Und doch. Worte zum Bild

Endlose Weiten (scheinbar) und ein einzelnes Menschenkind. Kind am Meer. Es liegt auf dem Bauch. Es sieht den Wellen zu. Dem Gleichförmigen, wundersam Übermächtigen, dem, was allem Alltäglichen enthoben ist. Ich kenne seinen Namen. Denn es gehört zu mir. Und ich habe lange überlegt, ob dieses Bild auf den Titel einer Zeitung darf. Wenn Ihr nicht werdet wie die Kinder… So steht’s drunter. Wie es geschrieben ist im Buch der Bücher. 

Endlose Weiten (anscheinend) und ein einzelnes Menschenkind. Kind am Meer. Es liegt auf dem Bauch. Es ist den Wellen erlegen. Die Augen gebrochen – das weiß ich, auch wenn ich es nicht sehe. Vordergründig einer übermächtigen Naturmacht erlegen, und doch weiß jedermensch dieser Tage: Das Bild ist durch und durch und ausschließlich ein politisches Bild. Wie Kim Phuc in Vietnam. Willy Brandt in Warschau. Banksys Streetart. Den Namen des dreijährigen Jungen aus Syrien habe ich in der Zeitung gelesen. Aylan Kurdi. Damit wird er zu einem Teil meiner Geschichte. Denn auch aufgrund seines Bildes kann ich nicht sagen: „Ich habe von nichts gewusst.“ Ich sehe sein Bild in den Kindern, die mir dieser Tage begegnen. Und ich sehe mich in den Erwachsenen, die die Zeitungen lesen, auf denen das Bild des toten Aylan auf der Titelseite steht. Niemand hat gefragt, ob dieses Bild auf den Titel der Zeitungen darf. Auf dass es niemandem erginge wie diesem Kind… #KiyiyaVuranInsanlik steht drunter – „die fortgespülte Menschlichkeit“. Jedem Ikon entsteht sein Hashtag. Und niemand weiß so recht, wie. Genauso, wie niemand recht weiß, wie uns so viel Unmenschlichkeit plötzlich angespült kommt, offenbar nur mühsam verborgen unter einer dünnen Schicht von Zivilisation.

Auf skandalisierend schockierende Weise ist die These widerlegt, das 21. Jahrhundert setze keine prägenden Bilder mehr frei (so etwa: Michael Rutschky, „Die Macht der Inszenierung“, Cicero 11/2007, http://www.cicero.de/weltb%C3%BChne/die-macht-der-inszenierung/38337). Niemand sollte außer Acht lassen, dass dies medienpolitischen Gesetzen folgt: Konnte etwa am vergangenen Wochenende (30./ 31. August 2015) eindrucksvoll beobachtet werden, wie nahezu alle Medien sich der Veröffentlichung von Fotografien, die vom Meer angeschwemmte, entstellte Kinderleichen zeigen, verweigerten (in ähnlicher Weise gab es ja jüngst eine Art Konsens darüber, dass keine Opfer des Flugzeugabsturzes in Frankreich gezeigt wurden), verhält es sich nun wenige Tage später anders. Es mag sein, dass http://www.migrantreport.org mit seiner vollmundigen Einschätzung recht hat: „Social Media kann dafür sorgen, dass Bilder nicht gezeigt werden.“ Es gibt eine Art von Bildern, von denen viele sagen: Sehen kann ich sie, teilen kann ich sie nicht. Mir geht es auch so. 

Doch dieses Bild nun geht um die Welt, durch Zeitungen, Social-Media-Kanäle, Fernsehnachrichten. Es ist ein einzelnes Kind. Es ist herkömmlich und vollständig bekleidet. Sogar Schuhe trägt es. Schuhe, die es in ein anderes Leben hätten tragen können. Das Gesicht ist dem Erdboden zugewandt, droht im Sand zu versinken wie Tausende vor ihm im Meer. Ähnlich wie Du den Blick abwenden möchtest, wenn Du Dich diesem Bild nicht entziehen kannst. Das Bild hat einen wohl zufälligen, unbekannten Fotografen, es ist (zunächst) unbearbeitet. Ein zweites Bild zeigt zudem den Polizisten, der das Kind bergen muss. Mit Schuhen, denen Stock und Stein nichts anhaben können; einer Uniformjacke in Farben, die auch das Kind trug; und einem Blick, wie er auch der unsere sein könnte. Mit einer unermesslichen Emotion konfrontiert und trotzdem eine Randfigur. Es ist die Alltäglichkeit des Bildes, die es skandalisierungsfähig macht. Deshalb ist es keines der Bilder mit einer Vielzahl entstellter oder nackter Körper. Deshalb wird jede der verfremdenden Bildbearbeitungen, wie sie rasch kursierten, intuitiv als geschmacklos wahrgenommen. 

Kontroverser könnten die Einstellungen nicht sein, die sich um die Frage, ob dieses Foto veröffentlicht werden sollte, gebildet haben. Stefan Plochinger, Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung, fragt etwa: „Muss man Ihnen als Leserin oder Leser das Bild eines toten Kindes zum Frühstück zumuten, damit unmenschliche Aspekte der Asylpolitik in Ihren persönlichen Diskurs rücken?“ Andere sind umgekehrt an ein Diktum Rosa Luxemburgs erinnert: „Es gibt aber Leichen, die lauten reden als Posaunen und heller leuchten als Fackeln.“ Arno Franks Artikel in ZEITonline ist gar überschrieben: „Mit Wucht gegen Wahrnehmungspanzer.“

Die beiden Pole möglicher Einstellungen zur Veröffentlichungsfrage offenbaren eine je unterschiedliche Grundentscheidung! Wer einer Veröffentlichung skeptisch bis ablehnend gegenübersteht, versteht das Bild als in erster Linie (nicht ausschließlich!) an Institutionen adressiert, an die appelliert werden soll. So wird auch erklärbar, dass das Foto ausgerechnet im (geographisch und in dieser Frage auch politisch) insulären Großbritannien heute (3. September 2015) ganzseitig auf den Titelseiten mehrerer großer Tageszeitungen zu sehen ist.
 

In jedem Superstore, an jeder Tankstelle, auf meinem Frühstückstisch. The Guardian etwa will das Bild dezidiert als Replik auf politische Statements zur Asylpolitik verstehen und öffentlichen Druck auf politische EntscheidungsträgerInnen ausüben. Man mag sich zurecht fragen, ob dies ein ethisch legitimes und moralisch gebotenes Mittel ist. Jean Beaudrillard hat diese Art der Verwendung von Bildern als „pornographie de la Guerre“ bezeichnet. Das Instrumentalisierungsargument ist hier hauptsächlich. So entscheidet sich etwa die weit bekannte österreichische Seite http://www.mimikama.at, die Content auf mögliche virale Fakes hin recherchiert, grundsätzlich für einen Verzicht der Verbreitung dieses und ähnlicher Fotos. Differenzierter legt Charlott Schönwetter von http://www.maedchenmannschaft.net diese Entscheidung dar: Bilder zeigten, was wichtig sei und „eben passiert“. Sie rüttelten auf und seien bedeutend für Empathie. (Implizit) deutlich wird, dass Schönwetter Bilder immer und notwendig als Konstruktionen einer möglichen Wirklichkeit ansieht. Es seien demnach die weißen EuropäerInnen, die solche Bilder benötigten. Damit lösten sich die Bilder von den Geschichten der auf ihnen gezeigten Menschen ab (so meine Erklärung der These) und trügen zur Dehumanisierung bei. Schönwetter spricht von einer „Mitfühl-Performance“, die ausgelöst werde. 

Wer umgekehrt das Bild abdruckt, misst der Reichweite der Entscheidung jedes Einzelnen und jeder Einzelnen prioritäre Bedeutung bei. „Do we really believe this is not our problem?“, fragt etwa The Independent auf seiner Titelseite. Das Bild eines Ertrunkenen wird gezeigt, damit in Zukunft Menschen nicht mehr werden ertrinken müssen. Der pictorial turn hat damit eine hohe Passgenauigkeit in die derzeitigen gesellschaftlichen Trends Mitteleuropas. Offensichtlich gilt demnach nicht, dass man nicht sehen muss, was man ändern will. Die Voraussetzung ist: Wenn Du siehst, was geschieht, willst Du es eher ändern. (Scheinbare) Konkretion erleichtere Handeln. Dies um so mehr, als im Bild ein Einzelner im Fokus ist. Zudem einer, ein dreijähriges Kind, das über jeden moralischen Zweifel erhaben ist. Denn das Bild des „unschuldigen Kindes“ funktioniert in unserer ikonographischen Lexikalik offensichtlich unvermindert. Und der Rezeptionsprozess macht zugleich etwas an der betrachtenden Person deutlich: „Wenn dich nach 1000 Meldungen über gekenterte Boote erst eine Nahaufnahme eines ertrunkenen Jungen wachrüttelt, sagt es viel über dich aus“ (Maori Kunigo aka @MaoriHH). Wer etwas zeigt, räumt Bildern mit ihren vielen gleichzeitigen Informationen, die unmittelbar auf Gedanken und Emotionen wirken, eine große Macht ein. Wenn es denn stimmte, was Robert Fisk, der Nah-Ost-Korrespondent von The Independent, dazu sagt, kann man sich schon fragen, ob nicht der Zweck doch ausnahmsweise das Mittel heiligen könnte: „Wenn wir Journalisten die wahren Bilder des Kriegs gezeigt hätten, gäbe es keine Kriege mehr.“ 

Jede/r sieht das Bild. Und hat eine Intuition dazu. Das darf nicht sein – und doch: Dein Blick zieht sich dorthin. Das muss sein – und doch: Deine Grenze von Integrität, Scham, Würde und emotionaler Belastbarkeit sind überschritten. Oft auch: weit überschritten. Das Bild hat eine „Und-doch-Qualität“. Deshalb diese Resonanzen.

Das Christentum integriert seit je her ambivalente, ja gegensätzliche Einstellungen zu Bildern und ihrer Rezeption. Es hat das Überleben von Gruppen im Blick und die Geschichte jeder Einzelnen. Es erzählt die Biografien Einzelner und sorgt sich um die Kohäsion völlig disparater Gruppierungen. Es hält zusammen durch eine normative Grunderzählung und den aktualisierenden Bezug jedes Einzelnen (das nennen wir Frommen: „der Glaube“). 

Eine Gesellschaft, auch: eine im Ganzen herausgeforderte Gemeinschaft wie Europa, erlebt sich solidarisch, wenn sie sich gemeinsam in Bezug setzen kann. Auch zu solchen Bildern wie dem des heutigen Tages. Es bleibt zu hoffen und zu beten, dass diese Bezüge in Gruppen und in Einzelnen zugleich Kraft genug entfalten, um zu gemeinsamen Lösungen zu kommen, um möglichst Vielen gutes Leben zu ermöglichen. 

Damit der Strand dazu da ist, dass möglichst viele Kinder an ihm spielen können. So wie es viele Kinder am Mittwoch dieser Woche taten. In England und anderswo. Auch davon gibt es Bilder. Bilder, die zurecht nicht politisch sind. Kinder spielten. Während Aylan Kurdi, 3 Jahre, starb. Sein Bruder übrigens auch. Und zehn weitere Menschen, die mit ihm im Boot saßen. Und andere in anderen Booten. 

Damit die Gesellschaft bezeugen kann, wofür sie die Welt gemacht hält: „Am Meeresstrand endloser Welten ist der große Spielplatz der Kinder“ (Rabindranath Tagore). Damit durch das Spiel der Kinder, auch wenn sie größer werden, die (scheinbar) endlosen Weiten zu einer strukturierten Welt werden, in der es sich zu leben lohnt. Für alle. Mindestens.  

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2 Gedanken zu “Und doch. Worte zum Bild

  1. Dein Beitrag hat mich heute früh direkt „erwischt“ und ich habe ein paar Gedanken dazu auf meinem Blog aufgeschrieben. Nämlich diese hier:

    „Als ich den Text las, fiel mir sofort dieses Zitat von Franz-Josef Radermacher ein, das mich seit Jahren begleitet:

    ‚Es ist zu beachten, dass es den Marktfundamentalisten gelungen ist, ihre Position über manipulierte Bilder tief in den Gehirnen vieler Menschen zu verankern.‘

    Der Neoliberalismus gibt eine ungeheure Menge an Geld aus, um seine Vorstellungen von Sinn und Zweck des Daseins von Frauen, Männern und Kindern in unserem Fühlen, Denken und Handeln zu hinterlegen. Seither denke ich darüber nach, wie Gegen-Bilder entwickelt und verbreitet werden können. Das aktuelle Foto vom toten Kind am Strand macht mir wieder einmal klar: Gegen-Bilder lassen sich nicht gezielt entwickelt, sie entstehen spontan und treffen umso tiefer in unsere Herzen.

    Friederike hat das Für und Wider gut beschrieben, den Blogbeitrag von Mädchenmannschaft hatte ich auch gestern gelesen, und ich konnte die Meinung verstehen, aber spürte zugleich Widerstand. Das „Problem“ ist einfach: das Bild ist da. Ich habe es gesehen, wie Abertausende andere auch. Und mir hat sich der Magen umgedreht, wie vielen anderen auch. Aber ich merke, ich werde es nicht los. Es hat eine Tiefenschicht erreicht und angerührt und sich darin verankert. Ja, verankert. Wofür die Werbebranche Millionen braucht, gelingt hier sozusagen beiläufig, spontan.

    Wir können das jetzt diskutieren und das ist gut so. Vor allem, wenn es so behutsam und abwägend wie bei Friederike geschieht. Doch selbst wenn ich am Ende zu dem Ergebnis komme, dass die Veröffentlichung ein Verstoß gegen die Menschenwürde darstellt – ich werde das Bild nicht mehr los. Ich muss damit leben. Kann es versuchen wegzuschieben oder ihm ins Auge schauen.

    In drei Monaten feiern wir Weihnachten und dann steht auch ein Kind im Mittelpunkt. Gut möglich, dass Pfarrer/-innen an Heilig Abend 2015 wagen, die versammelte Gemeinde an Aylan Kurdi zu erinnern. Vielleicht fällt uns – obwohl der Gedanke an sich grausam klingt – in diesem Jahr der Blick von Weihnachten Richtung Karfreitag „leichter“, mit all den Bildern im Kopf. „Ecce homo“ (Johannes 19,5) sagt Pilatus zu Jesus, vor seiner Kreuzigung. Ecce homo, immer wieder.“

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