Gottesdienst wie Weihnachtsstrudel

Nach den Weihnachtsfeiertagen stapeln sich die fast leeren Tütchen: Lebkuchengewürz, gemahlene Mandeln, gehobelte Mandeln, gehackte Mandeln, Rosinen, Datteln, Haselnüsse – jeweils: gehackt, gehobelt, gemahlen – Zitronenschale, Orangenschale und so fort. Ich weiß: Bis nächstes Jahr haben sich die Aromen verflüchtigt oder die Mehlmotten gütlich getan. Was also tun?

 

Der zweite Feiertag ist im Pfarrhaus Restetag. Alles kommt irgendwie auf den Tisch, was die Tage vorher, Besucher und Vorüberziehende, übrig gelassen haben. Ein großer Strudelteig wird ausgezogen und all diese Reste aus Tütchen mutig zusammengerollt. Und im Zweifel wird alles gerettet durch eine große Portion Vanillesoße.

 

Der zweite Feiertag soll kein Restetag sein – in der Kirche. Manche haben guten Grund, „erst jetzt“ einen Gottesdienst zu besuchen. Manche sind am zweiten Feiertag auch schon zum vierten Mal an diesen Feiertagen da. Wir singen seit Jahren Weihnachtswunschlieder. Erst auf Zuruf, später mit einem Klebepunktesystem. Die „Top Ten“ bleiben alle Jahre wieder kaum verändert: O du fröhliche, Herbei o Ihr Gläubigen, Stern über Bethlehem, Stille Nacht.

 

In diesem Jahr habe ich eine Idee aufgenommen, die sich aus einer Frage entwickelte, die mir jemand im herbstlichen Weihnachtsplanungsmodus zurief: Wie gehen wir eigentlich damit um, dass es auch an hohen Feiertagen Gottesdienste geben wird, in denen keine Kirchenmusiker/innen zur Verfügung stehen, die weihnachtliche Musik anstimmen können? Fragen, die sich aus den Veränderungsprozessen unserer Kirchen ergeben, auf ihre Ressourcen hin zu befragen, wirkt rasch ideologieverdächtig. Trotzdem ließ mich das Bild nicht mehr los: Könnte es gelingen – erstmal in der luxuriösen Situation, eine gute Kirchenmusikerin sicher an Bord zu haben – Menschen zur „weihnachtlichen Hausmusik“ in die Stiftskirche einzuladen? Bundes- und europaweite Studien der letzten Jahre behaupten ja schließlich, dass Beteiligung ein wesentlicher Schlüssel zur Identifikation mit der Kirche sei.

 

Wir luden ein. Und, nein: Nicht primär über Mund-zu-Mund-Propaganda, ganz ohne Trägergruppe, ohne die berühmten Drei, die auf jeden Fall mitmachen. Ein kurzer Artikel für die Gemeindezeitungen. Ein noch kürzerer Artikel für die regionalen Zeitungen, ein einziger gut platzierter Text in der Weihnachtsausgabe einer überregionalen Zeitung, die viel gelesen wird (sofern überhaupt gelesen wird). Ein kurzer Hinweis in den noch kürzeren Bekanntmachungen am Heiligen Abend.

 

Und es gelang. Weihnachten ist Zusammenklang von Licht und Dunkel, Himmel und Erde, Verzweifelung und Weltgeschehen, Weihnachtsbaum und hoher Christologie, Lied und Text, Akkordeon und Harfe. Acht Instrumente, zehn Personen, zwischen 8 und 80 Jahren alt, und eine gut gefüllte Kirche derer, die mitsangen, mitsummten und zuhörten. Gern gesehene Stammgäste und die, die den Klang mögen. Die Neugierigen und die, die sich am Rande der Feiertage umschauen in den Kirchen.

Bild 2

Alle klangen mit und hörten zu. Der Musik zuallererst, dann auch den kleinen Texten, die in der Advents- und Weihnachtszeit so übrig geblieben waren, weil doch alle besser dran sind, wenn die Pfarrerin mit ein bis zwei gut ausgelegten Texten unterwegs ist in dieser Zeit und nicht jeden Tag eine neue Geschichte versucht. Und doch bleiben ja kleine Beobachtungen liegen, die es wert sind, gesagt zu sein  – die Reste in den Tütchen, die zu schade sind, um nicht verwendet zu werden. Und die es vielleicht nicht schaffen, die Zeit bis zur nächsten Saison zu überwintern.  Alles zusammengesetzt und von musizierter und gesungener Weihnacht getragen, mit lauten und leisen Klängen, gewohnter und gewagter Interpretation.

 

Menschen waren mit völlig unterschiedlicher Motivation da. Und haben an ganz unterschiedlichen Stellen etwas für sich eingepackt, vom Weihnachtsstrudel. Weil der gemeinsame Klang einen tragenden Eindruck erwirkt hat. Und wer noch Anderes braucht, kann vom Vortag eine Predigt dazulegen oder auf die morgige warten. Zuhause sagt das Kind: „Mama, heute haben wir mal nur gebetet in der Kirche.“

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