Pflanzen stärker als Worte?

Für „himmelgrün – Kirche auf der Landesgartenschau“. Landau,Wörtergötterspeise 17. Mai 2015

Müßig sein, rennen, staunen. Garten schauen.

Ein Pflanzenmarathon.

Ein Blütentraum.

Ein Paradies.

Tausende von Euch zieht es,

weil Abertausende von ihnen da sind.

Im Garten. Im Wald. In der Stadt. Auf Deiner Fensterbank.

Samen unter Deinen Schuhsohlen.

Kastanie in Kinderanoraks.

Getrocknete Rosen im Poesiealbum.

Ja, und natürlich:

Auf der Landauer Landesgartenschau.

Die Pflanzen.

Gras, Kraut und Baum.

So steht’s vom Anfang in der Bibel.

Und doch viel mehr:

Astern pflastern Wege,

Beifuß läuft Dir ins Gehege,

Chrysanthemen, wie von der Tanke,

maschinell in Folie,

auf dass die Liebste sich dennoch bedanke.

Datteln und auch Dahlien für Gemütskranke.

Eine Erbse für die Prinzessin,

so erzählt Andersens Märchen,

und

Flachs für den Kleiderschrankzuwachs,

Kleid, nicht nur für die Erde,

und Gras, das Du wachsen hörst.

Hopfen, noch nicht ganz verloren,

und Ingwer, bei Erkältung beschworen.

Japanische Zierkirschen – o ja –

Seht Ihr das Meer rosaner Blüten?

Und das Kleeblatt, es soll vor Unglück behüten.

Löwenzahn, Künstler der Verwandlung,

eben doch noch – und jetzt schon.

Aber bei P wie — sind wir noch nicht.

Und dann ist da auch noch: Mohn.

Rot auf dem Felde,

schwarz gemahlen in der Schnecke,

Narzissus und die Tulipan,

die ziehen sich noch viel schöner an.

Und siehe, es war sehr gut.

Eigentlich willst Du „Aber“ sagen.

„Sehr gut, aber…“

Das Leben ist nämlich nicht nur kein Deutschland-hat-den-Superstar-gefunden-Ponyhof,

sondern auch keine Landesgartenschau und keine Blumenwiese.

Auf der Du nicht bei- sondern barfüssig läufst,

wenn die Sonne den Tau noch nicht an sich gezogen hat,

Ihr wisst schon: Photosynthese, alles das um der Pflanzen willen.

Dass es grünt so grün…

Sie sagen Dir:

Das Leben ist keine Blumenwiese.

Von der Du Dir nimmst, was Du brauchst,

an Farben und Formen und Vielfalt und Flachs und Flausen und Flieder und Feigen

und eben auch ihren Blättern.

Den vielbeschworenen.

Sondern da ist auch Fingerhut und Goldregen,

Herbstzeitlose und Maiglöckchen.

Giftig.

Nein, nicht nur die schönen und glamourösen

–das kleinbürgerliche Herz meint das so –

so einfach ist es aber nicht:

Du siehst es ihr nicht an, ob Ihr Euch vertragt.

Pflanzen kennen keine Liebe auf den ersten Blick,

denn sie sind auch ohne Dich glücklich da.

Und siehe, es war sehr gut.

Pflanze kränkt Mensch.

Phytologische Provokation.

Sie sind wirklich ohne Dich da.

Wenn heute Abend um halb zehne

Der letzte menschliche Schritt

im Grase hier verhallt ist,

dann ist hier Pflanzenfest,

Feiern auf der Wiesen,

von der ganzen Flora angepriesen.

Heimlich.

Insidertipp der Botanischen.

Alle Bäume klatschen in die Hände.

Nein, das ist nicht „Herr der Ringe“,

das steht in der Bibel[1].

Das muss ja stimmen!

Das Drehkreuz schließt,

die automatische Sprinkleranlage gießt,

und es erwacht zum Leben,

was die Antiken für unbelebte Welt hielten.

Nachtaktive voran.

Wenn grün, blau, purpur und rot

längst blass geworden, erloschen,

dann strahlen die Zarten,

die auf das Mondlicht warten.

Und es spiegeln,

Licht von

perfekten Weltall-Wellenwegen,

eingefangen in cremefarbenem Blütenstand.

Die Partybeleuchtung.

Schwere Düfte machen sich breit,

Das ist keine Idee romantischer Dichtung,

sondern ein echter Vorteil im Kampf ums Überleben in der Pflanzenwelt,

wo Du nichts mehr sehen kannst,

die Blinden im Vorteil sind.

Käfer holt das Silberbesteck heraus zum Dinner in the Dark.

Das ist ihre Zeit.

