WildWaldWelt

Burgdorf. 19. August 2018

 

Es könnte Sehnsucht sein.

Die Sehnsucht nach ursprünglicher, unberührter Welt.

Abseitige Welt jenseits des Abseitigen.

So wie sie wäre, ohne all das, was nicht sein sollte.

Sehnsucht

nach dem, was immer schon so war.

Und unbeeinflusst von dem, was wir tun.

Die Welt, die größer ist.

Die Welt, die älter ist.

Die Welt, die weiser ist.

 

WaldWelt bemüht andere Welten.

Eine schreibt ein Buch dazu.

Zwei fragen: Ob das ein Bild für die Kirche ist?

Und wir sagen: Lasst uns das auf den Tisch bringen.

Dreierlei kann ja nicht irren.

 

Auf den ersten Blick wieder bei Farben landen.

GrünGrünGrünGrün

Kräutergrün

Waldmeistergrün

Brenesselgrün

Lichtungsgrün

Alles, was am Boden ist:

Pilze und Beeren und Wurzeln

und vordergründig Verborgenes.

Trüffel.

Aber wer weiß eigentlich, wo Maulbeeren wachsen?

 

Und dann sind da

All diese wilden Dinge

Pflanzen, kriechend und schlingend,

nährend und schmarotzend,

dazu auch die wilden Tiere.

Anderthalb Kilo von Oma,

„lass da lieber die Anderen dran, mein Kind.“

 

Bilder fremder Welten in Büchern.

Jäger und Gejagte.

So wild. Zu wild. Verwildert. Ausgewildert.

Gejagt, gesammelt., gezähmt.

Erdig, unansehnsichlich, selten süß.

Raus aus dem Schutz der zivilisatorischen Welt,

in der alles vakuumiert, portioniert zuhanden ist.

Hinein in die Welt, die alters zuerst eine Schutzwelt war.

Schutz vor Anderen. Schutz vor Wetter.

Offenes Feuer. Ein Dach über der eigenen Welt.

 

Welt feiner Unterschiede.

Bodenweich und felskantig.

Mitteleuropäischer Mischwald meets Jungle.

Jingles helfen auf:

„Spielen Sie Vogelstimmen ein, das erleichtert Ihren Teilnehmerinnen die Mitarbeit“, rät die Literatur.

Kinder übernehmen Junglejingles,

und Manches tust Du nur, wenn der Löwe hinter Dir her ist.

Waldchaos bot Schutz, damals, gegen die geordneten römischen Truppen.

Und mit der Selbstwirksamkeit ist Macht geboren: Alles ist nutzbar.

Zum Feuern.

Zum Häuserbauen.

Zum Überleben.

Und alles gehört allen.

Walnussmehl und WoodWitch

Wie auch der Teich,

löschwassern,

an dem die Dorfjugend Berentzen Waldmeister kreisen lässt.

Leben, das seine rauhe Rinde mit einer feinen Goldkante verknittet hat.

Sätta guldkant pa tillvaron.

Unterschlupf für HänselGretelHexen im Kelsterbacher Wald.

Startbahn-West und die Sache mit der Sehnsucht.

 

Von den Blätterkronen lassen Buchstaben sich herab und fallen

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auf Brotzeiten aus Pilzen in pastellkühlem Abendlicht.

 

Einer sagt heute: „Keine Identität des Menschen darf als seine einzige Identität oder Zugehörigkeit verstanden werden.“

Mal Hänsel, mal Hexe, mal Holunder,

heute Jägerin, morgen Sammlerin,

heute Schutzsucher, morgen Farbenfänger für den Winter.

Heute im Chaos Versteckte, morgen Ordnerin die Welt.

Heute allen alles, morgen auf dem Eigenen bestehen.

 

Jeder Wald in Mitteleuropa ist eine Kulturleistung.

Nichts daran ist zufällig, so sehr es anders scheint.

Begrenzt groß. Begrenzt alt. Begrenzt weise.

 

Ein Dschungel ist kein Dschungel.

Die Sehnsucht klöppelt dem Leben die Goldkante an.

Holunder und Schokolade gehen immer.

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

 

 

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Verbinden statt verfangen

 

Gastbeitrag aus Anlass des 100.  Jahrestages der Einführung des Frauenwahlrechts in Deutschland (für: https://www.frauen-netzwerken.de/blog/)

 

Am 16. Oktober 1994 durfte ich zum ersten Mal „wählen gehen“. Wie das ging, wusste ich vom „Über-die-Schulter-Schauen“ bei meinen Eltern. Ich ahnte, dass es irgendwie etwas besonders Wichtiges war. Und dass man es eben tat. Und weitgehend unabhängig vom jeweiligen Tagesgeschehen immer die gleiche Partei zu wählen, trug zur Stabilität ihrer Welt bei. Aber das ist auch eine andere Geschichte.

