Die bewohnbare Welt – Beitrag zur Nidderauer Ringpredigt zur biblischen Schöpfungsgeschichte (2015)

Predigt für den 12. Juli in der evangelischen Kirche Nidderau-Ostheim, den 9. August in den evangelischen Kirchen in Nidderau-Eichen und -Erbstadt, den 20. September in der Stiftskirche Windecken und am 27. September in der Brückenkirche Heldenbergen.

Aus dem Buch Genesis (1, 9-13):

Und Gott sprach: Es soll das Wasser unter dem Himmel an einem Ort gesammelt werden, so dass das Trockene sichtbar wird. Und es geschah so.
Und Gott nannte das Trockene „Erde“ und die Ansammlung des Wassers nannte er „Meer“. Und Gott sah, dass es gut war.
Und Gott sprach: Es lasse die Erde Grünes hervorbringen: Frisches Gras, Kräuter, Samen, die aussäen, Obstbäume, in denen Samen [je] des Obstes ihrer Art ist, die Obst hervorbringen, über der Erde.
Und so geschah es:
Die Erde brachte frisches Gras hervor, Kräuter, Samen, die aussäen, [je] nach ihrer Art, und Obstbäume, in denen Samen [je] des Obstes ihrer Art ist, die Obst hervorbringen. Und Gott sah, dass es gut war.
Und es wurde Abend, und es wurde Morgen: ein dritter Tag.

Liebe Menschen!

So geschieht’s am dritten Tag:
Die Pflanzen.

Weinreben, Oliven und Feigen,
Granatäpfel und Apfelbäume,
Datteln und Mandelbäumchen.
Gerste, Weizen, Hirse,
Linsen und Bohnen,
Trauben und Nüsse.
Kürbis und Melone,
Lauch, Zwiebeln und Knoblauch.
Erben, Kirchenerbsen, Ginster, Melde, Salat.
Koriander und Dill und Kümmel.
Wacholder, Sellerie und Wildkräuter.
Aloe, Kassia und Myrrhe.
Bauholz, für Paläste und Holz, damit Du es warm hast.
Holz für Möbel, Waffen, Gerätschaft.
Flachs.
Die Pflanzen.
Grundnahrungsmittel. Luxuslebensmittel.
Pflanzen, um Menschen heil zu machen und das Leben schön.
Pflanzen, um Menschen zu kleiden und ihm ein Haus zu bauen.
Pflanzen, die wir bis in ihre Zellstruktur sehen können und die doch geheimnisvoll bleiben, in ihrem Wachstum, ihrer Schönheit, ihrem Nutzen.

Die Erde bringt all dies hervor.
So geschah es.

Was Du brauchst, ist da: Nahrung, Kleidung, Behausung.
Segensreich, zumindest grundsätzlich,
was da geschaffen ist am dritten Tage:
Was die Welt bedeckt „wie ein Kleid“,
was keimt und wuchert.

Und mit dem, was da geschaffen ist,
ist der Takt der Zeit da:

Zwei Monate Einsammeln.
Zwei Monate Säen,
Zwei Monate Spätlese.
Ein Monat Flachsschneiden.
Ein Monat Getreideernte.
Ein Monat Wiegen, Abmessen, Einkochen, Einlagern.
Zwei Monate Traubenernte.
Ein Monat Sommerfrüchte.

So war das im Alten Israel.

Und so kann es sein:

Ein Monat Sommerfrische. Aufatmen und Anhalten.
Zwei Monate Traubenernte. Arbeiten für das, was das Leben schön macht.
Ein Monat Wiegen, Abmessen, Einkochen, Einlagern. Vorsorgen für den Winter, und das Dunkel, und die schlechten Zeiten, in der Speisekammer, dem Haus und Deinem Herzen.
Ein Monat Getreideernte. Mal richtig fleißig sein.
Ein Monat Flachsschneiden. Ausbessern, Reparieren, Shoppen auf der Zeil.
Ein Monat Spätlesen. Einsammeln, was liegengeblieben ist. Einsammeln, was noch so nachkommt. Immer wieder in Erinnerung rufen, was noch aussteht. Die Nachzügler eben.
Zwei Monate Säen. Vorsichtig kleine Pflänzchen setzen. Ideen ausprobieren. Aus dem, was da ist, das Beste machen wollen. Und Träumen, von der bunten Blumenwiese, die sich da andeuten könnte – mit dem, was Du tust.
Zwei Monate Einsammeln. Ordnen und Sortieren.
Und immer wieder: Unkraut jäten, Dornen zurückschneiden. Tagtäglich, unermüdlich. Die Welt wächst weiter. Und Deine Sehnsucht nach Ordnung in allem auch.

Was Du im Leben vorfindest, strukturiert Deine Lebenszeit.

Und Gott sah, dass es gut war.

Die gute Welt.
Verlässlich und dauerhaft.
Was da alles ist, bevor Du bist.
Was alles wachsen muss, bevor Du wachsen kannst.
Bestaunte und bewunderte Welt.
Vom Gänseblümchen bis zum Mammutbaum.
Und all das dazwischen.
Nährend und bergend.

Trotz allem, was da kommt:
Zu wenig Regen.
Zu viel Regen.
Rost, Brand, Mehltau, Fäulnis.
Hagel und Heuschrecken.
Ja, und auch Krieg, Zerstörung und Plünderung.

Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten.

Grundsätzlich ist da, was Menschen brauchen.
So will Gott die Welt eingerichtet sehen.

Deshalb erntest Du nicht alles ab, was Dir zusteht.
Sagt die Bibel.
Du lässt einen Rest – für den, der ihn braucht.
Einen Rest Deines Arbeitsertrags,
von den Ähren auf dem Feld
und der guten Arbeitszeit,
von Deinen Ideen, dem Brot auf dem Tisch
und dem Wein im Keller.

Damit auch andere nährt und birgt,
was Du selbst nur empfangen hast.

Es lasse die Erde Grünes hervorbringen: Frisches Gras, Kräuter, Samen, die aussäen, Obstbäume, in denen Samen [je] des Obstes ihrer Art ist, die Obst hervorbringen, über der Erde.

Gott schafft die Erde.
Und die Erde bringt ihrerseits hervor, was zu ihr gehört:
das Grünzeug, ihre Ausstattung sozusagen.
Das, was die Erde braucht, damit sie bewohnbar ist –
für Menschen und Tiere.
Obst und Gemüse – denn dies soll es sein, was Menschen und Tiere nährt.
Das Gemüse für beide, das Obst für den Menschen.
So steht es auch, später, als es Tiere und Menschen gibt, in der Schöpfungsgeschichte.
Denn nichts ist geschaffen, bevor das da ist, was zu seiner Versorgung notwendig ist.
Alles, was da ist, soll versorgt sein.
Gott stellt bereit, was Du zum Leben brauchst.

Und Gott lässt bereitstellen: Die Erde wird beauftragt, hervorzubringen.
Sie bringt ans Licht, was verborgen schon da ist.
Schöpfung ist auch Enthüllung dessen, was anders bereits vorhanden ist.
Es gibt Dinge in Gottes Welt, die sind von Gott beauftragt, an der Entfaltung seiner Welt teilzuhaben.
Wer sich als Teil von Gottes Schöpfung versteht, lässt das für sich gelten.
Das ist das Kreative, wie Schöpfung beginnt.
Gott hat geschaffen, dass Andere und Anderes auch schaffen können.
Du kannst Ideen entfalten und einen Garten bebauen, ein Medikament entwickeln und Pflanzen veredeln.
Vieles ist möglich, und Manches dient zum Guten.
Was dem Leben hilft, wie das Bild von Gottes Ordnung es zeigt. Die Theologie sagt dazu:
Was offen ist, dass Gott sich darin zeigen kann.
Was Du schöpferisch erdenkst und erwerkelst,
soll so sein,
dass es durchsichtig sein könnte dafür,
wie Gott ist.
Das müssen Menschen entscheiden.
Hier tragen wir Verantwortung für das, was wir selbst erdenken und erschaffen.

Gott stellt dazu bereit, was dazu nötig ist.
Doch: Nie etwa gab es eine Welt, in der Menschen und Tiere sich allein von Gemüse oder Obst ernährten.
Das zeigt, dass wir es mit einem Bild zu tun haben, nicht mit einer vermeintlichen anfänglichen Wirklichkeit.
Das Bild heißt:
Es soll kein Leben auf Kosten anderen Lebens geben.
Die Schöpfung ist von vorne herein auch problematisch –
weil sie so angelegt ist, dass wir Menschen gar nicht anders können, als an ihr schuldig zu werden.
Wir wissen, dass Leben immer auf Kosten anderen Lebens geschieht.
Deshalb ist es gut, dass Gras, Kraut und Bäume ihren Samen in sich tragen.
Die Welt, von der wir leben,
regeneriert sich selbst,
sie pflanzt sich selbst fort.
Pflanzen sind voll mächtiger Kraft.
Wir können zwar die Blüten ausreißen und die Wurzeln kappen, wir können das Meer künstlich erwärmen und uns die Luft zum Atmen nehmen,
kein Mensch kann aber die Schöpfung als Ganze zerstören.
Und umgekehrt:
Wir können sie zwar im Einzelnen,
aber nicht im Ganzen erhalten.
Gott bewahrt die Schöpfung.
Was vor uns ist, kann ohne uns sein.

Dass etwas wächst,
ohne dass Du weißt, wie,
fasziniert Menschen.

Dass dies ein Gleichnis ist,
für das Leben selbst,
das Säen und Wachsen und Ernten und das Brachliegen,
das schafft Verbundenheit mit den geschaffenen Dingen,
der Welt,
von der die Alten sagten:
Es ist die unbelebte Welt.

Und Faszination und Verbundenheit machen,
dass wir widersprechen wollen,
von Gras und Kraut und Baum als ‚unbelebter Welt‘ zu denken und zu reden.

Wir verzaubern eine Welt,
von der der Schöpfungsbericht am Anfang der Bibel dezidiert sagt:
Das alles sind geschaffene Dinge,
hervorgebracht aus der Erde,
abgetrotzt dem Chaos,
nur bedingt geplant.
Allein: Von Gott geschaffen zu sein, verbindet.

Verbindet auch zum Lob Gottes.
Die offenbare und sichtbare Veränderungsfähigkeit der Welt, die uns umgibt, schafft den Eindruck einer beseelten Welt.
Wir fühlen uns sicherer, wenn die Dinge uns ähnlicher sind.
Von Franz von Assisi heißt es so:
„Und wenn er eine große Anzahl von Blumen fand, dann predigte er ihnen und lud sie zum Lobe Gottes ein, als ob sie vernunftbegabte Wesen wären. So erinnerte er auch Saatfelder und Weinberge, Steine und Wälder und die ganze liebliche Flur, die rieselnden Quellen und alles Grün der Gärten, Erde und Feuer, Luft und Wind in lauterster Reinheit an die Liebe Gottes und mahnte sie zum freudigen Gehorsam.“

In den Hintergrund rückt, dass die uns umgebende Welt uns auch bedrohen kann.

Die Welt ist Gleichnis für’s Leben.

Doch: Ist die Welt vielleicht nur deshalb veränderungsfähig, weil sie sonst Tieren und Menschen nicht gerecht wird?

Die Schöpfungsgeschichte beschreibt die Welt als eine, die auf die Bedürfnisse und Anforderungen von Menschen hin orientiert und geordnet ist: Was wir brauchen, ist bereits da.

Was da ist, weist bereits aus sich darauf hin, wie die Welt von Gott her ist:

Bäume zeigen Dir, wo oben und unten ist in der Welt.
Dass es lohnt, Wurzeln zu schlagen.
Dass aus dem Tod neues Leben entsteht, ein Kreuz ergrünen kann.
Dass Menschen genesen können und keine Schmerzen erleiden sollen.
Und dass es nicht gleichgültig ist, was Du tust: Gute Bäume, gute Früchte. Jeder Baum nur die Frucht seiner Art. Nicht jeder vermag alles.

Und Gott sprach: Es soll das Wasser unter dem Himmel an einem Ort gesammelt werden, so dass das Trockene sichtbar wird. Und es geschah so.
Und Gott nannte das Trockene „Erde“ und die Ansammlung des Wassers nannte er „Meer“. Und Gott sah, dass es gut war.

Letztlich.
Es gibt Dinge, die werden lebensschaffend dadurch, dass sie sich zurückziehen.
Schöpfung heißt nicht immer: Etwas Neues kommt hinzu, wird sichtbar.
Das Meer – zum Beispiel – zieht sich zurück.
Dadurch differenziert sich die Welt: in Nasses und Trockenes. Dort können dann die Pflanzen wachsen.
Und Gott benennt „Erde“ und „Meer“.
So geschieht das sonst nur bei „Tag“, „Nacht“ und „Himmel“.
Alles, was sonst einen Namen trägt, hat ihn von Menschen.
Himmel, Erde, Meer, Tag und Nacht –
Das ist Gottes Grundgrammatik,
auf der die Erde aufbaut.
Ohne dies geht nichts.
Ohne Raum und Zeit kann nichts wachsen.
Und doch sind sie auch Geschöpfe Gottes.
Es gibt dieses Etwas ohne Raum und Zeit – Moment des Anfangs.
Die Schöpfungsgeschichte aber „entzaubert“ die Welt.
Kein Baum ist göttlich, nur weil er sich verändert.
Keine Pflanze magisch, weil sie unvorstellbar schöne Blüten trägt.
Was Gott schafft, birgt Schönheit, Klarheit, Heilkraft und Veränderungsfähigkeit in sich.
All das ist da, bevor Gott Dich geschaffen hat.
Und all dies ist damit ein Gleichnis für das Leben – an Schönheit, Klarheit, Heilkraft und Veränderungsfähigkeit.

Weil Gott gezeigt hat, wie wir dem nachfolgen können,
ist die Welt, wie sie ist.
Seht sie an.
Die Lilien auf dem Felde.
Und den Löwenzahn am Wegesrande.
Die Brennessel im Gemüsebeet.
Und die Anturie im Palmengarten.
Mit wieviel Schönheit, Heilkraft, Veränderungsfähigkeit und Klarheit hat Gott sie hervorbringen lassen.
Seid Ihr denn nicht viel mehr als sie?

Amen.


Foto: Detail des „Eden Project“ (GB), August 2015 (few)

Advertisements

Ein Gedanke zu “Die bewohnbare Welt – Beitrag zur Nidderauer Ringpredigt zur biblischen Schöpfungsgeschichte (2015)

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s