Fluchtgepäck

20g Polypropylen geben mir in dieser Adventszeit zu denken. Hartnäckig spielen sie sich in den Vordergrund, auch jetzt, wo die konventionellen Adventsspuren immer sichtbarer werden: Lichterketten gegen das Dunkel, Tannenbäume gegen die Vergänglichkeit, Rentiere an Häuserwänden, Glühweintassen, die von außen klebrig sind und „White Christmas“ für die, die noch nicht alles online shoppen. Konventionen, die die Welt sicher machen.

 

Eine transparente Plastiktüte, wie es sie allenthalben in fast jedem Laden zum Mitnehmen gibt. So weit, so gewöhnlich. Wenn sie nicht sorgfältig zusammengefaltet und mit einem Zettel versehen wäre:

 

„Wenn du nur diese Tüte hättest und müsstest ganz schnell dein Haus, deine Wohnung, deine Heimat verlassen und in ein fremdes Land gehen. Welche Dinge würdest du einpacken und mitnehmen?“

 

Tja. Ich schaue mich um in den stets zu klein empfundenen 100 qm Wohnfläche: Alles meint irgendwie gebraucht zu werden und doch ist eigentlich wenig wichtig genug, um in der Tüte Platz haben zu müssen. Ganz klar: Ein Ausweisdokument, ein Ladekabel fürs Mobiltelefon, das kleine Erste-Hilfe-Set. Aber dann? Kleidung könnte ich am Körper tragen. Braucht es ein zweites Paar Schuhe? Dass der Schlafsack bis -35 Grad hält, ist zwar jetzt im Winter praktisch, er ist aber technologisch betrachtet ein Modell der übervorletzten Generation und passt dementsprechend nicht in die Tüte. Ich müsste einkaufen gehen. Aber Flucht ist kein outdoor-Urlaub. Dafür ist keine Zeit – und in Wirklichkeit vermutlich auch selten Geld. Was tun, wenn es so richtig kalt ist – da draußen? Und: Muss ich nicht auch an andere denken? Sollte ich nicht doch besser nochmal in der Apotheke vorbeigehen, und für alle Fälle Stoffbär und Sagenschatz mitnehmen? Ist eine Zahnbürste wichtiger als ein Feuerzeug? Nehme ich ein paar Briefe mit, die mir wichtig sind, oder besser ein leeres Notizbuch? Nutzen Kreditkarten? Und wo bitteschön habe ich eigentlich die Geheimnummern notiert? Welche Währung nutzt oder reicht die Zeit noch, um Reiseschecks zu bestellen? Kann ich mich auf die Cloud verlassen? Wer leiht mir einen Gaskocher? Brauche ich Haustürschlüssel oder werde ich ohnehin nie zurückkehren? Werde ich meinen Führerschein irgendwann einmal brauchen oder Hochschulzeugnisse und Ordinationsurkunde? Und wie verpackt man all das, wenn ich nicht weiß, wie überhaupt der Weg sein wird?

 

In adventlich-angeregter Plauderrunde sagen wir: Die allernötigsten Dinge zum physischen Überleben; die allernächsten Dinge, die zu mir gehören; die Worte und Dinge, die so schön sind, dass sie nicht durch reine Imagination zu erschaffen sind und mir im Grauen in eine andere Welt helfen. Und wir erzählen von den kleinen, vermeintlichen Irrationalitäten, die wir oft bei uns haben und uns helfen, das Leben zu bestehen. Und manche beschließt, das eine oder andere griffbereiter zu stellen, eine handliche Studienausgabe zu kaufen, oder überhaupt mal probeweise zu den Worten zu fliehen, von denen zu vermuten ist, dass sie auf der Flucht dem Überleben dienen könnten.

 

Ich habe nicht „schnell“ gepackt. Weil mir vor allem Einpacken diese Fragen durch den Kopf gingen und damit das Tun schlicht blockierten. Vermutlich wäre es zwischen irrational und naheliegend gewesen, was ich eingesteckt hätte: Mützen und Zahnpasta, Socken und Schokoriegel, eine Handvoll Legoklötze, Notizbuch, eine Wasserflasche und das wenige Bargeld, das man heutzutage so im Hause hat.

 

Ich muss nicht fliehen. Weshalb ich über all diese Dinge nachdenke? Weil mir jemand eine unscheinbare Plastiktüte samt Gebrauchsanweisung zugesteckt hat, die ich nun schon seit Tagen von links nach rechts, von der Küche ins Büro, vom Wohnzimmer in die Schreibtischschublade verräume. Weil sie mich erinnert, wie schnell mein Leben auf sich selbst zurückgeworfen sein kann. Weil sie  mich erinnert, wie wenig selbstverständlich der materielle und kulturelle Lebensstandard ist, an den ich mich seit Jahrzehnten gewöhnt habe. Weil sie mich fragt: Wie viele überlebenspraktische Dinge hast Du wirklich?

 

Mit diesen Fragen konfrontiert und mit Überlebensdingen gefüllte Tüten sind Teil einer Ausstellung im Artrium Bruchköbel, die vom 19. Dezember 2015 bis 10. Januar 2016 zu sehen sein wird (Innerer Ring 1, Bruchköbel). Die Idee des „deutschen Fluchtgepäcks“ hatte Chris Goy.

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