 

Zumindest in meiner Erinnerung ist es so, dass es sich für mich unbestimmt bedeutungsvoll anfühlte, die viel zu ausgetretenen Stufen des viel zu in die Jahre gekommenen Bürgerhauses zu erklimmen, um Erst- und Zweitstimmen zu verteilen. Ich wuchs mit der Gewissheit auf, die Zukunft – mehr oder minder innerhalb bereits bekannter Parameter –  planen und das Leben gestalten zu können. Im gleichen Jahr nahm ich zum ersten Mal an einer feministisch-theologischen Basisfakultät teil. Ich ahnte, wie Geld und Bibel und Politik zusammenhängen und staunte, dass es Nischen an Universitäten gibt, an denen gleichzeitig gearbeitet, gedacht, gebetet und ein Puzzlestück Leben miteinander geteilt wird. Ein Jahr später dann: reif für die Hochschule, attestiert „sehr gut“, obwohl die Herkunftsfamilie immer wieder fragte, wozu Mädchen eigentlich Abitur brauchen. Über lange Jahre hielt ich für völlig selbstverständlich, wofür Menschen jahrzehntelang gekämpft haben: Wahlrecht, Stimmrecht, freier Zugang zu Universitäten und freie Berufswahl. Es war mir selbstverständliches Erbe. Wirklich zu denken gibt mir dies erst in jüngster Zeit, wo es nicht mehr quasi-zwangsläufig und selbstverständlich zu sein scheint, dass sich unsere Gesellschaft kontinuierlich zu mehr Freiheit, Gleichberechtigung und Pluralität hin entwickelt. Wo Menschen vielmehr überwiegend dortbleiben, wo sie sind: Bei der Familie, bei ererbten Werten, in der Heimatregion. Klare Grenzen werden gezogen, klare Regeln herrschen. Entwicklung, Experiment, Auseinandersetzung um Orientierung in chaotischen Situationen – all das hat einen schweren Stand, wenn traditionelle Leitbilder und der Rückzug ins Private attraktiver werden. Man wird das dem Einzelnen nicht zur Last legen und sich doch fragen: Was ist mein Beitrag daran, dass sich diese gesellschaftliche Wende angeschlichen hat?

 

Netzwerke verfangen dann eher zu Echokammern individueller Gewissheit, als dass sie Menschen verbinden. Nur, wer sich diesen mächtigen Sogwirkungen entgegenstellt, setzt auf das Verbindende von Netzwerken. Und dies nicht nur aus moralischen Gründen, sondern weil es nahezu unkontrollierbare shitstorm-Mechanismen geradezu erzwingen. Über Jahrtausende sind Bilder gesellschaftlich prägender Identitätsgeschichten ganz handfest am Webstuhl gewoben worden, um Inhalte fürs kulturelle Gedächtnis zu produzieren und zu erinnern. 100 Jahre Wahlrecht für Frauen erinnert an das emanzipatorische Potential, das Gesellschaften zu eigen ist. Ich persönlich höre das als Verpflichtung, die Gesellschaft, in der ich lebe, dahingehend offen zu halten. Dafür einzutreten und dafür das Wort zu erheben. Wir tun das schon lange nicht mehr an Webstühlen. Netzwerke heute verweben analoge und digitale Spuren zu ganz neuen Räumen. Die Kirche ist aufgrund ihrer Skalierungsfähigkeit eine solide Grenzgängerin in solch instabilen Räumen. Zu Demokratisierung trägt bei, zwischen allen Knoten und Fäden  Menschen über ihren privaten Nahbereich hinaus eine Stimme zu verleihen, so dass meinungsvielfältige Öffentlichkeiten geschaffen werden. Seiltänzerinnen zwischen den (oft unscharf bestimmten) Logiken unserer Zeit ermöglichen so, dass soziale Zusammenhänge imaginiert werden können, dass Vertrauen aufgebaut wird und mit ihm soziales Zutrauen. Demokratisierung hat damit heute immer auch decouvrierend-aufklärerischen Charakter: Sie zeigt etwas auf, was vorher nicht in dieser Weise sichtbar war. Projekte in Grenzräumen wie #stationpoetry gehören in diesen Zusammenhang: Sie geben Orten eine Stimme, richten den Blick auf das, was für neoliberales Verwertungsdenken unnütz ist, bringen Menschen zusammen und ermutigen zur eigenen Gestaltung des öffentlichen Raums. Der öffentliche Raum wäre für mich – und andere – nicht mittels Inszenierung und Performance nutzbar, wenn wir uns nicht einem Netz emanzipatorischen Denkens, Fühlens und Handelns verbunden wüssten, dessen Knotenpunkte Ermutigung und Mahnung zugleich sind.

 

 

 

Im Ende am Anfang – eine Kasualpredigt

 

 

Gepredigt am 9. August 2018, 18h

in der Brunnenkirche Hofgeismar-Gesundbrunnen

(Evangelisches Studienseminar).

Für den Vikariatskurs 2018.

 

 

I Themenfindung, Fehlerfreundlichkeit, Rückseiten

 

Themapredigt. Am Ende dann doch (endlich).

 

Was ist das Thema Ihres Vikariats? „Entwicklung, Freude, Vielfalt, Segen, Sendung, Zuspruch, Stärkung, nur-nicht-Klassisch, Hiob und Hoheslied, die Sache mit dem Auftrag, und was ist heute eigentlich religiös interessant?“ So viele große Worte. So viele große Themen. In so vielen kleinen Geschichten. Und das alles auch noch auf der Rückseite einer Predigthilfe. Ich staune.

 

Um was geht es denn eigentlich?

