Bonhoeffer statt Brockhaus. Kirche im gesellschaftlichen Wandel

#zukunftskunstkirche

Es geht um nichts weniger als um die Zivilisiertheit des Lebens. Im ersten Denken dieser These ist mir unbehaglich. Meine theologisch-religiöse Sozialisation ist so viel mehr von der Dekonstruktion der Ordnung (und der Ordnungstheologie), von Prophetischem, vom Fragen und vom kritischen Impuls gegenüber der bürgerlichen Vereinskirche geprägt.

Doch plötzlich scheint es um mehr zu gehen als die große Frage von Stabilität und Instabilität religiöser Existenz, sondern die Grundlagen des Lebens selbst stehen auf dem Spiel. Die Erderwärmung setzt exponentielle Entwicklungen in Gang. Der soziale Frieden in unserer Gesellschaft steht mehr und mehr in Frage. Ob demokratische Spielregeln faktisch ein common senseunseres Zusammenlebens sind, weiß derzeit niemand mehr so recht. Globale Logiken setzen weltweite Migrationsströme in Gang, die zu herausfordernden Situationen und Entscheidungen führen. Niemand, der sich verantwortlich weiß, kann noch bei seinen Leisten bleiben. Was angemessen ist, sucht kaum mehr jemand zwischen goldberandeten Ledereinbänden.

 

Und die Kirche? Welche Rolle hat sie? Der Studientag „Zukunftskunst Kirche“ der CVJM-Hochschule Kassel hat eine Vielzahl und auch erstaunliche Vielfalt kirchlicher Akteure zusammengebracht, um diese Frage zu bedenken und nächste Schritte in den Blick zu nehmen.

 

Die Analysen fallen, bei ermutigendem Grundton, unterschiedlich aus. Die Kirche tut viel und wird darin wenig gesehen. Sie tut oft nicht das Wirksamste, weil sie sich Formen verpflichteter weiß als der Motivation ihres Handelns. Sie erinnert an große Geschichten und erzählt sie so, dass sie neu und anders klingen. Sie gibt offen zu, dass Brunchgottesdienste eigentlich nichts anderes als Traditionspflege sind. Wer von einem religiösen Standpunkt aus in die Welt schaut, wird (vor allem) kirchenleitenden best-practice-Mutmachgeschichten kaum trauen können. Wenn ich überlege, weshalb dieser gut gemeinte Wille nicht wirkt, dann doch deshalb, weil er Kontextualität und Komplexität übersieht. Weil das eine am einen Ort wenig über das sagt, was die Welt an einem anderen Ort braucht. Die Jesusgeschichte erzählt sich in Varianten, weil sie kein one-fits-all kennt.

 

Glaubt man Uwe Schneidewind, leben wir unter Bedingungen, die es ökonomisch machbar werden lassen, die großen Fragen unserer Zeit für alle menschenfreundlich und sachgerecht zu lösen. Dass wir es nicht tun, liegt nicht nur an der komplizierten Verschleierung des Handlungssubjektes, wer denn „die“ Gesellschaft und „die“ Kirche sei, sondern daran, dass emotional-moralische Entscheidungen zu treffen sind. Sie sind – biologisch bedingt – schwer beschreibbar, fehleranfällig und richtungsweisend. Jeder kennt die Analogie im persönlichen Leben, die auch die Einsicht einschließt, dass letztlich ein Zwang zum Entscheiden besteht.

 

Wir selbst und wir als Kirche entscheiden uns, ob und wie wir unsere Rolle in dieser Gemengelage beschreiben. Dass Kirche Kategorien in gesellschaftlichen Diskursen und Entscheidungslagen zur Verfügung stellen möge, ist ein plausibler Vorschlag, weil er die Kirche handlungsfähig macht, ohne sie weiter in ihrer Atemlosigkeit zu protegieren. Ich frage jedoch, wer in der derzeitigen Situation einer „gereizten“ (B. Pörksen) und aufmerksamkeitsgesteuerten öffentlichen Diskurslage einer Kategorie „Hoffnung“ überhaupt traut und zuhört. Da wird es vor allem darum gehen, logische und narrative Anschlüsse zu suchen, Verbündete außerhalb der Linien zu finden.  Kirche ist nicht nur zuvörderst „Kirche für Andere“, sondern es wird auch darum gehen, „Andere für Kirche“ in Gespräche und verbindliche Vereinbarungen zu ziehen. Das Dass, eine Vision wachzuhalten, ist der erste Schritt, um für die Kirche mit Gründen einen relevanten Platz im öffentlichen Diskurs einzufordern. Damit sie das überhaupt schafft, braucht sie vor allem anderen eine liquide, gesellschaftsfähige Theologie. Und in den Kirchen kluge Prozesse, wie diese Theologie überhaupt kontinuierlich weiter entwickelt wird.

 

Der französische Alteritätsforscher François Jullien hat jüngst die Möglichkeit durchgespielt, dass es sich beim Christentum um eine „Ressource“ im Sinne einer kulturellen Möglichkeit handele:

 

So „geben die Ressourcen zu denken; sie sind nur in dem Maß wertvoll, in welchem die jeweilige Person – die jeweilige Generation – ihrerseits sich anstrengt, sie erneut zu aktivieren, ebenso zu erforscheun wie auszubeuten. Resssourcen existieren nur in dem Maß, in dem sie ertragreich gemacht werden. Zugleich hält sie das, was an ihnen nur potentiell vorhanden ist, in Schwung und bewahrt sie vor der Begrenztheit, der das Aktuelle in seiner Ausdehnung unterworfen ist, entzieht sich der verfestigenden Positivität des Erreichten und Akzeptierten.[1]

 

Solche Spiele und Anschlussideen benötigen wir unbedingt, wenn Kirche als Akteurin im gesellschaftlichen Wandel gehört werden will. Deshalb ist es vermutlich kein Zufall, dass in den theologischen Plädoyers für eine gegenwartsfähige Kirche derzeit negative Theologien eine erhebliche Rolle spielen. Religionsloses Christentum, latente Kirche, innere Plausibilität sind die Hoffnungsressourcen einer Kirche, die ihre Struktur und Praxis derzeit grundlegend aufs Spiel zu setzen hat, um zivilisatorisch bedeutsam wirksam zu sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt (Detail eines Kunstwerks von Gofi Müller aus der Ausstellung wirklichwirklich im CampusCenter der Universität Kassel)

[1]F. Jullien, Ressourcen des Christentums. Zugänglich auch ohne Glaubensbekenntnis, Gütersloh 2019, 28.

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DJ of Letters. And Sense

 

Zur hybriden Schreibperformance ‚Connex I/O‘ am 12. September 2019 in Kassel

 

Die Worte laufen schneller durch’s Bild, als ich sie lesen kann. Es sind einzelne Wortfetzen, Satzteile, ich versuche, den Buchstaben nachzueilen, suche Auffälliges und Anker fürs Auge, um zwischenzeitlich irgendwie noch Sinn entstehen zu lassen: Erkenne ich die Form? Ist es ein bekannter Text, den ich an Schlüsselbegriffen wiedererkenne? Digitalität von Texten suggeriert Unordnung, Chaos, Vielfalt und Fantasie. Alles beschleunigt sich und nichts kann mehr so sein, wie es einmal war, wie es zu sehen war.

 

Das hybride Schreibprojekt „Connex I/O“ experimentiert seit 1997 mit (post-)digitalem, kollaborativem Schreiben. Wer immer beim gemeinsamen Schreiben mehr im Sinn hat, als Textbausteine über Plattformen austauschen und zusammenzusetzen, kann hier mit Gewinn Schreiberfahrungen machen. Dabei speisen sich die Erfahrungen vor allem daraus, den Schreibprozess zu erleben, weniger aus dem absichtslosen Produkt, das sich bereits im Augenblick des Entstehens beginnt zu verflüchtigen. Transmediales Erzählen radikalisiert sich, insofern Anwesenheit und Abwesenheit von Schreibenden, Texten und Worten in ein paradoxes Wechselverhältnis geraten.

 

Ein Keller in Kassel. Ein historischer Ort, der die Kriegswirren überlebt hat. Wo vormals mit Feinkost gehandelt wurde, ist seit Jahren ein Hotspot visueller und experimenteller Poesie. Das Kunsttempelchen hat aus Anlass seines 20jährigen Bestehens eine Werkschau einer Auswahl seiner bisherigen Ausstellerinnen* versammelt. Dazu gehört auch Connex I/O. Auf Laptops, Tablets und Handys erscheinen hundert Kacheln, hinter denen Katalogtexte, kanonische Texte und Kaotisches lauern. Die Schreibregel lautet: Umschreiben, Löschen, Kopieren. Kampf um Buchstaben und Worte, Sätze und Sinn ist erlaubt. Was wäre, wenn ich die DJ des Textes werde? Was wäre, wenn man Texte sampeln könnte? Die Macher, Sascha Pogacar und Matze Schmidt, sagen es im Begleittext des Ausstellungskatalogs so: „Texte, Sätze, Worte, Zeichen sind Material, geronnene Bedeutung und mehr als nur tote Selbstvergewisserung zuglecih. Schreiben wie Sprechen kommen magisch als ein ‚Textakt‘ daher, der wie die Fixierung von Gedanken und Sinn erscheint bzw. wie das symbolische Operieren an der Realität“ (p. 98).  „Im gemeinsamen Prozess wird Text zum Material verflüssigt, zum Spielball kolaborativer [sic!] Veränderung und gerinnt wieder in einer neuen Form, wenn der Prozess erkaltet“, lese ich im Textmaterial.

 

Was begegnet mir und was fange ich damit an? So soll ich erstmal denken. Dann also: los. Schnell vergesse ich meine Umgebung. Ich höre zwar Worte und Klang, konzentriere mich aber auf Zeichen und Text. Ich suche Textorte auf, an denen auch andere sind. Schaue ihnen zu, was sie tun. Suche nach Schreibstrategien, um den teils bekannten, teils offensichtlich bereits bearbeiteten Worten zu Leibe zu rücken. Uncreative writinggehört in mein alltägliches Handwerkszeug und trotzdem erscheinen mir meine Textstücke eigentümlich konventionell. Ich überrasche mich selbst. Ich sehe die Spielpartnerin neben mir recherchieren und frage mich, ob meine Beiträge vielleicht zu hemdsärmelig sind. Bislang war mir gar nicht klar, wie stark mein literarisches Über-Ich ist. Ich ärgere mich über Verschwundenes, was ich für eine gute Idee hielt, amüsiere mich über die, die sich echauffieren, es ginge um Sinn und Bedeutung und freue mich, wenn einer meiner Wortimpulse von irgendjemandem aufgenommen wird. Unvermutet, plötzlich und an überraschenden Stellen entspinnen sich nahe und relevante Diskussionen. Die kollaborative Plattform ist tabulos und zensierend zugleich. Ich beginne, mich im Raum nach dem Co-Autor, der Co-Autorin umzuschauen. Welchen Unterschied würde es machen? Interessant bleibt, dass die Autorin zum Knotenpunkt eines Denk-, Schreib- und Leseprozesses wird, der ohne sie nicht in Gäng käme, nicht aber auf sie zurückzuführen ist. Raum, Maschine, Mensch und Andere konstellieren sich zu einem mäandernden Feld. Alles ist da und doch bleibt es unsichtbar. Ständig entstehen Dinge, ohne dass Kausalitäten sichtbar werden.

 

Alle sind noch da, doch inzwischen bin ich allein im Textfeld. Neue Erzählweisen funktionieren nach neuen Gesetzmäßigkeiten. Später wird mich beschäftigen, dass meine Texte flüchtig sind. Üblicherweise streicht niemand komplette Passagen meiner Texte, ohne mich vorab gefragt zu haben; ohne, dass ich irgendwo eine Sicherungskopie hinterlegt habe. Kollaborativ-postdigitales Schreiben kalkuliert die Flüchtigkeit allen Materials ein. Outputs sind immer Aufnahmen von Textmomenten, die mit dem nächsten Wimpernschlag bereits ganz anders sein können. Textfilme erscheinen vor den Augen, Wordclouds und Cutups. Sie bilden das Impulsfeld, auf dessen Hintergrund neue Zeichen in die Welt kommen. Kollaboratives Schreiben erweist sich als ko-kreativ.

 

 

Die Ausstellung „Poesis. Sprachkunst, Language Art“ ist noch bis zum 6. Oktober 2019 im Kunsttempel Kassel (Friedrich-Ebert-Straße 177) zu sehen. Das Spielfeld von Connex I/O befindet sich unter connex-io.de/play.

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

 

 

Wie fängt es eigentlich an?

Zu den Atelierkirchentagen im August 2019 in Molau. #playingarts #resonanz

 

An der Schwelle zum Himmlischen Jerusalem klingt das Neue wie das Rauschen der Blätter von vorn. Und dann kannst Du spüren, wie die Welt sein könnte.

Wenn Kinder goldene Schiffe auf dem Wasser fahren lassen, das der Wind zu Wellen faltet und der Himmel sich öffnet. Alles gewollt. Christenmenschen sagen: von Gott.

Wenn Menschen ein und aus gehen und sagen: Es ist gut, auch wenn ich nicht glaube. Das Gute ist präfidel. Es muss nur einer da sein, der hinzeigt. Eine war die erste und sie spielte vor Gott.

Saiten machen Klänge alter Lieder an Orten, an denen sechzig Jahre geschwiegen wurde. Und nur das Klirren zersplitternder Fensterscheiben zu hören gewesen wäre, wenn denn jemand zugehört hätte.

In Ewigkeitsworten, die sie für ihre Lieben fanden, in Saat und Ruhe und Blühen und Engeln und Schlummern, im Schlummern nisten Spuren von Kornkammern.

Sie haben extra das Gras gemäht, das über den Tod gewachsen ist, damit alle lagern und teilen, wie Brot und Fische und Worte: Dinge von hier und aus der weiten Welt und Gebäck und Bier.

Am Ende wird aufgetan, mit Sicherheitssschlüsseln und Händen und Kneifzangen und Herzensschlüsseln. Und in jeder Biegung ein Gebet; Worte, die deutlicher sind als Spuren aus Staub.

Und Frauen und Männer und Kinder – sie bringen ihre Zeit, Sonnenblumen, selbstgebackenen Kuchen, eimerweise Wildpflaumen und Staunen und Neugier.

Sind eigentlich die Texturen wichtig oder das Weiss?

Einer jagt dem Frieden nach und die Spuren gehen wohl nicht mehr aus der Kleidung (Nachtrag: Sie gehen raus. Viel zu leicht sogar. Es braucht nicht mal einen Vollwaschgang). Der Friede ist komplementärfarben. Der Frieden ist Spiegelung und zaubert Menschen ein Lächeln aufs Antlitz.

Worte tauchen ab und werden klarer.

Bewegungen werden sichtbar und erzeugen Schönheit.

Eine hämmert Worte in Papierbögen und legt sie überall hin. Worte wie Käfer, die überall hinkrabbeln, den GAU überleben und sich hinter dem Gold zur Schwelle des Neuen Jerusalem bevorzugt verschanzen; vermutlich, weil es dort am wärmsten ist.  Und sie bringt Gewächse, deren Namen ich nicht kenne, und sie bringt die Käfer auf die Altarstufen. Von der Seite fällt Hoffnung auf den Herrn Jesus und von der anderen die Buntheit. „Fast echt“, sagen die Leute, doch vielleicht ist es echter, als sie glauben.

Achtung, Erinnerung: Siehe, die Welt ist gut, bevor jemand glaubt.

#präfidel. Ich mag dieses Wort, es ist schon phonetisch schön und vielleicht heißt das ja  was.

Sie kommen in Kleidern und gebügelten Hosen und mit Rollatoren und in Begleitung. Ungläubig, staunend, fragend, sehnsüchtig.

Wer macht hier eigentlich was?

Die Scharniere des Darf-man-das-Eigentlich sind reichlich verschoben.

Der Tod wird verbunden, die Früchte portionsgerecht scheiblettiert, Blutspuren verwandeln sich in Rosenblätter und tragen die Sehnsucht in sich, frischgehalten zu werden, wenngleich mit Spuren. Manches braucht Kraft und bei den meisten Dingen machst Du Dir nicht nur die Kleider dreckig. Eine umarmt sie trotzdem, getragen von der Sehnsucht der Vielen, es ihr gleich zu tun.

Man müsste viel mehr in Kirchen leben, sagt eine.

Sie schauen, sie denken und sie lehnen sich an alten Mauern an. Sie sehen Dinge, die vorher auch schon da waren. Sie lernen alte Bekannte kennen. In ihren Augen, in ihnen spiegelt sich die Sonne, das Licht und der, der alles drei geschaffen hat. Wie Wasser, Schwelle, Blut. Wie Wohnung, Haus und Straße. Wie Sonnenblume, Käfer und Panther. Zusammen.

Fragen an unmögliche Gärten

Hommage à Joseph Beuys 

Hohenwart, 6. Juli 2019 – Playing Arts Lab

 

Wie wüchse Buchsbaum, wenn er nicht kugelig geschnitten werden würde?

Wozu ist Schlagschatten da?

Wer malt Mohnblumen an?

Weshalb sind Mücken auf der Terrasse, wenn das Moor doch so viel größer ist?

Weshalb wollen Menschen immer größer sein?

Ist es Segen oder Fluch, dass die Natur anscheinend so unbeeindruckt ist von dem, was ich denke, was ich tue?

Wer erlaubt das eigentlich, dass wir schöne Dinge immer raustragen, die häßlichen aber drinlassen?

Weshalb gaukelt Wald vor, endlos zu sein?

Weshalb ist Wald endlos?

Weiß ein Grashalm vom anderen?

Wenn Wildblumen umzingelt wachsen, sind sie dann noch wild? Und weshalb machen die Leute alle Fotos?

Neulich zeigte mir einer diese App, mit der man Pflanzen bestimmen kann. Halten wir eigentlich die Technik für klüger als die Natur? Wenn ja: Weshalb? Und wenn nein: Warum nicht?

Und was, wenn es eine solche App auch für Menschen gäbe? Was sagte sie über Dich? Und vor allem: Wer säße am Display?

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt (Versuch über Zucker im Wald, fehlgeschlagen)

Performatives Vertrauen und seine Feinde

Für den Predigt-Slam beim Deutschen Evangelischen Kirchentag 2019 in Dortmund,

22. Juni 2019 in der St. Franziskus-Kirche

 

Vom Vertrauen zu reden, ist oft moralisch-appellativ oder man steht einfach staunend davor: „Was für ein Vertrauen!“. Weshalb das so ist, finden wir heute raus. Ich erzähle Euch davon.

Ich merke nicht, wie die Zeitung morgens in meinen Briefkasten kommt.

Ich merke nicht, woher das Wasser kommt, mit dem ich dusche.

Ich merke nicht, wie die Brennesseln in meinem Garten wachsen.

Ich merke nicht, wie die Buchseiten auf der Fensterbank langsam vergilben.

Ich merke nicht, wie mein Kind groß wird.

Ich merke nicht, wann Gedankenpuzzle langsam Sinn ergeben.

Ich merke nicht, wie die Nachbarin langsam alt wird.

Ich merke nicht, dass Kaffee noch genauso viel kostet wie vor dreißig Jahren.

Ich merke nicht, wie Minze, Salbei und Koriander beginnen, ihre Blätter hängenzulassen.

 

Ich denke erst nach wenn was fehlt, was nicht klappt, die Nachbarn reden, mir etwas nicht mehr gefällt, ein Termin mich drängt, plötzlich eine Todesanzeige ins Haus flattert, ein dringlicher Appell mich erreicht oder Pflanzen mich anklagend anschauen.

 

Ich lasse gelegentlich Türen auf, weil schon nichts passieren wird.

Ich halte es nicht für nötig, Fahrräder wegzuschließen oder Worte oder Laptops.

 

Vor einiger Zeit ist mir das Auto aufgebrochen worden.

Ich erzähle das jetzt nicht, weil das in Deutschland besonders spektakulär wäre.

Die Anzahl der Diebstähle aus Autos ist in den letzten 20 Jahren übrigens um Zweidrittel gesunken.

Auch nicht, weil mir wirklich etwas Wichtiges abhandengekommen wäre. Das ist nämlich gar nicht so einfach.

 

Ich erzähle Euch das, weil es mich zutiefst verunsichert hat.

Weil da etwas nicht mehr gegolten hat, was ich für selbstverständlich hielt.

 

Ich lebe in einer beschaulichen Kleinstadt.

Wie das Leben funktioniert, ist irgendwie klar und bleibt luxuriös indifferent. Vieles muss auch gar nicht geklärt werden, weil es genug Platz für alle und alles gibt.

 

In dieser Welt, nur wenige Kilometer entfernt, ist Walter Lübcke erschossen worden.

Im Getöse von Jahrmarkttrubel, in den Grenzen der eigenen Welt.

 

Ein ehrenamtlicher Bürgermeister eines kleinen Ortes träumt nun Nacht für Nacht, dass ihm oder seiner kleinen Tochter jemand auf der Terrasse neben dem Sandkasten eine Pistole an den Kopf hält.[1]

 

Ein Nachbar sagt: Ich sehe unsere kleine Straße jetzt mit ganz anderen Augen.

Eine Politikerin sagt: Wir waren nicht immer einer Meinung, aber hier geht es um Grundsätzliches.

Unser Bischof sagt: „Manchmal kommt es uns so vor, als sei alles ein böser Traum“.[2]

Wer die Welt bis dato gepflegt hat wie ein Gärtner, lauert jetzt wie eine Löwin.

 

Blumen, Kerzen, Karten stapeln sich vor dem Kasseler Regierungspräsidium.

Blumen, Kerzen, Karten stapeln sich bei der Mahnwache heute auf dem Marktplatz in Wolfhagen.

Ritualisieren wir den Skandal?

 

Wir wollen so frei sein und leben genau in dieser Freiheit vom Vertrauen der Anderen.

Je größer meine Freiheit, um so mehr bin ich auf Euer Vertrauen angewiesen.

Und jetzt wird Freisein für Viele zur Last, weil die Dinge so groß sind, über die wir handeln: Das Klima, der Populismus, die künstliche Intelligenz.

 

Hörst Du auch manchmal die Stimme, die wispert: „Du kümmerst Dich noch selbst? Ja, wie dumm ist das denn? Lass mich das doch für Dich machen.“ So schmal ist der Grad.

 

Ich höre diese Stimme, wenn ich unter Druck gerate, wenn die Monster sich unter dem Sofa hervorwagen und wenn ich das Gefühl habe, allen Themen nur hinterherzulaufen – in der irren Annahme, man könne die Welt heute noch verstehen.

 

Und ich denke an all die Dinge, die ich nicht bemerkte.

 

Und denke daran,

dass es an mir liegt, wie Menschen arbeiten, die Zeitungen austragen.

Dass es an mir liegt, dass es Trinkwasser für alle gibt.

Dass es an mir liegt, welche Pflanzen wachsen werden.

Dass es an mir liegt, Gedanken zur Welt zu bringen.

Dass es an mir liegt, ob Menschen im Alter solidarisches Leben erfahren.

Dass es an mir liegt, wie viel Menschen verdienen, die Kaffee pflücken, am anderen Ende der Welt, und

Dass es an mir liegt, ob ein Duft von Minze und Salbei und Koriander die Welt durchzieht.

 

Und Vertrauen ist dann ganz unspektakulär da,

wie der Geruch von Minze.

 

Brennend, erfrischend, leicht scharf, und süß und zitronig und fruchtig und ein bisschen kühl. Manchmal wie Banane, manchmal wie Schokolade.

 

Vertrauen fühlt sich an wie Minze,

zart und robust zugleich,

unscheinbar und rasch vermehrt, wenn man sie denn lässt.

 

Kaum zu unterscheiden,

in wieviel Varianten es auftaucht,

und in den Farben des Grün,

noch viel mehr Grün,

als Ihr es hier auf dem Kirchentag seht.

 

Behaarte Blätter schützen das innere Wesen,

und diese ungeklärte Frage,

ob man Vertrauen eigentlich anders verstehen kann als durch Vertrauen,

dann wäre das nämlich das logische Problem, weshalb es so schwer ist, darüber wirklich Worte zu machen.

 

Vertrauen nistet sich dann überall ein

Liquid und versteckt,

in Limonade und Likör, in Essig und Eis, in Kaugummi und Zahnpasta.

 

So einen richtigen Reim gibt es nicht darauf.

Gepfeffert ist es ein Findelkind und sollte nicht in Beutel verpackt werden, überhaupt gefällt es ihm nicht, wenn es eingesperrt wird.

 

Und ich bin froh, dass es so ausdauernd, ausdauernder als ich:

Es überlebt getrocket und eingefroren,

für die Zeiten,

in denen ich aus dem Vorrat leben muss.

Wo es mir riskant erscheint,

zu vertrauen.

Wo ich Angst habe, vergiftet zu werden von der Angst.

Von der Angst,

dass die Themen zu groß sind für mein kleines Leben,

dass die Welt zu groß ist, die Menschen zu mächtig oder zu klug.

 

Es gibt diese Vision, dass Menschen und Tiere und Pflanzen und Dinge in dem, was sie Gutes zur Welt beitragen, Koalitionen eingehen. Bis dahin, dass sie einander in die DNA einschreiben[3]: in Limonade und Likör, in Essig und Eis, in Kaugummi und Zahnpasta.

 

Und ich träumte, die Minze wüchse in unsere Herzen und Köpfe und in die Sehstäbchen unserer Augen, legte sich kühlscharfsüß auf meine Zunge und unter die Fingerkuppen am Laptop.

 

Und erwacht, früh am Morgen, zu seiner besten Erntezeit, findet‘s mich, noch vor dem ersten Kaffee,

und durch einen winzigen Spalt an der angelehnten Tür – merkst Du es auch?

 

 

[1]Tweet von Petra Bahr am 19.6.2019.

[2]Bischof Prof. Dr. Martin Hein, Traueransprache für Dr. Walter Lübcke, St. Marien Kassel am 13. Juni 2019, Text hier. 

[3]Donna Haraway (2018), Unruhig bleiben.

 

 

Zu Joh 3,9. Im Rahmen der Carte Blanche am 15. Juni 2019 (Kapelle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche Berlin)

 

Und sagte es auch mehr zu mir selbst: Wie mag das zugehen?

 

#notetoyourself

Wenn in der Stadt die letzten Rechnungen endlich bezahlt,

die schützenden Sonnenschirme zugeklappt

und die Feuer auf den Terrassen der Cafés gelöscht werden,

wenn die Stadtreinigungskehrbürsten Kippen und Kotze weggekärchert haben und

wenn die Brandenburger Currywurstbraterin am Breitscheidplatz die letzten Fettflecken vom Tränentresen gewischt hat,

wenn nur noch die unterwegs sind,

die jetzt suchen,

dann ist nicht mehr so klar,

woher die Dinge kommen,

dann ist das da (und sei es mondlichtlaternengebrochen),

was sich tagsüber hinter Kindergeschrei im Charlottenburger Gemeindehausgarten und Sprühkreide auf Bauzäunen – „Jesus lebt“ – verborgen hat:

Alles da, plötzlich, Du hörst das doch! Das Sausen wohl, wie damals in der Wüste beim Propheten. Die Alten sagten, da seien Engel gewesen.

Du hörst das doch wohl: Sogar in Kirchenmauern wie dieser hier, in Ämtern und sicher besoldet.

Doch Du weißt nicht, woher, wohin. Woher, wohin, woher, wohin, wohin woher.

Worte und Segen und Brot und Halleluja.

Alles plötzlich.

Wie mag das zugehen?

Ich brauche Zeit und frage mich und frage Jesus und frage Gott und frage Freunde und Wolken und Hommel und die Klugen und wühle in Büchern und Erde und Gedanken.

Wie mag das zugehen?

Sehnsucht nach Ordnung und Struktur und Geltung bei Tag, wenn alles licht ist.

Es ginge so zu:

Rede, was Du weißt.

 

 

Fotocredit: http://www.gedaechtniskirche-berlin.de 

 

 

#montreal_memorial

Parallelprotokoll, Sonderedition bed-in, 26051908100830

Parallelprotokolle verlängern das Schreiben ins Leben und das Leben ins Schreiben. Sie erfassen Wahrnehmungen, Sinneseindrücke und Einfälle in protokollarischen Notizen und ergeben in der chronologischen Zusammenfassung mehrerer lebender und schreibender Menschen mit Blick auf die gleiche Sache eine Collage an Text und Leben.

Die Kulturgymnastik Berlin initiiert Serien von Parallelprotokollen und ihre Inszenierung mit verschiedenen Sprecherinnen und Sprechern. Ihre Kontinuität ist Voraussetzung jeden parallelprotokollierenden Experiments. DANKE!! 

Anlässlich des 50. Jahrestag des bed-in von Yoko Ono und John Lennon in Montreal (#montrealmemorial) haben sich Protokollant_innen zusammengefunden, die dieses Ereignis mit einem re-enactment gefeiert und es bedacht haben. Es handelt sich nach dem Wissen aller Beteiligten um den ersten Versuch einer hybriden Parallelprotokollierung. Im historischen Abstand zur öffentlichen Inszenierung des Privaten als Politischen in Montreal wird deutlich, dass es unter gegenwärtigen Bedingungen eher um eine Interferenz von Perspektiven geht als um eine „totale Rekonstruktion“, auf die Heinrich Böll in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Nobelpreises 1973 (noch) gehofft hat.

 

 

8:10  

A

Die Sonne scheint durch die zugezogenen Gardinen ins Zimmer und taucht unser Schlafzimmer in ein gemütlich warmes Licht. Geliebter Sonntagmorgen, gemeinsam im Familienbett. Maße 2,80x2m. Mein vierjähriger Sohn sitzt links neben meinen Beinen, hat eine Lego-Ninjago-Zeitschrift vor sich aufgeschlagen und albert mit seinem keinen Babybruder rum, der fröhlich glucksend und strampelnd auf meinen Schienbeinen liegt. Mein Laptop wackelt auf meinem Schoß und ich tippe. Mein Mann schläft noch am anderen Ende des Bettes. Ich sehe von ihm nur etwas Kopf und einen Fuß. Wahrscheinlich stellt er sich nur noch schlafend, um noch ein paar unbehelligte Minuten länger rauszuschlagen.
B Ein feines Ticken der Uhr. Wie Insektenbeine, die eilig über eine Fläche laufen. Und von draußen Vögel, Autotüren, Wind. Die Stadt von hinter den Häusern wie ein Meer.
C Ich kann mich nicht entsinnen, hier schon mal im Bett gesessen zu haben. Jedenfalls schlägt das Licht unerwartete Falten und Purzelbäume in den Scheibchengardinen und lässt Schatten auf den maßgeschneiderten Schrank fallen. Maßgeschneiderte Schatten, so meine Hoffnung. Dass diese Welt, die sich unbeeindruckt von meinen Gestimmtheiten und Gliederschmerzen auch heute wieder neu zeigt, irgendwie Maßgeschneidertes bringt. Die Bevölkerungsdichte dieses Raums ist in einem Drittel aller Zeit genauso so hoch wie die der bevölkerungsreichsten Stadt der Welt. Das Bett misst 2x2m und die Grenzen nachtblauen Spannbetttuchs sind die Grenzen nachtumborgener Welt. Leuchttürme auf Seersucker markieren die Sehnsucht nach Orten am Meer. Und darin jeden Morgen neu diese für mich ungeheuerliche Stille und da hinein das Symphoniekonzert aus Vogelstimmen. Die Welt, die ich beim Blick durchs Fenster erahne, ist eigentlich gar nicht für Menschen gemacht.
8:12  
B Im Hinterhof wachsen Rosen wie in Großvaters Garten. Der Messerwerfer hustet bei seiner ersten Zigarette (ich vermute es, sehe ihn nicht, die Rosen sehe ich. Zum ersten Mal. Die Kiefer und das zerrissene Tuch in ihren Zweigen zum hundertsten Mal, ich kenne es, seit ich zum ersten Mal in diesem Bett war. Bis heute weiß ich nicht, wie ich hierher geraten bin.)
8:13  
A Mein Sohn bittet mich, ihm was vorzulesen. Ich kann grad nicht, weil ich schreiben will. Er ärgert sich „manno Mama“ und macht mit seiner Zeitung einen riesigen Satz durchs Bett und springt auf seinen Papa. „Papaaaaaa, kannst du mir das hier vorlesen? Bitte. Jetzt.“ Papa räkelt sich und erzählt ein Stück aus der Comic-Geschichte. Lloyd und Garmadon fliegen mit ihrem Flugsegler und ein Mech-Roboter will Garmadon abschießen. Nix mit ‘Peace`.
C Diese Welt ist von Menschen gemacht und gaukelt doch vor, natürlich zu sein. Damals, da wollten die Reichen und die, die schön sein wollten, einen Ort außerhalb der lauten Stadt haben, um sich zu ergehen. Eigentlich ist das eher eine Welt für Vögel und Pflanzen und Tiere und solche, die sich im Unterholz verstecken. Manchmal denke ich, dass es noch viel mehr Welten gibt, die vorgaukeln, etwas Anders zu sein.
D Ah, Anfangszeitpunkt verpasst.
Alles ist leise, draußen hört man keinen Ton. Hier drinnen im Schlafzimmer nur mein Kind, das manchmal leise schnarcht. Jetzt höre ich aber gerade nur Einatemgeräusche.
8.14  
D Unser Bett ist 1,40m x 2m, weiße Decke, die über die ganze Breite geht mit oben und unten 3 grauen Quersteifen. Das Spannbettuch drunter ist schwarz, doch das sieht man nur an der oberen linken Ecke von mir aus gesehen und rechts neben mir, neben meinem Kind.
8.15  
A Mein Sohn trägt ein Pflaster auf der Stirn. Weil er ist der rote Ninja-Kai, der hat auch ein Pflaster und kann Feuer. Ich habe diese Ninjago – Geschichte schon gestern nicht verstanden. Dabei hatte der Papa den Comic mit vollem Einsatz samt aller Onomatopoesie sehr überzeugend vorgetragen. Das Tschack! Wuuusch! Boing! klang wunderbar. Dafür fehlt ihm heute morgen vor dem ersten Kaffee wohl noch der Elan.
B Das Bett ist blau bezogen. Ein blaues Spannbettuch (blau wie die Rosen rot sind), blaue Bettwäsche mit schwarzgelben chinesischen Zeichen. Ob ich sie finden könnte in der Zeitung, die im Asia-Supermarkt auslag? Im Bett befinden sich: 1 altes iPhone und 1 neues iPhone, beide mit Lederetuis, beide gehören nicht mir. 1 Kissen 1 Decke. Ich. Ein Mann. Unser kleines vertrautes Wir, warm wie unter der blauen Decke.
C Ich schreibe sonst nur im Bett, wenn ich krank bin. Als Kind hat man mir beigebracht, in jedem Raum nur das zu tun, wofür er vorgesehen ist. Ein Schlafzimmer ist keine Schreibstube. Die Soziologin, die mich gerade am meisten inspiriert, sagt, wir lebten in einer Zeit der Dezivilisierung. Das sei am subtilsten in Alltagsprozessen beobachtbar. Ich bekomme ein wenig schlechtes Gewissen und denke an das Chaos meines Lebens. Eigentlich findet fast nichts dort statt, wo es soll.
8:16  
D Mein Kind hat einen schwarz-weiß gestreiften Schlafanzug an auf dem ein rotes Herz abgebildet ist mit einem Mund, der wie ein Blitz aussieht. Das Herz hat komische staksige Beine mit albernen Schuhen. Es hebt seine rechte Hand zum Victory-Gruß, die andere hängt herab. Aus seinem Mund kommt eine Sprechblase, darin steht TOTAL HEART BREAKER, weiß auf schwarz. Ich sehe nur das Ohr meines Kindes und den Haaransatz, das Gesicht hat er am Rücken meines Mannes vergraben.
8:18  
A Dann muss Papa erst mal auf die Toilette. Er steht auf und tanzt nackt und scherzend an mir vorbei ins Bad. Ich muss lachen und sage, dass ich das jetzt protokolliere. Er sagt zum Sohn, dass er für die Mama und sich dann gleich in der Küche erst mal einen Kaffee macht. Der Sohn macht den Papa nach und hüpft als Nackedei hinterher. Dabei proklamiert er, dass ihm sehr heiß sei und er dringend ein Eis braucht.
C Zivilisiert sei auch, schreibt sie weiter, nicht freiwillig auf Autonomie zu verzichten. Ist das nicht ein privilegiertes Argument? Ist es wirklich politisch, was wir hier machen, oder ist es dekadent? Und was tun, wenn es gar keine Deutungshoheiten gibt?
D Ich muss husten. Auf der Bettdecke zeichnen sich die Beine meines Mannes darunter ab. Die Bettdecke ist verknittert, aber Bettdecken bügeln sehe ich nicht ein. Eine Milchflasche schiebt sich in mein Blickfeld. Ich glaube, es ist noch Milch drin. Beige auf weiß, mit der Millimeteranzeige.
8:19  
C Kaffee schmeckt übrigens, im Bett getrunken, anders als am Ess- oder Schreibtisch. Da ist dieser gelegentlich ungünstige Neigungswinkel und dieser Nachgeschmack, der unter den Eindrücken der Tagtrubelwelt offensichtlich leichter verfliegt. Ansonsten gibt es Kaffee am Bett für mich nur an Muttertag und vielleicht mal an diesen Morgenden, wo Du aufwachst und nicht genau weißt, wo Du eigentlich bist.
8:20  
A Das Baby lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und gluckst weiter. „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“ prangt auf einer großen Papierbahn an der Zimmerwand. Ich weiß gar nicht mehr, vor wieviel Jahren ich das dort hingeschrieben habe. Aber es tut gut, es immer wieder zu lesen. Mal morgens, mal abends und auch jetzt.
B Im Zwischenraum zwischen Wand und den weißen Rohren, die zur Heizung führen, stecken zusammengefaltete Papiere oder Umschläge. Als warteten sie darauf, beschrieben zu werden. Der Mann sagt, sie seien dort hingerutscht. Er zeigt mir eine kleine Piccoloflasche mit roter Flüssigkeit. Darauf ein Aufkleber: Ich schenk dir mein Herz. „Das hast du gesehen?“
D Mein Mann küsst meinen Rücken, rechts von der Wirbelsäule. Er ist wach und umarmt mich, Ich spüre seinen Atem.
8:21  
C Worte in den Beginn des Tages zu rufen, ist vielleicht Ausdruck größtmöglicher Autonomie und Kontrolle, am Ort funktional größtmöglichen Kontrollverlusts. Abgelegte Dinge um mich herum. Kleidung, die den Atem eines, aus heutiger Sicht, zu langen Abends am Feuer speichert, Halbgelesenes, über dem die Augen zufielen, Flickwerk (wie lange will ich mich darum schon kümmern?) und Überreste lustvoller Nächte, die irgendwie nie jemand verräumt. Wozu auch? Funktionale Schutzräume können nicht anders, als politisch zu sein. Sind wir nicht den Anderen die Spuren schuldig, damit sie mich erkennen, etwas von mir?
D Auch weiß – und daher von mir bis jetzt nicht beachtet – das „Schäfle“, eines der Lieblingskuscheltiere meines Sohnes. Ich sehe nur ein Auge und den verschmitzten Mund. Das Fell ist flauschig … es wartet darauf, dass mein Kind aufwacht.
8:22  
A Mein Sohn kommt wieder ins Schlafzimmer gelaufen und setzt sich mit einer kleinen Schüssel Eis wieder mit ins Bett an meine Füße. Da hat er den Papa ja irgendwie rumgekriegt. Unsere Ernährung ist manchmal echt fragwürdig. Aber naja, es ist ja Sonntag, die Sonne scheint und das Leben ist schön. Er erklärt seinem Babybruder, dass dieser leider noch kein Eis essen darf.
8:23  
D Ich muss husten. Aus der Nachbarswohnung hinter der Wand an meinem Rücken höre ich ein Knarzen. Jetzt ist wieder alles still.
8:24  
C Sie dürfen es nur einmal tun und sie müssen es persönlich tun. Wahlanweisungen werden auf dem Fensterbrett von eben jenem verschattenden Sonnenlicht beschienen. Vergiss es nur nicht zu tun! Aufdringliche Modalverben und gefühlte Ausrufezeichen, die ich selten als so angemessen erlebe.
D Mein Mann bewegt sich und atmet hörbar. Jetzt ist wieder alles still. Ich huste. Komisch, ich bin eigentlich nicht krank…
8:25  
B Wir trinken synchron Kaffee. Er liest, ich schreibe. Wenn ich die Augen schließe, wächst die Kiefer heraus aus dem schmalen Bett, wächst über unsere Köpfe, bis zur Decke und hindurch. Stille. Einem Ferkel sei die Flucht gelungen, liest der Mann vor.
D Meine Beine schlafen ein, genauer gesagt nur eines. Mein Mann muss mal und ich muss zweimal niesen. Hoffentlich wecke ich das Kind nicht auf – nein, er ist noch am schlafen.
8:26  
A Der Sohn schreit laut nach Papa und dass er das Eis schon aufgegessen hat und verschwindet mit der Schüssel wieder in Richtung Küche. Mein Mann erscheint kurz im Schlafzimmer und bringt mir ein großes Glas Kombucha-Schorle. Ich wundere mich, dass wir sowas haben.
C Die Nachbarin gestern sagte, sie vermisse die Nachtigall. Ich kann gern auf Geschrei verzichten, vor allem in der Frühe. Ich bin froh, dass Kinder sich vom Schreien weiterentwickeln zu Legospielenden und Lesenden, jedenfalls Leisem. Die Nachtigall offensichtlich ist beim Geschrei am Ende ihrer Entwicklung angelangt. Ist das eigentlich erlaubt, dass manche Vögel auf der Tonlage meines Weckers singen? Mich irritiert das jeden Morgen. Überhaupt machen mir Technik-Natur-Hybride in meiner eigenen Wahrnehmungsfähigkeit eher Angst.
8:27  
D In meinem rechten Bein spüre ich ein Kribbeln, ich bewege die Zehen. Mein Kind bewegt seinen Kopf im Schlaf vor und zurück und bewegt auch seinen Mund: „ichwieeeauuu“ sagt er im Schlaf. Er liegt auf der Seite und jetzt im rechten Winkel von mir. Ich huste. Wenn mein Mann zurückkommt, wird er keinen Platz mehr haben…
8:28  
A Der Sohn kommt mit einer neuen Portion Eis freudestrahlend zurück ins Bett und bietet mir einen Löffel zum kosten an. Was soll ich sagen…es schmeckt nach Schokolade und Sommer und Sonntag und Freiheit.
C Am Morgen muss ich den Kategorien trauen dürfen. Dass Raum und Zeit wenigstens so lange gelten, bis ich einigermaßen zivilisiert autonom mitspiele in dieser Tagwelt. Ich liebe es, sehr früh aufzustehen und wenn ich diesen Zeitpunkt verpasse, ist alles für den ganzen Tag zu spät.
D Mein Mann kommt zurück, ist nackt und zieht sich eine rote Unterhose mit dunkelblauem Rand an. Laute Schnarchgeräusche von meinem Kind, er bewegt seine Finger an der rechten Hand. Ich huste. Von der linken Hand sieht man nur 2 Finger, ein Nagel ist ganz dreckig ….
8:29  
A Nun kommt auch Papa mit zwei großen Gläsern Milchkaffee wieder. Oh ja, den kann ich jetzt gebrauchen. Der Sohn will nun auch was trinken und nippt an meiner Kombucha-Schorle. Er findet, dass die nach Bier schmeckt. Woher will er das eigentlich wissen, der Schlaumeier? Kinderbier, sagt er. Das Baby brabbelt und strampelt noch immer fröhlich vor sich hin.