Diese Sache mit „Begriff“ und „Anschauung“. Allererste Übungen fürs Predigen

 

Heilsbronn, 28./ 29. November 2018

 

Versuch über die Verantwortung

 

Was sagst du eigentlich? Kundige Menschen fragen das Jesus. Die Rechtslage ist klar: Im Gesetz steht, dass Frauen gesteinigt werden, wenn sie beim Ehebruch ertappt werden. Was ist Deine Meinung?

 

In der pluralistischen Gesellschaft ist es erstaunlich einfach, mit der eigenen Meinung gut zu leben. Mit dem, was Du sagen müsstest, wenn Dich denn überhaupt jemand fragte, was richtig sei. Denn es gibt immer genug Leute, die das Gleiche oder ähnlich denken und Dich darin bestärken.

 

Eli Pariser hat 2011 in einem Buch ausgeführt, dass es vielleicht so ist, dass uns ein Großteil von Meinungen schlicht verborgen ist. Algorithmen werden immer besser darin, vorauszusagen, welche Informationen und Meinungen ich eigentlich finden möchte. Das isoliert mich von Informationen, die nicht meinem Standpunkt entsprechen.

 

Deshalb scheint es erstmal erstaunlich, dass die schriftgelehrten Leute Jesus fragen: Was sagst Du eigentlich dazu? Freilich, sie suchen einen Grund, um ihn anzuklagen: Was Du meinst, ist nicht recht. Du siehst das nicht recht. Es kann gar nicht stimmen. Weil es anders ist, als es meine stabile Auffassung so meint.

 

Wo treffe ich diese anderen Meinungen, die mich herausfordern, Verantwortung zu übernehmen?

 

Es ist nicht so leicht, über die Verantwortung zu predigen, ohne moralisch zu sein. Deshalb erzähle ich Euch eine Geschichte über die Verantwortung:

 

Nachdem in Kassel der Obelisk vor wenigen Wochen abgebaut wurde, entschied eine junge Performancekünstlerin, eine Aktion auf dem Kasseler Königsplatz zu machen. Es war ein Sonntag, wo die Geschäfte geschlossen, die Cafés aber geöffnet sind. Einer der letzten schönen Herbsttage, die manche nochmal nutzten, um durch die Straßen und an den Auslagen vorbei zu flanieren. Yi Dahn kniete auf dem Asphalt und schrieb immer wieder diesen Satz weiter: „Ich bin ein Fremdling gewesen, und…“. Zunächst waren die Buchstaben groß, kunstvoll, kalligraphisch. Je mehr Menschen sich beteiligten, mitmachten, je weiter es an den Rand ging, desto zufälliger und eiliger wurden die Worte. Ich sah eine Weile zu, was dort geschah. Und nach Jahren der blankpolierten Flächen der Whiteboard- und Powerpointwelten nahm ich wieder einmal ein Stück Kreide in die Hand. Was sagst Du? So in Gedanken verloren, hörte ich plötzlich eine Stimme neben mir. Eine kleine Frau, so etwa Mitte 60, sonntäglich stadtfein gemacht, war wohl just hier an der Straßenbahnhaltestelle ausgestiegen: „Sagen Sie doch auch mal was, das geht doch nicht, dass die hier alles verschandeln!“ Sagen Sie doch auch mal was! Was sagst Du? Freilich, sie hat gar keinen Grund, mich anzuklagen. Mag sein, sie sucht Verbündete. Doch warum eigentlich ich? Weshalb werde ausgerechnet ich gefragt?

 

Sagen Sie doch auch mal was. Und vielleicht kennt einer von Euch diese Momente, wo man dann so dasteht, und eigentlich schon etwas denkt und meint, und vielleicht Angst hat vor der Gegenrede oder schlicht grad keine Lust hat auf Auseinandersetzung und tausendmal irgendwo Gehörtes und deshalb lieber etwas ganz Unverbindliches sagt: Ach wissen Sie, der nächste Regen wird es schon richten! Und im gleichen Augenblick ärgere ich mich ja, dass ich nicht sage, wie wichtig es mir ist, dass das Fremde in unserer Stadt endlich Worte und Stimmen und Ausdruck und öffentlich Raum bekommt.

 

Weshalb werde ausgerechnet ich gefragt? Und dieses „Ausgerechnet“, das mir in den Sinn kommt, macht mich hellhörig. Gehe ich denn eigentlich davon aus, dass es reicht, wenn Andere nach ihrer Meinung gefragt werden, ich möge aber bitteschön doch in Ruhe gelassen werden? Und irgendwie empfinde ich es schon auch als Zumutung, nicht in meiner eigenen sonntagssinnierenden Welt zu verbleiben, sondern so direkt herausgefordert zu sein, angegangen, berührt von einer Weltsicht außerhalb meiner eigenen Meinungen und Überzeugungen. Die Filterblase jedenfalls hat einen Piks bekommen.

 

Jesus jedenfalls „bückte sich nieder und schrieb mit dem Finger auf die Erde“.

 

Verantwortung ist, wenn ausgerechnet ich gefragt werde, was recht ist. Ich habe mir das Kreidestück in den Rucksack gesteckt.

 

 

Zum Dritten Advent 2018 (Reihe I: I Kor 4)

 

In der Mitte der Woche, allerallerspätestens dann, beginnen in der Familie Pläne für das Wochenende zu reifen. Wir leben in einer aus Zukunft bestimmten, gegenwartslosen Zeit.

 

„Ich will zu meinen Freunden“, sagt der eine, „wäre es nicht schön, Besuch zu haben?“, fragt der Andere. Und im Geiste sortiere ich regenfeste Kleidung für die Matschparty der Kinder im Park, schreibe Einkaufslisten für Sonntagskuchen und sammele die Brötchenkrümel auf, die schon seit Wochenbeginn unter dem Esstisch liegen. Sortiere das im Geiste, bevor ich es dann wirklich tue. Haushalterin.

