Ab jetzt unbefristet: Von den Alten für alle lernen

Streiks dienen dazu, gesellschaftlichen Druck auf EntscheidungsträgerInnen auszuüben, den diese häufig nicht unmittelbar, sondern vermittelt oder symbolisch wahrnehmen. Sie sind um so wirksamer, als sie Lebensbereiche berühren, in denen Menschen unabweisbar verantwortlich sind. Und sie werden überwiegend als plausibel bewertet, wenn die Interessen, die in Verhandlungen benannt werden, allgemein als einsichtig bewertet werden. 
Dieser Tage ist in mehreren Bundesländern zur unbefristeten Bestreikung von Tageseinrichtungen für Kinder aufgerufen. Vielfach ist im Vorhinein darauf hingewiesen worden, wie sehr sich das Berufsprofil der Erzieher und mehrheitlich Erzieherinnen in den vergangenen Jahrzehnten gewandelt hat. Ob es den Beruf der „kaffeetrinkenden Tante“ zwar tatsächlich jemals gab (in meiner Kindergartenzeit Anfang der 1980er Jahre auf dem Lande in einer konservativ geprägten Region jedenfalls nicht), mag dahingestellt sein, gewiss ist allerdings, dass die Anforderungen an ErzieherInnen stetig gewachsen sind. Damit teilt das Berufsbild eine Entwicklung, die in vielen gesellschaftlich relevanten Berufen zu beobachten ist: Berufsprofile werden nach und nach angereichert, gesamtgesellschaftliche Bedarfe werden einzelnen Berufsgruppen verantwortlich zugeordnet. Das betrifft pädagogische Berufe, aber auch pflegerische und öffentlich-kommunizierende Berufe. Auch dem Pfarramt sind in den letzten Jahrzehnten Aufgaben zugewachsen, die mehr und mehr als Selbstverständlichkeit angesehen werden und denen gegenüber Erwartungen formuliert werden. Gemeinsam ist all diesen Entwicklungen, dass Ausstattung, Infrastruktur und Entlohnung den komplexeren Tätigkeitsfeldern und häufig auch gestiegenen Ausbildungsanforderungen nicht gerecht werden. Dies ist keine Frage, die durch Tarifverhandlungen einer einzelnen Berufsgruppe abschließend bearbeitet wird, sondern allenfalls induziert werden kann. Unsere Gesellschaft muss sich fragen lassen, was ihr die gerechte Befähigung und Beteiligung aller zum und am gemeinsamen Leben wert ist. Ich kann einfach nicht verstehen, wie es sein kann, dass die Sachmittelausstattung frühkindlicher Bildungseinrichtungen in unserem Land weitgehend dadurch bestritten wird, dass Eltern etwas von zuhause mitbringen, im Garten helfen und Anderes. 

Zugleich stellen – bei weitem nicht kostendeckende – Kita-Gebühren für viele Familien einen hohen Ausgabeposten dar, zumal viele hoch qualifizierte Erziehungsberechtigte – auch aufgrund des Lohngefälles häufig Frauen – den Umfang ihrer Erwerbstätigkeit wenn nicht vollständig aufgeben, so doch erheblich einschränken müssen (ohne es zu wollen), um die meist pädagogisch begründeten Abholzeiten der Kinder zuverlässig einhalten zu können. 

Familien, die anders entscheiden, und einen erheblichen Anteil ihres double income einsetzen, um selbst steuerpflichtige haushaltsnahe Erwerbsarbeit zu schaffen, haben sich tatsächlich immer noch mit höchstens halbherzig verdeckten Vorurteilen gegenüber diesen individuellen Lebensmodellen auseinanderzusetzen. 

Das gegenwärtige Dilemma ist also mindestens ein dreifaches und induziert einen gesellschaftlichen Aushandlungsbedarf. Dafür braucht es eine Lobby aller Beteiligten, die sich derzeit gegenseitig beschuldigen, sich nicht relevant genug für die Interessen der jeweils Anderen einzusetzen. 

Dies sollte nicht nur Möglichkeit sein, sondern zur Pflicht werden. Denn kein mündiger Erwachsener kann sich des „mitgehenden Anfangs“ (Neumann/ Sigismund) von Kindheit entziehen, denn selbst dann, wenn er in einem Kontext ohne Kinder leben sollte, gehört die eigene Kindheit – ganz gleich, ob in Aneignung oder Abgrenzung – zur persönlichen Biografie. 

Die Gestaltung von Kindheit ist deshalb mehr als die einer notwendigen Übergangsphase zum Jugendlichen- und Erwachsenensein, sondern Voraussetzung dafür, eben jene Fähigkeiten der Verantwortung, Fürsorge, Respekt und Einsicht zu erwerben und zu pflegen, die für mündige Teilhabe an gesellschaftlichen Meinungsbildungs- und Mitwirkungsprozessen erforderlich sind. 

Aus antiken Zeiten ist überliefert, dass Kinder spielten, sobald sie laufen konnten, mit allem, was möglich und vorhanden war, allein und zu mehreren, und zugleich am Leben der Erwachsenen teilhatten. Sie ahmten nach, was sie erlebten, und wurden (genderspezifisch) in die Aufgaben der Eltern eingeführt. Ab dem fünften Lebensjahr war ihre Arbeitskraft fest in der Haushaltung eingeplant. Man sollte sich diese Zeiten nicht unkritisch zurückwünschen. Die in den frühchristlichen Schriften sichtbaren Konflikte um Generationengerechtigkeit, Verantwortung und die Forderung gegenseitigen Respekts zeigen aber an, dass eben dies als leistungsfähig angesehen wird, um durch gemeinschaftlich-gerechte Aushandlungsprozesse der angestoßenen gesellschaftlichen Vision gerechten Lebens weiter zu Wirklichkeit zu verhelfen. 

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