Momente auf Friedhöfen: Zeichen und Praxis

Gastbeitrag für die November-Aktion des Totenhemd-Blogs

 

Ich hatte ein Methoden-Reenactment vor, das sich an Roland Barthes „Das Reich der Zeichen“ (1981) orientieren sollte. So hatte ich mich vorbereitet. Doch dann kam alles ganz anders. Ein Beitrag zur oben erwähnten Aktion. 

 

Kassel. Hauptfriedhof. Wenig nach Allerseelen.

 

Rote Nebelkerzen versperren meinen Weg, hüllen einen ganzen Straßenzug ein und verbrennen die Luft, wie sonst nur zum Jahresende üblich. Ich meine, das sei in Deutschland außer der Reihe verboten, aber wer heiratet auch schon im November?

 

Auf dem Friedhof flackern tapfer die kleinen roten Ewigkeitslichter gegen den Herbstwind (tröstlich!), ein Schild am Eingang weist auf die Möglichkeit hin, Gräber mit Segen zu bedenken. Stattdessen bedeckt eine schier unendliche Laubschicht alles. Und bald auch mein Schreibgerät. Die Stadtgesellschaftlichen mit den teuren Pullovern haben ans Handfegerchen gedacht, alle anderen behelfen sich mit der Verpackung ihrer winterresistenten Pflanzen, um einem kleinen Fleck Erde Kultur und Bedeutung beizumessen. Die, die um mich herum in der Erde liegen, liegen dort schon länger, als ich auf der Welt bin.

 

Viele sind unterwegs, und doch sind sie für sich. Die Größe der Parkanlage lässt Distanz wahren und nährt doch die Solidarität. Menschen gehen in Verstorbenengedenkzonen anders ihrer Wege als in den Fußgängerzonen, nur wenige hundert Meter von hier entfernt. Innige Momente liegen in der Luft, geschlossene Augenlider im Herbstwind, und ich frage mich, wo sie sich zwischenzeitlich im alltäglichen Leben versteckt und eingenistet hatten.

 

In der Ferne höre ich Autohupen und das Grundrauschen der Großstadt. Die Friedhofsbäume versuchen, ihre Geschichten lauter zu erzählen, aber das scheint sie all ihre Kräfte zu kosten. Das Paar, das sich gerade auf den Rückweg macht, war sieben Minuten hier. Vielleicht sind es auch die kurzen Geschichten, Lebensminiaturen und Augenblicke, die das schaffen, was bleibt. Derweil fallen mehr Blätter auf meine Tastatur und für einen Moment könnte es sein, ich sei die einzige Lebende hier. Dann schleicht sich das Rollator-auf-Kies-Geräusch von hinten an mein Ohr und eine Stimme, die ihre Undeutlichkeit mit Lautstärke ausgleicht.

 

Familie F. haben sie rote Rosen auf die Grabstelle gestellt, die teuren Langstieligen, und als ich näher gehe, sehe ich, dass auch eine Rosenblüte auf der Grabplatte eingemeißelt ist. Und in mir beginnen sich Geschichten zu spinnen, von den Rosen damals und denen heute, aus Stein und aus Blüte und Blatt und Dorne und Duft. All das kann ich erst sehen, als ich das Laub ein bisschen beiseitegeschafft habe. Es kommt mir vor, als habe ich hinter Vorhänge und Schranktüren geschaut.

 

Eigentlich wollte ich zeigen, dass der Friedhof samstags nach 13h, wenn das Parken wieder umsonst und unbeschränkt ist, eine Leerstelle im urbanen Raum ist, ohne Praxis, ein Rückzugsort an Stabilität in wirrer Welt. Doch die Rosen lehren mich ein Gegenteil: Der Friedhof wird zum Ort meiner Praxis, er provoziert mich, die Lebende. Und am Ende, da werde ich einen Arm voller Laub in den Himmel geworfen haben, so hoch, dass ein Blatt am Himmel hängen bleibt. Und mit ihm die Erinnerung an den Frühling.

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

Ordnung und Ahnung, oder: Die Sache mit der Lücke im System

Ansprache,

auch anlässlich des 150. Jahrestags der Entdeckung des Periodensystems der Elemente

Evangelisches Studienseminar Hofgeismar, 28. Oktober 2019

 

Vor 150 Jahren kam die Welt in Ordnung.

Einer sitzt an seinem Schreibtisch, viele kleine Zettelchen vor sich – heute nähme man vielleicht post-its – und sucht nach einem System für die Welt.

Er will das Buch schreiben, das alles erklärt.

Er fängt an zu schreiben – und weiß nicht mehr weiter.

Die Welt wirkt auch irgendwie willkürlich.

 

Er stammt aus Sibirien.

Und sieht aus, wie Ihr Euch das jetzt so vorstellt: wie einer aussieht, der aus einer rauhen, kalten Welt kommt. Lange Haare, zerzauster Bart, eine wirre Erscheinung. Wie ein Schamane. Einer, der die Zeichen der Welt versteht und sie für andere übersetzt.

