[weiss]

erneut experimentiert, ohne farbwert.

hofgeismar, zum 17. november 2017

 

 

Alles auf Anfang.

„Weiß-t Du…?“

Weiß provoziert die Geschichten des Anfangs.

Als das Leben noch unbeschrieben war,

Dogmatik ein Fremdwort,

und ganz unbegangen, all diese Wege zwischen Richtigerem und gefühlt Falschem.

Weiß ist anfällig. Man kann nichts dazwischenmogeln, ohne dass es auffiele.

Die Faszination der Reinheit, sagen die Gläubigen.

Der Geruch des Krankenhauses, sagen die Gesunden.

„Gilt das noch als weiß?“, „Geht das noch?“ fragen wir einander, und schauen die Dinge an, die Andere für uns aus der Erde gezogen haben: Rettich und Pastinaken und Novembermairübchen und die Fische aus dem Meer.

Weiß und weißer und weißest. Weißt Du?

Es ist schwer.

What you see, is what you see. (sagt Robert Ryman – er hat faszinierende WeißKunstwerke geschaffen)

Alles auf Anfang.

Vor das blutverschmierte Kind wird das weiße Leintuch kluger Lehrworte gehalten. Gewickelt in Windeln und Taufkleidchen, Brautkleid bleibt Brautkleid bleibt Brautkleid.

Unantastbar und voller Trauer, ganz wie Deine Kultur es Dich lehrt.

Don’t touch.

Ich hatte gefragt:

Mein Weiß steht in eckigen Klammern. Ich würde gern probieren, ob sich das kalte Weiß umarmen lässt, und sei es „eckig“. Seid Ihr einverstanden?

Du kannst nicht mischen, diese Anfänge, nur Addieren.

Heute geht nur: ganz oder gar nicht.

Erfahrungswert: Weiß radikalisiert.

Protestantisches Bildungsideal: Wissen differenziert.

Leben ist AnfangsAddition.

Neue Geschichten, neue Leben, neue Verantwortungen, neue Fragen, offene Fragen.

Weiß klingt wie ein Schweigen, das plötzlich verstanden werden kann. Sagt Wassily Kandinsky.

Weiß wie Schnee. Sagt der Seher Johannes auf Patmos darüber, wie die Welt heil wird. Auf Patmos liegt nie Schnee.

Du hast es nie. Nimm es nicht mit. Es zerrinnt zwischen den Fingern. Es ist da oder nicht da. Weiß ist anders als Wissen. Weißt Du ja.

Why not sneeze, fragt Michael Duchamp (eine ganz großartige Idee – dazu ganz bald an anderer Stelle!) . Weiß ist fragil. Weiß will weiß bleiben. Niemandes Leben hat eine weiße Weste. Unweigerlich werden unsere Blicke auf das gezogen, von dem wir nicht wissen, ob es weiß oder grau oder matschig oder unkenntlich oder gott-weiß-wie-farben ist.

Weiß zeigt unsere Vorannahmen. Nie ist die Leinwand leer. Wir haben es süß und scharf. Nie getrennt. Das ist wie (in der) Renaissance, sagt eine. Wieder-Geburt. Und ich denke an das Kind in der Krippe, für das die weißen Dinge in die Kirchen gehängt werden, und für die Toten. Packt die Farben ein. Es wird klar und unbeschrieben, in Wochen, in denen es nie hell wird.

Zerrinnend und unbeschrieben – der Traum des Alles-auf-Anfang, der Flüchtigkeit allen Probierens.

Weiß bleibt nicht weiß. Flecken weben sich ein. Machen erkenntlich: Dies ist Deins.

Weiß bleibt nicht weiß:

Die Hitze produziert farbige Krusten, um zu schützen, was darunterbleibt.

Die Kälte durchwirkt alles von innen.

Und in allen Zweifelsfällen, für alle ZwischenRäume: Zucker.

Eckige Klammer zu]

 

 

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

 

 

 

 

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Ordentlich berufen

Zum 28. Oktober 2017, erdacht am 1. November 2017

 

Meine wunderbare Kollegin Birgit Mattausch hat zu ihrem 10jährigen Ordinationsjubiläum zu einer Philosopherei auf der „Waldlichtung“ von Anna Brandes eingeladen. Das ist schon Grund genug, an allem mit nachzudenken – um so mehr aber, als ich selbst auch in diesem Jahr zehn Jahre ordiniert bin. Und ganz anders gefeiert habe. All das brachte – neben vielen anderen guten Gedanken – die Idee einer erklärenden Fortschreibung unserer Ordinationsvorhalte hervor. So eben auch dies.

 

„Was mit dem Amt eines Pfarrers gegeben und gefordert ist.

 

In unserem Dienst vertrauen wir der Zusage Gottes und halten uns an sein Wort, wie es im Alten und Neuen Testament offenbart und im Bekenntnis der Reformation bezeugt ist. Dieses Wort will uns zur Erkenntnis der Wahrheit und zum eigenen Bekennen führen. Es will uns in Enttäuschung und Mutlosigkeit befreien, in Anfechtung und Bedrängnis helfen. Unser Dienst besteht darin, zu hören und zu beten, zu predigen, zu taufen und das Abendmahl zu feiern. In Gottesdienst, Seelsorge und Unterricht sollen wir die Menschen zu einem christlichen Leben ermutigen und sie für die Mitarbeit in Diakonie, Mission und Ökumene gewinnen. So wirken wir am Aufbau der Kirche mit. Dabei wird jeder von uns seine Fähigkeiten einsetzen und die gemeinsamen Aufgaben mit anderen teilen.

 

Gemeinden, Kirchenvorsteher und Mitarbeiter werden mit Ihnen zusammenarbeiten. In gemeinsamer Verantwortung wollen wir den Auftrag der Kirche erfüllen, die kirchlichen Ordnungen achten und für die Verwaltung des kirchlichen Eigentums sorgen. Wir bitten Sie, mit allen Gruppen der Gemeinde Verbindung zu halten, für Wahrheit, Gerechtigkeit und Versöhnung unter den Menschen einzutreten und für die Einheit der Kirche zu beten und zu wirken. Wir erwarten von Ihnen, dass Sie sich der Schwachen und Kranken annehmen, die Zweifelnden und Trauernden nicht allein lassen. Wir verlassen uns darauf, daß Sie über alles, was Ihnen im seelsorgerlichen Gespräch anvertraut wird, unverbrüchlich schweigen. Seien Sie gewiß: Sie finden in den Gemeinden Menschen, die Sie in Ihrem Dienst unterstützen und Ihnen beistehen. Sie werden nicht immer Ihre Aufgabe erfüllen können; aber Sie werden Vertrauen finden, wenn Ihr Dienst in Kirche und Gemeinde und Ihr Leben einander entsprechen.

