Werde ich in den nächsten fünf Jahren sterben?

Ein Gastbeitrag für die „Novemberaktion“ von http://www.totenhemd-blog.de
(https://totenhemd.wordpress.com/2015/11/16/16-11-dr-friederike-erichsen-wendt-werde-ich-in-den-naechsten-5-jahren-sterben/)

Schnelltests haben Konjunktur. Striche und Kreise zeigen an, ob Du neues Leben in Dir trägst oder bald tragen könntest. 14 von 15 Punkten weisen Dich als Kenner der deutschen Grammatik oder der internationalen Musikszene aus. Seit diesem Sommer gibt es einen besonderen Schnelltest, der nur 13 (für Frauen elf) Fragen lang dauert. Und er hat einen Namen: UbbLE. UbbLE ist ein Akronym und steht für „UK Longevity Explorer“, ein „Lebenszeit-Restzeit-Rechner“, so übersetzt es jedenfalls das Deutsche Ärzteblatt (in 6/2015).

UbbLE verheißt, wie Hubble (das Weltraumteleskop), einen Blick in unbekannte Welten. Er berechnet das biologische Alter eines Menschen und damit die statistische Wahrscheinlichkeit, in den nächsten fünf Jahren zu sterben. Ein schwedisches Forscherteam des Karolinska Institut in Stockholm und der Universität Uppsala haben dafür einen breiten Datenpool der UK BioBank ausgewertet.

Werde ich in den nächsten fünf Jahren sterben? Titulaturen wie „Tool, das den Tod vorhersagt“ oder: „Ihr Online-Todesrechner“ zeigen, wie skurril und morbide diese Frage anmutet. Wer von den unmittelbaren Empfindungen beim Lesen und Hören dieser Frage zurücktritt, wird sich auch daran erinnern, dass statistische Auswertungen nie Prognosen im Blick auf den Einzelnen erlauben. Und trotzdem kann man die Frage weniger gut abweisen wie die, in welcher Stadt man denn am besten wohnen sollte oder welcher Philosophin man am ähnlichsten ist.

Wozu dient „ubbLE“ dann? Interessant erscheint mir, welche Fragen sich als signifikant erwiesen im Zusammenhang mit dem Risiko, in absehbarer Zeit zu sterben: Mit wem leben Sie zusammen? Haben Sie ein Auto? Wie schnell gehen Sie? Andrea Ganna, Erik Ingelsson und ihre Teams fanden heraus, dass soziale und ökonomische Faktoren die Lebenserwartung im Mittel wesentlich stärker beeinflussen als physiologische Daten.

Und sonst? Der Test unterstützt ökonomische Interessen. Hochrisikopatienten können rascher identifiziert werden, also, ob jemand dem Tod statistisch gesehen eher näher ist als die übrige Bevölkerung. Die mit der Studie betrauten Wissenschaftlerinnen betonen hingehen den Appellcharakter gegenüber den Testpersonen: Es gehe um ein Aufmerksam-Sein gegenüber der eigenen Endlichkeit.

„Wir bitten dich für den aus unserer Mitte, den du als Nächsten abrufen wirst…“ – so heißt es in den klassischen, lutherischen Agenden der evangelischen Kirchen. Neben das diffuse Wissen darum, dass es eine statistische Wahrscheinlichkeit gibt, „irgendwann“ zu sterben, tritt eine konkrete Erfahrung: Eine ist die Nächste. Eine von uns. Ich spreche diese Worte gelegentlich (übrigens immer öfter), wenn ich als Pfarrerin neben einem Sarg oder einer Urne stehe und Menschen darin helfe, das Leben angesichts des Todes zu bestehen. Und dann habe ich oft die Worte im Ohr: Es kannst auch Du sein.

Der amerikanische Philosoph John Rawls regt folgendes spieltheoretische Gedankenexperiment an: Wie würden Menschen ihr Zusammenleben organisieren, wenn sie es zu Beginn unter Absehung aller eigenen Eigenschaften gestalten müssten? Er nennt das „Schleier des Nichtwissens“ (veil of ignorance), der erst gelüftet wird, wenn über alle relevanten gesellschaftlichen Mechanismen Einigung erzielt worden ist. Das Leben angesichts des Todes ist in einer Gemeinschaft von Menschen in gewisser Weise wie eine Existenz hinter einem Nichtwissens-Schleier. Jeder von uns kann der Nächste sein. Ganz bald oder in vielen Monaten. Meine Wahrnehmung verändert das. Im Blick darauf, dass ich den Anderen als sterblichen Menschen ansehe, mit dem mir eine begrenzte Zeit zur Verfügung steht – und zwar nicht aufgrund eigener Wahl, sondern aufgrund unseres Menschseins. Und im Blick darauf, dass ich selbst mich und das, was mir wichtig ist, werde aus den Händen geben oder es mir aus den Händen genommen wird. Ich versuche, Wichtiges nicht aufzuschieben und zu lernen, so wenig wie möglich festzuhalten.

Ich weiß nicht, ob ich in den nächsten fünf Jahren sterben werde. Denn ich habe den Test nicht gemacht. Und es wäre wohl viel mehr diffuse Ahnung und Angst als ein Wissen, wenn ich ihn gemacht hätte. Aber ich weiß, dass ich die Nächste sein kann. Der christliche Glaube behauptet, dass dieses Wissen dazu führen kann, klug zu werden.

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