(Rauten)Kreuz mitten in der Gesellschaft. Gedanken zu #dietotenkommen

Überkomplex sei, so scheint sich derzeit ein Konsens zu kristallisieren, die Aktion #dietotenkommen des Künstlerkollektivs „Zentrum für Politische Schönheit“. Ginge es doch um die Würde von Toten, die Würde der Lebenden, darum, wer an Toten eigentlich handeln darf, um Gebote der Stunde, um Einwanderungspolitik, das Bild der Festung Europa, um Aktionskunst, um öffentliche Aufmerksamkeit, um Trauer, um Medienethik, um religiös motivierte Imperative, um Selbstdarstellung.  Ja, all dies. Doch wer die seit Tagen anhaltende und provozierte Diskussion um die Aktion des ZPS als überkomplex bewertet, immunisiert sich auch gegenüber den Fragen, die damit gestellt sind.  Auf dem Grund des Mittelmeeres liegen Leichen in der Größenordnung der Einwohnerzahl eines deutschen Mittelzentrums. Ich lebe in einer solchen Stadt. Niemand wäre mehr hier, wenn es uns so ergangen wäre. Der Welt fehlen diese Menschen, der Welt fehlt aber zugleich das Mittel, um dies zum Ausdruck zu bringen. An beide Orte gehören diese Menschen zurück: Dorthin, wo die Anlässe sind, um Menschen dazu zu bringen, ihre Heimat und ihre Lieben zu verlassen und auf der Flucht zu sein, und dorthin, wo ihnen die Aufnahme verweigert wird. Und manche sagen: Wo die Ursachen dafür liegen, dass überhaupt Fluchtgründe bestehen.  Eine zentrale Tragödie der griechischen Klassik dreht um das Thema der würdigen Bestattung. Antigone ist verwehrt, ihren Bruder Polyneikes zu beerdigen. Zur Begründung sagt der Vater: Weil er Krieg geführt habe. Doch jede/r weiß: Eine ganze Kette von Unheil ging voran; wer genau für was Schuld trägt, lässt sich nicht mehr schlüssig rekonstruieren. Und so nehmen am Ende viele die Schuld auf sich. Sophokles‘ Werk wird in unserer Kultur zurecht als Lehrstück darüber gelesen, wie Menschen sich angesichts der Kollisionen von Empfindung und staatlichem Recht entscheiden. In der Frage, wie unsere Gesellschaft mit den Folgen globaler Entwicklungen hantiert, verschärft sich dieser Umstand, weil nicht zunächst die Einzelne vor Entscheidungen steht, sondern eben die, die das staatliche Recht repräsentieren. #dietotenkommen suggeriert, dass es sich anders verhalte. Dass Einzelne mehr entscheiden könnten, als Hungrigen Brot zu geben und Fremden ein Dach über dem Kopf. Insofern ist die Rückfrage durchaus berechtigt, wer den eigentlich AdressatIn des Kunstprojekts sei. Das ‚Zentrum für Politische Schönheit‘ will offensichtlich beides: Gesellschaftliche Netzwerkstruktur stärken, indem an vielen Orten unseres Landes (und darüber hinaus) symbolisch Gräber ausgehoben werden, die an die Toten an den Grenzen Europas erinnern. Und es hat den gepflegten Rasen vor dem Bundeskanzleramt bewusst gewählt, um die politischen EntscheidungsträgerInnen ihrer Verantwortung zu erinnern. Nicht nur den Lebenden gegenüber, sondern auch den Toten. Und vielleicht sogar der Verantwortung für deren Tod.  #dietotenkommen ist insofern sprachlich missverständlich: Die Toten werden gebracht. Aus einem Berg Toter ausgesondert. Müllsäcke werden aufgeschnitten. Tote werden aufgebahrt und eingesargt. Überführt und bestattet, ihrem jeweiligen religiösen Ritus entsprechend. Und viele so ausgehobene Gräber sind leer. Leerstellen für Tote. 23 000 bislang. Leerstellen für die, die gebracht werden müssten, ausgesondert werden müssten, die aus Müllsäcken geschnitten werden müssten, die aufgebahrt und eingesargt werden müssten, die überführt und bestattet werden müssten, ihrem jeweiligen religiösen Ritus entsprechend. Spätestens, wer Christian Jakobs Rechercherergebnisse liest, ahnt: Eine ganze Kette von Unheil ereignet sich da. ‚Die Toten kommen‘ suggeriert etwas logisch Unmögliches: Dass Tote handeln. Diese Formulierung ist gleichermaßen missverständlich wie anstößig. Manche sagen: Als Tote erwirken diese Menschen etwas und handeln insofern. Andere sagen: Lebende handeln an ihnen und das störe die Totenruhe. Doch die Totenruhe ist ein Recht für die Angehörigen. Wer die Pressefotos gesehen hat (spätenstens in der taz vom 20. Juni 2015 auch in einem Printmedium), wird sich fragen lassen müssen, was Totenruhe denn in diesen Fällen bedeutete. Was wir von der Würde der Toten sagen, muss ein Spiegel dafür sein, wie wir über die Würde Lebender denken. Und das gilt nicht nur für die Toten im Mittelmeer, sondern für alle Toten, denen wir verpflichtet sind. Auch denen, die allein, ohne Angehörige und scheinbar vergessen mitten in unserem Land sterben. Das frühe Christentum war auch deshalb attraktiv, weil es eine würdige Bestattungskultur pflegte. Weil Menschen ein Empfinden dafür haben, dass Tote gleichermaßen „da“ sind wie Lebende, wenn auch in anderer Weise. Die Verbundenheit von Menschen rechtfertigt auch das intuitive Empfinden, an den Grenzen von Leben und Tod im Konfliktfall gegen rechtliche Regelungen des Staates aufzubegehren. Und Wertesysteme, die diese Entscheidung im Konflikt anerkennen, ziehen die ethische Richtigkeit dieses Handelns zurecht in Betracht.  Die Aktion des ‚Zentrum für Politische Schönheit‘ ist mit großer Selbstverständlichkeit digital und sie ist vom christlichen Zeichencode durchdrungen. Mit Erstem schließt sie assoziativ an die demokratischen Protestbewegungen der letzten Jahre an. Sie zeigt, was Viele wissen: Digital bildet sich (lediglich) ab, was auch unter anderen Umständen kohlenstoffweltlich möglich wäre. Es schafft sich nichts Anderes. Es gestaltet sich nur leichter. Und das ist viel wert, für Menschen, die unter Druck oder im Widerstand zur vorherrschenden gesellschaftlichen Logik agieren. Zweites ist eher überraschend, ist die Aktionskunst doch hauptsächlich aus dem linkspolitischen Lager motiviert. Und damit traditionell eher distanziert den christlichen Konfessionen gegenüber. Hier reicht die Aktion aber weiter, näherhin: tiefer in die gesellschaftliche Grundlogik hinein. Ganz gleich, wie unterschiedlich die, meist in Nacht- und Nebelaktionen entstandenen, symbolischen Gräber aussehen, ein Kreuz fehlt fast nie, selten die Grablichter. Gelegentlich finden sich Hinweise darauf, dass Gräber andere Zeichen benötigten, da viele der Menschen, die auf der Flucht umgekommen sind, nicht einer der christlichen Konfessionen angehörten. Diese Hinweise, die danach fragen, ob es sich um angemessene Repräsentanzen handelt, sind vergleichsweise vereinzelt. Das deutet darauf hin, dass die Aktionssymbolik sich in erster Linie als kulturelle Codierung versteht, weniger als religiöser Bekenntnisakt Einzelner. Das funktioniert schon allein deshalb nicht, weil die überwiegende Zahl der Gräber leer ist. Ein Changieren zwischen An- und Abwesenheit, zwischen überindividuellen Orten von Trauer und dem Tod des notwendig Einzelnen. Die Aktion bedient sich einer offensichtlich fest gekoppelten Symbolik, die auch in einer Zeit funktioniert, in der die Orte unserer Toten sich immer weiter individualisieren und aus dem öffentlichen Raum zunehmend verschwinden. Die Aktion zeigt auch: Die Würde der Toten gehört mitten in unsere Gesellschaft. Und sei es, um die Würde der Lebenden einzuklagen. Denn in kaum einem Aktionsgrab liegt ein Leichnam. Die Aktion will provozieren. Sie will nicht in erster Linie den Toten einen Dienst erweisen. Sie tut dies auch, und das kann ihr nicht hoch genug angerechnet werden. Sie tut öffentlich an Einzelnen, was selbstverständlich für alle gelten muss. Das ist Zeichenpolitik. Das ist appellativ. In Szene gesetzt werden relevante Abwesenheiten. Denn dass der Tod ein Wechselspiel im Erleben von Anwesenheit und Abwesenheit freisetzt und keinen Prozess fortschreitender Distanzierung zwischen Lebenden und Toten, wissen inzwischen nicht nur SeelsorgerInnen.  Als Improvisation ist die Aktion gegengesellschaftlich. Sie vertraut kritischen Massen und der Wirksamkeit von Netzwerkkommunikation. Und sie hat keine Berührungsängste mit geprägten Zeichensystemen. Deshalb sollten die, die diese Zeichen deuten können, nicht unberührt sein von dem, was hier geschieht. Bedeutungen haben sich je und je aktualisiert – aber nur durch die, die in ihnen weiterhin sprachfähig waren.  Das Christentum ist eine Religion kategorialer Fremdheit. ChristInnen schaffen sich nicht allein innerweltlich eine bewohnbare Welt, indem sie einander und anderen die Tür öffnen, den Tisch decken und ein paar passende Fußballschuhe besorgen, sondern sie wissen auch um die bleibende Fremdheit des Menschen in der Welt. Um die ausstehende Passung. Diese Diskrepanz, dieser Riss macht aus christlicher Sicht Handlungsfähigkeit möglich. Das diskreditiert alle, die meinen, unsere eigene Gesellschaft habe doch genug „eigene Sorgen“, die sich erstmal erledigen müssten, bevor wir anderen hülfen.  Zugleich sollten Andere für friedlichere Zeiten nicht vergessen, welche Ausdrucksformen sich in Konflikt und Widerstand als tragfähig erweisen und eben diese auch im Frieden pflegen. Die christliche Kultur des Gedenkens gehört dazu, ebenso wie ihr Umgang mit den Toten. Und ginge es nicht noch um viel mehr, wäre dies beides Grund genug, dass Beides in unseren öffentlichen Räumen Platz findet: Das Rautenkreuz #dietotenkommen in der digitalen Welt, und die rasch zusammengenagelten Holzkreuze auf Gehwegen, vor Kirchen und dem Kanzleramt, auf den Marktplätzen der Städte, in denen viele Menschen Platz haben. Lebende und Tote. Einheimische und Fremde.  Das ist provozierend einfach.

(Bild: twitter/ @anked)

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