 

Vor dem Angesichts unseres Herrn Jesus Christus, vor dieser christlichen Versammlung und vor allen Vätern und Brüdern im Glauben bezeugt, daß ihr allem, was euer Amt fordert, treu und gewissenhaft nachkommen wollt.

 

Ich erkenne wohl, daß es ein schweres Amt ist, das ich auf mich nehme. Weil ich aber ordentlich dazu berufen bin und mich auf die Hilfe Gottes und auf das Gebet der ganzen Christenheit verlasse, gelobe ich, allem, was mein Amt fordert, treu und gewissenhaft nachzukommen.“

 

(Agende für die Evangelische Kirche von Kurhessen-Waldeck, Bd. 2: Ordination, Einführungen und Einweihungen, Kassel 1975)

 

 

 

 

I Berufungslogik

Berufung ist kein „zu großes“, sondern ein notwendiges Wort.

Zumindest dann, wenn das, wozu ich berufen bin, „zu groß“ ist für mein eigenes kleines Leben.

Gott ist immer größer. Notwendigerweise.
Deshalb ist Berufung ein notwendiges Wort.

Soviel zu Logik.

 

 

II Berufungschaos und –ordnung, oder: Innen und Außen.

Berufung ist aus mancherlei Grund ein missverständliches Wort.

Stilisierung aus dem 19. Jahrhundert schwingt mit und die Gefahr, unter Berufung auf die Berufung alles und jedes legitimieren zu wollen.

 

Ordentlich berufen.

Einer sagt Dir: Du kannst das. Du sollst das.

In Dir ist es, das Dir die Gewissheit verleiht: Ich kann das. Ich soll das.

Manche sagen, es ist die Vernunft.

Andere sagen, es ist das Gefühl.

Dritte meinen, es sei das Gewissen. Die Seele. Die Welt in mir.

Der Grund der Gewissheit ist das Dritte gegenüber Innen und Außen, will ich sagen.

Und es ist ein bisschen abstrakt, damit es nicht so fromm klingt.

In euren Ohren.

Ich aber denke: Wenn ich es jetzt einfach mal sage, dass es Gott ist, der da ruft?

Nicht jenseits von „Innen“ und „Außen“, sondern im „Innen“ und „Außen“.

Und innen ist nicht weniger ordentlich als außen. Also: Rechtens.

 

 

III Unberufenes

All diese Dinge lese ich, zu denen da berufen ist, und frage mich heute wie damals: Weshalb will die Kirche so viel Anderes, wo das doch so viel ist? Und weshalb will ich so viel Anderes?

 

All diese Dinge lese ich, zu denen etwa 20000 in unserem Land berufen sind, und frage mich heute wie damals: Weiß die Gesellschaft das eigentlich? Was wäre die Welt ohne die, die eintreten für Wahrheit, Gerechtigkeit und Versöhnung? Ohne die, die sich der Kranken und Schwachen annehmen, Zweifelnde und Trauernde nicht allein lassen? Ohne die, die mit schweigen? Ohne die, die im Wissen um eigene Fehler mutig sind?

 

 

IV Berufung ist Ökonomiekritik

Und ich frage mich: Was würden wir eigentlich all den anderen sagen können, die berufen sind – unsere Kranken medizinisch zu versorgen, unseren Kindern auf die Welt zu helfen, unsere Busse zu fahren, unsere Messer zu schleifen, Haare zu frisieren und Regale einzuräumen? Denen, die es so tun, dass auch nur einer merkt: Es geht hier nicht nur ums Geld?

 

 

V Bleibend entzogen

Der Grund der Gewissheit ist entzogen. Deshalb ist Berufung so ein „großes Wort“. Deshalb ist jedes Tun auf Gottes Gnade angewiesen. Und auf die, die davon zeugen, wie das, was ich tue, zu dem im Verhältnis steht, was sie als mir entsprechend erkannt haben. Deshalb nie ohne die Anderen: „Niemand kann diesen Dienst tun ohne die Gnade Gottes und die Hilfe der Gemeinde.“ Auch, wer dieses Sprachspiel nicht mitgeht, wird sich der zugrunde liegenden Denkfigur nicht entziehen können, ohne sich entweder gänzlich selbst zu verleugnen (Berufung von außen, die nicht entzogen ist) oder alles Tun dem eigenen Vermögen anlasten zu müssen (Berufung von innen, die auf eigene Kohärenz zielt).

 

Jubilierendes Christentum.

 

Nachbetrachtungen zum Reformationsjahr

 

Gastbeitrag für das wunderbare www.feinschwarz.net (dort eine leicht gekürzte Version)

 

 

  1. Ein Oktobermorgen. Ich schlage die Zeitung auf. Halt! Natürlich weiß ich das: Kaum noch jemand tut dies. Geteiltes Wissen ist rar geworden in der Welt, in der ich lebe. Zerfleddert, aber frisch aufgeladen liegt das Tablet neben meiner Kaffeetasse. Ich überfliege die Notizen, die Freundinnen und Kollegen mir zu ihren Vorhaben und gemeinsamen

Projekten auf den virtuellen Schreibtisch gelegt haben und scrolle zu dem, was über die vermeintlich „große Welt“ berichtet wird.

 

Szene Eins.

„Reformationsjubiläum ein Riesenerfolg“. Ich lese von vollen Kirchen, hohen Taufzahlen, Menschen, die neu dem gepredigten Wort trauen, Diakoniestationen und evangelischen Kindertagesstätten, die dank großzügiger Spenden frei von finanziellen Sorgen sind, von Menschen, die stolz erzählen, einer christlichen Kirche anzugehören. Rechtskonservative Zeitungen protestantischer Binnenmilieus stellen ihr Erscheinen ein, weil sie keine Themen mehr haben. Stattdessen wird allen Abonnenten Luthers Schrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ zugeschickt. Dass Menschen unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung evangelisch getraut werden können, Frauen predigen und Christus alle in allen Kirchen zum Abendmahl einlädt, ist keine Schlagzeile mehr wert.

Ist das tatsächlich meine Kirche? Ich reibe mir verwundert die Augen und trinke vorsichtshalber noch einen Schluck Kaffee.

 

Szene Zwei.

