Zu ‚vernünftigem Gottesdienst‘ verwandelt

Werkstücke zum Ersten Sonntag nach Epiphanias (2016)

 

Wenn das neue Heft von „Liturgie und Kultur“ (3/15) neben dem Lukasevangelium liegt, liest sich das Gottesdienstportal dann so:

 

Vor aller Zeit ist Nacht.

Kein Stimmenklang zu hören –

aus Totenstille weggeführt

sind wir nur erst geboren.

Da liegt es, das Kindlein, auf Heu und Stroh, in einer Krippe.

Da liegt es, das Kindlein, im Arm eines tröstenden Menschen.

Die auf denen Thronen donnern weiter,

die in den Gräbern schweigen.

Die es aber gesehen hatten, breiteten das Wort aus, das zu ihnen von diesem Kinde gesagt war.

Ein Wort aus taghellem Weihnachtshimmel lichtet unsere Welt.

Ein Wort liegt auf unseren Lippen,

das nach Klang und Stimme ruft.

So geschehe es –

Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Amen.

Jesus ist kommen, Grund ewiger Freude.

 

Vernünftiger Gottesdienst? Vom Angeln, Handwerken und Lesen (Predigt am 10. Januar 2016 in der Stiftskirche Windecken)

Einer sitzt beim Angeln am Fluss und findet einen Ring. Golden, kostbar. Der, der ihn haben will, geht dafür über Leichen und entdeckt, dass er selbst nun etwas Besonderes kann. Etwas, das Dich einzigartig macht, von den Anderen unterscheidet: Du bist unsichtbar. Du kannst entscheiden, wer Dich zu Gesicht bekommen soll. Aber Du merkst auch: Wenn Du Dich veränderst, plötzlich etwas Anderes tust, anders lebst, eine besondere Gabe nährst, veränderst Du auch Dein Wesen. Der Ringträger wird heimtückisch, misstraut jedem und bekommt einen Blick dafür, was Andere besonders verletzt. Niemand möchte mehr mit ihm zu tun haben. Er verliert die Sprache, wird aus der Heimat verstoßen, beginnt, merkwürdige Dinge zu essen, lebt im Dunkeln, hasst die Welt und liebt nur sich selbst.

 

 

Einer sitzt in seiner Werkstatt, wo er Menschen Zelte näht, und denkt dabei nach. Viele tun das. Beim Arbeiten den Gedanken freien Lauf lassen, oder beim Laufen oder beim Kochen oder beim Bügeln. Paulus denkt an seine Reisen zu den christlichen Gemeinden. Und sieht so viele, für die der christliche Glaube ihr Leben verändert hat. Ja, die sich nicht nur verändert haben, sondern die verwandelt wurden.

Wie wird etwas neu? Wie kann ich etwas anfangen? Also: wirklich anders werden.

Menschen fragen danach, auch jenseits der Silvesternacht, mit ihrem Ritual der guten Vorsätze, die oft am Ende der Winterferien schon wieder vergessen sind und Dir viel mehr ein schlechtes Gewissen machen als Dich wirklich frei machen.

Wie wird etwas neu? Wie kommt das Neue ins Alte? Menschen sehnen sich danach. Träumen davon. Von dem, was alles anders sein könnte.

 

Paulus denkt an die Geschichten seiner Zeit. An die, die nicht bei ihren Leisten bleiben wollen, sondern etwas wagen. Und da sind große Erzählungen vor seinem Auge: Von Göttern, die sich verwandeln. Von merkwürdigen Wesen, die zu Tieren werden. Und von denen, die zu Vögeln verwandelt werden, um fliegen zu können. Fliegen, um frei zu sein. Verwandlungen ereignen sich in diesen Geschichten, um zeitweilig ein Ziel zu erreichen:

Damit Du etwas bekommst, das Dir sonst verwehrt wäre. Dafür verwandelst Du Dich.

Damit Du einer Gefahr entkommen kannst. Dafür musst Du anders scheinen als Du selbst bist.

Um jemanden zu täuschen. Damit er nicht herausfindet, was Du schützen willst.

Und es wird erzählt, dass Menschen auch dauerhaft verwandelt werden, um sie zu strafen oder zu belohnen. Verwandlung als Sanktion. Denn darin ist eine Ahnung, dass Menschen doch, auch wenn sie verwandelt werden, sich irgendwie weiter als sie selbst erkennen wollen: Bei allem, was ich ändere, muss ich wissen, dass Ich eben Ich bin.

 

Einer geht nachdenklich in seiner Stube umher und diktiert es so:

Ich ermahne euch nun, liebe Brüder, durch die Barmherzigkeit Gottes, dass ihr eure Leiber hingebt als ein Opfer, das lebendig, heilig und Gott wohlgefällig ist. Das sei euer vernünftiger Gottesdienst. Und stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Denn ich sage durch die Gnade, die mir gegeben ist, jedem unter euch, dass niemand mehr von sich halte, als sich’s gebührt zu halten, sondern dass er maßvoll von sich halte, ein jeder, wie Gott das Maß des Glaubens ausgeteilt hat. 

Für diese Veränderung muss Dir nichts zufallen oder Du musst keinen Schatz finden. Nicht festhalten, was Dir nahe ist. Nicht festhalten, wovon Du meinst, dass die Anderen Dich daran erkennen. Nicht festhalten, was man von Dir sehen kann.

Leibhaftig werden wir geboren. Wir sind leibhaftig. Wir werden leibhaftig sterben.

Gott wird so geboren. Leibhaftig. Kind in der Krippe. Gott ist so: leibhaftig. Jesus zieht durch Galiläa, jene politisch unbedeutende Landgegend am See Genesareth, erzählt von Gott und tut Dinge, die als Zeichen verstanden werden. Und Gott stirbt leibhaftig. Am Kreuz. Darauf geht zu, wer in den Armen der Mutter lag.

Nicht festhalten. Hingeben. In der Kirche und unseren alltäglichen Leben oft auch: Sich die Füße wundstehen in einer Küche, auftischen und abräumen, Spinnweben fegen und Holz hacken. Widersprüchliches aushalten, scheinbar unversöhnliche Meinungen ausdiskutieren, sich umtreiben lassen. Einen Kopf haben, der es manchmal besser weiß und oft ratlos ist. Der durch die Wand will und doch auch schmerzt. Kleine Finger, die wenig mitbekommen, aber die Du dann doch zögerlich reichst, weil Viele oft wie ertrinkend nach der ganzen Hand greifen.

Lebendig, heilig, gottwohlgefällig. So soll das Hingeben sein. Kein Pflichtenheft. Sondern das, was Du siehst, wenn Du dem Krippenkind ins Antlitz schaust: etwas von Dir selbst. Von der Lebendigkeit, die dem Anfang der Dinge innewohnt. Dem ersten Blick, der ersten Liebe, dem ersten Einfall. Vom Heiligen, das größer und tiefer und Besonderer ist als die vielen kleinen Alltags-To-Dos, die wir abhaken und in denen doch das Besondere auch schlummert. Und Gottwohlgefällig: Gott hat ein Ziel mit unseren Leben. Wir müssen uns nicht für ewig Leben in dunklen Höhlen aufsparen für das, was kommen soll, oder uns in Vögel verwandeln, um zu fliegen und frei zu sein. Jeder das, wozu sie von Gott bestimmt ist. Dafür hat Gott Hände und Füße und Kopf gegeben.

Maßvoll im Glauben, maßvoll im eigenen Urteil. Weil das alles, was Du tust, aus Gottes Gaben für Dich kommt.  Deshalb sehe jeder auf sich selbst.

Und prüfe immer wieder, was Du als Gottes Willen erkennst.

Denn der Veränderungswille von uns selbst und der Veränderungsdruck, der von außen auf uns zukommt, ist enorm. Es ist fast so, als würden wir unser Leben mit Schablonen überblenden, was denn gut und wünschenswert wäre. In dem, was wir verändern wollen, können wir kaum mehr unsere eigenen, persönlichen Präferenzen und Gaben von dem unterscheiden, was als gesellschaftliches Bild auf uns zukommt. Gesellschaftliche Anforderungen, die durch kulturelle Prozesse entstehen.

Eine Veränderung, die mir dann persönlich ganz individuell anmutet, ist dann letztlich ein Bausteinchen einer gesellschaftlichen Technologie. (Die Wissenschaft nennt das : Change-Identity-Konzept).

 

 

Eine sitzt bei sich selbst. Und beobachtet, was da geschieht. Und liest in den Worten des Paulus, der so viel herumgekommen in seiner Welt, der gesehen hat, wie Menschen lernten, als Christen zu leben: stellt euch nicht dieser Welt gleich, sondern ändert euch durch Erneuerung eures Sinnes, damit ihr prüfen könnt, was Gottes Wille ist, nämlich das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene.

Menschen ändern sich durch die Zeit. Aus dem Kind in der Krippe wird ein Erwachsener, der durchs Land zieht, erzählt und Zeichen tut. Er ist Zeichen sinnerneuerten Lebens. Jesu Leben ist Kriterium unserer Prüfung, was Gottes Wille ist. Gott selbst steht für das Gute und Wohlgefällige und Vollkommene. Danach verändern Christenmenschen ihr Leben. Verwandelt dazu werden sie durch die Gaben, die Gott einem jeden in Herz und Sinn gelegt hat. In der Kirche hören wir davon, entdecken sie aneinander und prüfen, was das Richtige sein kann für die Welt, in der wir leben und der wir uns doch nicht gleichstellen.

Einer blieb über 500 Jahre in seiner Höhle. Sein Organismus funktionierte. Aber er sprach nicht, er teilte mit niemandem das Haus, er traute niemandem. Er ist eine Phantasiefigur des 20. Jahrhunderts; dunkles Spiegelbild.

Lasst Ihr uns auf ein gutes Spiegelbild schauen. Gott hat uns zu seinen Ebenbildern erschaffen. Abbildern Christi. Auf ihn lasst uns sehen.

 

 

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