Bei der

Entwicklung von – zu,

der Freude an,

der Vielfalt in,

dem Segen zu,

der Sendung wohin,

dem Zuspruch wofür,

der Stärkung wozu,

dem nicht-nur-Klassisch – weshalb denn eigentlich,

dem Auftrag – was zu tun?

 

Jetzt also auch noch: Viele große Fragen. So schnell geht das: Zwei große homiletische Fehler in nicht mal 90 Sekunden: Erst am Anfang das Thema verraten und dann auch noch die Hörerinnen mit rhetorischen Fragen an die Wand spielen. Doch weiter im Text!

 

II Agendarisch-anfängliches Pfarramt

 

„Unser Dienst besteht darin, zu hören und zu beten…“

 

Pfarramt ist hören und beten, und feiern und lehren und lernen, predigen, taufen, teilen, ermutigen, bezeugen, gewinnen, sich sehnen, aufmerksam sein, zweifeln, mitfühlen, reden, reisen,  klagen, danken, Gott denken.

 

Und wohin jetzt mit all dem?

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Lasst uns im Ende am Anfang bleiben.

Am Anfang ist das Hören.

Im Anfang ist das Wort.

 

III Kirchentheorie (1): Konservativ, Echo und die Sache mit dem einen freien Wunsch

 

Wenn nicht an dem Anfang, so doch an einem Anfang steht die Zeit hier im Studienseminar. Konservative Kirchentheorien sagen (und ich weiß, dass ich mich dafür wohl noch werde rechtfertigen müssen): Vikariatskursausbildung ist eine Konventskirche. Was hört man da eigentlich?

 

Da sind verhaltenes Gemurmel und erhobene Stimmen, Tellergeklapper und Rasenmähermotorengeräusche, Anmutungen von Waldakustik und Glockengeläut, Piepsen bei jeder Fotokopie, ganz gleich, ob sie jemals für Aha-Effekte sorgen wird oder nicht. Eine Welt dosierten Rauschens, das die Zuversicht ausstrahlt, dass doch alles irgendwie geordnet sein könnte. Zumindest mal hier und zumindest mal für jetzt. Zuallererst aber denke ich an den Nachklang in der Lippoldsberger Klosterkirche. (instrumental, mit Echo: EG 156 Komm, heilger Geist, erfüll die Herzen Deiner Gläubigen)

 

Manches wird nachhallen. Sie werden sich an Dinge erinnern, die gesagt wurden. Die Sie haben nachdenklich werden lassen. An die Sie sich erinnern, und niemand hat es je gesagt. Über die Sie, wenn auch manchmal viel zu wenig (ich weiß: das können Sie wirklich nicht mehr hören), gestritten haben.

 

Es mag auch im Pfarramt so sein, dass Sie sich unter Druck gesetzt fühlen. Es kann so viel sein. Es kann alles so wichtig sein. Es ist alles dann doch so neu. Es ist leicht, dann zu fragen: Was bringt mir das? Wozu nutzt es? Man kann so mal ein paar Tage überleben. Doch die Dinge des Glaubens sind nicht in einer Rezeptsammlung zu verwalten, wo ich nur die richtige Seite aufschlagen muss und alles ist gut.

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Vielmehr mag es so sein, wie bei jenem jungen Mann, der sich aufmachte, aus der Stadt, zu einem besonderen, heiligen Ort. Einem Heiligtum. Er wartete. Er betete. Er schlief. Und, so wird erzählt, Gott zeigt sich. Gott hält sich nicht verborgen. Einen Wunsch hast Du frei!

Wenn Du Dir vorstellst, Gott würde Dir einen Wunsch erfüllen, für Deinen Dienst als Pfarrer, als Pfarrerin, als lebendige Stimme des Evangeliums in unserer Zeit, in Deiner Welt – – –

 

(I Kön 3, 9):

„Gib Deinem Knecht ein hörendes Herz, damit er dein Volk gut zu regieren und zwischen gut und böse zu unterscheiden vermag.“

 

Und es wird erzählt, dass es so geschieht. Es gibt da in unserer Tradition ein hohes Zutrauen in die Verbindung von Wahrnehmung, Hören, und Verstand. Das Herz ist der Sitz des Verstandes.

 

Weshalb ist das wichtig? In einer konventualen Welt könnten wir die Dinge ja auch einfach so hinnehmen, wie sie sind. Sie sind doch mindestens deshalb wahr, weil wir uns darauf verständigt haben, dass wir sie für wahr halten.

 

  1. Kirchentheorie (2): Zugig, Plüschtiere und der Ton, in dem Gottes Welt beschlossen ist

 

