#montreal_memorial

Parallelprotokoll, Sonderedition bed-in, 26051908100830

Parallelprotokolle verlängern das Schreiben ins Leben und das Leben ins Schreiben. Sie erfassen Wahrnehmungen, Sinneseindrücke und Einfälle in protokollarischen Notizen und ergeben in der chronologischen Zusammenfassung mehrerer lebender und schreibender Menschen mit Blick auf die gleiche Sache eine Collage an Text und Leben.

Die Kulturgymnastik Berlin initiiert Serien von Parallelprotokollen und ihre Inszenierung mit verschiedenen Sprecherinnen und Sprechern. Ihre Kontinuität ist Voraussetzung jeden parallelprotokollierenden Experiments. DANKE!! 

Anlässlich des 50. Jahrestag des bed-in von Yoko Ono und John Lennon in Montreal (#montrealmemorial) haben sich Protokollant_innen zusammengefunden, die dieses Ereignis mit einem re-enactment gefeiert und es bedacht haben. Es handelt sich nach dem Wissen aller Beteiligten um den ersten Versuch einer hybriden Parallelprotokollierung. Im historischen Abstand zur öffentlichen Inszenierung des Privaten als Politischen in Montreal wird deutlich, dass es unter gegenwärtigen Bedingungen eher um eine Interferenz von Perspektiven geht als um eine „totale Rekonstruktion“, auf die Heinrich Böll in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Nobelpreises 1973 (noch) gehofft hat.

 

 