„Reformationsjubiläum ein Riesenerfolg“, lese ich in der Zeitung. Alle Erwartungen seien übertroffen worden. Tausende von Veranstaltungen habe es gegeben. Und wieviel da gewesen seien – nun ja: Was bedeuten schon Zahlen angesichts der Gewissensbildung Einzelner? Die Stätten der Reformation gut besucht, die Tourismusindustrie zufrieden. FAZ kann ja viel von Flops erzählen. „Wir“ kennen die Wirklichkeit! Im Krieg um Deutung nur nicht nachgeben! Und Martin Luther im Kinderspielzeugformat, Johannes Calvin als Keramikkachel und schließlich Zwinglizeugs retten die Verschenkkultur evangelischer Kirchengemeinden aus ihrer alljährlichen Not und sorgen für passable Absatzzahlen. All das zu erdenken und vor allem zu entscheiden, bindet die strategischen Kapazitäten der institutionalisierten evangelischen Kirche über Jahre: Komplizierte Kampagnenkommunikation, langer Atem für reformatorische Themen eine ganze Dekade lang, Formate, die innerkirchliche Lobbies abbilden, als hätten sie von usercentredness noch nie was gehört und großes Erstaunen angesichts gesamtgesellschaftlich fehlender Euphorie. Was können wir denn tun? – Jahre jedenfalls gehen ins Land, die Zeit gegeben hätten für eine solide Besinnung auf das, was reformatorisch heute prioritär ist. So ganz kann ich mich des Eindrucks nicht verwehren, hier werde Veränderung unter dem Mantel von Veränderungsrhetorik gerade vermieden: Die Institution wäre wohl gern etwas Anderes als sie selbst?! Mit #reformationwiesieniemandwill polemisiert Mancher schon früh und tapfer gegen ein Zuviel an Aktionismus, an Sichtbarkeit und ach so zweckmäßige Koalitionen mit ökonomisch oder inszenatorisch Mächtigen und weiß doch zugleich, wie wirkungslos dieser Protest ist. Social Media bleibt #neuland im Protestantismus, dessen Ausprägung – seiner Grundgeschichte im 16. Jh. zufolge – immerhin auch mit einem Umbruch des Medienparadigmas verbunden ist.  Ironie, Resignation und verhaltene Versuche, in all diesen Dingen doch ein bisschen was gut zu machen, bestimmt diejenigen in der Kirche, die sie wirklich neu wollen.

Ist das tatsächlich meine Kirche? Ich verwundere mich gar nicht, ist doch die Kritik am Verhalten der Institution ein stehender Topos ihrer Denkerinnen und Denker, nehme aber sicherheitshalber doch noch einen weiteren Schluck Kaffee.

 

Szene Drei.

„Reformationsjubiläum“, denke ich und schaue auf meine Kirche. Es scheint so eine Art „Feier-Trotz“ im Protestantismus zu geben, der doch mit ausgelassenen Festen ansonsten eher so seine Schwierigkeiten hat: 1917, als Menschen ihre Kinder mit den Saatkartoffeln fürs nächste Jahr durch den Winter zu bringen begannen. 1983, als Kalter Krieg und Aufrüstung alles zu bannen schienen, wofür Kirche auf die Straße ging. 2017, wo wir bei Lichte betrachtet gar nicht so genau wissen, was wir da eigentlich feiern sollen.

Nie war die sachliche Resonanz auf Reformationsjubiläen besonders überzeugend und trotzdem haben die evangelischen Kirchen an dieser Art von Erinnerungskultur festgehalten. Als eine weiterbringende Ressource ist das eben dann einsichtig, wenn man Reformationsjubiläen eben nicht als Repräsentanz gegenüber einer – wie auch immer sich faktisch einstellenden – „außerkirchlichen“ Öffentlichkeit versteht (das wäre in früheren Jahrhunderten auch ein Anachronismus gewesen), sondern primär als Instrument interner Selbstvergewisserung. Und das ist doch noch etwas Anderes als ein großes Gemeindefest des Protestantismus! An symbolischen Wegmarken geht es dem Protestantismus so, wie wenn Du einen runden Geburtstag vor Dir hast: Er denkt über das nach, was war (und bestenfalls: weshalb es so war) und versichert sich, dass ja auch in Zukunft noch alles möglich ist und auch noch anders werden kann. Oder anders gesagt: Auch, wenn ich mich dem Unvermeidlichen nicht entziehen kann, habe ich die Möglichkeit, mich unabhängig – in Luthers Sinne: „frei“ – zu verhalten. Die argumentative Unabhängigkeit der Theologie, gerade weil sie sich angesichts dessen, wie Menschen jeweils leben, stets neu buchstabieren muss, ist ein zentrales Pfund neuzeitlichen Christentums. Entgegen binnenkirchlicher Intuition gilt also, dass Konformität, gleich welcher Couleur, begründungspflichtig ist.

 

Szene Vier.

Ich schreibe wohl besser eine eigene Geschichte zur Schlagzeile. Probehalber nehme ich an, die Kirche hätte sich gar nicht so wenig verändert, wie ich gemeinhin geneigt bin ungeduldig zu behaupten. Dann ist sie eine Welt von Kirchengemeinden und kirchlichen Orten, die es den Menschen gut und lebenswert machen will. Eine, die Sozialformen des 20. Jahrhunderts ebenso in sich birgt wie Amtsträgerinnen und Amtsträger, die offen und frei von aller Koketterie sagen, wo ihnen selbst die Kirche fremd ist. Manches ist viel zu selbstverständlich, Anderes bleibend zu ungewohnt. Eine Kirche, die fröhlich mit den Fröhlichen feiert und dir in deiner Trauer zur Seite steht – auch in all diesen kleinen Orten auf -by und -row und -kirchen, die für keine Lobby interessant sind und in denen fast niemand mehr Kirchensteuern zahlt.  Eine Kirche, die sich kluge Intellektuelle mit umfassender akademischer – auch altsprachlicher – und lebensweltlicher Bildung leistet, die öffentlich das Wort erheben, die provozieren, klären, als Gesprächspartner für alle, die gesellschaftliche Verantwortung tragen, zur Verfügung stehen, die mitdenken und anregen, ohne selbst profitieren zu müssen. Diese Kirche schweigt mit Dir. Diese Kirche hat Worte angesichts des Todes.

Sie ist eine, die Gelegenheiten offenhält für geschützte Räume und heilige Zeiten, die den Einzelnen nie verrät und kulturelle Ritualbedürfnisse befriedigt. Und nie scheltet sie jemanden dafür, dass Du allein all das nicht erklären kannst. Aber sie sagt auch: Ich will es Dir erklären, was ich denke und tue, wenn Du magst. Wenn Du mir das Deine erklärst. Gerade dann, wenn „Erklären“ auch irgendwie out ist und die Rhetorik einer „Kommunikation auf Augenhöhe“ allzuoft schlicht auch geteilte Unwissenheit verschleiert. Denn: Bildung hilft. Auch dies gehört in die Grundgeschichte des Protestantismus:  Reformatorische Kirche ist aufklärende Kirche. Reformatorische Kirche ist Kirche, die sich selbst Klarheit verschafft. Auch darüber, was sie jetzt endlich mal sein lässt.