Andere Kirchentheorien sagen: Vikariatsausbildung findet auf der Schwelle statt. Und was hört man da? Ein immer zugiges Lüftchen, manchmal auch unangenehmen Sturm. Vorbeilaufende Leute. Das Klicken der Schlösser am Auto, die Bahnansage, meine eigenen schnellen Schritte auf dem Weg zwischen Hier und dort und Schule und Studienseminar und Arbeitszimmer und Pfarramt und: eigentlich sind überall Orte und Brüche und Leerstellen und Unorte, an denen so viel zu sehen und zu sagen ist. Auf der einen Seite, vielleicht sogar „drinnen“, was immer ein heimatliches Geräusch ist, auf der anderen Seite Worte, die ich nicht verstehe, Einstellungen, die ich nicht teile, Sofas voller Plüschtiere von der Kirmes und klebrige Küchentische, von denen ich ehrlicherweise irgendwie auch nichts anderes als schnell weg will. Auf der Schwelle ganz da. Hier ist es vielleicht nur ein einzelner Ton (ab hier im ganzen Abschnitt ein einzelner, feiner, hoher Ton), und keine ganze Kantate, die zu hören ist. Ein Ton, in dem Gottes Welt beschlossen ist. Und damit bin ich wieder beim Herz. Das Herz achtet die wenigen, leisen Töne. Und es tut dies nicht aus moralischen Gründen – weil wir doch immer auf der Seite der Kleinen, Armen und Entrechteten zu sein hätten. Das Herz hat keinen erhobenen Zeigefinger. Und es tut das, weil es schlicht klug ist.

 

Das Hören, das unser Dienst ist, ist ja etwas Anderes als akustischer Klang. Hören hat die eigentümliche Eigenschaft, dass es uns sofort sehr nah ist. Wir können uns ihm kaum entziehen, selbst durch die ausgefeilteste Technologie nicht. Es imponiert sich, ohne dass wir eine echte Wahl hätten.

 

  1. Strategie I: Distanz – die gegenwärtig drohende Häresie der Kirche

 

Manche sagen dann: Ich ziehe mich zurück. Ich will nicht mehr damit rechnen, etwas wirklich Neues, Veränderndes zu hören. Wer taub ist, hört aber nicht nur nicht. Er hat auch keinen Zugang zu Begriffen, Vorstellungen und Einsichten. Ob dieser Preis nicht zu hoch ist? Diese vermeintlich heile Welt? Wir kennen das ja auch in unseren Kirchen.

 

VI: Strategie II: Nähe – Derrida meets Apostelgeschichte in der Ladenkirche

 

Viele hat die Macht des Hörens schon skeptisch gemacht: Es sei eine unzulässige Intimität, die da entstehe. Zu schnell werde man doch hörig. Da kommt jetzt das Herz ins Spiel. Es gerät dann ins Schwingen, wenn etwas von Gottes Welt in ihm anklingt. Weil das Herz die Wohnung von Gott selbst ist. Ähnliches erkennt Ähnliches und gerät in Schwingung. So entsteht Gewissheit, dass es mehr gibt als mich selbst. Dass der Grund meiner selbst inmitten meiner selbst außerhalb meiner selbst liegt. (Solche Sätze funktionieren in einer Predigt natürlich ausnahmslos nur heute): Dass der Grund meiner selbst inmitten meiner selbst außerhalb meiner selbst liegt. Und das macht kritisch. Loyal kritisch gegenüber den eigenen Dingen und loyal kritisch gegenüber der Kirche. Ernst Lange hat vom „institutionalisierten Widerspruch der Kirche“ gesprochen. Die Bibel sagt’s ganz schlicht: „Glaube kommt aus dem Hören“. In zweierlei Hinsicht ist das denen Trost, die es aus dem Brief, den Paulus an die Gemeinden in Rom schickt, hören: Es geschieht jetzt. Es geschieht für alle. Der Moment, etwas zu hören, lässt sich weder konservieren noch wiederholen. Der Moment, etwas zu hören, macht nicht halt vor den einen oder anderen. Es mag sein, Ihr verbindet auch solches Ereignis mit dem Leben und Arbeiten mit dem Studienseminar. Wir haben dafür eine Grunderzählung in der Bibel: Menschen sind, mehr oder minder zufällig, an einem Ort zusammen. Sie hören. Es wird viel gesprochen. Ganz Unterschiedliches. Lebendig ist die Stimme der guten Botschaft. Es sind auch fremde Worte dabei. Es sind auch fremde Worte von Menschen, die mir erstmal fremd sind. Da ist auch Schwellenangst. Die bleibt im Pfarramt. Egal, was Ihr sagt oder hört, dass doch alle eingeladen seien oder jeder kommen könne oder alle willkommen seien. Es geht also durcheinander, es ist unübersichtlich, verwirrend, bunt, und ich stelle es mir auch laut vor, damals in Jerusalem. Doch jeder hört in seiner Sprache. Die Kirchenkundigen nennen das Pfingsten. Pfingsten ist kein Sprechwunder, sondern ein Hörwunder. Weil Gott, Ihr erinnert Euch, eben ein hörendes Herz gibt. Diese Gabe ist ein Werk des Heiligen Geistes. Gott schweigt nicht. Gott gibt die Fähigkeit zu hören. An den definierten kirchlichen Orten Deiner pfarramtlichen Welt (Stichwort: Konventkirche), und an den Schwellen. Nirgends schweigt Gott. Deshalb hört!

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VII: Agendarische Worte und Stille als maßstäblicher Ort

 

„So wirken wir am Aufbau der Kirche mit. Dabei wird jeder von uns seine Fähigkeiten einsetzen und die gemeinsamen Aufgaben mit anderen teilen.“

 

Zwischen Konventskirche und Schwelle: Schnittmenge Stille. Wort in wortloser Welt. Wort in schweigender Welt. Weil ich mich genau dort der Erfahrung nicht entziehen kann, dass Gott sich hören lässt.

 

STILLE

 

 

Amen.

