achtundzwanzig Einzelszenen.

 

 

Zwischen Dem-hier-Jetzt und dem, wie Du Dir das Leben wünschst, ist ein Fluss.

Dort steht einer. Er heißt Jakob.

Er ist einer der Urahnen unseres Glaubens.

Eine Geschichte von vor tausenden Jahren.

Und immer weiter erzählt, weil sie etwas Grundsätzliches über unser Leben und unseren Glauben schildert.

 

 

Wenn Du an einem solchen Fluss stehst, wo Du weißt: Das wird schwierig. Da zieht es Dich weg. Da wird es nass. Und vielleicht auch kalt. – Wenn Du dort stehst, tritt Dir einer gegenüber. Du bist nicht allein. In dieser Nacht, wenn alles, was Dir wichtig ist, schon in Sicherheit gebracht ist, auf die andere Seite des Flusses: Die Menschen, die Dir lieb sind. Deine guten Gewohnheiten. Deine Gaben, Deine Stärken, Deine leuchtenden Augen.

 

 

Jetzt stehst Du da. Und einer tritt Dir gegenüber. Und Ihr kämpft. Ihr ringt. Du weißt nicht, was richtig ist. Aber Du willst gewinnen. Du willst leben. Und Du weißt nicht so genau, wer das ist.

 

 

Wer weiß auch schon genau, wer Gott ist? Gott allein weiß das. Wir alle ringen um Gott.

 

 

Und Gott tritt uns gegenüber.

In all der Unsicherheit,

in all den Scherben, in denen Du lebst,

wünschen Menschen sich den Glauben und die Kirche als einen Hort der Sicherheit, als einen Ort der Geborgenheit.

 

 

Und dass Menschen es hier einander gut machen können,

ist eine ganz wertvolle Ressource.

 

 

Und viele sagen: Segen ist etwas Gutes. Ein guter Wunsch für Dich.

Und wir haben das Bild von den Engeln, die Dich behüten auf all Deinen Wegen.

Und wir müssen ja auch glauben, dass Gott es so meint, weil Gott uns wollte und geschaffen hat.

 

 

Nicht nur die am Anfang des Lebens, sondern uns alle, die wir mit so viel Zuversicht, aber auch so viel Narben und Wunden durchs Leben gehen.

Und doch tritt Gott uns gegenüber.

Engel ringen auch mit uns, nicht nur um uns.

Da ist etwas Widerständiges im Glauben.

Und dieses Widerständige ist nicht nur, dass Viele heute hier sind und einen Widerstand darin merken, nicht einstimmen zu können in die Traditionen unserer Kirche. Die für sich sagen: ich glaube das nicht, ich bin irgendjemandem zuliebe heute hier. Es ist eben nicht nur dieser Widerstand, mit der Tatsache, einen Glauben nicht für sich zu bekennen, umgehen zu müssen.

 

Sondern: Es ist ein Widerstand im Glauben selbst.

Gott tritt mir gegenüber.

Gott wird dem Jakob dort in der Nacht, am Fluss, am Zwischen, zum Feind.

Zwischen Nacht und Tag, dem Alten und dem Neuen.

 

 

Hier. Und dann: Dort.

Dazwischen:

Einer, der nicht sagt, wie er heißt.

Eine, die einfach vorübergehen will.

Eine, die den Morgen fürchtet.

Die weiß: Es gibt ein Zu-spät.

Jetzt ist die Zeit.

Eine, die Dir zum Feind wird.

Bis es sich lichtet.

Und eine dauernde Lichtspur

Sich Dir eingeschrieben hat.

Unauslöschlich.

Wie die Narbe aus Kindertagen.

Das: Nicht-Hier und Nicht-Dort,

Nicht-mehr und Noch-Nicht

ist der Ort,

an dem einen Namen bekommt,

was Dein Leben beansprucht.

Ich habe Gottes Angesicht gesehen.

Und ich lebe noch.

Jakob geht vorüber.

Die Sonne geht auf.

 

 

Jakob und der Andere sind gleichstark.

Gott ist nicht übermächtig.

Wenn man einander gleichstark ist,

denkt mal an Eure Rangeleien,

an Auseinandersetzungen,

an Diskussionen mit Freunden oder in der Familie,

wenn man gleichstark ist,

braucht man die größte Aufmerksamkeit.

Jede Kleinigkeit kann entscheidend sein.

So auch hier.

Und dieses Ringen legt eine Spur in Jakobs Leben.

Er wird hinken, erzählt die Geschichte.