 

Was für die Zukunft spekuliert wird an den großen Börsen der Welt, wo die Zahlen in Überlichtgeschwindigkeit in allen Richtungen um die Erdkugel fliegen, bestimmt, was für die Dinge, mit denen wir handeln, heute geschieht. Und auch bei mir: Amazon weiß heute, was ich morgen kaufe. Wir leben in einer aus Zukunft bestimmten, gegenwartslosen Zeit.

 

Und wenn Gott heute wüsste, was morgen wäre? Und wenn Gott heute wüsste, wer ich morgen bin? Und das morgen heute ist? Dann bin ich Haushalterin der Geheimnisse Gottes.

 

Pläne zu machen, wäre nun töricht, aber Bilder, wie es sein wird, gleich den Kindern, die im Matsch spielen, und dem Sonntagskuchenbesuch in der entkrümelten Stube, die habe ich auch:

Von den Herzensdingen, die von Gottes Licht beschienen sind.

Und dem Trachten des Menschen, das gut sein wird und ans Ziel gekommen ist.

 

Und Gott?

Er schaut durch die Terrassentür und summt leise ein Lied vor sich hin. Und die Welt, alle Zahlen und Listen und sogar die Krümel unter dem Tisch, sind durchzogen von dieser Melodie.

 

 

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt (St. Matthäus-Kirche, Regensburg)

 

 

 

 

 

 

 

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Complexity turns, oder: Wie lernt man eigentlich einen religiösen Beruf?

Gastbeitrag für #mehrFragenalsAntworten von kirchehoch2

 

Dass religionshermeneutische Berufe sich notwendigerweise in Spannungsfeldern situieren, gehört spätestens seit der Rede von Kirche „auf der Schwelle“ (Ulrike Wagner-Rau, 2009) zum common sensepraktisch-theologischer Einsichten. Wie sich Kirche heute angemessen zeigt und was die Rolle von Pfarrern und Pfarrerinnen darin ist, wird zugleich – sachlogisch zutreffend – unklarer.

 

Was bedeutet diese kategoriale Diffusität für den institutionellen Bedarf nach vergleichbarer, abprüfbarer und effizienter Ausbildung? Was bedeutet sie für eine Berufsgeneration, deren – für Ältere leicht verstörendes – Sicherheitsbedürfnis stetig auf überraschende, komplexe Anforderungssituationen trifft? Könnte sich an dieser Stelle vielleicht besonders deutlich die Notwendigkeit eines #complexityturns zeigen?

 

Spannungsfelder

Die Sehnsucht nach sichtbarer Zugehörigkeit sowie Überwindung von berufsrollenspezifischer Einsamkeit angesichts des angenommenen Relevanzverlustes der Kirche steigt. Hinzu kommt, dass Kirchlichkeit in der deutschen Gesellschaft zunehmend als kulturellerHabitus an Bedeutung gewinnt und damit grundsätzlich ins Gegenüber zur religiösverstandenen Professionsrolle tritt. Das „Alles doch bitte wie gehabt“ der hochverbundenen Milieus konfrontiert sich mit der ebenso einseitigen Haltung, alles, was uns heute beträfe, sei „noch nie dagewesen“ (Pierre Bordieu hat diese Beobachtung bereits 1998 gemacht).

 

Zugehörigkeitsanforderungen und -sehnsüchte einerseits, Wille und Motivation zu Erkundung und Experiment andererseits treten gleichzeitig auf. Dies gilt auch für die Bezugssysteme, in denen religiöse Kommunikation auf Dauer im Schwange gehalten werden soll: Existieren auf der einen Seite Erwartungen, Erwartungserwartungen und herkömmliche Strukturen parochialer Kirchlichkeit, ist zugleich mindestens exemplarisch auf religiöse Kommunikation an herausragenden anderen Orten hinzuzeigen.

 

Stilsicher Veränderungsfertigkeiten lernen

Wenn ich im Feld dieser gegenläufigen Entwicklungen nach einer aktuellen zentralen Frage Ausschau halte, ist es diese: Wie lernt man eigentlich eine geistliche Berufstätigkeit im Kontext einer Kirche, die institutionell dazu beauftragt ist, dabei aber im Blick auf eine Berufssituation in derzeit offenen und sich rasant entwickelnden Organisationsstrukturen, die kaum überblickt werden können, handlungs- und stilsicher machen will? Wie lernt man dieses berufsreligiöse Riskieren, ohne sich entweder in vermeintliche Kerngeschäfte zurückzuziehen noch sich ständig „im freien Fall befindlich“ zu fühlen?

 

Der institutionelle Zusammenhang, in denen Ausbildung geplant wird und Bildung sich ereignen soll, verschärft den Verdacht, die Organisation verfolge in dieser diffusen Gemengelage ein Klärungsinteresse im Blick auf die berufsförmige Profilierung des Pfarramts. Und sofern sie es mit Kennzahlen, Personalstellen und Kostenkalkulation zu tun hat, erscheint dieses Interesse sogar teilweise plausibel und löst Dringlichkeiten aus.

 

Demgegenüber ereignet sich pastorale Habitualisierung überall dort, wo sich in geprägten Räumen von Kirchlichkeit, in sozialen Anforderungssituationen oder auch in Lebenssituationen, die Menschen als relevant empfinden, Gestaltungsspielräume auftun, in denen ausprobiert werden kann, religiös zu reden und zu handeln. Es ist dies eine religiöse Rede und Aktion, die ihrerseits Freiräume schafft, mit Gottes Reden und Handeln zu rechnen.

