Vor dem Anfang: Ein Wilder

Oder: Der Beitrag von Häresie zur immanenten Logik protestantischer Lehrbildung

Zum Johannistag 2014 erstmals, dann auch für „Das Konzil“ (Erster Marburger Predigtslam, 27. Juni 2015)

Am Anfang
War ein Funke.
Ein glimmender Docht.
Einer, der sich wehrt.
Wehrt,
gegen das Auslöschen,
Verlöschen,
gegen das Dunkel.
Flackernd,
aufbegehrend,
in jedem Luftzug,
in jedem Windstoß,
bei jeder Tür, die zugeschlagen wird.

Am Anfang
War ein Funke.
Ein glimmender Docht.
Der sich wehrt,
gegen das Zu-spät,
zu-alt,
zu-arm,
zu-krank,
zu-fremd,
gegen Gesellschafts-Gemunkel.

Und dann
War da mehr.
In Windeln gewickelt,
nicht in einer Krippe liegend,
sondern im Haus,
kein Krankenhaus, für Kranke,
so, wie man das heute handhabt,
sondern
ein Lebenshaus, für Lebende.

Ein erster Moment.
Ein erster Atemzug.
Ein erster Schrei.
Ein erster Blick.
Erste Bewegung. Beine. Behende.
Betende Hände.
Hände voll zu tun.
Einen Namen muss das Kind doch auch noch haben!
Und saubere Kleidung, saubere Windel, sauberes Bettchen,
sauberes Haus, sauberes Ansehen.
Und Nachbarn und Verwandte kommen.
Natürlich. So ist das.
Die wollen auch was davon.
Vom ersten Moment.
Dem ersten Atemzug.
Dem ersten Schrei.
Dem ersten Blick.
Erster Bewegung. Beinen, behende.
Auch sie natürlich: mit betenden Händen.

Und der Vater? Er muss schweigen.

Am Anfang
War ein Funke.
Ein glimmender Docht.

Gehütet. Umsorgt. Geschützt.
Gewärmt. Geliebt. Gestützt.

Im Schweigen.

In der Nacht, am Tage sowieso,
die nächste Nacht, der nächste Tag,
die dritte Nacht, der dritte Tag,
die vierte, der fünfte,
die sechste, der siebte –
und siehe, es war sehr gut.

In der Mitte der Zeit,
mitten in der Zeit,
ein Anfang ist gemacht.

In der Mitte des Jahres,
24. Juni,
mitten in deiner Zeit,
ein Anfang ist gemacht.

Das Gefühl,
kurz, bevor Du den ersten Buchstaben schreibst,
kurz, bevor sie Dich das erste Mal berührt,
kurz, bevor Du sprichst,
kurz, bevor Du den Fuß hebst für einen Schritt,
wichtig und wesentlich,
belangvoll und gewichtig,
tonangebend überlebenswichtig,
elementar und fundamental,
tiefgreifend folgenschwer.

Ein Anfang.
Ein erster Moment.
Geb‘s Gott, für ein Leben lang.

Und mitten im Leben,
in seiner Zeit,
nach dem Kleinkind-Betuttelt-Werden,
welch ein Segen!, `s zu erleben,
der Kinderbetreuungseinrichtung,
und sei’s ein ganzes Dorf,
der Einschulung
– großer Gottesdienst, wichtiger Anlass –
mit talarbewehrtem Geistlichen,
„Der schwarze Mann da, das ist der Pfarrer, mein Kind, sei schön artig“,
hört sich da plötzlich die sonst mutige Mutti sagen.
Nach der Einschulung,
den tintenbefleckten Fingern,
dem mühsamen Zählenlernen,
Überhaupt, dem ewigen Lernen:
die höchsten Berge, die größten Seen,
und natürlich:
Die Landeshauptstadt von Rheinland-Pfalz,
nach Fußballtraining und Klavierunterricht,
„aus dem Jungen soll schließlich mal was werden“,
nach Konficamp und erstem Kuss,
nach Ausbildung, Berufsschule
und Lehrjahren, keinen Herrenjahren,
da geschieht es so:

Er steht am Ufer,
an der Grenze,
Land und Wasser,
Standfest und flüssig,
Sein und Werden,
Was-ich-hab-das-hab-ich, und: Was-doch-alles-sein-könnte,
da also,
Global Position
31°, 45`, 41„ Nord,
35°, 33`, 30„ Ost,
da also,
am Anfang:

dieses Kind,
ein Mann nun,
gegen 30 Jahre,
verzottelt und verque(e)r.
Ärgert alle sehr.
So anders,
besonders,
nicht wie des Vaters,
ein Wilder,
so sagen die sogenannten Leute jedenfalls,
einer,
der zieht was Anderes an,
der zieht andere an,
und zieht damit auch die an,
die sich eigentlich nicht anziehen lassen wollen.
Wie er so dasteht, im Kamelhaargewand
Mit ledernem Lendengürtel.

Einer ohne Manieren,
so sagen die sogenannten Leute jedenfalls,
der isst was Anderes,
und ist damit anders,
als die, die sind, was Andere sein wollen.
Wie er so dasitzt, am Uferstrand,
mit wildem Honig und Heuschrecken.

Ja, sagt mal: Hat der denn keine Frau zuhause?

Aber alle sind sie da, die Sogenannten.
Die keine Bild-zeitung lesen.
Und kein RTL II schauen, natürlich nicht.
Die Super-Illu nur vom Friseur kennen
Und Heidi Klum aus der Werbepause.
Die versehentlich ins schwarze Netz fallen
Und sich ihrer weißen Weste rühmen.
Alle sind sie da.

Denn sie spüren den Anfang.
Das Faszinierende,
Provozierende,
Divergierende,
Phantasierende,
Laborierende,
Orientierende,
„prophetisch“, heißt das übrigens in der Bibel.

Die Bewegung im Anfang.
Der Impuls, der Klick, der Gedanke, das Ideechen, eine Spinnerei,
die im Anfang ist.

Anfang beginnt hier mit Zett.
Z wie Zorn.
Zorn
Zu zäh,
zu zögerlich,
zu zügig,
zu zaghaft,
zu zahm,
zu zaudernd,
zu zementiert,
zu zelebriert,
zerbrochen, zerbrechlich,
zerdrückt, bestechlich
zermürbt und zu zufrieden
zu sein.

Zufrieden, vor allem das:

Nicht mit Dir selbst, nein,
das wohl nie,
aber mit Deinem Leben,
mit den anderen,
mit der Gesellschaft,
mit der Demokratie,
mit Deiner Kirche.

Es könnte doch alles noch viel schlimmer sein, oder?

Zu zufrieden mit Gewissheiten.
Renten sind sicher,
die Familie ist sicher,
mein Haus, mein Mann, mein Kind.
Mein Arbeitsplatz, meine Gesundheit,
und alles geschwind.

Zufrieden mit Gewissheiten,
und zufrieden mit Herkunft.
Angesehene Familie,
betende Hände im Flur (Dürer),
christliches Elternhaus,
in der Bibel heißt das: „Abraham zum Vater“ haben.

Zufrieden –
Erste Welt, Fleisch zum Mittagessen,
Entscheidungen delegiert, Festung Europa.

Ja, was sollen wir denn tun?

Und da sagt er so:
Von zwei Hemden, die Du hast,
gib eins dem, der hat keins.
So geht zählen lernen.

Vom Essen, das Du hast,
gib dem, der hungert.
So geht Sein.

Und zum Soldaten sagt er
– Wer’s nachlesen will: Lukas 3, Vers 14 –
Tu niemandem Gewalt!

Welch eine Welt wär‘s,
mit Soldaten,
und Soldatinnen,
die niemandem Gewalt tun.

Ein Anfang.
Mitten in der Zeit.
Mitten in Deiner Zeit.

Du kannst davon singen,
so steht’s im Gesangbuch (EG 312, 6):

„Teilt Brot und Mantel,
raubt niemandem sein Gut,
und macht mit eurem Wandel,
bedrückten Menschen Mut.
Teilt Brot und Mantel,
macht allen Menschen Mut.

Es ist der Anfang.
So zu singen. So zu handeln. So zu denken. So zu schauen. So zu schweigen.

Der Impuls, der Klick, der Gedanke, das Ideechen, eine Spinnerei,
die Dir Mut macht,
am 24. Juni,
oder mitten in Deiner Zeit.

Es ist ein Anfang,
dass Du anderen Mut machst.
Zu Zorn.
Zum Zählen,
wie es sich ziemt.
Zum
Faszinierenden,
und Provozierenden,
Divergierenden,
und Phantasierenden,
Laborierenden,
und Orientierenden.

Du weißt das schon:
„Prophetisch“ nennt das die Bibel.
Du sollst ein Prophet sein.
Du sollst eine Prophetin sein.

Wie er.
Er macht’s alltäglich,
Gehe hin und tue desgleichen.
Er macht’s alltäglich,
mit Wasser.
Das, was sie taufen nennen.
Dabei sein. Am Anfang.
Einen Anfang setzen.
Ein Impuls oder ein Ideechen.
Das Dich aufstehen lässt.
Das Dich gewiss macht.
Und mutig.

Ein Anfang.
„Aufschaun, umkehren; loslassen, was nicht hält.“
Wahrnehmen, sich verändern, Fehler machen. Sich zeigen. Trauen.
Weil andere das Kind sehen.
Sein Kind. Gottes Kind.
Und den Mut.
Den Du brauchst.
Für den ersten Atemzug,
den ersten Buchstaben,
das erste Berührt-Werden,
das erste Wort,
den ersten Schritt.

Und Anfang will mehr, das wissen alle.
Anfang verheißt, behaupten die Christen.
Lebt doch mal so:
Mehr wollen aus dem Anfang.
Verheißung ahnen lassen.

Und mitten in der Zeit:
Da kommt einer,
der wird es mit Feuer tun.
Ein Funke, ein Glimmen,
ein Knistern, ein Lodern,
Licht, Wärme, Gefahr,
nah, unmittelbar.
Unverwechselbar.

Und nicht deins.
Energie, entzogen,
mächtig, voll Synergie.

Der da tauft mit Feuer.
Ihn erwartet.

Ach, und eins hab ich noch vergessen:
Das Kind sollte ja noch einen Namen haben.

Spricht die Mutter: Johannes soll er heißen.
Sagen alle: Das war aber noch nie so!
So heißt doch kein Kind.
Schreibt der Vater – ihr erinnert euch, er schwieg -,
erste Buchstaben, erstes Wort:
„Er heißt Johannes.“

Kernfamiliärer Sieg.

Die Bibel dokumentiert:
Alle wunderten sich.

Jetzt erst recht, es bleibt dabei:
Er heißt: Johannes.
In unserer Sprache heißt das übrigens:
Gott ist gnädig.

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