Er trägt eine Narbe davon.

Und einen neuen Namen.

Israel – Gott möge kämpfen.

Jakob weiß, mit wem er es zu tun hat.

Und Jakob lebt.

Dieses beides trägt der Kampf aus.

Und er hat einen neuen Namen.

 

 

Gott kämpft. Durch Segen.

Der Gott, mit dem Du kämpfst, segnet Dich.

Das vergiss nicht.

Bittebitte, liebe Konfirmandinnen, liebe Konfirmanden,

liebe ganz Erwachsene,

die Ihr kämpft,

oder die Ihr vielleicht sogar verlernt habt,

um den Glauben zu kämpfen,

vergesst das nicht:

Der Gott, der um Dich ringt, segnet Dich.

 

 

Mit den Namen, die über Euch gesagt sind in der Taufe:

Emelie, die Eifernde,

Luisa, die Starke,

Vivien, die Lebendige,

Marlon, schnell wie ein Falke,

Celina, wie der Himmel,

Kai, ein Kämpfer,

Nele, umglänzt,

Marlen, ein Geschenk Gottes,

Sophie, voller Weisheit,

Lisanne, weil Gott einen Schwur für Dich abgelegt hat,

Lenn, der Entschlossene,

Sarah, die Fürstliche,

Philipp, ein Freund,

Laura, die Siegreiche

Und Johanna, denn Gott ist gnädig.

 

 

Ums Kämpfen reißt sich niemand.

Man kann dem aus dem Weg gehen.

Jakob hätte ja mit seiner Familie und all seinen Dingen über den Fluss gehen und weitergehen können.

Dieses Zwischen nicht aushalten.

Denn es ist ja anstrengend,

sich dem auszusetzen.

 

 

Ihr habt das bislang nicht getan.

Ihr habt Euch im Konfirmandenunterricht mit dem Glauben auseinandergesetzt.

Jede und jeder auf seine Weise.

Ihr habt Euch auf ganz unterschiedliche Situationen eingestellt.

Wir haben viel Spaß gehabt.

Und das ist gut so.

Was mich besonders beeindruckt hat, ist, dass Ihr uns getraut habt. Auch, wenn Ihr nicht so recht überzeugt wart, dass es jetzt gut ist, das Eine oder Andere zu tun, habt Ihr es versucht. Das war ganz groß. Auch für uns – für mich als Pfarrerin dieser Gemeinde, für die Konfipatinnen und die Konfiteamer.

 

 

Und mancher oder manchesmal gab‘s auch was zu kämpfen. Manches davon habt Ihr gezeigt. Anderes habt Ihr mit Euch ausgemacht. Manches habt Ihr vielleicht selbst gar nicht mal gesehen.

 

 

Manche Mutter, mancher Vater, mancher Pate hat sich auch gefragt: Ist mein Kind soweit? Kann und will ich ihm das zumuten? Was entgeht ihr, wenn sie nicht dabei ist?

 

 

Wir entscheiden uns, ob wir den Glauben bekennen, in den hinein wir getauft sind. Ihr entscheidet Euch öffentlich heute, aber jede und jeder von uns, auch Ihr, auch ich, entscheiden sich jeden Tag mit dem, was wir denken und tun, ob wir unseren Glauben im Leben bekennen oder nicht.

 

 

All dies war und ist kein notwendiges Übel. Es gehört dazu. Dieses Ringen, Kämpfen, Zweifeln, In-Frage-Stellen. Und es ist auch nicht vorbei, weil Ihr heute eingesegnet werdet und eine Urkunde erhaltet.

Aber heute macht Ihr öffentlich, dass Ihr Euch dem stellt. Ihr sagt „Ja.“

 

 

Ich glaube, dass es im Leben wichtig ist, sich dem Glauben zu stellen und sich zu fragen, wie man sich eigentlich dazu verhält.

Ihr seid damit nicht allein. Eure Familien sind da. Eure Freunde. Oma und Opa. Diese Kirchengemeinde. Sie ist heute da und sie ist immer da. Dieses unglaubliche Kirchgebäude. Ein Raum zum Feiern und Beten, für Stille und Hören auf Gottes Wort.

 

 

„Say yes“ steht vorn auf dem Liedblatt. Ja zum Glauben zu sagen, das hat in unserer gemeinsamen Zeit im letzten Jahr eine Rolle gespielt.

Wie geht das? Wie gelingt das? Heute sage ich: Im Ringen um den Glauben sagen wir Ja. Fordern von Gott Segen ein.

