Was Kleider machen – mehr als Leute

  
(Athen, 4. Jh. v.Chr.)

Mit einer Regelmäßigkeit, die schon keine Überraschung mehr erzeugt, wird in heißen Sommerwochen diskutiert, ob es, vornehmlich in Schulen, Kleidervorschriften geben sollte. Um so überraschender ist, welch große Resonanz dieses Thema derzeit dennoch erneut hervorruft.
 

Anlass ist die Entscheidung einer Werkrealschule im Schwarzwald, Mädchen in Hotpants „zwangszubekleiden“, wie es pejorativ in der Lokalpresse heißt und leitmedial aufgenommen wird. Andere Schulen ziehen gleich und schicken Schüler und Schülerinnen, meist aber mindestens latent exklusiv gemeint: Schülerinnen, „in aufreizender Kleidung“ vom Unterricht nach Hause. In der Recherche des öffentlichen Diskurses darüber fällt auf, dass selten eine mögliche Begründung aus Elternbriefen, Stellungnahmen von Schulleitungen oder ähnlichem zitiert wird (zumindest fand ich sie nicht auf den ersten Blick). Das erweckt den Eindruck, sie fehlten, die Schulleitungen und/ oder Lehrerkollegien hielten diese Verbote für offensichtlich evident und damit nicht explizit begründungsbedürftig. 

Hier entsteht eine Lücke, die unter #hotpantsverbot rasch zu einer Polarisierung von Positionen geführt hat, bei denen es um ein verhärtetes Für und Wider im Blick auf den Regelungsbedarf geht oder darum, der Institution Schule per se eine konservative moralische Grundausrichtung zu unterstellen. Dass Institutionen als eher medienkritische Größen gelegentlich dem state of the art in Sachen öffentlicher Inszenierung nachhinken, dürfte weiterhin unwiderlegt sein und verstärkt den Konflikt. 

Viele erinnern die Schlagzeilen der letzten Tage dazu an die Diskussion um das Tragen von Miniröcken in vergangenen Jahrzehnten. Ich mag mich nicht damit aufhalten, dass mit der Verbotsentscheidung das logische Problem auftaucht, ab wann denn Kleidung als „aufreizend“ zu gelten habe (und ob das in sich überhaupt eine sinnvolle Aussage ist) und wer darüber entscheidet. Aus gendersensiblen Diskurszusammenhängen wird das bleibend richtige Argument wiederholt, dass solche Entscheidungen potentielle Opfer als Täterinnen dastehen lasse und die Normierung, die vielfach angemahnt wird, zu einer Festsetzung vermeintlich überholter Rollenklischees führe. Auf das Handlungssystem als Ganzes betrachtet, ist das Argument valide, weil es aufgedeckt, dass im Umkehrschluss gelten muss, dass Menschen, die (sexuellen) Übergriffen ausgesetzt sind, dies auf die Art und Weise ihrer Selbstdarstellung zurückführen müssten, mindestens aber könnten. Würde dies als Recht gesetzt, läge nahe, diese Deutung mindestens als gesellschaftlich geduldet zu betrachten. Auf die große Zahl gesehen, dürfte sich eine überwiegende Mehrheit finden, die der Absurdität des vorgebrachten Vorschlags zustimmte. 

Gleichzeitig setzt sich diese Mehrheit nicht durch – was man daran sehen kann, dass die Fragestellung angemessener – im Sinne von „geziemender“ – Kleidung immer wieder neu ventiliert wird. Diese Beobachtung verdient Erklärung.
Es mag zu denken geben, dass es in erster Linie Einzelne sind, die sich verbindliche Regelungen wünschen. Und sie tun dies vor dem Hintergrund individueller, häufig auch persönlicher Erfahrungen. Das Gemeinsame der aus diesen Erfahrungen generierten Argumente ist die Vorstellung, dass Kleidung Schutz verleiht. 
Dieses Bewusstsein ist kulturell nicht nur als Schutz vor wechselnden klimatischen Bedingungen eingeschrieben, sondern ist auch im gesellschaftlichen Codex stabil, gibt es doch einen verhältnismäßig großen gesellschaftlichen common sense über das Kleidungsverhalten bestimmter Berufsgruppen, bis hin zu Amtskleidungen im öffentlichen Raum. 
Kleidung soll damit äußere Einflüsse auf Abstand halten, die einer Person oder ihrem Handlungsauftrag mutmaßlich schaden werden: Frost und Hitze als natürlichen Gegebenheiten, unangemessenen Erwartungen an (das Amt) eine/r Person auf der anderen Seite. Kleidung soll damit Distanzierung ermöglichen, wo diese bedroht sein könnte, indem sie signalisiert, wie eine Person verstanden werden möchte.

 

Der derzeit aufbrechende Konflikt entsteht augenscheinlich dadurch, dass Träger und „Rezipient des Getragenen“ eben diese kulturellen und natürlichen Faktoren in der Deutung jeweils vertauschen: Wer angesichts von Sommers Hitze knapp bekleidet unterwegs ist, tut dies in erster Linie als Schutz vor klimatischen Gegebenheiten. In dieser Weise würde kaum jemand im mitteleuropäischen Dezember auf diese Idee kommen. 

Rezipienten hingegen unterstellen dieser Kleidung in erster Linie einen kulturell kodierten Appellcharakter, wie die Rolle dieser Person oder sie selbst verstanden werden wollte. 
Wer vom derzeitigen konkreten Anlass abstrahiert, dem werden eine Reihe von Situationen einfallen, die darauf drängen, diese ausgeführte Einzelbeobachtung zumindest auf ihre Verallgemeinerbarkeit hin zu prüfen. Wie Menschen sich darstellen, dem wird seitens des Rezipienten eine Absicht auf ihn selbst hin, meistens in Gestalt eines Appells, unterstellt: So soll ich Dich verstehen; So willst Du von mir verstanden werden; So willst Du, dass ich mit Dir umgehe.

Dem liegt ein Phänomen zugrunde, dass sich bereits in antiken Diskurszusammenhängen stabil zeigt und damit als fest geankert gelten dürfte: Textile Bildsprache und ihre Repräsentation gelten aus Ausdruck von Verbundenheit (für den antiken Zusammenhang habe ich dies anhand ikonographischer Belege ausgeführt, und zwar in: Tabitha – Leben an der Grenze. Ein Beitrag zum Verständnis von Apg 9, 36-43, BN.NF 127 [2005] 67-90). Kleidung gilt demnach als Kommunikations- und Kontaktmedium. Ihre Bedeutung reicht damit weiter als die Alternative von Reaktion auf natürliche oder kulturelle Umweltbedingungen. Deutungskonflikte sind nicht allein auf Konkurrenzen zwischen kulturellen und sog. natürlichen Mustern zurückzuführen, sondern sind soziale Phänomene, weil sie mit dem Thema Verbundenheit Beziehungsmuster berühren und damit das Austarieren von Nähe und Distanz. 

Dies mag helfen, im Diskurs halbwegs schlüssig zu erklären, weshalb der Deutung von Kleidung unverändert hohe Deutung zukommt, die zuweilen bis in magische Bereiche hinein gehen kann. Die häufig unversöhnlichen Konfliktlinien zwischen denen, die vom Einzelnen (meist aber: von der Einzelnen) her denken und denen, die soziale Regelmechanismen im Blick haben, können auf einer anderen Ebene diskutiert werden, wenn diese Logik, die beidem zugrunde liegt, eingespielt wird.   

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