Mark-Gleichnis

 

Wenig nach Sonnenaufgang. Der Tag hat gerade erst Laufen gelernt. Da schellt es und sie steht vor der Tür. Hält mir eine Tüte hin, voller Markknochen. „Kalb“, sagt sie, und strahlt mich an. Ich bin überrascht. Und bewegt. Sie weiß, worauf es jetzt ankommt, denke ich. „Wollen Sie…?“, frage ich beflissen, und sie schüttelt den Kopf. „Und später?“, ich zeige auf die leicht beschlagene Plastiktüte. „Nein, nein“, sagt sie, „nur für Sie.“ Ich lächele zurück und der Tag geht seinen Gang. Alles wohl, gekühlt verstaut.

 

Kurz vor der Besuchsrunde fällt’s mir wieder ein. Das Kalb! Jetzt oder nie. Eilig drehe ich den Herd hoch und suche ein bisschen Suppenzeugs zusammen. Rösten, zischen, schäumen – alles tausendmal gemacht. Geübt. Sitzt. An Anderes denken und doch fasziniert sein. Wenige Minuten und die Dinge werden über Stunden ihren Gang gehen.

 

Und ich gehe auch. Und Ihr erzählt und ich höre zu und frage nach und biete an und höre wieder zu und sehe all diese Dinge. Und Gott. Die Zeit stimmt, das weiß ich, obwohl ich keine Uhr trage.

 

Nach Stunden wieder da und als ich die Tür öffne, weiß ich sofort, was Sache ist. Und keiner weiß, wie. Was lange dabei war und irgendwie dafür sorgte, dass jetzt ist, was es ist, muss weg. Je größer die Dinge, desto einfacher, zum Schluss muss das Feinsieb her. Nichts soll zurückbleiben. Und alles ist klarer als es je eines meiner Argumente war.

 

Und die gleichen Dinge kommen nun in ganz klein dazu, und das Kraut, das in meinem wüsten Garten überlebt hat und ich weiß: Ganz gleich, was über Stunden geschehen ist: Das Meiste wurde getan und doch zählen die letzten Minuten.

 

Als es um den ersten Löffel geschehen ist, weiß ich: So hat sie es gewollt. Und Omas Heizungskeller ist um mich herum, wo sie die Geschichten ihres Lebens erzählte, und der Geruch der Gasflamme in der Vorküche und ich höre das Kratzen der Metallkelle am Topfboden. So geht Wegzehrung.

 

Einiges fiel auf gutes Land und trug Frucht, einiges hundertfach, einiges sechzigfach, einiges dreißigfach. (Mt 13, 8)

 

Später werdet Ihr heimkommen und natürlich ist genug für jeden da.

Und zum Dessert gibt’s Erdbeeren.

So ist das mit dem Reich Gottes.

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

Dieses „Ding“ mit der Digitalisierung

Lose Gedanken inmitten einer aktuellen Debatte (besonders zu: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/archiv.php?a=show&id=4266#tocomment)

How to deal with Information

„Hast Du schon gesehen?“ und es folgt ein Linkkürzel. „Nein“, schreibe ich zurück, „ich moderiere noch zwei Stunden eine Sitzung“. Später am Tag folge ich dem Link zum „Leben auf Cloud sieben“, finde Screenshots in meinem Messenger und am Abend auch den vollständigen Text auf der Homepage der Zeitschrift. #digitalfirst denke ich überrascht, wundere mich über die seltsame Uhrzeit und phantasiere, es muss wohl daran liegen, dass die Schriftleitung dies mutmaßlich ehrenamtlich in ihrer Freizeit irgendwann erledigt. Am nächsten Tag wird das Printexemplar in meinem Briefkasten sein. Nachdem es bereits 80 Kommentare dazu gibt. Und ich den Verfasser einen halben Tag lang bei einer Sitzung traf (zu der ein Navigationsgerät mich gewiesen hat) – ohne dass wir über den Artikel sprechen konnten. Weil es um Flyer ging, die leider noch nicht fertig sind und deren Zielgruppe auch unklar ist. Und weil er nicht wissen kann, dass ich den Text schon las, weil er nicht Teil meines Netzwerkes ist. Nachrichten, die mich zum Thema Digitalisierung daraufhin erreichen, lassen mich das Papierheft wieder aus dem Regal holen, ein paar Bücher und Websites auf einer (imaginären) Pinnwand platzieren und jetzt an einem linearen Text schreiben, der gewiss anders aussieht – je nachdem, ob ich ihn mit meiner alten Adlerschreibmaschine zu Papier bringe oder auf einem Computer. Und damit, dass Sie als Leserin das nicht wissen, wie mein Schreibprozess aussieht, müssen Sie umgehen. Leben ist heute gleichzeitig, mixed-cultural, cross-medial und unübersichtlich. Wer demgegenüber einsiedelt, tut dies auf Kosten derer, die es nicht tun.
Analoges und digitales Leben sind unauflöslich miteinander verschränkt. Digitalisiert lebt nicht erst, wer einen sprechenden Kühlschrank hat, ein drittes Auge auf der Stirn oder sein Bild der Welt aus Twitternachrichten konfiguriert. Der Digitalisierung können Menschen in Westeuropa sich ebenso wenig entziehen wie der Industrialisierung, der Marktwirtschaft, der Neuzeit, der Aufklärung. Und sei es, durch Negation.

Definitorische Diffusion

Digitalisierung wird im „Leben auf Wolke sieben“ – und natürlich nicht nur dort – als Angstbegriff gehandelt. Dies könnte in einer begrifflichen Unschärfe begründet sein, die dazu führt, dass Menschen, die von „Digitalisierung“ sprechen, mindestens zwei verschiedene Phänomene damit bezeichnen: Zum einen geht es um die zunehmende Verwendung von Computertechnik in allen Bereichen des Lebens. Zum anderen ist aber auch im Blick, dass sich analoge „Dinge“ in Digitales „verwandeln“. Der erste Horizont ist quantitativer Natur: „immer mehr Computer“. Der zweite Horizont ist primär philosophisch zu beschreiben: In gleichem verbirgt sich etwas Anderes, das möglicherweise nicht-intendierte Nebeneffekte mit sich bringt. Theologiegeschichtlich geschulte Blicke sehen auf die hochmittelalterlich entwickelten Vorstellungen von Konsubstantiation und Transsubstantiation und die damit verbundene Nähe zur Sakramentenlehre. Klar ist: Es „geschieht“ etwas, und im Zweifel weiß keiner, wie. Und davon immer mehr. Und das macht Menschen Angst. Und wie immer gilt: Klarheit klärt auf. Klarheit entmythologisiert. Wer einen diffusen Digitalisierungsbegriff in die Debatte einbringt, setzt sich einem Ideologieverdacht aus. Man wird der Doppelstrategie des Phänomens nicht entkommen können. Aber man sollte sich ihrer bewusst sein.

Was zur Debatte motiviert

Es ist (zu) mühsam, im Einzelnen zu zeigen, inwiefern die Argumente derer, deren Vorbehalte gegenüber den unaufhaltsamen Entwicklungen unserer Gesellschaft ihnen gewichtig erscheinen, solche sind, die unabhängig von Digitalisierung für jede technische Innovation der Neuzeit gelten. Diese Einwände sind inzwischen populärwissenschaftlich: Dass eine Innovation eben nicht nur das Verhalten von Menschen tangiere, sondern ihre Persönlichkeit. Dass eine flachere Hierarchisierung mit Heilsutopien verknüpft werde. Dass technische Innovation zu Massenarbeitslosigkeit führe – um nur einige Beispiele zu nennen.

Mich beschäftigt die Frage, ob uns die Spaltung der (innerkirchlichen) Diskussion in die vehemente Digitalisierungsskeptiker und –befürworter nicht mehr schadet als nutzt. Verhält es sich nicht vielmehr so, dass theologiegeschichtlich mit zuverlässiger Regelmäßigkeit auftretende Dichotomien von kulturpessimistischen Haltungen und Positionen des liberalen Kulturprotestantismus am neuen Beispiel aktualisiert werden? Und natürlich werden manche sagen: Nein, DAS sei ja nun etwas ganz Anderes. Aber das dürfte doch wohl jede Generation von den Innovationen ihrer Zeit gedacht haben. Und ich schreibe ein paar lose Zeilen, weil mir zu denken gibt, dass jemand in der Diskussion darauf verweist, dass die Potentiale der Digitalisierung überwiegend als behauptete Folie der Gegenargumente genannt werden. Interessant ist mir, dass der Artikel selbst genau so rezipiert wird, wie es meinem Erleben des Themas entspricht: Auf der einen Seite gerät er in den Strudel dessen, was er selbst beschreibt. Auf der anderen Seite wird er von denen gelesen, die sich mails ausdrucken lassen, um sie zu bearbeiten und am gleichen Tag im Supermarkt fleißig Paybackpunkte sammeln. Allseitig verfestigen sich Klischees. Ich kann mit diesem Text wenig mehr als den Wunsch adressieren, dass wir konstruktiver mit den Herausforderungen unserer Zeit umgehen. Dazu geht es mir darum, einen Moment innezuhalten und zu klären, welche grundsätzlichen theologischen Fragen in der Debatte aufgeworfen sind und welche offenen Fragen sich beispielsweise für das Handeln der Kirche daraus ergeben.

Wer entscheidet was?

Wir sind mit der Welt konfrontiert, in der wir leben und wir sind ein Teil von ihr. Das haben wir selbst nicht entschieden. Digitalisierung ist darin ein schleichender Prozess. Das hat in erster Linie technische Gründe – so, wie sich technologisches Know-How entwickelt, schreiten auch die Anwendungen fort. Das bedeutet auch, dass sich die Lebensbereiche, die betroffen sind, ausweiten. Digitalisierung ist pervasiv, durchdringt also (nach und nach) alle Lebensbereiche. Dieses Phänomen weckt offensichtlich allein aufgrund seiner Wirkweise in Menschen die Vorstellung, es sei eine Macht am Werke, die sich Herrschaft sichern wolle, indem sie verborgen, aber stetig expandiere. Das Bild ist: Es gibt einen Plan, den ich nicht kenne und dem ich ausgeliefert bin. Wer das für sich gelten lässt, erlebt sich mit dieser Haltung in steter Konkurrenz zu seinen eigenen Autonomieansprüchen. Mit zunehmender Digitalisierung könnte sich folglich der Verdacht erhärten, dass ich mir selbst gar nicht mehr so sicher bin, das Subjekt der Entscheidungen zu sein, die traditionellerweise mir selbst zugeschrieben werden. Besonders deutlich wird dies etwa bei der Frage, welche Wirkung personalisierte Werbung am Rande von Kontenbereichen von Onlinewarenhäusern oder Pinnwandseiten hat. Freilich gilt dies allein unter den erwähnten Vorannahmen – es ist keineswegs zwangsläufig, dass Menschen ihre Entscheidungshoheit verlieren, wenn ihre Welt sich zunehmend digitalisiert. Mit der Zunahme an Entscheidungsmöglichkeiten und Optionen kann genauso gut auch ein Gewinn an Entscheidungsfreiheit einhergehen.

Neben das Bild eines Mechanismus der Durchdringung entwickelt sich eine – mehr oder minder – subtile Koalition von biologischen und maschinellen Prozessen, die ineinandergreifen. Die Digitalisierungsforschung nennt dieses Phänomen „ambient intelligence“. Implantate, Brillen und Herzschrittmacher sind in unserer Gesellschaft als solche völlig akzeptiert. Die Bewertung leistungssteigernder Prothesen, Mikrochips oder zusätzlicher Wahrnehmungsorgane (wie dem „dritten Auge“) ist umstritten. Im erweiterten Personbereich mobiler Endgeräte ist gelegentlich unklar, wer im Blick auf eine Entscheidung auf wen einwirkt. Damit stellt sich die Frage, ob nicht die Unterscheidung von Subjekt und Objekt oder auch: „Ding“ unter heutigen Wahrnehmungsbedingungen unterkomplex ist. Weitergedacht werden sollte (das kann an dieser Stelle nur angedeutet werden, beschäftigt mich aber an vielen Punkten) der sozialphilosophische Ansatz von Bruno Latour, in dessen Akteur-Netzwerk-Theorie der Unterschied von Subjekt und Objekt verschwindet und „Dingen“ konsequenterweise ethische Handlungsfähigkeit zugeschrieben ist. Demnach „werden“ Dinge nicht durch irgendetwas zu Akteuren, sondern sie sind es bereits. Es geht mir hier zunächst weniger um die technikphilosophischen Folgen dieser Annahme, als um die grundlegende Sicht, dass Dinge und Personen sich wechselseitig zueinander instaurativ verhalten können und einander entscheidend beeinflussen können. Die Zunahme an erlebter Komplexität kann insofern zu der Annahme veranlassen, Menschen verlören an Selbstbestimmung, weil sie sich Einflüssen aussetzten, die anders vorgeben zu sein als sie tatsächlich sind. Ein analysierender Schritt zurück in philosophischem Erkenntnisinteresse macht dann deutlich, dass es sich dabei um eine Frage handelt, die nicht spezifisch durch Digitalisierung hervorgerufen ist. Ängste mag dies dadurch auslösen, als Menschen durch eine Zunahme ethischer Handlungssubjekte einen Verlust an individueller Selbststeuerung in einem gesellschaftlichen Milieu erleben, das auf Selbstwirksamkeit wert legt. Hier zeigt sich, dass Digitalisierung primär – so mein Vorschlag – Themen der Anthropologie aufruft.

Schließlich ist der Umstand zu bedenken, dass mit zunehmender Digitalisierung ihre Symbole immer mehr verschwinden. In einem vielbeachteten Essay formulierte Mark Weiser bereits 1991, dass der technologische Fortschritt das Computergerät zum Verschwinden bringen würde, weil er allgegenwärtig sein würde. (The Computer for the 21st Century, Scientific American 265, 1991, S. 94–104). Digitalisierung wird perspektivisch ubiquitär und damit eine Größe, der es unmöglich ist, sich zu entziehen. Damit wird sie selbst unsichtbar, weil es keine abgegrenzten Zeichen ihrer selbst gibt. Sie wird zum Gegenstand von „Glauben“. Das primäre Thema der Digitalisierung ist insofern weniger die (alte) Befürchtung, Maschinen nähmen Menschen die Arbeit weg, sondern die unübersichtliche Gemengelage von Entscheidung und Verantwortung in Hybridformen von Mensch und Maschine. Die Verlagerung auf bekannte, aber letztlich ungeklärte Fragestellungen trägt dazu bei, dass anthropologische und ethische Herausforderungen eher unklar werden und schürt damit Ängste. Gleiches gilt für Themen wie Filterbubble, Crossmedialität, Erstellung gezielter Profile oder den vermuteten Verlust an Selbstbestimmung. All dies ist im Grundsatz nicht notwendig mit dem Thema Digitalisierung verbunden, wird dadurch aber teilweise offensichtlicher bzw. entwickelt sich schneller, zum Teil unabsehbarer, als wir dies bislang gewohnt sind. Das gilt auch für Meinungsbildungsprozesse, die unter dem Stichwort „Empörungsdemokratie“ Einfluss auf politische Willensbildung nehmen. Einstellungen, die ohnehin eigenen Dynamiken unterliegen – beispielsweise Hass und Spott – nehmen unkalkulierbar an Fahrt auf. Dass eine leise Mehrheit des Abwägenden weniger gesehen wird, gilt dann um so mehr. Ob man allerdings durch das, was „wirklich wahr“ ist, überzeugen und Haltungen messbar verändern kann, bleibt fraglich.

Intuitive Reaktionen wie etwa Daten „mit Verfallsdatum“ wie etwa Snapchat als Reaktion auf das Nie-vergessende-Internet zeigen menschliche Sehnsucht nach Vergebung und unbelastetem Neu-Anfang an. Auch in prädigitalen Zeiten war dies eine Sehnsucht, die nicht jedem vergönnt war, erfüllt zu sein. Es ist eher das Gefühl des fernen, unbestimmten Ortes, an dem Daten sich sammeln, der Menschen ängstigt, als das Phänomen an sich, das sich grundsätzlich „in jedem Tante-Emma-Laden ereignen“ kann.

Ein Mythos am Rande

Der Wissenschaftsjournalist Marcel Hänggi hat die verbreitete Rede entlarven können, dass durch technische Innovationen Zeit gespart werde. In in 2015 veröffentlichten Einzelstudien konnte er zeigen, dass sich dies für eine Vielzahl von Erfindungen empirisch nicht verifizieren lässt (Fortschrittsgeschichten. Für einen guten Umgang mit Technik, Frankfurt am Main 2015). Deshalb erscheint mir fraglich, ob eine veränderte Einstellung zur Zeit tatsächlich angemessen auf die Herausforderungen reagiert, die sich uns mit der Digitalisierung stellen (ähnliches ließe sich auch für das Stichwort „Präsenz“ zeigen – wenn damit mehr gemeint ist, als das alltagssprachliche „Ich-bin-mir-bewusst- dass-ich- ‚hier‘- bin“, dann würde es geradezu zur Transzendentalisierung des Ichs oder der digitalen Welt beitragen – auch christlicher Sicht ein dramatischer Kategorienfehler!). Präsenz bezieht sich klassischerweise auf eine transzendentale Größe, die für die Verlässlichkeit einer Ordnung steht, in der jede Veränderung negativ bewertet werden muss. Jede flüchtige, liquide Struktur der Gegenwart bekommt dadurch einen Makel. Der Ruf nach Sicherheit kann im Kontext von Digitalisierungsdebatten folglich nicht mit dem Hinweis auf Zeitverständnis und Präsenz hinreichend beantwortet werden.

Ein Beispiel

Für die Konkretisierung aller drei Aspekte (Durchdringung, Mensch/ Maschine, Allgegenwart) eignet sich das im Artikel erwähnte Beispiel der “Hello Barbie” gut, weil seine Entwicklung zeigt, welche Aspekte von Smart Toys – also Spielzeug, das sich mit dem Internet verbinden kann – als so kritisch angesehen werden, dass sich die Gesellschaft eine rechtliche Selbstreglementierung auferlegt. Es ist dies keineswegs die Datenaufzeichnung schlechthin, sondern eben ausschließlich jene, die ohne explizite Einwilligung der Spieler/ der Beteiligten geschieht: Im Rechtsverständnis unseres Staates ist das autonome, entscheidungsfähige Subjekt vorausgesetzt. Deshalb sind auch nur all jene Puppen vom Markt genommen worden, die ihre Umwelt schlicht immer und damit ggf. „heimlich“, also ohne Zustimmung des Nutzers datentechnisch verarbeiten. Dieses Argument ist deshalb kritisch, weil man ja genauso gut argumentieren könnte, dass der Nutzer nicht erst mit der Betätigung eines Einschaltsknopfes zustimmt, sondern dies bereits schon mit dem Kauf tut bzw. damit, eine solche Puppe/ ein solches „Ding“ in seinem Nahbereich zu dulden. Offensichtlich wird aber die Zeitnähe von Zustimmung und Ereignis als ethisch relevant und damit ausschlaggebend für die rechtliche Bewertung angesehen. Das bedeutet in einem weiteren Kontext, dass die Digitalisierung – permanent durchdringend, den Menschen konfrontierend und in allen Lebensbereichen präsent – den Einzelnen in ständige Entscheidungssituationen bringt. Damit ist sie im Sinne Latours selbst instaurativ. Mit Recht kann eine Gesellschaft für sich sagen, dass sie dies regulieren möchte (unabhängig davon, ob das faktisch gelingt). Wer sich dem aber völlig entzieht, spielt denen in die Hände, die aus ökonomischen Gründen Angst vor Regulierung des digitalen Marktes haben. Das gilt hier genauso wie auf analogen Märkten.

Wer gewinnt?

Die vorhergehenden Erläuterungen verdeutlichen: Es gewinnt, wer entscheidungsfähig ist und unter digitalisierten Bedingungen auch bleibt. „Bildung aus dem Netz“ (Krückeberg, 206) ist nicht notwendig „Schlagwortwissen“, die analytisches Denken verdrängt. Wohl aber habe ich zu entscheiden, wie ich mit Wissen umgehe – das gilt digital genauso wie analog. Minimalistische Eliten oder solche mit „Retro-Chic“ bilden sich analog wie digital. Gleichwohl zeigt sich, dass sich bestimmte Wahlmöglichkeiten, digital teilzuhaben oder eben nicht, nur privilegierten Gruppen nahelegen: Ob ich perspektivisch darauf verzichten kann, mein digitales Portfolio so zu pflegen, dass es ökonomisch möglichst vorteilhaft ist, ist eine Frage von Know-How und Wohlstand. Gesellschaftlicher Ausstieg ist immer ein Elitenprivileg. Umgekehrt ermöglicht Digitalisierung Teilhabe, vor allem in analog-infrastrukturell schwachen Gebieten oder dort, wo große geografische Entfernungen zu überbrücken sind.

Was sollen wir tun?

Die antiken Gelehrten stritten darüber, was sich eigentlich hinter Wolke Sieben befindet. Manche sagten: Dort ist das Paradies. Andere sagten: Dort ist das Nichts. Und über Beides kann man trefflich streiten – bis heute. Und sich an der Grenze von bekannter und unbekannter Welt darin verlieren, was wohl an einem anderen Ort der Fall ist. Digitalisierungsphänomene werden auffällig häufig raummetaphorisch beschrieben. Die Rede vom #neuland der Netzwelt hat sich der Diskussion terminologisch eingebrannt. In fundamentalistischer Perspektive wird vom ‚Feindesland‘ gesprochen. Das erscheint mir im Kontext von Kirche eine problematische Redeweise zu sein, weil es all jene kränkt, die mit den Möglichkeiten der digitalisierten Welt das Evangelium dort – jenseits vieler Komfortzonen und all den Mechanismen der Digitalisierung ausgesetzt – verkündigen, wo es nicht bei rotem Tee und Gummibaumpflanzen gehört wird. Und Mancher, der selbst sehr profitiert, wähnt sich im Gelobten Land.

Die Frage ist aber doch, wie wir es gemeinsam dort aushalten, wo wir sind: Auf der Grenze. Wie wir es aushalten zwischen Paradies und Nichts, bestenfalls gemeinsam gestaltend. Wie Menschen instand gesetzt werden, Entscheidungen begründet zu treffen, ohne in Strudel zu geraten oder naiven Vorschlägen zu folgen, die ökonomischen Paradigmen immer mehr Macht geben. Das sind gesellschaftliche Fragen. Es sind aber auch kirchentheoretische Fragen. Denn wie wollen und können wir unter diesen Bedingungen Kirche sein? Angesichts dessen, dass die meisten Menschen nicht nur ihr Wissen über Religion, Theologie und Spiritualität digital erwerben, sondern dort auch religiös leben. Es entstehen völlig neue Netze diakonischen Handelns und kommunitären Lebens. Pfarramtliches Handeln kann stärker themenbezogen kollaborativ stattfinden. Diese Möglichkeit kommt den gegenwärtigen demographischen Entwicklungen ausgesprochen entgegen! Menschen beten, die es nie gelernt haben. Menschen stellen Fragen, für die sie sonst keine Adressaten finden. Sie besuchen Friedhöfe und zünden Kerzen an, obwohl sie das Haus nicht verlassen können. Es entstehen Räume von Seelsorge, die selbstverständlich ihre eigenen Schutzmechanismen definieren. Kirche in der Fläche bekommt ungeahnte Möglichkeiten. Die Reichweite ist häufig groß, größer als gewohnt, und nicht notwendig flacher. Wir können sie nicht übersehen und deshalb trefflich darüber streiten. Wir sollten es nicht tun. Sondern die unübersichtliche Situation zur Grundlagenbesinnung nutzen: Was sagen wir (christlicherseits) über den Menschen in diffusen Lagen? Was wissen wir über Gottes Handeln angesichts der Schöpfung selbst als Subjekt je und je? Wie denken wir heute Redefiguren, die angesichts heutiger Bildwelten völlig neu an Relevanz gewinnen – wie etwa die der Perichorese, der Durchdringung? Was bedeutet Sakramentalität auf dieser Grenze? Wie denken wir die Virtualität, die in der Liturgie traditionell zur Sprache kommt?
Wenn es nicht stimmt, dass es eine „abgeschlossene, homogene Lebenswelt“ der Kirche gibt, und die Kirche sich (daneben?) „in Vorstellungen und Gefühlen der … Individuen (konstituiert)“, die Kirche demnach keine Konstruktionsleistung des Einzelnen ist, sondern sich aus transzendental Gegebenem – religiös gesprochen: Gott – ergibt, dann gilt es, diese Grundsatzfragen angesichts digitaler Welten neu sprachlich auseinanderzusetzen. Das ist weit mehr, als christlichen content zu generieren, und zu zeigen und Kontaktflächen zu bieten. Das ist freilich schon viel. Und doch sollte Menschen wohl auch eine Hilfe gegeben angeboten sein zu entscheiden, wie sie – aus Sicht eines christlichen Weltverständnisses und Menschenbildes – wahrnehmen und verstehen, was sie ohnehin erleben.

Fotocredit: TheRegister

#Mahlganzanders Kassel 2017 – nachgedacht.

Prolog.
Anfang vor dem Anfang.
Wir reden ein bisschen drumherum.
Kaufen metallicfarbene Kopfkleider gegen die Sonne tags und den Mond des Nachts.
Spielen mit Klischees und freuen uns aufeinander.
Posten Bilder vergangener Jahre.
Adressen, Abläufe, Anweisungen treffen ein.

Der Abend vor dem letzten Abend.
Euer Anfang. Ich arbeite noch. Und weiß: Auch Anfangen ist Arbeit.
Ich bedenke mein Bild: Was weiß ich eigentlich über diese Jünger?
Leute, die sich rufen ließen.
Alle mit Namen.
Männer und Frauen.
Die, die vom Geld Anderer leben und die mit den verschwielten Händen.
Die, von denen wir immer reden und deren Bedeutung in den frühen Gemeinden die Evangelisten in ihre Erzählungen projizierten.
Und die Anderen.
Kirche ist nie ohne die Anderen gewesen.
Wir halten uns für die Anderen und ahnen, dass auch die Anderen the gift of not fitting in in sich tragen.
Ihr schickt lustige Fotos.
Und ich weiß: Es ist eine schwere Geschichte, und es ist eine gute Geschichte.

Weit vor Sonnenaufgang.
Verkehrsreichster Tag des Jahres, sagt die Stimme im Radio.
Aber nicht jetzt.
Die Frau mit dem Brot in der Hand spricht jeden mit Namen an.
Meine paar kleinen Münzen klirren auf dem Tresen der Backstube und sie wünscht mir gesegnete Festtage.

Der Morgen des Abends.
Du gehörst einfach dazu.
Dass man sich ohnehin immer erstmal kennenlernen müsse, ist hartnäckiger Vermeidungsmythos längst vergangener Pädagogik.
Wir wechseln ständig die Richtung und wachen auf.
Wachsein werden wir brauchen, heute.
Alle wissen das.
Manche von Euch sind mir sehr vertraut. Wir kennen uns sehr lange oder sehr bedeutsam.
Von Anderen weiß ich nicht einmal die Namen.
Aber Ihr habt einen. Und ein Bild. Dieses Bild.
Das Bild von Jesus, den Leuten am Tisch, die wir Jünger und Apostel nennen, und Brot und Wein.
Satis est. Es ist genug.
Und es ist auch dann genug, als nicht genug da ist. An Trauben, an Wasser, an Brot und an liturgischem Gerät. Noch ist Zeit, etwas zu tun.
Es gibt eine Zeit, in der nichts mehr getan werden kann.

Übendes Christentum, nach innen und außen
Wir haben dieses Bild. Von Jesus und den Seinen.
Und es ist unser Bild.
Deshalb ist alles Proben keine Garantie auf Gelingen, sondern ein Besser, ein Feiner, ein Wirksamer.
Üben ist im Christentum systematisch unterschätzt.
Und Andere brauchen Bilder.
Für Instagram, Twitter und das Fernsehen.
Denn sie sollen es alle wissen: Es gibt dieses Bild.
Und kein Leben ohne das Verhalten auf diesem Bild: Gehen und Sitzen, Sehen und Klingen (der Erfinder dieser Theorie sagt hier: Singen ), Hören und Essen.
Vor allem deshalb werden ja alle hinschauen.

Ab nach Kassel. Wilhelmshöher Allee 330.
Das Kirchenhaus sorgt für uns. Mit Buchstaben, Grüner Soße und ein bisschen Zeit füreinander. Gedeckter Tisch und Reden, bevor wir Anderen den Tisch decken und Schweigen. Und weiße Worte fallen auf die Nutzlasten: Wein, Brot, Kuss.

Großer Bahnhof.
Sei pünktlich. Das Leben wartet nicht auf Dich. Also los. Trauben in der Bahnhofshalle und Menschen draußen. Wir suchen Analogien, aber wenig hilft.
Die Uhr tickt unaufhörlich. Es will Abend werden und der Tag wird sich neigen.
Erstes Bild für Andere. Eingeladene und Passagere. Manche, die sich extra auf den Weg gemacht hat.
Nur hier sind Fragen erlaubt:
Judas, wie ist das für Dich?
Bin ich’s, die Jesus verraten wird?
Gibt es etwas, was kälter sein kann als diese Zugluft?
Und eine tanzt. Tanzend.jpg

Weiterziehen.
Sie waren viel unterwegs, damals in Galiläa.
Viele sind unterwegs, heute in Kassel.
Mancher mit schwerem Gepäck, Anderer mit fast nichts. Kein zweites Hemd, sagt Jesus. Sich verlassen auf die, die für alles sorgen.
Exclusive, behauptet so mancher Laden, dass er sei. Je mehr am Rande, desto lauter schreien die Buchstaben mich an. Exklusiv. Nur für Dich. Manche sagen so auch vom Abendmahl. Einer wird deshalb noch gehen. Kirche ist auch das, was Dir vertraut ist.

A Crack in everything
Und dann
ist da dieser Moment, der so winzig ist, dass Du gar nichts entscheiden kannst, geschweige denn wahrnehmen. Nur subkutanes Geräusch im Großstadtlärmklischee. Mehr als eine Doppelhauslebenerinnerung geht zu Bruch.

Leben mit defekter Ausrüstung
Bin ich’s, Herr?
Und der Himmel verdunkelt sich und ich halte die Scherben dieses einen Moments in der Hand.
Und da weiß ich, wer ich in dieser Rolle bin.
Und werde dem, was da ist, nur durch Tun gerecht.
Ich decke auf. Die Scherben, die mal ein Teller waren. Und ein zweiter, und ein dritter, und der nächste und der nächste. Das dauert alles lange, lange, unerträglich lange. Denn alles ist wert, da zu sein. Feiner Riss in der Mitte, abgebrochene Ränder, fehlende Stücke.
Ihnen wird aufgetischt. Denen, die auch im Regen auf der Parkbank sitzen, die sich am Glas festhalten und an all ihrem Hab und Gut, das sie bei sich haben. Everything. Crack.
Christi Leib, für Dich gegeben. Christi Blut, für Dich vergossen. Brot des Lebens. Kelch des Heils.

Gottes Nachspielzeit
Ich drehe mich um. Damit fällt der Vorhang. „Eine feste Burg ist unser Gott“, mir direkt gegenüber, dieser Kirche in Stein gemeißelt, auf die ich nun schaue. Zerbrochenes Steingut und Trutzburg. Wein-Brot-Kuss. Fein lustig trotz allem, dieses Leben. Und darunter, vor der Tür, Bindingbierflaschen in Scherben. Gottes Pfand, vom Tode bedroht. Auf der Schwelle zum heiligen Raum liegen Scherben.
Und Jesus nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den – und das Licht brach sich Bahn durch die Wolken. Nur dieses eine Mal. Und er brach das Brot. Und mitten im Heiligen liegen Scherben.

Theo, mach mir ein Bananenbrot!
Und weitere subkutane Bilder im Großstadtgetümmel.
Ewiges Karrussell und unvergessbare Melodien unserer Kinderlieder. Große Augen und fordernde Worte. Blickwelt, die nicht bis ans andere Ende des Tisches reicht. Ihr seid da, aber ich sehe Euch nicht.
Und immer: Bin ich’s, Herr?
Und das Klirren der Münzen des Judas, das allem ein Ende macht.
Allem ausgesetzt. Jeder Deutung. Jedem Wort. Diese andere Welt, wie wir sagen werden. Mittendrin. Kirche, die sich nicht aussetzt, muss im Lebensspiel der Anderen aussetzen. Wir wissen das und machen weiter. Rathaus.jpg

Auch, weil die Anderen es auch tun. Die Anderen schützen, und die Requisite, die Kleidung, die strikte Inszenierung, die klaren Regeln. Der öffentliche Raum diszipliniert. Kirche ist immer auch gute Form.

After Show
Und auch heute ist es am Ende allen eilig. Kakao to go, in biograsgrünem Gründonnerstagsambiente sitzend. Die Sehnsucht am Ende ist der Zauber des Gartens am Anfang. Szenen verlassen, nicht mehr ausgesetzt sein, miteinander sprechen, lachen und staunen, in warmen Autos sitzen, an gedeckten Tischen und hinter dicken Kirchenmauern, durch deren Fenster Licht in allen Farben fällt. Und Gott wandelt zwischen all dem in der kühlen Abendluft umher.

Kreuzkirche. Wohin wir zurückkehren
„Bin ich’s, Herr?“ taucht in das Licht von Gottes Schöpfung, als die Sonne längst gesunken ist und Du nicht mehr „Ja“ sagen musst zu alten Worten, die uns – heute – viel zu groß und verloren gegangen sind. Sooft Ihr davon esst, sooft Ihr davon trinkt – das tut zu meinem Gedächtnis.
Wir teilen Brot, wir teilen Wein, wir singen die gleichen Lieder und wissen einander, was es bedeutet, zu beten. Auch das ist Kirche. Übende Kirche. Kirche als Herberge am Wegesrand. Wir packen, kochen Kaffee und fahren durch die Nacht.
Wir reden noch ein bisschen, bevor Du in die andere Richtung weiterfährst. Wir wechseln ständig die Richtung und gönnen uns jeden Schlaf.
Ich fahre allein weiter durch die Nacht und hänge Gedanken nach. Siri liest mir die Worte vor, die Ihr noch schreibt. Bevor alles schweigt. Drei Tage lang.

Fotocredits: Claudius Grigat (Titelbild), Johanna Waldmann (tanzendes Kind), Frank Muchlinsky (Rathaus Kassel).

Gottes Gegenwart in menschlichen Sinnen (zu Mt 17, 1-9)

Nidderauer Ringpredigt „dass Jesus Christus sei mein Herr“ (Frühjahr 2017)

Aus dem Matthäusevangelium:

Sechs Tage später sahen Drei von ihnen diese Herrlichkeit des Menschensohnes. Jesus nahm Petrus und die Brüder, Jakobus und Johannes, und führte sie auf einen hohen Berg. Seine Erscheinung kehrte sich von innen nach außen, direkt vor ihren Augen. Sonnenlicht strahlte von seinem Gesicht. Seine Kleidung war erfüllt mit Licht. Dann nahmen sie wahr, dass auch Mose und Elia in eine Diskussion mit ihm vertieft waren.

Petrus unterbrach: „Herr, was für ein großartiger Moment! Was würdest Du denken, wenn ich drei Denkmäler hier auf dem Berg baute – eins für Dich, eins für Mose, eins für Elia? Während er so weiter redete, umhüllte eine lichterne Wolke sie, und aus der Tiefe der Wolke erklang eine Stimme: Das ist mein Sohn, gezeichnet von meiner Liebe, Mittelpunkt meines guten Willens. Hört auf ihn.

Als die Jünger das hörten, fielen sie auf ihre Angesichter, zu Tode erschreckt. Aber Jesus kam über sie und berührte sie. Fürchtet Euch nicht! Als sie ihre Augen öffneten und umhersahen, war alles, was sie sahen, Jesus. Jesus allein.

Den Berg hinabkommend, schwor Jesus sie zur Geheimhaltung ein. Sagt kein Wort von dem, was ihr gesehen habt. Nachdem der Menschensohn von den Toten auferweckt ist, seid Ihr frei zu sprechen.

 

I Wovon man nicht reden kann, davon —

Wenn Christen sagen sollen, was das ganz Eigene dieses Glaubens ist, und wie sie es in eigenen Worten beschreiben, dann sind viele eigentümlich still.

Und ich meine, dass das nicht nur daran liegt, dass wir alle aus einer Kultur herkommen, in der das Christentum so selbstverständlich war, dass man sich darüber gar nicht verständigen musste.

Gleichsam so, wie man erst nach dem Tode eines nahestehenden Menschen manchmal merkt, wie wenig man eigentlich über ihn weiß. So an Dingen, die erzählbar sind.

 

Dass Viele eigentümlich still sind, liegt an dem, wovon heute die Rede ist.

 

Innen kehrt sich nach außen. Sonnenlichtstrahlendes Gesicht. Lichterfüllte Kleidung. Vertiefte Diskussionen auf dem Berge. Unterbrechungen. Ungebaute Bauvorhaben. Umhülltsein von lichterner Wolke. Eine beleuchtete Wolke. Eine Stimme aus Wolkentiefe. Ein Mensch, gezeichnet von Gottes Liebe. Zu Tode erschrockene Menschen. Berührtsein. Fürchte Dich nicht! Geöffnete Augen. Jesus allein. Aber: Sagt nichts.

 

So wird von Jesus erzählt. Ich finde es ziemlich naheliegend, davon nicht zu erzählen. Von so Vorab-Erlebnissen. Denn wer würde denn daraufhin glauben? Offensichtlich trauen wir besonderem Erleben, kaum aber besonderen Worten.

 

II Das Dass des Erlebens

Wohl aber können wir uns darüber verständigen, dass es in jedes Menschen Leben solches Vorab gibt:

Ich weiß etwas, was mir hilft, das Leben zu verstehen und zu deuten, was kein allgemein geteiltes Wissen ist. Das kommt dazu – und stellt es in besonderes Licht.

 

Exkurs: need to know

Vorher ist im Matthäusevangelium von der Leidensnachfolge die Rede. Das hören viele.

Auf den Berg nimmt Jesus nur Drei mit.

Drei von vielen. Petrus, Jakobus, Johannes.

Sie sind die, die später in den frühen Gemeinden besondere Verantwortung tragen.

Besonderes und besonders Schweres liegen oft ineinander.

 

III Deine VorabGeschichten

Vorabgeschichten sind Bilder, die ich mir ausmale, die darauf zielen, wie das Leben sein könnte. Welchen Sinn eine Begegnung machen könnte. Weshalb es gut ist, sich einer Herausforderung auszusetzen; über den eigenen Schatten zu springen.

Kleine Erfahrungen im Alltagsleben, die zeigen, wie es einmal sein kann.

Dass ein Leben aus Liebe gelingt.

Dass wir voneinander wissen, was wir meinen. Und es nicht nur ahnen.

Dass es Verbundenheiten gibt, die über das, was wir selbst sind und tun, hinausreichen. Weit hinausreichen.

 

IV Christologie: Jesus als Gottes Vorab-Mensch im Moment. Und die Sache mit der Verwandlung

Jesus ist Gottes Vorab-Mensch. Jesus lebt, wie Gott Menschen will. Er erzählt von Gottes Welt. Davon, wie Gott handelt. Er heilt. Er provoziert. Er macht sehend und hörend. Er ist ortlos und doch gewiss. Er verweist auf etwas, was kommt und doch da ist.

Und dass das eine gute Welt ist, das zeigt der Einwurf des Petrus. Der redet dazwischen. Man tut das nicht, lernt man. In erster Linie ist es aber ärgerlich. Weil es etwas zerstört, das eben noch da war.

Manchmal ist das so. Da ist etwas gut. Und in dem Moment, wo ich einen Schritt zurücktrete und genau das zum Thema mache, ist es vorüber – das, was da gut war. Petrus will das „Vorab“, diese Momente, in denen wir das Leben verstehen, in ein „Immer“ verwandeln.

 

Stattdessen aber wird Jesus verwandelt. Alles wird geschildert und doch verstehen wir nichts. Von innen nach außen, direkt vor ihren Augen. Nach antikem Verständnis ist das Innen eines Menschen weniger das, was nur ihm selbst gehört, als der Sitz seiner zentralen Lebensfunktionen. An Jesus wird sozusagen Einblick gegeben dahinein, wie das Leben funktioniert, wie es geht. Und das tut Jesus nicht selbst, sondern es wird an ihm getan. Jesus bleibt eigentümlich passiv. „Er wurde verklärt vor ihnen“, heißt es in unserer traditionellen Bibelübersetzung, die auf Martin Luther zurückgeht. Auch, wenn wir heute von Verklärtem sprechen, umschreiben wir ja etwas, was eigentlich nicht so in unsere Welt zu passen scheint. Dabei ist doch gerade auffällig, dass der verwandelte Jesus mit Dingen umschrieben wird, die zu unserem Alltagserleben gehören: Das Gesicht wie die Sonne, die Kleider wie Licht, Mose und Elia als Figuren einer geteilten Geschichte des Glaubens, die zumindest damals jeder kannte. Sonne, Licht und Geschichten. Später kommt eine Wolke dazu und eine Stimme. Nichts, was noch nie jemand gesehen und gehört hätte.

 

V Christologie 4.0

Und doch geschieht etwas. Wir sehen und hören nichts Ungewöhnliches, und doch geschieht eben solches.

Später wird Jesus nach Jerusalem gehen. Wie es alle tun.

Er wird verurteilt, die meisten sagen: zu Unrecht. Das geschieht vielen.

Er wird hingerichtet, wie es zu seiner Zeit üblich war. In ein Grab gelegt, wie es den allgemeinen Gepflogenheiten entspricht.

Und doch geschieht auch etwas Anderes. Darin.

Wir hören heute von einem „Vorab“. Und wir erleben solches „Vorab“.

Selbst uns, die wir diese Geschichte nur lesen oder heute hier hören, zieht die Szene eigentümlich in den Bann. Wir sind geradezu gezwungen, uns zu ihr zu verhalten.

Kommentieren wie Petrus, dazwischenreden – das macht man ja auch manchmal, um es nicht aushalten zu müssen -, oder Häuser bauen wollen, wo es kaum zu ertragen ist, dass die guten Dinge auch flüchtig sind.

 

VI Christologie auf dem Prüfstand

Und das Licht und die Sonne sind nicht nur wärmend und klar. Das Leuchten der Sonne und das weiße Licht blenden auch. Eine lichte Wolke überschattet. Ich kann mir dieses Paradox nur so einsichtig machen, dass etwas erleuchtet wird, damit wir eben gerade nicht unmittelbar sehen. Wer Gott sieht, stirbt, weiß die Bibel. An Mose geht Gott vorüber. Für Elia ist Gott in einem Geräusch. Für Petrus, Jakobus und Johannes ereignet sich etwas surreal Mächtiges, ohne dass es eine direkte Begegnung wäre, so wie wir einander ins Angesicht schauen können. Jesu Angesicht leuchtet wie die Sonne, die Jünger fallen nieder auf ihr Angesicht. Ja, eine althergebrachte Geste der Ehrfurcht, aber doch viel mehr wohl das Erschrecken, von dem der Matthäusevangelist berichtet.

Im Erschrecken, dass da in den Dingen etwas Anderes ist, als das, wonach es erstmal aussieht, rührt Jesus sie an und spricht. Und dieses Anrühren ist mehr als ein kurzer Körperkontakt. Wie ein Auf-die-Schulter-Klopfen oder eine Umarmung mehr sein kann als eben dies. Etwas von Gott zu erleben, rührt an. Es gehört damit zu meiner Geschichte. Und selbst, wenn ich dem keine weitere Bedeutung zumessen will, hat es sich mir eingeschrieben, meinem Leben, meinen Erfahrungen und meinem Körper. Und ich werde daran erinnert, dann und wann.

„Fürchtet euch nicht“, sagt Jesus. Er sagt keine Worte, die noch nie jemand gesagt hätte. Die Propheten haben’s getan. Immer wieder. Der Engel bei Maria. Die Engel an Weihnachten. Immer wieder: Fürchtet euch nicht.

Aber jetzt ist es klar. Bedeutsam für mich: Fürchte Dich nicht. Jesus ist die Person, die verbürgt, dass in den Dingen Anderes ist, das etwas von Gottes Welt ist. Und dass das nichts ist, was uns fürchten machen lässt. Weil Jesus gezeichnet ist von Gottes Liebe. Weil Jesus der Mittelpunkt von Gottes gutem Willen ist. Hört auf ihn!

 

VII Auftrag zur Antizipation

Aber weshalb dieses „Vorab“? Weshalb nicht erst alles nach der Auferstehung? So tragen drei Jünger nun eine Erfahrung in sich, die sie geheim zu halten haben. Mag sein, sie sind ganz dankbar dafür, dass sie nichts sagen können von so unglaublichen Dingen. Es mag aber auch sein, ihnen ginge das Herz über und es wäre richtig schwer, nichts zu sagen von dem, was sie erkannt haben.

Das „Vorab“ – das gibt es, weil sich den Jüngern anschließend die Dinge anders zeigen. Könnte Gott nicht wollen, dass wir die Welt im Lichte der Verklärung sehen? Der Matthäusevangelist nimmt uns schließlich mit auf den Berg. Er müsste das nicht tun. Wir könnten auch unten gelassen werden, wie die meisten Jünger. Wir sind aber dabei. Selbst als die, die nur hören und lesen, können wir uns den Ereignissen nicht entziehen.

Dass man sein Kreuz auf sich nehmen müsse, wenn man nachfolgt, davon haben alle gehört. Jesu Leiden wird ständig angekündigt. Dass es schwer ist, als Christenmensch zu leben, hat sich unserem Gedächtnis eingeschrieben – und oft ja auch zurecht. Auf dem Weg nach und in Jerusalem geht es um eher unschöne Themen: Um das Politische; darum, wer eigentlich das Sagen hat, um Streit, um Verlorenes, um üble Nachrede und dererlei mehr. Christen brauchen einen langen Atem. Das wissen die Jünger. Dass wissen die Menschen in den Gemeinden, an die das Matthäusevangelium sich wendet. Und deshalb auch wir. All das ist da. Und darin ist etwas Anderes. Hört auf Jesus, sagt die Verklärungsgeschichte, das gleiche Evangelium. Seht auf ihn. Da ist zwar nur Jesus allein, ohne Licht und Kleid und Glanz und Mose und Elia und so. Aber in Jesus allein ist Gottes Wille und Gottes Liebe ganz eingeschlossen.

Auf-ihn-Hören, das ist: Gelten lassen, was er sagt. Gerade auf dem Weg ans Kreuz. Weil Licht und Kleid und Glanz und Mose und Elia auf uns wirken. Auf das, was wir erleben.

Jesus wird gewaltsam und brutal sterben. Das wird zu sehen sein. Für alle. Darin und danach und am dritten Tage wird etwas Anderes geschehen. Allen wird das dann erzählt werden. Nachdem der Menschensohn von den Toten auferweckt ist, seid Ihr frei zu sprechen. Auch vom Verklärten. Mit Ostern im Rücken werden wir davon sprechen, wieviel mächtiger das Leben ist als der Tod.

Deshalb fürchtet euch nicht.

Amen.

 

Ein zweiter Schluss: Wovon man reden soll – Zu Ehren reformatorischer Worte

Und haltet an den Worten fest, die sagen, was Ihr glaubt. Und andere mit Euch, hier in dieser Kirche und an so vielen Orten auf der ganzen Welt.

Wir sprechen gemeinsam die Erklärung zum zweiten Artikel des Glaubensbekenntnisses im Kleinen Katechismus von Martin Luther. Sie finden das im Gesangbuch unter der Nummer 806.2 auf der rechten Seite unten:

Ich glaube, dass Jesus Christus,

wahrhaftiger Gott vom Vater in Ewigkeit geboren

und auch wahrhaftiger Mensch von der Jungfrau Maria geboren,

sei mein Herr,

der mich verlornen und verdammten Menschen erlöset hat,

erworben, gewonnen von allen Sünden,

vom Tode und von der Gewalt des Teufels;

nicht mit Gold oder Silber,

sondern mit seinem heiligen, teuren Blut

und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben;

damit ich sein eigen sei

und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene

in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit,

gleichwie er ist auferstanden vom Tode,

lebet und regieret in Ewigkeit.

Das ist gewisslich wahr.

 

 

Fotocredit: Deutsche Bibelgesellschaft

Kirchen – verw@ndert Euch.

Kleine Notizen entlang der Gräben am Wanderweg – 2 Tage in Hannover im Februar des 500. Jahres des Thesenanschlags an der Schlosskirche zu Wittenberg

Das Stichwort „Reformationsjubiläum“ ist der Refrain dieser Tage. Zumindest in meinem pfarramtlichen Alltag. Es gibt offensichtlich in den (evangelischen) Kirchen nicht nur einen kirchentheoretisch stehenden, gelegentlich gar nicht in Gänze reflektierten Narrativ von der Kirche, die stets zu reformieren sei , sondern auch eine glaubhafte grundlegende Sehnsucht nach Veränderung in der verfassten Kirche. Manche treibt das, andere lässt es resignieren, Dritten bietet es angesichts der oft sehr milieuspezifischen Ästhetik, die damit einhergeht, Raum für humoreske Selbstdistanzierung (#reformationwiesiekeinerwill).

In den vergangenen zwei Tagen Mitte Februar 2017 habe ich das evangelische Schlag- und Unwort des Jahres nicht gehört. Dabei ging es genau programmatisch um einen Aufbruch der Kirche. Der Kirchen, um genauer zu sein. Mit einer Ökumene, die so selbstverständlich war und ist, dass sie sich nicht eigens thematisierte. Manche Rhetoriken weisen auf eben gerade Ausstehendes hin und verschwinden, sobald sich ihr Inhalt ereignet.

120 Christen und Christinnen waren der Einladung von „Kirchehoch2“, einer dialogbasierten ökumenischen Bewegung, die maßgeblich vom Bistum Hildesheim und der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers getragen wird, gefolgt. Einer Einladung zum W@ndern, jener Existenz zwischen Unterwegs-Sein, Verblüfft-, Neugierig- und Aufmerksam-Sein und dem Rasten, um Wunden zu pflegen. Einer Einladung, der alle Teilnehmenden ebenso ohne Detailwissen vertrauten wie dem Prozess, dem sich jede und jeder anheimstellen würde. Ein Design, das sich im Prozess als durchaus user-centred erwies.

W@nder – Vom Fremd Sein in der Kirche. Eine Konferenz für Pioniere: eine eigentümliche Spannung, die Viele erfasste und an der auch die teilhatten, die am Rande oder via Social Media teilhaben konnten. Und ein Thema, das nicht allein von kirchentheoretischer und/ oder –strategischer Bedeutung ist, sondern ein theologisches Grundphänomen christlicher Existenz umreißt, das unter gegenwärtigen Lebensbedingungen zu einer ganz eigenen Spielart christlichen Selbstverständnis des Einzelnen führen kann.
Fremdsein verweist auf grundlegend Gleiches und ist immer eine Selbstbeschreibung. Der Philosoph Bernhard Waldenfels formuliert das folgendermaßen:

„Wer sich unterscheidet, steht auf einer Seite, das Fremde als das Wovon der Unterscheidung, auf der anderen. Der Fremdbezug liegt in diesem Fremdentzug. Die Tatsache, daß diese Asymmetrie sich verdoppelt und vervielfältigt, hat keineswegs eine Symmetrie zur Folge.“ (in: Grundmotive einer Phänomenologie des Fremden, p. 27)

Der Manchem am nächste Impuls, nämlich der des Nicht-Passens, entzieht das Fremde der eigenen Verfügung. Mit dieser Spur geht die Kirche wesensmäßig. Sie rückt gerade heute in den Fokus, weil Kirche selbst unter Druck zu geraten meint und zu Klarheiten und Grenzziehungen tendiert, die der strength of diversity nicht immer hinreichend Rechnung tragen. Sie rückt gerade heute in den Fokus, weil individuelle Lebensentwürfe von Einzelnen als stärker prägend wahrgenommen und gewertet werden als vermeintlich vorentworfene Berufsrollen. Unterstützt wird dieser Habitus durch ein Prä der Person, das derzeit in praktisch-theologischen Diskursen großes Gewicht hat.

Die Kirche w@ndert also weniger von hier weiter in die Zukunft wie eine Schulklasse, die endlich ihr Pensum hinter sich gebracht haben will, als zwischen diesen Polen, in Zwischenräumen, in „In-Betweens“. Institutionslogik steht dem dann entgegen, wenn sie formale Zentralitäten erzählt, und von Rändern spricht, in deren Mitte das Bild einer mehr oder minder bürgerlichen Parochialgemeinde steht. Und es kirchlicherseits nur das an organisationaler Kirchlichkeit gibt, was in Kennzahlen erfasst, in Statistiken abgefragt und in Haushaltsstellen abgebildet wird (manche sagen: werden kann). Und an der Seite dieser mechanistischen Steuerungshörigkeit steht eigentümlich ‚daneben‘ die Beobachtung, die offensichtlich nicht nur einzelne (evangelische?) Kirchen trifft, dass wir derzeit keinen Konsens über strategisch leitende Kirchenbilder haben – ja, kaum die Aussicht darauf. Dieses Vakuum führt zu naturalistischen Fehlschlüssen bei den einen („es muss alles so bleiben, wie es war/ ist“), zu teilweise markenkerngefährdenden Diffusionen andererseits („wir tun, was gefällt“).

Der Kongress selbst war Kirche, und zwar vornehmlich durch die Art der Vergemeinschaftung („Unterstützungssysteme ohne ‚System‘“), durch die gesprächsweise Klärung in Sachen Theologie und Glaube (und damit anschlussfähig an Traditionen aufgeklärt-erwecklichen Christentums des 19. Jh.) und in der Feier von Wort und performativer Sakramentalität (zumindest aus evangelischer Sicht).

Reformationsgedenken lässt aufmerksam werden, wo Aufbruchsbewegungen in der Kirche Raum nehmen. Mit Kirchehoch2 und der Protegierung von freshX-Ansätzen in Deutschland tritt neben der Emergent-Bewegung eine zweite „größere“ Bewegung mit visionärer Kraft an die Oberfläche kirchlicher Sichtbarkeit. Mindestens jede/r, der in Großstädten religiös aufmerksam unterwegs ist, weiß, dass sich auch unter dieser Oberfläche avangardistische Strömungen des Christlichen tummeln. Allein: Die Institution sieht, was sie zählen kann.

Beiden Bewegungen ist – bei aller Unterschiedlichkeit – gemeinsam, dass sie auf authority dissenter angewiesen sind: Etablierte Kirchen wissen im Allgemeinen, dass sie gut daran tun, Bewegungen, die sich im Bereich des eigenen normativen Konsensus aufhalten, zu fördern. Bei allem hierarchiekritischen Impuls wissen Bewegungen bei Lichte, dass sie sich ohne ein Mindestmaß an institutioneller Unterstützung und Aufmerksamkeit nicht entwickeln können. Allerdings existieren oft unterschiedliche Vorstellungen, wie diese Entwicklungen aussehen. Dass Kirchen in Projekte investieren, die keine Zielbeschreibung mit sich liefern (können), erfordert in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation Mut und erzeugt auch mindestens internen Rechtfertigungsdruck.

Die meisten Kirchen haben unterdessen gelernt, dass ein – oft neidischer – Blick über den Ärmelkanal und das Nachahmen einzelner Projektideen nicht ausreichen, um ein Pioneering in der Kirche zu etablieren. Sie lernen, dass Pioneering sich nicht auf dem kirchlichen Antragsweg sicherstellen lässt und auch nicht als die Ausnahmeerscheinung vom sonstigen parochialen Normalfall, die man sich nun mal – aus welchem Grund auch immer – leisten will. Es stellt sich vielmehr die Frage einer anderen, alternativen Kultur in den Kirchen, weil die Kultur, die für die kirchliche gehalten wird, den Menschen in unserer Gesellschaft nicht einmal mehr fremd ist: Einer Kultur jenseits der Klischees von Kaffeesahne, Gummibäumen und rotem Tee. Dieses Gemeinsame gibt es nicht – oder: nicht mehr, falls es das überhaupt einmal gegeben haben sollte. Kirche ist gesamtgesellschaftlich gesehen nicht fremd – in ihrer Ausdrucksgestalt ist sie den Menschen gleichgültig, als Form oft folkloristisch.

Kirchen benötigen ein Zusammenspiel diverser Kulturen jenseits einer Ästhetik, was irgendjemand mal gemocht, gespendet, gehäkelt haben könnte. Es ist dies eine Aufbruchsstimmung, die auch all jenen Recht tut, denen die Klischeekultur unterstellt wird, die sie aber selbst in Wahrheit gar nicht teilen: Das Fremde ist zwischen und in allen kirchlichen Dingen selbst. Nicht, weil Glaube vom Himmel fiele oder Christenmenschen per se weltdistanzierter lebten, sondern weil jeder Mensch mehr ist als das, was ein Ort in einer Struktur von ihm fordert. Im Blick auf die Kirche verschärft sich nun diese Beobachtung insofern, als Kirche und einzelner Christ auf offensichtlich unterschiedliche Weise das gleiche Ziel haben: nämlich der Verkündigung des Evangeliums zum Ausdruck zu verhelfen. Und das entscheidet die Kirche dann eben doch von Konzernen, mit denen Mitarbeitende in zunächst vergleichbar existentieller Weise fremdeln können. Von ihnen können Menschen sich distanzieren, ohne sich selbst lebensbestimmend aufs Spiel zu setzen. Bei der Kirche ist dies aus theologischer Sicht nicht möglich.

Die radikale Inkulturierung des Evangeliums durch Einzelne bei gleichzeitiger radikaler Loyalität zur Kirche erfordert ein hohes Maß an selbst angeeigneter, leistungsfähiger Theologie auf der einen Seite, und erzeugt ein hohes Bedürfnis an Vergemeinschaftung dort, wo sich im Menschen Theologie in Glaube transformiert. Der klassische Ort dieser Transformation ist das Hören auf das Wort Gottes. Der Oxforder Theologe Jonny Baker fragt in seiner Keynote für den Kongress, wo in Deutschland Container für solche Orte sein könnten, an denen Pioniere auf gemeinsame geistliche Ressourcen zugreifen können. Gesehen ist damit, dass (öffentlich) verkündigenden Menschen unter gegenwärtigen Bedingungen zentral in geistlicher Hinsicht einen hohen Unterstützungsbedarf benötigen, um ihren Dienst gern und möglichst auch auf Dauer zu tun. Fragen der institutionellen Identifikation und der Salutogenese leiten sich daraus ab. Ekklesiocommunities sind zu stärken. Kirche sollte sehen auf die Potentiale regionaler und vor allem überschaubarer Zusammenhänge derer, die die Kirche leiten und sie zeigen, und dabei unter den Bedingungen der Flächenkirchen auch die Möglichkeiten virtueller Netzwerke im Blick haben.

Die reformatorische Bewegung ging hinaus aus den Klöstern, weil ihre Eigenweltlichkeit sie mit der Zeit mehr abschottete gegenüber einem „Draußen“ als dass sie wirksamen Schutz boten. Heute dürfte es an der Zeit sein, Inseln, Zelte, Camps, Stadtklöster, (virtuelle) Netzwerke zu fördern, die der Zurüstung zu einem Dienst in einer Welt zuarbeiten, die als von Gott geschaffene immer fremd bleibt. Von hier aus würden sich auch die Orte theologisch inspirieren und geistlich anleiten lassen, die den verfassten Kirchen seit Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart hinein als stabile Orte des christlichen Lebens gelten.

Wandern, Wundern und als-Verwundete-Leben sind Grunderfahrungen christlichen Glaubens. Die hohe normative Referenz auf konventionell Gewusstes und Erlebtes in der Kirche wird neu sichtbaren Bewegungen helfen, unplanbare Dynamiken, wie sich die Kirchen in Deutschland entwickeln werden, aufmerksam zu begleiten und selbst daran mitzutun. Jede/r kann aber entscheiden, mit welchem Blick er darauf schaut und welches Maß an Störkraft hinsichtlich der eigenen Bilder vom Leben und der Welt er dem christlichen Glauben einräumen mag. Das gehört zur christlichen Freiheit, die die reformatorischen Bewegungen seinerzeit neu freilegte und die uns in diesem Jahr allen Grund zum Feiern gibt. Es ist dies eine Freiheit, die die Kirche zu erleben erlaubt.

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

Damit es jede/r tun kann. Ein Beitrag zur Barrierefreiheit in kirchlichen Kernvollzügen

Ins Buch geschaut:

Katholisches Bibelwerk e.V. Stuttgart/ Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus Nürnberg/ Franziskanerinnen von Thuine (Hgg.), Bibel in Leichter Sprache. Evangelien der Sonn- und Festtage im Lesejahr A, Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2016, 264 S., ISBN 978-3-460-32194-6.

zuerst in: HPfrBl 1 (2017)

„Wer das Evangelium liest, wird froh. Darum soll jeder das Evangelium lesen.“ So klingt es in Leichter Sprache, was die Herausgeber des zu besprechenden Bandes mit der Konstitution „Verbum Dei“ des Zweiten Vaticanums begründen: Aus der Erfordernis, dass die Heilige Schrift für alle Menschen zu lesen, hören und verstehen sein soll, erwächst die Notwendigkeit eines sprachlich möglichst barrierefreien Lektionars. Und dies mehr als 50 Jahre, bevor die deutsche Bundesregierung die UN-Behindertenrechtskonvention anerkannt hat. Das Ergebnis dieser Mühe machen die Herausgeber nun für das Lesejahr A in gebundener Form einer breiten Öffentlichkeit zugänglich (chronologisch geordnet nach den Festkreisen Weihnachts-, Oster-, Jahresfestkreis sowie Besondere Anlässe). Die Einbeziehung einer Reihe von Fachgelehrten sowie avisierten Nutzern im Vorfeld ist methodisch vorbildlich: Bereits 2013 begann die Arbeit an den Textübertragungen in Leichte Sprache, die nach einer jeweils 9-10wöchigen Vorlaufphase von Teamübersetzungen auf einer Homepage zum Gebrauch eingestellt wurde und auch weiterhin wird (www.evangelium-in-leichter-sprache.de). Die bibliophile Gestaltung des Bandes lohnt indes auch für die, die sich die Texte allein auch digital zugänglich machen könnten. Die nun vorliegende Bibelübertragung versteht sich nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung regulärer Bibelübersetzungen. Sie folgt grundsätzlich den Regeln der Leichten Sprache (kurze Sätze, kein Passiv/ Genitiv/ Konjunktiv, lesefreundliches Schriftbild, mindestens zwei Testleser). Ziel ist es, herkömmliche Lautsprache in „leichte Schriftsprache“ zu übertragen, so dass der Graben von Mündlichkeit und Schriftlichkeit überwunden wird. Ist dies im Blick auf Alltagskommunikation schon anspruchsvoll, so doch hinsichtlich biblischer Texte noch einmal mehr: Wie wird Unsichtbares anschaulich? Wie umgehen mit Bildern und Metaphern? Das Übersetzerteam hat sich entschieden, die Textverständlichkeit zum obersten Kriterium zu machen. Ob sie damit dem „Vorbild Jesu“ (S. 6) folgen, ist zwar fraglich, in der Sache ist das Anliegen aber konsequent umgesetzt: Auslassungen, Erläuterungen und Ergänzungen dienen dem Verstehen des Textes. Von „Exformationen“ – der Explikation „mitgewusster Inhalte“ – wird reflektiert Gebrauch gemacht. Bei einem Projekt dieser Größenordnung, das die Herausgabe der Texte für die weiteren Lesejahre fest im Blick hat, wäre freilich ein hermeneutisches Vorwort hilfreich gewesen. Dieses könnte deutlich machen, was die Herausgeber i.e.S. mit Verstehen meinen und auf welche Art und Weise sie sich auf „mitgewusste Inhalte“ verständigt haben. In der jetzigen Textgestalt ist vorausgesetzt, dass der vorgängige Prozess der Textproduktion mustergültig ist für die Rezeption des Buches.

Der Text steht nicht allein. Jeder Übertragung sind im Anhang Anmerkungen und Kommentare beigefügt, die für den Nachvollzug der konkreten Textgestalt ausgesprochen hilfreich sind und zeigen, wie die Regeln der Leichten Sprache jeweils individuell bedacht worden sind: Pragmatik wird über Regeln gesetzt, Abweichungen im Einzelfall begründet und einige, (manchmal zu) wenige katechetische Hinweise gegeben. Für ein Buch mit Lektionarcharakter augenfällig ist die Beifügung von Bildern aus der Feder von Dieter Groß (für die Reihen B und C werden jeweils andere Künstler die Bände gestalten). Sie dienen ausdrücklich der Illustration, sollen also die Textverständlichkeit unterstützen. Welches Potential diese Bilder gerade im Kontext von Gottesdiensten in Leichter Sprache entfalten könnten, erscheint ausgesprochen lohnenswert, auszuloten.

Die Leistungsfähigkeit der Übertragung in Text und Bild zeigt sich am deutlichsten bei Texten, die begrifflich anspruchsvoll und theologisch verdichtet sind. Exemplarisch für viele gelungene Beispiele weise ich auf die Umsetzung beim Johannesprolog hin (S. 24). Das Bild ließe sich auch in religionspädagogischen Zusammenhängen ohne erhöhten Inklusionsbedarf mit Gewinn betrachten. Joh 1, 1-8 wird als „Gedicht, dass Gott die Welt erschaffen hat“, präsentiert und die Schwierigkeit seiner Übertragung offensiv miterzählt („Ein Mann hat ein Gedicht geschrieben. Das Gedicht ist schwer zu verstehen. Aber es ist ein sehr schönes Gedicht.“). Diese Strategie überzeugt, weil sie deutlich macht, wie die Übertragung um Verständlichkeit ringt, ohne einem Verstehensterror das Wort zu reden. In den Erläuterungen z. St. (S. 222) wird offengelegt, weshalb die Übersetzer an dieser Stelle bewusst die Regeln Leichter Sprache außer acht lassen. Wirkungslogisch überzeugt das, auch gegenüber dem vielfach vorgebrachten Argument, Übertragungen in Leichte Sprache trügen in erster Linie dem Bedürfnis nach mehr „Übersichtlichkeit“ (auch in der Sache) Rechnung. Die Begründung – um die „Bedeutung dieses neutestamentlichen ‚Spitzensatzes’ zu würdigen“ – erscheint fraglich: als ob anderen Texten weniger Würde dadurch zukäme, dass sie regelgerecht übertragen worden sind!

Allgemein geltende übersetzungshermeneutische Kriterien sollten beim vorliegenden Band nicht allzu streng angelegt werden, weil er mit seinem strikten Primat auf die Wirkung, insbesondere für Menschen, denen die Sprache besondere Barrieren birgt, seinen Fokus hat. Damit gehen natürlich an anderen Stellen Fraglichkeiten einher. (zwei Beispiele: Jünger/ Apostel werden konsequent „Freunde“ genannt; die Texte sind durchgängig nicht gendersensibel).

Das Buch soll dem liturgischen und katechetischen Gebrauch dienen. Dafür ist es ein hervorragendes Hilfsmittel, um das Leben von Menschen mit der biblischen Überlieferung ins Gespräch zu bringen. Insbesondere auch im Vorlesen und beim Betrachten der beigestellten Bilder dürfte es seine Wirksamkeit in besonderer Weise entfalten. Und dies unabhängig von seinem römisch-katholischen Kontext, in dem es entstanden ist, ebenso für Christinnen und Christen anderer Konfessionen. Auch, wer auf die ausdrückliche Barrierefreiheit nicht angewiesen ist, erhält durch eine ungewohnte, weil neue Sichtweise auf die Bibel die Möglichkeit vertieften Zugangs zur Heiligen Schrift. Methodisch sind der breit angelegte Prozess, die konsequente user-centredness, sowie die crossmediale Grundanlage des Vorhabens beispielgebend für Vergleichbares.

Der Band regt darüber hinaus an, grundsätzlich zu fragen: Wie steht es um die Barrierefreiheit liturgischen und katechetischen Redens und des Gebrauchs der Bibel in Gemeinden und Einrichtungen? Was bedeutet das in Zeiten grundsätzlich abnehmender Lese- und Rezeptionsfähigkeiten? Wo sollte Leichte Sprache regelhaft angewendet werden, wo legt sich Elementarisierung nahe? Wie versteht sich der Bildungsauftrag, gerade der evangelischen Kirchen, im Blick auf basale Sprachfähigkeiten einerseits, Sprachkunst andererseits – und ihrer möglichen Verknüpfungen, wie etwa im vorliegenden Band?

Charmant ist die Grundhaltung des Herausgeberkreises, der, bei allem Engagement, um die Unabgeschlossenheit jeder, und damit auch der eigenen Bibelübersetzung und –übertragung weiß. Oder, in Leichter Sprache mit ihren eigenen Worten gesagt: „Wir alle lernen noch.“

Fotocredit: http://www.evangelium-in-leichter-sprache.de