Mutigwerden zu Heulen und Handeln als Aufgabe des gegenwärtigen Protestantismus. Eine Replik an Erik Flügge

Rezension zu: „Nicht heulen, sondern handeln“. Thesen für einen mutigen Protestantismus, München 2019. 

Meine These zum Buch: Erik Flügge legt eine römisch-katholische Deutung des Protestantimus vor. Nun könnte man sagen, dass er dies ja aufgrund seiner Sozialisation gar nicht anders könne und seine Motivation, „Thesen für einen mutigen Protestantismus der Zukunft“ zu schreiben, in seiner Liebe zu eben auch der anderen Konfession begründet sei. Ein solch großherzige Geste steht einer Schrift, die damit rechnet, die Adressaten* „wütend“ (p. 15) zu machen, ja auch gut an. Dass an Anderen immer genau das besonders faszinierend ist, was ich selbst nicht habe, ist nun allerdings weder besonders neu noch überraschend.

 

Mir geht es (1) darum zu zeigen, dass die Irritation und Verwunderung über dieses Essay daran liegen könnte, dass hier eine DNA gesucht wird, die gar nicht gefunden werden kann. Damit ist Flügges Text – vermutlich unfreiwillig – ein Paradebeispiel postkonfessionellen Diskurses in den Kirchen und deshalb aus einer gewissen besonnenen Distanz, die nicht allzu sehr auf Details schaut, interessant. Wenn es dem Autor darum geht, die Dinge im Anschluss an Provokationen zu „ordnen“ (so meine ich es letzter Tage von Erik Flügge verstanden zu haben), dann möchte ich (2) zeigen, inwiefern Mut die zentrale Fähigkeit (die Alten sagten: „Tugend“) ist, die im postkonfessionellen Christentum der Gegenwart gebraucht wird. Es wäre ein Mut zum Handeln. Es wäre ein Mut zum Heulen. Es wäre ein Mut zum Lassen. Zum Tun. Ein Mut zu strategischer Klugheit (die man wirklich brillant vom Autor lernen kann) und zum öffentlichen Wort. Dies als Ausblick auf die These, die ich im Sinne einer response anbiete.

 

Ich habe lange gebraucht um zu beginnen, dieses Buch zu lesen. Es war kein Beschaffungsproblem, da es unvermutet und frühzeitig auf meinem Schreibtisch landete, sondern dem Umstand geschuldet, dass in meiner Community anhaltend darüber gestritten wird, obman dieses Buch überhaupt lesen sollte. Denn die, die die evangelische Kirche tagtäglich „anders“ machen, sind es leid, darüber belehrt zu werden, wie es denn eigentlich viel besser ginge. In dieser Vielstimmigkeit echte Gesprächsangebote zu identifizieren, ist nicht immer leicht. Diskurse zu kirchlichen Themen der letzten Jahre verlangen also ein gesundes Maß an Selbstimmunisierung, um überhaupt handlungsfähig zu bleiben oder zu werden.

 

Damit zur zweiten Hürde, die eine echte diskursethische Herausforderung darstellt: Als zentrales Problem des gegenwärtigen Protestantismus stellt der Autor den Umstand heraus, dass man es mit „Differenzierern“ (p. 9 u.ö.) zu tun habe. Alles, was ich hier schreibe, kann unter diesem Verdikt gelesen werden, und vor allem: damit dann auch relativiert werden. Ich bin mir dessen bewusst. Und ich tue es trotzdem, weil ich die Lage so einschätze, dass die Strategie der ‚lauten Worten‘ mittelfristig nicht hilfreich ist, damit es mit dem Protestantismus anders weitergeht als bisher. Insofern scheint mir Flügges „Provokation“ eher ein Auf- und Hilfeschrei zu sein als ein ernsthaftes Lösungsangebot. Es gibt, etwa zum Thema ‚Gottesdienst‘, auch solche leisen Lösungsangebote, aber man muss sie in diesem Buch schon suchen. Eher also ist der kleine Band Flügges verzweifelte Flugschrift, die diese großen Worte und häufig auch Plakatierungen nutzt – wen erreicht man damit aber nun wirklich? Das bleibt, zumindest für mich, unklar: Die evangelische Bildungs- und Entscheidungselite dürfte den Text rasch zur Seite legen, die Anderen sind nach Flügges Auffassung ja schon gar nicht mehr da.

 

Ich muss jetzt zur Einleitung von Lösungsstrategien natürlich zitieren, wie es sich der Protestantin geziemt (zum Verstehen dieser Anspielung sollten Sie das Buch dann doch lesen!), und erinnere daran, dass Martin Luther das Stichwort „Provokation“ im Zusammenhang seiner Tauflehre platziert: Christ-Sein als Provokation!

 

Die Leserin wird im Essay an Orte in der Kirche geführt, die in Flügges Lesart ein demgegenüber verzagtes evangelisches Christentum zeigen: Der Gottesdienst, die Schrift, die Propheten. Es wird nicht wenige geben, die ins Hamsterrad des Widersprechens einsteigen und erzählen, wo sie Anderes erlebt haben. Das ist in der Tat die beschäftigte Selbstimmunisierung kirchlicher Kreise, von der das Buch auch berichtet. Es scheint immer noch schwer zu sein, aus Mechanismen der Selbstlegitimierung auszusteigen. Ich hingegen frage mich, ob nun ausgerechnet das Abarbeiten an Autoritäten einer postsäkularen Gesellschaft überhaupt angemessen ist. Auf mich wirkt dies in Zeiten flacher Hierarchien, agiler Organisationen und fluider Entscheidungsfindungen eigentümlich aus der Zeit gefallen (s.o.: mein Verdacht der römischen Deutungskategorien).  Was ist der Gewinn, über eine – mancherorts noch dringend notwendige – Aufgabenkritik hinaus?