8:10  

A

Die Sonne scheint durch die zugezogenen Gardinen ins Zimmer und taucht unser Schlafzimmer in ein gemütlich warmes Licht. Geliebter Sonntagmorgen, gemeinsam im Familienbett. Maße 2,80x2m. Mein vierjähriger Sohn sitzt links neben meinen Beinen, hat eine Lego-Ninjago-Zeitschrift vor sich aufgeschlagen und albert mit seinem keinen Babybruder rum, der fröhlich glucksend und strampelnd auf meinen Schienbeinen liegt. Mein Laptop wackelt auf meinem Schoß und ich tippe. Mein Mann schläft noch am anderen Ende des Bettes. Ich sehe von ihm nur etwas Kopf und einen Fuß. Wahrscheinlich stellt er sich nur noch schlafend, um noch ein paar unbehelligte Minuten länger rauszuschlagen.
B Ein feines Ticken der Uhr. Wie Insektenbeine, die eilig über eine Fläche laufen. Und von draußen Vögel, Autotüren, Wind. Die Stadt von hinter den Häusern wie ein Meer.
C Ich kann mich nicht entsinnen, hier schon mal im Bett gesessen zu haben. Jedenfalls schlägt das Licht unerwartete Falten und Purzelbäume in den Scheibchengardinen und lässt Schatten auf den maßgeschneiderten Schrank fallen. Maßgeschneiderte Schatten, so meine Hoffnung. Dass diese Welt, die sich unbeeindruckt von meinen Gestimmtheiten und Gliederschmerzen auch heute wieder neu zeigt, irgendwie Maßgeschneidertes bringt. Die Bevölkerungsdichte dieses Raums ist in einem Drittel aller Zeit genauso so hoch wie die der bevölkerungsreichsten Stadt der Welt. Das Bett misst 2x2m und die Grenzen nachtblauen Spannbetttuchs sind die Grenzen nachtumborgener Welt. Leuchttürme auf Seersucker markieren die Sehnsucht nach Orten am Meer. Und darin jeden Morgen neu diese für mich ungeheuerliche Stille und da hinein das Symphoniekonzert aus Vogelstimmen. Die Welt, die ich beim Blick durchs Fenster erahne, ist eigentlich gar nicht für Menschen gemacht.
8:12  
B Im Hinterhof wachsen Rosen wie in Großvaters Garten. Der Messerwerfer hustet bei seiner ersten Zigarette (ich vermute es, sehe ihn nicht, die Rosen sehe ich. Zum ersten Mal. Die Kiefer und das zerrissene Tuch in ihren Zweigen zum hundertsten Mal, ich kenne es, seit ich zum ersten Mal in diesem Bett war. Bis heute weiß ich nicht, wie ich hierher geraten bin.)
8:13  
A Mein Sohn bittet mich, ihm was vorzulesen. Ich kann grad nicht, weil ich schreiben will. Er ärgert sich „manno Mama“ und macht mit seiner Zeitung einen riesigen Satz durchs Bett und springt auf seinen Papa. „Papaaaaaa, kannst du mir das hier vorlesen? Bitte. Jetzt.“ Papa räkelt sich und erzählt ein Stück aus der Comic-Geschichte. Lloyd und Garmadon fliegen mit ihrem Flugsegler und ein Mech-Roboter will Garmadon abschießen. Nix mit ‘Peace`.
C Diese Welt ist von Menschen gemacht und gaukelt doch vor, natürlich zu sein. Damals, da wollten die Reichen und die, die schön sein wollten, einen Ort außerhalb der lauten Stadt haben, um sich zu ergehen. Eigentlich ist das eher eine Welt für Vögel und Pflanzen und Tiere und solche, die sich im Unterholz verstecken. Manchmal denke ich, dass es noch viel mehr Welten gibt, die vorgaukeln, etwas Anders zu sein.
D Ah, Anfangszeitpunkt verpasst.
Alles ist leise, draußen hört man keinen Ton. Hier drinnen im Schlafzimmer nur mein Kind, das manchmal leise schnarcht. Jetzt höre ich aber gerade nur Einatemgeräusche.
8.14  
D Unser Bett ist 1,40m x 2m, weiße Decke, die über die ganze Breite geht mit oben und unten 3 grauen Quersteifen. Das Spannbettuch drunter ist schwarz, doch das sieht man nur an der oberen linken Ecke von mir aus gesehen und rechts neben mir, neben meinem Kind.
8.15  
A Mein Sohn trägt ein Pflaster auf der Stirn. Weil er ist der rote Ninja-Kai, der hat auch ein Pflaster und kann Feuer. Ich habe diese Ninjago – Geschichte schon gestern nicht verstanden. Dabei hatte der Papa den Comic mit vollem Einsatz samt aller Onomatopoesie sehr überzeugend vorgetragen. Das Tschack! Wuuusch! Boing! klang wunderbar. Dafür fehlt ihm heute morgen vor dem ersten Kaffee wohl noch der Elan.
B Das Bett ist blau bezogen. Ein blaues Spannbettuch (blau wie die Rosen rot sind), blaue Bettwäsche mit schwarzgelben chinesischen Zeichen. Ob ich sie finden könnte in der Zeitung, die im Asia-Supermarkt auslag? Im Bett befinden sich: 1 altes iPhone und 1 neues iPhone, beide mit Lederetuis, beide gehören nicht mir. 1 Kissen 1 Decke. Ich. Ein Mann. Unser kleines vertrautes Wir, warm wie unter der blauen Decke.
C Ich schreibe sonst nur im Bett, wenn ich krank bin. Als Kind hat man mir beigebracht, in jedem Raum nur das zu tun, wofür er vorgesehen ist. Ein Schlafzimmer ist keine Schreibstube. Die Soziologin, die mich gerade am meisten inspiriert, sagt, wir lebten in einer Zeit der Dezivilisierung. Das sei am subtilsten in Alltagsprozessen beobachtbar. Ich bekomme ein wenig schlechtes Gewissen und denke an das Chaos meines Lebens. Eigentlich findet fast nichts dort statt, wo es soll.
8:16  
D Mein Kind hat einen schwarz-weiß gestreiften Schlafanzug an auf dem ein rotes Herz abgebildet ist mit einem Mund, der wie ein Blitz aussieht. Das Herz hat komische staksige Beine mit albernen Schuhen. Es hebt seine rechte Hand zum Victory-Gruß, die andere hängt herab. Aus seinem Mund kommt eine Sprechblase, darin steht TOTAL HEART BREAKER, weiß auf schwarz. Ich sehe nur das Ohr meines Kindes und den Haaransatz, das Gesicht hat er am Rücken meines Mannes vergraben.
8:18  
A Dann muss Papa erst mal auf die Toilette. Er steht auf und tanzt nackt und scherzend an mir vorbei ins Bad. Ich muss lachen und sage, dass ich das jetzt protokolliere. Er sagt zum Sohn, dass er für die Mama und sich dann gleich in der Küche erst mal einen Kaffee macht. Der Sohn macht den Papa nach und hüpft als Nackedei hinterher. Dabei proklamiert er, dass ihm sehr heiß sei und er dringend ein Eis braucht.
C Zivilisiert sei auch, schreibt sie weiter, nicht freiwillig auf Autonomie zu verzichten. Ist das nicht ein privilegiertes Argument? Ist es wirklich politisch, was wir hier machen, oder ist es dekadent? Und was tun, wenn es gar keine Deutungshoheiten gibt?
D Ich muss husten. Auf der Bettdecke zeichnen sich die Beine meines Mannes darunter ab. Die Bettdecke ist verknittert, aber Bettdecken bügeln sehe ich nicht ein. Eine Milchflasche schiebt sich in mein Blickfeld. Ich glaube, es ist noch Milch drin. Beige auf weiß, mit der Millimeteranzeige.
8:19  
C Kaffee schmeckt übrigens, im Bett getrunken, anders als am Ess- oder Schreibtisch. Da ist dieser gelegentlich ungünstige Neigungswinkel und dieser Nachgeschmack, der unter den Eindrücken der Tagtrubelwelt offensichtlich leichter verfliegt. Ansonsten gibt es Kaffee am Bett für mich nur an Muttertag und vielleicht mal an diesen Morgenden, wo Du aufwachst und nicht genau weißt, wo Du eigentlich bist.
8:20  
A Das Baby lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und gluckst weiter. „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“ prangt auf einer großen Papierbahn an der Zimmerwand. Ich weiß gar nicht mehr, vor wieviel Jahren ich das dort hingeschrieben habe. Aber es tut gut, es immer wieder zu lesen. Mal morgens, mal abends und auch jetzt.
B Im Zwischenraum zwischen Wand und den weißen Rohren, die zur Heizung führen, stecken zusammengefaltete Papiere oder Umschläge. Als warteten sie darauf, beschrieben zu werden. Der Mann sagt, sie seien dort hingerutscht. Er zeigt mir eine kleine Piccoloflasche mit roter Flüssigkeit. Darauf ein Aufkleber: Ich schenk dir mein Herz. „Das hast du gesehen?“
D Mein Mann küsst meinen Rücken, rechts von der Wirbelsäule. Er ist wach und umarmt mich, Ich spüre seinen Atem.
8:21  
C Worte in den Beginn des Tages zu rufen, ist vielleicht Ausdruck größtmöglicher Autonomie und Kontrolle, am Ort funktional größtmöglichen Kontrollverlusts. Abgelegte Dinge um mich herum. Kleidung, die den Atem eines, aus heutiger Sicht, zu langen Abends am Feuer speichert, Halbgelesenes, über dem die Augen zufielen, Flickwerk (wie lange will ich mich darum schon kümmern?) und Überreste lustvoller Nächte, die irgendwie nie jemand verräumt. Wozu auch? Funktionale Schutzräume können nicht anders, als politisch zu sein. Sind wir nicht den Anderen die Spuren schuldig, damit sie mich erkennen, etwas von mir?
D Auch weiß – und daher von mir bis jetzt nicht beachtet – das „Schäfle“, eines der Lieblingskuscheltiere meines Sohnes. Ich sehe nur ein Auge und den verschmitzten Mund. Das Fell ist flauschig … es wartet darauf, dass mein Kind aufwacht.
8:22  
A Mein Sohn kommt wieder ins Schlafzimmer gelaufen und setzt sich mit einer kleinen Schüssel Eis wieder mit ins Bett an meine Füße. Da hat er den Papa ja irgendwie rumgekriegt. Unsere Ernährung ist manchmal echt fragwürdig. Aber naja, es ist ja Sonntag, die Sonne scheint und das Leben ist schön. Er erklärt seinem Babybruder, dass dieser leider noch kein Eis essen darf.
8:23  
D Ich muss husten. Aus der Nachbarswohnung hinter der Wand an meinem Rücken höre ich ein Knarzen. Jetzt ist wieder alles still.
8:24  
C Sie dürfen es nur einmal tun und sie müssen es persönlich tun. Wahlanweisungen werden auf dem Fensterbrett von eben jenem verschattenden Sonnenlicht beschienen. Vergiss es nur nicht zu tun! Aufdringliche Modalverben und gefühlte Ausrufezeichen, die ich selten als so angemessen erlebe.
D Mein Mann bewegt sich und atmet hörbar. Jetzt ist wieder alles still. Ich huste. Komisch, ich bin eigentlich nicht krank…
8:25  
B Wir trinken synchron Kaffee. Er liest, ich schreibe. Wenn ich die Augen schließe, wächst die Kiefer heraus aus dem schmalen Bett, wächst über unsere Köpfe, bis zur Decke und hindurch. Stille. Einem Ferkel sei die Flucht gelungen, liest der Mann vor.
D Meine Beine schlafen ein, genauer gesagt nur eines. Mein Mann muss mal und ich muss zweimal niesen. Hoffentlich wecke ich das Kind nicht auf – nein, er ist noch am schlafen.
8:26  
A Der Sohn schreit laut nach Papa und dass er das Eis schon aufgegessen hat und verschwindet mit der Schüssel wieder in Richtung Küche. Mein Mann erscheint kurz im Schlafzimmer und bringt mir ein großes Glas Kombucha-Schorle. Ich wundere mich, dass wir sowas haben.
C Die Nachbarin gestern sagte, sie vermisse die Nachtigall. Ich kann gern auf Geschrei verzichten, vor allem in der Frühe. Ich bin froh, dass Kinder sich vom Schreien weiterentwickeln zu Legospielenden und Lesenden, jedenfalls Leisem. Die Nachtigall offensichtlich ist beim Geschrei am Ende ihrer Entwicklung angelangt. Ist das eigentlich erlaubt, dass manche Vögel auf der Tonlage meines Weckers singen? Mich irritiert das jeden Morgen. Überhaupt machen mir Technik-Natur-Hybride in meiner eigenen Wahrnehmungsfähigkeit eher Angst.
8:27  
D In meinem rechten Bein spüre ich ein Kribbeln, ich bewege die Zehen. Mein Kind bewegt seinen Kopf im Schlaf vor und zurück und bewegt auch seinen Mund: „ichwieeeauuu“ sagt er im Schlaf. Er liegt auf der Seite und jetzt im rechten Winkel von mir. Ich huste. Wenn mein Mann zurückkommt, wird er keinen Platz mehr haben…
8:28  
A Der Sohn kommt mit einer neuen Portion Eis freudestrahlend zurück ins Bett und bietet mir einen Löffel zum kosten an. Was soll ich sagen…es schmeckt nach Schokolade und Sommer und Sonntag und Freiheit.
C Am Morgen muss ich den Kategorien trauen dürfen. Dass Raum und Zeit wenigstens so lange gelten, bis ich einigermaßen zivilisiert autonom mitspiele in dieser Tagwelt. Ich liebe es, sehr früh aufzustehen und wenn ich diesen Zeitpunkt verpasse, ist alles für den ganzen Tag zu spät.
D Mein Mann kommt zurück, ist nackt und zieht sich eine rote Unterhose mit dunkelblauem Rand an. Laute Schnarchgeräusche von meinem Kind, er bewegt seine Finger an der rechten Hand. Ich huste. Von der linken Hand sieht man nur 2 Finger, ein Nagel ist ganz dreckig ….
8:29  
A Nun kommt auch Papa mit zwei großen Gläsern Milchkaffee wieder. Oh ja, den kann ich jetzt gebrauchen. Der Sohn will nun auch was trinken und nippt an meiner Kombucha-Schorle. Er findet, dass die nach Bier schmeckt. Woher will er das eigentlich wissen, der Schlaumeier? Kinderbier, sagt er. Das Baby brabbelt und strampelt noch immer fröhlich vor sich hin.

