Fünfte Jahreszeit.

 

Fünf #Dinge.

 

Theaterschminke kaufen. Zum Gebrauch. #wirallespielenRollen

Kinder verkleiden. #allesaußerWaffen

Kreppeln backen. Notfalls: lassen.

Rheinländer_innen entfolgen. #vorübergehend

Asyl gewähren. Verfolgten und Clowns. #Regelnbrechen

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Januargezwitscher gegen Winterschlaf, am 28. Januar 2018 gehört  

Derzeit experimentiere ich damit, welche Schreibstrategien, die literaturwissenschaftlich dezidiert mit Digitalisierungsbedingungen rechnen, sich für die Erarbeitung von Predigten eignen könnten. Da entsteht so Einiges. Unter anderem auch ein bisschen „Digitalisierte Homiletik“.

 

Der Livestream startet selbständig.

Ein Wahnsinniger, der zu Atheisten predigt – Tanzmariechen mit Versagensangst.

Ich werde oft gefragt, nach welcher Methode und wie lange ich eine Predigt vorbereite. Ich glaube viel entscheidender ist die Einstellung bei der Vorbereitung.

Er geht zu den Flüssen und predigt den Fischen. @… predigt es ja schon lange, aber auch ich muss zugeben, dass man da echt viel lernt. Raus aus der Komfortzone. Negative Worte haben negative Auswirkungen. Was kann ich bewirken, der Wasser predigt und Cocktails säuft – in meiner unmittelbaren Umgebung, im Zusammenleben in der Familie, bei der Arbeit, in der Kirche?

Was von gestern, legendär: Er predigt allen Ernstes, Frauen, die Parfum benutzen, sollen 100 Peitschenhiebe bekommen. Männer sollen im Sommer zuhause bleiben.

Eine Predigt vom Leichtesten der Welt. kenne eine aus meiner berufsschule die mich jetzt hasst weil ich ihr ne predigt darüber gehalten habe dass sie mit dem hund so kaum beschäftigt/ klar sie kuschelt und hund ist heilig/ das ist einfach keine erziehung.

Mindestens acht Stunden investieren. In voller Länge. Es gibt doch viele Länder, in denen sogar die Regierung sowas predigt. Eine ganze Bibliothek zur Vorbereitung für die Predigt am Sonntag. Niemand will angeschrien werden.

Der wahrhaft Edle predigt nicht, was er tut, bevor er nicht getan hat, was er predigt. Konfuzius. Er predigt noch immer täglich. Und der Herr wir (!) durch uns bei der Predigt sprechen. (icon: brennende Kerze).

Bist du von Neuem geboren? Dann noch eine Predigt zum Hohelied. Neu, frei, leider noch keine Rückmeldungen. #waspfarrersomachen

Bei meiner Predigt, die heute im Seminar halten musste, hab ich mich das gefragt: Ob ich das wirklich glaube, was ich da erzähle.

Im Namen des heiligen Geistes. Bartimäus hatte ein Ziel. Welches Ziel hast Du?

Endlich netflix während der Predigt. Predigt und die dazu passenden Linktipps.

Gott: Wer zum Dienst an mir predigt, darf auch auf dem CSD tanzen.

Die komplette Predigt gibt es auf jeden Fall auch auf dem YouTube-Kanal des Bistums.

Kollekte: Bergedorfer Suppentopf.

Auf der Grenze von Leben und Tod steht ein Teller Erbsensuppe.

Für Vikarinnen und Vikare,

Mentoren und Mentorinnen,

Kurswoche „Bestattung“ –

Januar 2018.

 

Auf der Grenze von Leben und Tod steht ein Teller Erbsensuppe.

„Sie waren eben doch schon mal da“, sagt sie, ganz ohne Verwunderung, und ich nicke.

Manchmal braucht es einen Anlauf für‘s Grenzgängerische.

Kneipen an Friedhöfen in Großstädten sind Transitorte. Schnittstellen zwischen dem geschäftigen Leben da Draußen und der stillen Welt dort drinnen, hinter den Mauern. Umfriedete Welt.

Tische für 4 und 6 und 20 und für Dich allein.

Tischdecken in früher-war’s-mal-altrosa. In die Jahre gekommen, aber gepflegt. Goldglänzendes Mitteldeckchen, sorgsam ausgestrichen.

Darauf: Vollgetropfter Kerzenständer, Stabkerze weiß, zweidrittel abgebrannt.

Zuckerstreuer, Modell „Süßer Heinrich“, eine kurhessische Erfindung übrigens, aber das tut gar nichts zur Sache. Hier ist internationale Zone, Asylort.

