„Handwerk, Technik, Industrie“ – Zur alten These, dass Sprache Wirklichkeit ‚herstelle‘

Anlässlich des Tages des Denkmals am 13. September 2015

Am zweiten Sonntag im September ist „Tag des offenen Denkmals“. Federführend ist die Deutsche Stiftung Denkmalschutz, die zur Koordination der deutschlandweiten Aktion Mittel der Europäischen Union erhält sowie eine Förderung aus Lotto-Mitteln. Eine langfristige und gute PR-Strategie sichern, dass die Wahrnehmung des Tages in den gesellschaftlichen Öffentlichkeiten im Vergleich zu anderen, jährlich wiederkehrenden Aktionstagen, recht hoch ist.

Und wer diesen Tag als verantwortliche Person fest im Kalender hat, scannt die Kulturdenkmäler in seiner oder ihrer Stadt jährlich neu im Blick auf das jeweils gewählte Jahresthema. Denkmäler, die ein gewisses Alter, Bedeutung, Größe und ggf. auch Nutzung erfahren, lassen sich so erfahrungsgemäß unter einer Vielzahl von Jahresthemen summieren und das ist gewiss auch so beabsichtigt. Dabei kommen immer wieder interessante Aspekte zur Geltung: Sind grundlegende Themen wie „Farbe“ (2014) oder „Holz“ (2012) im Prinzip mit fast jedem Gebäude bespielbar, haben Kirchengemeinden im Regelfall auch etwas zu den typisch triadischen Themenformulierungen des Denkmaltags zu bieten wie „Kultur in Bewegung – Reisen, Handel und Verkehr“ (2010) oder „Romantik, Realismus, Revolution – Das 19. Jahrhundert“ (2011). Und selbst „Jenseits des Guten und Schönen. Unbequeme Denkmale?“ haben Kirchengemeinden mit den pragmatischen Zweckbauten in der Folge der Gemeindeaufbaubewegung nach dem Zweiten Weltkrieg unmittelbar Vorzeigbares. Und in diesem Jahr heißt es nun „Handwerk, Technik, Industrie“. In gewisser Weise handelt es sich um ein Container-Thema: Neben die üblicherweise umgangssprachlich mit dem Denkmal-Begriff verbundenen sakralen und urbanen Bauten sollen Industriebauten in den Blick rücken, etwa in (ehemaligen) Bergbauregionen sowie an Binnenhäfen, traditionelle und quasi „vergessene“ Handwerkstechniken sollen erinnert werden, und schließlich der rasante Wandel, der Spezialisierung von Handwerksberufen ebenso hervorbringt wie den nahezu völligen Relevanzverlust ganzer Berufsgruppen.

Handwerkliches Tätigsein wird dabei in einem engen Zusammenhang zu gesellschaftlichen, näherhin technologischen, kulturellen und sozialen Prozessen gesehen, mit denen es in fast unmittelbaren Wechselwirkungen steht. Freilich wird man, eingedenk der Einwände Hannah Arendts, fragen müssen, ob diese Nähe nicht auch insofern missverständlich sind, als gesellschaftliche, v.a. politische Prozesse nicht so beschaffen sind, dass sie „hergestellt“ werden sollten: „Homo faber, mit anderen Worten, hat seine Werkzeuge und Geräte erfunden, um mit ihnen eine Welt zu errichten, aber nicht, oder doch nicht primär, um dem menschlichen Lebensprozess zu Hilfe zu kommen“ (Arendt, Vita activa, 179). Und weiter: „Das Kennzeichen dieser nichtpolitischen Gemeinwesen war, dass in ihnen die Agora, der allen zugängliche Marktplatz, nicht ein Versammlungsort der Bürger war, sondern ein Markt in unserem Sinne, wo Handwerker ihre Produkte ausstellen und austauschen konnten“ (ebd. 190).

Insofern sind Bauwerke am „Tag des offenen Denkmals“ auch als Ausstellungsorte handwerklicher Produkte, handwerklicher Kunst zu sehen. Sie gewinnen vor allem dann an Faszination, wenn es sich um besonders spezialisierte Tätigkeiten handelt, oder um Gewerke, die heute weithin unbekannt bzw. überhaupt vergessen sind.

In einer Pressemitteilung heißt es da etwa:

„Und für kein anderes Gebäude waren so viele hochqualifizierte Handwerker tätig wie für dieses Kirchengebäude [gemeint: die Stiftskirche Windecken in Nidderau]. Es sind nämlich nicht nur die Gewerke der Bauhandwerker wie Steinmetze, Zimmerleute, Maler, Dachdecker und Schreiner zu bewundern, sondern auch die sorgfältigen Arbeiten der Orgelbauer, der Kunstglaser, der Uhrmacher, der Kunstschmiede, der Goldschmiede, der Glockengießer und der Restauratoren verdienen Beachtung.“

Die Verfasserin hat diesen Text selbst mit zu verantworten. Und stellt sich doch vielen Fragen dazu. Bei „Handwerk, Technik, Industrie“ treten die Menschen hinter ihre Produkte zurück. Sie waren zwar, auch kollaborativ, aber niemals im Sinne eines „Teams“, fähig, einen „angemessenen öffentlichen Raum zu erstellen, obzwar dies nicht ein politischer Bereich im eigentlichen Sinne des Wortes ist“ (Arendt 191), haben sich aber als Individuen von ihrem Werk gelöst. Mithin gilt dies auch als Voraussetzung der Werktätigkeit überhaupt.
Nun wäre es aber eine Leistung einer Gesellschaft, sofern sie sich politisch verstünde, eben dies sichtbar zu machen. Dazu bietet der „Tag des offenen Denkmals“ eine hervorragende Gelegenheit.
Dabei sollte nicht allein der Spezialisierungs- und/ oder Komplexitätsgrad ausschlaggebend sein, sondern es stellt sich auch immer wieder die Frage nach den Bedingungen, unter denen dieses handwerklich-herstellende, technische Handeln möglich war. Die industrielle Fertigung ist im genannten Beispiel eher weniger im Blick und damit auch weniger die gravierenden gesellschaftlichen Umwälzungen, die mit der notwendigen Arbeitsteilung und dem regelhaften Umgang mit Maschinen verbunden waren.
Insbesondere der Beitrag von Frauen muss hier erwähnt werden, weil er gemeinhin nicht nur sprachlich (s. das eigene Beispiel oben) aus dem Blick gerät. Abgesehen von „typischen“ Frauenberufen im Handwerk („die Friseuse“) sind Frauen allermeist nur „mitgemeint“. Und dies im Sinne, dass man mit Ausnahmen von der Regel rechnet, die davon ausgeht, dass üblicherweise Männer ein Handwerk ausüben.
Für frühere Jahrhunderte wird man dies nicht in dem Ausmaß sagen können, wie es sich aus unseren Projektionen der Verhältnisse im 20. Jahrhundert in vormalige Zeiten ergibt.

Denn gerade die ‚geschlossenen Gesellschaften‘ der zunft- oder zunftähnlich organisierten Gewerke führten dazu, dass zumindest die Töchter in Handwerksfamilien mit großer Selbstverständlichkeit im Betrieb, meist dem der eigenen Eltern, lernten, und zwar vor Einführung flächendeckender bzw. verpflichtender Bildung in allgemeinen Schulen meist bereits ab dem siebten Lebensjahr (Christina Gieseler hat dazu Literatur zusammengetragen, uzw. unter dem Titel: „Erziehung, Ausbildung und Arbeit von Mädchen und Frauen in den Städten des Hoch- und Spätmittelalters. Frauen aus Handwerk und Unterschicht“). Ihre Tätigkeit war für den Bestand des Betriebs oft mit ausschlaggebend, auch wenn wir ihre Namen nicht kennen und das jeweils verbaute „Produkt“ heute nicht mehr erkennen lässt, auf wessen Geschick es zurückgeht.
In den Pressematerialien zum „Tag des offenen Denkmals“ gibt es in einer großen Menge Bildmaterials zwei Fotos, auf denen Frauen als Mitwirkende an Jugendbauhütten gezeigt werden. Auf dem allüberall versandten Plakat, das die meiste Verbreitung erfahren dürfte, wird ein Steinmetz gezeigt.

Der Titel „Handwerk, Technik, Industrie“ sollte aufgrund unseres Projektionsverhaltens nicht darüber hinwegtäuschen, sondern vielmehr Anlass geben, die Tätigkeit von Steinmetzinnen, Zimmerfrauen, Malerinnen, Dachdeckerinnen, Schreinerinnen, Orgelbauerinnen, Kunstglaserinnen, Uhrmacherinnen, Kunstschmiedinnen, Goldschmiedinnen, Glockengießerinnen und Restauratorinnen (von solchen weiß ich namentlich mit Gewissheit) in den Blick zu rücken. Damals wie heute.
Insofern ist die Öffnung von Denkmälern im Besitz der evangelischen Kirche nicht nur ein Beitrag im Sinne einer Kooperation mit anderen Trägern im öffentlichen Raum, sondern auch ein Beitrag im Sinne evangelischen Bildungsverständnisses. Und evangelische Kirche muss sich im Blick auf ihre eigenen Formate auch bleibend fragen, ob sie der Diversität der jeweiligen historischen Wirklichkeit in ihren Themenformulierungen und Auswahlen mindestens annähernd gerecht wird.

Bild: Stiftskirche Nidderau-Windecken (Detail)

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