Ein Ort mit Dropkicks für Dämonen und einer Theologie für Gottes Tante

Ein Buch, das ich eigentlich nicht lesen würde. Eine Bekehrungsgeschichte. Und ein ständiges Ringen. Biografische Szenen und Bibelauslegungen. Bibelauslegende biografische Szenen. Die Autorin: Star und Outlaw. Und als das eine je auch das andere. Deshalb lesenswert. Nicht zuletzt auch wegen des Vorworts von Christina Brudereck.

Die Aufmerksamkeit, die Pastorin Nadia Bolz-Weber derzeit im deutschsprachigen Raum zuteil wird, verweist umgekehrt auf die Wirksamkeit kirchlicher Klischees in der Repräsentanz evangelischer Kirche in unseren Öffentlichkeiten. Und gibt damit für unsere religiöse und kirchliche öffentliche Wirklichkeit zu denken.  Bolz-Weber ist Pastorin der ELCA (Evangelical Lutheran Church of America), einer der lutherischen Kirchen in den USA. Sie predigt in einer Gemeinde in Denver, die sie selbst gegründet hat und die sich „House for all sinners and saints“ nennt. Sie schreibt und bloggt. Sie ist verheiratet und hat zwei Kinder. Soweit, so unspektakulär für den nordamerikanischen Raum.   Sie hat sich weit von ihrer christlich-fundamentalistischen Sozialisation entfernt und ist volltätowiert. Sie predigt eine konservative lutherische Theologie und fördert zugleich größtmögliche liturgische Partizipation. Auch dies nichts, was autobiografische Anmerkungen auf die Bestsellerliste der NY-Times katapultieren würde und eine Übersetzung ins Deutsche nahelegen würde.

Was dies allerdings nahelegt, sind die Brechungen, mit denen beides zur Darstellung kommt. In den ständigen und konsequenten Brechungen, mit denen Nadia Bolz-Weber umgeht und die sie inszeniert und reflektiert, kommt eine zentrale anthropologische Grundhaltung lutherischer Theologie zur Geltung: Das „house of sinners und saints“ ist die Gemeinschaft derer, die unhintergehbar zugleich Sünder und Heilige sind (Martin Luthers „simul iustus et peccator“) und damit ein „house of all“ (so auch der Name der zugehörigen Internetpräsenz).

Im nun auch in deutscher Sprache vorliegenden „theological memoir“ wird diese tragende hermeneutische, durch Lebenserfahrung plausibel gewordene Grundentscheidung konsequent und beeindruckend durchgehalten. Das macht die geschilderten Erfahrungen authentisch und glaubwürdig, und lässt zumindest über die eigenen pastoraltheologischen Steuerungsentscheidungen ins Nachdenken kommen.  Der Titel „‚Ich finde Gott in den Dingen, die mich wütend machen‘. Pastorin der Ausgestoßenen“ (Moers 2015) ist mindestens missverständlich (englisch so: „Pastrix. The Cranky, Beautiful Faith of a Sinner & Saint“), suggeriert er doch, es handele sich bei Bolz-Webers Gemeinde programmatisch um eine Zielgruppengemeinde. Dass und zu welchem Preis die Autorin anhaltend darum ringt – auch angesichts der US-amerikanischen Profilierungs- und Konkurrenzsituation eines religiösen Marktes – sich dieser Tendenz zu entziehen, wird gegen Ende des Buches eindrücklich geschildert. Ebenso wie dem Umstand, dass die Gemeinde hinreichend groß sei, um „alle Rechnungen zu bezahlen“, aber nicht aus dem Effekt der medialen Aufmerksamkeit um ihre Predigerin wachse.

Dass „Kirche seltsam sein müsse“ (so der Titel eines Interviews mit Bolz-Weber in der ZEIT vom 8. Juni 2015), spricht vielen Geistlichen der deutschen Volkskirchen aus der Seele. Einerseits haben sie, meist selbst aus der volkskirchlichen Mitte stammend, hohe quantitative Anforderungen in Bereichen, die zunehmend dienstleistungslogisch verstanden werden, zu erfüllen, stehen für die vielfältige Hintergrunderfüllung der Institution (inklusive der damit verbundenen Rollenzumutungen), andererseits schlägt ihr Herz für öffentliche Darstellungsformen von Kirche, die den Projekten des „House for Sinners and Saints“ auffallend nahe kommen oder kommen könnten: liturgisches Bespielen von Autoparkplätzen, Mobilitätsthemen in Gestalt von Gottesdiensten mit nicht-motorisierten Verkehrsmitteln, Verteilung von Festtagsspezialitäten an Menschen, die an diesen Tagen einer Erwerbsarbeit nachgehen müssen usw.  Zentral für die Wirksamkeit, so Bolz-Weber, ist jedoch nicht Devianz um ihrer selbst willen, sondern „wir brauchen welche {Leute}, die Leute repräsentieren, die in der Kirche fehlen“ (ebd.). Für ihr Verständnis von Kirche ist dies deshalb zentral, weil PastorInnen in erster Linie dazu da seien, um ihre jeweilige Community zu repräsentieren und für sie als Geistliche zur Verfügung zu stehen. Dass Ansätze, die programmatisch user-centred sind, Angeld auf hohe Wirksamkeit haben, dürfte sich zwischenzeitlich auch außerhalb betriebswirtschaftlicher Kreise herumgesprochen haben.

Dieser nutzerorientierte Ansatz schlägt sich auch in der Auslegungsmethodik nieder. Eine Passage aus dem ZEIT-Interview, in der Bolz-Weber ihre Skepsis gegenüber der Funktion akademischer Theologie für die Predigt Ausdruck verleiht, wird dieser Tage auffallend häufig zitiert. Die Pastorin aus Denver darin in einer Linie mit denjenigen Milieus der deutschen Pfarrerschaft zu sehen, die sich auffallend intellektuellenfeindlich geben und sich rühmen, seit langer Zeit kein Buch mehr gelesen zu haben, dürfte hingegen trugschlüssig sein. Bolz-Webers Auslegungen entstehen – dies lässt sich sowohl dem Buch, den auf der Internetseite der Gemeinde veröffentlichten Predigten als auch ihrem Beitrag auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag im Juni 2015 in Stuttgart entnehmen – in einem existentiellen Ringen zwischen vorgegebenem Text und Alltagssituationen. Dies ist nicht nur material, sondern auch von der Verständigungsbewegung her theologisch ausgesprochen voraussetzungs- und kenntnisreich. Und wehrt zugleich dem Missverständnis, theologische Rede eigne sich bruchlos als Kanzelrede.

Eindrücklich erleben konnte man dies im Rahmen des Deutschen Evangelischen Kirchentags, bei dem Nadia Bolz-Weber erstmals eine Bibelarbeit hielt.  Bei allen kontextuell sehr weitreichenden Unterschieden zwischen der Situation einer US-amerikanischen Großstadtgemeinde „for sinner and saints“ und der (in sich ja auch sehr diversen) volkskirchlichen Situation in Deutschland dürfte von Bolz-Webers performativ-inszenierten und vereinzelt auch reflexiv eingeworfenen Hinweisen wichtige pastoraltheologische Impulse ausgehen. Nicht zuletzt dürfte dies der hohen Anschlussfähigkeit solider evangelisch(-lutherisch)er Theologie als Steuerungswissenschaft des Pfarramts geschuldet sein.

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