Von weitem betrachtet sieht das Signet aus wie eine unverständliche Hieroglyphe. Erst, wenn wir ein zweites Mal hinschauen, wird es deutlicher: Ja – in allem Ringen.

 

 

Wir schauen hin, in der Gemeinschaft der Getauften. Auf so viele einzelne Fragen, die uns bewegen. Deshalb wird in dieser Kirche – gottlob – regelmäßig Gottes Wort predigend ausgelegt. Damit wir wissen, worauf unser „Ja“ gründet.

Und Gott lässt sich sehen. Und wir leben weiter. Als Gesegnete.

 

 

Das Geschenk, das Ihr heute von der Kirchengemeinde erhaltet, ist ein Symbol dafür: Für diesen Schutz, für diese Wärme, die Du brauchst, in dem Moment, bevor die Sonne aufgeht.

 

 

Amen.

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

Mark-Gleichnis

 

Wenig nach Sonnenaufgang. Der Tag hat gerade erst Laufen gelernt. Da schellt es und sie steht vor der Tür. Hält mir eine Tüte hin, voller Markknochen. „Kalb“, sagt sie, und strahlt mich an. Ich bin überrascht. Und bewegt. Sie weiß, worauf es jetzt ankommt, denke ich. „Wollen Sie…?“, frage ich beflissen, und sie schüttelt den Kopf. „Und später?“, ich zeige auf die leicht beschlagene Plastiktüte. „Nein, nein“, sagt sie, „nur für Sie.“ Ich lächele zurück und der Tag geht seinen Gang. Alles wohl, gekühlt verstaut.

 

Kurz vor der Besuchsrunde fällt’s mir wieder ein. Das Kalb! Jetzt oder nie. Eilig drehe ich den Herd hoch und suche ein bisschen Suppenzeugs zusammen. Rösten, zischen, schäumen – alles tausendmal gemacht. Geübt. Sitzt. An Anderes denken und doch fasziniert sein. Wenige Minuten und die Dinge werden über Stunden ihren Gang gehen.

 

Und ich gehe auch. Und Ihr erzählt und ich höre zu und frage nach und biete an und höre wieder zu und sehe all diese Dinge. Und Gott. Die Zeit stimmt, das weiß ich, obwohl ich keine Uhr trage.

 

Nach Stunden wieder da und als ich die Tür öffne, weiß ich sofort, was Sache ist. Und keiner weiß, wie. Was lange dabei war und irgendwie dafür sorgte, dass jetzt ist, was es ist, muss weg. Je größer die Dinge, desto einfacher, zum Schluss muss das Feinsieb her. Nichts soll zurückbleiben. Und alles ist klarer als es je eines meiner Argumente war.

 

Und die gleichen Dinge kommen nun in ganz klein dazu, und das Kraut, das in meinem wüsten Garten überlebt hat und ich weiß: Ganz gleich, was über Stunden geschehen ist: Das Meiste wurde getan und doch zählen die letzten Minuten.

 

Als es um den ersten Löffel geschehen ist, weiß ich: So hat sie es gewollt. Und Omas Heizungskeller ist um mich herum, wo sie die Geschichten ihres Lebens erzählte, und der Geruch der Gasflamme in der Vorküche und ich höre das Kratzen der Metallkelle am Topfboden. So geht Wegzehrung.

 

Einiges fiel auf gutes Land und trug Frucht, einiges hundertfach, einiges sechzigfach, einiges dreißigfach. (Mt 13, 8)

 

Später werdet Ihr heimkommen und natürlich ist genug für jeden da.

Und zum Dessert gibt’s Erdbeeren.

So ist das mit dem Reich Gottes.

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

Dieses „Ding“ mit der Digitalisierung

Lose Gedanken inmitten einer aktuellen Debatte (besonders zu: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/archiv.php?a=show&id=4266#tocomment)