 

 

 

#stationpoetry

Ausgestattet mit Proviant, Kamera und Reiseschreibmaschinen machen sich Julio Cortázar und Carol Dunlop eines Sommers auf den Weg von Paris nach Marseille. An jedem Rastplatz halten sie an. Schreiben Dokumentationen in ein Logbuch. Ethnographisch, zwiesprechend. Expeditive Literatur. Das war 1982.

Wir, Birgit Mattausch und Friederike Erichsen-Wendt, spielen in diesem Sommer eine Variation dieser Performance. Wir starten an verschiedenen Orten. Halten an ausnahmslos jedem Bahnhof an. Folgen Schreibregeln und den Alltäglichkeiten des Ortes. Wenn es gut geht, werden wir uns einmal zwischenzeitlich begegnen.

Die Texte, die wir an jedem Ort schreiben (müssen), setzen wir dort aus und nehmen sie zugleich mit. Jede und jeder kann durch eigene Texte und Kommentare von jedem beliebigen Ort aus am Ganzen mitweben. Wir posten von jedem Ort das Bahnhofsschild und die Schreibregel, die wir uns zugelost haben, über unsere Social-Media-Accounts (sofern es der Mobilfunkempfang zulässt). Wer immer mag, kann unter diesen Fotos etwas beitragen. Voraussichtlich werden wir erst nach Ende der Performance reagieren können. Wir planen aber, aus dem gesamten Textmaterial etwas Neues zusammenzufügen.

Ab 11. Juli also: #stationpoetry

Fünferlei Etüden für den Rand bewohnbarer Welten

 

I

Josefstal ist,

wo Bäume beten,

Krähen kreischen und Jugendliche auf Kinderspielplätzen,

doch auf dem Flur, da ziehen sie die Schuhe aus – heiliger Boden?

Josefstal ist,

auf den Gipfeln den Schnee zu sehen und gleichzeitig unten das Tanktop herauszuholen,

wo Bäche und Blätter rauschen und Busse Dich direkt bis vor die Haustür fahren.

Ich aber,

ich hebe meine Augen auf zu den Bergen.

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II

Josefs Tal ist,

wo Du die Kleinste bist,

obwohl Du doch gar nichts dafür kannst und trotzdem alle neidisch sind,

weil du ja, ach, immer die schönsten Kleider bekommst,

Neues, was nicht abgetragen werden muss, von all den großen Brüdern,

alle neidisch sind,

weil Du tanzen kannst, oder auf Bühnen reden, oder schlaue Sachen sagen, in die Ferne mit dem Rad fährst, oder es dich einfach traust, auch mal ‚Nein‘ zu sagen, auf dem 10-Meter-Turm.

Du kannst ja gar nichts dafür und landest doch ganz unten: Josefs Tal, hinabgestoßen, in diesen fiesen Brunnen mit Mauern ohne Halt, dort unten: Schlamm, muffig, kalt, kaum Licht. Finsteres Tal und Du fürchtest Unglück. Denn Du weißt gar nicht wie und vor allem auch nicht warum. Weit, weit, weit hebst Du Deine Augen, um zu den Bergen aufzusehen.

 

III

Josefs Tal-ent ist das Zimmern: Haus gebaut, alles Eigenleistung, Heimat. Endlich. Welt geordnet.

Und bald soll geheiratet werden, Maria.

Wenn doch mal alles wäre, wie man so sagt, wie es sein soll. Geordnete Verhältnisse.

Und dann das: ein Kind. Das Kind eines Anderen.

Zu einer Nacht hätte er ja vielleicht nichts gesagt. Aber dann war da ja noch die Sache mit dem Engel und Gott und so und was soll man denn da dazu eigentlich noch sagen?

Josefs Tal: Ruf ruiniert. Nix mehr mit ehrbarem Handwerk.
Und keiner hebt seine Augen auf zu den Bergen. Nein, Gott, bleib mir nur fort! Das mit dem Engel in den eigenen vier Wänden war wirklich mehr als genug.

 

IV

Josefstal – Zuhause auf Zeit für uns. Zwischenstopp am Rande des bewohnbaren Bayern. Ein paar Schritte bergauf, dem entgegen, woher Du Hilfe erwartest.

Josefstal – wo Badezimmer Duschkabine heißen, Duschkabine Nizza und aus Delmenhorst stammen.

Dem Delmenhorst, als die Postleitzahlen noch vierstellig waren und man überhaupt noch Postleitzahlen brauchte, weil man überhaupt noch Briefe schrieb.

 

Eine ferne Welt,

gefühlt doch fast so fern wie Josef aus Nazareth, der aus Bethlehem, der Stadt Davids, stammte, und wie Josef, der mit den vielen großen Brüdern, den es nach Ägypten verschlug, doch Gott –

 

Er gedachte es wohl zu machen, all diesen Menschen zwischen all diesen Welten wie wir.

