Zeitgerecht zeitgerechnet. Zu Ostern 2015

Ein etwas kryptischer Horizont,

dieser Titel,

aber hört selbst.

Anders als jetzt:

Es ist früh am Morgen.

Klammheimlich, unheimlich,

wenn alles noch schläft,

wenn Du eigentlich die Ostereier verstecken müsstest,

bevor das erste Kind in die Welt blinzelt,

wenn Du kaum noch die Augen offenhalten kannst,

von durchwachter Nacht,

dann,

irgendwie auch wie jetzt.

Was M. (37) aus M. gleich erlebt, ist unbeschreiblich.

Sie hält sich für eine gewöhnliche Frau,

geheilt nach langer Krankheit,

wie doch andere auch,

aber wenn dieser Morgen vorbei ist,

lebt sie ein völlig anderes Leben.

„Dinge, die wichtig sind. Erzähl sie weiter.“

7 Dinge, die an diesem Morgen geschehen.

Nr. 3 lässt Dich das Leben neu sehen.

So schreibt es das Boulevard.

So liest jeder.

Selbst die, die erzählen,

dass sie nicht lesen.

Also: Doch solche Zeitungszeilen nicht.

Unbeschreiblich. Unbegreiflich. Diese Worte gehen um die Welt.

Worte, die um die Welt gehen.

Im Brennpunkt: Trauerworte. Wutworte.

Also: Was es da so gibt!

Die Geschichte der M. (37) aus M.

Die Ostererzählung.

Eine Geschichte für Frühaufsteher.

Auch heute, am Abend.

Ostern: Die Morgenröte.

Sagt die Etymologie.

Herkunftskunde,

betonen die Theologen der frühen Christenheit:

„Solange sollst Du wachen.“

oder, wie das Lied sagt:

„Frühmorgens, da die Sonn aufgeht“

Mancher im Bette nochmal um sich dreht,

ersten Sonnenstrahlen Tanz

trotzend mit beachtlicher Penetranz.

Und dann eilig frühjahrsgeputzt,

Zeit nur richtig ausgenutzt,

alles blanko unverschmutzt,

im Haus, im Garten und natürlich auch in der Kirche.

„Gott sei Dank“, meint die Pfarrerin.

Nur die Ordnung ist erlaubt,

sogar die Maria wird abgestaubt.

Wenigstens bei den Römischen.

Das ist Lebenshaltung,

egal,

ob morgens, abends, am Mittag.

Wenn die Sonn am höchsten steht.

Und dann verpasst Du erstmal was.

Manchmal ist das so.

Doch zurück zu M.

Finster ist’s an jenem Morgen.

Herz und Kopf voller Sorgen.

Auch ohne Blick für das Morgen.

Stattdessen:

Worte und Bilder und Geschichten und Momente und Geistesblitze von dem,

was war:

Gleichnisse und Wunder,

Reden und Gesten,

Vom Welt-und-Menschen-Erkunder,

und dann:

Wege, die Du nicht gehen willst,

und Entscheidungen,

die über Dich getroffen sind,

splitternde Stimmen und Worte aus Glas.

„Die da war’s.“

„Ich kenne ihn nicht.“

„Lasst den anderen frei.“

Stimmen

Auf Schulhöfen und

In Büros,

im Kinderzimmer und

auf dem Marktplatz.

„Mit all dem habe ich nichts zu tun.“

„Die da war’s.“

„Ich kenne ihn nicht.“

„Lasst den anderen frei.“

„Mit all dem habe ich nichts zu tun.“

  1. doch.

Sie geht.

Macht sich auf,

fällt auf,

fällt aus,

fällt hin,

folgt einem Einfall.

Sie sieht.

Sie sieht,

was nicht da ist.

Der Stein ist weg.

Du folgst einem Einfall,

ganz am Beginn

doch auch mit zitterndem Sinn

und wackeligen Knien,

und dann

ist kein Halten.

Was lange lag,

vibriert von innen,

gerät in Bewegung,

Wie Erdbeben, Sog, Glut,

Kernschmelze.

Kein Halten.

Da fällt’s

Aus der Fassung und

Vom Herzen.

Die Theorie und die Lebenshaltung und die Ordnung und das Konzept für alles und jedes.

Und dann

Stille.

  1. bleibt stille stehen.

Standhalten angehaltenen Lebens.

Dieser Moment, wo es so ist:

„Erst ist es ganz ruhig.“

Ruhe vor…

Mitten zwischen…

Stillstehen wie die Welt und die Zeit und die Sonne am Himmel.

Dann schweigen die Waffen, überliefert die Bibel.

Friede sei mit Dir.

Alles steht still.

Am offenen Grab.

Die x-mal gegangenen Wege,

die Spuren gebeteter Worte

und der Fluss der Tränen.

Polierte Granitplatte in tausenderlei Scherben.

Sonnenspiegelbilder.

Blumen wie sie tanzend im Wind

das Sterben mit Farben beerben.

Erde, einst mühsam geschaufelt.

Fundament des Lebens,

Deine Schritte verhallen,

Auf der Erde, im Tränenmeer,

Erde ins Meer gefallen.