 

Dies geschieht etwa in einer Ausbildungseinrichtung, an einem schönen Ort geschaffener, inszenierter Freiräume zum Üben und Probieren. In einer lebendigen Gemeinde mit vielen Konfirmandinnen und Konfirmanden, Kreisen, Projekten und vielen Taufen – inmitten der Spannung von „wie immer“ und „alles anders“. Mit Menschen am Tisch, die nicht mal eigene Tische haben, und damit in Welten jenseits gesellschaftlichen Interesses, weil ökonomisch uninteressant. In Schulen, Krankenhäusern und Gefängnissen, die Kristallisationspunkte erzwungener Sozialität sind und anthropologische und soziale Grenzsituationen provozieren. In winzigen Ortschaften, in denen die Geschichten des 20. Jahrhunderts unausgesprochen auch in den Schlagzeilen von heute mächtig sind.  In Kooperationsräumen oder Konflikten, in Kursgruppen und Konfirmandenfreizeiten.

 

Gleichnishaftes für prägnante Unklarheit

Dass das Bistum Hildesheim seinen Neustart pastoraler Ausbildungen in einem Haus zum Wohnen, Arbeiten und Einkaufen beginnt, regt meine eigenen Gedanken für die Zukunft pastoraler Ausbildung an. Auf einem Flyer ist ein Weg unter diesem Haus zu sehen. Eine Art Keller, Unterführung, Versorgungsstraße. Es gibt Fußspuren, die in der Tiefe des Bildes zu Fahrbahnmarkierungen werden. Tapsen, die sich irgendwie auch verlieren. Ob der Mensch humpelte? Und ich stelle mir vor, gerade dies sei ein kirchlicher Ort par excellence. Links und rechts lenken Graffiti meine Aufmerksamkeit. Rechts fletscht etwas die Zähne, und ich kann nicht sagen, ob es nur eine Phantasiegestalt ist. Vielleicht ist das auch gar nicht wichtig für die Frage, ob es für mich Bedeutung hat.  Links geht Dir direkt unter der Neonleuchte das Licht auf und Schriftzüge, die sich nicht unmittelbar erschließen, sondern unklar bleiben, drängen sich in den Vordergrund. Und ohne all diese lästigen, verborgenen und auch hässlichen Versorgungsleitungen wäre hier kein Ort, an dem Menschen leben könnten. Und in einer Ecke ist verhaltener Blumenschmuck, bevor sich der Weg im Dunkel verliert. Ob am Ende ein Ausgang ist, kann ich nicht erkennen. Vielleicht kann ich es auch schlicht noch nicht erkennen.

 

Und wenn es so ist, dass Menschen vor allem an solchen Orten lernen, zu hören, zu beten, zu reden, zu organisieren, Kirche zu konzipieren? An Orten, die der Unklarheit eher Prägnanz verleihen, als dass sie im Verdacht stehen, sie aufzuheben. Dass hier Materialität konsequent als Ausdruck von Kulturalität angesehen wird, leuchtet mir sehr ein, gehört es doch – einmal erkannt – zu den Grundevidenzen christlicher Kulturen, die unter freiheitlichen Bedingungen große Sorgfalt auf ihre Materialität legen (sollten).

 

So geschieht berufsreligiöses Lernen an Orten mit Häusern, die groß sind, leer oder voller Ein-Zimmer-Wohnungen, und in gewisser Weise „frei“ im Blick darauf, wie sie gedeutet werden können und was sich hier ereignet. Hochverdichtete Räume, in denen vieles zusammenkommt an Gedanken, Traditionen und Möglichkeiten. Und die damit die Fläche und das Ganze entlasten, indem sie einen stellvertretenden Dienst ausüben.

 

Ausbildungsorte sind hochverdichtete Räume, die einen stellvertretenden Dienst ausüben für die Kirche als Ganze. Umgekehrt bedarf es der Akzeptanz und der freundlichen Mitwirkung, der Sympathie der ganzen Kirche, damit diese Stellvertretung gelingt. Es ist eine Stellvertretung, die kein ästhetisches oder ethisches Vorzeigeprojekt gebiert:

 

Der Bau bleibt an vielen Stellen verwinkelt und unübersichtlich. Die Passagen sind nicht durchgängig überdacht. Probleme sind nur halbherzig gelöst. Die Nähe zu idyllischen Orten wird nicht genutzt, weil es gar keine Zugänge gibt. Niemand scheint daran gedacht zu haben. Die Hauptebene liegt über Straßenniveau und ist kaum zu erreichen. Es gibt ständige Akzeptanzprobleme und ästhetische Fragwürdigkeiten. Nichts steht unter Denkmalschutz, alles kann auch anders sein. Es fallen Späne zu Boden und Spontaneitäten gen Himmel. Absurdes geschieht und Agendarisches. Es gibt Ordnungen und vielviel Freiraum.

 

Vikariat als „gestreckte Kasualie“

In einem unwirklich-wirklichen Raumnetzwerk ereignet sich so pastorale Entwicklung von beginnender Berufsprofessionalität. Spuren des Unfertigen und Fehlgeplanten bleiben notwendigerweise. Und damit eine breite Angriffsfläche für Kritik all derer, die der Welt eine Ordnung einschreiben (und nicht Gott sind!). Dann könnte es Teil dieser spezifischen Sendung sein, in diesen bleibend ungewohnten Spannungsfeldern Spielräume zu finden und handlungsfähig zu bleiben. Routinen für Handwerkliches zu finden und den wöchentlichen Terminkalender. Dem ‚Ereignis Gotteswirken‘ zuzutrauen, in der Institution verlässlich auf Dauer gestellt zu sein, für alle Welt zu wirken. Und das Vikariat wäre im Sinne der neueren evangelischen Kasualtheorie eine „gestreckte Kasualie“ für all diejenigen, von denen zukünftig mit Recht erwartet wird, öffentlich christliche Religion ins Spiel zu bringen.