 

Der, der die Dinge übersetzt, ist der, der die Welt in Ordnung bringen will. Worte schaffen, Schriften, Symbole, Kultur.

 

Doch zurück an den Schreibtisch. Irgendwann weiß er nicht mehr weiter und nickt ein. Als Dmitri Mendelejew aufwacht, notiert er das Periodensystem der Elemente.

Eine sinnvolle Tabelle aller Bausteine der Welt. Noch ist sie seitenverkehrt, manches steht an der falschen Stelle. Die Ordnung ist größer als der Mensch, der sie aufs Papier bringt.

Deshalb die Geschichte, sie habe sich im Traum gezeigt. Eine Art magische Intelligenz, die etwas aufscheinen lässt vom „großen Ganzen“.

 

Christenmenschen versetzen die Geschichte von der Ordnung der Welt nicht in einen Traum, sondern ganz an den Anfang. Vor alles, weil es ja tröstlich sein kann, dass etwas da ist, was einen Sinn ergibt, bevor ich da bin.

 

Ein erster Tag. Und siehe, es ist sehr gut. Ein zweiter Tag. Und siehe, es ist sehr gut. Ein dritter Tag. Und siehe, es ist sehr gut. Ein vierter Tag. Und siehe, es ist sehr gut. Ein fünfter Tag. Und siehe, es ist sehr gut. Ein sechster Tag. Und siehe, es ist sehr gut. Ein siebter Tag. Und siehe, es ist sehr gut.

 

Die große Weltgeschichte und die menschliche Kulturgeschichte gehen da Hand in Hand. Ob’s einleuchtet? Dazu muss man diese Ordnung lesen können. Die eine oder die andere oder die eine und die andere. Die einen sehen dies, die anderen das. Leerer Himmel, eine ordnende Hand, Gott selbst am Werke, ein spielendes Kind. Weisheit, Krippenkind.

 

Einprotoniger Wasserstoff kracht zusammen und siehe, Helium ist da. Lithium, Beryllium, Bor, Dichte, Energie, Materie, Eisen und Uran. Licht und Finsternis, Wasser und Land, Pflanzen, Bäume, Fische, Katzen, Hunde, Menschen. Und tausenderlei Lesarten, welche Ordnung, welch Plan in der Welt sein könnte. Und ich glaube, dass es auch im einzelnen Leben solche Ahnungen gibt: Dass es einen Sinn geben könnte, einen mehr oder minder offensichtlichen Plan für dieses, für mein Leben.

 

Lasst uns nochmal nach St. Petersburg, an den Schreibtisch von Mendelejew gehen: Im System sind Lücken für das, was Menschen geschaffen und der Natur abgetrotzt haben: Kalzium und Eisen, die mühsam der Welt abgerungen werden. Künstlich geschaffene Elemente, radioaktive Stoffe.  Tiere, die noch nie jemand gesehen hat und Pflanzen, die ihre Namen nicht von Menschen haben. Das System will Lücken haben; die Ordnung weiß, dass sie offen ist.

 

Später werden Physikerinnen und Chemiker Mendelejews Periodensystem nehmen und versuchen, die Elemente, die in die Lücken gehören müssten, quasi „nachzukochen“. Die Lücken zu füllen: Technetium als Molybdän und Wasserstoff. Neptunium und Plutonium aus Uran, das mit Wasserstoff beschossen wird. Americium gibt es überhaupt nur im Labor. Es entstehen neue Reihen, Umgruppierungen, neue Lösungen. Manches kommt in die Fußnoten und anderes wird verschwiegen, damit unsere Schulbücher nicht zu kompliziert werden und das Bild an die Wände der Klassenräume passt. Und es sieht aus wie eine Burg; vielleicht soll es so aussehen, als ob uns Ordnung schütze, vor den Dingen, die geschehen. Diskussion brechen los, wo denn eigentlich das Ende sei, wann alles entdeckt ist. Viele hoffen auf „Inseln der Stabilität“ für das, was es ganz selten gibt in der Welt. Weil das Seltene faszinierend ist und manchmal auch wirklich wichtig.

 

Und da ist diese Ahnung, auch mein Leben und irgendeine Art von System könnten etwas miteinander zu tun haben.

 

Ich ordne und sortiere. Auf Notizzetteln und post-its, Flipcharts und Moderationskarten. Bleibe skeptisch gegenüber allzu glatten Oberflächen (aus der Serie: Gründe gegen Powerpoint). Wir bilden geometrische Figuren, Tabellen, vielevieleviele Dreiecke, Spiralen und Zylinder, in denen die Dinge nebeneinander, übereinander und miteinander stehen. Es gibt einen ersten Tag, einen dritten, einen siebten und den achten, an dem wir anfangen, die Bleistifte zu spitzen und weiterzuschreiben.

