Momente auf Friedhöfen: Zeichen und Praxis

Gastbeitrag für die November-Aktion des Totenhemd-Blogs

 

Ich hatte ein Methoden-Reenactment vor, das sich an Roland Barthes „Das Reich der Zeichen“ (1981) orientieren sollte. So hatte ich mich vorbereitet. Doch dann kam alles ganz anders. Ein Beitrag zur oben erwähnten Aktion. 

 

Kassel. Hauptfriedhof. Wenig nach Allerseelen.

 

Rote Nebelkerzen versperren meinen Weg, hüllen einen ganzen Straßenzug ein und verbrennen die Luft, wie sonst nur zum Jahresende üblich. Ich meine, das sei in Deutschland außer der Reihe verboten, aber wer heiratet auch schon im November?

 

Auf dem Friedhof flackern tapfer die kleinen roten Ewigkeitslichter gegen den Herbstwind (tröstlich!), ein Schild am Eingang weist auf die Möglichkeit hin, Gräber mit Segen zu bedenken. Stattdessen bedeckt eine schier unendliche Laubschicht alles. Und bald auch mein Schreibgerät. Die Stadtgesellschaftlichen mit den teuren Pullovern haben ans Handfegerchen gedacht, alle anderen behelfen sich mit der Verpackung ihrer winterresistenten Pflanzen, um einem kleinen Fleck Erde Kultur und Bedeutung beizumessen. Die, die um mich herum in der Erde liegen, liegen dort schon länger, als ich auf der Welt bin.

 

Viele sind unterwegs, und doch sind sie für sich. Die Größe der Parkanlage lässt Distanz wahren und nährt doch die Solidarität. Menschen gehen in Verstorbenengedenkzonen anders ihrer Wege als in den Fußgängerzonen, nur wenige hundert Meter von hier entfernt. Innige Momente liegen in der Luft, geschlossene Augenlider im Herbstwind, und ich frage mich, wo sie sich zwischenzeitlich im alltäglichen Leben versteckt und eingenistet hatten.

 

In der Ferne höre ich Autohupen und das Grundrauschen der Großstadt. Die Friedhofsbäume versuchen, ihre Geschichten lauter zu erzählen, aber das scheint sie all ihre Kräfte zu kosten. Das Paar, das sich gerade auf den Rückweg macht, war sieben Minuten hier. Vielleicht sind es auch die kurzen Geschichten, Lebensminiaturen und Augenblicke, die das schaffen, was bleibt. Derweil fallen mehr Blätter auf meine Tastatur und für einen Moment könnte es sein, ich sei die einzige Lebende hier. Dann schleicht sich das Rollator-auf-Kies-Geräusch von hinten an mein Ohr und eine Stimme, die ihre Undeutlichkeit mit Lautstärke ausgleicht.

 

Familie F. haben sie rote Rosen auf die Grabstelle gestellt, die teuren Langstieligen, und als ich näher gehe, sehe ich, dass auch eine Rosenblüte auf der Grabplatte eingemeißelt ist. Und in mir beginnen sich Geschichten zu spinnen, von den Rosen damals und denen heute, aus Stein und aus Blüte und Blatt und Dorne und Duft. All das kann ich erst sehen, als ich das Laub ein bisschen beiseitegeschafft habe. Es kommt mir vor, als habe ich hinter Vorhänge und Schranktüren geschaut.

 

Eigentlich wollte ich zeigen, dass der Friedhof samstags nach 13h, wenn das Parken wieder umsonst und unbeschränkt ist, eine Leerstelle im urbanen Raum ist, ohne Praxis, ein Rückzugsort an Stabilität in wirrer Welt. Doch die Rosen lehren mich ein Gegenteil: Der Friedhof wird zum Ort meiner Praxis, er provoziert mich, die Lebende. Und am Ende, da werde ich einen Arm voller Laub in den Himmel geworfen haben, so hoch, dass ein Blatt am Himmel hängen bleibt. Und mit ihm die Erinnerung an den Frühling.

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

Erdbeeren, Elche und andere Einsichten – Texte aus #LandKarten

Für alle, die davon zum ersten Mal hören oder erinnert werden möchten: #Beklopptes Tun – was ist das eigentlich?

1978 machen Julio Cortázar und Carol Dunlop sich auf Reisen. Sie nehmen sich den Juli frei und fahren mit einem alten VW-Bus auf der Strecke von Paris nach Marseille. Soweit, so gut. Dabei halten sie jedoch auf jedem Autobahnparkplatz an und verbringen dort eine Zeit. Neben dem Allernotwendigsten haben sie eine Kamera und zwei Reiseschreibmaschinen dabei. Cortázar selbst schreibt in den ethnografischen Notizen, dass es sich bei dieser vierwöchigen Reise um #beklopptesTun gehandelt habe. In dieser Tradition machen Birgit Mattausch und ich uns seit einigen Jahren in jedem Sommer für ein paar Tage auf, um die Welt neu zu entdecken, um Impulse für uns und Inspiration für unsere Arbeit zu bekommen. Dieses Tun war schon immer hybrid, verknüpft zwischen digitalen und analogen Räumen. Jede Reise wird lange entwickelt und fühlt sich an wie eine Fernreise. Jede Reise ist anders. Und doch entwickeln wir über die Jahre eine Routine. Oft schreiben wir etwa regelbasiert – viele kennen das aus unseren Kursen. In diesem Jahr haben wir als ein neues Element bereits im Vorfeld ermutigt, zeitgleich zu uns zu reisen und dafür kleine Materialboxen versandt. Waren wir in den ersten Jahren überwältigt von den zahlreichen und berührenden Resonanzen, die unsere Reisen offensichtlich auslösten, ohne dass wir das von vorne herein im Sinn hatten, so wissen wir dies nun und gerade in diesen Zeit sehr zu schätzen (danke für alles und alle, die irgendwie mittun!!). Und wir hatten in diesem Jahr eine kleine Mitreisende. Weil wir hoffen, dass es nicht aufhört, dass Menschen im Kleinen was entdecken wollen.

In jedem Jahr suchen wir uns ein neues Feld des Entdeckens. Nachdem wir in den letzten Jahren hauptsächlich in Städten und Zwischenorten unterwegs waren, haben wir uns in diesem Jahr dem Lande gewidmet. Unsere Angelorte sind die örtlichen Postbriefkästen. Hier deponieren wir – gut sichtbar und vorfrankiert – Texte und Dinge auf Postkarten, die Ortsansässige und Flaneusen an Dritte verschicken können. Die Texte, die ich dort geschrieben habe, sind im Folgenden dokumentiert. Die Texte der Spielgefährtin sind hier.

Orpethal

Wo ist hier der Ort, der für die Freiheit des Spiels reserviert ist? Die psychogeografische Forschung (die die Wechselwirkungen von Architektur und Emotionen untersucht), sagt: Solche Orte werden zu „Intellektuellen Hauptstädten der Welt“. Beschreibe den Regierungssitz.

Zwischen Mauern

Schützend und verborgen

In alle Richtungen unterwegs sein

Mit schwerem Gerät, wie die Alten,

und doch voller Leichtigkeit.

Spuren ziehen und Wege entdecken

Immer auch einen Platz für andere haben

Zum Mitmachen

Lebensspielplatz

Wo die Entscheidungen fallen.

/

An diesen Bächen haben wir uns früher, vor aller Zeitlichkeit, die nassen Füße geholt. Strümpfe auf Steinen getrocknet, bis sie steinhart geworden waren. Heute fließt das Flüsschen schneller. Es hat viel zu tragen und reißt mit, wer immer sich ihm in den Weg stellt. Unbemerkt, fast ohne Rauschen. Dabei gab es dem Ort seinen Namen. Was immer den Lauf der Welt bewegt, ist fließend. So oder so.

Neudorf

Gehe 2 Minuten so geradeaus wie möglich. Stoppe, wenn dein Handytimer klingelt. Schreibe dort über das, was du siehst, wenn du nach rechts schaust.

Erker nach draußen

Fenster nach innen

Reserviert für Katze, Hund und Elch

Natur in allen Farben, Kultur in schwarz-rot-gold

Hummelsummen und leise Stimmen hinter Fenstern innen

Vergittert und halboffen zugleich

Scheunentor mit Wappentier

Leer oder voll

Das wird ausschlaggebend sein

/

Zwei Schwalben machen einen Sommer

Und der Grill

Und der bunte Vorgarten

Das leise Flirren über dem Asphalt, „polarweiß“

Sandstein gestapelt wie andernorts das Brennholz

Einflugschneisen und Antennen in die große weite Welt

semper vivum vor deinen Füßen

Helmighausen

Wir suchen jetzt an diesem Ort eine Sehenswürdigkeit, die es in einen Dumont-Führer schaffen sollte. Schreibe einen kurzen Beitrag für einen Travel-Blog, in dem die sehenswürdigkeitstypische Hassliebe unterschwellig zum Tragen kommt.