 

Epilognotizen  

Wenn das stimmt, dann sähen Gottes Wohnungen gar nicht so aus wie die vielen Zimmer im Puppenhaus Deiner Kindheit, sondern Gott wohnte, wo Menschen durch unwirkliche Welten humpelten. Und Gott sammelte ihre Namen von den Betonwänden und schriebe sie sich in Herz. Und Gott schraubte die Neonröhren der Unbarmherzigkeiten von den Decken und Seraphim beleuchteten die Welt mit dem Licht ihrer leuchtenden, wärmenden Flügel. Und es wäre so, dass Gott sie umbaute (#complexityturns), die unwirklichen Welten unserer Kirche, und wir sähen es nicht, weil wir mittendrin wohnten.

 

Tu-Worte. Zum Tun und Lassen.

TuWorte

für thomas hirsch-hüffell

zur verabschiedung in den ruhestand, 3. november 2018

in hamburg-winterhude (epiphanienkirche)

 

 

Was denn nun noch

Neben Himmlische Musik und Himbeerdessert,

Neben Nehmen und Essen und Nehmen und Trinken?

Tu-Wörter, die im Lassen von Segen umfangen sind.

Offen. Ungeordnet

Nicht enzyklopädisch.

 

Mit dem Privileg, hier heute persönlich zu danken und auch für die Aus- und Fortbildungseinrichtungen in der EKD (insbesondere natürlich das Evangelische Studienseminar Hofgeismar), die (ebenfalls kleine) Arbeitsstelle Gottesdienst der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck und die Internationale Konferenz der Predigerseminare.

 

 

An-Denken. Aushalten. Austragen. Aufbrechen. Auffallen. Aufrichten.

Beten. Begleiten.

Clownesk?

Du bist da.

Ich bin da. Du bist da. Schau. Da. Ich. Du. Da. Du. Da. Ich. Da. Du bist da. Ich bin da. Du, sag mal…

Eintasten. Einweisen. Entziffern. Entgegen. Entgegnen. Ergänzen. Entlocken. Eingelassenausgeliefert.

Ermuntern. Ermutigen.

Freigeben. Fährtensuchen. Flurbegehen. Fügen.

Gegenlesen. Gegenreden. Glücken.

Hirschhüffeln.

Imitieren. Integrieren. In vielen Welten. In viele Welten.

Jokern. Jonglieren.

Kleines achten.

Lautersein. Leisewerden. Leiden. Lesenlesenlesen.

Minderheitlich

Narrating Space —

Offenhalten.

Pass-ieren. Porträtieren. Protestieren. Perpetuiertes Wortwechseln über die Predigt.

Rhythmisieren. Reduzieren.

Sammeln. Sondern. Sinnzigeunern.

Staunen. Streunen. Schützen. Schulen. Schenken.

Türöffnen

Unterbrechen. Übersetzen. ÜbenÜbenÜben.

Verfugen. Verfügen. Viel Vergnügen.

Verflüssigen. Verharren. Vermischen. Verweben. Vollziehen.

Wieder holen. Wiederholen. Wieder—

Wandeln. Ver-w— Warten. Wissenwecken.

Zaudern. Zaubern. Zehren. Zumuten.

Und Buchstaben,

die aus der Ordnung fallen.

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

Beherbergendes Handeln

Zu einer Performance von Yi Dahn am 21. Oktober 2018 in Kassel: „Rewriting the Obelisk“

 

Es mag einer der letzten sonnigen Tage des Jahres sein. Auf der sonnenbeschienenen Seite des kreisrunden Königsplatzes schwätzen Menschen unter Sonnenschirmen, schattenseitig suchen sie Schutz im Inneren, Ruhe, Raum, Kontakt und schnelles Internet. Ansonsten ist da, wem die Zeit zu lang ist oder wer kein anderes Zuhause hat. Im losen, aber doch regelmäßigen Sonntagsrhythmus durchmessen die Trams den Ort, spucken Menschen aus und nehmen andere mit. Auffällig unauffällig patroullieren Ordnungshüter.

 

Mittendrin: #rewritingtheobelisk.

 

Dass der Abbau des Obelisken auf dem Kasseler Königsplatz nach performativen Resonanzen ruft, zeigte sich rasch. Menschen legten Blumen nieder. Ein Zeichen der Trauer. Anderen war wichtig, den Ort besonders zu markieren. All dies: Eher spontane Äußerungen, die sich aus Analogien herleiteten. 18 Tage später nun: ein Rewriting. Und dies eher eine Fortschreibung als ein re-enactment. Denn war (und ist) das obeliske Monument vertikal, eine (machtvolle) Achse, die Himmel und Erde verbindet, ist das Kunstwerk jetzt horizontal angelegt, flächig. In der Durchführung hat sich gezeigt, dass es unscharfe Ränder hat. Menschen müssen auf die Knie, um mitzuschreiben. Von weitem sieht es aus wie eine hingebungsvolle Gebetsgeste. Manche geben Worten Gestalt im Letteringstil mit Zeit für das Auf und Ab eines jeden Buchstabens, andere schreiben eilig, brauchen die Distanz zu den eigenen Worten.