 

 

 

 

 

 

 

 

Werbeanzeigen

Peace is Power – große Worte in kleinen Buchstaben, oder: den Himmel auf die Welt verpuzzeln

 

Yoko Ono in Leipzig (Mai 2019)

 

Hurra, ich habe eine Ecke gefunden!

Wagen wir uns zuhause an tausend Teile, dann suchen wir zuerst die Rand- und Eckstücke heraus. Für den Rahmen.

Yoko Ono hat den Himmel zum Puzzle gemacht und ich habe ein Eckstück gefunden. So fühlt sich auch der Besuch in der derzeitigen Werkschau in Leipzig an: Der Himmel ist zum Puzzle gemacht und die Besucherin ist ein bedeutendes Teil darin und bekommt so ein Teil und mit ihm die Aufgabe, Frieden zu wirken. Unzählbar, aber nicht unendlich – die Menge an Teilen, aus denen der Himmel gemacht ist. Unzählbar, aber nicht unendlich – die Menge an Teilen, aus denen Friede gemacht ist. All dies aufrüttelnd, ohne moralisch zu sein.

 

Wie so vieles in „Peace is Power“ liegt Gewaltsames und kraftvoll Hoffendes nah beieinander. Die Künstlerin rückt dem Himmel mit der Stanzmaschine auf den Leib, füllt die handlichen Puzzleteile in kriegsbenutzte Stahlhelme und hängt sie nahezu freischwebend in den Raum. Und dann darfst Du den Himmel mitnehmen – im Sinne habend, dass alle dereinst zusammenkommen, um den Himmel zusammenzusetzen. Und Du hast das passende Bild. Die Ausstellung lebt davon und spielt damit, große Hoffnungsbilder gegen die aktuell alltägliche und konkrete Gewalt zu setzen.

IMG_6913.jpeg

Y.O. in Leipzig ist Konzeptkunst und Performance, die die transparente Grenze des Museums für bildende Künste in Leipzig sowohl nach außen als auch nach innen weiterschreibt. Davon zeugen kulturelle Produkte wie eine plakatierte Litfassäule ebenso wie Wunschbäume, die die Eingänge flankieren.

Der Weg nach oben führt zu 100 Särgen, Modell Naturkatastrophe und Kriegseinsatz, aus einfachem Kiefernholz eilig gezimmert, aus denen zu auferstehungskündendem Vogelgezwitscher Zitrusbäume wachsen, deren Geruch die gesamte Halle schwängert. Nah beieinander liegen der Friede und die Hoffnung, von denen Exponate und Erfahrungen dieser Ausstellung künden, mit Gewalt, Tod und Unfrieden. Architektenpapier, bunte Tapes und eine ganze Wand fordern BesucherInnen auf, ihrer Mutter einen Platz in der Ausstellung zu schaffen. Blutverschmierte Schuhe, zersprungene Brillengläser und verbogene Kleiderbügel sind nur wenige Dezimeter entfernt. Resonanzen von Yoko Onos Calls an Künstler* und Besucherinnen* überhaupt nehmen breiten Raum ein. Glas, Wasser, Obst als Überlebensmittel sind die Stoffe, die wirksam in den Raum gesetzt werden. Man darf mitnehmen, ohne mit give-aways belästigt zu werden. Die Künstlerin fordert zu Rückmeldungen auf. Daneben werden z.T. alte und auch sehr bekannte Werkstücke gezeigt, so dass man bei aller Auswahl den Eindruck hat, doch ein „vollständiges“ Bild einer Werkschau zu erhalten. Eine Vielzahl von Kunst-, Film- und Spielregeln gab Yoko Ono anderen mit und durch die Zusammenstellung in der Ausstellung damit auch uns. Und das Museum für bildende Künste Leipzig ist ein idealer Ort dafür, Konzeptkunst, Performance und Werkschau miteinander zur Darstellung zu bringen: Immer wieder rutschen meine Blicke unversehends zu den Alten Meistern, die sich auf jeder Etage zwar vor Y.O.s Werken zurückgezogen haben, wohl aber ihren Platz behauptet haben. Konstellationen scheinen unbeabsichtigt zu sein, sind aber gleichwohl wirksam. Bewegt hat mich am meisten die Installation zur Spielregel „touch“ in einem völlig abgedunkelten und trittschallisolierten Raum, in dem die Wahrnehmung für den* unsichtbaren* Anderen* besonders sensiblisiert wird (und schade, dass die Umsetzung durch die mit indirektem Licht durchsetzte Decke nur teilweise gelingt). Die Versuchung ist, die Ausstellung in einem Museum wie ein klassisches Museum zu rezipieren. Das ist schade, weil die Exponate missverstanden sind, wenn sie betrachtet und konsumiert werden. Yoko Ono rüttelt auf, sie will space transforming, Politik, Provokation, Partizipation. Oder: das Establishment mit den Mitteln schlagen, auf die es nicht zu antworten weiß. Nur dann passt dein Puzzlestück.