 

Was Religiosität angeht, ist Flügge auffallend optimistisch: Dass Gottesdienste sich aus den religiösen Funktionen des Betens und Segnens heraus von selbst „neu ordnen“, steht allerdings nicht zu erwarten, wenn Menschen schlicht grundlegende religiöse Ausdrucksformen nicht mehr zugänglich sind, wie im Buch häufig anonymen Dritten (etwa der „promovierten protestantischen Freundin“) in den Mund gelegt wird. Dass Menschen tatsächlich letztlich so „latent kirchlich“ sind, wie Flügge annimmt, müsste erst noch gezeigt werden. So einfach es zunächst klingen mag, Kirchlichkeit über die Nachfrage religiöser Angebote aufzubauen: Das evangelisch-volkskirchliche Modell von Zugehörigkeit unabhängig von einer Prüfung des Glaubens „von außen“ ist damit verlassen. Die Provokation, die dem Protestantismus inhärent ist – „Der Mensch hat seinen Weg gefunden, über die Lehre von der Kanzel herab hinaus, sich selbst in Beziehung zu Gott zu setzen.“ (p. 38) – ist aus meiner Sicht klug neu beobachtet. Dass der ‚Geist des Protestantismus‘ auch jenseits der verfassten Kirche wirksam ist, ist schließlich eine der wesentlichen Einsichten liberaler Theologie. Und es wäre lohnenswert, hier theologiegeschichtlich nach Strukturanalogien zu suchen. Es könnte gut sein, dass wir anhand dessen unsere heutigen Konfessionen besser verstünden. Und auch ein gelassenes Verhältnis zur Fragilität kirchlicher Sozialgestalt bekämen, die eine notwendige Folge dieser Einsicht ist.

 

Die Frage, die Erik Flügge nicht stellt, ist jedoch, wie „der Mensch“ diesen „Weg findet“. Ist es nicht eine dem christlichen Glauben evangelischer Prägung inhärente Leistung, dass seine Maßstäblichkeit quasi „subkutan“ wirkt und dann und wann exemplarisch sichtbar wird? Als Zustimmung zu materialen Glaubensinhalten, wie am Beispiel der Auferstehung ausführlich traktiert, jedenfalls nicht. Da zeigt sich, wie mächtig die jeweilige auktoriale Hermeneutik ist – seine wie meine. Ärgerlich ist allerdings die Art und Weise, wie die Positionen der befragten Kolleginnen* vorgebracht werden, weil gar nicht danach gefragt wird, inwiefern diese Ansichten für jemanden stimmig sind. Könnte es also sein, dass der Protestantismus in seiner Entäußerung in alle Bereiche der Gesellschaft provokativer ist als Erik Flügge? Und dann wäre es gar kein Zufall, dass „[p]rotestantisches Denken … heute omnipräsent“ ist (p. 16).  Nebenbei bemerkt: Den evangelischen Gottesdienst primär und ausschließlich als Lehrveranstaltung zu verstehen, von dem sich der mündige Christenmensch eigentlich zu emanzipieren habe, ist eine fraglos normativ gesetzte Annahme, die sich aus der prominent im Klappentext positionierten Episode abzuleiten scheint, in der Grundszenen gottesdienstlichen Lebens mit einer bespinnwebten Patina längst vergangener Zeiten, die es so vielleicht nicht gegeben hat, überzogen werden. Allerdings mag ich nicht glauben, dass der Autor nicht auch reichlich andere Erfahrungen in evangelischen Gottesdiensten machen könnte! Flügges Beobachtungen sind gut und treffend, aber sie sind auch einseitig und überspitzt. Das soll seine Deutungen nicht relativieren, macht es der Leserin zugleich aber schwer, immer zu folgen. Es ist ja eine beraterische Binsenweisheit: Wo ich hinschaue, da entsteht Wirksamkeit. Man kann zweifellos viel Jammern sehen, man kann aber auch motivierte Geistliche aller Generationen sehen, Aufbrüche in und am Rande der verfassten Kirchen.

 

Erik Flügge schaut auch auf die Bibel als weiterer Autorität; auffälligerweise als dogmatische Grundsignatur „Schrift“ eingeführt, worunter dann allerdings der Bibelgebrauch von evangelischen Christenmenschen verhandelt wird. Nicht nur an dieser Stelle des Essays habe ich den Verdacht, dass Beschreibungen und Normativitäten durcheinandergeraten. Die Idee der prinzipiellen Unabgeschlossenheit des Kanons hat Flügge von Karl Barth aufgenommen (KD I/2, 532), deutet sie allerdings anders, indem er dies als Appell zur Fortschreibung der Bibel interpretiert. Ich frage mich, weshalb er denn nun nicht mit einer Fortschreibung dieser Art in Predigten rechnet? In Flügges Argumentation wäre das aus meiner Sicht logisch gewesen, allerdings hätte sich dann der vorherige Abgesang auf den evangelischen Gottesdienst verboten… Die Pointe der Unabgeschlossenheit des Kanons besteht meines Erachtens nun gerade darin, dass der Kanon sichimponiert, und nicht, dass Christenmenschen den Lehrbestand aus dem eigenen theologiegeschichtlichen Zitatenschatz auffüllen. Hier – wie übrigens an vielen Stellen gegenwärtiger theologischer Diskussionen – zeigt sich, dass der Status von evangelischer Lehrbildung in Gegenwartsdiskursen reichlich Aufholbedarf hat. Evangelische Lehre ist eben nicht durch Traditionsfortschreibung, wie hier gefordert (und gut römisch), garantiert. Die Frage hingegen, was uns als evangelische Theologinnen eigentlich antreibt, gegenwartsfähig zu beantworten, ist ein Desiderat, auf das Erik Flügge nachdrücklich hinweist.

Das Kapitel zur Prophetie rührt an die Sehnsucht charismatischer Führungsimpulse im Sinne Max Webers; wenn dies denn mehr sein soll als eine gute PR-Strategie (und auch das wäre ja schon was). Ehrlich gesagt wünschte ich mir, eine Vielzahl von Geistlichen hätte mit lokaler oder regionaler Reichweite etwas von der theologischen Freiheit, die hier angedeutet wird. Ob es sich hier nicht eigentlich konsequenterweise um eine Beschreibung des Pfarrberufs handeln müsste?

 