Ist das tatsächlich meine Kirche? Und während ich nochmal Kaffee aufsetze, fallen mir all die Menschen ein, die für diese Kirche stehen. Reformationsjubiläum ist meine Wahrnehmungshilfe – sie richtet den Blick weg von angenommener Selbstverständlichkeit für das, was die Kirche sein soll (nämlich das, was ich selbst als prägend erlebt habe), auf das, was ihr unter gegenwärtigen und erwarteten Dingen geboten ist.

Ich möchte, dass Menschen aus ihren Kirchgebäuden, Gemeindezentren und dem „Immer-schon-so-Gesagten“ hinaustreten und auf ihre Kirche schauen: Jubilieren statt Jubeln, dem religiösen Ausdruck Bewegungsfreiheit verschaffen. Und ich möchte, dass Menschen, die in diesen Gebäuden, Worten und Gedanken immer die seltsam Anderen vermuten, wohlwollend auf diese Kirche schauen und sie in Beziehung setzen zu dem, was ihr eigenes Leben prägt. Und dass beide gemeinsam aushalten, wenn sich dort erstmal nichts zeigt.

Ich stelle die Kaffeetasse ab und seufze.

 

Szene Fünf.

Reformation ist dem Christentum selbst innewohnender Antrieb, sagen evangelische Theolog_innen. Mit einem neuzeitlichen Ursprungsdatum daran zu erinnern, setzt mehr oder minder performative Erwartungen frei: Eher selten in der ganz naiven Lesart, dass sich etwas davon wiederholen möge, was von der reformatorischen Bewegung des 16. Jahrhunderts erzählt wird, häufiger so, „dass sich doch endlich etwas ändern möge“. Kaum jemand benennt allerdings Kriterien, anhand derer reformatorischer Erfolg oder Nachhaltigkeit messbar wären. Nein, wird gesagt, das sei ja auch unevangelisch. Die Institution versagt sich die Zielsetzung in der Annahme, nur so „für alle“ da sein zu können, und will damit bilden und unterhalten. Damit wird sie zur „weichen Droge“, tendiert inhaltlich zum Lifestyleaccessoire, an das man sich nach und nach gewöhnt und irgendwann übersieht. Der Wunsch, „für alle“ da zu sein, nivelliert die ästhetischen Codes statt das Urteilsvermögen zu schärfen. Niemand möchte aber dabei sein, wenn alles einerlei ist. Nicht „für alle“ ist die Kirche da, sondern für jede Einzelne. Menschen trauen heutzutage keinen Weltverbesserern, die sich zudem emotionalisierende Strategien aus moralischen Gründen versagen. In den unzähligen kleinen Veranstaltungen, die das Reformationsjubiläum motiviert hat, in brillanten Predigten, die sich – programmatisch – als reformatorisch verstehen (und es eigentlich sowieso schon immer sind), hören Menschen aber zu: Wie ich mit Schuld leben kann, woher Vergebung zu erwarten ist, was angesichts des Todes gesagt sein kann, worauf Verlass ist, wo ich neu anfangen kann, wie Gott handelt, wie ich mit Angst lebe.

Damit ist institutionalisierte Religiosität anschlussfähig für das Erleben Einzelner: Sie drücken ihre Verbundenheit durch Beteiligt-Sein (in einem umfassenden Sinne) an biografischen Schnittstellen aus, der Verheißung relevant-lebensbegleitender Deutungs- und Erlebenshorizonte hingegen stehen sie in der Mehrheit distanziert und skeptisch gegenüber. Nun ist die evangelische Kirche im 21. Jh. eine öffentliche Kirche. Öffentlich und damit auch generalisierend und anonymisierend bringt sie zu Gehör, was im persönlichen Nahbereich von Menschen Relevanz beansprucht. Weil Menschen ihre Passung dazu richtigerweise nicht veröffentlichen bzw. die Generalisierung immer auch Unschärfen aus sich heraussetzt, ist dieses öffentliche Handeln der Kirche nie vollständig zustimmungsfähig. Doch zugleich ist die Kirche in der Pflicht, vor aller Welt plausibel zu machen, um was es ihr geht – mit der Reformation. Deshalb handelt sie auch durch Kampagnen. Dabei kann sie sich aber offensichtlich nicht ganz von dem Blick freimachen, es handele sich gegenüber vermeintlichem Kerngeschäft um etwas „Uneigentliches“. Deshalb agiert sie dort, wo es um große Bilder geht, zögerlich und verhalten und ist selten überzeugend. Selbst, wenn sie sich den langen Anlauf einer inhaltlich orientierten Dekade gönnt.

Denn Kampagnen brauchen Bilder. Der Thesentüranschlag hallt heftig durch die Geschichte des europäischen Protestantismus. Das Jubiläum schafft sich zusätzlich, orientiert an zentralen Handlungsfeldern der institutionalisierten Kirche,  seine Symbolorte:  Seelsorge im Riesenrad, Konfi-Arbeit auf den Elbwiesen, „Luther und die Avantgarde“ zwischen Athen, Berlin, Kassel und Wittenberg. Missglückte Bildprogramme wie der Wittenbergsche Biber zeugen vom Segen verhaltener Resonanz. All das unterschreitet notwendigerweise die Differenzierungsfähigkeit der evangelischen Kirche, und wäre doch hilfreich, wenn damit Gesprächsanlässe, die der Differenzierung dienten, auch abseits der wenigen Reservate gegenwärtiger theologischer Intellektuellenkommunikation, geschaffen wären. Gutes Handwerk hilft!

 

Die reformationsjubilierenden Kirchen haben viel getan. Sie werden – hoffentlich nicht nur rhetorisch – darauf trauen, dass die Wirkung des Wortes unabsehbar ist. Eine Kirche, die sich davon jedoch immunisieren lässt, ist keine Kirche, die die reformatorische Bewegung für sich aufnimmt.  Alles Tun der Kirchen muss sich selbst daran messen, wie verlässlich, überzeugend und klar es auf seinen Inhalt verweist: auf ehemals „große Worte“, die heute in die kleinen Lebensschlagzeilen derer hineinbuchstabiert werden, für die institutionell-religiöse Semantik eine Fremdsprache ist.

 

Die Institution tut gut daran, in die Qualität kirchlichen Verkündigungshandelns, das diesem Anspruch nachstrebt, großzügig zu investieren, und zwar unabhängig davon, ob es in bewährten Formen auftritt oder gänzlich ungewöhnlich, unerwartet, experimentell.

 

Schließlich.

