Da liegt (auch) der Hund begraben. Hinweise zur Klärung aus einer evangelisch-theologischen Sicht

Der Kopf schräg, die Augen groß. So blickt er aus dem Bildschirm. Daneben eine weißhaarige Frau, betagt, wahlweise ein älterer Herr in Tweed, der beherzten Schrittes eine typische deutsche Mittelgebirgslandschaft durchmisst. Du wirst gebraucht, Mensch, Du bist ein guter, fürsorglicher und verlässlicher Partner, suggerieren die Fotos von Menschen und Hunden. Und wahlweise funktioniert das Bildprogramm auch umgekehrt: Mensch mit schräger Kopfhaltung und großen Augen, Katze mit forschem Blick in die Welt. Eine private Friedhofsgesellschaft wirbt für sogenannte „gemeinsame Bestattungen von Mensch und Tier“, die seit dieser Woche auf zwei Friedhöfen in Deutschland möglich ist.
Dass sich nun die evangelischen Kirchen in Hessen zuerst öffentlich dazu geäußert haben, mag daran liegen, dass einer dieser Friedhöfe auf den Rheinhöhen und damit in Hessen liegt, aber auch auf eine erhöhte Sensibilität hinweisen, seit ein Pfarrer der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau sich in einer Publikation dafür ausgesprochen hat, Menschen, die angesichts des Todes eines Tieres trauern, eine christliche Bestattung desselben zu ermöglichen (Jens Feld, Tiere haben eine Seele, Menschen einen Gott [2011]). Ein großes Medienecho folgte.
Überraschend viele Resonanzen scheint dieses Thema dieser Tage erneut zu erfahren.
Deshalb zunächst erst einmal: Dass Menschen Tiere bestatten, ist nichts Neues. Dies darf bei Kleintieren im eigenen Garten erfolgen (sofern kein fließendes Gewässer in unmittelbarer Nähe ist und das Tier nicht an einer Seuche erkrankt war), bei größeren Tieren, etwa Katzen und anderen, ist das auch erlaubt, aber seitens des Veterinäramtes genehmigungspflichtig. Gleichermaßen können Tiere auf einem der inzwischen ca. 120 Tierfriedhöfe in Deutschland beigesetzt werden. Asche aus Tierkrematorien darf überall verstreut werden. Sofern Menschen, die um Tiere trauern, in dieser Trauersituation seelsorglichen Beistand für sich – ganz gleich an welchem Ort – erbeten, wird dies nicht grundlos verwehrt werden.
Was dieser Tage neu ist, ist, dass Menschen und Tiere in einer gemeinsamen Grabstelle beigesetzt werden können. Dies bedeutet hingegen nicht, dass Menschen und Tiere – wie gelegentlich zu lesen ist – in einer gemeinsamen Urne beigesetzt werden. Das ist in Deutschland schlicht verboten. So betont die Betreibergesellschaft auch mehrfach, dass Tiere und Menschen in verschiedenen, unterschiedlich gelegenen Krematorien verbrannt werden, und es für etwaige Trauerfeiern unterschiedliche sogenannte Abschiedshallen gibt. Man darf sich diese „gemeinsamen Bestattungen“ also der Logik einer Familiengrabstätte folgend vorstellen, bei der eben auch das Tier bzw. die Tiere zur Familie gezählt werden.
Und nein, es ist nicht so, wie von vielen Seiten polemisierend oder besorgt gefragt wird, dass das Tier oder die Tiere beim Tod der menschlichen Bezugsperson getötet werden, um eine gemeinsame Bestattung zu ermöglichen. Ist das Tier zuvor verstorben, darf seine Urne bzw. überhaupt seine Asche, die sich ja im Besitz des Verstorbenen befinden kann, in gleicher Grabstelle gleichzeitig beigesetzt werden. Überlebt ein Tier den Menschen, kann dieser testamentarisch verfügen, dass das Tier nach seinem Ableben in eben seiner Grabstätte kremiert in einer Urne mit beigesetzt wird.
Praktisch stellen sich also wenige Fragen. Seitens der evangelischen Theologie ist die Verhältnisbestimmung von Mensch und Tier auch weitgehend geklärt. Tiere werden biblischen Schöpfungstraditionen zufolge in göttlichem Auftrag benannt (Gen 2, 17.19) und gelten demnach als beseelte Lebewesen. Weitgehend unstrittig ist auch die Zuordnung der Tiere zum Menschen „zu Nutzen und Freude“ (so etwa liturgisch reformuliert im Römischen Benediktionale). Die theologische Anthropologie hat in den letzten Jahren zusammengetragen, was vom Menschen im Unterschied zum Tier zu sagen ist: Personalität, Resonanzfähigkeit im Blick auf Transzendenz, sein Verhältnis zur eigenen Biografie und zur Sozialität, Erkenntnis seiner Selbst und der damit verbundenen Brechungen, Fähigkeit zu Anerkennung Anderer und Annahme von Wertschätzung – um nur einige Stichworte zu nennen. Diejenigen, die dies ganz oder in Teilen auch für (einzelne) Tiere behaupten, können den Vorwurf der Projektion nicht vollständig abweisen, da sie argumentativ in einer Weise schließen, dass man über reine Vermutungen kategorial nicht hinauskommt.
Fragen, die sich neu stellen, sind hingegen pastoraltheologischer Art: Wie könnte denn überhaupt ein Trauergottesdienst für einen Menschen aussehen, mit dem gleichzeitig ein Tier beigesetzt wird? Gottesdienste angesichts des Todes verkündigen die Auferstehung für die, deren Leben in die Heilsdramatik von Schöpfung und Neuschöpfung antwortend eingezeichnet ist. Mag sein, Tiere haben Teil an Schöpfung und ihrer Erneuerung, sie können jedoch nicht als Geschöpfe, die mit der Möglichkeit bewusster Verantwortung in diesem Szenario ausgestattet sind, angesprochen werden. Christenmenschen sind durch die Taufe in einen Tod hinein getauft, der sie durch die Geschichte Jesu Christi in die Gewissheit eines Lebens bei Gott hineinnimmt. Diese Geschichte und diese Dramatik werden im Rahmen eines evangelischen Trauergottesdienstes vergegenwärtigt. Wer Tiere dem gleichstellt, unterstellt ihnen menschliche Eigenschaften und verkennt sie insofern, als er sie nicht in ihrer kreatürlichen Andersartigkeit anerkennt. Wer die Relevanz der Fragestellung abweist, macht das Tier zu einer Art Grabbeigabe, die ebenfalls die Eigengeschöpflichkeit des Tiers nicht ernst nimmt. In ähnlicher Weise haben sich die evangelischen Kirchen in Hessen geäußert. Dass die Gesellschaft, die Friedhöfe für „Mensch und Tier“ anbietet, auf getrennte Trauerhallen hinweist, lässt vermuten, dass es mindestens eine Ahnung davon gibt, dass es bei einer evangelischen Trauerfeier um mehr und anderes geht als darum, sich zu erinnern.
Darüber hinaus soll darauf hingewiesen sein, dass die zivilreligiös verbreitete Rede davon, dass Mensch und Tier „einen letzten gemeinsamen Weg“ miteinander gehen, vor dem Hintergrund christlichen Selbstverständnisses eine pseudoreligiöse Worthülse ist und all diejenigen verhöhnt, deren sterbliche Überreste aufgrund gewaltsamer Akte, natürlicher oder technischer Katastrophen nicht beigesetzt werden konnten und für die Christen selbstverständlich trotzdem (und eher: gerade) eine Teilhabe an ewigem Leben bei Gott glauben. Was Christinnen und Christen im Blick auf das, was bei Gott gilt, glauben, ist keine Fortschreibung dessen, was wir sehen und für üblich halten. Eine christliche Trauerfeier darf nicht verunklaren, dass neues Leben bei Gott nach dem Tod keine Weiterschreibung irdischer Verhältnisse bedeutet, sondern eine radikale Neuordnung von Gott her, in der die gesamte geschöpfliche Welt ihren Platz haben wird.
Nun wird niemand Menschen verbieten können, Sammelgrabstellen für sich und das eigene Tier bzw. die eigenen Tiere zu erwerben. Mindestens, was nicht verboten ist, findet ja im allgemeinen Abnehmer, zumal, wenn es mit Hundeblick und im weichgezeichneten Kuschelmodus daherkommt. Nach christlichem Verständnis legt sich kategoriale Ablehnung auch nicht nahe, da der Begräbnisort eines Menschen zwar würdig sein sollte, letztlich aber theologisch angesichts der Hoffnung auf Auferstehung irrelevant ist. Auch, dass möglicherweise auf Grabsteinen christliche Symbole zu stehen kommen, stellt keinen Hinderungsgrund dar. Der Schöpfung als ganzer ist Kreuzessignatur zu eigen, die ganze Schöpfung ist erlösungsbedürftig und –sehnsüchtig. Der (singend, betend, erklärend, besprechend, lehrend, verheißend, zusprechend, tröstend, mahnend) sprachlich verfasste Trauergottesdienst hingegen setzt die Gegenwärtigkeit resonanz- und dem Wesen nach reflexionsfähiger Personen voraus – Lebender wie Toter! – und bleibt von daher Menschen vorbehalten. Dies kann auch der Einwand seitens der Biologie, dass der Übergang vom Tier zum Menschen definitorisch letztlich nicht trennscharf gefasst werden kann, nicht entkräften. Denn Trauerfeiern, mit denen wir es in Mitteleuropa zu tun haben, bewegen sich gemeinhin nicht in diesem Grenzbereich. Was im Rahmen christlicher Deutungsprozesse öffentlich geschieht und kommunikativ verfasst ist, bleibt aufgrund ihrer Resonanzfähigkeit einander und Gott gegenüber, sowie ihrer besonderen Verantwortlichkeit – auch und gerade für die Schöpfung – Menschen vorbehalten.

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