How to deal with Information

„Hast Du schon gesehen?“ und es folgt ein Linkkürzel. „Nein“, schreibe ich zurück, „ich moderiere noch zwei Stunden eine Sitzung“. Später am Tag folge ich dem Link zum „Leben auf Cloud sieben“, finde Screenshots in meinem Messenger und am Abend auch den vollständigen Text auf der Homepage der Zeitschrift. #digitalfirst denke ich überrascht, wundere mich über die seltsame Uhrzeit und phantasiere, es muss wohl daran liegen, dass die Schriftleitung dies mutmaßlich ehrenamtlich in ihrer Freizeit irgendwann erledigt. Am nächsten Tag wird das Printexemplar in meinem Briefkasten sein. Nachdem es bereits 80 Kommentare dazu gibt. Und ich den Verfasser einen halben Tag lang bei einer Sitzung traf (zu der ein Navigationsgerät mich gewiesen hat) – ohne dass wir über den Artikel sprechen konnten. Weil es um Flyer ging, die leider noch nicht fertig sind und deren Zielgruppe auch unklar ist. Und weil er nicht wissen kann, dass ich den Text schon las, weil er nicht Teil meines Netzwerkes ist. Nachrichten, die mich zum Thema Digitalisierung daraufhin erreichen, lassen mich das Papierheft wieder aus dem Regal holen, ein paar Bücher und Websites auf einer (imaginären) Pinnwand platzieren und jetzt an einem linearen Text schreiben, der gewiss anders aussieht – je nachdem, ob ich ihn mit meiner alten Adlerschreibmaschine zu Papier bringe oder auf einem Computer. Und damit, dass Sie als Leserin das nicht wissen, wie mein Schreibprozess aussieht, müssen Sie umgehen. Leben ist heute gleichzeitig, mixed-cultural, cross-medial und unübersichtlich. Wer demgegenüber einsiedelt, tut dies auf Kosten derer, die es nicht tun.
Analoges und digitales Leben sind unauflöslich miteinander verschränkt. Digitalisiert lebt nicht erst, wer einen sprechenden Kühlschrank hat, ein drittes Auge auf der Stirn oder sein Bild der Welt aus Twitternachrichten konfiguriert. Der Digitalisierung können Menschen in Westeuropa sich ebenso wenig entziehen wie der Industrialisierung, der Marktwirtschaft, der Neuzeit, der Aufklärung. Und sei es, durch Negation.

Definitorische Diffusion

Digitalisierung wird im „Leben auf Wolke sieben“ – und natürlich nicht nur dort – als Angstbegriff gehandelt. Dies könnte in einer begrifflichen Unschärfe begründet sein, die dazu führt, dass Menschen, die von „Digitalisierung“ sprechen, mindestens zwei verschiedene Phänomene damit bezeichnen: Zum einen geht es um die zunehmende Verwendung von Computertechnik in allen Bereichen des Lebens. Zum anderen ist aber auch im Blick, dass sich analoge „Dinge“ in Digitales „verwandeln“. Der erste Horizont ist quantitativer Natur: „immer mehr Computer“. Der zweite Horizont ist primär philosophisch zu beschreiben: In gleichem verbirgt sich etwas Anderes, das möglicherweise nicht-intendierte Nebeneffekte mit sich bringt. Theologiegeschichtlich geschulte Blicke sehen auf die hochmittelalterlich entwickelten Vorstellungen von Konsubstantiation und Transsubstantiation und die damit verbundene Nähe zur Sakramentenlehre. Klar ist: Es „geschieht“ etwas, und im Zweifel weiß keiner, wie. Und davon immer mehr. Und das macht Menschen Angst. Und wie immer gilt: Klarheit klärt auf. Klarheit entmythologisiert. Wer einen diffusen Digitalisierungsbegriff in die Debatte einbringt, setzt sich einem Ideologieverdacht aus. Man wird der Doppelstrategie des Phänomens nicht entkommen können. Aber man sollte sich ihrer bewusst sein.

Was zur Debatte motiviert

Es ist (zu) mühsam, im Einzelnen zu zeigen, inwiefern die Argumente derer, deren Vorbehalte gegenüber den unaufhaltsamen Entwicklungen unserer Gesellschaft ihnen gewichtig erscheinen, solche sind, die unabhängig von Digitalisierung für jede technische Innovation der Neuzeit gelten. Diese Einwände sind inzwischen populärwissenschaftlich: Dass eine Innovation eben nicht nur das Verhalten von Menschen tangiere, sondern ihre Persönlichkeit. Dass eine flachere Hierarchisierung mit Heilsutopien verknüpft werde. Dass technische Innovation zu Massenarbeitslosigkeit führe – um nur einige Beispiele zu nennen.