Besondere Hörenswürdigkeit, nur bei Aufstieg auf den historischen Glockenturm auch zu sehen: einzelne Glocke für den Stundenschlag, minimalistisch und durchdringend, wegweisend: zur Arbeit, zur Pause, nach Hause.

Leute hingegen sind dessen unbeeindruckt: sind schon weg, bleiben sitzen.

Nur Kinder wohl halten neugierig Ausschau, was würdig ist zu sehen.

/

„Stapeleien

Holz, so dass du gerade drüberschauen kannst

Mauer, gerade so zum Drüberspringen

Stoffbahnen, dreifarbig und augenscheinlich knitterfrei

Sternstapel

Weißt Du, wieviel Sternlein stehen?“

-ortstypische Lyrik –

Westheim

Was vermisst Du an Deinem Zuhause hier gerade besonders? Notiere es und tue es nach Deiner Rückkehr innerhalb von drei Tagen. Schreibe jetzt auf, wie es Dir danach gehen wird.

Vermissen:

Ein Leben ohne Gütertransport. Alles ist schon da.

Gute Getränke. Leben, das mehr ist als Brot und Spiele.

Unkraut. Weil Gott nicht nur die Ordnung liebt.

Lichter, die nicht ewig brennen. Auch der Moment zählt.

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Zufrieden: Was ich brauche, ist da.

Selig: Es gibt immer noch was Schönes.

Gelassen: Alles, was ich tue, ist begrenzt.

Aufmerksam: Das Wichtige kann immer jetzt sein.

Einsicht: Auch der Schatten frommer Dinge macht fromm.

Bredelar

Schau Dich nach Straßennamen um. Notiere sie. Schreibe einen Text aus den notierten Wörtern, ohne das Wort „Straße“ zu benutzen.

Ein Meister aus dem Mittelalter weist den Weg nach oben. Dort treffen sich Liederkünstler und Heilige, während unten das Leben schnurgerade organisiert ist. Mittendrin, auf der Osterwiese, tanzen Schwartmicken um die Wette, die anderntags im Zechitwerk malochen.

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Ein Heiliger vor aller Zeit.

Sauerland – vor allen Menschen da.

Klänge aus einem fernen Jahrhundert.

Gelehrte vor Erfindung des Buches.

Fossile Werkstoffe.

Plakate werben für zukunftsorientierten Lebensstil.

Beringhausen

Setz Dich an einem guten Ort hin. Denk darüber nach, ob Du eher Fernweh oder Heimweh hast. Schreibe jemandem eine Ansichtskarte (sofern es an diesem Ort welche gibt. Ansonsten darf es auch eine Blankokarte sein).

Heimweh ist mir fremd.

Und Fernweh ist vermutlich auch getrieben von der Angst, schlussendlich tatsächlich irgendwo angekommen zu sein.

Deshalb ist das Leben genährt aus der Sehnsucht, aufmerksam für alles „dazwischen“ zu sein.

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Es mag sein,

dass Menschen,

die Ansichtskarten schreiben,

sowohl Heim- als auch Fernweh haben.

Die Ansicht dieser Karte jedenfalls

Ist

LEER

/

Die Ansichtskarte ist eine aus der Zeit gefallene Möglichkeit, mit Anderen in Kontakt zu treten. Dabei besteht eine stille Übereinkunft zwischen Sender:in und Empfänger:in, dass eben jener Ort seine hochglanzpolierte Schokoladenseite zeigt, von der die Sender:in hofft, dass davon etwas auf ihr:sein zerbrechliches Leben falle. Dieses Upgrade teilt sie durch den Versand eines kleinen Stückchens Karton. Diese Hoffnung transzendiert „fern“ oder „heim“.

Bontkirchen

Suche einen Baum, unter den du dich setzen kannst. Mach einen Moment Rast. Achte dann auf das, was sich bewegt. Schreibe darüber.

Textle für Levke Louise

Bewegt sich alles, ist der Ursprung des Bewegens von außen. Bewegt sich nur ein Einzelnes, dann stößt es diese Bewegung von sich aus an. Auch Einzelnes kann von außen bewegt werden. Zum Beispiel der Grashalm, der von Babyfüßen erkundet wird. Geduldig lässt er die kleine Forscherin ans Werk. Sie ist von alledem sichtlich am meisten bewegt.

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Wohin fliegen Gewitterfliegen eigentlich, wenn es nicht mehr gewittern will?

Wie gelangt der Geist heiliger Orte ins Blätterwerk der Baumkrone, die ihn überschattet?

Woher weiß eins, dass es lernen muss, die Welt mit Händen und Füßen zu erkunden?

Weshalb wächst der Grashalm nach oben und die Wurzel nach unten?

Weshalb und wozu gehen wir dorthin, wohin wir gehen?

Schwalefeld

Suche die lokale Küche. Schreibe eine Miszelle, in der die Nr. 10 auf der Speisekarte (sofern es eine gibt) eine tragende Rolle spielt. Sofern es keine gibt, beschäftige Dich mit dem, was heute besonders im Angebot ist.

Diemelforellen wissen, wann sie als Angebot auf der Speisekarte stehen. Dann verstecken sie sich unter Steinen, Hecken und Zäunen und warten auf die restlichen Tage der Woche, an denen die Menschen sich lieber von heimischen Eierpfannkuchen und dem Kotelett des Weideschafs ernähren.

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Es gibt Orte, an denen gibt es keine Angebote. Und man weiß gar nicht so genau, ob damit dann alles oder nichts im Angebot ist. Es mag auch sein, dass nur Eingeweihte überhaupt geladen sind, die über Insiderwissen verfügen, wann wo plötzlich was entsteht. Ich wünsche mir eine Welt voller solcher spontanen Angebote.

Lange Unwetterfahrt im Regen

ohne Worte

Twiste

Xenophilie ist die Vorliebe für fremde, unbekannte Dinge. Nimm für die Dauer dieser Aufgabe an, Du seist xenophil: Wohin zieht es Dich an diesem Ort? Beschreibe aus Sicht eines Menschen oder Dings dort Dich oder Dein Zuhause oder einen Aspekt Deines Lebens, der Dich wesentlich ausmacht.

Anderes Leben #langsam

Anderes Konsumieren #adfontes

Aufmerksamkeiten schüren #beschaulich

Gewissheiten trauen #aufeinRisikosetzen

Alles in tausend Farben #mehlspeisengrau

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Zentrales Schockmoment für hüpfende Erdbeeren: Es gibt Dinge und Wesen, die verwurzelt sind, manche sogar in der Erde. Es scheint, als seien nur sie in der Lage, sich wirklich aufzurichten und den Blick gen Himmel zu lenken. Deshalb hausen wir lieber in metallenen Käfigen, wenn dies nicht gelingt, um uns von anderen freikaufen zu lassen.

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Fotocredit: Birgit Mattausch

#LandKarten

#savethedate #callforboxes

Wir tun es wieder.

Birgit Mattausch und ich widmen uns in guter Tradition dem „Bekloppten Tun“.

Nach #stationpoetry, #paraprot und #Raumpflege geht es dieses Jahr um #LandKarten.

Am 27. Juli 2021 werden wir auf Reisen sein. Ihr werdet uns dann folgen können unter #LandKarten. Und dann auch mehr erfahren.

Zwanzig von euch können, ausgestattet mit einem Equipment-Paket von uns, fernteilnehmen und so ihre eigene – kleinere oder größere – Beklopptes-Tun-Reise machen. Idealerweise am 27. Juli – oder auch ein wenig später.

Wenn ihr das wollt, dann mailt (mit Angabe der Adresse, an die die Post gehen soll) an:

Landkarten2021[@]web.de

Für ein solches Paket bitten wir Euch um 15 Euro (reine Material- und Versandkosten). Das erste Paket verlosen wir. Wenn ihr sehr gern mitmachen wollt, 15 Euro aber zu viel für euch sind, dann meldet euch auch – wir finden einen Weg. Wir versenden rechtzeitig vor dem 27. Juli.

„Wo, wenn nicht hier? Wer, wenn nicht wir?“ Vom Anfangen und was ein Zebra damit zu tun hat

Buchbesprechung: Elisabeth Steinkellner, Papierklavier, illustriert von Anna Gusella, Weinheim und Basel 2020.

„Papierklavier“ ist ein Buch, das in Sachen Diversität sensibilisiert und auf das Lebensrelevante im Alltag hinzeigt. Die großen Themen eines zeitgemäßen Gesellschaftsporträts werden mit großer Leichtigkeit ausgerollt, ohne explizit genannt zu sein oder gar banal zu wirken. Armut zeigt sich darin, dass drei Euro Essensgeld selbstverständlich so angelegt werden, dass es für alle reicht. Ein schlechtbezahlter Dienstleistungsjob gehört zum Leben der 16jährigen Protagonistin Maia, die mit ihren beiden Halbschwestern in einem neun Quadratmeter großen Zimmer wohnt. Liebevoll ist ihr Blick auf die Mutter: alleinerziehend, absorbiert von allzu viel Arbeit, von Vorurteilen umstellt. Lebensstil, Mobbing, Transgender, Identitätssuche, Sexualität, Überwachung am Arbeitsplatz, Inszenierungseifer, Feminismus, Tod und Trauer – all dies klug thematisiert in kleinen Alltagsszenen, die sich lose aneinanderreihen und doch eine große Geschichte ergeben.