Ich denke an die ganz realen Notizen auf meinem virtuellen Schreibtisch und daran, wie sehr sich die Kirche, meine Kirche gerade in die Netze und Strukturen aller Welt verwebt und welch fein justierter, fragil gestalteter Segen davon ausgeht – wörtliche Wirksamkeit. Und ich trauere und ringe mit denen, die ihr Talent angesichts allgegenwärtiger Komplexität lieber vergraben. Auch gerade im Wissen und Vertrauen um eben jenes subkutane Handeln der Kirche durch jeden Einzelnen, der und die der Kirche einen Dienst erweist, tut die Institution gut daran, jedem Anderen zu sagen: Sieh dorthin – das ist ein guter Ort, das ist gut angelegte Zeit. Meine Kirche ist die, in der die Institution dorthin zeigt, wo Du Verkündigung des Evangeliums finden kannst: verlässlich, angemessen, zuversichtlich. Das ist und wäre ein wahrhafter Grund zum Jubilieren.

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

 

Geistreiches Erntedankfest

 

Es wird gekocht. Weniger in heimischen Haushalten, als zunehmend im Zusammenhang von Erntedankgottesdienstes als „gestreckten Gelegenheiten“ oder eben in diesen Gottesdiensten selbst. Letzteres ist eine Entwicklung jüngster Zeit.

 

Verhältnismäßig lange haben sich Erntedankgottesdienste – bei unterschiedlichsten liturgischen Skripten – am Bildprogramm der agrarischen Welt orientieren können. Dies wird inzwischen nicht nur in städtischen Lebenskontexten fraglich. Kanzelreden, die apologetisch oder politisch gegen die Lebenswirklichkeit der überwiegenden Mehrzahl der Bevölkerung in unserem Land anreden, verfehlen ihre Wirkung. Die Zuspitzung des Erntedankfestes auf die „Gaben der Schöpfung“ – so das Proprium des Tages – kann derzeit offensichtlich nicht so entfaltet werden, dass es in heutiger Lebenswirklichkeit nachhaltig Überzeugungskraft entfaltet. Deshalb erzeugen auch „Wettbewerbe“ um den „schönsten“ Erntedankaltar eine zum Teil aus der Zeit gefallene Ästhetik und erhöhen nur unnötig die Distanz zwischen Gesehenem und eigenem Erleben.

 

Philipp Beyl hat in seiner Dissertion zum „Erntedank – ein mögliches Fest“ bereits auf die trinitarische Tiefenstruktur der Erntedanklogik hingewiesen und v.a. die anthropologischen Aspekte dieses Gottesdienstespropriums stark gemacht (nachzulesen hier). Zugleich warnt er vor Einseitigkeiten in der theologischen Deutung eines Festes, die aufgrund gewandelter gesellschaftlicher Rahmenbedingungen weitgehend unstrittig sein dürfte. Diese Perspektiverweiterung ist eine wichtige Voraussetzung für alles Ausprobieren, das gegenwärtig zu beobachten ist.

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Performativität im gottesdienstlichen Handeln erlaubt, sowohl Erleben anzubahnen, als auch Hörer und Hörerinnen zu (neuen) Deutungen anzuregen. In all seinen Spielarten – Kochen im Erntedankgottesdienst wäre damit nur ein Beispiel unter anderen – verschiebt sie das Verhältnis von Produktion und Konsum.

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Am Erntedanktag freilich wird das nur allzu augenscheinlich deutlich: Brachten Menschen ursprünglich die Erstlinge ihrer Erträge an heilige Stätten, war es im 20. Jahrhundert häufig etwas vom Überfluss aller Dinge, das Menschen zum Erntedanktag in die Kirchen brachten. In den letzten Jahren wurde es in vielen Regionen schon zu einer echten Aufgabe, das Material für ein erntedankliches Bildprogramm zu beschaffen: Korn an Ähren, Kartoffeln aus der Erde, Feld- und Wiesenblumen, Wurzelgemüse mit Grün. Erntedankgaben werden in dieser Zeit nach den Gottesdiensten diakonisch weitergegeben und damit als Lebensmittel und Gebrauchsgüter verstanden. Das ist eine entscheidende Verschiebung von dem, was Gott vorbehalten bleibt, zu dem, was Bedürftigen zukommt.

Bursfelde

Vor dem Hintergrund dieser Entwicklung erscheint es geradezu zwangsläufig, dass mit der Zeit die ursprünglichen Gewächse durch Industrieprodukte auf den Altären ersetzt werden: Da stehen dann Nudelpackungen, Milchtüten und Cornflakes.

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Arbeitshilfen raten dazu, etwa auf einer Seite des Altares Konservendosen zu stapeln und die andere Seite frei zu lassen – als Symbol für die Ungleichverteilung von Ressourcen in der einen Welt. Es wäre genug für alle da. Ohne Convenience (im weitesten Sinne) wäre weder die relative Erhöhung der Erwerbsarbeit von Frauen noch der gegenwärtig mögliche Abwechslungsreichtum und die überwiegende Allverfügbarkeit denkbar. All das kann ich anschauen. All das klagt mich auch an. Weil es zeigt, wie sehr Leben immer auf Kosten anderen Lebens geschieht. Und es macht mich hilflos.

Studienseminar

Performativität hingegen verschiebt das Verhältnis von Produktion und Konsum: Es geschieht etwas. Jemand tut etwas – und das tut schon etwas mit mir – und bestenfalls wirke ich daran in irgendeiner Weise mit.

Kochen durchbricht die Logik der ökonomisierten Welt, in der wir so oft zuhause sind: Es ist nicht besonders ökonomisch zu kochen – es wäre für viele Menschen deutlich effektiver, in dieser Zeit entsprechend ihrer eigenen Berufsqualifikation zu arbeiten und vom Lohn essen zu gehen: dort, wo Lebensmittel viel günstiger eingekauft worden sind und Menschen sie verarbeiten, die das professionell tun. Im Gottesdienst ahnen wir: Es gibt auch andere Logiken als das, was sich mir Tag für Tag aufdrängt. Und es können Logiken sein, nach denen sich gut leben lässt. Wer in einem Erntedankgottesdienst kocht, ist dazu im Regelfall weder besonders begabt noch qualifiziert. Im Gottesdienst ahnen wir: Ich bin mehr als die begrenzten Rollen, die ich üblicherweise innehabe. Es kann auch mal ganz anders sein. Wer kocht, verwandelt Natur in Kultur. Wer es tut, steht gleichsam auf der Schnittstelle. Wir eignen uns etwas an. Gottesdienste sind auch Aneignungsprozesse: Was grundsätzlich geschieht, soll auch für mich Geltung haben. So sagt Martin Luther es bereits im Kleinen Katechismus:

 

DIE VIERTE BITTE
Unser tägliches Brot gib uns heute.
Was ist das?
Gott gibt das tägliche Brot auch ohne unsere Bitte allen bösen Menschen; aber wir bitten in diesem Gebet, dass er’s uns erkennen lasse und wir mit Danksagung empfangen unser tägliches Brot.