P.S.: Gern hätten wir schon einen Katalog mitgenommen, statt uns noch um eigene Bilder zu kümmern. Oder wenigstens eine Zitrone.

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

 

 

#stationpoetry. Laudatio

 

Laudatio für Friederike Erichsen-Wendt und Birgit Mattausch

Im Rahmen des Playing-Arts-Symposiums 2018 hat Sebastian Schmid die Laudatio auf unser Performanceprojekt 2018 gehalten. Dabei erscheint das, was war, nochmal in einer neuen Perspektive. Der Dank für diese Worte ist riesig!! Weil mir auch dadurch ein weiteres Mal deutlich wurde, dass eigentlich die Art der Resonanzen das Besondere an diesen Dingen ist. Dazu ist noch viel weiter zu denken… 

 

Friederike fährt mit dem Zug von A nach B. Birgit gleichzeitig von B nach A. An jeder Station steigen sie aus und halten mit der Schreibmaschine fest, was sie sehen. Mit dem nächsten Zug fahren sie weiter aufeinander zu, aneinander vorbei und wieder voneinander weg.

Dieses Spiel stellt die Frage: Was ist Perspektive?

Perspektive ist die Darstellung räumlicher Verhältnisse in der Ebene eines Bildes. Im übertragenen Sinn spricht man auch von Perspektive als dem persönlichen Standpunkt, von dem aus etwas gesehen wird.

Welcher Standpunkt ist für dieses Spiel bildgebend? Birgits? Friederikes? Der der Mitreisenden? Der der virtuellen Beobachter*innen, die Teile der Aktion im Internet verfolgen durften?

Was ist überhaupt ein Stand-Punkt, wenn man sich bewegt, wenn man reist?

Und die typische Frage von Zugreisenden: Bewege ich mich, oder der Zug am Gleis gegenüber? Wer ist der feste Standpunkt und wer der Fluss? Rausche ich durch die Welt oder die Welt an mir, an meiner Filterblase, an meinem geschlossenen Weltbild vorbei?

Weiter ist Perspektive auch die Reduktion der Dimensionen, wenn zum Beispiel der dreidimensionale Raum auf eine zweidimensionale Fläche projiziert wird. Perspektive ist also Vereinfachung.

Wir erleben zurzeit starke Vereinfachungen von Weltbildern. Die komplexe, multidimensionale Wirklichkeit wird in die Eindimensionalität einfachster Denk- und Erklärungsmuster überführt.

Aber dieses Spiel widerspricht.

Nicht nur, dass es in der Dreidimensionalität bleibt, es berücksichtigt auch die Dimension der Zeit: Zwei Personen sind am selben Ort, aber zu unterschiedlichen Zeiten. Hinzu kommen weitere Dimensionen, die allesamt nicht reduziert, sondern im Gegenteil aufgespannt werden: Die persönlich-biografische Dimension, die virtuelle Dimension der Social-Media-Kanäle und nicht zuletzt die poetische.

Und trotz dieser Multidimensionalität ist Beziehung und Bezugnahme aufeinander möglich. Denn die beiden rufen sich sozusagen zu:

„Ich möchte aufbrechen um dort hinzugelangen, von wo aus du gestartet bist, um mich zu suchen.“ Die Suche nach dem Gegenüber ist die Suche nach sich selbst. Die Spuren der Einen sind der Anderen Weg.

Kann man perspektivischer Reduzierung schöner widersprechen?

 

Sebastian Schmid 28.10.2018

Mutigwerden zu Heulen und Handeln als Aufgabe des gegenwärtigen Protestantismus. Eine Replik an Erik Flügge

Rezension zu: „Nicht heulen, sondern handeln“. Thesen für einen mutigen Protestantismus, München 2019. 

Meine These zum Buch: Erik Flügge legt eine römisch-katholische Deutung des Protestantimus vor. Nun könnte man sagen, dass er dies ja aufgrund seiner Sozialisation gar nicht anders könne und seine Motivation, „Thesen für einen mutigen Protestantismus der Zukunft“ zu schreiben, in seiner Liebe zu eben auch der anderen Konfession begründet sei. Ein solch großherzige Geste steht einer Schrift, die damit rechnet, die Adressaten* „wütend“ (p. 15) zu machen, ja auch gut an. Dass an Anderen immer genau das besonders faszinierend ist, was ich selbst nicht habe, ist nun allerdings weder besonders neu noch überraschend.

 

Mir geht es (1) darum zu zeigen, dass die Irritation und Verwunderung über dieses Essay daran liegen könnte, dass hier eine DNA gesucht wird, die gar nicht gefunden werden kann. Damit ist Flügges Text – vermutlich unfreiwillig – ein Paradebeispiel postkonfessionellen Diskurses in den Kirchen und deshalb aus einer gewissen besonnenen Distanz, die nicht allzu sehr auf Details schaut, interessant. Wenn es dem Autor darum geht, die Dinge im Anschluss an Provokationen zu „ordnen“ (so meine ich es letzter Tage von Erik Flügge verstanden zu haben), dann möchte ich (2) zeigen, inwiefern Mut die zentrale Fähigkeit (die Alten sagten: „Tugend“) ist, die im postkonfessionellen Christentum der Gegenwart gebraucht wird. Es wäre ein Mut zum Handeln. Es wäre ein Mut zum Heulen. Es wäre ein Mut zum Lassen. Zum Tun. Ein Mut zu strategischer Klugheit (die man wirklich brillant vom Autor lernen kann) und zum öffentlichen Wort. Dies als Ausblick auf die These, die ich im Sinne einer response anbiete.

 

Ich habe lange gebraucht um zu beginnen, dieses Buch zu lesen. Es war kein Beschaffungsproblem, da es unvermutet und frühzeitig auf meinem Schreibtisch landete, sondern dem Umstand geschuldet, dass in meiner Community anhaltend darüber gestritten wird, obman dieses Buch überhaupt lesen sollte. Denn die, die die evangelische Kirche tagtäglich „anders“ machen, sind es leid, darüber belehrt zu werden, wie es denn eigentlich viel besser ginge. In dieser Vielstimmigkeit echte Gesprächsangebote zu identifizieren, ist nicht immer leicht. Diskurse zu kirchlichen Themen der letzten Jahre verlangen also ein gesundes Maß an Selbstimmunisierung, um überhaupt handlungsfähig zu bleiben oder zu werden.