 

Und wenn es ordentlich und gedruckt ist, sieht es so aus, als seien die Dinge so. Was mich an Mendelejew beeindruckt – der übrigens gar nicht der erste war, der so etwas versucht hat – ist, dass er Lücken im System gelassen hat. Und das nicht nur, weil er vielleicht zu früh aus seinem Traum aufgewacht ist. Er wusste oder ahnte, dass es da mehr gibt, als er selbst kennt. Manchmal war es so, dass er alle Kennzahlen berechnete, aber das Element trotzdem nicht kannte: Da müsste doch etwas sein, auch wenn es mir noch nicht begegnet ist.

 

Ordnung und Struktur entziehen sich der Wahrnehmung. Sie sind nur zu ahnen und unfertig. Für manche ist das eine Zumutung, für andere ein Anreiz. Bilder der Welt entstehen: Strahlen, Schleifen, Spiralen, Blumenartiges, Bäume, Blasen, Altäre, Trichter, Schachbretter, Pyramiden, Schnecken (mit und ohne Häuschen), formlose Amöben, Sonnen, Rennbahnen. Manches an diesen Modellen ist einfach nur schön und lässt staunen, anderes ist klar und überzeugend, von den Bildern der Welt.

 

Mit Graphiken an Schulwänden die Welt zu erklären: was für eine romantische Idee! Ich verstehe, dass das belächelt wird. Heute kann das alles sein: Eine Weltkarte, ein Navigationssystem fürs Leben, das funktioniert, ohne alles zu wissen. Der Trost, dass es Kräfte gibt, die größer sind als ich, und die etwas gegen Unordnung haben.

 

Und ich versuche das zu verstehen, indem ich Teile der Welt auf Notizzettel und post-its schreibe, und manchmal nicht mehr klar ist, wo das Konkrete aufhört und die Ästhetik anfängt. Manches entdecke ich im Leben, anderes erfinde ich auch. Es könnte sein, da will einer (Gott), dass wir ko-kreativ sind, dass wir mitwirken, an dieser Sache mit dem ersten Tag, der sehr gut ist, und dem zweiten Tag, der – Ihr wisst schon.

 

Hinter den Dingen scheinen Zusammenhänge auf, klar oder schön, klar und schön. Gott sei dank.

 

 

 

 

Ich hatte zwar Chemie-Leistungskurs, habe aber trotzdem das eine oder andere nachgeschlagen. Vor allem hat mich inspiriert: Michael Pilz, Tanz der Elemente. Das Periodensystem als Welterzählung, Kursbuch Bd. 199: Unglaubliche Intelligenzen, hgg. Armin Nassehi/ Peter Felixberger, Hamburg 2019, pp. 76-91.

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

 

Bonhoeffer statt Brockhaus. Kirche im gesellschaftlichen Wandel

#zukunftskunstkirche

Es geht um nichts weniger als um die Zivilisiertheit des Lebens. Im ersten Denken dieser These ist mir unbehaglich. Meine theologisch-religiöse Sozialisation ist so viel mehr von der Dekonstruktion der Ordnung (und der Ordnungstheologie), von Prophetischem, vom Fragen und vom kritischen Impuls gegenüber der bürgerlichen Vereinskirche geprägt.

Doch plötzlich scheint es um mehr zu gehen als die große Frage von Stabilität und Instabilität religiöser Existenz, sondern die Grundlagen des Lebens selbst stehen auf dem Spiel. Die Erderwärmung setzt exponentielle Entwicklungen in Gang. Der soziale Frieden in unserer Gesellschaft steht mehr und mehr in Frage. Ob demokratische Spielregeln faktisch ein common senseunseres Zusammenlebens sind, weiß derzeit niemand mehr so recht. Globale Logiken setzen weltweite Migrationsströme in Gang, die zu herausfordernden Situationen und Entscheidungen führen. Niemand, der sich verantwortlich weiß, kann noch bei seinen Leisten bleiben. Was angemessen ist, sucht kaum mehr jemand zwischen goldberandeten Ledereinbänden.

 

Und die Kirche? Welche Rolle hat sie? Der Studientag „Zukunftskunst Kirche“ der CVJM-Hochschule Kassel hat eine Vielzahl und auch erstaunliche Vielfalt kirchlicher Akteure zusammengebracht, um diese Frage zu bedenken und nächste Schritte in den Blick zu nehmen.

 

Die Analysen fallen, bei ermutigendem Grundton, unterschiedlich aus. Die Kirche tut viel und wird darin wenig gesehen. Sie tut oft nicht das Wirksamste, weil sie sich Formen verpflichteter weiß als der Motivation ihres Handelns. Sie erinnert an große Geschichten und erzählt sie so, dass sie neu und anders klingen. Sie gibt offen zu, dass Brunchgottesdienste eigentlich nichts anderes als Traditionspflege sind. Wer von einem religiösen Standpunkt aus in die Welt schaut, wird (vor allem) kirchenleitenden best-practice-Mutmachgeschichten kaum trauen können. Wenn ich überlege, weshalb dieser gut gemeinte Wille nicht wirkt, dann doch deshalb, weil er Kontextualität und Komplexität übersieht. Weil das eine am einen Ort wenig über das sagt, was die Welt an einem anderen Ort braucht. Die Jesusgeschichte erzählt sich in Varianten, weil sie kein one-fits-all kennt.

 

Glaubt man Uwe Schneidewind, leben wir unter Bedingungen, die es ökonomisch machbar werden lassen, die großen Fragen unserer Zeit für alle menschenfreundlich und sachgerecht zu lösen. Dass wir es nicht tun, liegt nicht nur an der komplizierten Verschleierung des Handlungssubjektes, wer denn „die“ Gesellschaft und „die“ Kirche sei, sondern daran, dass emotional-moralische Entscheidungen zu treffen sind. Sie sind – biologisch bedingt – schwer beschreibbar, fehleranfällig und richtungsweisend. Jeder kennt die Analogie im persönlichen Leben, die auch die Einsicht einschließt, dass letztlich ein Zwang zum Entscheiden besteht.

 

Wir selbst und wir als Kirche entscheiden uns, ob und wie wir unsere Rolle in dieser Gemengelage beschreiben. Dass Kirche Kategorien in gesellschaftlichen Diskursen und Entscheidungslagen zur Verfügung stellen möge, ist ein plausibler Vorschlag, weil er die Kirche handlungsfähig macht, ohne sie weiter in ihrer Atemlosigkeit zu protegieren. Ich frage jedoch, wer in der derzeitigen Situation einer „gereizten“ (B. Pörksen) und aufmerksamkeitsgesteuerten öffentlichen Diskurslage einer Kategorie „Hoffnung“ überhaupt traut und zuhört. Da wird es vor allem darum gehen, logische und narrative Anschlüsse zu suchen, Verbündete außerhalb der Linien zu finden.  Kirche ist nicht nur zuvörderst „Kirche für Andere“, sondern es wird auch darum gehen, „Andere für Kirche“ in Gespräche und verbindliche Vereinbarungen zu ziehen. Das Dass, eine Vision wachzuhalten, ist der erste Schritt, um für die Kirche mit Gründen einen relevanten Platz im öffentlichen Diskurs einzufordern. Damit sie das überhaupt schafft, braucht sie vor allem anderen eine liquide, gesellschaftsfähige Theologie. Und in den Kirchen kluge Prozesse, wie diese Theologie überhaupt kontinuierlich weiter entwickelt wird.

 

Der französische Alteritätsforscher François Jullien hat jüngst die Möglichkeit durchgespielt, dass es sich beim Christentum um eine „Ressource“ im Sinne einer kulturellen Möglichkeit handele:

 

So „geben die Ressourcen zu denken; sie sind nur in dem Maß wertvoll, in welchem die jeweilige Person – die jeweilige Generation – ihrerseits sich anstrengt, sie erneut zu aktivieren, ebenso zu erforscheun wie auszubeuten. Resssourcen existieren nur in dem Maß, in dem sie ertragreich gemacht werden. Zugleich hält sie das, was an ihnen nur potentiell vorhanden ist, in Schwung und bewahrt sie vor der Begrenztheit, der das Aktuelle in seiner Ausdehnung unterworfen ist, entzieht sich der verfestigenden Positivität des Erreichten und Akzeptierten.[1]

 

Solche Spiele und Anschlussideen benötigen wir unbedingt, wenn Kirche als Akteurin im gesellschaftlichen Wandel gehört werden will. Deshalb ist es vermutlich kein Zufall, dass in den theologischen Plädoyers für eine gegenwartsfähige Kirche derzeit negative Theologien eine erhebliche Rolle spielen. Religionsloses Christentum, latente Kirche, innere Plausibilität sind die Hoffnungsressourcen einer Kirche, die ihre Struktur und Praxis derzeit grundlegend aufs Spiel zu setzen hat, um zivilisatorisch bedeutsam wirksam zu sein.

 

 

 

 

 

 

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt (Detail eines Kunstwerks von Gofi Müller aus der Ausstellung wirklichwirklich im CampusCenter der Universität Kassel)

[1]F. Jullien, Ressourcen des Christentums. Zugänglich auch ohne Glaubensbekenntnis, Gütersloh 2019, 28.

DJ of Letters. And Sense

 

Zur hybriden Schreibperformance ‚Connex I/O‘ am 12. September 2019 in Kassel

 

Die Worte laufen schneller durch’s Bild, als ich sie lesen kann. Es sind einzelne Wortfetzen, Satzteile, ich versuche, den Buchstaben nachzueilen, suche Auffälliges und Anker fürs Auge, um zwischenzeitlich irgendwie noch Sinn entstehen zu lassen: Erkenne ich die Form? Ist es ein bekannter Text, den ich an Schlüsselbegriffen wiedererkenne? Digitalität von Texten suggeriert Unordnung, Chaos, Vielfalt und Fantasie. Alles beschleunigt sich und nichts kann mehr so sein, wie es einmal war, wie es zu sehen war.

 

Das hybride Schreibprojekt „Connex I/O“ experimentiert seit 1997 mit (post-)digitalem, kollaborativem Schreiben. Wer immer beim gemeinsamen Schreiben mehr im Sinn hat, als Textbausteine über Plattformen austauschen und zusammenzusetzen, kann hier mit Gewinn Schreiberfahrungen machen. Dabei speisen sich die Erfahrungen vor allem daraus, den Schreibprozess zu erleben, weniger aus dem absichtslosen Produkt, das sich bereits im Augenblick des Entstehens beginnt zu verflüchtigen. Transmediales Erzählen radikalisiert sich, insofern Anwesenheit und Abwesenheit von Schreibenden, Texten und Worten in ein paradoxes Wechselverhältnis geraten.

 

Ein Keller in Kassel. Ein historischer Ort, der die Kriegswirren überlebt hat. Wo vormals mit Feinkost gehandelt wurde, ist seit Jahren ein Hotspot visueller und experimenteller Poesie. Das Kunsttempelchen hat aus Anlass seines 20jährigen Bestehens eine Werkschau einer Auswahl seiner bisherigen Ausstellerinnen* versammelt. Dazu gehört auch Connex I/O. Auf Laptops, Tablets und Handys erscheinen hundert Kacheln, hinter denen Katalogtexte, kanonische Texte und Kaotisches lauern. Die Schreibregel lautet: Umschreiben, Löschen, Kopieren. Kampf um Buchstaben und Worte, Sätze und Sinn ist erlaubt. Was wäre, wenn ich die DJ des Textes werde? Was wäre, wenn man Texte sampeln könnte? Die Macher, Sascha Pogacar und Matze Schmidt, sagen es im Begleittext des Ausstellungskatalogs so: „Texte, Sätze, Worte, Zeichen sind Material, geronnene Bedeutung und mehr als nur tote Selbstvergewisserung zuglecih. Schreiben wie Sprechen kommen magisch als ein ‚Textakt‘ daher, der wie die Fixierung von Gedanken und Sinn erscheint bzw. wie das symbolische Operieren an der Realität“ (p. 98).  „Im gemeinsamen Prozess wird Text zum Material verflüssigt, zum Spielball kolaborativer [sic!] Veränderung und gerinnt wieder in einer neuen Form, wenn der Prozess erkaltet“, lese ich im Textmaterial.

 

Was begegnet mir und was fange ich damit an? So soll ich erstmal denken. Dann also: los. Schnell vergesse ich meine Umgebung. Ich höre zwar Worte und Klang, konzentriere mich aber auf Zeichen und Text. Ich suche Textorte auf, an denen auch andere sind. Schaue ihnen zu, was sie tun. Suche nach Schreibstrategien, um den teils bekannten, teils offensichtlich bereits bearbeiteten Worten zu Leibe zu rücken. Uncreative writinggehört in mein alltägliches Handwerkszeug und trotzdem erscheinen mir meine Textstücke eigentümlich konventionell. Ich überrasche mich selbst. Ich sehe die Spielpartnerin neben mir recherchieren und frage mich, ob meine Beiträge vielleicht zu hemdsärmelig sind. Bislang war mir gar nicht klar, wie stark mein literarisches Über-Ich ist. Ich ärgere mich über Verschwundenes, was ich für eine gute Idee hielt, amüsiere mich über die, die sich echauffieren, es ginge um Sinn und Bedeutung und freue mich, wenn einer meiner Wortimpulse von irgendjemandem aufgenommen wird. Unvermutet, plötzlich und an überraschenden Stellen entspinnen sich nahe und relevante Diskussionen. Die kollaborative Plattform ist tabulos und zensierend zugleich. Ich beginne, mich im Raum nach dem Co-Autor, der Co-Autorin umzuschauen. Welchen Unterschied würde es machen? Interessant bleibt, dass die Autorin zum Knotenpunkt eines Denk-, Schreib- und Leseprozesses wird, der ohne sie nicht in Gäng käme, nicht aber auf sie zurückzuführen ist. Raum, Maschine, Mensch und Andere konstellieren sich zu einem mäandernden Feld. Alles ist da und doch bleibt es unsichtbar. Ständig entstehen Dinge, ohne dass Kausalitäten sichtbar werden.

 

Alle sind noch da, doch inzwischen bin ich allein im Textfeld. Neue Erzählweisen funktionieren nach neuen Gesetzmäßigkeiten. Später wird mich beschäftigen, dass meine Texte flüchtig sind. Üblicherweise streicht niemand komplette Passagen meiner Texte, ohne mich vorab gefragt zu haben; ohne, dass ich irgendwo eine Sicherungskopie hinterlegt habe. Kollaborativ-postdigitales Schreiben kalkuliert die Flüchtigkeit allen Materials ein. Outputs sind immer Aufnahmen von Textmomenten, die mit dem nächsten Wimpernschlag bereits ganz anders sein können. Textfilme erscheinen vor den Augen, Wordclouds und Cutups. Sie bilden das Impulsfeld, auf dessen Hintergrund neue Zeichen in die Welt kommen. Kollaboratives Schreiben erweist sich als ko-kreativ.

 

 

Die Ausstellung „Poesis. Sprachkunst, Language Art“ ist noch bis zum 6. Oktober 2019 im Kunsttempel Kassel (Friedrich-Ebert-Straße 177) zu sehen. Das Spielfeld von Connex I/O befindet sich unter connex-io.de/play.

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

 

 

Wie fängt es eigentlich an?

Zu den Atelierkirchentagen im August 2019 in Molau. #playingarts #resonanz

 

An der Schwelle zum Himmlischen Jerusalem klingt das Neue wie das Rauschen der Blätter von vorn. Und dann kannst Du spüren, wie die Welt sein könnte.

Wenn Kinder goldene Schiffe auf dem Wasser fahren lassen, das der Wind zu Wellen faltet und der Himmel sich öffnet. Alles gewollt. Christenmenschen sagen: von Gott.

Wenn Menschen ein und aus gehen und sagen: Es ist gut, auch wenn ich nicht glaube. Das Gute ist präfidel. Es muss nur einer da sein, der hinzeigt. Eine war die erste und sie spielte vor Gott.

Saiten machen Klänge alter Lieder an Orten, an denen sechzig Jahre geschwiegen wurde. Und nur das Klirren zersplitternder Fensterscheiben zu hören gewesen wäre, wenn denn jemand zugehört hätte.

In Ewigkeitsworten, die sie für ihre Lieben fanden, in Saat und Ruhe und Blühen und Engeln und Schlummern, im Schlummern nisten Spuren von Kornkammern.

Sie haben extra das Gras gemäht, das über den Tod gewachsen ist, damit alle lagern und teilen, wie Brot und Fische und Worte: Dinge von hier und aus der weiten Welt und Gebäck und Bier.

Am Ende wird aufgetan, mit Sicherheitssschlüsseln und Händen und Kneifzangen und Herzensschlüsseln. Und in jeder Biegung ein Gebet; Worte, die deutlicher sind als Spuren aus Staub.

Und Frauen und Männer und Kinder – sie bringen ihre Zeit, Sonnenblumen, selbstgebackenen Kuchen, eimerweise Wildpflaumen und Staunen und Neugier.

Sind eigentlich die Texturen wichtig oder das Weiss?

Einer jagt dem Frieden nach und die Spuren gehen wohl nicht mehr aus der Kleidung (Nachtrag: Sie gehen raus. Viel zu leicht sogar. Es braucht nicht mal einen Vollwaschgang). Der Friede ist komplementärfarben. Der Frieden ist Spiegelung und zaubert Menschen ein Lächeln aufs Antlitz.

Worte tauchen ab und werden klarer.

Bewegungen werden sichtbar und erzeugen Schönheit.

Eine hämmert Worte in Papierbögen und legt sie überall hin. Worte wie Käfer, die überall hinkrabbeln, den GAU überleben und sich hinter dem Gold zur Schwelle des Neuen Jerusalem bevorzugt verschanzen; vermutlich, weil es dort am wärmsten ist.  Und sie bringt Gewächse, deren Namen ich nicht kenne, und sie bringt die Käfer auf die Altarstufen. Von der Seite fällt Hoffnung auf den Herrn Jesus und von der anderen die Buntheit. „Fast echt“, sagen die Leute, doch vielleicht ist es echter, als sie glauben.

Achtung, Erinnerung: Siehe, die Welt ist gut, bevor jemand glaubt.

#präfidel. Ich mag dieses Wort, es ist schon phonetisch schön und vielleicht heißt das ja  was.

Sie kommen in Kleidern und gebügelten Hosen und mit Rollatoren und in Begleitung. Ungläubig, staunend, fragend, sehnsüchtig.

Wer macht hier eigentlich was?

Die Scharniere des Darf-man-das-Eigentlich sind reichlich verschoben.

Der Tod wird verbunden, die Früchte portionsgerecht scheiblettiert, Blutspuren verwandeln sich in Rosenblätter und tragen die Sehnsucht in sich, frischgehalten zu werden, wenngleich mit Spuren. Manches braucht Kraft und bei den meisten Dingen machst Du Dir nicht nur die Kleider dreckig. Eine umarmt sie trotzdem, getragen von der Sehnsucht der Vielen, es ihr gleich zu tun.

Man müsste viel mehr in Kirchen leben, sagt eine.

Sie schauen, sie denken und sie lehnen sich an alten Mauern an. Sie sehen Dinge, die vorher auch schon da waren. Sie lernen alte Bekannte kennen. In ihren Augen, in ihnen spiegelt sich die Sonne, das Licht und der, der alles drei geschaffen hat. Wie Wasser, Schwelle, Blut. Wie Wohnung, Haus und Straße. Wie Sonnenblume, Käfer und Panther. Zusammen.

Fragen an unmögliche Gärten

Hommage à Joseph Beuys 

Hohenwart, 6. Juli 2019 – Playing Arts Lab

 

Wie wüchse Buchsbaum, wenn er nicht kugelig geschnitten werden würde?

Wozu ist Schlagschatten da?

Wer malt Mohnblumen an?

Weshalb sind Mücken auf der Terrasse, wenn das Moor doch so viel größer ist?

Weshalb wollen Menschen immer größer sein?

Ist es Segen oder Fluch, dass die Natur anscheinend so unbeeindruckt ist von dem, was ich denke, was ich tue?

Wer erlaubt das eigentlich, dass wir schöne Dinge immer raustragen, die häßlichen aber drinlassen?

Weshalb gaukelt Wald vor, endlos zu sein?

Weshalb ist Wald endlos?

Weiß ein Grashalm vom anderen?

Wenn Wildblumen umzingelt wachsen, sind sie dann noch wild? Und weshalb machen die Leute alle Fotos?

Neulich zeigte mir einer diese App, mit der man Pflanzen bestimmen kann. Halten wir eigentlich die Technik für klüger als die Natur? Wenn ja: Weshalb? Und wenn nein: Warum nicht?

Und was, wenn es eine solche App auch für Menschen gäbe? Was sagte sie über Dich? Und vor allem: Wer säße am Display?

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt (Versuch über Zucker im Wald, fehlgeschlagen)

Performatives Vertrauen und seine Feinde

Für den Predigt-Slam beim Deutschen Evangelischen Kirchentag 2019 in Dortmund,

22. Juni 2019 in der St. Franziskus-Kirche

 

Vom Vertrauen zu reden, ist oft moralisch-appellativ oder man steht einfach staunend davor: „Was für ein Vertrauen!“. Weshalb das so ist, finden wir heute raus. Ich erzähle Euch davon.

Ich merke nicht, wie die Zeitung morgens in meinen Briefkasten kommt.

Ich merke nicht, woher das Wasser kommt, mit dem ich dusche.

Ich merke nicht, wie die Brennesseln in meinem Garten wachsen.

Ich merke nicht, wie die Buchseiten auf der Fensterbank langsam vergilben.

Ich merke nicht, wie mein Kind groß wird.

Ich merke nicht, wann Gedankenpuzzle langsam Sinn ergeben.

Ich merke nicht, wie die Nachbarin langsam alt wird.

Ich merke nicht, dass Kaffee noch genauso viel kostet wie vor dreißig Jahren.

Ich merke nicht, wie Minze, Salbei und Koriander beginnen, ihre Blätter hängenzulassen.

 

Ich denke erst nach wenn was fehlt, was nicht klappt, die Nachbarn reden, mir etwas nicht mehr gefällt, ein Termin mich drängt, plötzlich eine Todesanzeige ins Haus flattert, ein dringlicher Appell mich erreicht oder Pflanzen mich anklagend anschauen.

 

Ich lasse gelegentlich Türen auf, weil schon nichts passieren wird.

Ich halte es nicht für nötig, Fahrräder wegzuschließen oder Worte oder Laptops.

 

Vor einiger Zeit ist mir das Auto aufgebrochen worden.

Ich erzähle das jetzt nicht, weil das in Deutschland besonders spektakulär wäre.

Die Anzahl der Diebstähle aus Autos ist in den letzten 20 Jahren übrigens um Zweidrittel gesunken.

Auch nicht, weil mir wirklich etwas Wichtiges abhandengekommen wäre. Das ist nämlich gar nicht so einfach.

 

Ich erzähle Euch das, weil es mich zutiefst verunsichert hat.

Weil da etwas nicht mehr gegolten hat, was ich für selbstverständlich hielt.

 

Ich lebe in einer beschaulichen Kleinstadt.

Wie das Leben funktioniert, ist irgendwie klar und bleibt luxuriös indifferent. Vieles muss auch gar nicht geklärt werden, weil es genug Platz für alle und alles gibt.

 

In dieser Welt, nur wenige Kilometer entfernt, ist Walter Lübcke erschossen worden.

Im Getöse von Jahrmarkttrubel, in den Grenzen der eigenen Welt.

 

Ein ehrenamtlicher Bürgermeister eines kleinen Ortes träumt nun Nacht für Nacht, dass ihm oder seiner kleinen Tochter jemand auf der Terrasse neben dem Sandkasten eine Pistole an den Kopf hält.[1]

 

Ein Nachbar sagt: Ich sehe unsere kleine Straße jetzt mit ganz anderen Augen.

Eine Politikerin sagt: Wir waren nicht immer einer Meinung, aber hier geht es um Grundsätzliches.

Unser Bischof sagt: „Manchmal kommt es uns so vor, als sei alles ein böser Traum“.[2]

Wer die Welt bis dato gepflegt hat wie ein Gärtner, lauert jetzt wie eine Löwin.

 

Blumen, Kerzen, Karten stapeln sich vor dem Kasseler Regierungspräsidium.

Blumen, Kerzen, Karten stapeln sich bei der Mahnwache heute auf dem Marktplatz in Wolfhagen.

Ritualisieren wir den Skandal?

 

Wir wollen so frei sein und leben genau in dieser Freiheit vom Vertrauen der Anderen.

Je größer meine Freiheit, um so mehr bin ich auf Euer Vertrauen angewiesen.

Und jetzt wird Freisein für Viele zur Last, weil die Dinge so groß sind, über die wir handeln: Das Klima, der Populismus, die künstliche Intelligenz.

 

Hörst Du auch manchmal die Stimme, die wispert: „Du kümmerst Dich noch selbst? Ja, wie dumm ist das denn? Lass mich das doch für Dich machen.“ So schmal ist der Grad.

 

Ich höre diese Stimme, wenn ich unter Druck gerate, wenn die Monster sich unter dem Sofa hervorwagen und wenn ich das Gefühl habe, allen Themen nur hinterherzulaufen – in der irren Annahme, man könne die Welt heute noch verstehen.

 

Und ich denke an all die Dinge, die ich nicht bemerkte.

 

Und denke daran,

dass es an mir liegt, wie Menschen arbeiten, die Zeitungen austragen.

Dass es an mir liegt, dass es Trinkwasser für alle gibt.

Dass es an mir liegt, welche Pflanzen wachsen werden.

Dass es an mir liegt, Gedanken zur Welt zu bringen.

Dass es an mir liegt, ob Menschen im Alter solidarisches Leben erfahren.

Dass es an mir liegt, wie viel Menschen verdienen, die Kaffee pflücken, am anderen Ende der Welt, und

Dass es an mir liegt, ob ein Duft von Minze und Salbei und Koriander die Welt durchzieht.

 

Und Vertrauen ist dann ganz unspektakulär da,

wie der Geruch von Minze.

 

Brennend, erfrischend, leicht scharf, und süß und zitronig und fruchtig und ein bisschen kühl. Manchmal wie Banane, manchmal wie Schokolade.

 

Vertrauen fühlt sich an wie Minze,

zart und robust zugleich,

unscheinbar und rasch vermehrt, wenn man sie denn lässt.

 

Kaum zu unterscheiden,

in wieviel Varianten es auftaucht,

und in den Farben des Grün,

noch viel mehr Grün,

als Ihr es hier auf dem Kirchentag seht.

 

Behaarte Blätter schützen das innere Wesen,

und diese ungeklärte Frage,

ob man Vertrauen eigentlich anders verstehen kann als durch Vertrauen,

dann wäre das nämlich das logische Problem, weshalb es so schwer ist, darüber wirklich Worte zu machen.

 

Vertrauen nistet sich dann überall ein

Liquid und versteckt,

in Limonade und Likör, in Essig und Eis, in Kaugummi und Zahnpasta.

 

So einen richtigen Reim gibt es nicht darauf.

Gepfeffert ist es ein Findelkind und sollte nicht in Beutel verpackt werden, überhaupt gefällt es ihm nicht, wenn es eingesperrt wird.

 

Und ich bin froh, dass es so ausdauernd, ausdauernder als ich:

Es überlebt getrocket und eingefroren,

für die Zeiten,

in denen ich aus dem Vorrat leben muss.

Wo es mir riskant erscheint,

zu vertrauen.

Wo ich Angst habe, vergiftet zu werden von der Angst.

Von der Angst,

dass die Themen zu groß sind für mein kleines Leben,

dass die Welt zu groß ist, die Menschen zu mächtig oder zu klug.

 

Es gibt diese Vision, dass Menschen und Tiere und Pflanzen und Dinge in dem, was sie Gutes zur Welt beitragen, Koalitionen eingehen. Bis dahin, dass sie einander in die DNA einschreiben[3]: in Limonade und Likör, in Essig und Eis, in Kaugummi und Zahnpasta.

 

Und ich träumte, die Minze wüchse in unsere Herzen und Köpfe und in die Sehstäbchen unserer Augen, legte sich kühlscharfsüß auf meine Zunge und unter die Fingerkuppen am Laptop.

 

Und erwacht, früh am Morgen, zu seiner besten Erntezeit, findet‘s mich, noch vor dem ersten Kaffee,

und durch einen winzigen Spalt an der angelehnten Tür – merkst Du es auch?

 

 

[1]Tweet von Petra Bahr am 19.6.2019.

[2]Bischof Prof. Dr. Martin Hein, Traueransprache für Dr. Walter Lübcke, St. Marien Kassel am 13. Juni 2019, Text hier. 

[3]Donna Haraway (2018), Unruhig bleiben.