Was wir im Prozess des Kochens an Verwandlung sehen, durch das Essen als Aneignung erleben, kann für viele Aspekte des lebensnotwendigen Lebens erahnt werden. Bei Martin Luther heißt es etwa weiter:

 

Was heißt denn tägliches Brot?
Alles, was Not tut für Leib und Leben, wie Essen, Trinken, Kleider, Schuh, Haus, Hof, Acker, Vieh, Geld, Gut, fromme Eheleute, fromme Kinder, fromme Gehilfen, fromme und treue Oberherren, gute Regierung, gut Wetter, Friede, Gesundheit, Zucht, Ehre, gute Freunde, getreue Nachbarn und desgleichen.

 

Dinge werden zugeeignet, genießbar gemacht. Das geschieht in einem Ineinander von menschlichem Tun und etwas, was sich „darüber hinaus“ bzw. „darin“ ereignet. Wie das Wachsen der Saat, das man durch Säen und Düngen wahrscheinlich machen kann, das aber trotzdem geschieht, „und niemand weiß wie“ (Mk 4 ). Wir haben teil an selbstverständlichen Verwandlungen. An Erntedank werden sie augenscheinlich – wie Dankbarkeit unser Leben verändert, wie Aneignung unser Leben verändert. Es ist nicht unbedingt nützlich, aber es verändert mich in meiner Welt: Die Verbundenheit mit den Dingen, mit Natur und Kultur, entsteht nicht durch Anschauung, sondern durch Handwerk und Technik. Wissen um religiöse Sachverhalte erzeugt kein Erleben.

 

Deshalb lohnte es aus meiner Sicht (trotz und eingedenk der Warnung Philipp Beyhls, keinen der trinitarischen Artikel an Erntedank absolut zu setzen), die pneumatologische Dimension des Erntedankfestes auf dem Hintergrund dieser Erfahrungen neu zu bedenken: Dinge rücken sich so ins Licht, dass sie Verständnis lehren; dass sie neu erleben lassen. Damit verwandeln sie den, der sie tut, die sie sieht und das, was ursprünglich einfach „nur da“ war.

 

Durch das, was geschieht, wird dies – Natur und Kultur – seiner Anwesenheit versichert. Dies geschieht im Unterschied zu gängigen Rezeptionsmechanismen: Im vorgängig verarbeiteten Zustand sind Gemüse und Obst nicht mehr als solche erkennbar („Essen Sie nichts, was Ihre Großmutter nicht als Essen erkannt hätte“). Je weniger wir ihre „Verwandlung“ selbst erleben, desto höher ist die Konjunktur von Kochsendungen im Fernsehen: Es wird gekocht, aber nicht gegessen. Das ist kein Phänomen digitalisierter Gesellschaften. Auch in großfamilialen Strukturen gab es immer viele „Zuschauer“ beim Haushalten: Sie waren allerdings in irgendeiner Weise Teil des Gesamtprozesses. Diesen Zusammenhang gewinnt der Gottesdienst an Erntedank zurück, der sich semantisch im griechischen Wort mageiros erhalten hat, das zugleich „Koch“, „Priester“ und „Metzger“ bedeutet (diesen Hinweis wie überhaupt viele kluge Hinweise zum Thema habe ich der Kulturgeschichte von Michael Pollan entnommen). Alle, die etwas dafür mitbringen, daran mitwirken, hinterher gemeinsam am Tisch sitzen, werden zu einem Teil des Gesamtprozesses, haben an dieser „Magie“ Anteil, die durch ihre Bindung an das Wort ihre magischen Anklänge in den Zusammenhang der jeweiligen Deutungskultur, des reformatorischen Christentums, stellt. Dies erfolgt niederschwellig bis barrierefrei, weil es möglich ist, mit unterschiedlichen Sinnen teilzuhaben: Man kann einfach nur zusehen und zuhören (und damit den derzeit klassischen Rezeptionserwartungen an eine Gottesdienstteilnahme folgen), man kann aber auch riechen, schmecken, mitwirken. Auf diesen Zusammenhang hat jüngst die Politikwissenschaftlerin Janet A. Flammang hingewiesen:

 

„Nahrung wird mit dem Tastsinn, dem Geruchssinn und dem Geschmackssinn wahrgenommen, die in der Hierarchie der Sinne einen niedrigeren Rang einnehmen als das Sehvermögen und das Gehör, die beiden Sinne, über die wir nach landläufiger Meinung Wissen erlangen.“

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(in: The Taste for Civilisation, dort auch eine ausführliche Reflexion zur Genderpraxis sowie zum Einfluss auf die bürgerliche Gesellschaft). Was nebenbei geschieht, was nebenbei wahrzunehmen ist, wird in den Fokus gerückt – in Nähe zu Kunst und Care-Culture gleichermaßen. Könnte es sein, dass die jüngsten Entwicklungen, die die Alltagsrelevanz christlicher Feiertagskultur wiederzugewinnen suchen, vor allem darauf reagieren, dass Wissen und Vernunft allein nicht ausreichen, um religiöses Erleben und Deuten anschlussfähig zu machen?

 

In privilegierten Lebenssituationen, in relativem Frieden und auskömmlichem Lebensunterhalt wird das Durchspielen ungewohnter Verhaltensweisen gezeigt und damit auch, wo Entscheidungsspielräume der Einzelnen liegen: in der persönlichen Lebensführung, im sozialen Miteinander. Der Anthropologe Richard Wrangham zeigt diesen Zusammenhang anhand der provokanten These, dass „das Feuer die Menschen zahmer“ und damit auch geselliger machte (dt. etwa hier besprochen).

 

Gottesdienste nehmen grundsätzliche Themen in den Blick. Kochen nimmt ursprüngliche Dinge in die Hand, arbeitet mit Feuer, Wasser, Erde, Luft. Darin ist beides strukturanalog. Was geschieht, erweitert Entscheidungs- und Handlungsspielräume von Menschen. Sie sind mehr als das, was Gesellschaften ihnen abverlangen. Sie finden Dinge vor. Dinge lehren. In der Interaktion entstehen Zusammenhänge, die niemand selbst schaffen kann. All dies ist in der Semantik und Grammatik klassisch protestantischer Lehrbildung verborgen. Performativität hilft, religiöses Erleben darin und Deutungskompetenz darüber produktiv neu zu gewinnen.

 

 

 

Fotocredits: Altar mit Lebensmitteln (Auksutat, in: Der Altar im Kirchenraum, Gütersloh 2013, p. 176), alle anderen: Friederike Erichsen-Wendt (Stiftskirche Windecken (2), Martinskirche Kassel, Klosterkirche Bursfelde, Kapelle im Evangelischen Studienseminar Hofgeismar)

ReformationsReim

Zum 500. Reformationsjubiläum. (Zuletzt) anlässlich des 475. Jahrestags der Einführung der Reformation in Hildesheim am 1. September 2017 in St. Andreas, Hildesheim

 

Reformation zusammen reimen.

Ganz leicht, wie die meisten wichtigen Dinge. Etwa so:

Socken, Film und Butter,

in diesem Jahr alles von Martin — Luther.

 

In Marburg trafen Reformatoren sich

Im Landgrafenschloss im Großen Saal,

um zu disputieren über die Gegenwart Christi im —.

 

In Hildesheim zu dieser Zeit,

waren Menschen zur Reformation bereit,

allein, die Obrigkeit wollt’s nicht hören, denn Luthers Lieder begannen,

die alten Ordnungen zu —.

 

Die Christen sagen: Du sollst Deinen Nächsten lieben,

das wissen wir nicht erst seit Fünfzehnhundert —-.

 

Das war jetzt link und gemein,

ich hoffe, Ihr werdets verzeihn.

Reingelegt,

und ein bisschen die Wahrheit auch weggefegt.

Ich wollt doch nur sagen,

mit der Sprache kann man nicht nur Gutes wagen.

Dabei geht’s ja bei uns ständig um Reden und Hören,

Hinsehen und nicht falsch Schwören.

Luther nun tat sein Maul auf,

damit sich den einfachen Menschen das Wort Gottes erschließt,

nicht, damit Unwissenheit und Dummheit den Frieden und die Freiheit zertrumpeln.

Luther war laut.

Hier stehe ich, ich kann nicht anders.

Tritt fest auf, machs Maul auf.

 

Aber:

Wer mag schon laute Männer?

 

Ich aber habe Angst, dass diese lauten Männer immer gewinnen, immer gebraucht werden, immer ersehnt werden. Die, die glauben, mehr zu sehen und das Richtige zu schreien. Die den Skandal beherrschen. Und deren Echo bis in Deine Ängste hallt.

 

Luther war laut. Und Luther war lauter.

Beherrscht von der Schrift.

Und er las und las und las,

und las laut und lauter und leise.

Kehrt den Hokuspokus von den Straßen und aus den Sprachen und kratzt die Patina von den Parolen, die meinen Verstand einkreisen.

Und irrt ja doch auch:

Das Maul aufzumachen,

kann auch falsch sein und Widerstand entfachen.

Die Fragen der Bauern, das Heil der Juden und das Ethos von Arbeit-war-sein-Leben,

die Welt vollgeklebt mit Thesen und Utopien,

unübersichtlichen Theologien,

der heimische Esstisch voller streit- und wahrheitssüchtiger Leute,

und Käthe kocht.

 

140 Zeichen können reichen,

für Gutes, Wahres, #organisierteLiebe.

140 Zeichen können aber auch reichen

für Manipulieren, Propagieren und Tastatur auf Anschlag. Schneisen in  angeschlagene Seelen schlagen.

Und man wird die traute Luther-Familie bei ebendieser Hausmusik kupferstichern in die evangelischen Pfarrhäuser hängen – als solle es die Kirche ausgerechnet ihnen nachmachen – und die Scherben des eigenen Lebensentwurfs verschämt unter einen Teppich voller Lutherrosen kehren.

 

Lasst uns stattdessen lutherrosenwörterfaltend reimen:

Jede Bewegung braucht die großen Bilder,

und erst die Zeit macht sie etwas milder.

Luther mit dem Hammer an der Schloßkirchentür.

ThesenEchoHall, dir zugut und für und für.

Das ganze Leben – eine Buße.

Großes Bild für kluge Matineen,

und all das geschah nun aber wirklich, wenn es denn geschah,

— 1517.

 

Da und ab dann sind‘s die lauteren Worte, die laut werden:

Die wie ein Regen weißer Lutherrosenblätter auf die Straßen und in die Sprachen und auf den wackeligen Bistrotisch, auf dem Dein Kaffee steht, wehen:

Worte wie Ausposaunen und Im-Dunkeln-Tappen, Lückenbüßer und Lästermaul, wie Feuereifer und Herzenslust, die mitten im Bibelbuch Rosenwurzeln schlagen, Setzlinge neuen Sehens, die erst in Wortwintern erblühen;

Worte, die zu reden wagen, eine neue Welt ansagen:

 

Gegen Ablass und Aberglaube,

mit Bibel, Beichte und Buchdruck,

Christus, Cranach und – wenn es sein muss (es lebe das Cliché) – auch Calvin.

Mit Dürer und Doktortitel,

in Eisleben, Erfurt und früh auch schon in England.

Gegen Fasten und Fabeln, und für Freiheit – vor allem sie! -,

mit Gebet, Gesangbuch und der Gerechtigkeit, die vor Gott gilt,

mit vielen am Wege, Hussiten und Hugenotten,

Predigten an Invocavit,

über Jesaja und Jesus Christus allein,

die Sachen mit Kaiser, Katechismus, den Klöstern, und – Hommage an meine hessische Heimat –der Konfirmation.

Mit Lutherrosen.

Nicht denen auf den Pfarrhausteppichen,

sondern Rosen, die blühen, wenn Du das Wort teilst; in Deinen Wörtern.

Theologie, für die Nonnen aus Nimbschen fliehen.

Ob man vor dem Sterben fliehen möge, fragte Luther,

und machte Theologie öffentlich. Öffentlich, bis heute. Öffnete, was unzugänglich war. Fragen die alle bewegten und niemand stellte, die gab es schon damals in der Kirche. Laut und Lauter. Don’t talk Latin to me. Diese Zeiten sind vorbei.

Und Pest wütete, vergesst nicht, wie sie lebten, damals. Katharina, die Lutherin, starb fast daran.

I quote myself:

All das, damit sich den einfachen Menschen das Wort Gottes erschließt,

nicht, damit Unwissenheit und Dummheit den Frieden und die Freiheit zertrumpeln.

All das: Richterbuchvorlesung, Römerbriefvorlesung und natürlich Reichstagsvorladung: Hier stehe ich – den Rest kennt Ihr.

Und leise: Siehe! Seelsorge, Sendbriefe, Sermones.

Und wütend sprachlos: Tintenfass gegen Teufel, und all der Ärger mit Tetzel, dem Ablassverkäufer, den Täufern und dem Tod.

Themen für Universitäten,

Worte zum Übersetzen für heute, don’t talk hokuspokus, preacherman.