Mich beschäftigt die Frage, ob uns die Spaltung der (innerkirchlichen) Diskussion in die vehemente Digitalisierungsskeptiker und –befürworter nicht mehr schadet als nutzt. Verhält es sich nicht vielmehr so, dass theologiegeschichtlich mit zuverlässiger Regelmäßigkeit auftretende Dichotomien von kulturpessimistischen Haltungen und Positionen des liberalen Kulturprotestantismus am neuen Beispiel aktualisiert werden? Und natürlich werden manche sagen: Nein, DAS sei ja nun etwas ganz Anderes. Aber das dürfte doch wohl jede Generation von den Innovationen ihrer Zeit gedacht haben. Und ich schreibe ein paar lose Zeilen, weil mir zu denken gibt, dass jemand in der Diskussion darauf verweist, dass die Potentiale der Digitalisierung überwiegend als behauptete Folie der Gegenargumente genannt werden. Interessant ist mir, dass der Artikel selbst genau so rezipiert wird, wie es meinem Erleben des Themas entspricht: Auf der einen Seite gerät er in den Strudel dessen, was er selbst beschreibt. Auf der anderen Seite wird er von denen gelesen, die sich mails ausdrucken lassen, um sie zu bearbeiten und am gleichen Tag im Supermarkt fleißig Paybackpunkte sammeln. Allseitig verfestigen sich Klischees. Ich kann mit diesem Text wenig mehr als den Wunsch adressieren, dass wir konstruktiver mit den Herausforderungen unserer Zeit umgehen. Dazu geht es mir darum, einen Moment innezuhalten und zu klären, welche grundsätzlichen theologischen Fragen in der Debatte aufgeworfen sind und welche offenen Fragen sich beispielsweise für das Handeln der Kirche daraus ergeben.

Wer entscheidet was?

Wir sind mit der Welt konfrontiert, in der wir leben und wir sind ein Teil von ihr. Das haben wir selbst nicht entschieden. Digitalisierung ist darin ein schleichender Prozess. Das hat in erster Linie technische Gründe – so, wie sich technologisches Know-How entwickelt, schreiten auch die Anwendungen fort. Das bedeutet auch, dass sich die Lebensbereiche, die betroffen sind, ausweiten. Digitalisierung ist pervasiv, durchdringt also (nach und nach) alle Lebensbereiche. Dieses Phänomen weckt offensichtlich allein aufgrund seiner Wirkweise in Menschen die Vorstellung, es sei eine Macht am Werke, die sich Herrschaft sichern wolle, indem sie verborgen, aber stetig expandiere. Das Bild ist: Es gibt einen Plan, den ich nicht kenne und dem ich ausgeliefert bin. Wer das für sich gelten lässt, erlebt sich mit dieser Haltung in steter Konkurrenz zu seinen eigenen Autonomieansprüchen. Mit zunehmender Digitalisierung könnte sich folglich der Verdacht erhärten, dass ich mir selbst gar nicht mehr so sicher bin, das Subjekt der Entscheidungen zu sein, die traditionellerweise mir selbst zugeschrieben werden. Besonders deutlich wird dies etwa bei der Frage, welche Wirkung personalisierte Werbung am Rande von Kontenbereichen von Onlinewarenhäusern oder Pinnwandseiten hat. Freilich gilt dies allein unter den erwähnten Vorannahmen – es ist keineswegs zwangsläufig, dass Menschen ihre Entscheidungshoheit verlieren, wenn ihre Welt sich zunehmend digitalisiert. Mit der Zunahme an Entscheidungsmöglichkeiten und Optionen kann genauso gut auch ein Gewinn an Entscheidungsfreiheit einhergehen.