 

Yi Dahn hatte ihre Performance einige Tage zuvor angekündigt: „Yi Dahn [plant] eine Performance, bei der sie mit Kreide den Satz „I was a stranger and …“ fortlaufend wiederholt. In jeder möglichen Sprache wird der Satz auf den Asphalt rund um die Stelle geschrieben, die bis vor kurzem noch von dem Obelisk besetzt war, bis der Kasseler Königsplatz vollständig mit den Worten bedeckt ist. Dieser Akt ist als Widmung gedacht, an den Einsatz all der Personen, die im Glauben an Mitmenschlichkeit mit diesem Thema zu kämpfen haben.
Um die Performance zu vervollständigen, begrüßt die Künstlerin die Teilnahme des Publikums unterschiedlichster kultureller Hintergründe – je mehr, desto besser – denn die wahre Bedeutung der Performance liegt im Prozess selbst, der zeigt: Solidarität ist niemals vergebens und wir können wiedereinmal bestätigen, dass Vielfalt uns alle verbindet und bereichert, und uns Kraft gibt, in eine bessere Zukunft zu gehen.“

 

Mir fällt ein, wie ich im letzten Sommer etwas ausgerechnet mit einem Rewriting begonnen habe. Und dabei gemerkt habe, wie tief der Geniekult doch im bürgerlichen Protestantismus verankert ist. Mir fällt meine Begeisterung für Uncreative Writingein und die immer neuen Ideen und Perspektiven, die ich daraus gewinne. Mir fällt die Not vieler ein, eigene Worte zu finden. Verbraucht-unverbrauchte, für die wirksamen Gelegenheiten, in denen es gegenwärtig freie öffentliche Rede gibt.

 

Mir fällt das biblische Menetekel auf. Und dass es Daniels mit seiner prophetischen Gabe bedurfte, um zu durchschauen, was die Worte bedeuteten, um es allen zu erklären und um mit beidem zu wagen, Mächtige mit Kritik zu konfrontieren. So war klar, weshalb er sprach und andere nicht. Obwohl die Worte so offensichtlich waren.

 

So auch heute. Die Worte sind offensichtlich. Sie wirken performant. Sie wirken medial. Aber sie wirken kaum unmittelbar. Viele sind da, doch wenige merken auf: Was geschieht denn da eigentlich? Was soll das?

Ich gehe ein bisschen herum.

 

Ich erschrecke, als ich merke, wie ich auf Worten herumlaufe, ja, herumlaufen muss, um andere zu lesen. Doch fast niemand erschreckt. Eine Alte sucht in mir eine Verbündete, dass das doch so nicht ginge, „was die da machen“. Ich erschrecke so sehr über die Worte, die sie dann noch so selbstverständlich zu mir, einer ihr doch Fremden, sagt, dass ich mich später erschrecke, so wenig dazu gesagt zu haben. Ich sehe Worte in fremden Sprachen, die ich nicht entziffern kann; denke an den, der einst scheint’s Unverständliches in den Sand schrieb und so die Welt änderte. Als Fremde* ist die Welt schwer lesbar, sie spricht eine andere Sprache. Die Institution will es sich bislang leicht machen, mit den Sprachen. Ob die Verfolgung des Fremden eine Autoimmunkrankheit von Institutionen sei – erst neulich erhitzten sich dazu die Gemüter. Und ich merke zusehends, wie gut es ist, dass diese fremden Sprachen an diesem Tag so sichtbar Raum haben – mit ihrer Mischung aus Dankbarkeit, Klage und Nachdenklichkeit.

 

Ich lächele über die unscharfen Ränder, die die Aktion erzeugt und die eifrigen Kinder, die nach der Kreide greifen, ohne sich Gedanken über den hartnäckigen, weißfeinen Staub in den Sonntagskleidern und den Rillen meiner eigenen Haut zu machen. Spuren, die bleiben, Spuren, die sich verändern, Spuren, die Fährten legen – danach fragen die flüchtigen Worte auf dem Königsplatz. Sie sind nicht in Stein gemeißelt. Mancher wird nicht wissen, dass es ein biblisches Wort ist, was er oder sie da weiterschreibt. Religiöse Worte sind heute flüchtige Worte, oft inkognito. Sie werden leichter gelesen, wenn sie nicht in dicken Büchern daherkommen. Es gibt Zeiten, da müssen wir uns für sie auf das Straßenpflaster mitten in den Städten knien. Da gilt es, sich die Hände und Kleider schmutzig zu machen für ein paar Momente, in denen anderen innehalten. Da sind abgerissene Monumente Anlass, um zu handeln wie die Kinder, und um an die Öffentlichkeit freizulassen, was beklagenswert ist, was hohe Güter sind und was Menschen bewegt. Den öffentlichen Raum für alle frei zu nutzen und ihm die Spuren eigenen Lebens einzuzeichnen, ist ein Grundsignum demokratischer Kultur.

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

 

 

 

 

 

 

 

Off the map

 

Ansprache für den 4. Oktober 2018 (Evangelisches Studienseminar Hofgeismar)

 

 

I Kartographisches

 

Es gibt ja Worte, die gibt es eigentlich gar nicht: Lost places.

Verlorene Orte. Verlorene Worte. Lost.

Regelrichtig heißt es: off the map.

Orte, die auf keiner Landkarte verzeichnet sind.

Von denen die Regularien unserer Welt sagen, dass es sie gar nicht gibt.

Häuser, die einfach stehen geblieben sind, obwohl sie niemand braucht.

Die Türen nur angelehnt, die Fenster trüb und eingeschlagen, Grünzeug, das aus allen Ritzen wächst.

Orte, die ‚im Kontext ihrer ursprünglichen Nutzung in Vergessenheit geraten sind‘.

Industriebrachen, Militärstützpunkte, Häuser mitten im Dorf. Auch in unseren Dörfern. Mitten im Herzen. Auch in mir.

 

II Biblisches

 

Orte, die auf keiner Landkarte verzeichnet sind.

 

Es sind wenige Quadratmeter. Ein Sockel aus Stein. Eine Stele. Sie verbindet Himmel und Erde, haben die Alten geglaubt, und irgendwie ahnen wir das ja auch, dass es das gibt: das, was Himmel und Erde verbindet.