Was mir – bei Fragen zu nahezu allen Details des Buches – sehr gut gefällt, ist, dass Erik Flügge sich einen mutigenProtestantismus wünscht. Mir gefällt das sehr gut, weil nach meiner Einschätzung nur ein mutiger Protestantismus gegenwarts- und zukunftsfähig sein kann, wenn er Glaube in einer offenen Gesellschaft zur Sprache bringen will. Die Unsicherheiten und Unabsehbarkeiten, in denen wir leben (von denen übrigens im Buch erwartungsgemäß keine Rede ist), dürfen nicht weiterhin so viele Impulse in der Kirche freisetzen, sich doch besser zurückzuziehen und eigene Welten von Sprache, Kultur und Lebensstil zu bewohnen. Ein relevantes Christentum muss sich – unabhängig von seiner konfessionellen Signatur – aussetzen. Das braucht Mut. Weil Mut heißt, sich in Situationen zu begeben, die unsicher sind. Weil es bedeutet, mit Fehlern umzugehen, mit Devianzen, mit Spannungen, Ablehnung und Kritik. Weil es bedeutet, Vertrauen in sich und die Kirche zu haben. Mut, der weiß, dass er sozial-moralischer Natur sein muss und damit auch unrealistische, pseudo-inklusive Narrative zu verabschieden hat. Mutige Christenmenschen sind eine Kirche, die all dies zulässt und fähig ist, sich selbst zu begrenzen. Chronische Anspannungen in der ewigen Auseinandersetzung um Relevanzverlust und Vielfältigkeit von Anforderungen und Erwartungen arbeiten dem entgegen. Die Kirche muss trauern (und deshalb auch „heulen“, wenn diese Tränen Ausdruck von Jammer sind und nicht Gejammer) und sie muss sich erholen. Sie sollte in Urlaub fahren, andere vorübergehend die religiöse Arbeit machen lassen (und nicht dauernd denken, davon ginge die Welt unter), aus Angsthasen Hasenbraten machen (oder wie ist das Cover zu verstehen?), schöne Orte sehen, einen Atmosphärenwechsel erleben, sich ausreichend bewegen und guten Rotwein trinken. Anschließend wird sie fähig sein, ihre Dinge zu ordnen, weil sie weiß, was ihr wichtig ist, weil sie eigenständig denkt, weil sie weiß, wo sie stark ist und wie sie mit ihrer Schwäche umgeht. 500 Jahre nach der Reformation würde die Kirche auf diesem Wege weiter erwachsen. Und könnte dann provozieren – aus den Hamsterrädern des Profanen herausrufen, wie es einem Leben aus der Taufe entspräche. Insofern: Dass römische Deutungen evangelische Selbstdeutungen provozieren, die eine hohe religiöse und gesellschaftliche Sprengkraft entfalten, hat Tradition.

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

 

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Hybride Communities of Practice

 

Rezeptionsbeobachtungen zum ZDF-Fernsehgottesdienst „Helden der Versöhnung“, 7. April 2019 aus der Stadtkirche Pforzheim

 

 

Im Vorprogramm läuft ein „Wertemagazin“.

Ich wusste gar nicht, dass man das in ein Format gießen kann;

und stelle vorsichtshalber den Ton ab.

 

Manche sitzen mit nassen Haaren da.

„Mama, hast Du den Zug verpasst?“

Eine muss noch schnell Tee machen.

Die anderen Kaffee.

Andere kommen später dazu.

„Stell doch mal lauter.“

 

Ist ein Livestream eigentlich live, wenn er einige Minuten zeitverzögert ist?

Ist das eigentlich kein Gottesdienst, wenn es nebenbei Brote und Nutella und Käse gibt?

 

Alte und neue Bilder überblenden sich.

Beraten, betroffen, beerbt. Hier wie dort.

In diesem Gottesdienst und an unseren Küchentischen.

 

Wir erzählen uns von Tränen und wie schön die Lieder sind.

Kinder kommen und gehen, ungeschminkt und sonntagsfein, und rufen am Ende laut Amen.

Und alle kennen diese Nicos.

Manche hat das Gesangbuch auf die Butterdose gelegt.

Noch schnell auskauen, bevor es ans Singen geht.

Brot, Joghurt, Frühstücksei und das Lob Gottes, quer in den Sonntagswohnungen.

 

Frieden eilt um die Welt und durch unsere Chatchannels.

Welche Freude, wenn wir jemanden sehen, den wir kennen.

 

Und ich träume, dass Gott sich das nochmal überlegte, mit Lots Frau.

Die Pfarrerin reichte ihr Brot und Wein mit zitternden Händen und nicht nur Lots Frau wäre es, und die Hitlerjungen und die, die heute nicht mehr daran glauben, dass Demokratie möglich ist – es wären nicht nur ihre Worte, wenn sie sagten: „Ich war auch dabei.“

 

Unter dem Kreuz stehen die, die sagen: „Ich war auch dabei.“

Und sie teilen Toastbrotreste und den einen Schluck Grapefruitsaft und die wortlose Geste Jesu ist da: Elf sind da. Ein Platz ist für Dich.

 

Und mitten dazwischen spielen sie Hymnen und sie könnten tanzen, wenn nicht das Drehbuch da wäre, und alle gehen hin und die Tür ist offen und eine segnet sie alle.

 

Sie feiern weiter. Wir reichen nochmal das Brot herum und verteilen Coffee-to-go für den Kirchenkaffee in Sonntagsbetten und machen so selbst den Ton zur Welt. Zögerlich-zuversichtlich live.

 

 

Religiös unbekannt. Zur „Göttinger Jesusfigur“

Evangelisches Studienseminar Hofgeismar, 

18. Februar 2019

 

Ich habe Jesus gefunden, sagt sie am Telefon. Man glaubt ihr nicht. Natürlich nicht.

In unserer religiös wohltemperierten Gegend ist Erweckung dieser Couleur etwas eher Fremdes.

In der öffentlichen Welt ist Religion diskret.

In einer Bildungseinrichtung zählen in guter Tradition vor allem die besseren Argumente, um gesprächsfähig zu sein.

 

Ich habe Jesus gefunden, sagt sie am Telefon. Jetzt schon eindringlich, nachdrücklich.

Es ist bereits dunkel, an diesem Abend. Sie geht durch einen Stadtpark, wie ihn so viele Städte haben, vor oder nach der Arbeit, vielleicht mit Hund. Vermutlich auf immer wieder gegangenen Wegen. Man könnte es Alltag nennen.

Sie findet Jesus. Lebensgroß, auf einer Parkbank liegend. So eine Parkbank, auf die zumindest ich mich nur notfalls setzen würde. Ein bisschen im Eck, mit nassem Laub und Resten von Zigaretten und Chipstüten zwischen den Streben, mit Graffiti besprüht. Und abends immer leicht feucht, es muss kalt sein.

Jesus auf der kalten Parkbank. Goldfarben, wäre es Tag, würden Dich die Reflektionen blenden. Und zugleich ein bisschen ramponiert, ein Arm ist ab. Dornenkrone und Lendenschurz, zu leicht bekleidet für Anfang Februar in Göttingen. Und ich muss aufpassen, dass ich nicht anfange mit zu frieren. Mit Jesus, in diesen Zeiten.

Ein Kulturzentrum hatte den als Requisite verwendeten Corpus Christi weggeworfen, Unbekannte hatten ihn aus einem Altmetall-Container entwendet und auf die Parkbank in der Nähe des Leineufers gelegt.

 

Das kulturelle Christentum in Deutschland ist stabil. Es trägt auch zur Stabilität unserer Kirche bei. Und doch macht es mich mindestens nervös, wenn die sichtbaren Dinge unseres Glaubens nur Requisite sind. Die eben noch nützlich sind, dann aber im Weg stehen.

Und dann sind da die Unbekannten. Sie machen irgendetwas mit den religiösen Dingen und ich weiß nicht wie und warum und doch erkennen sie irgendetwas: Sie legen Jesus auf eine Parkbank. Soll das humorvoll sein? Oder provokant? Oder fürsorglich? Ist es eine hilflose Geste? Meinten sie, ein paar Euro damit zu verdienen und jetzt ist sie doch zu schwer?

Und bin ich etwa abergläubisch, wenn ich jetzt am liebsten zum Auto zurückgehen würde, um ihn wenigstens behelfsmäßig in eine Decke einzuwickeln?

Und dann ist da die, die abends ihrer Wege geht. Nach der Arbeit oder vor der Arbeit, mit oder ohne Hund. Sie findet Jesus. Und niemand will ihr glauben.

Das ist kein Argument. Mit Religion haben wir es nicht so. So glaubt man hier nicht.

 

Die Polizei ist Freund und Helfer und kommt dann doch, obwohl sie kein Wort glaubt. Jesus wird erstmal in Gewahrsam genommen.

Verwaltungsgericht Köln, 20. November 2014: „Der Vorgang wird als Ingewahrsamnahme bezeichnet und begründet ein mit hoheitlicher Gewalt hergestelltes Rechtsverhältnis, kraft dessen eine Person die Freiheit in der Weise entzogen ist, dass sie von der Polizei gehindert wird, sich fortzubegeben.“

Die Zeitung berichtet, man wolle die Metallskulptur nicht einfach entsorgen, sondern suche einen neuen Ort für sie. Ein neues Zuhause.

In allem, was nur Requisite war, scheint Personsein auf, Bewegung, Wirksamkeit, eine mediale Aufmerksamkeit. Vielleicht auch Anstand, religiöser Respekt, Ehrfurcht.

Was ist das, was uns da plötzlich unvermutet vor die Füße fällt?

Niemand glaubt Dir. Du hast Jesus gefunden. Manche sagt vielleicht: Da ist etwas. Es gibt mehr. Was Du siehst, ist nicht alles. Es gibt rote Fäden, scheinbar unerklärliche Zusammenhänge, plötzliche Einsichten, Dinge, die einfach nicht so sein können, wie es die Welt will.

„Hurra. Handloser Heiland hat Heimat“, jubelt die Presse.

Die Finderin ist konfessionslos. Sie sagt: Jesus passt sehr gut in meine Wohnung. Ich glaube zwar nicht, aber Jesus bekommt bei mir einen Ehrenplatz.

Die Polizei erklärt den Fall für aufgeklärt und abgeschlossen.

 

 

Fotocredit: Polizeidirektion Göttingen  

 

 

 

Weiteres Verzeichnis einiger Verluste, unscharf.

 

Aus dem großen Resonanzfeld der WinterWortWerkstatt 2019

Hanau, 26. Januar 2019

 

Vom Rest des Hauses durch eine Brandschutztür getrennt. Kleine Kinderhände müssen ganz fest drücken, schon so, dass die Fingerknöchel hervorschauen, damit sich was bewegt. Über den Widerstand hinaus, und Du wirst mit einem Quietschen belohnt. Der Kessel in Viessmann-orange (RAL 2001), obenauf eine Rußschicht, verschmiert eingebrannt, aber wer reckt den Hals schon so weit, um das zu sehen. Kalte Kacheln, graumeliert, und eine eigentümliche Wärme, fast mit Händen zu greifen. Die zähflüssig-thixotrop anmutet und sich mit jener Kälte verbindet, die die Tiefdrucklagen des deutschen Mittelgebirges zwischen die Häuser drückt.

Fenster jedenfalls beschlagen von innen und tauchen die Welt draußen in ein unscharfes, graues Licht.

Nirgends sind die Dinge klarer als zwischen allen Dingen.

Dort, wo die Funktionalitäten sich ihrer Reste entkleiden, sammeln sich die, die dem Takt trotzen, den entschlossenen Schritten und runden Geburtstagen mit angeschlagenem Goldrandgeschirr.

 

Sie ist eine kleine Dame. Während andere schimpfen und nichts erklären, erklärte sie alles und schimpfte nie. Also, so „Alles“ und „Nie“, wie man das halt so sagt und Ihr-wisst-schon-wie meint. Und sie und ich kauern auf kalten Kacheln, angelehnt am viessmann-orangenen Heizkessel, jenseits der wirklich bewohnten Welt und dem Gelächter an der Kaffeetafel voller Sahnetorten und Uromas Nusskuchen, wo ich das Nesthäkchen mit dunkelblauem Faltenrock und Puffärmelblüschen bin.

Überhaupt, wenn der immerwährende Kalender in der Küche das Feiern von Festen anordnet, puzzeln sich auf wunderbare Weise alle Möbel zu  einer einzigen, langen Tafel zusammen, deren Kanten und Unebenheiten nahezu mühelos kaschiert sind mit den Leinentischtüchern, die ihren wenigen großen Auftritten in einer schweren hölzernen Aussteuertruhe in der Diele entgegenfiebern.

 

Die kleine Dame, meine Oma, ist einfach durch zu viel Leben gegangen, um an all diese Spiele zu glauben. Ich verstehe wenig und ahne viel. So sitzen wir da, die Füße sind kalt und das Herz ist warm, indirekte Hitze direkt durchs Rückenmark.

 

Und wenn dann mal die Tür aufgeht, weht der leicht bittere Zug von Bohnenkaffee und Süße von Wurstsuppe zu uns. Und die wenigen Worten an der Grenze zu einer ahnungsvollen Wirklichkeit sind wie Schuhlöffel, die verhindern, dass das Leben sich vor der Zeit abnutzt. Graumelierte Kachelvorsprünge werden zur Bettkante, auf der die Geschichten erzählt werden, irgendwie auf dem Absprung dorthin, wo die Träume zählen.

 

Und an den langen Kaffeetafeln derweil die, die man oft bei- und dabei stets nebeneinander sieht. Hier wie beim Spazieren durchs Viertel oder Zeitunglesen. Nie sehen sie sich an, tauschen weder Worte noch Gesten. Also, diese Worte und Gesten, die mehr sind als Bewegungen und Laute. Schulter an Gewohnheit und Gewohnheit an Schulter vergeht die Zeit und sie gehen sich nichts weiter an als nötig ist für diese Nächte, in denen sich die Kälte von den Füßen ins Herz schleichen will.

 

Draußen hingegen brauchst Du heute den Mantel und dieses eigentümliche Zwischendrinnen, am Hotspot der Stadt, wo es den besten Kaffee gibt und Mantelständer Kratzer an der Wand hinterlassen und der Blick aus dem Fenster solche an der eigenen Moral.  Und freundliche Begrüßungen sind wie Leinentischtücher, die Kanten und Unebenheiten fast mühelos kaschieren, damit man einander bekannt bleibt als die, die tatsächlich noch Zeitungen lesen und sich und einander die Hände an dem Traum wärmen, man könne die Welt mit immer neuen Theorien beschreiben und verstehen.

 

Once in a while ist da etwas eingerichtet und du bist da, ohne dich wirklich niederzulassen. Flanierend zwischen Orten, die zähflüssig-thixotrop Wärme aus verborgenen Wänden pusten, vorgebend, echt zu sein. Und manchmal bleibst Du auch über Nacht. Und noch eine und noch eine. Die Tage werden zwar unterschieden, doch Nacht sei gleich, behauptet die Literatur [Elias Canetti, Provinz des Menschen].

 

Doch zurück ins Mittelgebirge und den Tiefdruckgebieten. Sie jedenfalls blieb dort. Sie ahnte nichts von den wenigen Worten in viesmann-orangener Kontur und den Unschärfen, die ein Blick durch von innen beschlagene Fenster erzeugt. Ihr war die Ordnung das Geheimnis des Puzzles und sie stimmte eben ein. Sie bügelte die Leinentischtücher, schlug die Sahne und putze Kondenswasser von den Fenstern.  So hatte sie das gelernt, in der Kinderlandverschickung, weil es in der Stadt zu gefährlich war. Die Gefahr hatten übrigens die gebracht, die jetzt die Kinder verschicken ließen.

 

Sie ihrerseits zog den Kindern dunkelblaue Faltenröcke an und Puffärmelblüschen. Eingebrannten Rußschichten sagte sie den Kampf an, auch denen, die fast keiner sieht und nach denen Du den Hals recken musst.

 

Sie kochte Wurstsuppe und Bohnenkaffee und werktäglich zuverlässig öffnete sie den Pultdeckel des Sekretärs mit einem kleinen Messingschlüssel als Ritual einer Welt, die immer eine Nummer zu groß ist und in der alles seinen Platz hat. Ein Leben mit drei Schubfächern, im Aufsatz Sortierfächer, kleine Schublädchen, Aussparungen für Tinte, Papier, Briefe und die viktorianische Kuppeluhr, die alle Dinge in 15-Minuten-Takte teilt.  Gold und Bewegung und Klingelklang unter einer Glaskuppel, von irgendeiner Hand gefertigt, und keiner weiß wie. Zuverlässige Bewegungen drinnen und draußen.

 

„Ist das eigentlich eine Krankheit, dass Mama nicht aus ihren Abläufen rauskommt? Merkt sie das überhaupt? Ich gucke sie nur an.“ [Alexa Hennig von Lange, Kampfsterne]

 

Ich gucke sie an, wie sie da sitzt.

 

Wer erkrankt, verliert Schritt für Schritt seine geistigen und intellektuellen Fähigkeiten. Gedächtnis, Denkvermögen, Sprache und praktisches Geschick verschlechtern sich kontinuierlich. [flarft]

 

Die Angst davor, in wenigen Jahren ohne Erinnerungskultur auskommen zu müssen, darf nicht zu Inszenierungen führen, die eine Begegnung nur vorgaukeln. [FR vom 26.01.2019]

 

Ich gucke sie an, wie sie da sitzt. Ich habe kalte Füße und ein warmes Herz, indirekt durchs Rückenmark.

 

Und wenn dann mal die Tür aufgeht, dann muss sie ganz fest drücken, bis die Fingerknöchel hervorschauen. Es kommt der leicht bittere Zug von Bohnenkaffee und die Süße von Wurstsuppe und Fragen von Ämtern und Behörden und Richtern. Und ich ahne eine Wirklichkeit voller Bilder in sepia-viessmann-orange, die neben meiner steht. Und sie tauschen weder Worte noch Gesten, wohl aber Kaffee in angeschlagenem Goldrandgeschirr.

Und ich, ich beantworte Fragen von Ämtern und Behörden und Richtern und erkläre nichts.

 

 

 

 

VorFreude

 

 

Hildesheim,

Itzum,

ein zugiger Bahnhof (der Lokführer hatte verschlafen)

und ein Landeskirchenamt,

19./ 20. Dezember 2018

 

 

Termin blockieren

in der Farbe, die sagt:

„Das darfst Du nicht verschieben“,

in der Farbe, wie die Kugel am Weihnachtsbaum,

schillernd, leuchtend, golden,

wie das Paradies.

 

Ticket kaufen

Wenn alles noch superspar ist.

Rückgabe und Umtausch unmöglich.

Nur anfänglich Schelte für eigene Großzügigkeit:

Zeit für Zimtgeruch und Zimbelklang in der Stadt,

Zeit für das, was es nur hier gibt (#rösterei),

und diese seltsame sichtbare Kirche,

die jetzt ist und später nicht (#popupchurch),

seltsam, weil wir das in der Institution so gar nicht können,

das Saisonale, das Flüchtige, etwas lassen, was gut ist.

 

„Pling“ abstellen

Die Nachrichten kommen trotzdem.

„Wie verstehen wir das Thema?“

„Was gehört dazu?“

„Geht Arbeitsteilung?“

 

„Es hat nichts mit Hier und Jetzt zu tun.“,

behauptet meine Recherche.

Ich seufze. Als ob es nicht schon genug logische Probleme gäbe.

Hier und Jetzt ist etwas, was nichts mit Hier und Jetzt zu tun hat.

Und gehe damit ich durch den Advent.

 

„Ein emotionaler Snack“, ruft die Lieblingskolumnistin mir aus eilig gelesenen ZEITungen zu – wir brauchen das jetzt alles zum Basteln, diese Worte, das dezembernebelklamme Papier und die unfertigen Gedanken. An den Wörterwerkbänken wird eifrig gehobelt, während Wundermusik und Magentasterne uns ahnen lassen, wie ein Krippenkind die Fäden der Welt zieht.

 

Und lauter wirr-irres Zeug kommt auf den Tisch. Uralte Geschichten und flüchtige Begegnungen von heute, Zumutungen und reichlich Zukunft. Wir können uns Wirklichkeiten vorstellen, die derzeit nicht gegenwärtig sind. Anticipated pleasure, sagt die Forschung. Immer abstrakt. Ich schaue mich um und zweifele an den gelehrten Thesen.

 

Eingespielt im Spiel selbstgemachter Regeln und trotzdem überrascht. Engel im Haar, Nur-Jetzt-und-noch-nicht-Gerüche, Großer Raum in kleinen Hütten, Schriftworte an leuchtenden Wänden, probably made in China. Licht von Osten, durch eine ganze Nacht – bescheint Drinnen und Draußen und auch Deine Angst und Pein. Als sei das Leben Ein- und Auswickeln, Entdecken und Verbergen. Geheimnis, sagt die Schrift. #déformationprofessionelle

 

Schließlich: Frühstmorgens im Strom letzter Tage vor Weihnachten Spuren von everyday-entrepreneurship. Luhmann verkriecht sich im Koffer, während sein soziales Vertrauen mir in der S-Bahn gegenübersitzt. Mein Arbeitstag trailert #komplexitätsreduktion und die Ahnung: Vielleicht wird es gut. Und irgendwer hat mir für die vielzufrühe Ankunft im Amt eine Kanne frischen Kaffee in den Meetingraum bestellt. Diese Dinge, die nichts mit Hier und Jetzt zu tun haben.

 

Nur Nachfreude ist nostalgisch.

Segen, dass das, was kommt, das ist, was nicht hier und jetzt ist.

Was kommt, kommt von vorn.

Lässt sich nicht verschieben.

Vielleicht wird es gut.

Hier und Jetzt ist etwas, was nichts mit Hier und Jetzt zu tun hat.

Es hat die Farbe wie die Kugel am Weihnachtsbaum.

Wie das Paradies.

Und es schmeckt nach Minze und karamellisiertem Zucker.

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt (Weihnachtsmarkt Hildesheim)

 

Diese Sache mit „Begriff“ und „Anschauung“. Allererste Übungen fürs Predigen

 

Heilsbronn, 28./ 29. November 2018

 

Versuch über die Verantwortung

 

Was sagst du eigentlich? Kundige Menschen fragen das Jesus. Die Rechtslage ist klar: Im Gesetz steht, dass Frauen gesteinigt werden, wenn sie beim Ehebruch ertappt werden. Was ist Deine Meinung?

 

In der pluralistischen Gesellschaft ist es erstaunlich einfach, mit der eigenen Meinung gut zu leben. Mit dem, was Du sagen müsstest, wenn Dich denn überhaupt jemand fragte, was richtig sei. Denn es gibt immer genug Leute, die das Gleiche oder ähnlich denken und Dich darin bestärken.

 

Eli Pariser hat 2011 in einem Buch ausgeführt, dass es vielleicht so ist, dass uns ein Großteil von Meinungen schlicht verborgen ist. Algorithmen werden immer besser darin, vorauszusagen, welche Informationen und Meinungen ich eigentlich finden möchte. Das isoliert mich von Informationen, die nicht meinem Standpunkt entsprechen.

 

Deshalb scheint es erstmal erstaunlich, dass die schriftgelehrten Leute Jesus fragen: Was sagst Du eigentlich dazu? Freilich, sie suchen einen Grund, um ihn anzuklagen: Was Du meinst, ist nicht recht. Du siehst das nicht recht. Es kann gar nicht stimmen. Weil es anders ist, als es meine stabile Auffassung so meint.

 

Wo treffe ich diese anderen Meinungen, die mich herausfordern, Verantwortung zu übernehmen?

 

Es ist nicht so leicht, über die Verantwortung zu predigen, ohne moralisch zu sein. Deshalb erzähle ich Euch eine Geschichte über die Verantwortung:

 

Nachdem in Kassel der Obelisk vor wenigen Wochen abgebaut wurde, entschied eine junge Performancekünstlerin, eine Aktion auf dem Kasseler Königsplatz zu machen. Es war ein Sonntag, wo die Geschäfte geschlossen, die Cafés aber geöffnet sind. Einer der letzten schönen Herbsttage, die manche nochmal nutzten, um durch die Straßen und an den Auslagen vorbei zu flanieren. Yi Dahn kniete auf dem Asphalt und schrieb immer wieder diesen Satz weiter: „Ich bin ein Fremdling gewesen, und…“. Zunächst waren die Buchstaben groß, kunstvoll, kalligraphisch. Je mehr Menschen sich beteiligten, mitmachten, je weiter es an den Rand ging, desto zufälliger und eiliger wurden die Worte. Ich sah eine Weile zu, was dort geschah. Und nach Jahren der blankpolierten Flächen der Whiteboard- und Powerpointwelten nahm ich wieder einmal ein Stück Kreide in die Hand. Was sagst Du? So in Gedanken verloren, hörte ich plötzlich eine Stimme neben mir. Eine kleine Frau, so etwa Mitte 60, sonntäglich stadtfein gemacht, war wohl just hier an der Straßenbahnhaltestelle ausgestiegen: „Sagen Sie doch auch mal was, das geht doch nicht, dass die hier alles verschandeln!“ Sagen Sie doch auch mal was! Was sagst Du? Freilich, sie hat gar keinen Grund, mich anzuklagen. Mag sein, sie sucht Verbündete. Doch warum eigentlich ich? Weshalb werde ausgerechnet ich gefragt?

 

Sagen Sie doch auch mal was. Und vielleicht kennt einer von Euch diese Momente, wo man dann so dasteht, und eigentlich schon etwas denkt und meint, und vielleicht Angst hat vor der Gegenrede oder schlicht grad keine Lust hat auf Auseinandersetzung und tausendmal irgendwo Gehörtes und deshalb lieber etwas ganz Unverbindliches sagt: Ach wissen Sie, der nächste Regen wird es schon richten! Und im gleichen Augenblick ärgere ich mich ja, dass ich nicht sage, wie wichtig es mir ist, dass das Fremde in unserer Stadt endlich Worte und Stimmen und Ausdruck und öffentlich Raum bekommt.

 

Weshalb werde ausgerechnet ich gefragt? Und dieses „Ausgerechnet“, das mir in den Sinn kommt, macht mich hellhörig. Gehe ich denn eigentlich davon aus, dass es reicht, wenn Andere nach ihrer Meinung gefragt werden, ich möge aber bitteschön doch in Ruhe gelassen werden? Und irgendwie empfinde ich es schon auch als Zumutung, nicht in meiner eigenen sonntagssinnierenden Welt zu verbleiben, sondern so direkt herausgefordert zu sein, angegangen, berührt von einer Weltsicht außerhalb meiner eigenen Meinungen und Überzeugungen. Die Filterblase jedenfalls hat einen Piks bekommen.

 

Jesus jedenfalls „bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde“.

 

Verantwortung ist, wenn ausgerechnet ich gefragt werde, was recht ist. Ich habe mir das Kreidestück in den Rucksack gesteckt.

 

 

Zum Dritten Advent 2018 (Reihe I: I Kor 4)

 

In der Mitte der Woche, allerallerspätestens dann, beginnen in der Familie Pläne für das Wochenende zu reifen. Wir leben in einer aus Zukunft bestimmten, gegenwartslosen Zeit.

 

„Ich will zu meinen Freunden“, sagt der eine, „wäre es nicht schön, Besuch zu haben?“, fragt der Andere. Und im Geiste sortiere ich regenfeste Kleidung für die Matschparty der Kinder im Park, schreibe Einkaufslisten für Sonntagskuchen und sammele die Brötchenkrümel auf, die schon seit Wochenbeginn unter dem Esstisch liegen. Sortiere das im Geiste, bevor ich es dann wirklich tue. Haushalterin.

 

Was für die Zukunft spekuliert wird an den großen Börsen der Welt, wo die Zahlen in Überlichtgeschwindigkeit in allen Richtungen um die Erdkugel fliegen, bestimmt, was für die Dinge, mit denen wir handeln, heute geschieht. Und auch bei mir: Amazon weiß heute, was ich morgen kaufe. Wir leben in einer aus Zukunft bestimmten, gegenwartslosen Zeit.

 

Und wenn Gott heute wüsste, was morgen wäre? Und wenn Gott heute wüsste, wer ich morgen bin? Und das morgen heute ist? Dann bin ich Haushalterin der Geheimnisse Gottes.

 

Pläne zu machen, wäre nun töricht, aber Bilder, wie es sein wird, gleich den Kindern, die im Matsch spielen, und dem Sonntagskuchenbesuch in der entkrümelten Stube, die habe ich auch:

Von den Herzensdingen, die von Gottes Licht beschienen sind.

Und dem Trachten des Menschen, das gut sein wird und ans Ziel gekommen ist.

 

Und Gott?

Er schaut durch die Terrassentür und summt leise ein Lied vor sich hin. Und die Welt, alle Zahlen und Listen und sogar die Krümel unter dem Tisch, sind durchzogen von dieser Melodie.

 

 

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt (St. Matthäus-Kirche, Regensburg)

 

 

 

 

 

 

 

Complexity turns, oder: Wie lernt man eigentlich einen religiösen Beruf?

Gastbeitrag für #mehrFragenalsAntworten von kirchehoch2

 

Dass religionshermeneutische Berufe sich notwendigerweise in Spannungsfeldern situieren, gehört spätestens seit der Rede von Kirche „auf der Schwelle“ (Ulrike Wagner-Rau, 2009) zum common sensepraktisch-theologischer Einsichten. Wie sich Kirche heute angemessen zeigt und was die Rolle von Pfarrern und Pfarrerinnen darin ist, wird zugleich – sachlogisch zutreffend – unklarer.

 

Was bedeutet diese kategoriale Diffusität für den institutionellen Bedarf nach vergleichbarer, abprüfbarer und effizienter Ausbildung? Was bedeutet sie für eine Berufsgeneration, deren – für Ältere leicht verstörendes – Sicherheitsbedürfnis stetig auf überraschende, komplexe Anforderungssituationen trifft? Könnte sich an dieser Stelle vielleicht besonders deutlich die Notwendigkeit eines #complexityturns zeigen?

 

Spannungsfelder

Die Sehnsucht nach sichtbarer Zugehörigkeit sowie Überwindung von berufsrollenspezifischer Einsamkeit angesichts des angenommenen Relevanzverlustes der Kirche steigt. Hinzu kommt, dass Kirchlichkeit in der deutschen Gesellschaft zunehmend als kulturellerHabitus an Bedeutung gewinnt und damit grundsätzlich ins Gegenüber zur religiösverstandenen Professionsrolle tritt. Das „Alles doch bitte wie gehabt“ der hochverbundenen Milieus konfrontiert sich mit der ebenso einseitigen Haltung, alles, was uns heute beträfe, sei „noch nie dagewesen“ (Pierre Bordieu hat diese Beobachtung bereits 1998 gemacht).

 

Zugehörigkeitsanforderungen und -sehnsüchte einerseits, Wille und Motivation zu Erkundung und Experiment andererseits treten gleichzeitig auf. Dies gilt auch für die Bezugssysteme, in denen religiöse Kommunikation auf Dauer im Schwange gehalten werden soll: Existieren auf der einen Seite Erwartungen, Erwartungserwartungen und herkömmliche Strukturen parochialer Kirchlichkeit, ist zugleich mindestens exemplarisch auf religiöse Kommunikation an herausragenden anderen Orten hinzuzeigen.

 

Stilsicher Veränderungsfertigkeiten lernen

Wenn ich im Feld dieser gegenläufigen Entwicklungen nach einer aktuellen zentralen Frage Ausschau halte, ist es diese: Wie lernt man eigentlich eine geistliche Berufstätigkeit im Kontext einer Kirche, die institutionell dazu beauftragt ist, dabei aber im Blick auf eine Berufssituation in derzeit offenen und sich rasant entwickelnden Organisationsstrukturen, die kaum überblickt werden können, handlungs- und stilsicher machen will? Wie lernt man dieses berufsreligiöse Riskieren, ohne sich entweder in vermeintliche Kerngeschäfte zurückzuziehen noch sich ständig „im freien Fall befindlich“ zu fühlen?

 

Der institutionelle Zusammenhang, in denen Ausbildung geplant wird und Bildung sich ereignen soll, verschärft den Verdacht, die Organisation verfolge in dieser diffusen Gemengelage ein Klärungsinteresse im Blick auf die berufsförmige Profilierung des Pfarramts. Und sofern sie es mit Kennzahlen, Personalstellen und Kostenkalkulation zu tun hat, erscheint dieses Interesse sogar teilweise plausibel und löst Dringlichkeiten aus.

 

Demgegenüber ereignet sich pastorale Habitualisierung überall dort, wo sich in geprägten Räumen von Kirchlichkeit, in sozialen Anforderungssituationen oder auch in Lebenssituationen, die Menschen als relevant empfinden, Gestaltungsspielräume auftun, in denen ausprobiert werden kann, religiös zu reden und zu handeln. Es ist dies eine religiöse Rede und Aktion, die ihrerseits Freiräume schafft, mit Gottes Reden und Handeln zu rechnen.

 

Dies geschieht etwa in einer Ausbildungseinrichtung, an einem schönen Ort geschaffener, inszenierter Freiräume zum Üben und Probieren. In einer lebendigen Gemeinde mit vielen Konfirmandinnen und Konfirmanden, Kreisen, Projekten und vielen Taufen – inmitten der Spannung von „wie immer“ und „alles anders“. Mit Menschen am Tisch, die nicht mal eigene Tische haben, und damit in Welten jenseits gesellschaftlichen Interesses, weil ökonomisch uninteressant. In Schulen, Krankenhäusern und Gefängnissen, die Kristallisationspunkte erzwungener Sozialität sind und anthropologische und soziale Grenzsituationen provozieren. In winzigen Ortschaften, in denen die Geschichten des 20. Jahrhunderts unausgesprochen auch in den Schlagzeilen von heute mächtig sind.  In Kooperationsräumen oder Konflikten, in Kursgruppen und Konfirmandenfreizeiten.

 

Gleichnishaftes für prägnante Unklarheit

Dass das Bistum Hildesheim seinen Neustart pastoraler Ausbildungen in einem Haus zum Wohnen, Arbeiten und Einkaufen beginnt, regt meine eigenen Gedanken für die Zukunft pastoraler Ausbildung an. Auf einem Flyer ist ein Weg unter diesem Haus zu sehen. Eine Art Keller, Unterführung, Versorgungsstraße. Es gibt Fußspuren, die in der Tiefe des Bildes zu Fahrbahnmarkierungen werden. Tapsen, die sich irgendwie auch verlieren. Ob der Mensch humpelte? Und ich stelle mir vor, gerade dies sei ein kirchlicher Ort par excellence. Links und rechts lenken Graffiti meine Aufmerksamkeit. Rechts fletscht etwas die Zähne, und ich kann nicht sagen, ob es nur eine Phantasiegestalt ist. Vielleicht ist das auch gar nicht wichtig für die Frage, ob es für mich Bedeutung hat.  Links geht Dir direkt unter der Neonleuchte das Licht auf und Schriftzüge, die sich nicht unmittelbar erschließen, sondern unklar bleiben, drängen sich in den Vordergrund. Und ohne all diese lästigen, verborgenen und auch hässlichen Versorgungsleitungen wäre hier kein Ort, an dem Menschen leben könnten. Und in einer Ecke ist verhaltener Blumenschmuck, bevor sich der Weg im Dunkel verliert. Ob am Ende ein Ausgang ist, kann ich nicht erkennen. Vielleicht kann ich es auch schlicht noch nicht erkennen.

 

Und wenn es so ist, dass Menschen vor allem an solchen Orten lernen, zu hören, zu beten, zu reden, zu organisieren, Kirche zu konzipieren? An Orten, die der Unklarheit eher Prägnanz verleihen, als dass sie im Verdacht stehen, sie aufzuheben. Dass hier Materialität konsequent als Ausdruck von Kulturalität angesehen wird, leuchtet mir sehr ein, gehört es doch – einmal erkannt – zu den Grundevidenzen christlicher Kulturen, die unter freiheitlichen Bedingungen große Sorgfalt auf ihre Materialität legen (sollten).

 

So geschieht berufsreligiöses Lernen an Orten mit Häusern, die groß sind, leer oder voller Ein-Zimmer-Wohnungen, und in gewisser Weise „frei“ im Blick darauf, wie sie gedeutet werden können und was sich hier ereignet. Hochverdichtete Räume, in denen vieles zusammenkommt an Gedanken, Traditionen und Möglichkeiten. Und die damit die Fläche und das Ganze entlasten, indem sie einen stellvertretenden Dienst ausüben.

 

Ausbildungsorte sind hochverdichtete Räume, die einen stellvertretenden Dienst ausüben für die Kirche als Ganze. Umgekehrt bedarf es der Akzeptanz und der freundlichen Mitwirkung, der Sympathie der ganzen Kirche, damit diese Stellvertretung gelingt. Es ist eine Stellvertretung, die kein ästhetisches oder ethisches Vorzeigeprojekt gebiert:

 

Der Bau bleibt an vielen Stellen verwinkelt und unübersichtlich. Die Passagen sind nicht durchgängig überdacht. Probleme sind nur halbherzig gelöst. Die Nähe zu idyllischen Orten wird nicht genutzt, weil es gar keine Zugänge gibt. Niemand scheint daran gedacht zu haben. Die Hauptebene liegt über Straßenniveau und ist kaum zu erreichen. Es gibt ständige Akzeptanzprobleme und ästhetische Fragwürdigkeiten. Nichts steht unter Denkmalschutz, alles kann auch anders sein. Es fallen Späne zu Boden und Spontaneitäten gen Himmel. Absurdes geschieht und Agendarisches. Es gibt Ordnungen und vielviel Freiraum.

 

Vikariat als „gestreckte Kasualie“

In einem unwirklich-wirklichen Raumnetzwerk ereignet sich so pastorale Entwicklung von beginnender Berufsprofessionalität. Spuren des Unfertigen und Fehlgeplanten bleiben notwendigerweise. Und damit eine breite Angriffsfläche für Kritik all derer, die der Welt eine Ordnung einschreiben (und nicht Gott sind!). Dann könnte es Teil dieser spezifischen Sendung sein, in diesen bleibend ungewohnten Spannungsfeldern Spielräume zu finden und handlungsfähig zu bleiben. Routinen für Handwerkliches zu finden und den wöchentlichen Terminkalender. Dem ‚Ereignis Gotteswirken‘ zuzutrauen, in der Institution verlässlich auf Dauer gestellt zu sein, für alle Welt zu wirken. Und das Vikariat wäre im Sinne der neueren evangelischen Kasualtheorie eine „gestreckte Kasualie“ für all diejenigen, von denen zukünftig mit Recht erwartet wird, öffentlich christliche Religion ins Spiel zu bringen.

 

Epilognotizen  

Wenn das stimmt, dann sähen Gottes Wohnungen gar nicht so aus wie die vielen Zimmer im Puppenhaus Deiner Kindheit, sondern Gott wohnte, wo Menschen durch unwirkliche Welten humpelten. Und Gott sammelte ihre Namen von den Betonwänden und schriebe sie sich in Herz. Und Gott schraubte die Neonröhren der Unbarmherzigkeiten von den Decken und Seraphim beleuchteten die Welt mit dem Licht ihrer leuchtenden, wärmenden Flügel. Und es wäre so, dass Gott sie umbaute (#complexityturns), die unwirklichen Welten unserer Kirche, und wir sähen es nicht, weil wir mittendrin wohnten.