Und wir träumen: in Delmenhorst von Nizza und in Josefstal von München und in Nürnberg von Lyon und – – –

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V

Plagiat ist auch nur ein Anagramm für Tal. Fast wenigstens. (Angelehntes Texten – ich erinnere nur mal dran…)

 

Quelle A – Studienzentrum für evangelische Jugendarbeit, Haus B, Untergeschoss, rechts neben Zimmer 01:

 

„Was allen gut tut: Üben Sie! Unterlassen Sie! Benützen (benützen??) Sie! Zu Ihrer Sicherheit. Die Missachtung kann zu kostenpflichtigem Einsatz von Rettungskräften führen.“

 

Quelle B – Mündliche Unterweisung:

 

„Denkt an die Kinder. Rauchen nur zwischen Brücke und Straße. Auf der einen Seite Kinder, auf der anderen Seite Autos.“ Du hast die Wahl.

 

Beobachtung, notiert am 7. Mai 2018, 22.30-22.45h: keine Autos, keine Kinder.

 

Letzte Quelle – Duschkabine Nizza:

 

„Zigaretten bitte nur hier ablegen! Cigarettes only here please! Cigarette seulement ici s’il vous plait!“

 

Nizza-Orte: Wo in allen Sprachen ist, was nicht sein darf.

 

Epilog

Sie haben hier ein Kreuz aufgehängt. Nicht, weil es Pflicht wäre, sondern weil der Krieg lehrte, dass es diesen Ort braucht: Wo in allen Sprachen ist, was nicht sein darf, anderswo. Die Täler. Die Klagen aus den tiefsten Brunnen, aus Schlamm und Muff und dieser verfluchte Neid, das heimliche Staunen über spielende Halbwüchsige und die Augen, die die Berge suchen, zu denen sie aufsehen können.

Sie haben hier ein Kreuz aufgehängt, die Josefstaler, weil sie dem trauen und ahnen, dass Gott es gut macht.

Nizza-Orte, wo Bäume beten und Krähen kreischen und endlich Heimat ist und Du alles ablegen kannst und Gott es gut macht.

 

Die Alten sagten dazu: Versöhnung. Reconciliation. La réconciliation.

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt (Josefstal, Studienzentrum für evangelische Jugendarbeit)

 

Studien über #Dinge – Polieren

Vom Trottoir geht es ein paar steile Steinstufen hinab und ich bin in einer anderen Welt. Selbst der Schall meiner Schritte – verschluckt von jahrhundertealten Mauern. Feucht und muffig wäre es wohl in diesem Keller nah am Hafen, wenn nicht moderne Technik dafür sorgte, dass es nicht so wäre. Die Zeiger der Temperaturfühler wie eingefroren auf den immergleichen Zahlen.

 

Ich treffe Anne. Dass mich interessiert, wie das genau geht, mit dem Zusammenhang von Handwerk und Kunst, überhaupt diese Sache mit den #Dingen, davon hatte ich ihr erzählt. Und von dem Gefühl, das, was jenseits der Zeit ist, zuhanden zu haben.

 

Wir treffen uns in ihrer Werkstatt. Ein paar Steinstufen unter und neben dem aufgeregten Leben in einer Stadt, in der Touristen im Zeittakt ihrer Urlaubsplanung Geschichte bestaunen, während Einheimische mit Fischen und Kleidung handeln, als sei gar nichts geschehen. Hinter jahrhundertealten Mauern nun – Annes Silberschmiede. Und die ihrer Eltern und Großeltern und Urgroßeltern und –  „Man muss doch mit der Zeit gehen“, lächelt sie mich an, als ich mich ertappe, wie sehr mir das eine oder andere gefällt. Natürlich ist sie stolz.

 

Wir sind in Bergen. Seit mehr als 500 Jahren für die Verarbeitung von Silber berühmt. Für den Handel berüchtigt. Hanseregeln. Manche sind reich, Viele arm. #Dinge an der Schnittstelle privaten Lebens und öffentlicher Repräsentation; notfalls Zahlungsmittel. Und Anne sagt: „Na, wir haben ja auch wenig Anderes hier.“ Es ist ein fast außerweltlicher Glanz in einer im Grunde kargen Welt. Norwegen.

 

Und ich erzähle von meiner Arbeit, religiöser Kommunikation zwischen Deuten und Erleben. Von den Werkstätten von Worten, in denen gehobelt wird und Späne fallen. Von Ateliers und Kunst und der Person, die in der zeitgenössischen Theologie so im Fokus steht. Und ich beobachte Anne, wie sie durch Lupen schaut, sich konzentriert, den Werkstoff kennt und das Produkt schon sieht, bevor es da ist. Passungen im Nanometerbereich. Qualität durch Konstanz. Ganz feinen individuellen Handschriften, die sich dem Metall einprägen.

 

Die Werkstatt muss keine Möbelschreinerei sein, sie kann auch eine Silberschmiede sein. Und mir fällt ein, wie sehr dieser Ort zeitlos ist und wie sehr alles, was als Dienstleistung beschrieben werden kann, doch in Zeitintervallen messbar sein muss. Anne weiß das natürlich auch. Sie berichtet von Absatzschwierigkeiten und immer neuen Marketingstrategien. Sie weiß, dass eigentlich niemand braucht, was sie herstellt. Und zugleich weiß sie, dass man brauchen sollte, was sie herstellt. Jetzt lächele ich. Diese Sache mit der Funktion entfunktionalisierter Religion, denke ich.

 

Anne nimmt ein weiches Tuch aus einer Schublade und poliert das Werkstück, das sie gerade vom Schraubstock befreit hat. Das hat System. Und doch ist jedes Teil anders, ein bisschen Unikat, sagt sie. Ich weiß, was sie meint. Alles ein bisschen besonders und dann doch durch Regelhaftes, Gewohntes und Gewusstes erklärbar und nachzuvollziehen. Qualität erzwingt Standardisierung. Berufsförmigkeit erzwingt Standardisierung. Etwas wiederzuerkennen, in einer Welt, die sich ständig zu verändern scheint – ach, das wäre schön.

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Mir fallen die großen Feste meiner Kindheit ein. Als das Silberbesteck aus schwergängigen Schubladen geholt wurde, aus dunkelgrünen Filzbetten ans Tageslicht kam und sich zeigte, dass all dies nichts half, um den alltäglichen chemischen Austauschbeziehungen zwischen den #Dingen und der sie umgebenden Welt Einhalt zu gebieten. Die stundenlange Geduldsarbeit, Messern, Gabeln, Löffeln, Löffelchen und allem, was so rings um die Gedecke gehört, durch Reibung alten Glanz zu verleihen, wurde Kindern zugemutet. Und wenn alles nichts half, vertrieb der Geruch chemischer Tauchbäder aus mehrwandigen Flaschen mit schwarzen Kreuzen auf orangefarbenem Grund den Rest aller Dinge, die nicht waren, wie sie sein sollten. „Aber gesund ist das nicht“, sagte Oma dann mahnend.

 

Ich schaue in Annes Auslagen und wünschte mir, wir wüssten wieder, wo wir das theologische Silberbesteck finden. Wir würden die schwergängigen Schubladen aufziehen und die Filze zur Seite ziehen. Die Silberschmiedin sieht ihr Werkstück, bevor es fertig ist. Weil sie es bei ihren Vorfahren so gesehen hat, in deren Händen, in deren Notizbüchern, in deren Erzählungen. Ich hingegen poliere auf Verdacht. Oft nicht mehr als auf eine Ahnung hin. Doch mit einer Regel: Ich höre erst auf, wenn alles glänzt. Wenn ich irgendetwas entziffern kann. Wenn ich die #Dinge gern wieder zur Hand nehme und zwar auch so, dass sie mir im Alltag berufsmäßiger religiöser Kommunikation zuhanden sind. Wenn sie aus sich selbst heraus wirken können.

 

Polieren ist das A und O, sagt Anne. Erst dann siehst Du, ob es passt. Erst dann entsteht diese Faszination an dem, was über Jahrtausende in der Erde verborgen war. Ich tue etwas und doch handelt auch ein Anderes. Wasser auf den Mühlen ‚objekt‘-orientierter Handlungstheorien, denke ich bei mir und schiebe das doch für den Moment schnell beiseite. Und ich erzähle Anne von den vielen Alltagsentbergungen, die wir in den Kirchen machen. Und dass es viel mehr sein müssten. Und wie selten ich mich frage, wie viel Glanz da eigentlich noch sein könnte, in all diesen Ecken und Pfützen und den Debatten vor halbleeren Tiefkühlregalen am späten Samstagabend. Ja, sagt Anne, ich könnte nicht leben, wenn ich nicht darauf vertraute, dass da immer noch etwas ist. Und eine Zeitlang – ohne Zeit – sagen wir nichts. Stille breitet sich aus unter dem leisen Surren von Maschinen im Hintergrund. Ich sehe zu, wie Silberring und Lappen zwischen Annes Händen tanzen und sie hört der Feder zu, die sich die Linien meines Notizbuchs erobert. Und am Ende kaufe ich ihr etwas ab, wofür ich wohl nie Verwendung haben werde. Doch es bedeutet. Es ist handwerklich perfekt. Es verweist. Es ist Kunst. Ich hätte es nie selbst herstellen können und ich hätte es niemals, wenn es nicht diesen Nachmittag in einer Kellerwerkstatt in Bergen gegeben hätte. Ich sehe Anne an, dass wir das Gleiche meinen könnten.

 

Ich steige die Stufen wieder hinauf. Menschen gehen vorbei. Meine eigenen Schritten erobern sich ihren Trittschall zurück. Über dem Berger Hafen geht die Sonne unter. Glanz tanzt über den Wassern und erleuchtet die beginnende Nacht. Aus den Ecken scheppert Tanzmusik aus billigen Radios und in den Pfützen spiegeln sich die müden Gesichter der Fischer, die am Kai Bier und Zigaretten teilen, während Touristen Fotos von Fischplatten bei instagram ablegen.

 

 

 

Fotocredit: „Sølvskatten“, KODE 1/ Kunstmuseer, Bergen/ Norwegen;  Politur (vorher/ nachher) – beide: Friederike Erichsen-Wendt

 

tänzele/ zwischen Sprache und Schweigen

 

zu: SAID, ich jesus von nazareth, mit einem Nachwort von Erich Garhammer, Würzburg 2018.

 

Die Überlieferung von Jesu Passion provoziert vielfältig neue Worte: Musik, Nacherzählungen, Lyrik. Da Gleichursprüngliche, der historische Angelpunkt der Jesusfigur ist ein Ereignis, keine literarische Überlieferung. Von Beginn an ist die Literalität Jesu mehrstimmig: In vier kanonischen und zahlreichen späteren Evangelien wird von Jesu Leben und Wirken berichtet. Diese Erzählproduktivität hält an. Unter dem Einfluss didaktischer Konzepte des 20. Jahrhunderts ist die Menge religiöser Gebrauchs- und Erbauungsliteratur, die sich des „Jesusstoffs“ annimmt, unübersehbar geworden.