Unsere Erzähltradition ist voll davon: Man sagt, die Ahnväter des Glaubens hätten Gott gesehen und dort den Ort markiert, damit er nicht in Vergessenheit gerate. „Dieser Ort soll Haus Gottes heißen“.

 

Als sie ständig unterwegs waren, haben sie eine eherne Schlange mitgenommen, damit Menschen heil werden können, und der kluge Johannesevangelist erinnert nochmal dran: „So wie damals, so auch heute.“ Sie haben das alles im Nachhinein erzählt, die Leute, die die biblischen Schriften notierten, damit wir nicht vergessen, was dagewesen sein soll: An Nähe Gottes, an Heilung.

 

III Gegenwärtiges

 

So wie damals, so auch heute. Auf dem Königsplatz in Kassel, diesem Repräsentationsort aus einer Zeit, als man noch dachte, man könnte die Welt mit Hilfe der Vernunft ordnen – an diesem Ort sind Schrammen im Boden.

In der Onlineausgabe der HNA wird gestern ein Bild gezeigt, wie in Kran einen großen Steinblock in der Schwebe hält: Ich war ein Fremdling, ihr habt mich aufgenommen. Jesusworte.

Auf einem Zeichen von Macht und Kolonialismus, aus einer fernen Erzähltradition, Obelisk, in gewisser Weise zurückgekehrt, für mich: eine große Provokation. Für manche eine Provokation, dass er da war, für manche eine Provokation, dass er jetzt weg ist.

Ein Weckruf, der mitten in unsere Gesellschaft gehört. Fremdsein und Gastfreundschaft, jeder hat damit zu tun, um zurechtzukommen. Da bin ich fremd. Andere sind mir fremd. Ich nehme Gastfreundschaft in Anspruch nehmen, um einen vorübergehenden Ort zu haben. Ich öffne meine eigenen Türen, lehne sie an, selbst wenn die Fenster trüb sind und das Grünzeug aus allen Ritzen wächst.

 

IV Auftragslage

 

Ist das Kunst oder steht das nur im Weg?, ein Mahnmal, nicht mittig, versetzt, jeder liest in seiner Sprache: ihr habt mich aufgenommen, ästhetisch zeitlos, je nach Perspektive sich zwischen Kirchentürme drängelnd:

Ich war fremd, mancher stellt einen Pappbecher ab oder die Plastiktüte mit allen Habseligkeiten. Das Mahnmal ist nicht mehr. Es ist Bauzaun, ein paar Schrammen im Boden, ein Eintrag im Katalog der documenta und ein paar verstreute Artikel im Internet.

[Im letzten Krieg glühten die Kirchtürme in der ganzen Stadt im Bombenhagel, bevor sie mitten im Feuer zusammensackten. Alle Habseligkeiten verbrannten und nichts war mehr. Und es dauerte lange – sehr lange -, bevor Bauzäune aufgestellt und Geschichten gesammelt wurden.]

Die Leben der Menschen, mit denen wir zu tun haben, sind ein paar Quadratmeter, die wir übersehen. Sie haben Schrammen und Spuren. Wir hören und beten und erzählen ihre Geschichten. Oft auch im Nachhinein. Weil es bei Gott kein off the map gibt. Weil Gott auch das Grünzeug geschaffen hat, das sich einfach überall den Weg bahnt, selbst durch Dienstbeschreibungen und Erprobungsgesetze.

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V Erkundungsstrategien

 

Lost places, das Wort gibt es eigentlich gar nicht.

Richtigerweise heißt es: off the map.

Orte, die auf keiner Landkarte verzeichnet sind.

Von denen die Regularien unserer Welt sagen, dass es sie gar nicht gibt.

 

Manche machen sie sich zueigen. Kleben Bilder mit Tesafilm an die Wände und stellen einen wackeligen Tisch auf. Weil das Leben leicht ist, wenn es provisorisch ist.

Manche gehen auf Entdeckungstour. Explore everything, ist das Motto. Weil das Leben immer größer ist als das, was ich verstanden habe.

Andere machen hier Hochzeitsfotografien. Vielleicht weil sie die Sehnsucht haben, dass der Kontrast nie größer sein könnte.

 

VI Kasus: Ordinationsgespräch

 

Lost places, das Wort gibt es eigentlich gar nicht.

Richtigerweise heißt es: off the map.

Orte, die auf keiner Landkarte verzeichnet sind.

Von denen die Regularien unserer Welt sagen, dass es sie gar nicht gibt.

 

Wir reden heute über das Amt des Pfarrers, der Pfarrerin in der postsäkularen Gesellschaft. Und ich glaube, dass es gut ist, sich nicht allzu viel Gedanken darüber zu machen, ob die Kirche gegenwärtig off the map ist. Nach meiner Einschätzung führt das in eine Sackgasse. Weil wir uns ständig an etwas erinnern, dem wir unterstellen, Menschen hätten es vergessen. Und das entfernt uns von ihnen und mich von einem Teil meiner selbst.

 

Denn Menschen sind von vielem bewegt, was auf keiner Landkarte steht. Und in einer Welt voller Funktionalität und Nützlichkeit entsteht rasch der Eindruck, all dies wäre dann gar nichts Wesentliches, gar nicht von Bedeutung, existiere möglicherweise gar nicht. Weil das so leicht off the map gerät:  Tränen und Fragen und Küsse und Sonnenaufgänge, die Dämonen in den Zimmerecken, die Pappbecher und Plastiktüten am Rande der inszenierten Welt und plötzlich Überraschendes, das eben noch nicht – jetzt aber schon.