 

Damit zur zweiten Hürde, die eine echte diskursethische Herausforderung darstellt: Als zentrales Problem des gegenwärtigen Protestantismus stellt der Autor den Umstand heraus, dass man es mit „Differenzierern“ (p. 9 u.ö.) zu tun habe. Alles, was ich hier schreibe, kann unter diesem Verdikt gelesen werden, und vor allem: damit dann auch relativiert werden. Ich bin mir dessen bewusst. Und ich tue es trotzdem, weil ich die Lage so einschätze, dass die Strategie der ‚lauten Worten‘ mittelfristig nicht hilfreich ist, damit es mit dem Protestantismus anders weitergeht als bisher. Insofern scheint mir Flügges „Provokation“ eher ein Auf- und Hilfeschrei zu sein als ein ernsthaftes Lösungsangebot. Es gibt, etwa zum Thema ‚Gottesdienst‘, auch solche leisen Lösungsangebote, aber man muss sie in diesem Buch schon suchen. Eher also ist der kleine Band Flügges verzweifelte Flugschrift, die diese großen Worte und häufig auch Plakatierungen nutzt – wen erreicht man damit aber nun wirklich? Das bleibt, zumindest für mich, unklar: Die evangelische Bildungs- und Entscheidungselite dürfte den Text rasch zur Seite legen, die Anderen sind nach Flügges Auffassung ja schon gar nicht mehr da.

 

Ich muss jetzt zur Einleitung von Lösungsstrategien natürlich zitieren, wie es sich der Protestantin geziemt (zum Verstehen dieser Anspielung sollten Sie das Buch dann doch lesen!), und erinnere daran, dass Martin Luther das Stichwort „Provokation“ im Zusammenhang seiner Tauflehre platziert: Christ-Sein als Provokation!

 

Die Leserin wird im Essay an Orte in der Kirche geführt, die in Flügges Lesart ein demgegenüber verzagtes evangelisches Christentum zeigen: Der Gottesdienst, die Schrift, die Propheten. Es wird nicht wenige geben, die ins Hamsterrad des Widersprechens einsteigen und erzählen, wo sie Anderes erlebt haben. Das ist in der Tat die beschäftigte Selbstimmunisierung kirchlicher Kreise, von der das Buch auch berichtet. Es scheint immer noch schwer zu sein, aus Mechanismen der Selbstlegitimierung auszusteigen. Ich hingegen frage mich, ob nun ausgerechnet das Abarbeiten an Autoritäten einer postsäkularen Gesellschaft überhaupt angemessen ist. Auf mich wirkt dies in Zeiten flacher Hierarchien, agiler Organisationen und fluider Entscheidungsfindungen eigentümlich aus der Zeit gefallen (s.o.: mein Verdacht der römischen Deutungskategorien).  Was ist der Gewinn, über eine – mancherorts noch dringend notwendige – Aufgabenkritik hinaus?

 

Was Religiosität angeht, ist Flügge auffallend optimistisch: Dass Gottesdienste sich aus den religiösen Funktionen des Betens und Segnens heraus von selbst „neu ordnen“, steht allerdings nicht zu erwarten, wenn Menschen schlicht grundlegende religiöse Ausdrucksformen nicht mehr zugänglich sind, wie im Buch häufig anonymen Dritten (etwa der „promovierten protestantischen Freundin“) in den Mund gelegt wird. Dass Menschen tatsächlich letztlich so „latent kirchlich“ sind, wie Flügge annimmt, müsste erst noch gezeigt werden. So einfach es zunächst klingen mag, Kirchlichkeit über die Nachfrage religiöser Angebote aufzubauen: Das evangelisch-volkskirchliche Modell von Zugehörigkeit unabhängig von einer Prüfung des Glaubens „von außen“ ist damit verlassen. Die Provokation, die dem Protestantismus inhärent ist – „Der Mensch hat seinen Weg gefunden, über die Lehre von der Kanzel herab hinaus, sich selbst in Beziehung zu Gott zu setzen.“ (p. 38) – ist aus meiner Sicht klug neu beobachtet. Dass der ‚Geist des Protestantismus‘ auch jenseits der verfassten Kirche wirksam ist, ist schließlich eine der wesentlichen Einsichten liberaler Theologie. Und es wäre lohnenswert, hier theologiegeschichtlich nach Strukturanalogien zu suchen. Es könnte gut sein, dass wir anhand dessen unsere heutigen Konfessionen besser verstünden. Und auch ein gelassenes Verhältnis zur Fragilität kirchlicher Sozialgestalt bekämen, die eine notwendige Folge dieser Einsicht ist.

 

Die Frage, die Erik Flügge nicht stellt, ist jedoch, wie „der Mensch“ diesen „Weg findet“. Ist es nicht eine dem christlichen Glauben evangelischer Prägung inhärente Leistung, dass seine Maßstäblichkeit quasi „subkutan“ wirkt und dann und wann exemplarisch sichtbar wird? Als Zustimmung zu materialen Glaubensinhalten, wie am Beispiel der Auferstehung ausführlich traktiert, jedenfalls nicht. Da zeigt sich, wie mächtig die jeweilige auktoriale Hermeneutik ist – seine wie meine. Ärgerlich ist allerdings die Art und Weise, wie die Positionen der befragten Kolleginnen* vorgebracht werden, weil gar nicht danach gefragt wird, inwiefern diese Ansichten für jemanden stimmig sind. Könnte es also sein, dass der Protestantismus in seiner Entäußerung in alle Bereiche der Gesellschaft provokativer ist als Erik Flügge? Und dann wäre es gar kein Zufall, dass „[p]rotestantisches Denken … heute omnipräsent“ ist (p. 16).  Nebenbei bemerkt: Den evangelischen Gottesdienst primär und ausschließlich als Lehrveranstaltung zu verstehen, von dem sich der mündige Christenmensch eigentlich zu emanzipieren habe, ist eine fraglos normativ gesetzte Annahme, die sich aus der prominent im Klappentext positionierten Episode abzuleiten scheint, in der Grundszenen gottesdienstlichen Lebens mit einer bespinnwebten Patina längst vergangener Zeiten, die es so vielleicht nicht gegeben hat, überzogen werden. Allerdings mag ich nicht glauben, dass der Autor nicht auch reichlich andere Erfahrungen in evangelischen Gottesdiensten machen könnte! Flügges Beobachtungen sind gut und treffend, aber sie sind auch einseitig und überspitzt. Das soll seine Deutungen nicht relativieren, macht es der Leserin zugleich aber schwer, immer zu folgen. Es ist ja eine beraterische Binsenweisheit: Wo ich hinschaue, da entsteht Wirksamkeit. Man kann zweifellos viel Jammern sehen, man kann aber auch motivierte Geistliche aller Generationen sehen, Aufbrüche in und am Rande der verfassten Kirchen.