Die gemeinsame Arbeit von Elisabeth Steinkellner (Text) und Anna Gusella (Illustration) wählt die Form eines Tagebuchromans und steht damit in der Tradition von Daniel Defoes „Robinson Crusoe“ oder „Stiller“ von Max Frisch. Das klassische Druckbild ist aufgelöst, das Buch durchgehend grafisch gestaltet, ohne sich offensichtlichen grafischen Formen anzuschließen: Jede Seite ist anders. Das macht das Buch zu einem Entdeckungsbuch, da die Graphiken nicht nur scribbeln und illustrieren, sondern die Gedanken des Textes auch eigenständig weiterführen. Dass wir dabei Maias Tagebuch in Händen halten, rückt uns zum einen der Hauptfigur des Buches, deren Sicht die Leserin konsequent und exklusiv teilt, sehr nahe, macht sie andererseits zur Voyeurin in der Welt einer anderen Person. Augenzwinkernd selbstironisch wird dies etwa dann, wenn Maia sich im Verlauf der Erzählung an einem Graphikwettbewerb beteiligt, den sie zwar nicht gewinnt, aber doch unter den besten Drei ist.

Zur formalen Exzellenz des Buches gehört auch, dass die literarischen Formen vom klassischen Bewusstseinsstrom über die Trendgattung Liste bis zum meme als Form des digitalen uncreative writing wechseln, ohne die Leserin zu irritieren. Das skizzierende Tagebuch tut dies beiläufig und unaufgeregt. Die Themen des Buches sind ausgesprochen sorgsam ausgelotet: So zeigt sich das Thema Gendergerechtigkeit etwa nicht nur an Maias unnachgiebigem Bestehen auf inklusiver Sprache, sondern die Adressat*innen erfahren etwa auch, weshalb bei Wetterphänomenen, die nach weiblichen Vornamen benannt sind, mehr Menschen sterben. Kleine Szenen zu Themen wie Mermaiding oder Menstruation schließen auf der Höhe der Zeit an aktuelle Diskurse an, ohne peinlich zu wirken. Eine große Kunst ist dabei, dass das Buch ganz ohne belehrende Untertöne auskommt.

Zu Beginn stirbt Sieglinde. Weil sie alles verkörpert, was wir kulturell gütigen Großeltern zuschreiben, ist sie für alle „Oma Sieglinde“. In ihrem situierten Leben schien unaufgeregt alles zu passen. Heidi, eine von Maias Schwestern, mochte sie besonders. Oma Sieglinde ließ sie an ihrem Flügel spielen und förderte ihr Talent. Maia lässt uns Anteil haben an ihren Gefühlen bei der gutbürgerlichen Trauerfeier für Sieglinde und hört ihrer 7jährigen Schwester beim Philosophieren über ein Leben nach dem Tod zu: „Es muss schön sein, sieben zu sein“. Und Maia fragt sich, weshalb es ihr eigentlich nicht gelingt, Oma Sieglinde zu zeichnen. Gibt es eine anschaulichere Beschreibung dafür, dass ein Menschenleben nie in dem aufgeht, was wir davon wahrnehmen? Ohne die Klavierstunden bei Oma Sieglinde eine Etage höher, bastelt sich Heidi eine Tastatur auf einem Bogen Papier und spielt darauf – leiser, aber mit gleichem Ernst. „Zebra“ sei ihr zweites Wort gewesen, erfahren wir. Durch diese kreative, augenscheinliche Parallele zwischen den schwarzen und weißen Tasten des Klaviers und dem gestreiften Fell des Zebras wird dem Buch eine hochsymbolische Deutungsebene eingezogen, in der es um Perspektiven (in einem monoperspektivischen Buch!), Gemeinschaft und Alltagsweisheit geht. Währenddessen arbeitet Maia heimlich Extraschichten, um Heidi Klavierunterricht zu organisieren und zu finanzieren. In all diesen Arrangements des Alltags fragen die Schwestern sich, ob sie für Oma Sieglinde mehr gewesen sind als ein „Sozialprojekt“? Nein, den Flügel erben sie nicht. Er wäre ja auch größer als ihre Wohnung. Auch das Auto nicht. Überhaupt: Alles Tun und Nachdenken vertreiben die Trauer nicht. „Ich“, schreibt Maia im Blick auf ihre zweite Schwester Ruth, „bin völlig ratlos. ‚Ich mach dir eine heiße Milch mit Honig.‘ Was Besseres fällt mir nicht ein. Ruth wimmert immer noch, während ich … inständig hoffe, dass noch Milch da ist. Und Honig.“ Am Schluss des Buches stellt sich ein begründetes Gefühl von „alles gut“ ein, obwohl längst nicht alles gut ist. Jedenfalls wird es der Leserin leicht gemacht, Maia getrost ihrer Wege gehen zu lassen und noch einmal in Ruhe durch das Diary zu blättern und angesichts weiterer grafischer und textlicher Entdeckungen zu staunen. Zu diesem genauen Blick ins Buch und vor allem aber auf die Alltagswirklichkeiten der Menschen, die um uns leben, regt „Papierklavier“ an.

Die zum Zeitpunkt dieser Besprechung (Mai 2021) brodelnde Diskussion um die Auszeichnungswürdigkeit des Buches deutet darauf hin, dass hier Themen berührt sind, die gesellschaftlich aktuell und brisant sind. Und dies in einer für Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen ansprechenden, unaufgeregten und verständlichen Gestalt.

Graphik: Detail aus dem besprochenen Buch (ohne Seitenzahl)

Überschüttet.

[5. Sonntag nach Trinitatis]

[12. Juli 2020]

[Gottesdienstentwurf für das Format Gottesdienst25′ der Arbeitsstelle Gottesdienst der EKKW]

[Überschüttet]

Musikalisches Intro: Wellen[1]

Begrüßung

Im Namen des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes. [Amen.]

Fürchte dich nicht.

Gott ist da.

Fahr raus.

Gott ist da.

Du bist da.

Andere sind da.

Gott ist da.

[Musik: Choral instrumental, beispielsweise EG 165]

Psalm

Ps 73 = EG 733[2]

Gebet

Gott,

ich halte mich zu Dir.

Ich ahne, dass ich mich zu Dir halten sollte.

Halte Du zu mir.

Jetzt und immer.

Amen.

Lesung

Lk 5, 1-11 (= Predigttext)[3]

Auslegung

[1. Fleißig]

Sie haben die ganze Nacht gearbeitet. Simon und all die anderen. Das ist der Job. Wie gut, dass sie ihn haben. Sie waren fleißig, haben getan, was von ihnen erwartet wird. Kennt Ihr diesen Moment in der Nacht, in dem es wirklich-wirklich schwierig ist, noch auf den Beinen zu bleiben? Da ist der Boden weg. Wasser und Wind werden kalt. Das Wasser ist schwarz. Plötzlich ist das Boot, dein eigenes Handwerkszeug, so zerbrechlich. Die Bilder harter Arbeit überlagern sich mit den Bildern übermächtigen Meeres, die ich aus dem Fernsehen kenne. Das Wasser ist schwarz. Ertrinken ist still. Die Wellen sind mächtig. Die Tiefe unauslotbar. Tiefer und noch tiefer, immer weiter. Schier nie endend. Ich spüre etwas von der nasskalten Kleidung dieser Leute und den müden Knochen. Von Händen, die vor Erschöpfung zittern, die Augenlider fallen einfach zu, wenn die Welt ankündigt, zu erwachen.

[2. Über-Fleißig]

„Fahr raus“ – hören sie da noch einmal, nach all der getanen Arbeit, wenn Du denkst: „Jetzt ist’s geschafft“, „jetzt ist’s endlich geschafft“. Keep on working. Nur einen leisen Einwand höre ich in der Bibel. Simon sagt: „Das haben wir doch schon mal versucht“; und ich kenne dieses mächtige Gefühl, das die Jünger in sich gehabt haben müssen – ich kenne es, ohne es in Worte fassen zu können. Am Ende, ganz am Ende wird es offensichtlich vergessen sein. Möglicherweise werden wir am Ende nicht mehr wissen, was es war, was uns in den eigenen Grenzen festgehalten hat.

Sie fahren also raus. Auf das schwarze Wasser zu. Dahin, wo das Boot zerbrechlich wird. Mein schwarzes Wasser derzeit ist die allverbundene, belebte Welt. Die sich nicht nach meinen Wünschen richtet. Die Kränkung, dass winzige Wesen (strenggenommen sind sie das nicht mal) stärker sind als ich, als wir alle. Die Bibel sagt: Inmitten glitschiger, zuckender Fischleiber erkennen die Jünger Gott. Das ist unheimlich. Das ist fremd. Mir auch. Wer fromm ist, erinnert sich, dass die Bibel mit „Fischen“ ans Abendmahl erinnert. Mitten im tiefsten Meer deckt Gott mir den Tisch, mit Brot und Wein und Fisch. Da, wo es dunkel und kalt ist. Mir ist das unheimlich. Ob es mir fremd ist? – – – Das Boot droht zu sinken. Gott ist da. Fürchte dich nicht. Mitten im Wunder. Die Welt ist widerständig, schwankend, nasskalt. Fürchte dich nicht. Mitten im Wunder. Die Welt ist großzügig, überschwänglich, verschwenderisch. Der Auferstandene wird am Ufer des Sees Fische für seine Leute zubereiten. Es ist viel mehr da, als Du brauchst. Fürchte dich nicht.

[3. Über-Fließend]

Simon und die anderen sind gleichsam „überschüttet“ von dieser Erfahrung. Sie wissen, wie’s geht, mit dem Fischen, und sie wissen zugleich, dass damit nichts garantiert ist.[4] Für ihre Entscheidungen ist nicht mehr allein ausschlaggebend, was einmal war und was galt. Ausschlaggebend ist offensichtlich diese Ahnung, was sein könnte.

[4. Fließend: In Verunsicherung hilft Verunsicherung]

Ich sehe mich heute in dieser Geschichte mit der verunsichernden Seite des Glaubens konfrontiert. Und ich merke, dass es mir wichtig ist, Ihnen davon zu erzählen. Weil ich überzeugt bin, dass uns das in diesen Tagen mehr hilft als das, woran wir uns so gut gewöhnt haben: Je bürgerlicher und eingerichteter wir wurden, desto wichtiger wurde es offensichtlich, von Gottes Schutz und Begleitung zu sprechen. Fast wie eine Selbstbestätigung eines sicheren, auch privilegierten Lebens. Glaubten wir denn wirklich, wir könnten Untiefen ausbetonieren mit Appellen an einen Gott, der tut, was mein Leben bequem macht? Mir wird das immer fraglicher, was an Gott wir uns da eigentlich versichern. Was ist, wenn ich davon so wenig erlebe? Vielleicht auch nie mehr erleben werde?

„Fahr raus“, höre ich, und spüre Nasskälte auf der Haut. Fürchte Dich nicht. Da sind Leute, die wissen, wie’s geht, und trotzdem… Sie haben sich grundlos ausgesetzt, schwarzem Wasser und schwankendem Boden, zerbrechlichen Booten. Fahr raus. Fürchte Dich nicht. Da ist Gott. Genau da. Fürchte Dich nicht.

Amen.

Ideen für Interventionen

Falls Sie es mit eher mobilen Menschen zu tun haben: Gibt es in der Kirche Stufen oder Absätze? Wieviel Fläche des Fußes muss sicher stehen, damit ich nicht schwanke? Wann geht es los, dass ich mich eher unsicher als sicher fühle? Wie fühlt sich genau dieser Moment an? Was ist gut an diesem Gefühl? Falls der Kirchraum keine Stufen hat: Regen Sie (vor allem die Erwachsenen!) an, auf dem Heimweg auf dem Bordstein zu balancieren.

Falls Sie es mit weniger mobilen Menschen zu tun haben: Erzählen Sie einander, wann Menschen dieses „Fahr raus“ gehört haben. Wie war das?

Für die Woche: Tun Sie eine kleine Sache, die für Sie mit einer festen Uhrzeit verbunden ist, in dieser Woche einmal bewusst zu einer ganz anderen Zeit. Sehen Sie dies als ernsthaftes Spiel an. Beobachten Sie sich dabei selbst. Was haben Sie neu entdeckt? (Schreiben oder erzählen Sie einer Person davon, die Sie an diesem Sonntag im Gottesdienst gesehen haben. Rufen Sie sie an oder werfen Sie ihr Ihren Text in den Briefkasten.)

Musik: ad lib., vielleicht ist es möglich, dass jemand, von einem Instrument begleitet, EG 313, 1 singt. Alternativ: eg+ 114.

Fürbitten

Gott,

gehalten zu sein ist Gnade.

So bringen wir die vor Dich,

für die es schwer ist zu sehen, dass sie das gute Leben nicht selbst verdient haben: die Leistungsträger, die Disziplinierten, die Tugendhaften.

Wir bringen die vor Dich,

denen das gute Leben ganz fern zu sein scheint: Denen gerechter Lohn fehlt, denen Arbeit fehlt, die Gewissheit, durch die Woche zu kommen.

Wir bringen unsere Kirche vor Dich: die, die schwinden sehen, was ihnen daran lieb ist. Die, denen es schlaflose Nächte bereitet, „auf Sicht“ zu fahren. Die, die so dringend angewiesen sind auf uns – auf unsere Sorge, unser öffentliches Wort, auf Brot und Wein.

Ach, Gott, und unsere Welt bringen wir vor Dich: Klagen Dir den vielfachen Tod im Meer, unseren unachtsamen Lebenswandel, die Ächtung der Vernunft.

Sieh das alles an, und tue, was ich für nicht möglich halte: Wandele uns, wandele die Kirche, wandele die Welt in Segen.

Vater Unser

Segen

Musik (evtl. vom Anfang aufnehmen)

Kollekte

EKD-Kollekte für die Diakonie Deutschland – Diakonische Projekte für ein respektvolles und tolerantes Miteinander (Kollekte EWDE)

Ausgrenzung und menschenfeindliche Einstellungen begegnen uns in allen Teilen der Gesellschaft. Mit Ihrer Kollekte sorgen Sie dafür, dass Menschen auch in schwierigen Lebenslagen nicht an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden. Mit dieser Kollekte unterstützen Sie konkrete Projekte, die Menschen vor Ort dabei unterstützen, ihrem Anliegen Gehör zu verschaffen und sich mit Mut und Zivilcourage für unser demokratisches Zusammenleben und gegen Menschenfeindlichkeit, Rassismus und Antisemitismus einzusetzen.


[1] Wer das Stichwort in eine Audiodatenbank eingibt, findet neben Naturaufnahmen alles zwischen Elektro-Pop und Schifferklavier. Suchen Sie etwas heraus, woran Ihre Gottesdienstbesucher*innen gut anschließen, sie aber auch schon einstimmt.

[2] Schreiben oder drucken Sie jede der zwölf Zeilen des Psalms auf ein DIN-A4-Blatt. Diese zeigen an, wo Menschen sich in der Kirche hinsetzen können. An dieser Stelle des Gottesdienstes liest jede/r seine*ihre Zeile. Ob dies nummeriert erfolgt oder so, wie Menschen sich aufeinander einstimmen, entscheiden Sie.

[3] Eine Lesung mit verteilten Rollen ist abgedruckt in: J. Arnold/ F. Baltruweit, Lesungen und Psalmen lebendig gestalten, ggg 2, Hannover 2004.

Eine Lesung des Textes durch StL Thomas Hof, die im Rahmen der Arbeit des Evangelischen Studienseminars Hofgeismar entstanden ist, kann bei der Autorin kurzfristig angefragt werden.

[4] Eine klassische Beschreibung von „Unverfügbarkeit“. Jüngst erst wieder: H. Rosa, Unverfügbarkeit, Wien/ Salzburg 2018.

Auf welche Frage antwortet eigentlich die Diskussion um das „digitale Abendmahl“? Ein Beschreibungsversuch

 

Etwas ist stofflich und zugleich unsichtbar. Der Diskurs ums Abendmahl dient derzeit dazu, zu verstehen zu versuchen, was „da draußen“ (oder doch in mir drin?) eigentlich gerade geschieht. In der Hoffnung, dass es etwas gibt, was heilsamer ist als dieses Virus.

 

Es mutet auf den ersten Blick seltsam an, dass derzeit ausgerechnet die Frage nach dem Abendmahl kirchlicherseits neu an Brisanz gewinnt. Wir sind in Woche Zwei einer allgemeinen Kontaktsperre in Deutschland und wenig scheint wichtiger zu sein als eine innerkirchliche Debatte. Mein erster Verdacht war, dass man sich ablenken will – von den Szenarien, auf die wir trotz weisungsgemäßem Verhalten zugehen könnten und dem, was das dann für Geistliche bedeuten würde. Ich hoffe, mich zu täuschen.

 

Stattdessen lege ich einen Deutungsvorschlag vor, der dem Charakter nach nicht mehr als ein tastender Versuch ist, keineswegs vollständig. Das wäre angesichts der Topografie der Abendmahlsdiskussion vermessenm vielleicht gar nicht möglich. Dennoch glaube ich, dass es weder ausreicht, von einer Abbildungslogik des Virtuellen zu sprechen, noch den Versuchen digitaler Sakramentalität zu unterstellen, sie seien durch die Verheißung erhöhter Reichweite motiviert. Neuerdings bin ich mir auch ziemlich sicher, dass es nicht darum geht, die Formatierungsgrenzen des Abendmahls auszuloten. Das einmütig wirkende Summarium in Act 2,42 schreibt der christlichen Tradition bereits ein, dass die Gemeinde „immer neue Strapazen auf sich genommen hätte“, um angemessene Formen ihrer Vergemeinschaftung zu finden. Hinweise auf Taufen mit Sand und Abendmahl mit Chips und Cola klären die Frage des digitalen Abendmahls nicht, weil Digitalisierung eben kein neuer Kontext ist, in dem religiöse Kommunikation sich bewegt. Digitalisierung ist ein Umstand, der alle Lebensbereiche durchwirkt und nicht „neu dazukommt“.

 

In der aktuellen Diskussion sind vor allem zwei Ansätze prominent (die Diskurslage ändert sich rasch, deshalb kann sich diese Beschreibung schon bald als überholt erweisen):

Die eher institutionsorientierte Haltung mahnt zur Besonnenheit, zum Abwarten. Sie kann Abendmahlsverzicht als „Fasten“ deuten, als heilsames Interim. Die Institution ist derzeit massiv unter Entscheidungs-, z.T. sogar Handlungsdruck. Ich kann nachvollziehen, dass sie dezidiert fachtheologische Debatten derzeit zurückstellt. Dennoch schleicht sich der Eindruck ein, hier solle etwas vermieden werden. Ja, es sind Hausaufgabe nicht gemacht worden – aktuelle Lehreinschätzungen nicht frequent genug überprüft worden. Die Haltung unterstellt aber, es gäbe eine flächendeckend verankerte Abendmahlspraxis, die jetzt überhaupt zu einer Situation heilsamen Wartens führe. Könnte es nicht umgekehrt sein, dass sich die Abendmahlspraxis auch ausschleicht, wenn sie für die Menschen, die sie feiern, nicht (mehr) als relevant und heilsam erlebt wird? Zu diesem Erleben von Relevanz gehören notwendigerweise auch die Bedingungen, unter denen Menschen leben: der eher sporadische Kirchgang, der hohe Anteil von Ein-Personen-Haushalten in unserem Kulturkreis, digitalisierte Lebenswelten, und aktuell eben die restrikte Kontaktregelung, die auch dazu geführt hat, öffentliche Gottesdienstfeiern vorübergehend auszusetzen.

Tendentiell erweckliche Haltungen mit ihrer Betonung von individuellen Frömmigkeiten scheinen es da einfacher zu haben. Grundsätzlich eher institutions- und auch amtskritisch, erleichert die kultische Quarantänesituation die Stabilisierung eigener Hausfrömmigkeit. Unklar bleibt, wie Sinndeutungen stabilisiert werden, sich normativ vernetzen, wie sie die politisch-öffentliche Dimension des Abendmahls zur Geltung bringen, wie vermieden wird, dass individuelle ästhetische Präferenzen normativ werden, wie Lehre entwickelt wird, wie ein extra nos wahrscheinlich gemacht wird.

 

Wir befinden uns in einer Ausnahmesituation, in der probiert werden kann, was anschließend weiter gelten kann, aber nicht muss. Das entbirgt bei allen Einschränkungen ein Freiheitspotential.

 

In diesem Sinne versuche ich eine Beschreibung: In den gegenwärtigen Debatten geht es demnach um die Frage, welche körperliche Ko-Repräsentation hinreichend ist und: was womit ko-präsent sein muss. Die Annahme, Abendmahl könne ausschließlich unter körperlich Anwesenden gefeiert werden, war aus meiner Sicht noch nie überzeugend, weil es reichlich kirchenhistorische und konfessionelle Beispiele gibt, die von der Geltungskraft anderer Formen zeugen. Die unmittelbare Anmutung von Körperlichkeit erwies sich bislang argumentativ (!) als stärker als der Hinweis, dass Christi Leib (nicht sein Körper) im Abendmahl als anwesend geglaubt wird (nebst aller konfessioneller Varianten), dass die „Gemeinschaft der Heiligen“ aus Engeln, Verstorbenen und anderen Mächten und Gewalten ja ebenso nicht-körperlich anwesend geglaubt wird, und dass nach evangelischem Verständnis die „Kommunikation im Glauben“ ebenso wirksam ist wie der Empfang der Elemente.

 

In der Corona-Situation wird die Annahme einer notwendigen körperlichen Anwesenheit nun grundsätzlich fraglich. Es geht jetzt auch nicht mehr um die vielzitierten seelsorglichen Einzelfälle, um derer willen etwas „Anderes“ geschehen könne.

 

Vielmehr wird virtuelles Abendmahl deshalb plausibel (oder mindestens: wieder diskutierbar), weil wir derzeit ein virtuelles Phänomen, nämlich die Ausbreitung eines Virus, am eigenen Leibe als wirksam erleben. Meine Vermutung ist, dass die jetzige Diskussion um das Abendmahl ein Verstehensmodell sucht für die Mechanismen, denen wir derzeit ausgeliefert sind – verbunden mit der Hoffnung, es gäbe quasi ein „heilsames Pendant“.

 

Ich ziehe ein paar Spuren, suche Analogien. Die Beobachtungen könnten dabei in ein Feld eingezeichnet werden: Die Virus-Metaphorik ist, bei näherem Hinweisen, durchaus konventionell in der Gegenwartskultur. Ich versuche Beschreibungen, die – cum grano salis – die Bewegungen des Virus transparent machen für das, was im Abendmahl geschieht. Dabei interessieren mich keine weiteren pharmakologischen Metaphern für das Abendmahl, wie die Tradition sie kennt, sondern eher medientheoretische Mechanismen, Spuren, Wege.

 

Kontakt ist für die Übertragung eines Virus notwendig, ja, sogar physischer Austausch. Es handelt sich um körperliche Prozesse, die gleichwohl unsichtbar bleiben. Körperlichkeit und Sichtbarkeit gehen also nicht notwendigerweise miteinander einher! Die gegenwärtige Kontaktverbotszeit ist quasi eine Blaupause für die Wege, über die dies geschieht: Menschen bleiben in ihren eigenen vier Wänden, fassen Einkaufswagen und Türklinken nur durch Handschuhe an und tragen einen Mundschutz. Unmittelbarkeit wird vermieden. Im „normalen“ alltäglichen Leben ist Unmittelbarkeit der körperlichen Austauschbeziehungen folglich der Regelfall, nicht die inszenierte Ausnahme.

In den Übertragungswegen gibt es keinen genau beschreibbaren Anfang – irgendwie „war es schon da“, bevor ich ins Spiel komme. Es geht in der Übertragung immer um mehrere Körper, die eine Rolle spielen, im Fall einer zügigen Übertragung sogar um „viele“. Die Rede ist von „Infektionsketten“. Oft sind sie schwer zu rekonstruieren. Die Wege sind vernetzt und vielfältig, immer stofflich. Dabei handelt es sich um einen stofflichen, physischen Austausch, der sich im Regelfall unterhalb unserer Wahrnehmungsschwelle abspielt: Kaum jemand wird bildhaft die Situation erinnern, die zu seiner Ansteckung geführt hat. Wohl aber wird er eine Erzählung kreieren wollen, wie es dazu gekommen ist, dass er/ sie sich anstecken konnte.

Dabei kommt das Virus nicht ohne Trägermedium aus. Es ist immer medial vermittelt, aber relativ zur konkreten Situation. Nicht der Träger liegt fest, wohl aber der Umstand, dass überhaupt einer vorhanden sein muss (etwa das „Tröpfchen“). So werden Distanzen überwunden und vom Unsichtbaren wird etwas sichtbar: nicht es selbst, aber der Bote, der es übermittelt. Der Ort, wo das Virus nun ankommt, ist keine schlichte Empfangsstation. Der Empfänger ist ein Wirt. Er bekommt etwas von außen. Und das, was eindringt, reproduziert sich auf seine Kosten – indem es seinerseits in Zellen eindringt und dort etwas umschreibt, übersetzt, transformiert. Das ist invasiv und geht nicht nur unter die Haut, sondern dringt in die eigene DNA ein. Freilich, nicht bei jedem gelingt das. Es gibt Menschen, die sind unempfänglich für dieses oder jenes Virus. Nicht jeder erkrankt, nicht jede wird affiziert. Andere sind immun: Es gibt dann kein Gefälle zwischen „Eigenem“ und „Fremdem“. Ein Impuls von Fremdheit gehört dazu, um produktiv zu sein.

 

Viren leben nicht und vermehren sich doch. Ein Virus „erwacht“ quasi, wenn es auf einen (passenden) lebenden Organismus trifft. Es wird zum „Veränderungsagenten“ (Michel Serres). Es schreibt sich ihm ein (dazu hoffentlich an anderer Stelle später mal mehr). Das ist invasiv, zwingend, gewaltsam. Wer mit einem Mechanismus rechnet, der dies zum Wohle und zum Heil von Menschen anstößt, wird hier ein Widerfahrnis vermuten, etwas, das Ereignisqualität hat. Es ist subversiv, es ist anarchisch. Deshalb verunsichert es die geordnete Welt. Immunisierung ist demgegenüber der Versuch, das Wirken zu kontrollieren, abzuschwächen, auch: zu imitieren. All dies, um die Welt, wie sie ist, zu stabilisieren.

 

Deutlich ist: Der Prozess selbst ist zunächst neutral. Die Bewertung hängt vollständig davon ab, ob das, was da stofflich-unsichtbar am Werke ist, aus Sicht des Menschen zerstörerisch ist oder heilsam.

 

Ich will nur andeuten, dass in der Theaterwissenschaft ein zweiter Übertragungsweg erwogen wurde: die Idee der „ästhetischen Ansteckung“. Ihr zufolge erfolgt die Affizierung des Publikums über Blicke, nämlich dass „im Körper des Schauspielers Kräfte entbunden (werden), die auf dem Wege über den sie wahrnehmenden Blick des Zuschauers auf dessen Körper einzuwirken und ihn zu verwandeln vermögen.“[1]

Mark-Christian von Busse hat sich in einem regionalen Zeitungskommentar zu dem Phänomen geäußert, dass Künstler und Künstlerinnen derzeit vielfach ihre Auftritte in den digitalen Raum verlegen.[2] Dabei macht er die Differenz stark, die zwischen einem Auftritt, der der körperlichen Anwesenheit von Gästen ausgesetzt ist, und dem Stream im Internet besteht. Ob allerdings bei denen, die dies miterleben, notwendigerweise etwas Anderes geschieht, muss wohl offenbleiben.

 

Anfang der 2000er-Jahre gab es in der Architektur einen sogenannten „Parasitenhype“. Es galt als en vogue, kleine, zumeist sehr auffällige Gebäude an große, mächtige Immobilien anzulehnen. Was zunächst anarchisch „einfach geschah“, wurde zum Trend. Oft hatten die kleinen Häuser eine Gestalt, die gar nicht möglich wäre ohne die Statik des großen Hauses. Sie zapften den Strom an und das Wasser. Manchmal waren die Kleinen so auffällig, dass sie überhaupt der Grund waren, das z.T. verwohnte Wirts-Gebäude überhaupt anzuschauen. Manchmal waren Menschen im Kleinen dichtgedrängt, während der weite Raum des Alten ungenutzt blieb.

Es könnte sein, wir verstünden derzeit mehr über den Menschen, der da unfreiwillig besiedelt wird.

Und es könnte sein, wir verstünden derzeit mehr über das stofflich-Unsichtbare, von dem Christinnen und Christen glauben, dass eine Glaubensstärkung von ihm ausgeht, die Daseinsvergewisserung wirkt.

 

 

 

 

Foto: Korteknie Stuhlmacher, „LP2“ in Rotterdam (Anne Bousema [Detail]).

 

Aus meiner Bibliothek waren hilfreich:

Sybille Krämer, Medium, Bote, Übertragung. Kleine Metaphysik der Medialität, Frankfurt am Main 2008, und:

Michel Serres, Der Parasit, Frankfurt am Main 62016.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] Erika Fischer-Lichte, Zuschauen als Ansteckung, in dies. u.a. (Hgg.), Ansteckung. Zur Körperlichkeit eines ästhetischen Prinzips, München 2005, 35-50, 36.

[2] Mark-Christian von Busse, Die Kunst braucht den Austausch. Kultur in Zeiten von Corona, HNA (Ausgabe für Hofgeismar), 30. März 2020, 1.

Deckweiß aus Weisheit

Kleines für das  „Kleine Ostern“ 2020

Nach einer Schreibregel von „Kaffee und Kunsten“ am 20. März 2020

 

„Kein Rot!“. Gott zuckte zusammen, als er die entschlossene Stimme aus dem Hintergrund hörte. „Rot lenkt die Aufmerksamkeit vollends auf sich, da achtest Du auf nichts anderes mehr.“

Gott dachte nach: „Ja, dann will ich das wohl für ganz besondere Dinge aufheben.“ Zögerlich nahm er das Deckweiß in die Hand. Zum Glück war seine Tube größer als die, die wir so im Farbkasten haben. Viel größer.

Und vorsichtig begann er, kleine Tupfen ins Himbeerblutrosenfarbene zu setzen. Und sein Pinsel machte Spuren, verlor Haare, nahm den Kontrasten ihre Schärfe. Pink war geboren. Erst tarnte es sich noch im Violett, aber Gott wurde mutiger: Die Tupfen wurden größer, zu Streifen. Der Pinsel rührte entschlossener. Gott gefiel, was er sah. Tausenderlei verschiedene Töne, und doch alle ähnlich. Ja, dachte er bei sich, das würde es den Menschen leichter machen, aus dem Schwarz-Weiß, Rot-Grün und Einerleigrau auszusteigen.

Ahnen sollen sie, dass da noch etwas kommt. Deshalb malte er auch was vom Rosapinkvioletten an den Abendhimmel – nicht für jeden Tag, aber für die, an denen ein Trostschatten auf Dein Tagwerk fallen sollte, wenn Du die Augen himmelwärts hebst. Gott war zufrieden über soviel Unendlichkeit, die aus einem einzigen Ruf der Weisheit entstanden war. Sie berührte sogar sein Kleid, das fürderhin leicht rosa glänzte. Zumindest an manchen Stellen. Nein, lächelte Gott bei sich selbst: Ich werde nicht vergessen, was ich da geschaffen habe. Versprochen. Und der Schatten seines Kleides färbte den Abendhimmel über den Menschen.

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt (rosafarbene Dinge, die sich zufällig am 20. März 2020 im Haushalt befinden)

Als es Abend ward

Evangelisches Studienseminar Hofgeismar, 

2. März 2020, 18h

 

Am ersten Abend sagte Gott: Dunkelheit soll sein. Und Gott trennte die Finsternis vom Licht. Und im Dunklen, da erholte sich das Land von allem, was es in Aufruhr brachte. Die Menschen schliefen, Pflanzen atmeten auf, die Welt erholte sich. Die erste Nacht.

Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe: Es war sehr gut.

Am zweiten Abend sagte Gott: Es soll Worte geben, die nur in die Nacht passen und nicht am Tag gesagt werden können. Und es soll verstummen, was Menschen Angst macht und was nur vortäuscht, wahr zu sein. Die zweite Nacht.

Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe: Es war sehr gut.

Und am dritten Abend, da sagte Gott: Lasst uns Dinge schaffen, die nur bei Nacht gesehen werden können. Die anders sehen. Die ahnen lassen: Alles kann ganz anders sein. Und Gott schuf Sterne und nachtaktive Insekten in bunten Abendkleidern und das Wetterleuchten. Die dritte Nacht.

Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe: Es war sehr gut.

Und am vierten Abend sagte Gott: Manche Dinge geraten über sich selbst in große Sorge, wenn sie im grellen Tageslicht geschehen. Lasst uns die Zeit schaffen, damit sie selbst – auch mal – aus dem gleißenden Licht herauskommen können. Die vierte Nacht.

Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe: Es war sehr gut.

Am fünften Abend, da sprach Gott: Es wird Menschen geben, die nachts arbeiten, die mein Licht nur in silbergrauen Streifen am Horizont sehen, die immer schlafen, wenn die Sonne hoch am Himmel steht und deren Arbeit bis spät geht. Sehr spät. Bis zu der Stunde in der Nacht, wo Du weißt: Wer jetzt nicht schläft, findet die Nacht nicht mehr. Deshalb legte Gott der Nacht etwas Leichtes und die Wärme in ihr Herz. Und mir die Hoffnung, dass dies doch für alle gelten möge. Auch für die mit dunklen Plänen und denen die Angst das Herz besetzt. Die fünfte Nacht.

Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe: Es war sehr gut.

Und in der sechsten Nacht – da hörte Gott zu. Und horch!, da sind Leute, die hämmern und arbeiten und kratzen mit Kugelschreibern auf Papier; und Leute, die weinen. Lachende Leute. Und Leute, die die Schatten suchen; und Leute, die ihre Geheimnisse erzählen und die, die herumirren und nach Gefährten suchen. Manche suchen einen Platz für sich, andere Trost. Und Gott hörte zu und hoffte bei sich, dass sie alle diese Nacht überleben würden. Dazu schuf er Segen. Für Lachen. Und Weinen. Und er* schuf das Zwielicht, und rotgelbgrünblaubunte Spuren, die aus den dunklen Himmeln hingen, Steine und Schildkröten, kleine Oasen, den Einsamen beizustehen und den Fröhlichen; denen, die geben und denen, die nehmen. Die sechste Nacht.

Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe: Es war sehr gut.

Und in der letzten Nacht: Da ruhte Gott (bei sich selbst). Und die Ruhe war gut. Sehr gut.

Und Gott sah an alles, was er gemacht hatte, und siehe: Es war sehr gut.

Deshalb, Jesus Christ, mein Hort und Halt: Bleib bei meinem Ruhn.

LIED: Abend ward, bald kommt die Nacht.

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

 

Was von hier aus zu sehen ist

Ansprache für den 24. Februar 2020 (zu Lk 18, 35-42)

(Evangelisches Studienseminar Hofgeismar)

 

  1. Körper (Jean-Luc Nancy)

 

Der Welt ist die Haut abgezogen.

Und ich weiß nun gar nicht, wo ich hinschauen soll.

In der Zeitung zeigen sie Fotos aus den „Körperwelten“ in der Documenta-Halle.

Als wäre das ein Gleichnis.

Manche sind fasziniert.

Und ich weiß nun gar nicht, wo ich hinschauen soll.

Die Haut vermag, sich abzutrennen.

Die Rinde, das Leder, der Pelz, Kortex.

Die Form bleibt.

Ich erkenne, was es war und was es vielleicht noch ist: Der Mensch, der Baum, das Tier, das Gehirn.

Ich weiß nicht, wo ich hinschauen soll,

weil es mir unheimlich und abstoßend ist.

Weil zur Schau gestellt ist, was nicht dafür vorgesehen ist:

Was unter der Haut versteckt war,

weil es alles antreibt, den gesamten Organismus, es pulsiert und atmet.

Es ist jetzt plötzlich offen, in die Welt hinein versetzt.

 

 

2. Zoom: Das Auge (Evangelium nach Lukas)

 

Dem Mann am Wegesrand fehlt die Netzhaut.

Er sieht klarer als ich.

Er hört, was die Menge tut.

Ich dachte das auch von mir, aber ich habe mich geirrt.

Er forscht und er schreit.

Die Herzhaut schreit. So laut, dass es die auf der Straße hören.

Und als sie es nicht hören wollen, schreit er noch lauter.

Die kurze Zeit, die es der Lukasevangelist den Menschen erlaubt, Gott zu loben, ist eine Zeit, in der Menschen schreien, die ohne gegerbte Haut und einem Pelzpanzer von dem, was halt so üblich ist, durch die Welt gehen.

Jesus kommt näher. Worte umhüllen einen Menschen mit neuer Haut.

Ich sehe hin, ich bekomme Gänsehaut.

Sein Herz atmet, meines sagt: Gott wollte Menschen machen. Und siehe, es ist sehr gut.

Der, der es aufgeschrieben hat, sagt: Sein Glaube hat ihm geholfen.

 

3. Hanau (ich)

 

Manchmal sagen wir so Sachen wie: Die Haut der Zivilisation ist dünn.

Mir ist, als sei sie durchsichtig, mühsam gehalten, hat Risse, deren Blutspuren niemand mehr tilgen kann.

Einer kann die Wunde schlagen, die alle stumm macht. So stumm, dass mir der Herzhautschrei durch die Glieder fährt und es mir ist, als sei nun ich diejenige, die am Wegesrand säße.

Einer kann das tun, und ich weiß nicht mehr, wo ich hinschauen soll. Einer kann das tun und plötzlich sieht die Welt ganz anders aus. Als habe man mir heimlich eine falsche Netzhaut eingepflanzt. Aber das stimmt nicht.

Doch manchmal weiß ich gar nicht mehr, ob ich eigentlich sehe oder blind bin.

Ich will diese Kerzen nicht, diese Mahnwachen, diese Ansprachen, ich will keine neuen Hashtags und keine liturgischen Bausteine.

Ich will, dass Mercedes mir immer dann, wenn ich in Hanau bin, morgens Zeitungen verkauft und über meine Kleingeldkramerei lächelt. Ich will, dass es, wie damals in meinem Vikariat, Ärger mit den Nachbarn gibt, weil die Jungs im Boxkeller der Kirchengemeinde immer viel zu laut sind. Ich will, dass wir das ernst nehmen, dass die Kirche, die hier steht, den Namen Friedenskirche hat. Man hat sie in einer Zeit gebaut, als man sich die Großstädte in Deutschland noch viel größer dachte, als sie heute sind. Von überall her sollten Menschen da sein. Ich schaue auf Heute. Ich will, dass Menschen aus Bosnien, Bulgarien und Polen, aus München, Gelsenkirchen und Offenbach hier leben. Ich will, dass die dableiben, die sagen: Ich bin gerne hier. Und auch die Anderen einen Platz haben. Und ich will, dass es keine Söhne gibt, die ihre Mütter töten. Sie hieß Gabriele und wurde 72 Jahre alt. Alle anderen Getöteten waren jünger als ich.

 

4. Perspektive: Ausgesondert-anwesend (Der Raum der Kirche)

 

Im Altarraum der Klosterkirche Bursfelde sind ein Gekreuzigter und zwei Trauernde. Das Licht wirft Schatten ihrer Formen auf die Innenwand der Außenhülle der Kirche.

Die Haut vermag, sich abzutrennen.

Die Rinde, das Leder, der Pelz, Kortex.

Die Form bleibt.

Am Wochenende haben die religiösen Leute den Altarraum verhüllt. Mit einem riesigen Leinentuch.

Und es scheint, als hätten sie dem zerschundenen Körper und den verweinten Augen eine neue Haut transplantiert. Sie entzogen, umhüllt, umwärmt.

Und in denen, die jetzt mehr sehen, weil sie nichts mehr sehen, die Sehnsucht geweckt, nach Rinde und Leder, nach Pelz und Kortex.

Nach lauten Jugendlichen und gedruckten Zeitungen am Kiosk.

Nach Ruhe für die Toten und einer Gesellschaft, in der Menschen einander zu ertragen gelernt haben.

Und in den eiskalten Mauern entsteht unmerklich eine Bewegung, und keine weiß wie. Das, was gut geschaffen zu sein behauptet, schwingt kaum merklich in die Welt hinein, unsichtbare Austauschprozesse an einer kaum beschreibbaren Grenze. Darin atmet das Herz des Geschundenen und flüstert: Ich habe Menschen gemacht. Ich habe Dich gemacht. Dein Glaube wird Dir helfen. Und man wird es sehen. Und ich? Ich zwinge mich, eben auch dort hinzuschauen.

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt (Kapelle im Evangelischen Studienseminar Hofgeismar)

 

Bewegungen (2 von 4 Beispielen)

 Teil einer Prüfung, ob Catherine Malabous Begriff der „Plastizität“ für die gegenwärtige theologische Diskurslage etwas austrägt. (Winterwortwerkstatt, Januar 2020 in Hanau)

 

Bewegungen beschreiben.
Eine Erkenntnis (von vielen): Die Grunddifferenz zwischen der Beschreibung von Bewegungen innen und Bewegungen außen. In diesem Fall scheint das Komplexere das Einfachere zu sein.

Deshalb: Äußere Bewegungen beschreiben, semipermeabel-plastisch für das, was sich möglicherweise gar nicht beschreiben lässt.

 

EINS: Café am Sonnabendvormittag (belebt)

 

Auf und Ab.

Spiegelgesten (Empathie).

Treppauf, treppab und Stopp.

Aus den Augenwinkeln-Bewegungen.

Fallende Buchstaben mit dem Geiste aufheben.

Greifen nach vergessenen Mützen.

Hand am Geländer.

Streicheln, Vergewissern, Welt-noch-da-Gewissheit.

Schweifende Blicke über Blumen.

Buchstabenabtasten.

Der verzweifelte Versuch, die Ohren zuzuklappen gegen geschirrnes Geklapper.

Lautloses: Kerzengeflacker, Schalumwickeln, die Komplexität, eine Winterjacke um einen Holzstuhl zu wickeln. So, dass sie wirklich hängen bleibt. In den Spiegel schauen, um Bewegungen anderer zu sehen, die meinen, durch ihre Bewegungen andere nicht zu bewegen.

Wenn Du ein Getränk mit Sahnehaube bestellst, bewegt sich diese irgendwann von selbst über den Rand. Vielleicht müssten einfach viel mehr Dinge eine Sahnehaube haben.

Die Bruchkante roher Karotten, nachdem Du sie mit dem Taschenmesser nur halb angeschnitten hast. Sich mit dieser Zeitung neben mich zu setzen (ungefragt), ist die beste Strategie, ein Gespräch anzuzetteln. Es wirkt so, als hättest Du das gewusst. Ist das kontingent oder kausal?

Händereiben, Haarerichten, Kinn aufstützen, Hand vorm Mund (wegen Bazillen oder aus Schrecken oder beidem, lässt sich aus der Ferne nicht sagen).

Einer, der sich ständig ans Ohr fasst.

Irgendwas wird sie sich gedacht haben, als sie die Ticks geschaffen hat. Augenwischereien.

Schlürfen, Kauen, Beißen, Dramagesten. Auf sich und andere zeigen. Gen Himmel. Nicken und Lächeln. Wenig Widersprechendes.

Erkenntnis: Aus der Ferne lässt sich leichter sehen, ob jemand lügt, als wenn Du direkt dran sitzt und die Worte dazu hörst.

Mit dem Finger so über die Zeitung streicheln, dass sich für einen Moment lang Bilder überlagern.

In meinem Rücken: Zwei Meter Basilikum in Balkonkästen. Nur scheinbar unbewegt.

Leichte Knickse vor der Registrierkasse. Dinge zeigen ihren Subjektcharakter offensichtlich dadurch, dass sie nicht sich, sondern andere bewegen.

Die Tasse um 210 Grad drehen, um noch den letzten Schluck rauszukriegen, ohne die Etikette zu verletzen. Wer erfindet eigentlich die Bewegungsregeln, von denen sie sagen, dass es die feinen Unterschiede macht?

Verborgenes vor aller Augen.

Erkenntnis: Auf Wesentliches ist hinweisbar. Sonst wäre es uns ja vollständig entzogen und somit nicht mehr als eine Behauptung.

 

ZWEI: Bus (belebter)

 

Aufgabe: In den nächsten Bus steigen, der mehr als drei Haltestellen weit fährt.

Wie es der Zufall will: Es soll also ins Refugium gehen, das nach einem General aus dem 30jährigen Krieg benannt ist. Doch das bewegt nur Insider.

Ich werde durch die Dinge gehörig durchgeruckelt und es ist so unbequem, dass ich die Blicke nach draußen verliere. Ich ändere das auch dann nicht, als sich die Möglichkeit bietet, weil mir die Blicke von drinnen noch unangenehmer sind.

Eine alte Dame mit Rollator muss stehen, weil mein Laptop und ich einen Sitzplatz brauchen. Man kann sich also schuldig fühlen, obwohl man ein gültiges Ticket hat: Mein Leben in Deutschland in diesen Tagen.

Ich zwinge mich, aus dem Fenster zu sehen, obwohl mein Körper langsam ob der unkomfortablen Bewegungen rebelliert. Noch bin ich in der bekannten Welt und ich weiß nicht, ob mich das beruhigen soll oder nicht. Mein Geist beginnt schon zu berechnen, wie lange ich wohl benötige, wenn ich den Rückweg zu Fuß zurücklege.

Wohtuend, dass sich niemand über mich wundert. Ich liebe das Signet von Großstädten, die Menschen einfach ihre Dinge tun zu lassen.

An den Platanen ist noch überall die Weihnachtsbeleuchtung, so, als habe jemand – sicher ist sicher – die Lichter über den Köpfen der Menschen vergessen.

Straßennamen zeugen aus einer Welt, als man hoffte, durch Bildung die Welt zu verbessern. Es gibt ja immer zu denken, wenn Dinge auch beharrlich bleiben.

Während ich an die neuerlichen Diskurse denke, in die ich irgendwie zufällig grad gefallen bin, #karlmarx (ich dachte, das wäre langsam vorbei), werde ich an einer Kirche vorbeigefahren, an der ein Banner verkündet: „Auftanken. Gas geben“. Ich atme tief durch und gelobe produktives Anhalten.

Ich staune, während ich an großen Sportfeldern vorbeigefahren werde. Hier ist niemand. In Schrebergärten sind es nur Fahnen, die sich bewegen. Wer hier jetzt lebt, sitzt wohl fest in dicke Wolldecken gewickelt in der Stube.

Hier jedenfalls steigen jetzt auch die letzten Leute aus dem vollen Bus, offensichtlich sitzt diese Scheu tief, Dinge wirklich bis zum Ende zu tun.

Ich überschlage die Menge an Menschen, die im näheren Umkreis so um mich wohnen müsste und bewundere die schwere Stille, die die Straßenzüge durchzieht. Nur ganz gelegentlich fährt eilig ein Dieselfahrzeug vorbei. Zum ersten Mal höre ich, wodurch es die Buchstaben auf meinen Bildschirm schaffen. Feinmotorik ist schon auch wirklich eine Errungenschaft.

Auf Privatgrundstücken darf man hier nur Schrittgeschwindigkeit fahren; genau jetzt ist mir klar, weshalb es die Leute im öffentlichen Raum immer so eilig haben.

Der Bus fährt ab – ohne mich. Ich genieße eine Welt, in der es das Wachsen von Kakteen hinter Küchenfenstern ist, das der Beschreibung von Bewegung ihren Maßstab setzt.

Ich merke, wie mein Selbst sich ausbreitet und die Tentakeln meiner Wahrnehmung bis an die Schwellen von 1-, 2-, 3 ZimmerKücheBad-Arrangements reichen. Mein Sehen und Hören klappt seine Kapazitäten aus und mag die Räume, vor denen sich die Jalousien nur millimeterweise öffnen. 40 ist hier schon eine absurd anmutende Höchstgeschwindigkeit. Mehr ist verboten. Und auch hier: Wer ist eigentlich die Regelerfinderin? Flugzeuge, die im 3-Minuten-Takt das Himmelsgrau durchtönen, muten an wie eine fremde Welt, die sich dezent im Hintergrund hält.

Mir scheint, sie säßen alle in dieser bewegungsminimalen Welt, konzentriert auf neuronale Funkenschläge zwischen Dingen und Gedanken und einander und lachten ihn aus, jenen einzig entschlossen wirkenden Menschen, der einen Zebrastreifen überquert. Was ihn antreibt, existiert allein in einer Zeichenwelt, weißes Dreieick auf rechtwinklig blauem Grund, an den Rändern der bewegten Welt aufgestellt. Um der Ordnung willen. Um den Langsamen eine Chance zu geben, doch noch vom Einen zum Anderen zu gelangen. Und ich denke an die Zebras, die über Zebrastreifen laufen (#80er) und sehe die Kakteen lächeln und die Jalousien in die Hände klatschen.

Ich hingegen gebe dem Bewegtwerden eine zweite Chance und steige in den nächsten Bus. Ob mir auf der Schwelle entweder auffällt, wie warm es drinnen ist oder wie kalt es draußen ist, vermag ich nicht zu sagen: #schwellenprobleme. Das Fahrgast-TV verheißt mir in schrillen Farben, durch Rembrandt-, Feuerbach- und Cranachstraße gefahren zu werden. Und ich, ich schaue und staune. Die Buchstaben schütteln sich, selbst dann, wenn die Graphikkarte der Wortewelt stabil bleibt.

Eine Kluge sagt: Wenn die Dinge sich verhaken, muss man einfach nur mehr schütteln. #churchineverycontext

Bemoosung und Verflechtung jetzt leerer Schaukästen lassen ahnen, wie die belebte Welt die Zivilisation zurückerobern könnte, wenn es nix mehr gäbe, was wir einfach nur überall drüberschütteten und es wäre porentief rein und klinisch steril.

Baumarktlöwen vor Einfahrten erwachten, der Bus würde auf die Kinder warten und nicht die Kinder dem Bus hinterherlaufen. In der Bürgerstübe my Eisbär – Klammer auf: Billiard – Internet – Dart: Klammer zu – nimmt eben dieser den Pfeil, wirft ihn durchs Internet, so dass alle Billardkugeln von innen her zerspringen und die Verbotsschilder der Welt mit surrealistischen Farben überziehen.

Haltestelle Cranachstraße steigen vier kleine Jungs ein, die den Fahrschein einzeln mit vielen Münzen bezahlen und ihre Haustürschlüssel jeweils fest in der anderen Hand halten, als habe ihnen jemand gesagt, dass es ohne Schlüssel kein Zurück gäbe. Und ich stelle mir vor, ihr Ziel wäre eine Malwerkstatt, in der sie der Welt ihre Farben gäben.

Für alle anderen gibt es an jeder Ecke „Spezialitäten aus der Heimat“. Lippisch Pickert haben die aber nicht. Offensichtlich haben die einen komplexeren Heimatbegriff als ich oder eine andere Heimat.

Am Brückenkopf prangt in bedeutungsschweren Lettern 1-1-4-3. Und nur an der Form ist erkennbar, dass sie vermutlich die #ersteurkundlicheErwähnung Hanaus meinen und hier nicht nur jemand eilig den Pin-Code von Wasauchimmer notiert hat. Oder?

Doch all die kleinen Bewegungen erschüttern nur die kleinen, nahen Welten, denen wir die meiste Bedeutung beimessen.

Die Kinzig in all dem über Stunden unbewegt. Auch die Lieblingskneipe schläft noch.

Der Kongresspark traulich hold, als warte er auf den Sommer oder bessere Tage.

Ob ich mir ein Beispiel an ihm nehmen sollte?

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt (Die Spielidee, auf der dies fußt, ist von Sebastian Schmid beim Playing-Arts-Symposium 2019)