Das Vaterunser und die Vernunft

als Antwortalternative zur gefühlten Wahrheit.

Und immer für diese betend-vernünftige Wahrheit und gegen die Gerechtigkeit aus Werken das Wort.

Gegen Zeichen, besonders Zwinglis Zeichen.

Hat er „Est“ geschrieben. „es ist“. Geschrieben, was er meinte.

Und das wäre doch schon viel:

Wenn wir sagten, was wir meinten.

Und Sehen, was ist und wie Du es verstehst, reformatorisch zusammen zu reimen, heißt:

Luthers Rosen und unser Sehen im Leben verwegen zu Segen verweben.

Luthers Rosen und unser Sehen im Leben verwegen zu Segen verweben.

 

 

 

Fotocredit: St. Andreaskirche, Hildesheim (Friederike Erichsen-Wendt)

Fast ein Jahrhundert.

 

Zum 8. August 2017

 

Advent war genau dann, wenn wir zu ihr fuhren.

Wenn das Auto trotz unendlicher schneeweißweiter Landschaft für fahrtüchtig erklärt wurde und die Rüschenblusen aufgebügelt wurden.

Advent wurde, wenn sie quer über die schneeweißweite Festtafel rief: „Prost Kinder“. Wenn sich auszahlte, was wir im kleinen Leben an Etikette lernten.

Stil war selbstverständlich, doch wenn die Themen der Erwachsenen zu nah oder zu politisch wurden, dann rief sie einfach: „Kinder, habt ihr genug Kroketten?“ Und wir wussten, wie es sich anfühlen würde – dieses Weihnachten.

Als wir größer wurden, überließ sie uns ihr Apartment am Palmengarten, ohne Fragen zu stellen.  Mehr als Tee hatte sie hier wohl nie gekocht, aber wir haben auch nie mehr wissen wollen. Von ihr lernten wir Großstadt.

Sie war es, die den Eltern erklärte, dass die Kinder doch natürlich durch die Welt fliegen sollten.

Sie überlebte einen Flugzeugabsturz.

Sie trug Silberbroschen und trank gern Bier. Aber immer mit Glas!

Abends ging sie mit einer Alditüte durchs Westend.

Als ich 9 war, kochte ich meine erste Marmelade (Erdbeer, selbstgepflückt) und schenkte sie ihr zum Geburtstag. Es war ein großer Geburtstag. Viele waren da und sogar der Pfarrer. Zwei Tage später rief sie an und erzählte mir, dass sie auf dem Balkon sitzt und ein Toastbrot mit meiner Marmelade isst. Und dass es gut ist. Mich hatte vorher noch nie jemand angerufen. Mich.

Später lehrte sie uns, dass Bayreuth mehr als irgendeine Kleinstadt ist.

Wer uns willkommen war, war es ihr auch. Fraglos.

Sie war auch das, was Andere gern sein wollten. Aber eigentlich wussten wir wenig über sie.

Sie hatte ein Weltzuhause und ein perfekt-pünktliches Geburtstagskartenmanagement. Sie mochte es nicht, Geschenke zu kaufen, legte aber immer ein paar Mark in die Karten. Und jeder kriegt das Gleiche, nur dass Ihr das wisst.

Sie wusste alles, ohne jemals zu fragen.

Ihr seid mir wie eigene Kinder, sagte sie ganz manchmal, und das verbindet uns auf eine ganz feine Weise. Auch jetzt.

Sie mochte keine Eiskrem. Glatteis machte sie unsicher.

Sie trug Schuhe, die ich damals nur aus Spielfilmen kannte.

Sie reiste in ferne Länder und winzige Dörfchen.
Sie war gern in der Luft und dies viel mehr als auf der Straße. Und dort nur mit Anderen. Sie fand immer Mittel und Wege und Chauffeure, überallhin. Sie fuhr Taxi und NVV-Bus, Hauptsache, sie erreichte ihr Ziel.

Als sie aus ihrem Haus auszog, gab sie mir ihre Kuchenplatte mit Goldrand. Und Krümeltellerchen. Krümeltellerchen!

Ihr großes Zutrauen in das, was wir – so ganz „Anderes“ – taten, hat mich immer beeindruckt.

Sie war es, die auf Anhieb verstand, dass ich irgendwann ganz dringend einen guten Schnellkochtopf brauchte.

Sie freute sich, dass das Leben weiterging. Sie erwartete nie, besucht zu werden. Und ließ alles stehen und liegen, wenn Du kamst. Sie hatte immer Butterkekse und Bier. Und Krümeltellerchen. Aber eigentlich haben wir wenig gewusst, von ihren anderen Welten.

Offensichtlich lehrten sie sie auch, immer das zu sehen, was noch gut an den Dingen ist. Und den großen Segen, der auf dem Leben liegt.

Wenn Du wüsstest, dass ich gerade jetzt am anderen Ende der Welt bin, würdest Du sagen: „Mach es Dir schön, mein Kind, Du musst dich doch nicht um mich Alte kümmern“. So war es immer und von Herzen. Und Du würdest Dich für mich an all dem freuen, und die weißweiten Schneefelder auf den Bergspitzen vor Dir sehen. Und irgendjemanden anrufen, der mir längst ausverkaufte Karten für die Opera an der Kasse hinterlegt.

Und wenn auch ich zuhause bin, dann backe ich Frankfurter Kranz mit Erdbeermarmelade (selbstgekocht) und stelle ihn auf die Kuchenplatte mit Goldrand. Und dazu ein Bier, im Glas, hinter dem sich meine Tränen verstecken.

 

SommerSonnenRot.

 

Fäden und Netze.

KinderKücheKirche. Für heute buchstabiert.

Rot ist kein Reim auf Tod. Zumindest heute.

Heute alles unzensiert.

Nähme ich Flügel der Abendröte —

Tausenderlei Abblendlichte, denen wir folgen. Regelbeflissen.

Was war, als Ressource, und die Träume für das, was kommt.

Blauflammende Abendsonne, zell-mattiert, diffus klar aufs Leben geleuchtet.

Wie oft im Leben habe ich mich eigentlich schon in Salzgitter verfahren?

Wer hat von meinem Tellerchen gegessen?

Kann man eigentlich…/ Wer hat schon mal…?

Braucht es denn immer eine, die Kartoffeln schält?

Und das Schild an der Tür sagt Dir: „Wir haben Ferien.“

Und der perfekten Welt fehlt das N.

U_d   _ei_, wir kaufe_ es _icht _ach, sondern legen die Münzen dafür auf den Tresen:

Himbeereis, bitte.

Die Buchstaben sortieren sich und die Welt erst später.

Tag statt Nacht um uns.

Immerwachende Netze und Fäden.

Bitte.

Und: Danke.