Wo sie einst herkam,

am dritten Tage der Schöpfung,

nun neu errichtet,

am dritten Tage.

Erster Tagesglanz fällt dorthin,

wo Du den Tod vermutest.

So hast Du es oft schon gehört, Maria:

Nachdem Gott, der der Herr ist über Leben und Tod…

Und so weiter. Und so weiter. Und so weiter.

Asche zu Asche.

Irrtum zu Irrtum.

Erde zu Erde.

Verlust zu Verlust.

Staub zu Staub.

Lüge zu Lüge.

Flüchtig und nichtig.

Manches wirst Du nie erfahren.

Was immer Du erwartet hast, Maria aus Magdala:

An Resten, an Tränen, an Trauer, an Schmerz –

Hier ist AndersStille.

Und Sonnenscherbenglanz.

All das ist

Aus der Fassung und vom Herzen gefallen.

Stein weg.

Grab leer.

Kein „Dann und Wann“

oder: „Immer, wenn“,

oder: „Später einmal“

sondern:

Genau jetzt: Die Nicht-immer-so-weiter-Zeit.

Ostern:

Genau jetzt: Die Nicht-immer-so-weiter-Zeit.

Der Lauf der Zeit – ausgelaufen, angehalten. Von Geborensein und Begrabenwerden.

Begraben.

Die Hoffnung.

Begraben.

Das Leben.

Begraben.

Die Liebe.

Begraben.

Deine Menschen.

Begraben.

Und die Erwartungen.

Begraben.

Die Erinnerungen.

Begraben.

Die Leichtigkeit.

Begraben.

Die Beharrlichkeit.

Begraben.

Die Möglichkeit.

Heimgeholt, zurückgenommen, das war nicht gewollt –

Und manche sagen sogar: von Gott.

Und so stehst Du da, M.

So stehst Du da, Maria.

So stehst Du da, Mensch.

Und Du fragst Dich nur:

Warum? Wieso? Wozu?

Und da ist Stille,

weil niemand antwortet.

Niemand.

Du hast nur Dich

Und die,

die Dich schweigend in den Arm nimmt,

wenn Du Dir nur noch

die Bettdecke über den Kopf ziehen willst,

im gleißenden Licht.

Du hast nur Dich.

– und Ostern.

Die Nicht-immer-so-weiter-Zeit.

Am Morgen.

Frühmorgens, wenn die Sonn aufgeht.

Klammheimlich, unheimlich,

wenn alles noch schläft,

wenn Du eigentlich die Ostereier verstecken müsstest,

bevor das erste Kind in die Welt blinzelt,

wenn Du kaum noch die Augen offenhalten kannst,

von durchwachter Nacht,

Klammheimlich, unheimlich,

schiebt einer den Stein an,

der vor dem Grab liegt,

zu dem es Dich zieht.

Vielleicht ist’s das,

dessen Asche Du beweinst.

Vielleicht ist’s die,

in deren Arm Du schweigend bist,

Manche sagen: Es ist Gott.

Der, der den Stein anschiebt.

So hat er die Welt geliebt,

dass er seinen Sohn gibt.

Und nicht im Tod lässt.

Das Grab ist leer, Maria.

Das Grab ist leer, Mensch.

Maria, das heißt: Von Gott geliebt.

Mensch, das heißt: Von Erde genommen.

Leeres Grab.

Genau jetzt: Die Nicht-immer-so-weiter-Zeit.

Mensch, Maria.

Von Erde genommen. Von Gott geliebt.

Genau jetzt, heißt in der Kirche:

Von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Wenn Stille in die Zeit einfällt.

Und Dir der Stein ins Rollen gerät:

Todesvermuteter Ort ist Leerstellenwelt.

Nicht: Halb voll, halb leer.  Alles Ansichtssachen. Jede nach ihrer Facon.

Sondern:

Wenn, was ist, sich dreht zu dem, was sein werden darf,

selbstgemalte Kreise den Weg vorgeben,

nicht abgezirkeltes Leben,

sondern klecksender Werbekugelschreiber in zittriger Hand,

zerknüllter Entwurf mühsam entfaltet

und glattgestrichen,

Risse zusammengelegt

und alles gut festgehalten,

im Flattern von Ostwind,

der Deine Morgenwelt umweht.

frühmorgens, wenn die Sonn aufgeht,

und alles noch schläft,

all Deine Rollen noch ruhen,

und Purzelbäume

die großen Sprünge

der neuen Schöpfung sind.

Neue Zeit, neue Gerechtigkeit.

Von Erde genommen. Von Gott geliebt.

Am dritten Tag.

Am Grab.

Das leer ist.

Genau jetzt.

 

Und auf dem Sonnenstrahl,

der eben daraus

in Dein Auge fällt,

wächst anderes Leben,

lindgrün leicht;

neues Sehen,

Unbeschreibliches,

Unbegreifliches,

und das Weitererzählen.

Vergesst’s nicht.

Erzählt davon.

Nicht von Zeitungszeilen.

Frohe Ostern.

few 04/15


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