 

Erik Flügge schaut auch auf die Bibel als weiterer Autorität; auffälligerweise als dogmatische Grundsignatur „Schrift“ eingeführt, worunter dann allerdings der Bibelgebrauch von evangelischen Christenmenschen verhandelt wird. Nicht nur an dieser Stelle des Essays habe ich den Verdacht, dass Beschreibungen und Normativitäten durcheinandergeraten. Die Idee der prinzipiellen Unabgeschlossenheit des Kanons hat Flügge von Karl Barth aufgenommen (KD I/2, 532), deutet sie allerdings anders, indem er dies als Appell zur Fortschreibung der Bibel interpretiert. Ich frage mich, weshalb er denn nun nicht mit einer Fortschreibung dieser Art in Predigten rechnet? In Flügges Argumentation wäre das aus meiner Sicht logisch gewesen, allerdings hätte sich dann der vorherige Abgesang auf den evangelischen Gottesdienst verboten… Die Pointe der Unabgeschlossenheit des Kanons besteht meines Erachtens nun gerade darin, dass der Kanon sichimponiert, und nicht, dass Christenmenschen den Lehrbestand aus dem eigenen theologiegeschichtlichen Zitatenschatz auffüllen. Hier – wie übrigens an vielen Stellen gegenwärtiger theologischer Diskussionen – zeigt sich, dass der Status von evangelischer Lehrbildung in Gegenwartsdiskursen reichlich Aufholbedarf hat. Evangelische Lehre ist eben nicht durch Traditionsfortschreibung, wie hier gefordert (und gut römisch), garantiert. Die Frage hingegen, was uns als evangelische Theologinnen eigentlich antreibt, gegenwartsfähig zu beantworten, ist ein Desiderat, auf das Erik Flügge nachdrücklich hinweist.

Das Kapitel zur Prophetie rührt an die Sehnsucht charismatischer Führungsimpulse im Sinne Max Webers; wenn dies denn mehr sein soll als eine gute PR-Strategie (und auch das wäre ja schon was). Ehrlich gesagt wünschte ich mir, eine Vielzahl von Geistlichen hätte mit lokaler oder regionaler Reichweite etwas von der theologischen Freiheit, die hier angedeutet wird. Ob es sich hier nicht eigentlich konsequenterweise um eine Beschreibung des Pfarrberufs handeln müsste?

 

Was mir – bei Fragen zu nahezu allen Details des Buches – sehr gut gefällt, ist, dass Erik Flügge sich einen mutigenProtestantismus wünscht. Mir gefällt das sehr gut, weil nach meiner Einschätzung nur ein mutiger Protestantismus gegenwarts- und zukunftsfähig sein kann, wenn er Glaube in einer offenen Gesellschaft zur Sprache bringen will. Die Unsicherheiten und Unabsehbarkeiten, in denen wir leben (von denen übrigens im Buch erwartungsgemäß keine Rede ist), dürfen nicht weiterhin so viele Impulse in der Kirche freisetzen, sich doch besser zurückzuziehen und eigene Welten von Sprache, Kultur und Lebensstil zu bewohnen. Ein relevantes Christentum muss sich – unabhängig von seiner konfessionellen Signatur – aussetzen. Das braucht Mut. Weil Mut heißt, sich in Situationen zu begeben, die unsicher sind. Weil es bedeutet, mit Fehlern umzugehen, mit Devianzen, mit Spannungen, Ablehnung und Kritik. Weil es bedeutet, Vertrauen in sich und die Kirche zu haben. Mut, der weiß, dass er sozial-moralischer Natur sein muss und damit auch unrealistische, pseudo-inklusive Narrative zu verabschieden hat. Mutige Christenmenschen sind eine Kirche, die all dies zulässt und fähig ist, sich selbst zu begrenzen. Chronische Anspannungen in der ewigen Auseinandersetzung um Relevanzverlust und Vielfältigkeit von Anforderungen und Erwartungen arbeiten dem entgegen. Die Kirche muss trauern (und deshalb auch „heulen“, wenn diese Tränen Ausdruck von Jammer sind und nicht Gejammer) und sie muss sich erholen. Sie sollte in Urlaub fahren, andere vorübergehend die religiöse Arbeit machen lassen (und nicht dauernd denken, davon ginge die Welt unter), aus Angsthasen Hasenbraten machen (oder wie ist das Cover zu verstehen?), schöne Orte sehen, einen Atmosphärenwechsel erleben, sich ausreichend bewegen und guten Rotwein trinken. Anschließend wird sie fähig sein, ihre Dinge zu ordnen, weil sie weiß, was ihr wichtig ist, weil sie eigenständig denkt, weil sie weiß, wo sie stark ist und wie sie mit ihrer Schwäche umgeht. 500 Jahre nach der Reformation würde die Kirche auf diesem Wege weiter erwachsen. Und könnte dann provozieren – aus den Hamsterrädern des Profanen herausrufen, wie es einem Leben aus der Taufe entspräche. Insofern: Dass römische Deutungen evangelische Selbstdeutungen provozieren, die eine hohe religiöse und gesellschaftliche Sprengkraft entfalten, hat Tradition.

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

 

Hybride Communities of Practice

 

Rezeptionsbeobachtungen zum ZDF-Fernsehgottesdienst „Helden der Versöhnung“, 7. April 2019 aus der Stadtkirche Pforzheim

 

 

Im Vorprogramm läuft ein „Wertemagazin“.

Ich wusste gar nicht, dass man das in ein Format gießen kann;

und stelle vorsichtshalber den Ton ab.

 

Manche sitzen mit nassen Haaren da.

„Mama, hast Du den Zug verpasst?“

Eine muss noch schnell Tee machen.

Die anderen Kaffee.

Andere kommen später dazu.

„Stell doch mal lauter.“

 

Ist ein Livestream eigentlich live, wenn er einige Minuten zeitverzögert ist?

Ist das eigentlich kein Gottesdienst, wenn es nebenbei Brote und Nutella und Käse gibt?

 

Alte und neue Bilder überblenden sich.

Beraten, betroffen, beerbt. Hier wie dort.

In diesem Gottesdienst und an unseren Küchentischen.

 

Wir erzählen uns von Tränen und wie schön die Lieder sind.

Kinder kommen und gehen, ungeschminkt und sonntagsfein, und rufen am Ende laut Amen.

Und alle kennen diese Nicos.

Manche hat das Gesangbuch auf die Butterdose gelegt.

Noch schnell auskauen, bevor es ans Singen geht.

Brot, Joghurt, Frühstücksei und das Lob Gottes, quer in den Sonntagswohnungen.

 

Frieden eilt um die Welt und durch unsere Chatchannels.

Welche Freude, wenn wir jemanden sehen, den wir kennen.

 

Und ich träume, dass Gott sich das nochmal überlegte, mit Lots Frau.