Neben das Bild eines Mechanismus der Durchdringung entwickelt sich eine – mehr oder minder – subtile Koalition von biologischen und maschinellen Prozessen, die ineinandergreifen. Die Digitalisierungsforschung nennt dieses Phänomen „ambient intelligence“. Implantate, Brillen und Herzschrittmacher sind in unserer Gesellschaft als solche völlig akzeptiert. Die Bewertung leistungssteigernder Prothesen, Mikrochips oder zusätzlicher Wahrnehmungsorgane (wie dem „dritten Auge“) ist umstritten. Im erweiterten Personbereich mobiler Endgeräte ist gelegentlich unklar, wer im Blick auf eine Entscheidung auf wen einwirkt. Damit stellt sich die Frage, ob nicht die Unterscheidung von Subjekt und Objekt oder auch: „Ding“ unter heutigen Wahrnehmungsbedingungen unterkomplex ist. Weitergedacht werden sollte (das kann an dieser Stelle nur angedeutet werden, beschäftigt mich aber an vielen Punkten) der sozialphilosophische Ansatz von Bruno Latour, in dessen Akteur-Netzwerk-Theorie der Unterschied von Subjekt und Objekt verschwindet und „Dingen“ konsequenterweise ethische Handlungsfähigkeit zugeschrieben ist. Demnach „werden“ Dinge nicht durch irgendetwas zu Akteuren, sondern sie sind es bereits. Es geht mir hier zunächst weniger um die technikphilosophischen Folgen dieser Annahme, als um die grundlegende Sicht, dass Dinge und Personen sich wechselseitig zueinander instaurativ verhalten können und einander entscheidend beeinflussen können. Die Zunahme an erlebter Komplexität kann insofern zu der Annahme veranlassen, Menschen verlören an Selbstbestimmung, weil sie sich Einflüssen aussetzten, die anders vorgeben zu sein als sie tatsächlich sind. Ein analysierender Schritt zurück in philosophischem Erkenntnisinteresse macht dann deutlich, dass es sich dabei um eine Frage handelt, die nicht spezifisch durch Digitalisierung hervorgerufen ist. Ängste mag dies dadurch auslösen, als Menschen durch eine Zunahme ethischer Handlungssubjekte einen Verlust an individueller Selbststeuerung in einem gesellschaftlichen Milieu erleben, das auf Selbstwirksamkeit wert legt. Hier zeigt sich, dass Digitalisierung primär – so mein Vorschlag – Themen der Anthropologie aufruft.

Schließlich ist der Umstand zu bedenken, dass mit zunehmender Digitalisierung ihre Symbole immer mehr verschwinden. In einem vielbeachteten Essay formulierte Mark Weiser bereits 1991, dass der technologische Fortschritt das Computergerät zum Verschwinden bringen würde, weil er allgegenwärtig sein würde. (The Computer for the 21st Century, Scientific American 265, 1991, S. 94–104). Digitalisierung wird perspektivisch ubiquitär und damit eine Größe, der es unmöglich ist, sich zu entziehen. Damit wird sie selbst unsichtbar, weil es keine abgegrenzten Zeichen ihrer selbst gibt. Sie wird zum Gegenstand von „Glauben“. Das primäre Thema der Digitalisierung ist insofern weniger die (alte) Befürchtung, Maschinen nähmen Menschen die Arbeit weg, sondern die unübersichtliche Gemengelage von Entscheidung und Verantwortung in Hybridformen von Mensch und Maschine. Die Verlagerung auf bekannte, aber letztlich ungeklärte Fragestellungen trägt dazu bei, dass anthropologische und ethische Herausforderungen eher unklar werden und schürt damit Ängste. Gleiches gilt für Themen wie Filterbubble, Crossmedialität, Erstellung gezielter Profile oder den vermuteten Verlust an Selbstbestimmung. All dies ist im Grundsatz nicht notwendig mit dem Thema Digitalisierung verbunden, wird dadurch aber teilweise offensichtlicher bzw. entwickelt sich schneller, zum Teil unabsehbarer, als wir dies bislang gewohnt sind. Das gilt auch für Meinungsbildungsprozesse, die unter dem Stichwort „Empörungsdemokratie“ Einfluss auf politische Willensbildung nehmen. Einstellungen, die ohnehin eigenen Dynamiken unterliegen – beispielsweise Hass und Spott – nehmen unkalkulierbar an Fahrt auf. Dass eine leise Mehrheit des Abwägenden weniger gesehen wird, gilt dann um so mehr. Ob man allerdings durch das, was „wirklich wahr“ ist, überzeugen und Haltungen messbar verändern kann, bleibt fraglich.

Intuitive Reaktionen wie etwa Daten „mit Verfallsdatum“ wie etwa Snapchat als Reaktion auf das Nie-vergessende-Internet zeigen menschliche Sehnsucht nach Vergebung und unbelastetem Neu-Anfang an. Auch in prädigitalen Zeiten war dies eine Sehnsucht, die nicht jedem vergönnt war, erfüllt zu sein. Es ist eher das Gefühl des fernen, unbestimmten Ortes, an dem Daten sich sammeln, der Menschen ängstigt, als das Phänomen an sich, das sich grundsätzlich „in jedem Tante-Emma-Laden ereignen“ kann.

Ein Mythos am Rande

Der Wissenschaftsjournalist Marcel Hänggi hat die verbreitete Rede entlarven können, dass durch technische Innovationen Zeit gespart werde. In in 2015 veröffentlichten Einzelstudien konnte er zeigen, dass sich dies für eine Vielzahl von Erfindungen empirisch nicht verifizieren lässt (Fortschrittsgeschichten. Für einen guten Umgang mit Technik, Frankfurt am Main 2015). Deshalb erscheint mir fraglich, ob eine veränderte Einstellung zur Zeit tatsächlich angemessen auf die Herausforderungen reagiert, die sich uns mit der Digitalisierung stellen (ähnliches ließe sich auch für das Stichwort „Präsenz“ zeigen – wenn damit mehr gemeint ist, als das alltagssprachliche „Ich-bin-mir-bewusst- dass-ich- ‚hier‘- bin“, dann würde es geradezu zur Transzendentalisierung des Ichs oder der digitalen Welt beitragen – auch christlicher Sicht ein dramatischer Kategorienfehler!). Präsenz bezieht sich klassischerweise auf eine transzendentale Größe, die für die Verlässlichkeit einer Ordnung steht, in der jede Veränderung negativ bewertet werden muss. Jede flüchtige, liquide Struktur der Gegenwart bekommt dadurch einen Makel. Der Ruf nach Sicherheit kann im Kontext von Digitalisierungsdebatten folglich nicht mit dem Hinweis auf Zeitverständnis und Präsenz hinreichend beantwortet werden.

Ein Beispiel

Für die Konkretisierung aller drei Aspekte (Durchdringung, Mensch/ Maschine, Allgegenwart) eignet sich das im Artikel erwähnte Beispiel der “Hello Barbie” gut, weil seine Entwicklung zeigt, welche Aspekte von Smart Toys – also Spielzeug, das sich mit dem Internet verbinden kann – als so kritisch angesehen werden, dass sich die Gesellschaft eine rechtliche Selbstreglementierung auferlegt. Es ist dies keineswegs die Datenaufzeichnung schlechthin, sondern eben ausschließlich jene, die ohne explizite Einwilligung der Spieler/ der Beteiligten geschieht: Im Rechtsverständnis unseres Staates ist das autonome, entscheidungsfähige Subjekt vorausgesetzt. Deshalb sind auch nur all jene Puppen vom Markt genommen worden, die ihre Umwelt schlicht immer und damit ggf. „heimlich“, also ohne Zustimmung des Nutzers datentechnisch verarbeiten. Dieses Argument ist deshalb kritisch, weil man ja genauso gut argumentieren könnte, dass der Nutzer nicht erst mit der Betätigung eines Einschaltsknopfes zustimmt, sondern dies bereits schon mit dem Kauf tut bzw. damit, eine solche Puppe/ ein solches „Ding“ in seinem Nahbereich zu dulden. Offensichtlich wird aber die Zeitnähe von Zustimmung und Ereignis als ethisch relevant und damit ausschlaggebend für die rechtliche Bewertung angesehen. Das bedeutet in einem weiteren Kontext, dass die Digitalisierung – permanent durchdringend, den Menschen konfrontierend und in allen Lebensbereichen präsent – den Einzelnen in ständige Entscheidungssituationen bringt. Damit ist sie im Sinne Latours selbst instaurativ. Mit Recht kann eine Gesellschaft für sich sagen, dass sie dies regulieren möchte (unabhängig davon, ob das faktisch gelingt). Wer sich dem aber völlig entzieht, spielt denen in die Hände, die aus ökonomischen Gründen Angst vor Regulierung des digitalen Marktes haben. Das gilt hier genauso wie auf analogen Märkten.

Wer gewinnt?

Die vorhergehenden Erläuterungen verdeutlichen: Es gewinnt, wer entscheidungsfähig ist und unter digitalisierten Bedingungen auch bleibt. „Bildung aus dem Netz“ (Krückeberg, 206) ist nicht notwendig „Schlagwortwissen“, die analytisches Denken verdrängt. Wohl aber habe ich zu entscheiden, wie ich mit Wissen umgehe – das gilt digital genauso wie analog. Minimalistische Eliten oder solche mit „Retro-Chic“ bilden sich analog wie digital. Gleichwohl zeigt sich, dass sich bestimmte Wahlmöglichkeiten, digital teilzuhaben oder eben nicht, nur privilegierten Gruppen nahelegen: Ob ich perspektivisch darauf verzichten kann, mein digitales Portfolio so zu pflegen, dass es ökonomisch möglichst vorteilhaft ist, ist eine Frage von Know-How und Wohlstand. Gesellschaftlicher Ausstieg ist immer ein Elitenprivileg. Umgekehrt ermöglicht Digitalisierung Teilhabe, vor allem in analog-infrastrukturell schwachen Gebieten oder dort, wo große geografische Entfernungen zu überbrücken sind.