Und das, obwohl anders gesprochen wird: Achtsamkeit, privates Leben und Gesundheit sind schließlich rhetorische Megatrends.

 

Im Pfarramt ist all dies: Ich mag die funktionierende Kirche. Die das erledigt, was nötig ist, damit das Evangelium zuverlässig und auf Dauer gestellt verkündigt werden kann.

 

Und ich mag das Dysfunktionale an der Kirche. Nicht alles ist nützlich. Und ich bin gemahnt zur Ideologiekritik: Nicht alles, was ständig gesagt wird, ist auch wahr.  Wir hören dieser Tage (Erntedank!) aus dem Lukasevangelium die Erzählung, dass zehn Menschen geheilt werden. Neun gehen ihres Weges, einer kehrt um und dankt. Und der Evangelist erzählt davon. Und wenn all dies Kirche wäre? Nicht nur, wie die klassische Auslegung annahm, dieser Eine und 90% der Welt voller Undankbarkeit wäre? Alle werden heil, doch einer dankt. Und einer erzählt davon.

 

Ich meine, dass dieses Danken der Grund dafür ist, dass wir überhaupt fähig sind, uns zu lost placesaufzumachen. Deshalb dankt Gott, dankt, und hofft auf ihn.

Und am Ende dieser ganzen Sache mit dem Amt und dem Pfarrerinsein und der postsäkularen Gesellschaft, da könnte es doch so sein, dass einer zu Dir sagt: Ich war fremd. Und Du hast mich aufgenommen.

 

Amen.

 

 

Fotocredit: Regina Oesterling– mit herzlichem Dank!

Kleiner Brief Trost in einem großen Buch

Miszellen zum Predigttext am 2. September 2018 (I Thess 1, 2-10)

 

I

Paulus‘ erster Text ist Trostbrief.

Ein kleiner Brief in einem großen Buch.

Ein große Kirche ist ein kleiner Brief

Für die ganze Welt.

 

 

II

Trost in den Windschatten

Der Mahnmale unserer Städte legen,

dazu gib Mut, Gott.

 

Für provozierende Worte und Taten,

für demokratischen Sachverstand,

für die, die der Angst zuhören und

jedem in die Augen sehen.

 

Eindringlich sei, Gott, weiche nicht,

wenn wir irren oder verstummen.

Halte in Angst und Ohnmacht.

 

Wir hoffen inständig,

#wirsindmehr, Gott,

einstehen für Vielfalt und gleiche Rechte für

ausnahmslos

alle,

doch wenn uns diese Gewissheit trügte,

wir nur die Wenigen wären,

stell uns das Wort an die Seite,

an unsere Bettkanten, auf die Merkzettelchen am Computer,

und auf die Klingelschilder derer, mit denen wir leben,

stelle uns das Wort an die Seite,

aus dem wir leben und frei sind.

 

III

ort zum denken

ort zum beten

ort worte aufzuheben

ort zum erklingen

ort zum tun

ort zum lassen

ort von gewissheit

ort von verunsicherung

ort heiligen experiments

ort um an die Hand genommen zu sein

ort Eigenes zu lernen

zieh die schuhe aus

für heute poliert, schwarz

sneakers wie hufe, hoffähig

die noch die sonne des sommers atmen

die die schweren schritte gegangen

eine sonnabendnacht durchtanzt haben

zieh die schuhe aus

es ist heiliger

boden.

 

IV

Ich bin Ende der 70er Jahre geboren. Das Thema Faschismus kam im Geschichtsunterricht, im Gemeinschaftskundeunterricht, im Religionsunterricht, im Deutschunterricht. Ich weiß, wie wir so üblicherweise die Geschichte unseres Landes erzählen, ich weiß von psychologischen Experimenten, die dem allgemein Menschlichen auf die Spur kommen wollen, ich habe ideologisierte Literatur gelesen und die des Widerstands. Einer meiner Vorgänger an der Stiftskirche Windecken hat brillante theologische Literatur hinterlassen – und zugleich Texte, deren politischer Opportunismus mir heute noch manches Rätsel aufgibt. Der Riß geht mitten durch die Kirche. Ich weiß das und will es nicht vergessen. Auch nicht für mich selbst. Ich habe unzählige Filme von Film und Bild in Wissenschaft und Unterricht gesehen, mit verwackelten historischen Aufnahmen und Experten, die wortreich alles Mögliche erklärten. Ich war in Bergen-Belsen, Buchenwald, Auschwitz und Yad Vashem. Meine Eltern hatten Kriegsnarben am Körper und im Erziehungsstil. Natürlich habe ich Kirchengeschichte V gehört und im Vikariat Heitmeyers Deutsche Zustände gelesen. Meine Konfirmandinnen haben Stolpersteine geputzt und am 9. November habe ich an Synagogen Ansprachen gehalten.

 

Vor wenigen Wochen. Ich fahre mit dem Regionalexpress von Kassel nach Halle. Kurz hinter Nordhausen setzen sich zwei Frauen mir gegenüber. Ihre Worte überholen auf dem Weg zu meinen Ohren den Text, den ich in Händen halte. Früher, da sind sie sich einig, da konnte man noch die Haustür unabgeschlossen lassen. Und dass die Kinder sich von Gelegenheitsjobs über Wasser halten müssen – es ist doch klar, wer daran schuld ist. Ich schaue möglichst unbeteiligt aus dem Fenster. Aggression ist für das vegetative Überleben notwendig. Doch wie schleichend wird sie hart und blind und wandert auf die Straßen und besetzt Räume in Köpfen, Filterblasen und Städten und schaltet das Denken aus. Ich tue, als hätte ich mit all dem nichts zu tun, stelle die Musik lauter und überarbeite weiter meine Texte. Dass ich später am Tag höre, dass das, was ich hörte, doch jetzt hier gang und gäbe sei und man überhaupt nicht mehr überall in der Stadt hingehen könne, macht es auch irgendwie nicht besser.