Wo sie ganz groß rauskommen,

die Kleinen,

Wegwarte und Seifenkraut und Borretsch,

und das Nachsehen hat,

der am Tage den Garten- und Waldmeister spielt.

Jetzt

Den Götter zur Speise gereicht,

eingefangen in Saflorkonzentrat

mit 2 Esslöffeln Zucker und einem Schuss Wodka gelatiniert.

Meisters Macht

Alkoholisiert

Blamiert

Blockiert

Und vor allem demaskiert.

Pflanzen verteilen Picknickgeschirr,

wo tags hier dieses Menschengewirr.

Nachtschatten kehrt die Verhältnisse um.

So tanzen sie des Nachts,

Gänseblümchen,

stark und stolz dem Beton getrotzt,

und Mammutbäume,

grazil und mit großen Gesten die Zeit belächelnd,

zur Musik von Nordwind und Südwind,

umkleidet vom Hauch

von Narde und Safran,

Myrrhe und Aloe,

Zimt und Weihrauch.

Königszeit für alles,

was Wurzeln hat.

Sie tun’s den Biblischen gleich,

das könnt Ihr nachlesen, nachsingen, nachtun,

vom Lied der Lieder, im 4. Kapitel.

Ja, was könnten sie alles tun,

die Pflanzen,

wenn sie könnten, wie sie wollten, wenn der Herrgott ihnen einen Willen gegeben hätte.

Gäb’s wohl Rosen ohne Dornen,

Pilze ohne Gifte,

Brenn ohne Nesseln,

Blüten ohne Pollen,

oder was Menschen eben sonst noch alles so von den Pflanzen wollen.

Erinnert Euch:

Sie sind auch ohne uns da.

Und siehe, es ist sehr gut.

Auch wenn sie mehr und anders sind,

als Dir nur zu Nutzen zu sein.

Die Pflanzen.

Verlockend anzusehen und

Gut zu essen,

meint die Schöpfungsgeschichte.

Und verleiht dem Pflanzlichen damit das Nötige an Gewichte.

Sie sind ohne uns da,

und mehr als wir brauchen.

Doch: Du nicht ohne sie.

Nicht ohne die Flüchtigen

Und die Stummen,

die Bodenständigen

– lebenslang die gleiche Scholle –

die provozierend Verschwenderischen

und die Nachtaktiven,

die das Mondlicht spiegeln.

Leben und das Wissen um Gut und Böse bringen sie Dir bei,

und dass Gutes und Schönes seine Zeit braucht.

Noch niemand hat das Gras durch Ziehen schneller wachsen lassen.

Binsenweisheit.

Und doch…

Alles dauert seine Zeit.

Und Du stehst am Morgen auf,

und die Rose blüht,

vor Deinem Fenster,

und keiner weiß, wie.

Und Du setzt Dich,

und das Messerchen

nimmt der Kartoffel die Schale,

und der Erdbeere die Blüte,

und dem Apfel das Gehäuse,

und sie nähren Dich,

mit Saucen und Sahne und im Strudel.

Und mit der Zeit wähnst Du Dich mehr Gestalterin denn Gärtnerin.

Das Gras soll englisch,

soweit, so gut,

der Spinat grüner,

die Erdbeeren roter,

das Küchenkraut schneller,

die Ananas ganzjährig,

die Rose winterfest,

dein Getreide schädlingsresistent sein.

Und alles natürlich ohne Insektizide,

ohne lange Wege,

Tropisches auf dem Balkon in Rheinland-Pfalz,

und platzsparend,

oben Tomate, unten Karotte –

mehr als krude Marotte

wäre doch praktisch, oder?

Wenn Dein Programm ihr Programm wäre, und alles zu jeder Zeit.

Doch nochmal:

Sie sind auch ohne uns da.

Und sie werden da sein,

wenn unser Programm schon vergangen ist,

wie das Gras auf dem Felde,

das eben noch blühte,

und dann nicht mehr da ist.

Und siehe, es ist sehr gut.

Für uns Menschen:

Zu bebauen und mit zu bewahren,

was nährt und das Leben schön macht.

Geschaffen am dritten Tage,

heißt es am Anfang der Bibel.

Und Du stehst am Morgen auf,

gehst in den Garten,

schaust nach allem,

was auf dem Lande ist,

und was da ist,

am dritten Tage,

und ahnst,

trotz aller festgetretenen Blüten

auf den Kellerfliesen,

und verstaubten Trockenblumen

auf dem Dachboden Deines Lebenshauses,

Du ahnst,

was sein könnte,

wenn das Leben doch eine Blumenwiese wäre,

und das „Nicht mehr Da“,

und das Festgetretene

und das Verstaubte

nicht mehr da wäre.

Und dann

Siehst Du einen,

von dem Du meinst,

es sei der Gärtner.

Und staunst.

[1] Jes 55,12.

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