Was sollen wir tun?

Die antiken Gelehrten stritten darüber, was sich eigentlich hinter Wolke Sieben befindet. Manche sagten: Dort ist das Paradies. Andere sagten: Dort ist das Nichts. Und über Beides kann man trefflich streiten – bis heute. Und sich an der Grenze von bekannter und unbekannter Welt darin verlieren, was wohl an einem anderen Ort der Fall ist. Digitalisierungsphänomene werden auffällig häufig raummetaphorisch beschrieben. Die Rede vom #neuland der Netzwelt hat sich der Diskussion terminologisch eingebrannt. In fundamentalistischer Perspektive wird vom ‚Feindesland‘ gesprochen. Das erscheint mir im Kontext von Kirche eine problematische Redeweise zu sein, weil es all jene kränkt, die mit den Möglichkeiten der digitalisierten Welt das Evangelium dort – jenseits vieler Komfortzonen und all den Mechanismen der Digitalisierung ausgesetzt – verkündigen, wo es nicht bei rotem Tee und Gummibaumpflanzen gehört wird. Und Mancher, der selbst sehr profitiert, wähnt sich im Gelobten Land.

Die Frage ist aber doch, wie wir es gemeinsam dort aushalten, wo wir sind: Auf der Grenze. Wie wir es aushalten zwischen Paradies und Nichts, bestenfalls gemeinsam gestaltend. Wie Menschen instand gesetzt werden, Entscheidungen begründet zu treffen, ohne in Strudel zu geraten oder naiven Vorschlägen zu folgen, die ökonomischen Paradigmen immer mehr Macht geben. Das sind gesellschaftliche Fragen. Es sind aber auch kirchentheoretische Fragen. Denn wie wollen und können wir unter diesen Bedingungen Kirche sein? Angesichts dessen, dass die meisten Menschen nicht nur ihr Wissen über Religion, Theologie und Spiritualität digital erwerben, sondern dort auch religiös leben. Es entstehen völlig neue Netze diakonischen Handelns und kommunitären Lebens. Pfarramtliches Handeln kann stärker themenbezogen kollaborativ stattfinden. Diese Möglichkeit kommt den gegenwärtigen demographischen Entwicklungen ausgesprochen entgegen! Menschen beten, die es nie gelernt haben. Menschen stellen Fragen, für die sie sonst keine Adressaten finden. Sie besuchen Friedhöfe und zünden Kerzen an, obwohl sie das Haus nicht verlassen können. Es entstehen Räume von Seelsorge, die selbstverständlich ihre eigenen Schutzmechanismen definieren. Kirche in der Fläche bekommt ungeahnte Möglichkeiten. Die Reichweite ist häufig groß, größer als gewohnt, und nicht notwendig flacher. Wir können sie nicht übersehen und deshalb trefflich darüber streiten. Wir sollten es nicht tun. Sondern die unübersichtliche Situation zur Grundlagenbesinnung nutzen: Was sagen wir (christlicherseits) über den Menschen in diffusen Lagen? Was wissen wir über Gottes Handeln angesichts der Schöpfung selbst als Subjekt je und je? Wie denken wir heute Redefiguren, die angesichts heutiger Bildwelten völlig neu an Relevanz gewinnen – wie etwa die der Perichorese, der Durchdringung? Was bedeutet Sakramentalität auf dieser Grenze? Wie denken wir die Virtualität, die in der Liturgie traditionell zur Sprache kommt?
Wenn es nicht stimmt, dass es eine „abgeschlossene, homogene Lebenswelt“ der Kirche gibt, und die Kirche sich (daneben?) „in Vorstellungen und Gefühlen der … Individuen (konstituiert)“, die Kirche demnach keine Konstruktionsleistung des Einzelnen ist, sondern sich aus transzendental Gegebenem – religiös gesprochen: Gott – ergibt, dann gilt es, diese Grundsatzfragen angesichts digitaler Welten neu sprachlich auseinanderzusetzen. Das ist weit mehr, als christlichen content zu generieren, und zu zeigen und Kontaktflächen zu bieten. Das ist freilich schon viel. Und doch sollte Menschen wohl auch eine Hilfe gegeben angeboten sein zu entscheiden, wie sie – aus Sicht eines christlichen Weltverständnisses und Menschenbildes – wahrnehmen und verstehen, was sie ohnehin erleben.

Fotocredit: TheRegister