Ein Gleichnis über die Frage, ob Klugheit moralisch zu sein habe.

Eine Predigt zu Mt 25, 14-30.

[Eins]
Dir ist etwas anvertraut. Und das wiegt schwer. Fünf Talente, sagt die Bibel. Du hast die Kraft, auch die Fähigkeit, damit umzugehen – weiß der, der Dir das angetragen hat. Sofort, kaum ist er weg, beginnst Du zu handeln.

Das, was Du tun würdest, wenn Du über Millionen zu verfügen hättest. Investieren, um zu gewinnen. Du schaust das alles an, was Du jetzt hast: So viel! Denn so erzählt es die Bibel: 85 Jahre könntest Du Deine Familie mit allem versorgen, was Not tut. Keine Sorge um das tägliche Brot. Kein Rechnen bei der Urlaubsreise. Keine Bitte an Oma, wenn vor dem neuen Schuljahr die neuen Bücher angeschafft werden müssen. All das nicht. Sondern genug. Genug für Dich und das Leben Deiner Kinder. All das ist Dir anvertraut. Und Großes setzt große Ideen frei. 100% Gewinn. Geld muss arbeiten, sagt der Volksmund. Und darauf schaust Du, auf das Geld, das mehr wird. In der Welt, in die unser Gleichnis heute hineinerzählt wird, geht das durch Spekulationsgewinne. Handel auf Nahrungsmittel und Land. Mit Kleinem gibst Du Dich erst gar nicht ab. Ist ja letztlich irgendwie für einen guten Zweck. Dass Deine Tradition das verbietet – wenn Du mal ehrlich bist: Das kümmert Dich überhaupt nicht. Überhaupt: Was wussten die früher schon von Deiner Situation jetzt!
Und Du schaust auf Deine Hände, denen so viel und so Schweres anvertraut war: Sie lassen keine Spuren erkennen von dem, was Du getan hast. Sie sind sauber und rein, ja scheinen rein und unverbraucht. Nicht einmal Du selbst weißt, wie viel Blut eigentlich daran klebt.

[Zwei]
Dir ist etwas anvertraut. Und das wiegt schwer. Zwei Talente, sagt die Bibel. Und sie meint damit nicht die eine Fähigkeit, und eine andere, die Du gut beherrschst – so hat man später gesprochen -, sondern das Silber, gut 80kg insgesamt. Viel, sehr viel Vermögen – aber Du gehörst nicht zu den ganz Großen, zu den ‚Heuschrecken‘, zu denen, von denen im Fernsehen berichtet wird. Mehr als zum Auskommen nötig ist Dir anvertraut, und doch behältst Du den Überblick. Du überlegst erstmal, wägst ab. Lässt andere auch vorgehen und schaust, wie sie es machen. Verwalten, vermehren, verantworten – diesen Spruch hast Du Dir ans Haus schreiben lassen. Wie die Saat, so die Ernte , sagt der Volksmund. Und so verwundert es Dich nicht, als Du schließlich, als Du vor lauter Tun und Schaffen siehst, was Du erworben hast, merkst: Es hat sich verdoppelt, was Dir gegeben war.
Und Du schaust auf Deine Hände, denen mehr anvertraut war, als sie auf einmal tragen könnten: Natürlich, wer hart arbeitet, dem sieht man das auch an. Auch die sorgenvollen Nächte sieht man Dir an, das Hadern um das, was recht und gerecht sein soll. Aber oft hat die Müdigkeit Dich getröstet: Die Verhältnisse sind eben nicht so, dass man alles immer richtig machen könne. Man muss da schon kompromissbereit sein. Oder?

[Drei]
Dir ist etwas anvertraut. Und das wiegt schwer. Und Du kannst es eben so tragen, das Talent Silber. Man hat das Maß gerade dadurch definiert, in Deiner Zeit: Ein Mensch kann das gerade noch tragen. Genau so schwer ist die Maßeinheit, das Talent. Was in Deiner Welt gilt, orientiert sich an dem, was ein Mensch vermag. Du hältst Dich an die Regeln. So gut es eben geht. Denn Du wirst zu verantworten haben, was Du tust. Auch vor Gott. Du machst alles, wie Du es gelernt hast. Nimm von anderen keine Zinsen, damit es dauerhaft wirtschaftlich gerecht zugehen kann. So hat man es Dir gesagt. Du hast gelernt, was gut und schlecht ist und versuchst nach Kräften, Dich daran zu halten. Wenn Du etwas zu treuen Händen bekommst, hebe es sorgsam auf. Wenn Du Dir nicht sicher bist, ob es eigentlich viel zu groß für Dich ist, vergrab es gut im Boden. Sagen die religiösen Lehrer Deiner Zeit. Andere haben Geld, Du aber hast die Moral auf Deiner Seite. Ein unbescholtener, integrer Mensch. Viele bewundern Dich insgeheim dafür. Aber Du bist auch bloßgestellt. Die Ironie des Gleichnisses hilft Dir nicht: wer in Kleinem sorgsam ist, dem wird Großes anvertraut werden. Du hast Recht, aber Du wirst kritisiert, verwünscht und im Gefängnis isoliert. Wer das Rechte tut, kann ganz schön allein sein.
Und Du schaust auf Deine Hände, denen anvertraut war, was sie gerade tragen konnten: Da ist Erde dran. Die geht schlecht weg. Sie setzt sich fest. Du kannst nicht abschütteln, was Dich mit ihr verbindet. Und die Erinnerung an die blühenden Blumen im Sommer, die fest verwurzelten Bäume auf Deinem Grundstück, den anvertrauten Schatz, gut verborgen, und Deine Lieben, die von Erde genommen sind und zu Erde wurden.

Drei Lebensgeschichten, liebe Schwestern und Brüder.

Vergleicht die Welt Gottes mit den Wirklichkeiten dieser Geschichten.
Vergleicht die Welt Gottes mit dem, was Deines ist in diesen Geschichten.

Ihr habt gehört, wen Jesus selig preist: Wer sanftmütig und barmherzig, wen nach Gerechtigkeit hungert und dürstet, wer reinen Herzens ist und friedfertig.
Vergleicht Gottes Welt mit dem, was ihr seht in der Welt. Was Menschen tun mit dem, was ihnen anvertraut ist. Was Du tust mit dem, was Dir anvertraut ist.

Das ist – mehr als ich selbst überblicken kann.
Genug, wenn ich sorgsam bin.
Soviel, wie ich gerade tragen kann.

Und seht, was Menschen tun, die anderen etwas anvertrauen.

Zu Jesus kam einmal eine Frau, die bat, dass ihre Söhne doch Ehrenplätze im Himmel haben sollten. Viele tun viel, um anerkannt zu sein und sich unvergessen zu machen – auch über den Tod hinaus. Und Jesus sagt zu ihr: Ihr wisst, dass die Herrscher ihre Völker niederhalten und die Mächtigen ihnen Gewalt antun. So soll es unter euch nicht sein .

Es gibt die einen Geschichten und die anderen Geschichten.
So ist das in der Bibel. Und so ist das in vieler Menschen Leben.
Geschichten, von denen Du sagen kannst: Hier habe ich etwas erfahren, von Gottes Reich; von der Wirklichkeit, die in Jesu Worten aufscheint.

Und dann sind da Geschichten, die zeigen Gegenbilder. Die zeigen, wie Gott nicht ist. Die zeigen, dass Gott anders ist. Dass wir darauf hoffen, dass Gott anders sein wird. Dass Gott anders handelt, als es den Logiken der Welt entspricht. „So soll es unter Euch nicht sein!“, rufen uns diese Bilder zu.

„So-soll-es-um-Gottes-willen-nicht-sein“-Geschichten kennt jedes Leben. Auch solche Geschichten sind in unsere Bibel eingeschrieben. Sie erzählt Geschichten unseres Lebens. Und wir haben zu lernen, diese Geschichten zu unterscheiden. Die, die von Gottes Welt erzählen, und jene, die von der Welt der hier Mächtigen erzählen. Und Macht, die kann ganz verschleiert sein. So, wie zwischen den Buchdeckeln unserer Bibel, in der wir mit guten Geschichten rechnen. Doch Gott gehört unsere gesamte Wirklichkeit.

Und so bleibt die Geschichte am Ende nicht stehen. Sie wird weitererzählt. Deshalb haben wir weiterzulesen, was das Matthäusevangelium sagt.
Wer um der Wahrheit willen kritisiert, verwünscht und im Gefängnis isoliert ist, steht vor Gott in einem anderen Licht.

[Vier]
Dir ist viel anvertraut. Sehr viel. So viel, dass Du in dem Gefühl lebst: Alles steht mir offen und zur Verfügung. Aber was daran Last ist, willst Du loswerden. Du verteilst an die, denen Du was zu sagen hast: das Alltagsgeschäft und die Sorge und das „Klein-Klein“ und das Risiko. Sollen sich doch Andere kümmern. Wie das geschieht, ist Dir gleich. Hauptsache, das Ergebnis stimmt. Und so verteilst Du: Fünf Talente, zwei Talente, ein Talent. Mag sein, Du traust dem einen mehr zu als dem anderen, vielleicht ist es aber auch nur eine Laune, nach der Du vorgehst. Wir wissen das nicht, wie wir überhaupt wenig über Dich wissen. Du gehst weg und kommst wieder, irgendwann. Ein Spiel Deiner Macht. Abwesend anwesend sein. Jeder soll immer mit Dir rechnen. Mit der Abrechnung. Bilanzieren. Rechenschaft geben. Angst erzeugt das. Aber das merkst Du nicht.
Und wenn Gottes Wirklichkeit da ist, die Bibel sagt: der Menschensohn gekommen ist, wenn Gottes Wirklichkeit da ist, dann wirst Du diese Stimme hören: „Ich bin im Gefängnis gewesen und ihr habt mich nicht besucht.“ Und dann erinnerst Du dich —

Und so fällt ein Licht von Gottes Welt auf das Leben. Und Du schaust Deine Hände an, wie sie gut zu machen versuchen, wo Du an Gott selbst vorbeigegangen bist. Hilflose Gesten. An die Hand genommen werden willst Du in dem, wo Du geerntet hast, ohne gesät zu haben; wo Du gesammelt hast, ohne auszuteilen.

[Schließlich.]
Du hast Dir viel anvertraut, Gott. Soviel mehr als acht Talente. Der Menschen Finsternis und ihr Licht, ihre hilflosen Gesten und ihre unglaublichen Talente. Dir vertrauen wir beides an. Lass leuchten, was dem Guten dient, und verwandele, wo wir gelebt haben, als ob Du nicht wiederkommst, um die Welt zurechtzubringen.

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