Ein Ort für Grenzgänger und Aus-der-Welt-Gefallene. Sorgsam Sortiertes in Setzkästchen, gekämmte Hündchen und eine Speisekarte, wie Oma sie wohl hätte schreiben können: Toast Hawaii, Strammer Max, Milchreis mit Zimt und -.

Zuckerstreuer also, Glasväschen – 3 Nelken: 2 weiß, eine rot.

Brauereikühlschrank, gleichmäßig wummernd. Kalter Rauch.

Hier wird viel gesessen, viel Kaffee getrunken, viel geweint, viel geraucht.

An der Grenze von Leben und Tod, da steht sie mit kalt-rauchiger Stimme und nelkenrotem Rollkragenpullunder.

„Schnitzel ist aber aus“, sagt sie. Ich setze mich trotzdem.

An der Grenze von Leben und Tod hat jede ihren Platz:

Du schließt jemandem die Augen.

Dir schließt jemand die Augen. Dermaleinst.

Einer öffnet das Fenster.

Einer verhängt Spiegel und Bildschirme.

Und wir stehen auf und in dieser Grenze.

Statistisch betrachtet öffentlich 27 Mal pro Jahr in Kurhessen-Waldeck.

Und faktisch doch so viel öfter.

Menschen trauen uns Grenzfähigkeit zu.

Dass wir da sind.

Dass wir sprechen.

Und immer stehst Du ja auch selbst auf dieser Grenze.

Immer auch ein bisschen letztes Hemd an, und sei es, mit dem Cocktailglas in der Hand.

Und wenn es Taschen hätte – so wie wir es in dieser Woche gesehen haben -, was wohl drin wäre?

Wir nehmen mit.

Am Anfang des Jahres für das Ende des Lebens.

Das Ende des Lebens so vieler Menschen, die wir zum Grabe begleiten werden. In den verbleibenden Monaten des Gemeindevikariats, in den aufregenden ersten Amtswochen, in zusammengerechnet vielen, vielen Dienstjahren.

Es ist immer eine, um die es geht. Ein Leben, das nie vollständig übersehen sein kann. Ungeahnte Schätze und unabsehbare Abgründe. Es ist immer ein Leben. Und es ist immer auch mein Leben.

An der Grenze von Leben und Tod.

Da steht ein Teller mit Erbsensuppe. Nimm und iss, Du hast einen weiten Weg vor Dir.

So hören wir es mit den Worten unserer Tradition.

Ich nehme und esse und gehe.

So soll es auch für Euch sein: Nehmt. Esst. Geht. Und leben Sie wohl.

„What you see is what you see.“

Predigt zur Ingebrauchnahme eines neuen weißen Antependiums in der evangelischen Kirche Unshausen am 21. Januar 2018. 

Predigttext: Apk 1, 9-19 (Letzter S. n.Ep.) – die verwendete Übersetzung von Walter Jens steht am Ende dieses Textes.

 

  1. Insulär

Johannes ist auf einer Insel. Manche von uns sind das gelegentlich auch – in den Ferien, vielleicht öfter im Sommer, wenn die Tage und die Sonnenuntergänge tiefrot sind, als jetzt, in diesen kalten, schneenassweißen Wintertagen. Ein umgrenzter Raum, mit diesem Gefühl, das vielleicht mancher in den eigenen vier Wänden, auf dem eigenen Grundstück, in Eurem eigenen Zimmer hat: Hier ist alles geordnet. Hier kenne ich meine Welt. Und: Ein abgegrenzter Raum. Ich kann nicht so einfach weg. Ich brauche dafür die Hilfe Anderer: ein Schiff, ein Flugzeug, ausgesetzt den Unwägsamkeiten des Lebensmeeres.

Weshalb Johannes da ist, ist bewusst in der Schwebe gehalten: ob er auf die Insel musste, weil sie ihm ein sicherer Ort vor Verfolgung war. Oder ob er hinkam, um dort seinem Auftrag, das Evangelium zu verkündigen, gerecht zu werden. Das bleibt offen.

Unsere Kirchen sind Inseln. Sie sind uns sicherer Ort. Und wir suchen Worte für unseren Glauben hier.

Kleine Inseln sind üblicherweise keine Orte, an den Politik gemacht wird. Patmos ist klein. Mitten im Meer, fern von altem Siedlungsgebiet, wo die wohnen, die als ein bisschen wunderlich gelten, fern von allen Orten bisheriger Geschichte.