 

Anlässlich eines Vortrags auf dem Katholikentag in Hamburg 2000 hat der Heidelberger Neutestamentler Gerd Theißen gezeigt, inwiefern die jeweils gezeichneten Jesusbilder in einem hohen Maße Projektionen ihrer Autoren sind. Als solche entfalten sie in ihren je aktuellen Diskurszusammenhängen Produktivität.

 

Auf diesen Vortrag verweist jüngst auch der emeritierte katholische Pastoraltheologe Erich Garhammer in seinem Nachwort zum jüngst erschienenen „Jesus-Buch“ des iranischen Schriftstellers SAID, der seit 1965 im Exil in Deutschland lebt. Es handelt sich in der Form um eine fingierte autobiografische Retrospektive. Garhammer erinnert die Leserin resümmierend: „Jede Form von Eingemeindung Jesu muss also letztlich scheitern. Ein Jesus ohne Fremdheitszumutung, ohne befremdliche Wirkung ist letztlich austauschbar.“ SAIDs kurzer Essay stellt sich eben diesem Dilemma, Worte zu finden, ohne „einzugemeinden“. In dieser Hinsicht ist der Text wirklich bemerkenswert. Selbst Kategorien, die ihre eigene Überschreitung bereits in sich tragen, treffen auf diese Darstellung nicht zu: Dieses Buch ist anders als skandalös, anders als fremd, anders als vertraut. SAID nutzt wohlbekannte Worte, stellt radikale Anfragen, rückt mit einem fremden Jesus nah an die Leserin.

Ein Jesus, der angesichts lauten gesellschaftlichen Rauschens nicht verstummt, sondern eindrücklich ruft. Ein Jesus, bei dem Zärtlichkeit und Zorn in ein Wort passen. Und Freiheit und Liebe im Zusammenklang sich wortwörtlich in Seelen ein Zuhause suchen.

Insofern gibt SAID in diesem Buch etwas von dem weiter, was er von sich selbst im Blick auf Religion sagt:

Was der Mensch braucht, weiß ich nicht. Ich bin kein Prophet. Ich übe keine Religion aus und habe auch nie eine ausgeübt. Ich habe meine Religiosität mit Mühe und Not gegen die Barbaren gerettet, die im Namen eines Gottes regieren. Aber ich glaube, dass der Mensch etwas in diese Richtung braucht. Man kann es Spiritualität, Religiosität oder wie Max Weber „religiösen Musikalität“ nennen. Ein Schwingen, etwas was in uns ist, und auf etwas anderes zielt.“ (im Interview mit Eren Güvercin am 2. Juli 2010 für das Internetportal der Deutschen Welle „Qantara“)

 

SAIDs zornigzärtliches Jesusbuch entkommt nicht der Projektionslogik, die für die historische Jesusforschung gezeigt werden konnte. Es zeigt eindrücklich, wie sie auch für die dezidiert literarischen Formen gilt. Für dieses Buch ist es gerade eine Stärke. Eine provokante Spiritualität reformuliert sich im Duktus einer Erzählung unserer eigenen Denk- und Glaubenstradition. Ein besonderer Spiegel von außen. Auch eine hohe Wertschätzung, die der jesuanischen Tradition des Christentums da von außen entgegengebracht wird. Dadurch wird diese Tradition neu und relevant. Manche theologiegeschichtlich längst überholte These (etwa die der cooperatio Jesu und Judas‘) ist so formuliert, dass sie noch einmal neu zum Denken anregt. Es ist eine fast vergessene Spielart von rechter Lehre, deren Normativität hier nahegelegt wird. Leser und Leserinnen sind gleichsam gezwungen, sich dazu in ein Verhältnis zu setzen: „mir gehen keine engel voraus, die euch warnen. meine engel, die ich seit meiner kreuzigung auf die erde geschickt habe, weinten vor verzweifelung, als sie mir von euch berichteten“ (7). Der Text ist – gerade in Konstellation zu derzeitiger Lehrbildung innerhalb der christlichen Theologie – eigentümlich theologieproduktiv, obwohl oder indem er gerade keine Ansatzpunkte für christologische Überlegungen anbietet.

 

SAID, über den Nina Fargahi ein eindrückliches Porträt geschrieben hat (NZZ vom 27. November 2015), hat Europa einmal als Ort der Freiheit, aber auch der Einsamkeit beschrieben: Diese mutige und anstößige Rekonstruktion der Jesusgeschichte zeugt von dieser Freiheit, nach neuen Bedeutungen zu suchen. In ganz naher, völlig unverbrauchter Sprache. Und sie zeugt von der Einsamkeit, in die Menschen gestellt sind, wenn sie ihre Wahlheimaten mit je eigenen Worten einkleiden müssen: „ich wandere stets und brauche für meine wege unerschütterliche weggefährten.“

Ein provozierendes Buch: nachdenkliche, spirituelle Worte, Worte, die weiterentwickelt werden wollen.

 

 

Fotocredit: Radio Vatican (bearbeitet)