Die Pfarrerin reichte ihr Brot und Wein mit zitternden Händen und nicht nur Lots Frau wäre es, und die Hitlerjungen und die, die heute nicht mehr daran glauben, dass Demokratie möglich ist – es wären nicht nur ihre Worte, wenn sie sagten: „Ich war auch dabei.“

 

Unter dem Kreuz stehen die, die sagen: „Ich war auch dabei.“

Und sie teilen Toastbrotreste und den einen Schluck Grapefruitsaft und die wortlose Geste Jesu ist da: Elf sind da. Ein Platz ist für Dich.

 

Und mitten dazwischen spielen sie Hymnen und sie könnten tanzen, wenn nicht das Drehbuch da wäre, und alle gehen hin und die Tür ist offen und eine segnet sie alle.

 

Sie feiern weiter. Wir reichen nochmal das Brot herum und verteilen Coffee-to-go für den Kirchenkaffee in Sonntagsbetten und machen so selbst den Ton zur Welt. Zögerlich-zuversichtlich live.

 

 

Religiös unbekannt. Zur „Göttinger Jesusfigur“

Evangelisches Studienseminar Hofgeismar, 

18. Februar 2019

 

Ich habe Jesus gefunden, sagt sie am Telefon. Man glaubt ihr nicht. Natürlich nicht.

In unserer religiös wohltemperierten Gegend ist Erweckung dieser Couleur etwas eher Fremdes.

In der öffentlichen Welt ist Religion diskret.

In einer Bildungseinrichtung zählen in guter Tradition vor allem die besseren Argumente, um gesprächsfähig zu sein.

 

Ich habe Jesus gefunden, sagt sie am Telefon. Jetzt schon eindringlich, nachdrücklich.

Es ist bereits dunkel, an diesem Abend. Sie geht durch einen Stadtpark, wie ihn so viele Städte haben, vor oder nach der Arbeit, vielleicht mit Hund. Vermutlich auf immer wieder gegangenen Wegen. Man könnte es Alltag nennen.

Sie findet Jesus. Lebensgroß, auf einer Parkbank liegend. So eine Parkbank, auf die zumindest ich mich nur notfalls setzen würde. Ein bisschen im Eck, mit nassem Laub und Resten von Zigaretten und Chipstüten zwischen den Streben, mit Graffiti besprüht. Und abends immer leicht feucht, es muss kalt sein.

Jesus auf der kalten Parkbank. Goldfarben, wäre es Tag, würden Dich die Reflektionen blenden. Und zugleich ein bisschen ramponiert, ein Arm ist ab. Dornenkrone und Lendenschurz, zu leicht bekleidet für Anfang Februar in Göttingen. Und ich muss aufpassen, dass ich nicht anfange mit zu frieren. Mit Jesus, in diesen Zeiten.

Ein Kulturzentrum hatte den als Requisite verwendeten Corpus Christi weggeworfen, Unbekannte hatten ihn aus einem Altmetall-Container entwendet und auf die Parkbank in der Nähe des Leineufers gelegt.

 

Das kulturelle Christentum in Deutschland ist stabil. Es trägt auch zur Stabilität unserer Kirche bei. Und doch macht es mich mindestens nervös, wenn die sichtbaren Dinge unseres Glaubens nur Requisite sind. Die eben noch nützlich sind, dann aber im Weg stehen.

Und dann sind da die Unbekannten. Sie machen irgendetwas mit den religiösen Dingen und ich weiß nicht wie und warum und doch erkennen sie irgendetwas: Sie legen Jesus auf eine Parkbank. Soll das humorvoll sein? Oder provokant? Oder fürsorglich? Ist es eine hilflose Geste? Meinten sie, ein paar Euro damit zu verdienen und jetzt ist sie doch zu schwer?

Und bin ich etwa abergläubisch, wenn ich jetzt am liebsten zum Auto zurückgehen würde, um ihn wenigstens behelfsmäßig in eine Decke einzuwickeln?

Und dann ist da die, die abends ihrer Wege geht. Nach der Arbeit oder vor der Arbeit, mit oder ohne Hund. Sie findet Jesus. Und niemand will ihr glauben.

Das ist kein Argument. Mit Religion haben wir es nicht so. So glaubt man hier nicht.

 

Die Polizei ist Freund und Helfer und kommt dann doch, obwohl sie kein Wort glaubt. Jesus wird erstmal in Gewahrsam genommen.

Verwaltungsgericht Köln, 20. November 2014: „Der Vorgang wird als Ingewahrsamnahme bezeichnet und begründet ein mit hoheitlicher Gewalt hergestelltes Rechtsverhältnis, kraft dessen eine Person die Freiheit in der Weise entzogen ist, dass sie von der Polizei gehindert wird, sich fortzubegeben.“

Die Zeitung berichtet, man wolle die Metallskulptur nicht einfach entsorgen, sondern suche einen neuen Ort für sie. Ein neues Zuhause.

In allem, was nur Requisite war, scheint Personsein auf, Bewegung, Wirksamkeit, eine mediale Aufmerksamkeit. Vielleicht auch Anstand, religiöser Respekt, Ehrfurcht.

Was ist das, was uns da plötzlich unvermutet vor die Füße fällt?

Niemand glaubt Dir. Du hast Jesus gefunden. Manche sagt vielleicht: Da ist etwas. Es gibt mehr. Was Du siehst, ist nicht alles. Es gibt rote Fäden, scheinbar unerklärliche Zusammenhänge, plötzliche Einsichten, Dinge, die einfach nicht so sein können, wie es die Welt will.

„Hurra. Handloser Heiland hat Heimat“, jubelt die Presse.

Die Finderin ist konfessionslos. Sie sagt: Jesus passt sehr gut in meine Wohnung. Ich glaube zwar nicht, aber Jesus bekommt bei mir einen Ehrenplatz.

Die Polizei erklärt den Fall für aufgeklärt und abgeschlossen.

 

 

Fotocredit: Polizeidirektion Göttingen  

 

 

 

Weiteres Verzeichnis einiger Verluste, unscharf.

 

Aus dem großen Resonanzfeld der WinterWortWerkstatt 2019

Hanau, 26. Januar 2019

 

Vom Rest des Hauses durch eine Brandschutztür getrennt. Kleine Kinderhände müssen ganz fest drücken, schon so, dass die Fingerknöchel hervorschauen, damit sich was bewegt. Über den Widerstand hinaus, und Du wirst mit einem Quietschen belohnt. Der Kessel in Viessmann-orange (RAL 2001), obenauf eine Rußschicht, verschmiert eingebrannt, aber wer reckt den Hals schon so weit, um das zu sehen. Kalte Kacheln, graumeliert, und eine eigentümliche Wärme, fast mit Händen zu greifen. Die zähflüssig-thixotrop anmutet und sich mit jener Kälte verbindet, die die Tiefdrucklagen des deutschen Mittelgebirges zwischen die Häuser drückt.

Fenster jedenfalls beschlagen von innen und tauchen die Welt draußen in ein unscharfes, graues Licht.

Nirgends sind die Dinge klarer als zwischen allen Dingen.

Dort, wo die Funktionalitäten sich ihrer Reste entkleiden, sammeln sich die, die dem Takt trotzen, den entschlossenen Schritten und runden Geburtstagen mit angeschlagenem Goldrandgeschirr.

 

Sie ist eine kleine Dame. Während andere schimpfen und nichts erklären, erklärte sie alles und schimpfte nie. Also, so „Alles“ und „Nie“, wie man das halt so sagt und Ihr-wisst-schon-wie meint. Und sie und ich kauern auf kalten Kacheln, angelehnt am viessmann-orangenen Heizkessel, jenseits der wirklich bewohnten Welt und dem Gelächter an der Kaffeetafel voller Sahnetorten und Uromas Nusskuchen, wo ich das Nesthäkchen mit dunkelblauem Faltenrock und Puffärmelblüschen bin.

Überhaupt, wenn der immerwährende Kalender in der Küche das Feiern von Festen anordnet, puzzeln sich auf wunderbare Weise alle Möbel zu  einer einzigen, langen Tafel zusammen, deren Kanten und Unebenheiten nahezu mühelos kaschiert sind mit den Leinentischtüchern, die ihren wenigen großen Auftritten in einer schweren hölzernen Aussteuertruhe in der Diele entgegenfiebern.

 

Die kleine Dame, meine Oma, ist einfach durch zu viel Leben gegangen, um an all diese Spiele zu glauben. Ich verstehe wenig und ahne viel. So sitzen wir da, die Füße sind kalt und das Herz ist warm, indirekte Hitze direkt durchs Rückenmark.

 

Und wenn dann mal die Tür aufgeht, weht der leicht bittere Zug von Bohnenkaffee und Süße von Wurstsuppe zu uns. Und die wenigen Worten an der Grenze zu einer ahnungsvollen Wirklichkeit sind wie Schuhlöffel, die verhindern, dass das Leben sich vor der Zeit abnutzt. Graumelierte Kachelvorsprünge werden zur Bettkante, auf der die Geschichten erzählt werden, irgendwie auf dem Absprung dorthin, wo die Träume zählen.

 

Und an den langen Kaffeetafeln derweil die, die man oft bei- und dabei stets nebeneinander sieht. Hier wie beim Spazieren durchs Viertel oder Zeitunglesen. Nie sehen sie sich an, tauschen weder Worte noch Gesten. Also, diese Worte und Gesten, die mehr sind als Bewegungen und Laute. Schulter an Gewohnheit und Gewohnheit an Schulter vergeht die Zeit und sie gehen sich nichts weiter an als nötig ist für diese Nächte, in denen sich die Kälte von den Füßen ins Herz schleichen will.

 

Draußen hingegen brauchst Du heute den Mantel und dieses eigentümliche Zwischendrinnen, am Hotspot der Stadt, wo es den besten Kaffee gibt und Mantelständer Kratzer an der Wand hinterlassen und der Blick aus dem Fenster solche an der eigenen Moral.  Und freundliche Begrüßungen sind wie Leinentischtücher, die Kanten und Unebenheiten fast mühelos kaschieren, damit man einander bekannt bleibt als die, die tatsächlich noch Zeitungen lesen und sich und einander die Hände an dem Traum wärmen, man könne die Welt mit immer neuen Theorien beschreiben und verstehen.

 

Once in a while ist da etwas eingerichtet und du bist da, ohne dich wirklich niederzulassen. Flanierend zwischen Orten, die zähflüssig-thixotrop Wärme aus verborgenen Wänden pusten, vorgebend, echt zu sein. Und manchmal bleibst Du auch über Nacht. Und noch eine und noch eine. Die Tage werden zwar unterschieden, doch Nacht sei gleich, behauptet die Literatur [Elias Canetti, Provinz des Menschen].

 

Doch zurück ins Mittelgebirge und den Tiefdruckgebieten. Sie jedenfalls blieb dort. Sie ahnte nichts von den wenigen Worten in viesmann-orangener Kontur und den Unschärfen, die ein Blick durch von innen beschlagene Fenster erzeugt. Ihr war die Ordnung das Geheimnis des Puzzles und sie stimmte eben ein. Sie bügelte die Leinentischtücher, schlug die Sahne und putze Kondenswasser von den Fenstern.  So hatte sie das gelernt, in der Kinderlandverschickung, weil es in der Stadt zu gefährlich war. Die Gefahr hatten übrigens die gebracht, die jetzt die Kinder verschicken ließen.

 

Sie ihrerseits zog den Kindern dunkelblaue Faltenröcke an und Puffärmelblüschen. Eingebrannten Rußschichten sagte sie den Kampf an, auch denen, die fast keiner sieht und nach denen Du den Hals recken musst.

 

Sie kochte Wurstsuppe und Bohnenkaffee und werktäglich zuverlässig öffnete sie den Pultdeckel des Sekretärs mit einem kleinen Messingschlüssel als Ritual einer Welt, die immer eine Nummer zu groß ist und in der alles seinen Platz hat. Ein Leben mit drei Schubfächern, im Aufsatz Sortierfächer, kleine Schublädchen, Aussparungen für Tinte, Papier, Briefe und die viktorianische Kuppeluhr, die alle Dinge in 15-Minuten-Takte teilt.  Gold und Bewegung und Klingelklang unter einer Glaskuppel, von irgendeiner Hand gefertigt, und keiner weiß wie. Zuverlässige Bewegungen drinnen und draußen.

 

„Ist das eigentlich eine Krankheit, dass Mama nicht aus ihren Abläufen rauskommt? Merkt sie das überhaupt? Ich gucke sie nur an.“ [Alexa Hennig von Lange, Kampfsterne]

 

Ich gucke sie an, wie sie da sitzt.

 

Wer erkrankt, verliert Schritt für Schritt seine geistigen und intellektuellen Fähigkeiten. Gedächtnis, Denkvermögen, Sprache und praktisches Geschick verschlechtern sich kontinuierlich. [flarft]

 

Die Angst davor, in wenigen Jahren ohne Erinnerungskultur auskommen zu müssen, darf nicht zu Inszenierungen führen, die eine Begegnung nur vorgaukeln. [FR vom 26.01.2019]

 

Ich gucke sie an, wie sie da sitzt. Ich habe kalte Füße und ein warmes Herz, indirekt durchs Rückenmark.

 

Und wenn dann mal die Tür aufgeht, dann muss sie ganz fest drücken, bis die Fingerknöchel hervorschauen. Es kommt der leicht bittere Zug von Bohnenkaffee und die Süße von Wurstsuppe und Fragen von Ämtern und Behörden und Richtern. Und ich ahne eine Wirklichkeit voller Bilder in sepia-viessmann-orange, die neben meiner steht. Und sie tauschen weder Worte noch Gesten, wohl aber Kaffee in angeschlagenem Goldrandgeschirr.

Und ich, ich beantworte Fragen von Ämtern und Behörden und Richtern und erkläre nichts.