 

Vor vielen Jahrhunderten. Paulus diktiert einen Brief. Immer neu, immer andere Worte. Gar nicht so einfach. Das hatte er sich einfacher vorgestellt. Ihr kennt diesen Text, an die Thessalonicher im ersten Kapitel. Umzingelt sind sie, die Christen, von Feinden und dem Tod. Das Gemeinsame daran ist, der eigenen Fähigkeit, frei und selbstbestimmt zu handeln, beraubt zu sein.

 

Mir geht es ähnlich. Ich sehe Bilder in der Zeitung und dann notfalls auch im Fernsehen, die mich handlungsunfähiger zu machen drohen. Ich weiß nicht mehr, ob es ausreicht, nur das zu tun, was ich tue. Ich weiß nicht mehr, ob es gerade richtig wäre, noch weniger oder doch etwas ganz anderes zu tun. Paulus wählt die Form des antiken Trostbriefes. Und ich frage mich: Was sind heute Gestalten des Lebens, in denen wir Trost vermuten?

Und Paulus erinnert an sich und an die Dinge, die in der Vergangenheit gut waren, um Schwieriges zu überstehen. Und ich frage mich: Wo sind heute zuverlässige Verbündete, die für den demokratischen Staat und die vernunftklare und glaubensringende Kirche stehen?

 

Und wenn ich nochmal von Kassel nach Halle fahre, lege ich Manuskript und Musik zur Seite und versuche das mit dem Zuhören und dem Trost.

 

WildWaldWelt

Burgdorf. 19. August 2018

 

Es könnte Sehnsucht sein.

Die Sehnsucht nach ursprünglicher, unberührter Welt.

Abseitige Welt jenseits des Abseitigen.

So wie sie wäre, ohne all das, was nicht sein sollte.

Sehnsucht

nach dem, was immer schon so war.

Und unbeeinflusst von dem, was wir tun.

Die Welt, die größer ist.

Die Welt, die älter ist.

Die Welt, die weiser ist.

 

WaldWelt bemüht andere Welten.

Eine schreibt ein Buch dazu.

Zwei fragen: Ob das ein Bild für die Kirche ist?

Und wir sagen: Lasst uns das auf den Tisch bringen.

Dreierlei kann ja nicht irren.

 

Auf den ersten Blick wieder bei Farben landen.

GrünGrünGrünGrün

Kräutergrün

Waldmeistergrün

Brenesselgrün

Lichtungsgrün

Alles, was am Boden ist:

Pilze und Beeren und Wurzeln

und vordergründig Verborgenes.

Trüffel.

Aber wer weiß eigentlich, wo Maulbeeren wachsen?

 

Und dann sind da

All diese wilden Dinge

Pflanzen, kriechend und schlingend,

nährend und schmarotzend,

dazu auch die wilden Tiere.

Anderthalb Kilo von Oma,

„lass da lieber die Anderen dran, mein Kind.“

 

Bilder fremder Welten in Büchern.

Jäger und Gejagte.

So wild. Zu wild. Verwildert. Ausgewildert.

Gejagt, gesammelt., gezähmt.

Erdig, unansehnsichlich, selten süß.

Raus aus dem Schutz der zivilisatorischen Welt,

in der alles vakuumiert, portioniert zuhanden ist.

Hinein in die Welt, die alters zuerst eine Schutzwelt war.

Schutz vor Anderen. Schutz vor Wetter.

Offenes Feuer. Ein Dach über der eigenen Welt.

 

Welt feiner Unterschiede.

Bodenweich und felskantig.

Mitteleuropäischer Mischwald meets Jungle.

Jingles helfen auf:

„Spielen Sie Vogelstimmen ein, das erleichtert Ihren Teilnehmerinnen die Mitarbeit“, rät die Literatur.

Kinder übernehmen Junglejingles,

und Manches tust Du nur, wenn der Löwe hinter Dir her ist.

Waldchaos bot Schutz, damals, gegen die geordneten römischen Truppen.

Und mit der Selbstwirksamkeit ist Macht geboren: Alles ist nutzbar.

Zum Feuern.

Zum Häuserbauen.

Zum Überleben.

Und alles gehört allen.

Walnussmehl und WoodWitch

Wie auch der Teich,

löschwassern,

an dem die Dorfjugend Berentzen Waldmeister kreisen lässt.

Leben, das seine rauhe Rinde mit einer feinen Goldkante verknittet hat.

Sätta guldkant pa tillvaron.

Unterschlupf für HänselGretelHexen im Kelsterbacher Wald.

Startbahn-West und die Sache mit der Sehnsucht.

 

Von den Blätterkronen lassen Buchstaben sich herab und fallen

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auf Brotzeiten aus Pilzen in pastellkühlem Abendlicht.

 

Einer sagt heute: „Keine Identität des Menschen darf als seine einzige Identität oder Zugehörigkeit verstanden werden.“

Mal Hänsel, mal Hexe, mal Holunder,

heute Jägerin, morgen Sammlerin,

heute Schutzsucher, morgen Farbenfänger für den Winter.

Heute im Chaos Versteckte, morgen Ordnerin die Welt.

Heute allen alles, morgen auf dem Eigenen bestehen.

 

Jeder Wald in Mitteleuropa ist eine Kulturleistung.

Nichts daran ist zufällig, so sehr es anders scheint.

Begrenzt groß. Begrenzt alt. Begrenzt weise.

 

Ein Dschungel ist kein Dschungel.

Die Sehnsucht klöppelt dem Leben die Goldkante an.

Holunder und Schokolade gehen immer.

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt