Momente auf Friedhöfen: Zeichen und Praxis

Gastbeitrag für die November-Aktion des Totenhemd-Blogs

 

Ich hatte ein Methoden-Reenactment vor, das sich an Roland Barthes „Das Reich der Zeichen“ (1981) orientieren sollte. So hatte ich mich vorbereitet. Doch dann kam alles ganz anders. Ein Beitrag zur oben erwähnten Aktion. 

 

Kassel. Hauptfriedhof. Wenig nach Allerseelen.

 

Rote Nebelkerzen versperren meinen Weg, hüllen einen ganzen Straßenzug ein und verbrennen die Luft, wie sonst nur zum Jahresende üblich. Ich meine, das sei in Deutschland außer der Reihe verboten, aber wer heiratet auch schon im November?

 

Auf dem Friedhof flackern tapfer die kleinen roten Ewigkeitslichter gegen den Herbstwind (tröstlich!), ein Schild am Eingang weist auf die Möglichkeit hin, Gräber mit Segen zu bedenken. Stattdessen bedeckt eine schier unendliche Laubschicht alles. Und bald auch mein Schreibgerät. Die Stadtgesellschaftlichen mit den teuren Pullovern haben ans Handfegerchen gedacht, alle anderen behelfen sich mit der Verpackung ihrer winterresistenten Pflanzen, um einem kleinen Fleck Erde Kultur und Bedeutung beizumessen. Die, die um mich herum in der Erde liegen, liegen dort schon länger, als ich auf der Welt bin.

 

Viele sind unterwegs, und doch sind sie für sich. Die Größe der Parkanlage lässt Distanz wahren und nährt doch die Solidarität. Menschen gehen in Verstorbenengedenkzonen anders ihrer Wege als in den Fußgängerzonen, nur wenige hundert Meter von hier entfernt. Innige Momente liegen in der Luft, geschlossene Augenlider im Herbstwind, und ich frage mich, wo sie sich zwischenzeitlich im alltäglichen Leben versteckt und eingenistet hatten.

 

In der Ferne höre ich Autohupen und das Grundrauschen der Großstadt. Die Friedhofsbäume versuchen, ihre Geschichten lauter zu erzählen, aber das scheint sie all ihre Kräfte zu kosten. Das Paar, das sich gerade auf den Rückweg macht, war sieben Minuten hier. Vielleicht sind es auch die kurzen Geschichten, Lebensminiaturen und Augenblicke, die das schaffen, was bleibt. Derweil fallen mehr Blätter auf meine Tastatur und für einen Moment könnte es sein, ich sei die einzige Lebende hier. Dann schleicht sich das Rollator-auf-Kies-Geräusch von hinten an mein Ohr und eine Stimme, die ihre Undeutlichkeit mit Lautstärke ausgleicht.

 

Familie F. haben sie rote Rosen auf die Grabstelle gestellt, die teuren Langstieligen, und als ich näher gehe, sehe ich, dass auch eine Rosenblüte auf der Grabplatte eingemeißelt ist. Und in mir beginnen sich Geschichten zu spinnen, von den Rosen damals und denen heute, aus Stein und aus Blüte und Blatt und Dorne und Duft. All das kann ich erst sehen, als ich das Laub ein bisschen beiseitegeschafft habe. Es kommt mir vor, als habe ich hinter Vorhänge und Schranktüren geschaut.

 

Eigentlich wollte ich zeigen, dass der Friedhof samstags nach 13h, wenn das Parken wieder umsonst und unbeschränkt ist, eine Leerstelle im urbanen Raum ist, ohne Praxis, ein Rückzugsort an Stabilität in wirrer Welt. Doch die Rosen lehren mich ein Gegenteil: Der Friedhof wird zum Ort meiner Praxis, er provoziert mich, die Lebende. Und am Ende, da werde ich einen Arm voller Laub in den Himmel geworfen haben, so hoch, dass ein Blatt am Himmel hängen bleibt. Und mit ihm die Erinnerung an den Frühling.

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

Überschüttet.

[5. Sonntag nach Trinitatis]

[12. Juli 2020]

[Gottesdienstentwurf für das Format Gottesdienst25′ der Arbeitsstelle Gottesdienst der EKKW]

[Überschüttet]

Musikalisches Intro: Wellen[1]

Begrüßung

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. [Amen.]

Fürchte dich nicht.

Gott ist da.

Fahr raus.

Gott ist da.

Du bist da.

Andere sind da.

Gott ist da.

[Musik: Choral instrumental, beispielsweise EG 165]

Psalm

Ps 73 = EG 733[2]

Gebet

Gott,

ich halte mich zu Dir.

Ich ahne, dass ich mich zu Dir halten sollte.

Halte Du zu mir.

Jetzt und immer.

Amen.

Lesung

Lk 5, 1-11 (= Predigttext)[3]

Auslegung

[1. Fleißig]

Sie haben die ganze Nacht gearbeitet. Simon und all die anderen. Das ist der Job. Wie gut, dass sie ihn haben. Sie waren fleißig, haben getan, was von ihnen erwartet wird. Kennt Ihr diesen Moment in der Nacht, in dem es wirklich-wirklich schwierig ist, noch auf den Beinen zu bleiben? Da ist der Boden weg. Wasser und Wind werden kalt. Das Wasser ist schwarz. Plötzlich ist das Boot, dein eigenes Handwerkszeug, so zerbrechlich. Die Bilder harter Arbeit überlagern sich mit den Bildern übermächtigen Meeres, die ich aus dem Fernsehen kenne. Das Wasser ist schwarz. Ertrinken ist still. Die Wellen sind mächtig. Die Tiefe unauslotbar. Tiefer und noch tiefer, immer weiter. Schier nie endend. Ich spüre etwas von der nasskalten Kleidung dieser Leute und den müden Knochen. Von Händen, die vor Erschöpfung zittern, die Augenlider fallen einfach zu, wenn die Welt ankündigt, zu erwachen.

[2. Über-Fleißig]

„Fahr raus“ – hören sie da noch einmal, nach all der getanen Arbeit, wenn Du denkst: „Jetzt ist’s geschafft“, „jetzt ist’s endlich geschafft“. Keep on working. Nur einen leisen Einwand höre ich in der Bibel. Simon sagt: „Das haben wir doch schon mal versucht“; und ich kenne dieses mächtige Gefühl, das die Jünger in sich gehabt haben müssen – ich kenne es, ohne es in Worte fassen zu können. Am Ende, ganz am Ende wird es offensichtlich vergessen sein. Möglicherweise werden wir am Ende nicht mehr wissen, was es war, was uns in den eigenen Grenzen festgehalten hat.

Sie fahren also raus. Auf das schwarze Wasser zu. Dahin, wo das Boot zerbrechlich wird. Mein schwarzes Wasser derzeit ist die allverbundene, belebte Welt. Die sich nicht nach meinen Wünschen richtet. Die Kränkung, dass winzige Wesen (strenggenommen sind sie das nicht mal) stärker sind als ich, als wir alle. Die Bibel sagt: Inmitten glitschiger, zuckender Fischleiber erkennen die Jünger Gott. Das ist unheimlich. Das ist fremd. Mir auch. Wer fromm ist, erinnert sich, dass die Bibel mit „Fischen“ ans Abendmahl erinnert. Mitten im tiefsten Meer deckt Gott mir den Tisch, mit Brot und Wein und Fisch. Da, wo es dunkel und kalt ist. Mir ist das unheimlich. Ob es mir fremd ist? – – – Das Boot droht zu sinken. Gott ist da. Fürchte dich nicht. Mitten im Wunder. Die Welt ist widerständig, schwankend, nasskalt. Fürchte dich nicht. Mitten im Wunder. Die Welt ist großzügig, überschwänglich, verschwenderisch. Der Auferstandene wird am Ufer des Sees Fische für seine Leute zubereiten. Es ist viel mehr da, als Du brauchst. Fürchte dich nicht.

[3. Über-Fließend]

Simon und die anderen sind gleichsam „überschüttet“ von dieser Erfahrung. Sie wissen, wie’s geht, mit dem Fischen, und sie wissen zugleich, dass damit nichts garantiert ist.[4] Für ihre Entscheidungen ist nicht mehr allein ausschlaggebend, was einmal war und was galt. Ausschlaggebend ist offensichtlich diese Ahnung, was sein könnte.

[4. Fließend: In Verunsicherung hilft Verunsicherung]

Ich sehe mich heute in dieser Geschichte mit der verunsichernden Seite des Glaubens konfrontiert. Und ich merke, dass es mir wichtig ist, Ihnen davon zu erzählen. Weil ich überzeugt bin, dass uns das in diesen Tagen mehr hilft als das, woran wir uns so gut gewöhnt haben: Je bürgerlicher und eingerichteter wir wurden, desto wichtiger wurde es offensichtlich, von Gottes Schutz und Begleitung zu sprechen. Fast wie eine Selbstbestätigung eines sicheren, auch privilegierten Lebens. Glaubten wir denn wirklich, wir könnten Untiefen ausbetonieren mit Appellen an einen Gott, der tut, was mein Leben bequem macht? Mir wird das immer fraglicher, was an Gott wir uns da eigentlich versichern. Was ist, wenn ich davon so wenig erlebe? Vielleicht auch nie mehr erleben werde?

„Fahr raus“, höre ich, und spüre Nasskälte auf der Haut. Fürchte Dich nicht. Da sind Leute, die wissen, wie’s geht, und trotzdem… Sie haben sich grundlos ausgesetzt, schwarzem Wasser und schwankendem Boden, zerbrechlichen Booten. Fahr raus. Fürchte Dich nicht. Da ist Gott. Genau da. Fürchte Dich nicht.

Amen.

Ideen für Interventionen

Falls Sie es mit eher mobilen Menschen zu tun haben: Gibt es in der Kirche Stufen oder Absätze? Wieviel Fläche des Fußes muss sicher stehen, damit ich nicht schwanke? Wann geht es los, dass ich mich eher unsicher als sicher fühle? Wie fühlt sich genau dieser Moment an? Was ist gut an diesem Gefühl? Falls der Kirchraum keine Stufen hat: Regen Sie (vor allem die Erwachsenen!) an, auf dem Heimweg auf dem Bordstein zu balancieren.

Falls Sie es mit weniger mobilen Menschen zu tun haben: Erzählen Sie einander, wann Menschen dieses „Fahr raus“ gehört haben. Wie war das?

Für die Woche: Tun Sie eine kleine Sache, die für Sie mit einer festen Uhrzeit verbunden ist, in dieser Woche einmal bewusst zu einer ganz anderen Zeit. Sehen Sie dies als ernsthaftes Spiel an. Beobachten Sie sich dabei selbst. Was haben Sie neu entdeckt? (Schreiben oder erzählen Sie einer Person davon, die Sie an diesem Sonntag im Gottesdienst gesehen haben. Rufen Sie sie an oder werfen Sie ihr Ihren Text in den Briefkasten.)

Musik: ad lib., vielleicht ist es möglich, dass jemand, von einem Instrument begleitet, EG 313, 1 singt. Alternativ: eg+ 114.

Fürbitten

Gott,

gehalten zu sein ist Gnade.

So bringen wir die vor Dich,

für die es schwer ist zu sehen, dass sie das gute Leben nicht selbst verdient haben: die Leistungsträger, die Disziplinierten, die Tugendhaften.

Wir bringen die vor Dich,

denen das gute Leben ganz fern zu sein scheint: Denen gerechter Lohn fehlt, denen Arbeit fehlt, die Gewissheit, durch die Woche zu kommen.

Wir bringen unsere Kirche vor Dich: die, die schwinden sehen, was ihnen daran lieb ist. Die, denen es schlaflose Nächte bereitet, „auf Sicht“ zu fahren. Die, die so dringend angewiesen sind auf uns – auf unsere Sorge, unser öffentliches Wort, auf Brot und Wein.

Ach, Gott, und unsere Welt bringen wir vor Dich: Klagen Dir den vielfachen Tod im Meer, unseren unachtsamen Lebenswandel, die Ächtung der Vernunft.

Sieh das alles an, und tue, was ich für nicht möglich halte: Wandele uns, wandele die Kirche, wandele die Welt in Segen.

Vater Unser

Segen

Musik (evtl. vom Anfang aufnehmen)

Kollekte

EKD-Kollekte für die Diakonie Deutschland – Diakonische Projekte für ein respektvolles und tolerantes Miteinander (Kollekte EWDE)

Ausgrenzung und menschenfeindliche Einstellungen begegnen uns in allen Teilen der Gesellschaft. Mit Ihrer Kollekte sorgen Sie dafür, dass Menschen auch in schwierigen Lebenslagen nicht an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Mit dieser Kollekte unterstützen Sie konkrete Projekte, die Menschen vor Ort dabei unterstützen, ihrem Anliegen Gehör zu verschaffen und sich mit Mut und Zivilcourage für unser demokratisches Zusammenleben und gegen Menschenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus einzusetzen.


[1] Wer das Stichwort in eine Audiodatenbank eingibt, findet neben Naturaufnahmen alles zwischen Elektro-Pop und Schifferklavier. Suchen Sie etwas heraus, woran Ihre Gottesdienstbesucher*innen gut anschließen, sie aber auch schon einstimmt.

[2] Schreiben oder drucken Sie jede der zwölf Zeilen des Psalms auf ein DIN-A4-Blatt. Diese zeigen an, wo Menschen sich in der Kirche hinsetzen können. An dieser Stelle des Gottesdienstes liest jede/r seine*ihre Zeile. Ob dies nummeriert erfolgt oder so, wie Menschen sich aufeinander einstimmen, entscheiden Sie.

[3] Eine Lesung mit verteilten Rollen ist abgedruckt in: J. Arnold/ F. Baltruweit, Lesungen und Psalmen lebendig gestalten, ggg 2, Hannover 2004.

Eine Lesung des Textes durch StL Thomas Hof, die im Rahmen der Arbeit des Evangelischen Studienseminars Hofgeismar entstanden ist, kann bei der Autorin kurzfristig angefragt werden.

[4] Eine klassische Beschreibung von „Unverfügbarkeit“. Jüngst erst wieder: H. Rosa, Unverfügbarkeit, Wien/ Salzburg 2018.

Auf welche Frage antwortet eigentlich die Diskussion um das „digitale Abendmahl“? Ein Beschreibungsversuch

 

Etwas ist stofflich und zugleich unsichtbar. Der Diskurs ums Abendmahl dient derzeit dazu, zu verstehen zu versuchen, was „da draußen“ (oder doch in mir drin?) eigentlich gerade geschieht. In der Hoffnung, dass es etwas gibt, was heilsamer ist als dieses Virus.

 

Es mutet auf den ersten Blick seltsam an, dass derzeit ausgerechnet die Frage nach dem Abendmahl kirchlicherseits neu an Brisanz gewinnt. Wir sind in Woche Zwei einer allgemeinen Kontaktsperre in Deutschland und wenig scheint wichtiger zu sein als eine innerkirchliche Debatte. Mein erster Verdacht war, dass man sich ablenken will – von den Szenarien, auf die wir trotz weisungsgemäßem Verhalten zugehen könnten und dem, was das dann für Geistliche bedeuten würde. Ich hoffe, mich zu täuschen.

 

Stattdessen lege ich einen Deutungsvorschlag vor, der dem Charakter nach nicht mehr als ein tastender Versuch ist, keineswegs vollständig. Das wäre angesichts der Topografie der Abendmahlsdiskussion vermessenm vielleicht gar nicht möglich. Dennoch glaube ich, dass es weder ausreicht, von einer Abbildungslogik des Virtuellen zu sprechen, noch den Versuchen digitaler Sakramentalität zu unterstellen, sie seien durch die Verheißung erhöhter Reichweite motiviert. Neuerdings bin ich mir auch ziemlich sicher, dass es nicht darum geht, die Formatierungsgrenzen des Abendmahls auszuloten. Das einmütig wirkende Summarium in Act 2,42 schreibt der christlichen Tradition bereits ein, dass die Gemeinde „immer neue Strapazen auf sich genommen hätte“, um angemessene Formen ihrer Vergemeinschaftung zu finden. Hinweise auf Taufen mit Sand und Abendmahl mit Chips und Cola klären die Frage des digitalen Abendmahls nicht, weil Digitalisierung eben kein neuer Kontext ist, in dem religiöse Kommunikation sich bewegt. Digitalisierung ist ein Umstand, der alle Lebensbereiche durchwirkt und nicht „neu dazukommt“.

 

In der aktuellen Diskussion sind vor allem zwei Ansätze prominent (die Diskurslage ändert sich rasch, deshalb kann sich diese Beschreibung schon bald als überholt erweisen):

Die eher institutionsorientierte Haltung mahnt zur Besonnenheit, zum Abwarten. Sie kann Abendmahlsverzicht als „Fasten“ deuten, als heilsames Interim. Die Institution ist derzeit massiv unter Entscheidungs-, z.T. sogar Handlungsdruck. Ich kann nachvollziehen, dass sie dezidiert fachtheologische Debatten derzeit zurückstellt. Dennoch schleicht sich der Eindruck ein, hier solle etwas vermieden werden. Ja, es sind Hausaufgabe nicht gemacht worden – aktuelle Lehreinschätzungen nicht frequent genug überprüft worden. Die Haltung unterstellt aber, es gäbe eine flächendeckend verankerte Abendmahlspraxis, die jetzt überhaupt zu einer Situation heilsamen Wartens führe. Könnte es nicht umgekehrt sein, dass sich die Abendmahlspraxis auch ausschleicht, wenn sie für die Menschen, die sie feiern, nicht (mehr) als relevant und heilsam erlebt wird? Zu diesem Erleben von Relevanz gehören notwendigerweise auch die Bedingungen, unter denen Menschen leben: der eher sporadische Kirchgang, der hohe Anteil von Ein-Personen-Haushalten in unserem Kulturkreis, digitalisierte Lebenswelten, und aktuell eben die restrikte Kontaktregelung, die auch dazu geführt hat, öffentliche Gottesdienstfeiern vorübergehend auszusetzen.

Tendentiell erweckliche Haltungen mit ihrer Betonung von individuellen Frömmigkeiten scheinen es da einfacher zu haben. Grundsätzlich eher institutions- und auch amtskritisch, erleichert die kultische Quarantänesituation die Stabilisierung eigener Hausfrömmigkeit. Unklar bleibt, wie Sinndeutungen stabilisiert werden, sich normativ vernetzen, wie sie die politisch-öffentliche Dimension des Abendmahls zur Geltung bringen, wie vermieden wird, dass individuelle ästhetische Präferenzen normativ werden, wie Lehre entwickelt wird, wie ein extra nos wahrscheinlich gemacht wird.

 

Wir befinden uns in einer Ausnahmesituation, in der probiert werden kann, was anschließend weiter gelten kann, aber nicht muss. Das entbirgt bei allen Einschränkungen ein Freiheitspotential.

 

In diesem Sinne versuche ich eine Beschreibung: In den gegenwärtigen Debatten geht es demnach um die Frage, welche körperliche Ko-Repräsentation hinreichend ist und: was womit ko-präsent sein muss. Die Annahme, Abendmahl könne ausschließlich unter körperlich Anwesenden gefeiert werden, war aus meiner Sicht noch nie überzeugend, weil es reichlich kirchenhistorische und konfessionelle Beispiele gibt, die von der Geltungskraft anderer Formen zeugen. Die unmittelbare Anmutung von Körperlichkeit erwies sich bislang argumentativ (!) als stärker als der Hinweis, dass Christi Leib (nicht sein Körper) im Abendmahl als anwesend geglaubt wird (nebst aller konfessioneller Varianten), dass die „Gemeinschaft der Heiligen“ aus Engeln, Verstorbenen und anderen Mächten und Gewalten ja ebenso nicht-körperlich anwesend geglaubt wird, und dass nach evangelischem Verständnis die „Kommunikation im Glauben“ ebenso wirksam ist wie der Empfang der Elemente.

 

In der Corona-Situation wird die Annahme einer notwendigen körperlichen Anwesenheit nun grundsätzlich fraglich. Es geht jetzt auch nicht mehr um die vielzitierten seelsorglichen Einzelfälle, um derer willen etwas „Anderes“ geschehen könne.

 

Vielmehr wird virtuelles Abendmahl deshalb plausibel (oder mindestens: wieder diskutierbar), weil wir derzeit ein virtuelles Phänomen, nämlich die Ausbreitung eines Virus, am eigenen Leibe als wirksam erleben. Meine Vermutung ist, dass die jetzige Diskussion um das Abendmahl ein Verstehensmodell sucht für die Mechanismen, denen wir derzeit ausgeliefert sind – verbunden mit der Hoffnung, es gäbe quasi ein „heilsames Pendant“.

 

Ich ziehe ein paar Spuren, suche Analogien. Die Beobachtungen könnten dabei in ein Feld eingezeichnet werden: Die Virus-Metaphorik ist, bei näherem Hinweisen, durchaus konventionell in der Gegenwartskultur. Ich versuche Beschreibungen, die – cum grano salis – die Bewegungen des Virus transparent machen für das, was im Abendmahl geschieht. Dabei interessieren mich keine weiteren pharmakologischen Metaphern für das Abendmahl, wie die Tradition sie kennt, sondern eher medientheoretische Mechanismen, Spuren, Wege.

 

Kontakt ist für die Übertragung eines Virus notwendig, ja, sogar physischer Austausch. Es handelt sich um körperliche Prozesse, die gleichwohl unsichtbar bleiben. Körperlichkeit und Sichtbarkeit gehen also nicht notwendigerweise miteinander einher! Die gegenwärtige Kontaktverbotszeit ist quasi eine Blaupause für die Wege, über die dies geschieht: Menschen bleiben in ihren eigenen vier Wänden, fassen Einkaufswagen und Türklinken nur durch Handschuhe an und tragen einen Mundschutz. Unmittelbarkeit wird vermieden. Im „normalen“ alltäglichen Leben ist Unmittelbarkeit der körperlichen Austauschbeziehungen folglich der Regelfall, nicht die inszenierte Ausnahme.

In den Übertragungswegen gibt es keinen genau beschreibbaren Anfang – irgendwie „war es schon da“, bevor ich ins Spiel komme. Es geht in der Übertragung immer um mehrere Körper, die eine Rolle spielen, im Fall einer zügigen Übertragung sogar um „viele“. Die Rede ist von „Infektionsketten“. Oft sind sie schwer zu rekonstruieren. Die Wege sind vernetzt und vielfältig, immer stofflich. Dabei handelt es sich um einen stofflichen, physischen Austausch, der sich im Regelfall unterhalb unserer Wahrnehmungsschwelle abspielt: Kaum jemand wird bildhaft die Situation erinnern, die zu seiner Ansteckung geführt hat. Wohl aber wird er eine Erzählung kreieren wollen, wie es dazu gekommen ist, dass er/ sie sich anstecken konnte.

Dabei kommt das Virus nicht ohne Trägermedium aus. Es ist immer medial vermittelt, aber relativ zur konkreten Situation. Nicht der Träger liegt fest, wohl aber der Umstand, dass überhaupt einer vorhanden sein muss (etwa das „Tröpfchen“). So werden Distanzen überwunden und vom Unsichtbaren wird etwas sichtbar: nicht es selbst, aber der Bote, der es übermittelt. Der Ort, wo das Virus nun ankommt, ist keine schlichte Empfangsstation. Der Empfänger ist ein Wirt. Er bekommt etwas von außen. Und das, was eindringt, reproduziert sich auf seine Kosten – indem es seinerseits in Zellen eindringt und dort etwas umschreibt, übersetzt, transformiert. Das ist invasiv und geht nicht nur unter die Haut, sondern dringt in die eigene DNA ein. Freilich, nicht bei jedem gelingt das. Es gibt Menschen, die sind unempfänglich für dieses oder jenes Virus. Nicht jeder erkrankt, nicht jede wird affiziert. Andere sind immun: Es gibt dann kein Gefälle zwischen „Eigenem“ und „Fremdem“. Ein Impuls von Fremdheit gehört dazu, um produktiv zu sein.

 

Viren leben nicht und vermehren sich doch. Ein Virus „erwacht“ quasi, wenn es auf einen (passenden) lebenden Organismus trifft. Es wird zum „Veränderungsagenten“ (Michel Serres). Es schreibt sich ihm ein (dazu hoffentlich an anderer Stelle später mal mehr). Das ist invasiv, zwingend, gewaltsam. Wer mit einem Mechanismus rechnet, der dies zum Wohle und zum Heil von Menschen anstößt, wird hier ein Widerfahrnis vermuten, etwas, das Ereignisqualität hat. Es ist subversiv, es ist anarchisch. Deshalb verunsichert es die geordnete Welt. Immunisierung ist demgegenüber der Versuch, das Wirken zu kontrollieren, abzuschwächen, auch: zu imitieren. All dies, um die Welt, wie sie ist, zu stabilisieren.

 

Deutlich ist: Der Prozess selbst ist zunächst neutral. Die Bewertung hängt vollständig davon ab, ob das, was da stofflich-unsichtbar am Werke ist, aus Sicht des Menschen zerstörerisch ist oder heilsam.

 

Ich will nur andeuten, dass in der Theaterwissenschaft ein zweiter Übertragungsweg erwogen wurde: die Idee der „ästhetischen Ansteckung“. Ihr zufolge erfolgt die Affizierung des Publikums über Blicke, nämlich dass „im Körper des Schauspielers Kräfte entbunden (werden), die auf dem Wege über den sie wahrnehmenden Blick des Zuschauers auf dessen Körper einzuwirken und ihn zu verwandeln vermögen.“[1]

Mark-Christian von Busse hat sich in einem regionalen Zeitungskommentar zu dem Phänomen geäußert, dass Künstler und Künstlerinnen derzeit vielfach ihre Auftritte in den digitalen Raum verlegen.[2] Dabei macht er die Differenz stark, die zwischen einem Auftritt, der der körperlichen Anwesenheit von Gästen ausgesetzt ist, und dem Stream im Internet besteht. Ob allerdings bei denen, die dies miterleben, notwendigerweise etwas Anderes geschieht, muss wohl offenbleiben.

 

Anfang der 2000er-Jahre gab es in der Architektur einen sogenannten „Parasitenhype“. Es galt als en vogue, kleine, zumeist sehr auffällige Gebäude an große, mächtige Immobilien anzulehnen. Was zunächst anarchisch „einfach geschah“, wurde zum Trend. Oft hatten die kleinen Häuser eine Gestalt, die gar nicht möglich wäre ohne die Statik des großen Hauses. Sie zapften den Strom an und das Wasser. Manchmal waren die Kleinen so auffällig, dass sie überhaupt der Grund waren, das z.T. verwohnte Wirts-Gebäude überhaupt anzuschauen. Manchmal waren Menschen im Kleinen dichtgedrängt, während der weite Raum des Alten ungenutzt blieb.

Es könnte sein, wir verstünden derzeit mehr über den Menschen, der da unfreiwillig besiedelt wird.

Und es könnte sein, wir verstünden derzeit mehr über das stofflich-Unsichtbare, von dem Christinnen und Christen glauben, dass eine Glaubensstärkung von ihm ausgeht, die Daseinsvergewisserung wirkt.

 

 

 

 

Foto: Korteknie Stuhlmacher, „LP2“ in Rotterdam (Anne Bousema [Detail]).

 

Aus meiner Bibliothek waren hilfreich:

Sybille Krämer, Medium, Bote, Übertragung. Kleine Metaphysik der Medialität, Frankfurt am Main 2008, und:

Michel Serres, Der Parasit, Frankfurt am Main 62016.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Erika Fischer-Lichte, Zuschauen als Ansteckung, in dies. u.a. (Hgg.), Ansteckung. Zur Körperlichkeit eines ästhetischen Prinzips, München 2005, 35-50, 36.

[2] Mark-Christian von Busse, Die Kunst braucht den Austausch. Kultur in Zeiten von Corona, HNA (Ausgabe für Hofgeismar), 30. März 2020, 1.

Deckweiß aus Weisheit

Kleines für das  „Kleine Ostern“ 2020

Nach einer Schreibregel von „Kaffee und Kunsten“ am 20. März 2020

 

„Kein Rot!“. Gott zuckte zusammen, als er die entschlossene Stimme aus dem Hintergrund hörte. „Rot lenkt die Aufmerksamkeit vollends auf sich, da achtest Du auf nichts anderes mehr.“

Gott dachte nach: „Ja, dann will ich das wohl für ganz besondere Dinge aufheben.“ Zögerlich nahm er das Deckweiß in die Hand. Zum Glück war seine Tube größer als die, die wir so im Farbkasten haben. Viel größer.

Und vorsichtig begann er, kleine Tupfen ins Himbeerblutrosenfarbene zu setzen. Und sein Pinsel machte Spuren, verlor Haare, nahm den Kontrasten ihre Schärfe. Pink war geboren. Erst tarnte es sich noch im Violett, aber Gott wurde mutiger: Die Tupfen wurden größer, zu Streifen. Der Pinsel rührte entschlossener. Gott gefiel, was er sah. Tausenderlei verschiedene Töne, und doch alle ähnlich. Ja, dachte er bei sich, das würde es den Menschen leichter machen, aus dem Schwarz-Weiß, Rot-Grün und Einerleigrau auszusteigen.

Ahnen sollen sie, dass da noch etwas kommt. Deshalb malte er auch was vom Rosapinkvioletten an den Abendhimmel – nicht für jeden Tag, aber für die, an denen ein Trostschatten auf Dein Tagwerk fallen sollte, wenn Du die Augen himmelwärts hebst. Gott war zufrieden über soviel Unendlichkeit, die aus einem einzigen Ruf der Weisheit entstanden war. Sie berührte sogar sein Kleid, das fürderhin leicht rosa glänzte. Zumindest an manchen Stellen. Nein, lächelte Gott bei sich selbst: Ich werde nicht vergessen, was ich da geschaffen habe. Versprochen. Und der Schatten seines Kleides färbte den Abendhimmel über den Menschen.

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt (rosafarbene Dinge, die sich zufällig am 20. März 2020 im Haushalt befinden)

Als es Abend ward

Evangelisches Studienseminar Hofgeismar, 

2. März 2020, 18h

 

Am ersten Abend sagte Gott: Dunkelheit soll sein. Und Gott trennte die Finsternis vom Licht. Und im Dunklen, da erholte sich das Land von allem, was es in Aufruhr brachte. Die Menschen schliefen, Pflanzen atmeten auf, die Welt erholte sich. Die erste Nacht.

Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe: Es war sehr gut.

Am zweiten Abend sagte Gott: Es soll Worte geben, die nur in die Nacht passen und nicht am Tag gesagt werden können. Und es soll verstummen, was Menschen Angst macht und was nur vortäuscht, wahr zu sein. Die zweite Nacht.

Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe: Es war sehr gut.

Und am dritten Abend, da sagte Gott: Lasst uns Dinge schaffen, die nur bei Nacht gesehen werden können. Die anders sehen. Die ahnen lassen: Alles kann ganz anders sein. Und Gott schuf Sterne und nachtaktive Insekten in bunten Abendkleidern und das Wetterleuchten. Die dritte Nacht.

Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe: Es war sehr gut.

Und am vierten Abend sagte Gott: Manche Dinge geraten über sich selbst in große Sorge, wenn sie im grellen Tageslicht geschehen. Lasst uns die Zeit schaffen, damit sie selbst – auch mal – aus dem gleißenden Licht herauskommen können. Die vierte Nacht.

Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe: Es war sehr gut.

Am fünften Abend, da sprach Gott: Es wird Menschen geben, die nachts arbeiten, die mein Licht nur in silbergrauen Streifen am Horizont sehen, die immer schlafen, wenn die Sonne hoch am Himmel steht und deren Arbeit bis spät geht. Sehr spät. Bis zu der Stunde in der Nacht, wo Du weißt: Wer jetzt nicht schläft, findet die Nacht nicht mehr. Deshalb legte Gott der Nacht etwas Leichtes und die Wärme in ihr Herz. Und mir die Hoffnung, dass dies doch für alle gelten möge. Auch für die mit dunklen Plänen und denen die Angst das Herz besetzt. Die fünfte Nacht.

Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe: Es war sehr gut.

Und in der sechsten Nacht – da hörte Gott zu. Und horch!, da sind Leute, die hämmern und arbeiten und kratzen mit Kugelschreibern auf Papier; und Leute, die weinen. Lachende Leute. Und Leute, die die Schatten suchen; und Leute, die ihre Geheimnisse erzählen und die, die herumirren und nach Gefährten suchen. Manche suchen einen Platz für sich, andere Trost. Und Gott hörte zu und hoffte bei sich, dass sie alle diese Nacht überleben würden. Dazu schuf er Segen. Für Lachen. Und Weinen. Und er* schuf das Zwielicht, und rotgelbgrünblaubunte Spuren, die aus den dunklen Himmeln hingen, Steine und Schildkröten, kleine Oasen, den Einsamen beizustehen und den Fröhlichen; denen, die geben und denen, die nehmen. Die sechste Nacht.

Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe: Es war sehr gut.

Und in der letzten Nacht: Da ruhte Gott (bei sich selbst). Und die Ruhe war gut. Sehr gut.

Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe: Es war sehr gut.

Deshalb, Jesus Christ, mein Hort und Halt: Bleib bei meinem Ruhn.

LIED: Abend ward, bald kommt die Nacht.

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

 

Was von hier aus zu sehen ist

Ansprache für den 24. Februar 2020 (zu Lk 18, 35-42)

(Evangelisches Studienseminar Hofgeismar)

 

  1. Körper (Jean-Luc Nancy)

 

Der Welt ist die Haut abgezogen.

Und ich weiß nun gar nicht, wo ich hinschauen soll.

In der Zeitung zeigen sie Fotos aus den „Körperwelten“ in der Documenta-Halle.

Als wäre das ein Gleichnis.

Manche sind fasziniert.

Und ich weiß nun gar nicht, wo ich hinschauen soll.

Die Haut vermag, sich abzutrennen.

Die Rinde, das Leder, der Pelz, Kortex.

Die Form bleibt.

Ich erkenne, was es war und was es vielleicht noch ist: Der Mensch, der Baum, das Tier, das Gehirn.

Ich weiß nicht, wo ich hinschauen soll,

weil es mir unheimlich und abstoßend ist.

Weil zur Schau gestellt ist, was nicht dafür vorgesehen ist:

Was unter der Haut versteckt war,

weil es alles antreibt, den gesamten Organismus, es pulsiert und atmet.

Es ist jetzt plötzlich offen, in die Welt hinein versetzt.

 

 

2. Zoom: Das Auge (Evangelium nach Lukas)

 

Dem Mann am Wegesrand fehlt die Netzhaut.

Er sieht klarer als ich.

Er hört, was die Menge tut.

Ich dachte das auch von mir, aber ich habe mich geirrt.

Er forscht und er schreit.

Die Herzhaut schreit. So laut, dass es die auf der Straße hören.

Und als sie es nicht hören wollen, schreit er noch lauter.

Die kurze Zeit, die es der Lukasevangelist den Menschen erlaubt, Gott zu loben, ist eine Zeit, in der Menschen schreien, die ohne gegerbte Haut und einem Pelzpanzer von dem, was halt so üblich ist, durch die Welt gehen.

Jesus kommt näher. Worte umhüllen einen Menschen mit neuer Haut.

Ich sehe hin, ich bekomme Gänsehaut.

Sein Herz atmet, meines sagt: Gott wollte Menschen machen. Und siehe, es ist sehr gut.

Der, der es aufgeschrieben hat, sagt: Sein Glaube hat ihm geholfen.

 

3. Hanau (ich)

 

Manchmal sagen wir so Sachen wie: Die Haut der Zivilisation ist dünn.

Mir ist, als sei sie durchsichtig, mühsam gehalten, hat Risse, deren Blutspuren niemand mehr tilgen kann.

Einer kann die Wunde schlagen, die alle stumm macht. So stumm, dass mir der Herzhautschrei durch die Glieder fährt und es mir ist, als sei nun ich diejenige, die am Wegesrand säße.

Einer kann das tun, und ich weiß nicht mehr, wo ich hinschauen soll. Einer kann das tun und plötzlich sieht die Welt ganz anders aus. Als habe man mir heimlich eine falsche Netzhaut eingepflanzt. Aber das stimmt nicht.

Doch manchmal weiß ich gar nicht mehr, ob ich eigentlich sehe oder blind bin.

Ich will diese Kerzen nicht, diese Mahnwachen, diese Ansprachen, ich will keine neuen Hashtags und keine liturgischen Bausteine.

Ich will, dass Mercedes mir immer dann, wenn ich in Hanau bin, morgens Zeitungen verkauft und über meine Kleingeldkramerei lächelt. Ich will, dass es, wie damals in meinem Vikariat, Ärger mit den Nachbarn gibt, weil die Jungs im Boxkeller der Kirchengemeinde immer viel zu laut sind. Ich will, dass wir das ernst nehmen, dass die Kirche, die hier steht, den Namen Friedenskirche hat. Man hat sie in einer Zeit gebaut, als man sich die Großstädte in Deutschland noch viel größer dachte, als sie heute sind. Von überall her sollten Menschen da sein. Ich schaue auf Heute. Ich will, dass Menschen aus Bosnien, Bulgarien und Polen, aus München, Gelsenkirchen und Offenbach hier leben. Ich will, dass die dableiben, die sagen: Ich bin gerne hier. Und auch die Anderen einen Platz haben. Und ich will, dass es keine Söhne gibt, die ihre Mütter töten. Sie hieß Gabriele und wurde 72 Jahre alt. Alle anderen Getöteten waren jünger als ich.

 

4. Perspektive: Ausgesondert-anwesend (Der Raum der Kirche)

 

Im Altarraum der Klosterkirche Bursfelde sind ein Gekreuzigter und zwei Trauernde. Das Licht wirft Schatten ihrer Formen auf die Innenwand der Außenhülle der Kirche.

Die Haut vermag, sich abzutrennen.

Die Rinde, das Leder, der Pelz, Kortex.

Die Form bleibt.

Am Wochenende haben die religiösen Leute den Altarraum verhüllt. Mit einem riesigen Leinentuch.

Und es scheint, als hätten sie dem zerschundenen Körper und den verweinten Augen eine neue Haut transplantiert. Sie entzogen, umhüllt, umwärmt.

Und in denen, die jetzt mehr sehen, weil sie nichts mehr sehen, die Sehnsucht geweckt, nach Rinde und Leder, nach Pelz und Kortex.

Nach lauten Jugendlichen und gedruckten Zeitungen am Kiosk.

Nach Ruhe für die Toten und einer Gesellschaft, in der Menschen einander zu ertragen gelernt haben.

Und in den eiskalten Mauern entsteht unmerklich eine Bewegung, und keine weiß wie. Das, was gut geschaffen zu sein behauptet, schwingt kaum merklich in die Welt hinein, unsichtbare Austauschprozesse an einer kaum beschreibbaren Grenze. Darin atmet das Herz des Geschundenen und flüstert: Ich habe Menschen gemacht. Ich habe Dich gemacht. Dein Glaube wird Dir helfen. Und man wird es sehen. Und ich? Ich zwinge mich, eben auch dort hinzuschauen.

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt (Kapelle im Evangelischen Studienseminar Hofgeismar)

 

Bewegungen (2 von 4 Beispielen)

 Teil einer Prüfung, ob Catherine Malabous Begriff der „Plastizität“ für die gegenwärtige theologische Diskurslage etwas austrägt. (Winterwortwerkstatt, Januar 2020 in Hanau)

 

Bewegungen beschreiben.
Eine Erkenntnis (von vielen): Die Grunddifferenz zwischen der Beschreibung von Bewegungen innen und Bewegungen außen. In diesem Fall scheint das Komplexere das Einfachere zu sein.

Deshalb: Äußere Bewegungen beschreiben, semipermeabel-plastisch für das, was sich möglicherweise gar nicht beschreiben lässt.

 

EINS: Café am Sonnabendvormittag (belebt)

 

Auf und Ab.

Spiegelgesten (Empathie).

Treppauf, treppab und Stopp.

Aus den Augenwinkeln-Bewegungen.

Fallende Buchstaben mit dem Geiste aufheben.

Greifen nach vergessenen Mützen.

Hand am Geländer.

Streicheln, Vergewissern, Welt-noch-da-Gewissheit.

Schweifende Blicke über Blumen.

Buchstabenabtasten.

Der verzweifelte Versuch, die Ohren zuzuklappen gegen geschirrnes Geklapper.

Lautloses: Kerzengeflacker, Schalumwickeln, die Komplexität, eine Winterjacke um einen Holzstuhl zu wickeln. So, dass sie wirklich hängen bleibt. In den Spiegel schauen, um Bewegungen anderer zu sehen, die meinen, durch ihre Bewegungen andere nicht zu bewegen.

Wenn Du ein Getränk mit Sahnehaube bestellst, bewegt sich diese irgendwann von selbst über den Rand. Vielleicht müssten einfach viel mehr Dinge eine Sahnehaube haben.

Die Bruchkante roher Karotten, nachdem Du sie mit dem Taschenmesser nur halb angeschnitten hast. Sich mit dieser Zeitung neben mich zu setzen (ungefragt), ist die beste Strategie, ein Gespräch anzuzetteln. Es wirkt so, als hättest Du das gewusst. Ist das kontingent oder kausal?

Händereiben, Haarerichten, Kinn aufstützen, Hand vorm Mund (wegen Bazillen oder aus Schrecken oder beidem, lässt sich aus der Ferne nicht sagen).

Einer, der sich ständig ans Ohr fasst.

Irgendwas wird sie sich gedacht haben, als sie die Ticks geschaffen hat. Augenwischereien.

Schlürfen, Kauen, Beißen, Dramagesten. Auf sich und andere zeigen. Gen Himmel. Nicken und Lächeln. Wenig Widersprechendes.

Erkenntnis: Aus der Ferne lässt sich leichter sehen, ob jemand lügt, als wenn Du direkt dran sitzt und die Worte dazu hörst.

Mit dem Finger so über die Zeitung streicheln, dass sich für einen Moment lang Bilder überlagern.

In meinem Rücken: Zwei Meter Basilikum in Balkonkästen. Nur scheinbar unbewegt.

Leichte Knickse vor der Registrierkasse. Dinge zeigen ihren Subjektcharakter offensichtlich dadurch, dass sie nicht sich, sondern andere bewegen.

Die Tasse um 210 Grad drehen, um noch den letzten Schluck rauszukriegen, ohne die Etikette zu verletzen. Wer erfindet eigentlich die Bewegungsregeln, von denen sie sagen, dass es die feinen Unterschiede macht?

Verborgenes vor aller Augen.

Erkenntnis: Auf Wesentliches ist hinweisbar. Sonst wäre es uns ja vollständig entzogen und somit nicht mehr als eine Behauptung.

 

ZWEI: Bus (belebter)

 

Aufgabe: In den nächsten Bus steigen, der mehr als drei Haltestellen weit fährt.

Wie es der Zufall will: Es soll also ins Refugium gehen, das nach einem General aus dem 30jährigen Krieg benannt ist. Doch das bewegt nur Insider.

Ich werde durch die Dinge gehörig durchgeruckelt und es ist so unbequem, dass ich die Blicke nach draußen verliere. Ich ändere das auch dann nicht, als sich die Möglichkeit bietet, weil mir die Blicke von drinnen noch unangenehmer sind.

Eine alte Dame mit Rollator muss stehen, weil mein Laptop und ich einen Sitzplatz brauchen. Man kann sich also schuldig fühlen, obwohl man ein gültiges Ticket hat: Mein Leben in Deutschland in diesen Tagen.

Ich zwinge mich, aus dem Fenster zu sehen, obwohl mein Körper langsam ob der unkomfortablen Bewegungen rebelliert. Noch bin ich in der bekannten Welt und ich weiß nicht, ob mich das beruhigen soll oder nicht. Mein Geist beginnt schon zu berechnen, wie lange ich wohl benötige, wenn ich den Rückweg zu Fuß zurücklege.

Wohtuend, dass sich niemand über mich wundert. Ich liebe das Signet von Großstädten, die Menschen einfach ihre Dinge tun zu lassen.

An den Platanen ist noch überall die Weihnachtsbeleuchtung, so, als habe jemand – sicher ist sicher – die Lichter über den Köpfen der Menschen vergessen.

Straßennamen zeugen aus einer Welt, als man hoffte, durch Bildung die Welt zu verbessern. Es gibt ja immer zu denken, wenn Dinge auch beharrlich bleiben.

Während ich an die neuerlichen Diskurse denke, in die ich irgendwie zufällig grad gefallen bin, #karlmarx (ich dachte, das wäre langsam vorbei), werde ich an einer Kirche vorbeigefahren, an der ein Banner verkündet: „Auftanken. Gas geben“. Ich atme tief durch und gelobe produktives Anhalten.

Ich staune, während ich an großen Sportfeldern vorbeigefahren werde. Hier ist niemand. In Schrebergärten sind es nur Fahnen, die sich bewegen. Wer hier jetzt lebt, sitzt wohl fest in dicke Wolldecken gewickelt in der Stube.

Hier jedenfalls steigen jetzt auch die letzten Leute aus dem vollen Bus, offensichtlich sitzt diese Scheu tief, Dinge wirklich bis zum Ende zu tun.

Ich überschlage die Menge an Menschen, die im näheren Umkreis so um mich wohnen müsste und bewundere die schwere Stille, die die Straßenzüge durchzieht. Nur ganz gelegentlich fährt eilig ein Dieselfahrzeug vorbei. Zum ersten Mal höre ich, wodurch es die Buchstaben auf meinen Bildschirm schaffen. Feinmotorik ist schon auch wirklich eine Errungenschaft.

Auf Privatgrundstücken darf man hier nur Schrittgeschwindigkeit fahren; genau jetzt ist mir klar, weshalb es die Leute im öffentlichen Raum immer so eilig haben.

Der Bus fährt ab – ohne mich. Ich genieße eine Welt, in der es das Wachsen von Kakteen hinter Küchenfenstern ist, das der Beschreibung von Bewegung ihren Maßstab setzt.

Ich merke, wie mein Selbst sich ausbreitet und die Tentakeln meiner Wahrnehmung bis an die Schwellen von 1-, 2-, 3 ZimmerKücheBad-Arrangements reichen. Mein Sehen und Hören klappt seine Kapazitäten aus und mag die Räume, vor denen sich die Jalousien nur millimeterweise öffnen. 40 ist hier schon eine absurd anmutende Höchstgeschwindigkeit. Mehr ist verboten. Und auch hier: Wer ist eigentlich die Regelerfinderin? Flugzeuge, die im 3-Minuten-Takt das Himmelsgrau durchtönen, muten an wie eine fremde Welt, die sich dezent im Hintergrund hält.

Mir scheint, sie säßen alle in dieser bewegungsminimalen Welt, konzentriert auf neuronale Funkenschläge zwischen Dingen und Gedanken und einander und lachten ihn aus, jenen einzig entschlossen wirkenden Menschen, der einen Zebrastreifen überquert. Was ihn antreibt, existiert allein in einer Zeichenwelt, weißes Dreieick auf rechtwinklig blauem Grund, an den Rändern der bewegten Welt aufgestellt. Um der Ordnung willen. Um den Langsamen eine Chance zu geben, doch noch vom Einen zum Anderen zu gelangen. Und ich denke an die Zebras, die über Zebrastreifen laufen (#80er) und sehe die Kakteen lächeln und die Jalousien in die Hände klatschen.

Ich hingegen gebe dem Bewegtwerden eine zweite Chance und steige in den nächsten Bus. Ob mir auf der Schwelle entweder auffällt, wie warm es drinnen ist oder wie kalt es draußen ist, vermag ich nicht zu sagen: #schwellenprobleme. Das Fahrgast-TV verheißt mir in schrillen Farben, durch Rembrandt-, Feuerbach- und Cranachstraße gefahren zu werden. Und ich, ich schaue und staune. Die Buchstaben schütteln sich, selbst dann, wenn die Graphikkarte der Wortewelt stabil bleibt.

Eine Kluge sagt: Wenn die Dinge sich verhaken, muss man einfach nur mehr schütteln. #churchineverycontext

Bemoosung und Verflechtung jetzt leerer Schaukästen lassen ahnen, wie die belebte Welt die Zivilisation zurückerobern könnte, wenn es nix mehr gäbe, was wir einfach nur überall drüberschütteten und es wäre porentief rein und klinisch steril.

Baumarktlöwen vor Einfahrten erwachten, der Bus würde auf die Kinder warten und nicht die Kinder dem Bus hinterherlaufen. In der Bürgerstübe my Eisbär – Klammer auf: Billiard – Internet – Dart: Klammer zu – nimmt eben dieser den Pfeil, wirft ihn durchs Internet, so dass alle Billardkugeln von innen her zerspringen und die Verbotsschilder der Welt mit surrealistischen Farben überziehen.

Haltestelle Cranachstraße steigen vier kleine Jungs ein, die den Fahrschein einzeln mit vielen Münzen bezahlen und ihre Haustürschlüssel jeweils fest in der anderen Hand halten, als habe ihnen jemand gesagt, dass es ohne Schlüssel kein Zurück gäbe. Und ich stelle mir vor, ihr Ziel wäre eine Malwerkstatt, in der sie der Welt ihre Farben gäben.

Für alle anderen gibt es an jeder Ecke „Spezialitäten aus der Heimat“. Lippisch Pickert haben die aber nicht. Offensichtlich haben die einen komplexeren Heimatbegriff als ich oder eine andere Heimat.

Am Brückenkopf prangt in bedeutungsschweren Lettern 1-1-4-3. Und nur an der Form ist erkennbar, dass sie vermutlich die #ersteurkundlicheErwähnung Hanaus meinen und hier nicht nur jemand eilig den Pin-Code von Wasauchimmer notiert hat. Oder?

Doch all die kleinen Bewegungen erschüttern nur die kleinen, nahen Welten, denen wir die meiste Bedeutung beimessen.

Die Kinzig in all dem über Stunden unbewegt. Auch die Lieblingskneipe schläft noch.

Der Kongresspark traulich hold, als warte er auf den Sommer oder bessere Tage.

Ob ich mir ein Beispiel an ihm nehmen sollte?

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt (Die Spielidee, auf der dies fußt, ist von Sebastian Schmid beim Playing-Arts-Symposium 2019)

 

 

Ordnung und Ahnung, oder: Die Sache mit der Lücke im System

Ansprache,

auch anlässlich des 150. Jahrestags der Entdeckung des Periodensystems der Elemente

Evangelisches Studienseminar Hofgeismar, 28. Oktober 2019

 

Vor 150 Jahren kam die Welt in Ordnung.

Einer sitzt an seinem Schreibtisch, viele kleine Zettelchen vor sich – heute nähme man vielleicht post-its – und sucht nach einem System für die Welt.

Er will das Buch schreiben, das alles erklärt.

Er fängt an zu schreiben – und weiß nicht mehr weiter.

Die Welt wirkt auch irgendwie willkürlich.

 

Er stammt aus Sibirien.

Und sieht aus, wie Ihr Euch das jetzt so vorstellt: wie einer aussieht, der aus einer rauhen, kalten Welt kommt. Lange Haare, zerzauster Bart, eine wirre Erscheinung. Wie ein Schamane. Einer, der die Zeichen der Welt versteht und sie für andere übersetzt.

 

Der, der die Dinge übersetzt, ist der, der die Welt in Ordnung bringen will. Worte schaffen, Schriften, Symbole, Kultur.

 

Doch zurück an den Schreibtisch. Irgendwann weiß er nicht mehr weiter und nickt ein. Als Dmitri Mendelejew aufwacht, notiert er das Periodensystem der Elemente.

Eine sinnvolle Tabelle aller Bausteine der Welt. Noch ist sie seitenverkehrt, manches steht an der falschen Stelle. Die Ordnung ist größer als der Mensch, der sie aufs Papier bringt.

Deshalb die Geschichte, sie habe sich im Traum gezeigt. Eine Art magische Intelligenz, die etwas aufscheinen lässt vom „großen Ganzen“.

 

Christenmenschen versetzen die Geschichte von der Ordnung der Welt nicht in einen Traum, sondern ganz an den Anfang. Vor alles, weil es ja tröstlich sein kann, dass etwas da ist, was einen Sinn ergibt, bevor ich da bin.

 

Ein erster Tag. Und siehe, es ist sehr gut. Ein zweiter Tag. Und siehe, es ist sehr gut. Ein dritter Tag. Und siehe, es ist sehr gut. Ein vierter Tag. Und siehe, es ist sehr gut. Ein fünfter Tag. Und siehe, es ist sehr gut. Ein sechster Tag. Und siehe, es ist sehr gut. Ein siebter Tag. Und siehe, es ist sehr gut.

 

Die große Weltgeschichte und die menschliche Kulturgeschichte gehen da Hand in Hand. Ob’s einleuchtet? Dazu muss man diese Ordnung lesen können. Die eine oder die andere oder die eine und die andere. Die einen sehen dies, die anderen das. Leerer Himmel, eine ordnende Hand, Gott selbst am Werke, ein spielendes Kind. Weisheit, Krippenkind.

 

Einprotoniger Wasserstoff kracht zusammen und siehe, Helium ist da. Lithium, Beryllium, Bor, Dichte, Energie, Materie, Eisen und Uran. Licht und Finsternis, Wasser und Land, Pflanzen, Bäume, Fische, Katzen, Hunde, Menschen. Und tausenderlei Lesarten, welche Ordnung, welch Plan in der Welt sein könnte. Und ich glaube, dass es auch im einzelnen Leben solche Ahnungen gibt: Dass es einen Sinn geben könnte, einen mehr oder minder offensichtlichen Plan für dieses, für mein Leben.

 

Lasst uns nochmal nach St. Petersburg, an den Schreibtisch von Mendelejew gehen: Im System sind Lücken für das, was Menschen geschaffen und der Natur abgetrotzt haben: Kalzium und Eisen, die mühsam der Welt abgerungen werden. Künstlich geschaffene Elemente, radioaktive Stoffe.  Tiere, die noch nie jemand gesehen hat und Pflanzen, die ihre Namen nicht von Menschen haben. Das System will Lücken haben; die Ordnung weiß, dass sie offen ist.

 

Später werden Physikerinnen und Chemiker Mendelejews Periodensystem nehmen und versuchen, die Elemente, die in die Lücken gehören müssten, quasi „nachzukochen“. Die Lücken zu füllen: Technetium als Molybdän und Wasserstoff. Neptunium und Plutonium aus Uran, das mit Wasserstoff beschossen wird. Americium gibt es überhaupt nur im Labor. Es entstehen neue Reihen, Umgruppierungen, neue Lösungen. Manches kommt in die Fußnoten und anderes wird verschwiegen, damit unsere Schulbücher nicht zu kompliziert werden und das Bild an die Wände der Klassenräume passt. Und es sieht aus wie eine Burg; vielleicht soll es so aussehen, als ob uns Ordnung schütze, vor den Dingen, die geschehen. Diskussion brechen los, wo denn eigentlich das Ende sei, wann alles entdeckt ist. Viele hoffen auf „Inseln der Stabilität“ für das, was es ganz selten gibt in der Welt. Weil das Seltene faszinierend ist und manchmal auch wirklich wichtig.

 

Und da ist diese Ahnung, auch mein Leben und irgendeine Art von System könnten etwas miteinander zu tun haben.

 

Ich ordne und sortiere. Auf Notizzetteln und post-its, Flipcharts und Moderationskarten. Bleibe skeptisch gegenüber allzu glatten Oberflächen (aus der Serie: Gründe gegen Powerpoint). Wir bilden geometrische Figuren, Tabellen, vielevieleviele Dreiecke, Spiralen und Zylinder, in denen die Dinge nebeneinander, übereinander und miteinander stehen. Es gibt einen ersten Tag, einen dritten, einen siebten und den achten, an dem wir anfangen, die Bleistifte zu spitzen und weiterzuschreiben.

 

Und wenn es ordentlich und gedruckt ist, sieht es so aus, als seien die Dinge so. Was mich an Mendelejew beeindruckt – der übrigens gar nicht der erste war, der so etwas versucht hat – ist, dass er Lücken im System gelassen hat. Und das nicht nur, weil er vielleicht zu früh aus seinem Traum aufgewacht ist. Er wusste oder ahnte, dass es da mehr gibt, als er selbst kennt. Manchmal war es so, dass er alle Kennzahlen berechnete, aber das Element trotzdem nicht kannte: Da müsste doch etwas sein, auch wenn es mir noch nicht begegnet ist.

 

Ordnung und Struktur entziehen sich der Wahrnehmung. Sie sind nur zu ahnen und unfertig. Für manche ist das eine Zumutung, für andere ein Anreiz. Bilder der Welt entstehen: Strahlen, Schleifen, Spiralen, Blumenartiges, Bäume, Blasen, Altäre, Trichter, Schachbretter, Pyramiden, Schnecken (mit und ohne Häuschen), formlose Amöben, Sonnen, Rennbahnen. Manches an diesen Modellen ist einfach nur schön und lässt staunen, anderes ist klar und überzeugend, von den Bildern der Welt.

 

Mit Graphiken an Schulwänden die Welt zu erklären: was für eine romantische Idee! Ich verstehe, dass das belächelt wird. Heute kann das alles sein: Eine Weltkarte, ein Navigationssystem fürs Leben, das funktioniert, ohne alles zu wissen. Der Trost, dass es Kräfte gibt, die größer sind als ich, und die etwas gegen Unordnung haben.

 

Und ich versuche das zu verstehen, indem ich Teile der Welt auf Notizzettel und post-its schreibe, und manchmal nicht mehr klar ist, wo das Konkrete aufhört und die Ästhetik anfängt. Manches entdecke ich im Leben, anderes erfinde ich auch. Es könnte sein, da will einer (Gott), dass wir ko-kreativ sind, dass wir mitwirken, an dieser Sache mit dem ersten Tag, der sehr gut ist, und dem zweiten Tag, der – Ihr wisst schon.

 

Hinter den Dingen scheinen Zusammenhänge auf, klar oder schön, klar und schön. Gott sei dank.

 

 

 

 

Ich hatte zwar Chemie-Leistungskurs, habe aber trotzdem das eine oder andere nachgeschlagen. Vor allem hat mich inspiriert: Michael Pilz, Tanz der Elemente. Das Periodensystem als Welterzählung, Kursbuch Bd. 199: Unglaubliche Intelligenzen, hgg. Armin Nassehi/ Peter Felixberger, Hamburg 2019, pp. 76-91.

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

 

Bonhoeffer statt Brockhaus. Kirche im gesellschaftlichen Wandel

#zukunftskunstkirche

Es geht um nichts weniger als um die Zivilisiertheit des Lebens. Im ersten Denken dieser These ist mir unbehaglich. Meine theologisch-religiöse Sozialisation ist so viel mehr von der Dekonstruktion der Ordnung (und der Ordnungstheologie), von Prophetischem, vom Fragen und vom kritischen Impuls gegenüber der bürgerlichen Vereinskirche geprägt.

Doch plötzlich scheint es um mehr zu gehen als die große Frage von Stabilität und Instabilität religiöser Existenz, sondern die Grundlagen des Lebens selbst stehen auf dem Spiel. Die Erderwärmung setzt exponentielle Entwicklungen in Gang. Der soziale Frieden in unserer Gesellschaft steht mehr und mehr in Frage. Ob demokratische Spielregeln faktisch ein common senseunseres Zusammenlebens sind, weiß derzeit niemand mehr so recht. Globale Logiken setzen weltweite Migrationsströme in Gang, die zu herausfordernden Situationen und Entscheidungen führen. Niemand, der sich verantwortlich weiß, kann noch bei seinen Leisten bleiben. Was angemessen ist, sucht kaum mehr jemand zwischen goldberandeten Ledereinbänden.

 

Und die Kirche? Welche Rolle hat sie? Der Studientag „Zukunftskunst Kirche“ der CVJM-Hochschule Kassel hat eine Vielzahl und auch erstaunliche Vielfalt kirchlicher Akteure zusammengebracht, um diese Frage zu bedenken und nächste Schritte in den Blick zu nehmen.

 

Die Analysen fallen, bei ermutigendem Grundton, unterschiedlich aus. Die Kirche tut viel und wird darin wenig gesehen. Sie tut oft nicht das Wirksamste, weil sie sich Formen verpflichteter weiß als der Motivation ihres Handelns. Sie erinnert an große Geschichten und erzählt sie so, dass sie neu und anders klingen. Sie gibt offen zu, dass Brunchgottesdienste eigentlich nichts anderes als Traditionspflege sind. Wer von einem religiösen Standpunkt aus in die Welt schaut, wird (vor allem) kirchenleitenden best-practice-Mutmachgeschichten kaum trauen können. Wenn ich überlege, weshalb dieser gut gemeinte Wille nicht wirkt, dann doch deshalb, weil er Kontextualität und Komplexität übersieht. Weil das eine am einen Ort wenig über das sagt, was die Welt an einem anderen Ort braucht. Die Jesusgeschichte erzählt sich in Varianten, weil sie kein one-fits-all kennt.

 

Glaubt man Uwe Schneidewind, leben wir unter Bedingungen, die es ökonomisch machbar werden lassen, die großen Fragen unserer Zeit für alle menschenfreundlich und sachgerecht zu lösen. Dass wir es nicht tun, liegt nicht nur an der komplizierten Verschleierung des Handlungssubjektes, wer denn „die“ Gesellschaft und „die“ Kirche sei, sondern daran, dass emotional-moralische Entscheidungen zu treffen sind. Sie sind – biologisch bedingt – schwer beschreibbar, fehleranfällig und richtungsweisend. Jeder kennt die Analogie im persönlichen Leben, die auch die Einsicht einschließt, dass letztlich ein Zwang zum Entscheiden besteht.

 

Wir selbst und wir als Kirche entscheiden uns, ob und wie wir unsere Rolle in dieser Gemengelage beschreiben. Dass Kirche Kategorien in gesellschaftlichen Diskursen und Entscheidungslagen zur Verfügung stellen möge, ist ein plausibler Vorschlag, weil er die Kirche handlungsfähig macht, ohne sie weiter in ihrer Atemlosigkeit zu protegieren. Ich frage jedoch, wer in der derzeitigen Situation einer „gereizten“ (B. Pörksen) und aufmerksamkeitsgesteuerten öffentlichen Diskurslage einer Kategorie „Hoffnung“ überhaupt traut und zuhört. Da wird es vor allem darum gehen, logische und narrative Anschlüsse zu suchen, Verbündete außerhalb der Linien zu finden.  Kirche ist nicht nur zuvörderst „Kirche für Andere“, sondern es wird auch darum gehen, „Andere für Kirche“ in Gespräche und verbindliche Vereinbarungen zu ziehen. Das Dass, eine Vision wachzuhalten, ist der erste Schritt, um für die Kirche mit Gründen einen relevanten Platz im öffentlichen Diskurs einzufordern. Damit sie das überhaupt schafft, braucht sie vor allem anderen eine liquide, gesellschaftsfähige Theologie. Und in den Kirchen kluge Prozesse, wie diese Theologie überhaupt kontinuierlich weiter entwickelt wird.

 

Der französische Alteritätsforscher François Jullien hat jüngst die Möglichkeit durchgespielt, dass es sich beim Christentum um eine „Ressource“ im Sinne einer kulturellen Möglichkeit handele:

 

So „geben die Ressourcen zu denken; sie sind nur in dem Maß wertvoll, in welchem die jeweilige Person – die jeweilige Generation – ihrerseits sich anstrengt, sie erneut zu aktivieren, ebenso zu erforscheun wie auszubeuten. Resssourcen existieren nur in dem Maß, in dem sie ertragreich gemacht werden. Zugleich hält sie das, was an ihnen nur potentiell vorhanden ist, in Schwung und bewahrt sie vor der Begrenztheit, der das Aktuelle in seiner Ausdehnung unterworfen ist, entzieht sich der verfestigenden Positivität des Erreichten und Akzeptierten.[1]

 

Solche Spiele und Anschlussideen benötigen wir unbedingt, wenn Kirche als Akteurin im gesellschaftlichen Wandel gehört werden will. Deshalb ist es vermutlich kein Zufall, dass in den theologischen Plädoyers für eine gegenwartsfähige Kirche derzeit negative Theologien eine erhebliche Rolle spielen. Religionsloses Christentum, latente Kirche, innere Plausibilität sind die Hoffnungsressourcen einer Kirche, die ihre Struktur und Praxis derzeit grundlegend aufs Spiel zu setzen hat, um zivilisatorisch bedeutsam wirksam zu sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt (Detail eines Kunstwerks von Gofi Müller aus der Ausstellung wirklichwirklich im CampusCenter der Universität Kassel)

[1]F. Jullien, Ressourcen des Christentums. Zugänglich auch ohne Glaubensbekenntnis, Gütersloh 2019, 28.

DJ of Letters. And Sense

 

Zur hybriden Schreibperformance ‚Connex I/O‘ am 12. September 2019 in Kassel

 

Die Worte laufen schneller durch’s Bild, als ich sie lesen kann. Es sind einzelne Wortfetzen, Satzteile, ich versuche, den Buchstaben nachzueilen, suche Auffälliges und Anker fürs Auge, um zwischenzeitlich irgendwie noch Sinn entstehen zu lassen: Erkenne ich die Form? Ist es ein bekannter Text, den ich an Schlüsselbegriffen wiedererkenne? Digitalität von Texten suggeriert Unordnung, Chaos, Vielfalt und Fantasie. Alles beschleunigt sich und nichts kann mehr so sein, wie es einmal war, wie es zu sehen war.

 

Das hybride Schreibprojekt „Connex I/O“ experimentiert seit 1997 mit (post-)digitalem, kollaborativem Schreiben. Wer immer beim gemeinsamen Schreiben mehr im Sinn hat, als Textbausteine über Plattformen austauschen und zusammenzusetzen, kann hier mit Gewinn Schreiberfahrungen machen. Dabei speisen sich die Erfahrungen vor allem daraus, den Schreibprozess zu erleben, weniger aus dem absichtslosen Produkt, das sich bereits im Augenblick des Entstehens beginnt zu verflüchtigen. Transmediales Erzählen radikalisiert sich, insofern Anwesenheit und Abwesenheit von Schreibenden, Texten und Worten in ein paradoxes Wechselverhältnis geraten.

 

Ein Keller in Kassel. Ein historischer Ort, der die Kriegswirren überlebt hat. Wo vormals mit Feinkost gehandelt wurde, ist seit Jahren ein Hotspot visueller und experimenteller Poesie. Das Kunsttempelchen hat aus Anlass seines 20jährigen Bestehens eine Werkschau einer Auswahl seiner bisherigen Ausstellerinnen* versammelt. Dazu gehört auch Connex I/O. Auf Laptops, Tablets und Handys erscheinen hundert Kacheln, hinter denen Katalogtexte, kanonische Texte und Kaotisches lauern. Die Schreibregel lautet: Umschreiben, Löschen, Kopieren. Kampf um Buchstaben und Worte, Sätze und Sinn ist erlaubt. Was wäre, wenn ich die DJ des Textes werde? Was wäre, wenn man Texte sampeln könnte? Die Macher, Sascha Pogacar und Matze Schmidt, sagen es im Begleittext des Ausstellungskatalogs so: „Texte, Sätze, Worte, Zeichen sind Material, geronnene Bedeutung und mehr als nur tote Selbstvergewisserung zuglecih. Schreiben wie Sprechen kommen magisch als ein ‚Textakt‘ daher, der wie die Fixierung von Gedanken und Sinn erscheint bzw. wie das symbolische Operieren an der Realität“ (p. 98).  „Im gemeinsamen Prozess wird Text zum Material verflüssigt, zum Spielball kolaborativer [sic!] Veränderung und gerinnt wieder in einer neuen Form, wenn der Prozess erkaltet“, lese ich im Textmaterial.

 

Was begegnet mir und was fange ich damit an? So soll ich erstmal denken. Dann also: los. Schnell vergesse ich meine Umgebung. Ich höre zwar Worte und Klang, konzentriere mich aber auf Zeichen und Text. Ich suche Textorte auf, an denen auch andere sind. Schaue ihnen zu, was sie tun. Suche nach Schreibstrategien, um den teils bekannten, teils offensichtlich bereits bearbeiteten Worten zu Leibe zu rücken. Uncreative writinggehört in mein alltägliches Handwerkszeug und trotzdem erscheinen mir meine Textstücke eigentümlich konventionell. Ich überrasche mich selbst. Ich sehe die Spielpartnerin neben mir recherchieren und frage mich, ob meine Beiträge vielleicht zu hemdsärmelig sind. Bislang war mir gar nicht klar, wie stark mein literarisches Über-Ich ist. Ich ärgere mich über Verschwundenes, was ich für eine gute Idee hielt, amüsiere mich über die, die sich echauffieren, es ginge um Sinn und Bedeutung und freue mich, wenn einer meiner Wortimpulse von irgendjemandem aufgenommen wird. Unvermutet, plötzlich und an überraschenden Stellen entspinnen sich nahe und relevante Diskussionen. Die kollaborative Plattform ist tabulos und zensierend zugleich. Ich beginne, mich im Raum nach dem Co-Autor, der Co-Autorin umzuschauen. Welchen Unterschied würde es machen? Interessant bleibt, dass die Autorin zum Knotenpunkt eines Denk-, Schreib- und Leseprozesses wird, der ohne sie nicht in Gäng käme, nicht aber auf sie zurückzuführen ist. Raum, Maschine, Mensch und Andere konstellieren sich zu einem mäandernden Feld. Alles ist da und doch bleibt es unsichtbar. Ständig entstehen Dinge, ohne dass Kausalitäten sichtbar werden.

 

Alle sind noch da, doch inzwischen bin ich allein im Textfeld. Neue Erzählweisen funktionieren nach neuen Gesetzmäßigkeiten. Später wird mich beschäftigen, dass meine Texte flüchtig sind. Üblicherweise streicht niemand komplette Passagen meiner Texte, ohne mich vorab gefragt zu haben; ohne, dass ich irgendwo eine Sicherungskopie hinterlegt habe. Kollaborativ-postdigitales Schreiben kalkuliert die Flüchtigkeit allen Materials ein. Outputs sind immer Aufnahmen von Textmomenten, die mit dem nächsten Wimpernschlag bereits ganz anders sein können. Textfilme erscheinen vor den Augen, Wordclouds und Cutups. Sie bilden das Impulsfeld, auf dessen Hintergrund neue Zeichen in die Welt kommen. Kollaboratives Schreiben erweist sich als ko-kreativ.

 

 

Die Ausstellung „Poesis. Sprachkunst, Language Art“ ist noch bis zum 6. Oktober 2019 im Kunsttempel Kassel (Friedrich-Ebert-Straße 177) zu sehen. Das Spielfeld von Connex I/O befindet sich unter connex-io.de/play.

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt