Wie fängt es eigentlich an?

Zu den Atelierkirchentagen im August 2019 in Molau. #playingarts #resonanz

 

An der Schwelle zum Himmlischen Jerusalem klingt das Neue wie das Rauschen der Blätter von vorn. Und dann kannst Du spüren, wie die Welt sein könnte.

Wenn Kinder goldene Schiffe auf dem Wasser fahren lassen, das der Wind zu Wellen faltet und der Himmel sich öffnet. Alles gewollt. Christenmenschen sagen: von Gott.

Wenn Menschen ein und aus gehen und sagen: Es ist gut, auch wenn ich nicht glaube. Das Gute ist präfidel. Es muss nur einer da sein, der hinzeigt. Eine war die erste und sie spielte vor Gott.

Saiten machen Klänge alter Lieder an Orten, an denen sechzig Jahre geschwiegen wurde. Und nur das Klirren zersplitternder Fensterscheiben zu hören gewesen wäre, wenn denn jemand zugehört hätte.

In Ewigkeitsworten, die sie für ihre Lieben fanden, in Saat und Ruhe und Blühen und Engeln und Schlummern, im Schlummern nisten Spuren von Kornkammern.

Sie haben extra das Gras gemäht, das über den Tod gewachsen ist, damit alle lagern und teilen, wie Brot und Fische und Worte: Dinge von hier und aus der weiten Welt und Gebäck und Bier.

Am Ende wird aufgetan, mit Sicherheitssschlüsseln und Händen und Kneifzangen und Herzensschlüsseln. Und in jeder Biegung ein Gebet; Worte, die deutlicher sind als Spuren aus Staub.

Und Frauen und Männer und Kinder – sie bringen ihre Zeit, Sonnenblumen, selbstgebackenen Kuchen, eimerweise Wildpflaumen und Staunen und Neugier.

Sind eigentlich die Texturen wichtig oder das Weiss?

Einer jagt dem Frieden nach und die Spuren gehen wohl nicht mehr aus der Kleidung (Nachtrag: Sie gehen raus. Viel zu leicht sogar. Es braucht nicht mal einen Vollwaschgang). Der Friede ist komplementärfarben. Der Frieden ist Spiegelung und zaubert Menschen ein Lächeln aufs Antlitz.

Worte tauchen ab und werden klarer.

Bewegungen werden sichtbar und erzeugen Schönheit.

Eine hämmert Worte in Papierbögen und legt sie überall hin. Worte wie Käfer, die überall hinkrabbeln, den GAU überleben und sich hinter dem Gold zur Schwelle des Neuen Jerusalem bevorzugt verschanzen; vermutlich, weil es dort am wärmsten ist.  Und sie bringt Gewächse, deren Namen ich nicht kenne, und sie bringt die Käfer auf die Altarstufen. Von der Seite fällt Hoffnung auf den Herrn Jesus und von der anderen die Buntheit. „Fast echt“, sagen die Leute, doch vielleicht ist es echter, als sie glauben.

Achtung, Erinnerung: Siehe, die Welt ist gut, bevor jemand glaubt.

#präfidel. Ich mag dieses Wort, es ist schon phonetisch schön und vielleicht heißt das ja  was.

Sie kommen in Kleidern und gebügelten Hosen und mit Rollatoren und in Begleitung. Ungläubig, staunend, fragend, sehnsüchtig.

Wer macht hier eigentlich was?

Die Scharniere des Darf-man-das-Eigentlich sind reichlich verschoben.

Der Tod wird verbunden, die Früchte portionsgerecht scheiblettiert, Blutspuren verwandeln sich in Rosenblätter und tragen die Sehnsucht in sich, frischgehalten zu werden, wenngleich mit Spuren. Manches braucht Kraft und bei den meisten Dingen machst Du Dir nicht nur die Kleider dreckig. Eine umarmt sie trotzdem, getragen von der Sehnsucht der Vielen, es ihr gleich zu tun.

Man müsste viel mehr in Kirchen leben, sagt eine.

Sie schauen, sie denken und sie lehnen sich an alten Mauern an. Sie sehen Dinge, die vorher auch schon da waren. Sie lernen alte Bekannte kennen. In ihren Augen, in ihnen spiegelt sich die Sonne, das Licht und der, der alles drei geschaffen hat. Wie Wasser, Schwelle, Blut. Wie Wohnung, Haus und Straße. Wie Sonnenblume, Käfer und Panther. Zusammen.

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Fragen an unmögliche Gärten

Hommage à Joseph Beuys 

Hohenwart, 6. Juli 2019 – Playing Arts Lab

 

Wie wüchse Buchsbaum, wenn er nicht kugelig geschnitten werden würde?

Wozu ist Schlagschatten da?

Wer malt Mohnblumen an?

Weshalb sind Mücken auf der Terrasse, wenn das Moor doch so viel größer ist?

Weshalb wollen Menschen immer größer sein?

Ist es Segen oder Fluch, dass die Natur anscheinend so unbeeindruckt ist von dem, was ich denke, was ich tue?

Wer erlaubt das eigentlich, dass wir schöne Dinge immer raustragen, die häßlichen aber drinlassen?

Weshalb gaukelt Wald vor, endlos zu sein?

Weshalb ist Wald endlos?

Weiß ein Grashalm vom anderen?

Wenn Wildblumen umzingelt wachsen, sind sie dann noch wild? Und weshalb machen die Leute alle Fotos?

Neulich zeigte mir einer diese App, mit der man Pflanzen bestimmen kann. Halten wir eigentlich die Technik für klüger als die Natur? Wenn ja: Weshalb? Und wenn nein: Warum nicht?

Und was, wenn es eine solche App auch für Menschen gäbe? Was sagte sie über Dich? Und vor allem: Wer säße am Display?

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt (Versuch über Zucker im Wald, fehlgeschlagen)

Performatives Vertrauen und seine Feinde

Für den Predigt-Slam beim Deutschen Evangelischen Kirchentag 2019 in Dortmund,

22. Juni 2019 in der St. Franziskus-Kirche

 

Vom Vertrauen zu reden, ist oft moralisch-appellativ oder man steht einfach staunend davor: „Was für ein Vertrauen!“. Weshalb das so ist, finden wir heute raus. Ich erzähle Euch davon.

Ich merke nicht, wie die Zeitung morgens in meinen Briefkasten kommt.

Ich merke nicht, woher das Wasser kommt, mit dem ich dusche.

Ich merke nicht, wie die Brennesseln in meinem Garten wachsen.

Ich merke nicht, wie die Buchseiten auf der Fensterbank langsam vergilben.

Ich merke nicht, wie mein Kind groß wird.

Ich merke nicht, wann Gedankenpuzzle langsam Sinn ergeben.

Ich merke nicht, wie die Nachbarin langsam alt wird.

Ich merke nicht, dass Kaffee noch genauso viel kostet wie vor dreißig Jahren.

Ich merke nicht, wie Minze, Salbei und Koriander beginnen, ihre Blätter hängenzulassen.

 

Ich denke erst nach wenn was fehlt, was nicht klappt, die Nachbarn reden, mir etwas nicht mehr gefällt, ein Termin mich drängt, plötzlich eine Todesanzeige ins Haus flattert, ein dringlicher Appell mich erreicht oder Pflanzen mich anklagend anschauen.

 

Ich lasse gelegentlich Türen auf, weil schon nichts passieren wird.

Ich halte es nicht für nötig, Fahrräder wegzuschließen oder Worte oder Laptops.

 

Vor einiger Zeit ist mir das Auto aufgebrochen worden.

Ich erzähle das jetzt nicht, weil das in Deutschland besonders spektakulär wäre.

Die Anzahl der Diebstähle aus Autos ist in den letzten 20 Jahren übrigens um Zweidrittel gesunken.

Auch nicht, weil mir wirklich etwas Wichtiges abhandengekommen wäre. Das ist nämlich gar nicht so einfach.

 

Ich erzähle Euch das, weil es mich zutiefst verunsichert hat.

Weil da etwas nicht mehr gegolten hat, was ich für selbstverständlich hielt.

 

Ich lebe in einer beschaulichen Kleinstadt.

Wie das Leben funktioniert, ist irgendwie klar und bleibt luxuriös indifferent. Vieles muss auch gar nicht geklärt werden, weil es genug Platz für alle und alles gibt.

 

In dieser Welt, nur wenige Kilometer entfernt, ist Walter Lübcke erschossen worden.

Im Getöse von Jahrmarkttrubel, in den Grenzen der eigenen Welt.

 

Ein ehrenamtlicher Bürgermeister eines kleinen Ortes träumt nun Nacht für Nacht, dass ihm oder seiner kleinen Tochter jemand auf der Terrasse neben dem Sandkasten eine Pistole an den Kopf hält.[1]

 

Ein Nachbar sagt: Ich sehe unsere kleine Straße jetzt mit ganz anderen Augen.

Eine Politikerin sagt: Wir waren nicht immer einer Meinung, aber hier geht es um Grundsätzliches.

Unser Bischof sagt: „Manchmal kommt es uns so vor, als sei alles ein böser Traum“.[2]

Wer die Welt bis dato gepflegt hat wie ein Gärtner, lauert jetzt wie eine Löwin.

 

Blumen, Kerzen, Karten stapeln sich vor dem Kasseler Regierungspräsidium.

Blumen, Kerzen, Karten stapeln sich bei der Mahnwache heute auf dem Marktplatz in Wolfhagen.

Ritualisieren wir den Skandal?

 

Wir wollen so frei sein und leben genau in dieser Freiheit vom Vertrauen der Anderen.

Je größer meine Freiheit, um so mehr bin ich auf Euer Vertrauen angewiesen.

Und jetzt wird Freisein für Viele zur Last, weil die Dinge so groß sind, über die wir handeln: Das Klima, der Populismus, die künstliche Intelligenz.

 

Hörst Du auch manchmal die Stimme, die wispert: „Du kümmerst Dich noch selbst? Ja, wie dumm ist das denn? Lass mich das doch für Dich machen.“ So schmal ist der Grad.

 

Ich höre diese Stimme, wenn ich unter Druck gerate, wenn die Monster sich unter dem Sofa hervorwagen und wenn ich das Gefühl habe, allen Themen nur hinterherzulaufen – in der irren Annahme, man könne die Welt heute noch verstehen.

 

Und ich denke an all die Dinge, die ich nicht bemerkte.

 

Und denke daran,

dass es an mir liegt, wie Menschen arbeiten, die Zeitungen austragen.

Dass es an mir liegt, dass es Trinkwasser für alle gibt.

Dass es an mir liegt, welche Pflanzen wachsen werden.

Dass es an mir liegt, Gedanken zur Welt zu bringen.

Dass es an mir liegt, ob Menschen im Alter solidarisches Leben erfahren.

Dass es an mir liegt, wie viel Menschen verdienen, die Kaffee pflücken, am anderen Ende der Welt, und

Dass es an mir liegt, ob ein Duft von Minze und Salbei und Koriander die Welt durchzieht.

 

Und Vertrauen ist dann ganz unspektakulär da,

wie der Geruch von Minze.

 

Brennend, erfrischend, leicht scharf, und süß und zitronig und fruchtig und ein bisschen kühl. Manchmal wie Banane, manchmal wie Schokolade.

 

Vertrauen fühlt sich an wie Minze,

zart und robust zugleich,

unscheinbar und rasch vermehrt, wenn man sie denn lässt.

 

Kaum zu unterscheiden,

in wieviel Varianten es auftaucht,

und in den Farben des Grün,

noch viel mehr Grün,

als Ihr es hier auf dem Kirchentag seht.

 

Behaarte Blätter schützen das innere Wesen,

und diese ungeklärte Frage,

ob man Vertrauen eigentlich anders verstehen kann als durch Vertrauen,

dann wäre das nämlich das logische Problem, weshalb es so schwer ist, darüber wirklich Worte zu machen.

 

Vertrauen nistet sich dann überall ein

Liquid und versteckt,

in Limonade und Likör, in Essig und Eis, in Kaugummi und Zahnpasta.

 

So einen richtigen Reim gibt es nicht darauf.

Gepfeffert ist es ein Findelkind und sollte nicht in Beutel verpackt werden, überhaupt gefällt es ihm nicht, wenn es eingesperrt wird.

 

Und ich bin froh, dass es so ausdauernd, ausdauernder als ich:

Es überlebt getrocket und eingefroren,

für die Zeiten,

in denen ich aus dem Vorrat leben muss.

Wo es mir riskant erscheint,

zu vertrauen.

Wo ich Angst habe, vergiftet zu werden von der Angst.

Von der Angst,

dass die Themen zu groß sind für mein kleines Leben,

dass die Welt zu groß ist, die Menschen zu mächtig oder zu klug.

 

Es gibt diese Vision, dass Menschen und Tiere und Pflanzen und Dinge in dem, was sie Gutes zur Welt beitragen, Koalitionen eingehen. Bis dahin, dass sie einander in die DNA einschreiben[3]: in Limonade und Likör, in Essig und Eis, in Kaugummi und Zahnpasta.

 

Und ich träumte, die Minze wüchse in unsere Herzen und Köpfe und in die Sehstäbchen unserer Augen, legte sich kühlscharfsüß auf meine Zunge und unter die Fingerkuppen am Laptop.

 

Und erwacht, früh am Morgen, zu seiner besten Erntezeit, findet‘s mich, noch vor dem ersten Kaffee,

und durch einen winzigen Spalt an der angelehnten Tür – merkst Du es auch?

 

 

[1]Tweet von Petra Bahr am 19.6.2019.

[2]Bischof Prof. Dr. Martin Hein, Traueransprache für Dr. Walter Lübcke, St. Marien Kassel am 13. Juni 2019, Text hier. 

[3]Donna Haraway (2018), Unruhig bleiben.

 

 

Zu Joh 3,9. Im Rahmen der Carte Blanche am 15. Juni 2019 (Kapelle der Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche Berlin)

 

Und sagte es auch mehr zu mir selbst: Wie mag das zugehen?

 

#notetoyourself

Wenn in der Stadt die letzten Rechnungen endlich bezahlt,

die schützenden Sonnenschirme zugeklappt

und die Feuer auf den Terrassen der Cafés gelöscht werden,

wenn die Stadtreinigungskehrbürsten Kippen und Kotze weggekärchert haben und

wenn die Brandenburger Currywurstbraterin am Breitscheidplatz die letzten Fettflecken vom Tränentresen gewischt hat,

wenn nur noch die unterwegs sind,

die jetzt suchen,

dann ist nicht mehr so klar,

woher die Dinge kommen,

dann ist das da (und sei es mondlichtlaternengebrochen),

was sich tagsüber hinter Kindergeschrei im Charlottenburger Gemeindehausgarten und Sprühkreide auf Bauzäunen – „Jesus lebt“ – verborgen hat:

Alles da, plötzlich, Du hörst das doch! Das Sausen wohl, wie damals in der Wüste beim Propheten. Die Alten sagten, da seien Engel gewesen.

Du hörst das doch wohl: Sogar in Kirchenmauern wie dieser hier, in Ämtern und sicher besoldet.

Doch Du weißt nicht, woher, wohin. Woher, wohin, woher, wohin, wohin woher.

Worte und Segen und Brot und Halleluja.

Alles plötzlich.

Wie mag das zugehen?

Ich brauche Zeit und frage mich und frage Jesus und frage Gott und frage Freunde und Wolken und Hommel und die Klugen und wühle in Büchern und Erde und Gedanken.

Wie mag das zugehen?

Sehnsucht nach Ordnung und Struktur und Geltung bei Tag, wenn alles licht ist.

Es ginge so zu:

Rede, was Du weißt.

 

 

Fotocredit: http://www.gedaechtniskirche-berlin.de 

 

 

#montreal_memorial

Parallelprotokoll, Sonderedition bed-in, 26051908100830

Parallelprotokolle verlängern das Schreiben ins Leben und das Leben ins Schreiben. Sie erfassen Wahrnehmungen, Sinneseindrücke und Einfälle in protokollarischen Notizen und ergeben in der chronologischen Zusammenfassung mehrerer lebender und schreibender Menschen mit Blick auf die gleiche Sache eine Collage an Text und Leben.

Die Kulturgymnastik Berlin initiiert Serien von Parallelprotokollen und ihre Inszenierung mit verschiedenen Sprecherinnen und Sprechern. Ihre Kontinuität ist Voraussetzung jeden parallelprotokollierenden Experiments. DANKE!! 

Anlässlich des 50. Jahrestag des bed-in von Yoko Ono und John Lennon in Montreal (#montrealmemorial) haben sich Protokollant_innen zusammengefunden, die dieses Ereignis mit einem re-enactment gefeiert und es bedacht haben. Es handelt sich nach dem Wissen aller Beteiligten um den ersten Versuch einer hybriden Parallelprotokollierung. Im historischen Abstand zur öffentlichen Inszenierung des Privaten als Politischen in Montreal wird deutlich, dass es unter gegenwärtigen Bedingungen eher um eine Interferenz von Perspektiven geht als um eine „totale Rekonstruktion“, auf die Heinrich Böll in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Nobelpreises 1973 (noch) gehofft hat.

 

 

8:10  

A

Die Sonne scheint durch die zugezogenen Gardinen ins Zimmer und taucht unser Schlafzimmer in ein gemütlich warmes Licht. Geliebter Sonntagmorgen, gemeinsam im Familienbett. Maße 2,80x2m. Mein vierjähriger Sohn sitzt links neben meinen Beinen, hat eine Lego-Ninjago-Zeitschrift vor sich aufgeschlagen und albert mit seinem keinen Babybruder rum, der fröhlich glucksend und strampelnd auf meinen Schienbeinen liegt. Mein Laptop wackelt auf meinem Schoß und ich tippe. Mein Mann schläft noch am anderen Ende des Bettes. Ich sehe von ihm nur etwas Kopf und einen Fuß. Wahrscheinlich stellt er sich nur noch schlafend, um noch ein paar unbehelligte Minuten länger rauszuschlagen.
B Ein feines Ticken der Uhr. Wie Insektenbeine, die eilig über eine Fläche laufen. Und von draußen Vögel, Autotüren, Wind. Die Stadt von hinter den Häusern wie ein Meer.
C Ich kann mich nicht entsinnen, hier schon mal im Bett gesessen zu haben. Jedenfalls schlägt das Licht unerwartete Falten und Purzelbäume in den Scheibchengardinen und lässt Schatten auf den maßgeschneiderten Schrank fallen. Maßgeschneiderte Schatten, so meine Hoffnung. Dass diese Welt, die sich unbeeindruckt von meinen Gestimmtheiten und Gliederschmerzen auch heute wieder neu zeigt, irgendwie Maßgeschneidertes bringt. Die Bevölkerungsdichte dieses Raums ist in einem Drittel aller Zeit genauso so hoch wie die der bevölkerungsreichsten Stadt der Welt. Das Bett misst 2x2m und die Grenzen nachtblauen Spannbetttuchs sind die Grenzen nachtumborgener Welt. Leuchttürme auf Seersucker markieren die Sehnsucht nach Orten am Meer. Und darin jeden Morgen neu diese für mich ungeheuerliche Stille und da hinein das Symphoniekonzert aus Vogelstimmen. Die Welt, die ich beim Blick durchs Fenster erahne, ist eigentlich gar nicht für Menschen gemacht.
8:12  
B Im Hinterhof wachsen Rosen wie in Großvaters Garten. Der Messerwerfer hustet bei seiner ersten Zigarette (ich vermute es, sehe ihn nicht, die Rosen sehe ich. Zum ersten Mal. Die Kiefer und das zerrissene Tuch in ihren Zweigen zum hundertsten Mal, ich kenne es, seit ich zum ersten Mal in diesem Bett war. Bis heute weiß ich nicht, wie ich hierher geraten bin.)
8:13  
A Mein Sohn bittet mich, ihm was vorzulesen. Ich kann grad nicht, weil ich schreiben will. Er ärgert sich „manno Mama“ und macht mit seiner Zeitung einen riesigen Satz durchs Bett und springt auf seinen Papa. „Papaaaaaa, kannst du mir das hier vorlesen? Bitte. Jetzt.“ Papa räkelt sich und erzählt ein Stück aus der Comic-Geschichte. Lloyd und Garmadon fliegen mit ihrem Flugsegler und ein Mech-Roboter will Garmadon abschießen. Nix mit ‘Peace`.
C Diese Welt ist von Menschen gemacht und gaukelt doch vor, natürlich zu sein. Damals, da wollten die Reichen und die, die schön sein wollten, einen Ort außerhalb der lauten Stadt haben, um sich zu ergehen. Eigentlich ist das eher eine Welt für Vögel und Pflanzen und Tiere und solche, die sich im Unterholz verstecken. Manchmal denke ich, dass es noch viel mehr Welten gibt, die vorgaukeln, etwas Anders zu sein.
D Ah, Anfangszeitpunkt verpasst.
Alles ist leise, draußen hört man keinen Ton. Hier drinnen im Schlafzimmer nur mein Kind, das manchmal leise schnarcht. Jetzt höre ich aber gerade nur Einatemgeräusche.
8.14  
D Unser Bett ist 1,40m x 2m, weiße Decke, die über die ganze Breite geht mit oben und unten 3 grauen Quersteifen. Das Spannbettuch drunter ist schwarz, doch das sieht man nur an der oberen linken Ecke von mir aus gesehen und rechts neben mir, neben meinem Kind.
8.15  
A Mein Sohn trägt ein Pflaster auf der Stirn. Weil er ist der rote Ninja-Kai, der hat auch ein Pflaster und kann Feuer. Ich habe diese Ninjago – Geschichte schon gestern nicht verstanden. Dabei hatte der Papa den Comic mit vollem Einsatz samt aller Onomatopoesie sehr überzeugend vorgetragen. Das Tschack! Wuuusch! Boing! klang wunderbar. Dafür fehlt ihm heute morgen vor dem ersten Kaffee wohl noch der Elan.
B Das Bett ist blau bezogen. Ein blaues Spannbettuch (blau wie die Rosen rot sind), blaue Bettwäsche mit schwarzgelben chinesischen Zeichen. Ob ich sie finden könnte in der Zeitung, die im Asia-Supermarkt auslag? Im Bett befinden sich: 1 altes iPhone und 1 neues iPhone, beide mit Lederetuis, beide gehören nicht mir. 1 Kissen 1 Decke. Ich. Ein Mann. Unser kleines vertrautes Wir, warm wie unter der blauen Decke.
C Ich schreibe sonst nur im Bett, wenn ich krank bin. Als Kind hat man mir beigebracht, in jedem Raum nur das zu tun, wofür er vorgesehen ist. Ein Schlafzimmer ist keine Schreibstube. Die Soziologin, die mich gerade am meisten inspiriert, sagt, wir lebten in einer Zeit der Dezivilisierung. Das sei am subtilsten in Alltagsprozessen beobachtbar. Ich bekomme ein wenig schlechtes Gewissen und denke an das Chaos meines Lebens. Eigentlich findet fast nichts dort statt, wo es soll.
8:16  
D Mein Kind hat einen schwarz-weiß gestreiften Schlafanzug an auf dem ein rotes Herz abgebildet ist mit einem Mund, der wie ein Blitz aussieht. Das Herz hat komische staksige Beine mit albernen Schuhen. Es hebt seine rechte Hand zum Victory-Gruß, die andere hängt herab. Aus seinem Mund kommt eine Sprechblase, darin steht TOTAL HEART BREAKER, weiß auf schwarz. Ich sehe nur das Ohr meines Kindes und den Haaransatz, das Gesicht hat er am Rücken meines Mannes vergraben.
8:18  
A Dann muss Papa erst mal auf die Toilette. Er steht auf und tanzt nackt und scherzend an mir vorbei ins Bad. Ich muss lachen und sage, dass ich das jetzt protokolliere. Er sagt zum Sohn, dass er für die Mama und sich dann gleich in der Küche erst mal einen Kaffee macht. Der Sohn macht den Papa nach und hüpft als Nackedei hinterher. Dabei proklamiert er, dass ihm sehr heiß sei und er dringend ein Eis braucht.
C Zivilisiert sei auch, schreibt sie weiter, nicht freiwillig auf Autonomie zu verzichten. Ist das nicht ein privilegiertes Argument? Ist es wirklich politisch, was wir hier machen, oder ist es dekadent? Und was tun, wenn es gar keine Deutungshoheiten gibt?
D Ich muss husten. Auf der Bettdecke zeichnen sich die Beine meines Mannes darunter ab. Die Bettdecke ist verknittert, aber Bettdecken bügeln sehe ich nicht ein. Eine Milchflasche schiebt sich in mein Blickfeld. Ich glaube, es ist noch Milch drin. Beige auf weiß, mit der Millimeteranzeige.
8:19  
C Kaffee schmeckt übrigens, im Bett getrunken, anders als am Ess- oder Schreibtisch. Da ist dieser gelegentlich ungünstige Neigungswinkel und dieser Nachgeschmack, der unter den Eindrücken der Tagtrubelwelt offensichtlich leichter verfliegt. Ansonsten gibt es Kaffee am Bett für mich nur an Muttertag und vielleicht mal an diesen Morgenden, wo Du aufwachst und nicht genau weißt, wo Du eigentlich bist.
8:20  
A Das Baby lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und gluckst weiter. „Die Würde des Menschen ist unantastbar!“ prangt auf einer großen Papierbahn an der Zimmerwand. Ich weiß gar nicht mehr, vor wieviel Jahren ich das dort hingeschrieben habe. Aber es tut gut, es immer wieder zu lesen. Mal morgens, mal abends und auch jetzt.
B Im Zwischenraum zwischen Wand und den weißen Rohren, die zur Heizung führen, stecken zusammengefaltete Papiere oder Umschläge. Als warteten sie darauf, beschrieben zu werden. Der Mann sagt, sie seien dort hingerutscht. Er zeigt mir eine kleine Piccoloflasche mit roter Flüssigkeit. Darauf ein Aufkleber: Ich schenk dir mein Herz. „Das hast du gesehen?“
D Mein Mann küsst meinen Rücken, rechts von der Wirbelsäule. Er ist wach und umarmt mich, Ich spüre seinen Atem.
8:21  
C Worte in den Beginn des Tages zu rufen, ist vielleicht Ausdruck größtmöglicher Autonomie und Kontrolle, am Ort funktional größtmöglichen Kontrollverlusts. Abgelegte Dinge um mich herum. Kleidung, die den Atem eines, aus heutiger Sicht, zu langen Abends am Feuer speichert, Halbgelesenes, über dem die Augen zufielen, Flickwerk (wie lange will ich mich darum schon kümmern?) und Überreste lustvoller Nächte, die irgendwie nie jemand verräumt. Wozu auch? Funktionale Schutzräume können nicht anders, als politisch zu sein. Sind wir nicht den Anderen die Spuren schuldig, damit sie mich erkennen, etwas von mir?
D Auch weiß – und daher von mir bis jetzt nicht beachtet – das „Schäfle“, eines der Lieblingskuscheltiere meines Sohnes. Ich sehe nur ein Auge und den verschmitzten Mund. Das Fell ist flauschig … es wartet darauf, dass mein Kind aufwacht.
8:22  
A Mein Sohn kommt wieder ins Schlafzimmer gelaufen und setzt sich mit einer kleinen Schüssel Eis wieder mit ins Bett an meine Füße. Da hat er den Papa ja irgendwie rumgekriegt. Unsere Ernährung ist manchmal echt fragwürdig. Aber naja, es ist ja Sonntag, die Sonne scheint und das Leben ist schön. Er erklärt seinem Babybruder, dass dieser leider noch kein Eis essen darf.
8:23  
D Ich muss husten. Aus der Nachbarswohnung hinter der Wand an meinem Rücken höre ich ein Knarzen. Jetzt ist wieder alles still.
8:24  
C Sie dürfen es nur einmal tun und sie müssen es persönlich tun. Wahlanweisungen werden auf dem Fensterbrett von eben jenem verschattenden Sonnenlicht beschienen. Vergiss es nur nicht zu tun! Aufdringliche Modalverben und gefühlte Ausrufezeichen, die ich selten als so angemessen erlebe.
D Mein Mann bewegt sich und atmet hörbar. Jetzt ist wieder alles still. Ich huste. Komisch, ich bin eigentlich nicht krank…
8:25  
B Wir trinken synchron Kaffee. Er liest, ich schreibe. Wenn ich die Augen schließe, wächst die Kiefer heraus aus dem schmalen Bett, wächst über unsere Köpfe, bis zur Decke und hindurch. Stille. Einem Ferkel sei die Flucht gelungen, liest der Mann vor.
D Meine Beine schlafen ein, genauer gesagt nur eines. Mein Mann muss mal und ich muss zweimal niesen. Hoffentlich wecke ich das Kind nicht auf – nein, er ist noch am schlafen.
8:26  
A Der Sohn schreit laut nach Papa und dass er das Eis schon aufgegessen hat und verschwindet mit der Schüssel wieder in Richtung Küche. Mein Mann erscheint kurz im Schlafzimmer und bringt mir ein großes Glas Kombucha-Schorle. Ich wundere mich, dass wir sowas haben.
C Die Nachbarin gestern sagte, sie vermisse die Nachtigall. Ich kann gern auf Geschrei verzichten, vor allem in der Frühe. Ich bin froh, dass Kinder sich vom Schreien weiterentwickeln zu Legospielenden und Lesenden, jedenfalls Leisem. Die Nachtigall offensichtlich ist beim Geschrei am Ende ihrer Entwicklung angelangt. Ist das eigentlich erlaubt, dass manche Vögel auf der Tonlage meines Weckers singen? Mich irritiert das jeden Morgen. Überhaupt machen mir Technik-Natur-Hybride in meiner eigenen Wahrnehmungsfähigkeit eher Angst.
8:27  
D In meinem rechten Bein spüre ich ein Kribbeln, ich bewege die Zehen. Mein Kind bewegt seinen Kopf im Schlaf vor und zurück und bewegt auch seinen Mund: „ichwieeeauuu“ sagt er im Schlaf. Er liegt auf der Seite und jetzt im rechten Winkel von mir. Ich huste. Wenn mein Mann zurückkommt, wird er keinen Platz mehr haben…
8:28  
A Der Sohn kommt mit einer neuen Portion Eis freudestrahlend zurück ins Bett und bietet mir einen Löffel zum kosten an. Was soll ich sagen…es schmeckt nach Schokolade und Sommer und Sonntag und Freiheit.
C Am Morgen muss ich den Kategorien trauen dürfen. Dass Raum und Zeit wenigstens so lange gelten, bis ich einigermaßen zivilisiert autonom mitspiele in dieser Tagwelt. Ich liebe es, sehr früh aufzustehen und wenn ich diesen Zeitpunkt verpasse, ist alles für den ganzen Tag zu spät.
D Mein Mann kommt zurück, ist nackt und zieht sich eine rote Unterhose mit dunkelblauem Rand an. Laute Schnarchgeräusche von meinem Kind, er bewegt seine Finger an der rechten Hand. Ich huste. Von der linken Hand sieht man nur 2 Finger, ein Nagel ist ganz dreckig ….
8:29  
A Nun kommt auch Papa mit zwei großen Gläsern Milchkaffee wieder. Oh ja, den kann ich jetzt gebrauchen. Der Sohn will nun auch was trinken und nippt an meiner Kombucha-Schorle. Er findet, dass die nach Bier schmeckt. Woher will er das eigentlich wissen, der Schlaumeier? Kinderbier, sagt er. Das Baby brabbelt und strampelt noch immer fröhlich vor sich hin.

 

 

 

 

 

 

 

 

Peace is Power – große Worte in kleinen Buchstaben, oder: den Himmel auf die Welt verpuzzeln

 

Yoko Ono in Leipzig (Mai 2019)

 

Hurra, ich habe eine Ecke gefunden!

Wagen wir uns zuhause an tausend Teile, dann suchen wir zuerst die Rand- und Eckstücke heraus. Für den Rahmen.

Yoko Ono hat den Himmel zum Puzzle gemacht und ich habe ein Eckstück gefunden. So fühlt sich auch der Besuch in der derzeitigen Werkschau in Leipzig an: Der Himmel ist zum Puzzle gemacht und die Besucherin ist ein bedeutendes Teil darin und bekommt so ein Teil und mit ihm die Aufgabe, Frieden zu wirken. Unzählbar, aber nicht unendlich – die Menge an Teilen, aus denen der Himmel gemacht ist. Unzählbar, aber nicht unendlich – die Menge an Teilen, aus denen Friede gemacht ist. All dies aufrüttelnd, ohne moralisch zu sein.

 

Wie so vieles in „Peace is Power“ liegt Gewaltsames und kraftvoll Hoffendes nah beieinander. Die Künstlerin rückt dem Himmel mit der Stanzmaschine auf den Leib, füllt die handlichen Puzzleteile in kriegsbenutzte Stahlhelme und hängt sie nahezu freischwebend in den Raum. Und dann darfst Du den Himmel mitnehmen – im Sinne habend, dass alle dereinst zusammenkommen, um den Himmel zusammenzusetzen. Und Du hast das passende Bild. Die Ausstellung lebt davon und spielt damit, große Hoffnungsbilder gegen die aktuell alltägliche und konkrete Gewalt zu setzen.

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Y.O. in Leipzig ist Konzeptkunst und Performance, die die transparente Grenze des Museums für bildende Künste in Leipzig sowohl nach außen als auch nach innen weiterschreibt. Davon zeugen kulturelle Produkte wie eine plakatierte Litfassäule ebenso wie Wunschbäume, die die Eingänge flankieren.

Der Weg nach oben führt zu 100 Särgen, Modell Naturkatastrophe und Kriegseinsatz, aus einfachem Kiefernholz eilig gezimmert, aus denen zu auferstehungskündendem Vogelgezwitscher Zitrusbäume wachsen, deren Geruch die gesamte Halle schwängert. Nah beieinander liegen der Friede und die Hoffnung, von denen Exponate und Erfahrungen dieser Ausstellung künden, mit Gewalt, Tod und Unfrieden. Architektenpapier, bunte Tapes und eine ganze Wand fordern BesucherInnen auf, ihrer Mutter einen Platz in der Ausstellung zu schaffen. Blutverschmierte Schuhe, zersprungene Brillengläser und verbogene Kleiderbügel sind nur wenige Dezimeter entfernt. Resonanzen von Yoko Onos Calls an Künstler* und Besucherinnen* überhaupt nehmen breiten Raum ein. Glas, Wasser, Obst als Überlebensmittel sind die Stoffe, die wirksam in den Raum gesetzt werden. Man darf mitnehmen, ohne mit give-aways belästigt zu werden. Die Künstlerin fordert zu Rückmeldungen auf. Daneben werden z.T. alte und auch sehr bekannte Werkstücke gezeigt, so dass man bei aller Auswahl den Eindruck hat, doch ein „vollständiges“ Bild einer Werkschau zu erhalten. Eine Vielzahl von Kunst-, Film- und Spielregeln gab Yoko Ono anderen mit und durch die Zusammenstellung in der Ausstellung damit auch uns. Und das Museum für bildende Künste Leipzig ist ein idealer Ort dafür, Konzeptkunst, Performance und Werkschau miteinander zur Darstellung zu bringen: Immer wieder rutschen meine Blicke unversehends zu den Alten Meistern, die sich auf jeder Etage zwar vor Y.O.s Werken zurückgezogen haben, wohl aber ihren Platz behauptet haben. Konstellationen scheinen unbeabsichtigt zu sein, sind aber gleichwohl wirksam. Bewegt hat mich am meisten die Installation zur Spielregel „touch“ in einem völlig abgedunkelten und trittschallisolierten Raum, in dem die Wahrnehmung für den* unsichtbaren* Anderen* besonders sensiblisiert wird (und schade, dass die Umsetzung durch die mit indirektem Licht durchsetzte Decke nur teilweise gelingt). Die Versuchung ist, die Ausstellung in einem Museum wie ein klassisches Museum zu rezipieren. Das ist schade, weil die Exponate missverstanden sind, wenn sie betrachtet und konsumiert werden. Yoko Ono rüttelt auf, sie will space transforming, Politik, Provokation, Partizipation. Oder: das Establishment mit den Mitteln schlagen, auf die es nicht zu antworten weiß. Nur dann passt dein Puzzlestück.

P.S.: Gern hätten wir schon einen Katalog mitgenommen, statt uns noch um eigene Bilder zu kümmern. Oder wenigstens eine Zitrone.

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

 

 

#stationpoetry. Laudatio

 

Laudatio für Friederike Erichsen-Wendt und Birgit Mattausch

Im Rahmen des Playing-Arts-Symposiums 2018 hat Sebastian Schmid die Laudatio auf unser Performanceprojekt 2018 gehalten. Dabei erscheint das, was war, nochmal in einer neuen Perspektive. Der Dank für diese Worte ist riesig!! Weil mir auch dadurch ein weiteres Mal deutlich wurde, dass eigentlich die Art der Resonanzen das Besondere an diesen Dingen ist. Dazu ist noch viel weiter zu denken… 

 

Friederike fährt mit dem Zug von A nach B. Birgit gleichzeitig von B nach A. An jeder Station steigen sie aus und halten mit der Schreibmaschine fest, was sie sehen. Mit dem nächsten Zug fahren sie weiter aufeinander zu, aneinander vorbei und wieder voneinander weg.

Dieses Spiel stellt die Frage: Was ist Perspektive?

Perspektive ist die Darstellung räumlicher Verhältnisse in der Ebene eines Bildes. Im übertragenen Sinn spricht man auch von Perspektive als dem persönlichen Standpunkt, von dem aus etwas gesehen wird.

Welcher Standpunkt ist für dieses Spiel bildgebend? Birgits? Friederikes? Der der Mitreisenden? Der der virtuellen Beobachter*innen, die Teile der Aktion im Internet verfolgen durften?

Was ist überhaupt ein Stand-Punkt, wenn man sich bewegt, wenn man reist?

Und die typische Frage von Zugreisenden: Bewege ich mich, oder der Zug am Gleis gegenüber? Wer ist der feste Standpunkt und wer der Fluss? Rausche ich durch die Welt oder die Welt an mir, an meiner Filterblase, an meinem geschlossenen Weltbild vorbei?

Weiter ist Perspektive auch die Reduktion der Dimensionen, wenn zum Beispiel der dreidimensionale Raum auf eine zweidimensionale Fläche projiziert wird. Perspektive ist also Vereinfachung.

Wir erleben zurzeit starke Vereinfachungen von Weltbildern. Die komplexe, multidimensionale Wirklichkeit wird in die Eindimensionalität einfachster Denk- und Erklärungsmuster überführt.

Aber dieses Spiel widerspricht.

Nicht nur, dass es in der Dreidimensionalität bleibt, es berücksichtigt auch die Dimension der Zeit: Zwei Personen sind am selben Ort, aber zu unterschiedlichen Zeiten. Hinzu kommen weitere Dimensionen, die allesamt nicht reduziert, sondern im Gegenteil aufgespannt werden: Die persönlich-biografische Dimension, die virtuelle Dimension der Social-Media-Kanäle und nicht zuletzt die poetische.

Und trotz dieser Multidimensionalität ist Beziehung und Bezugnahme aufeinander möglich. Denn die beiden rufen sich sozusagen zu:

„Ich möchte aufbrechen um dort hinzugelangen, von wo aus du gestartet bist, um mich zu suchen.“ Die Suche nach dem Gegenüber ist die Suche nach sich selbst. Die Spuren der Einen sind der Anderen Weg.

Kann man perspektivischer Reduzierung schöner widersprechen?

 

Sebastian Schmid 28.10.2018