Auf kleine Kirchen richten sich üblicherweise nicht die Scheinwerfer der Weltgeschichte. Hier sind es unsere kleinen Lebensgeschichten, die Raum haben. Raum, der der Bedrängnis des Meeres trotzt.

 

  1. Gott ist da

Und Gott ist genau hier. Auf dieser kleinen Insel. In diesem kleinen Stall. In kleinen Kirchen. Gott lässt sich hören. Gott lässt sich sehen. Gott lässt sich erneut hören. Und Gott gibt einen Auftrag. Wir haben heute nochmal eine Weihnachtsgeschichte gehört. Sie hat nicht all diese Dinge, die aus der damaligen Alltagswelt kamen: Die Hirten und die Schafe und die Futterkrippe und die lästigen Formulare der Steuerzählung. Eine schwangere Frau, viel Beschwernis, weite Wege, Unbarmherzigkeit, ein Säugling, blutverschmiert und schreiend. Gott kommt in die Welt.

In der Johannesoffenbarung: Gott kommt von außen. Mit Worten, die sonst nicht gesagt werden: Menschensohngleicher. Dingen, die wir sonst nicht verwenden: Goldene Leuchter, die keine Lichter benötigen, weil Gott selbst die Welt hell macht. Strahlend weiß, wie schimmernde Wolle, nein, heller noch: wie Schnee! Auf der kleinen Insel.

Johannes dreht sich danach um. Alle richten ihren Blick auf das, was dort ist. Von oben her, vom Himmel.

 

  1. Du kannst Dich nicht entziehen

Es gibt doch diese Dinge, denen ich mich nicht entziehen kann. Wenn Du lächelst. Diese Menschen, die Du liebst, und weißt vielleicht gar nicht, weshalb eigentlich. Das weinende Kind. Im Herbst war ich mit einem Kurs angehender Pfarrerinnen und Pfarrer in Rom – wir wussten so viel über die großen Bauwerke in dieser Stadt – und konnten uns ihrer Faszination doch nicht entziehen. Und das nicht, weil sie unvorstellbar alt und unvorstellbar groß sind. Wenn die Sonne durch die Blätter scheint und Lichtstrahlen so richtig sichtbar werden. Was das Wasser trägt. Es gibt diese Dinge, denen Du Dich nicht entziehen kannst.

Wen suchst du eigentlich?, wird sie am Grab gefragt. Sie heißt Maria. Aber auch Du könntest es sein. Jesus nennt sie beim Namen – sie dreht sich um. Ich höre meinen Namen – und drehe mich um.

Wir bestimmen viel weniger im Leben selbst, als es uns das glauben machen will. Gottes Geist erfasst von außen. Wir hingegen sind nie anders als in uns. Deshalb ist dieses Außen für uns etwas, was immer auch geheimnisvoll bleibt. Wie die Wahrheit, die Liebe, der Glauben. Dieses, was so bedeutsam in mein kleines Leben eingreift und wofür wir ganz große Worte brauchen oder lange Geschichten.

 

  1. Neue Worte

Unsagbar. Geheimnisvoll. „The aim of music is silence“ [Kasimir Malewisch] – das Ziel der Musik ist Stille. Das Ziel ist… Stille, Schweigen, das, was Deine Lebensleinwand von hinten bescheint und prägt.

Hintergründig, wofür hier Worte gefunden worden. Mächtige Worte, für ein Kind in der Krippe. Menschensohngleicher. Chalkolibanon. Worte, die wir sonst nicht kennen. Dem Alltag unbekannt, entzogen. Schneeweiß – an einem Ort, an dem nie Schnee fällt, Patmos, Insel in der Ägäis. Flammenlodernde Augen und erzglühende, goldfarbene Füße, wassergewaltig-brandungsdröhnende Stimme. Hände sternenvoll und doppelschneidigschwerterner Mund. Riesige Bilder, irgendwo draußen auf dieser Insel. Riesig, weil es bedeutsam, entscheidend wird für das, was sein wird. Am nächsten Tag, in den nächsten Wochen, in diesem Jahr. Vorsatzprägend, vielleicht.

 

  1. Außeralltäglichweiß

Kaum Alltagsgegenstände, die wirklich weiß sind. Reinweiße Tischdecken und Goldrandgeschirr für die Festtage. Marmor, der dem Weißen die Illusion nimmt, leicht zu sein (Danke, Michael Duchamps, für „Why not sneeze?“). Würfelzucker – das war früher mal. Und die Braut „ganz in weiß“, mit der Magie, dass der schönste Tag des Lebens doch für ein schönes Leben sorgen solle. Weiß ist rein und sauber und keimfrei – Krankenhaus. Kaum einer, der sagt: Weiß ist meine Lieblingsfarbe. Nüchtern, rein, asketisch, nichts, leer, unendlich, kalt, glatt, minimalistisch. Weiße Leinwand – das, womit alles beginnt. „What you see, is what you see“ [Rynan]. Du siehst, was Du siehst. Auf Weiß ist alles möglich. Alles kann noch werden.

Ich habe mal eine Leinwand vor ein Altarkreuz gestellt. Die Menschen haben es umso deutlicher gesehen – wie es so verborgen war. Und zugleich war klar: Es braucht auch noch etwas, was auf die Leinwand kommt: ein Bild, ein Film, eine Idee. Es ist ein Zwischen.

Ihr habt ein neues Altartuch, ein Antependium, sagen wir. Vor-Hang. Es liegt auf dem Altar. Wie ein Tischtuch. Und doch nur zum Teil. Klar, kann man sagen: „Es macht unsere Kirche schöner“. Und das ist ja auch so. Aber eigentlich hat es keine Funktion. Es ist nur so da. Um seiner selbst willen. Es zeigt genau dies an: An Gott ist etwas verborgen. Wir sehen es nun um so besser. Und es will etwas weitergeschrieben werden. Wie auf weißem Papier, einem leeren Blatt. Es ist um der Worte willen da. Es ist fein, es ist wertvoll und vermutlich ist es schwer zu reinigen. Es entspricht nicht der Logik unserer Welt: Wozu brauche ich das? Hauptsache: billig. Hauptsache: bügelfrei. Es kommt aus einer anderen Welt. Von außen.

 

  1. Stern

 

Ein Stern huscht am Rande. Eben war er noch ganz da, jetzt siehst Du ihm noch hinterher. In der Vision des Johannes hat Christus sieben Sterne in der Hand. Die Antiken dachten: Sterne haben Einfluss auf das Leben. So horoskopmäßig. Sterne wiesen Magiern den Weg nach Bethlehem. Es dürfte eine sternenklare Nacht gewesen sein. Der Stern auf Eurem reinweißen Antependium sagt auch: Gott macht die Welt nicht gleißendhell, leuchtet sie nicht krankenhausmäßig aus. Sterne sieht man eigentlich nur im Dunkeln gut. Im richtig Dunkeln. Doch Gott will auch im Dunkeln wohnen. Euer neues Antependium zeigt zwei Dinge gleichzeitig, die man eigentlich nicht gleichzeitig sehen kann: Licht und Sterne.  Gott schafft beides. Am Anfang der Zeit: Das Licht. Und siehe, es war sehr gut. Und jetzt: Schickt Sterne, die Dir Orientierung geben. Menschen, die ein Wort sagen. Ein Gottesdienst, der Dich berührt. Eine Hand, die Dir genau zum richtigen Zeitpunkt aufhilft. Gottes Welt ist hell und sternenklar zugleich. Gott kann die Sterne in der Hand halten und Dir zugleich diese Hand auflegen. So sieht es Johannes auf Patmos.

Zugleich Licht und Sterne.

Zugleich die Welt in der Hand und Dir die Hand zum Segen aufgelegt.

 

  1. Dass auch nicht nur Eines fehlet

Gott hält die Sterne in der Hand. Und diese Hand legt er Dir zugleich zum Segen auf. „Hab keine Furcht. Ich bin der Erste und der Letzte. Der Lebendige bin ich. Ich war tot, aber jetzt – schau mich an – lebe ich wieder – von Ewigkeit zu Ewigkeit. Die Todes- und Höllenschlüssel sind in meiner Hand.“

Große Welt. Kleine Geste. Gott wirkt beides. Dass der Boden nicht wankt unter den Füßen. Das Licht der Sonne zwischen den Blättern bricht und das Meer die Lebensinseln nicht überspült. Und er segnet Dich. Gottes Geist von außen. Beides ist Abglanz des Himmels. Und deshalb schön.

 

  1. Hier ist der Ort.

Hier ist der Ort, an dem das, was von Gott nicht abzubilden ist, einen Platz hat. Dort, im Dazwischen. Weiß. You see what you see. Du siehst, was Du siehst. Dort, am weißen feinen Tuch. Gottes Wort liegt drauf und ist darin. Brot und Wein werden darauf stehen. Und ja, es werden sich Krümel und Flecken einweben, vermutlich nicht heute, aber mit der Zeit. Gott legt auch dem die Hand zum Segen auf, dem sich durch die Zeiten Krümel und Flecke in den Lebenslauf eingebrannt haben. Und sieht Dich an und sagt: Hab keine Furcht. Ich bin der Erste und der Letzte. Sollte es wirklich so sein?

 

Es ist Sonntag. Eine kleine Kircheninsel mitten im Alltag. Patmosunshausen. Eine Stimme. Im Rücken. Schreib auf, was Du siehst. Und Weiß klingt wie ein Schweigen, das plötzlich verstanden werden kann (Wassily Kandinsky hat das so gesagt). Schreib auf! Was Du siehst, ist, was Du siehst. Es ist. Ich bin. Ich war tot, und ich lebe wieder. Sieh Dich danach um, nach diesem Unsagbaren. Schreib’s auf. Und schick es den Anderen.

 

  1. Schreiben und Teilen. Amen sagen. Ein Lied ansagen: ‚Gottes Wort ist wie Licht in der Nacht (EG [EKKW] 572)‘.

 

 

Predigttext (Übersetzung von Walter Jens):

 

Ich aber, Johannes, der, in der Gemeinschaft mit Jesus, Eure Trauer, Eure Hoffnung auf das Reich Gottes und Eure Standfestigkeit teilt: die Geduld der Menschen, die auf ihn warten: Ich, Euer Bruder, bin auf der Insel Patmos gewesen, in der Verbannung, weil ich Gottes Worte lehrte und Jesu Zeugnis vertraute.

Es war ein Sonntag, nach Sabbath, die Stunden des Herrn, aus ich auf einmal – entzückt und begeistert! Wie von Sinnen! Nicht bei mir! – die Stimme hörte, in meinem Rücken, lautdröhnend wie ein Posaune: Schreib auf, was Du siehst, schreib’s in ein Buch und schick es den sieben Gemeinden. Nach Ephesus schick es, nach Smyrna und nach Pergamon, nach Thyatira, nach Sardes, Philadelphia und Laodizea.

Als ich mich umwandte – welche Stimme sprach da mit mir? – sah ich, auf einmal, die sieben goldenen Leuchter und in ihrer Mitte den Menschen, bekleidet, bis zu den Füßen, mit einem langen Gewand und gegürtet, um den Leib, mit einem Goldreif. Sein Haupt und seine Haare: strahlend weiß und wie schimmernde Wolle, nein, heller noch: wie Schnee! Die Augen: lodernde Flammen, und seine Füße: glühendes, im Ofen zerschmelzendes Erz, funkelnd wie Gold. Und seine Stimme: brausend wie die gewaltigen Wasser und das Dröhnen der Brandung. Da! In seiner Rechten die Sterne: sieben! Und sein Mund: ein mächtiges, doppelschneidiges Schwert. Wie die Sonne, hoch im Zenit, ein strahlender Ball, so war sein Antlitz. Als ich ihn sah, warf ich mich nieder vor ihm, zu seinen Füßen – wie tot! Er aber legte die Rechte auf mich und sprach: Hab keine Furcht. Ich bin der Erste und der Letzte. Der Lebendige bin ich. Ich war tot, aber jetzt – schau mich an! – lebe ich wieder: von Ewigkeit zu Ewigkeit. Die Todes- und die Höllenschlüssel sind in meiner Hand.

 

 

Fotocredit: Alexandra Renner-Quanz

 

 

 

Zurück ist nicht hinter Dir

Zu Mt 2, 12

 

Ich trage Könige in den Taschen. Und niemand weiß es.

Sie ziehen auf einem anderen Weg in ihr Land.

 

Zurück.

 

Dahin, wo ihre Lieder gesungen werden.

Vor allem das, was Oma abends immer sang.

Der Wind, er trugs ins Tal hinab.

Guten Abend, gute Nacht,

säuselnd in den Traum.

Dahin, wo vertraute Gerüche an beschlagenen Fensterscheiben kleben,

direkt neben Prilblumen und Getreidekaffeerändern,

und die immergleichen Regeln als Gesetze der Welt gelten.

Zurück.

Und kein Weg dorthin.

Wohin Du gehst – dorthin gibt es keinen Weg.

 

Sie ziehen auf einem anderen Weg in ihr Land.

Als gäbe es…

Als ob…

In der Annahme, dass…

Dorthin,

wo die Herzen jünger

und weißpapierner sind,

wartend auf die Worte,

die Du auf Zeilen schreibst, die nur Du siehst.

 

Zurück.

 

„Zurück auf dem Marktplatz, wollte es mir nicht mehr gelingen, hinter den stolzen Giebeln der reichverzierten Bürgerhäuser jene modernen Bürger zu imaginieren, die am Abend im Ratskeller die Politik betrieben, sondern auch dort sah ich jetzt Sippen am Werk, die, unerbittlich aufeinander angewiesen, ebenso bigott wie glaubensvoll im asketischen Eifererschwarz in den heute leeren Kirchen sich versammelten.“ (Thomas Hettche)

 

Aus Furcht vor diesem falschen Zurück irrlichtere ich umher. Ich trage Könige in den Taschen. Und niemand weiß es. Sie suchen ihren Platz, versucht von goldglänzender Verpackung postmodernisierter Schmuddelstädte; Schranken in eine andere Welt, goldumwickelt Kaffee und Butter und italienischer Likör.

 

Sie tauschen Reste von Gold, Weihrauch und Myrrhe gegen Getreidekaffee, packpapierverpackte Butter und eine Flasche Schnaps, weil das Leben hart ist auf dieser Flucht zurück, verfolgt von Mächtigen, mit diesem Stern im Rücken, der immer nur schreit: Kehrt bloss nicht um! Zurück ist nicht hinter Dir.

 

Zurück.

 

Zurück auf Wasserstraßen,

langsam und beharrlich und fortwährend in die gleiche Richtung.

Chora – dieses Land, in das sie gehen, Vorzugswort für zentrale Orte auf griechischen Inseln. Unverbunden. Keine gemeinsame Kultur. Keine gemeinsame Sprache. Zentral insulär.

Unsichtbare Fahrrinnen für schwere Tanker.

Ozeanriesen.

Institutionen.

Leise, vorsichtige Wellen, die die, die am Ufer stehen, erreichen.

Dahin zurück geht‘s,

wo das Leben seinen Anfang nimmt,

verborgen und tief, subkutan rauschend berauscht.

Aus der Höhe beglänzt, schillernd,

Am Anfang geschaffen,

über Bösen und Guten,

ohne Unterschied,

ungetrennt, doch vermischt und verwandelt,
Licht vom Licht, Licht in alle Tiefe.

 

Seltsamerweise

entdeckten die Forscher in ihren Hamsterrädern des immergleichen Weckerklingelalltagstaktens neben Ratten, Fröschen und Mäusen auch einige Schnecken. Diese, vermuteten sie, hatten sich wohl verirrt. (Nochmal Th. Hettche, diesmal eher frei nachbuchstabiert).

 

Sie ziehen auf einem anderen Weg in ihr Land. Verirrt.

Sie haben sich wohl verirrt. Sie sind wohl verirrt worden. Vertrieben irr geworden.

Pfandstücke des guten Lebens schon längst aufgegeben.

Das Gold und den Weihrauch und die Myrrhe.

Wieso, weshalb, warum.

Allerweltdingeteuerung.

Kriegsleben.

So viele Rechte, die wohl nur Stärkere haben.

Am 20. am Monatslimit.

Haben Sie das schon beantragt?

Sie wissen doch, was Ihnen zusteht?

Be your own chairperson.

Zuhören ist einfach. Überleben ist schwer.

Leben auf Kredit. Am Limit.

Bitte geben Sie Ihre vierstellige PIN ein.

Im Bankschließfach, fest verschlossen mit schier unendlichen Zahlen- und Buchstabenkombinationen, die nur für Dich allein bestimmt sind.

Eine diese Kombinationen ist für Dich bestimmt.

Du hast drei Versuche.

Nahfeldkommunikation bis 25 Euro, wenn Du nicht allzu viel investierst.

Kabellose Kurzdistanz.

Bitte melden Sie sich in unserer Geschäftsstelle.

Leben überzogen.

Grenzen überschritten, Macht missachtet, nächtens umhergezogen und auch noch Sterne und Engel und Kinder gesehen.

Festumklammert zwischen Kleiderständern umhergezogen, mit großen Augen auf viel zu großen Stühlen sitzend, in Windeln gewickelt in einer Krippe liegend.

Sinnüberzug bis in beide Herzkammern hinein.

Ziehen Sie eine Nummer!

Haben Sie einen Termin?

Unterschreiben Sie hier:

 

Raus. Raus. Raus. Im Zweifel zurück.

Die Sehnsucht des Alles-auf-Anfang.

Gelehrte Leute irrlichtern durch die Welt.

Und kein Weg zurück zu Sternen, Engeln, Kindern.

 

Suchen Gewohntes.

Die Klänge, und die Dinge, von denen Du weißt, wie es geht.

Aufreißen und Aufschneiden und Aufschneidern und Umrühren.

Und Warten.

Niemand wird Dich aufrufen.

Du wirst wissen müssen, wann es an der Zeit ist.

Verirrt haben sie sich, die Schnecken.

Magisch. Gelehrt.

„Die Informationsverarbeitung ist auf oberster Ebene fehlgeschlagen“.

Fensterweisheit.

Schau raus. Schau rein.

Voyeuristische Weitsicht.

Reise in „unerschütterlicher Gewissheit“ (Alexander von Humboldt)

Suche Gewohntes und finde beste Plätze.

Jeder Mann hat die Pflicht, in seinem Leben den Platz zu suchen, von dem aus er seiner Generation am besten dienen kann“ (Alexander von Humboldt)

Gelehrte.

Am Rande.

Am Rande der Stadt.

Am Rande der bewohnbaren Welt.

Im Rand des innersten Innern und am Rand des äußersten Außen.

Dort immer daheim.

Überlebensweise.

Moralisches Gesetz in mir und bestirnter Himmel über mir.

Was darf ich hoffen? (natürlich: aus Königsberg)

 

Auf einem anderen Weg zurück ziehen.

Aushäusig zurückgezogen.

 

Irrlichtern ist der Vektor,

wenn das Ziel auf der Flucht ist.

 

Und dann ist da auf dem Weg dieses

Es-war-einmal,

die Geschichten von dem,

dass die Welt doch anders ist als sie aussieht.

Und anders gehört und sich doch überhaupt Anderes gehört.

 

Es war einmal ein Müller, der hatte drei Söhne, seine Mühle, einen Esel und einen Kater.

 

Und Du hast weder Söhne noch Mühle noch Esel noch Kater.

 

Und man wird sagen.

Es war einmal…

Und Geschichten erzählen,

von Tagen wie heute.

 

Und niemand weiß es.

Was Du hoffst,

vom Selbst: In-Taschen-getragen-Sein

durch diese Irrlichterei,

an den Rändern,

mit Mühle, Esel, Kater,

Gold, Weihrauch, Myrrhe,

Engel, Stern, Kind.

 

Was einmal sein wird.

Nach anderen Wegen.

Die Du ziehst.

In Dein Land.

Zentral. Insulär.

An die Hand genommen von dem, der sagt:

Einen Versuch hast Du noch.

 

Schmarotzerei, unnütz.

In die Schreibwerkstatt geschaut: Methodenlernen.

FLARFING:

Flarf bezeichnet eine zeitgenössische literarische Strömung aus der Gattung Lyrik, die mit dem Medium Internet eng verknüpft ist und sich gegen etablierte Ästhetiken wendet. Die Dichterin und ihre Suchmaschine. Ein FAZ-Artikel (vom 21.10.2010) beleuchtet den Hintergrund der Flarf-Bewegung. So kann jeder Besucher/jede Besucherin selbst erleben, wie spielerisch und lustvoll Gedichte schreiben sein kann.

(Dieser Text ist geflarft).

Ich lebe seit einigen Jahren in einer 3-Zimmer-Wohnung eines Mehrfamilienhauses das meinen Eltern gehört. Ich zahle nur sehr wenig Miete, weil meine Eltern es nicht nötig haben und eben großzügig sind. Selbst habe ich die Realschule abgeschlossen und danach eine Ausbildung gemacht. Bis heute bin ich im Innendienst tätig, die Arbeit ist dermaßen unspekatulär und dementsprechend habe ich bei 1650 netto einen recht entspannten und geregelten Alltag.

Es graut mir, wenn ich die eiskalten Worte der Schuldzuweisung höre. Es geht um Erfolg, Reichtum, um besser und erfolgreicher als andere zu sein. Wozu denn das. Wie paradox ist das, materieller Erfolg als Lebenserfolg.

Schmarotzertum ist okay, aber nur, solange man verantwortlich und realistisch damit umgeht und es nicht unter den Teppich kehrt und die Illusion erweckt, man würde gar nicht schmarotzen. Das heißt, wenn ich sage: „Das ist Internetlektüreschmarotzertum“, dann meine ich das nicht moralisch in dem Sinn von „das dürft ihr nicht machen“, sondern realistisch in dem Sinn von „das ist es, was ihr macht, beachtet bitte die Konsequenzen und übernehmt dafür Verantwortung“.

Ja, ich fühle mich aufgefressen – von den Rätseln, die er mir immer wieder aufgibt, die das Leben mir aufgibt. Ich fühle mich aufgefressen wie von einem fremden Parasiten. Jedoch kann und will ich ihn gar nicht abschütteln. Ich will mehr. Ich warte darauf, dass der Schmarotzer von mir Besitz ergreift, mich aussaugt auf so grazile Art, warte darauf mich lebendig zu fühlen in einer nichtexistenten Welt, die mich verzaubert.

Allerdings ist viel Material im Laufe der Jahre verloren gegangen oder vernichtet worden.

 

[weiss]

erneut experimentiert, ohne farbwert.

hofgeismar, zum 17. november 2017

 

 

Alles auf Anfang.

„Weiß-t Du…?“

Weiß provoziert die Geschichten des Anfangs.

Als das Leben noch unbeschrieben war,

Dogmatik ein Fremdwort,

und ganz unbegangen, all diese Wege zwischen Richtigerem und gefühlt Falschem.

Weiß ist anfällig. Man kann nichts dazwischenmogeln, ohne dass es auffiele.

Die Faszination der Reinheit, sagen die Gläubigen.

Der Geruch des Krankenhauses, sagen die Gesunden.

„Gilt das noch als weiß?“, „Geht das noch?“ fragen wir einander, und schauen die Dinge an, die Andere für uns aus der Erde gezogen haben: Rettich und Pastinaken und Novembermairübchen und die Fische aus dem Meer.

Weiß und weißer und weißest. Weißt Du?

Es ist schwer.

What you see, is what you see. (sagt Robert Ryman – er hat faszinierende WeißKunstwerke geschaffen)

Alles auf Anfang.

Vor das blutverschmierte Kind wird das weiße Leintuch kluger Lehrworte gehalten. Gewickelt in Windeln und Taufkleidchen, Brautkleid bleibt Brautkleid bleibt Brautkleid.

Unantastbar und voller Trauer, ganz wie Deine Kultur es Dich lehrt.

Don’t touch.

Ich hatte gefragt:

Mein Weiß steht in eckigen Klammern. Ich würde gern probieren, ob sich das kalte Weiß umarmen lässt, und sei es „eckig“. Seid Ihr einverstanden?

Du kannst nicht mischen, diese Anfänge, nur Addieren.

Heute geht nur: ganz oder gar nicht.

Erfahrungswert: Weiß radikalisiert.

Protestantisches Bildungsideal: Wissen differenziert.

Leben ist AnfangsAddition.

Neue Geschichten, neue Leben, neue Verantwortungen, neue Fragen, offene Fragen.

Weiß klingt wie ein Schweigen, das plötzlich verstanden werden kann. Sagt Wassily Kandinsky.

Weiß wie Schnee. Sagt der Seher Johannes auf Patmos darüber, wie die Welt heil wird. Auf Patmos liegt nie Schnee.

Du hast es nie. Nimm es nicht mit. Es zerrinnt zwischen den Fingern. Es ist da oder nicht da. Weiß ist anders als Wissen. Weißt Du ja.

Why not sneeze, fragt Michael Duchamp (eine ganz großartige Idee – dazu ganz bald an anderer Stelle!) . Weiß ist fragil. Weiß will weiß bleiben. Niemandes Leben hat eine weiße Weste. Unweigerlich werden unsere Blicke auf das gezogen, von dem wir nicht wissen, ob es weiß oder grau oder matschig oder unkenntlich oder gott-weiß-wie-farben ist.

Weiß zeigt unsere Vorannahmen. Nie ist die Leinwand leer. Wir haben es süß und scharf. Nie getrennt. Das ist wie (in der) Renaissance, sagt eine. Wieder-Geburt. Und ich denke an das Kind in der Krippe, für das die weißen Dinge in die Kirchen gehängt werden, und für die Toten. Packt die Farben ein. Es wird klar und unbeschrieben, in Wochen, in denen es nie hell wird.

Zerrinnend und unbeschrieben – der Traum des Alles-auf-Anfang, der Flüchtigkeit allen Probierens.

Weiß bleibt nicht weiß. Flecken weben sich ein. Machen erkenntlich: Dies ist Deins.

Weiß bleibt nicht weiß:

Die Hitze produziert farbige Krusten, um zu schützen, was darunterbleibt.

Die Kälte durchwirkt alles von innen.

Und in allen Zweifelsfällen, für alle ZwischenRäume: Zucker.

Eckige Klammer zu]

 

 

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt