Viel Gerede um „Harnack reloaded“ – wozu?

Seit Tagen kommentieren die Kolleginnen und Kollegen in meiner Timeline die jüngsten (und auch gar nicht mehr so jungen) Äußerungen des Berliner Dogmatikers Notger Slenczka zum Verhältnis von Altem und Neuem Testament – überwiegend in Abgrenzung, teils mit Bestürzung, in leisen Stimmen auch mit dem Hinweis, „es sei doch (bestimmt) alles ganz anders gemeint“.

Nun thematisieren inzwischen auch die eher kirchenkritischen Feuilletons den sog. „Streit“ in der Theologischen Fakultät der Humboldt-Universität, freilich eher mit einem leicht ironisierenden Unterton (so etwa die @taz am 24. April 2015).

Mich lässt das fragen, wozu all dies jetzt eigentlich geschieht. Dass TheologInnen gelegentlich abseitige, dem Forschungskonsens entgegenstehende oder schon längst widerlegte Thesen trotzdem prüfen und vertreten, ist ja nicht weiter ungewöhnlich. Offensichtlich erregt dies öffentliche Aufmerksamkeit über innerakademische und –kirchliche Kreise hinaus, sobald das Leben der Kirchen getroffen wird. Das deutet ja zunächst erstmal darauf hin, dass Tillichs Postulat, dass die Theologie eine Funktion der Kirche zu sein habe, zumindest im Grundsatz erfüllt ist. Ich erinnere mich vergleichbar an die Diskussion um die Legitimität der Frauenordination in den lutherischen Kirchen Europas vor wenigen Jahren, die – trotz erheblichen Unverständnisses der Mehrheit – erbittert geführt wurde und die heute nach meiner Wahrnehmung weitgehend vom Tisch ist.

Verschärft wird die Debatte gegenwärtig allerdings deshalb, weil mit dem Verständnis des Verhältnisses der Testamente zugleich das Thema der Bezugnahme christlicher Theologie auf das Judentum im Raum steht, mit allen historischen Lasten, die unsere Kultur dabei mitträgt.

Slenczka stützt seine Argumentation vor allem auch auf den Hinweis, er beschreibe mit seinen Thesen vor allem auch konsekutiv das faktische Handeln der Kirchen. An diesem Punkt muss meines Erachtens auch widersprochen werden (zu den theologischen Einwänden ist ja schon vielerorts gehandelt worden). Mich interessiert, auf welche Wahrnehmungen Slenzka sich bezieht, wenn er eine kategoriale Abwertung des Alten Testaments gegenüber dem Neuen in der Praxis der Kirchen beobachten will. Mindestens will ich meine Erfahrung dem an die Seite stellen. Ich erlebe, dass Kolleginnen und Kollegen überwiegend größte Sorgfalt darauf verwenden, den Texten beider Testament in ihren Auslegungen mit den gegenwärtig verfügbaren hermeneutischen Mitteln gerecht zu werden. Auch die in meiner Studienzeit noch verbreiteten sog. „christologischen Kurven“ höre ich eigentlich gar nicht mehr. Die Arbeiten vieler TheologInnen der letzten Jahre, etwa von Frank Crüsemann und anderen, zeigen hier doch offensichtlich nachhaltig Wirkung.

Ich kann nicht sehen, wo Slenczkas Thesen auf innerkirchliche Krisen aufmerksam machen sollten. Betrachtet man das Ganze hingegen von außen, kann zumindest ich mich des Eindrucks nicht erwehren, dass die grundlagenbezogene Forschung in der Theologie den drängenden Fragen der Kirchen damit auch aus dem Weg geht und sich damit verschärft fragen lassen muss, zur Bearbeitung welcher Fragen Theologie an staatlichen Universitäten betrieben wird. Dass sie dies auch zweckfrei tun darf und muss, ist unbenommen – dass sie jedoch in der publizierten Öffentlichkeit mit Fragen auf den Plan tritt, die der öffentlichen Kirche weder helfen noch nutzen, erscheint derjenigen problematisch, die tagtäglichen für die Anliegen der evangelischen Kirche qua Amt einzutreten hat.

Man sollte, wie es ja auch manche tun, sich auch hier wieder mal der Alten besinnen und etwa Marc Aurels Rat zu Besonnenheit und Disziplin folgen. Besonnenheit im Urteil und Disziplin in der theologischen Arbeit könnten helfen, der angestoßenen Diskussion den Platz einzuräumen, der ihr gebührt. (few 04/15)

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