DingDingDong, oder: Was dabei rauskommt, wenn man nachmittags dadaistische Dialoge schreibt. Eine weitere Miniatur zu Psalm 90

Wittenberg, 12. Mai 2015

[Dann doch! Ein Prolog]

Alles und Jetzt.

Lichtgewitter.

Körpergezitter.

Klanggitter.

WohlGefallen aus der Zeit.

Und keiner hört.

Hörst Du nicht die Glocken? Hörst Du nicht die Glocken?

alle: DingDingDong! DingDingDong!

Schlag 3.

Die Uhr steht. 2 vor 12.

Hoch oben, über der Stadt.

Schau hinauf. Hast Du’s gesehen?

Keiner sieht’s. Keiner wacht. Mitten in der Nacht.

Fast keiner. Schau in fremde Welt.

Die Krankenschwester.

Leise, eilige, schlurfende Schritte macht sie

durch schier unendliche Flure unendlicher Nacht.

Gleißendes Licht und Notfallbeleuchtung.

Keiner sieht’s. Fast keiner.

Die Leidenden und Schmerzerfüllten

in Häusern, die für sie gemacht sind.

Sie kennen keine Zeit,

kein Tag und Nacht,

Sommer und Winter.

Keiner sieht’s. Fast keiner.

Schau hinein.

Weißer Staub schluckt der Schritte Schall.

Behende Hände kneten und verkleben,

rühren und richten,

was auf Deinem Frühstückstisch duften wird.

Und so Vieles, was Du brauchst zum Leben wie täglich das Brot.

Keiner sieht’s. Fast keiner.

 

Hörst Du nicht die Glocken? Hörst Du nicht die Glocken?

alle: DingDingDong! DingDingDong!

Schlag 6.

Die Uhr steht 2 vor 12.

In Deiner Stadt.

Und Du schaust hektisch

auf den Wecker,

das Smartphone,

den Menschen, der neben Dir liegt.

So früh und schon zu spät.

Eilig geht’s los, damit Dein Tag losgeht.

Vorhänge gelupft – Sonne! – und Zähne geputzt,

Duschen, Waschen, Kleidung raffen.

Nachrichten überfliegen und doch kaum was mitkriegen.

Brote schmieren und kaputte Reißverschlüsse reparieren.

Alle wach? Alle auf?

Haustür klappt zu. Der Tag nimmt seinen Lauf.

Hörst Du nicht die Glocken? Hörst Du nicht die Glocken?

alle: DingDingDong! DingDingDong!

Schlag 9.

Die Uhr steht. 2 vor 12.

Die Stadt bewegt.

Von Rädern und Karren,

die über Kopfsteinpflaster humpeln,

Taxis mit Warnblinker und einer keuchenden Alten mit Rollator,

die die Schöne neue Morgenwelt mit Realität überrumpeln.

Äpfel, Birnen, Clementinen,

Erdbeer’n und Spargel und all die Marktroutinen,

was schnell verdirbt, will schnell verkauft sein.

Manche handeln,

andere sitzen auf einer Bank aus Leidenschaft

sich selbst sonnend auf eben dieser Seite,

während Zwei metallen marktmittig ihren Platz behaupten.

Da stehen, wie die Uhr steht.

Hoch oben, über der Stadt. Und den Köpfen.

Hörst Du nicht die Glocken? Hörst Du nicht die Glocken?

alle: DingDingDong! DingDingDong!

Schlag 12.

Umschlagend die Zeit

vom Vor zum Nach des Mittags.

Die Uhr steht. 2 vor 12.

Jetzt der Juwelier.

32mal Viertel vor Acht, hinter Glas.

Sicherheitsglas.

Zeit am Armband.

Auf Glasabstand.

Zur Sicherheit.

Irgendwas zwischen

Glashütte, Sachsen und Silicon Valley, Kalifornien.

Misst alles, was messbar ist.

Blutdruck, Puls und Restlebensdauer.

Zahlen zählen und beziffern,

rechnen, werten, kontrollieren,

auf ein längres Leben spekulieren.

Health-App.

Rotes Herz auf weißem Grund.

Sowas haben früher strahlende Kinderaugen

am Muttertag verschenkt.

Ihr bestimmt auch!

Jetzt suchst Du noch sowas?

Hier, ein Preisschnäppchen zum Vatertag: SeKunDenGeNau. 749 Euro, Versand gnädiglich-großzügig umsonst.

Stopp.

Zeitumkehr statt ewiger Kreisverkehr.

Stetig voranschreitend wie eilige, grüne Leuchtschrift:

Stetig voranschreitend wie wildes Verflattern

himmelgrüner Blätter

an verfallender Fassade,

als ob’s um Leben und Tod ginge.

Zwischen Kunstschrift und Kletterranke

Die Zigarette danach und horch:

 

Hörst Du nicht die Glocken? Hörst Du nicht die Glocken?

alle: DingDingDong! DingDingDong!

Schlag 3. Am Tag. Alles licht.

Ob’s klug ist,

jetzt statt Stechuhrtakt Straciatellaeis zu schlecken,

jetzt den Brief ohne Antwort zu lassen,

den Laden ohne Kassen,

die Straße ungekehrt?

Ungekehrt umgekehrt.

Klug ist, wer weiß, wie man überlebt.

Im Zweifel sind’s immer die Anderen?

Die Studierten oder

die Frommen oder

die, die Dein Betriebssystem reparieren können?

Klug ist, wer weiß, wie man überlebt.

Eine heilige Schrift sagt:

Wer rechtzeitig auftischt.

Wer gut abrechnet.

Wer in der Nacht noch Licht hat.

Du drückst die Kippe aus,

nimmst das Brot auf Deinem Tisch,

um zu denen zu bummeln,

die sich an Denkmälern tummeln.

Der Korb wandert, die Rotweinflasche kreist.

Klug sein ist die Überlebenstugend,

alltäglich versteckt, im Grundsatz unentdeckt,

häufig schuldbefleckt.

Deinen To Dos und Terminkalendern hintan gesteckt.

Die Sonne sinkt. Schatten fallen.

Zeit rennt.

Letzter Sonnenstrahl spiegelt sich im goldenen Zifferblatt

hoch über der Stadt

und fällt von dort in Dein Gesicht.

Hörst Du nicht die Glocken? Hörst Du nicht die Glocken?

alle: DingDingDong! DingDingDong!

alle: DingDingDong! DingDingDong!

Viele Schläge tut’s.

Abend ward, bald kommt die Nacht.

Und Du schaust hinauf,

und siehst,

wie der Zeiger auf sonnengoldbeschienenem Ziffernblatt langsam weiterrückt.

Sonnengoldbeschienen

tritt der aus dem Haus, das für ihn Schmerzerfüllten gemacht ist,

die, die behender Hände schafft, was Du täglich brauchst,

der Mensch, der neben Dir ist,

die keuchende Alte mit dem Rollator,

die zwei Metallenen auf dem Marktplatz,

die Kinder, die rote Herzen auf weißen Grund malen,

der, dessen Brief Du unbeantwortet ließest, und

die, der Du rotreinen Wein einschenktest.

Sie sind’s,

die bedachten,

dass sie sterben müssten,

klug wurden

und fröhlich an der Elbe Reigen tanzen.

 [Epilog: Schließlich wir.]

Und in allem Rühmen und Lachen,

hört keiner mehr, was noch ganz leise durch unsere Köpfe irrlichtert:

DingDingDong, DingDingDong.

Inzwischen auch als Videobeitrag hier: https://www.youtube.com/watch?v=xLE7X5WH6Qw

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