GottesMimikry

Predigt am Sonntag Oculi 2016 („ein Gottesdienst – zwei Predigten“)

 

Worte aus dem Brief an die Epheser im 5. Kapitel (VV. 1-8a):

Seid Nachahmer Gottes

als geliebte Kinder,

und wandelt in Liebe,

wie auch Christus uns geliebt

und sich selbst für uns hingegeben hat

als Geschenk und Opfer für Gott,

zu lieblichem Wohlgeruch.

Sexuelle Verletzung aber und jedwede Unreinheit oder Habsucht

soll sich unter euch keinen Namen machen.

So entspricht es Heiligen.

Noch schändliche Nachrede und törichtes Geschwätz oder Witzelei.

All dies gehört sich nicht.

Sondern vielmehr: Dankbarkeit.

Dies nämlich sollt ihr erkennen und wissen:

Jeder, der verletzend, unrein oder habsüchtig ist,

der [also] ein Götzendiener ist,

hat keinen Anteil am Erbe im Reich Christi und Gottes.

Niemand betrüge euch mit leeren Worten.

Denn deswegen kommt der Zorn Gottes

über die Söhne und Töchter des Ungehorsams.

Also macht euch nicht mit ihnen gemein.

Ihr wart nämlich einst Finsternis,

nun aber Licht[schein] im Herrn.  

 

 

Das gesellschaftliche Klima wird rauher.

Der Ton wird schärfer.

Predigen ist eine Übersetzungsleistung.

Sagen, was jetzt von Gott her gilt.

 

So hören wir den Text noch einmal anders:

 

Sieh, was Gott tut, und dann mach es ihm nach.

Wie Kinder, die das eigene Verhalten von den Erwachsenen abschauen.

Was Gott am meisten tut, ist lieben.

Hab Gemeinschaft mit ihm und lerne ein Leben, das von Liebe geprägt ist.

Beobachte, wie Christus uns liebt. Seine Liebe verschwendet.

Er liebt nämlich nicht, um irgendetwas von uns zu bekommen,

sondern uns alles von sich zu geben. Liebt so.

Erlaube der Liebe nicht, sich in Gier zu verkehren,

die ein Abwärtsschlittern in Gang setzt:

in sexuelle Promiskuität, schmutzige Praktiken, oder schikanöse Habgier.

Manche Zungen aber lieben nur den Geschmack des Geschwätzes,

die, die Jesus folgen, pflegen einen besseren Umgang mit Sprache als diesen.

Sprich nicht gemein oder dumm.

Diese Art zu reden passt nicht in unseren Stil.

Danksagung ist unser Dialekt.

Du kannst sicher sein:

Menschen oder eine Religion oder Dinge nur zu verwenden,

um etwas aus ihnen herauszubekommen

– das ist die übliche Spielart des Götzendienstes -,

wird Dich ins Nirgendwo führen,

und gewiss nicht in die Nähe des Reiches Christi, das Reich Gottes.

Lasst euch nicht täuschen von leichtgängiger religiöser Rede.

Gott wird aufgebracht durch Menschen,

die voll sind der religiösen Verkaufsgespräche,

aber nichts mit ihm zu tun haben wollen.

Gebt euch nicht mit solchen Leuten ab.

Früher seid ihr eure Wege durch die Dunkelheit getappt,

aber jetzt nicht mehr.

Jetzt seid Ihr in der Weite.

Das helle Licht Christi macht Euren Weg eben.

 

Liebe Schwestern und Brüder,

 

Das gesellschaftliche Klima wird rauher.

Der Ton wird schärfer.

 

Der Epheserbrief kennt das und sagt’s so:

Christen leben einfach anders.

 

Neben die versteckte Bewunderung,

die manche haben,

treten bestenfalls Fragen,

schlechterenfalls schiefe Blicke.

„Wie kannst Du denn heute noch….“ –

„Du glaubst doch nicht wirklich, dass…“-

Klischees über Kirche und glaubende Menschen

halten sich hartnäckig,

gerade über Moral, Sexualität und im Besonderen übrigens den Humor.

 

Christen leben anders.

 

So hier.

So in Ephesus.

Nichts sonst verändert sich nämlich,

weil Menschen Gott als Schöpfer, Versöhner und Erlöser aller Dinge bekennen:

 

Andere ändern nicht ihr Denken, ihre Einstellungen,

und schon gar nicht ihre Gefühle und ihr Handeln.

 

Nichts sonst verändert sich:

Dies gilt umso mehr,

als das Christentum kein spezifisches Verhalten für sich reklamiert.

 

Deshalb geht ja auch ein Riss durch die Kirche.

Ein Riss in politischen Fragen, die die Offenheit unserer Gesellschaft und ihre demokratischen Errungenschaften aufs Spiel setzen.

Die ethisch-moralische Freiheit des Einzelnen hat zur Folge, dass notwendigerweise ein Riss durch die Kirche geht.

Ein Riss, den wir Gottes Erbarmen anempfehlen sollten, liebe Geschwister in Christus.

 

Im Epheserbrief klingt das völlig anders.

Alles, was sich nicht gehört,

zu tun und ja sogar auch schon zu reden,

wird kategorisch abgewiesen.

Christenmenschen werden geradezu als Lichtgestalten

an Reinheit, Liebe und Selbstlosigkeit dargestellt.

 

Jeder weiß, dass es sowas nicht gibt. Damals nicht, heute nicht.

Warum redet Paulus dann trotzdem so?

 

Die ehemals wenigen Christen,

die das,

was sie wesentlich bestimmt und ausmacht,

nämlichen ihren Glauben,

erhalten und bewahren und pflegen wollen,

sind immer davon bedroht,

sich anzupassen.

Jede will doch dazugehören.

 

Anzupassen

An die Mehrheit,

an das scheinbar Einfachere,

an das,

dem nicht widersprochen wird,

wo man leicht nicken kann.

 

Der Briefschreiber tut nun Folgendes:

Er wertet die Mehrheitsgesellschaft ab,

damit die Christen und Christinnen besonders gut dastehen –

und: damit es attraktiv ist, dazuzugehören.

Denn eigentlich will jede doch ein guter Mensch sein. Auf der richtigen Seite stehen.

 

Ich kenne diese Gefahr. Die Kirche kennt diese Gefahr.

Weil wir den Glauben erkannt haben,

den wir für unabweisbar und heilvoll für alles, was geschaffen ist, halten,

drohen wir, alles andere als „Noch nicht“, „Nicht ganz“ zu disqualifizieren.

 

Wenn andere dies tun, fällt uns das viel deutlicher auf,

als wenn wir es selbst tun.

 

Moral als Argument dient allzu häufig dazu,

sich selbst in gutem Licht darzustellen,

und andere umgekehrt abzuwerten.

 

Und damit sind wir dann in der ‚Moralfalle‘ gelandet.

Denn die Gefahr ist,

dass man am guten Handeln nur scheitern kann.

 

„Erwischt“,

habe ich gedacht – und ich bin ganz gewiss nicht die einzige gewesen –

als ich diesen Text aufschlug, weil er als Predigttext für heute vorgeschlagen ist.

Ein Text, der ganz ungeduldig macht.

Ein Text mit den klassischen theologischen Terrorthemen Opfer, Moral und Gericht.

Damit ist schon alles falsch gemacht worden in Lehre und Verkündigung der Kirche.

 

Und an den Ansprüchen des Textes kann man nur scheitern.

Und dann muss man irgendetwas vertuschen.

Weil jede Verfehlung zur Infragestellung des Glaubens würde.

 

Denn die Meinung, das Klischee

Hält sich hartnäckig, dass es einen Zusammenhang gibt

Von Glaube und Moral.

 

Weil es doch so schön wäre,

so einfach wäre,

wenn man den unsichtbaren Glauben am erkennbaren Handeln sehen könnte.

 

Doch schaut auf die Glaubenden der Bibel:

 

Abraham liefert seinen Sohn aus.

Juda schläft mit seiner Schwiegertochter.

David nutzt die Abhängigkeit seines Untergebenen aus.

Petrus verleugnet, Jesus zu kennen.

Paulus verfolgt Christen.

 

Niemand hat einen Vorzug. Alle sind Sünder. (R 3, 9.23)

Ohne Verdienst werden Menschen gerecht aus Gottes Gnade.

 

Niemand im Christentum ist also durch Moral Vorbild.

 

Und doch ist es ja so einfach nicht:

Irgendwie will ja jeder auch ein guter Mensch sein.

 

Und das Missverständnis,

als sei es ganz und völlig egal, wie Christenmenschen handeln,

ist in der Theologiegeschichte auch immer als Irrlehre abgewiesen worden.

 

Der Epheserbrief macht nichtsdestotrotz dazu einen interessanten Vorschlag,

gleich zu Beginn unseres Textes:

 

Seid Nachahmer Gottes.

Seht, was Gott tut, und mach es ihm nach.

Gott nachahmen.

Haben Sie Vorbilder?

Aber gehört Gott dazu?

 

Das griechische Wort hier heißt: Mimesis.

In der Welt des Epheserbriefes verstanden die Leute darunter:

„sich jemandem in Sprache und Haltung anzugleichen“[1].

Und genau davon ist hier im Predigttext ja die Rede. Von Sprache und Haltung.

 

Es geht also darum,

sich nicht trotzig abzugrenzen gegen die,

die man so leicht disqualifizieren kann;

„die da im Osten“,

„die, die so leicht reden haben“,

„die, die halt nicht jeden Cent umdrehen müssen“,

sich ihnen aber auch nicht anzupassen oder gar anzubiedern,

sondern:

 

Ahmt Gott nach!

Schaut’s von Gott ab!

Unsere Augen sehen stets auf den Herrn, haben wir gesungen. Oculi nostrum ad dominum deum.

Sagt Euch das und sagts einander, wenn das gesellschaftliche Klima rauher und der Ton schärfer wird.

 

Wir können das Pflanzen und Tieren abschauen.

Schwächere passen sich äußerlich und im Verhalten

An Stärkere an, um ihre Überlebenswahrscheinlichkeit zu erhöhen.

Mimikry nennt man das.

Harmlose Falter sehen aus, als seien sie gefährlich.

Sie locken an.

Sie tarnen sich.

Sie teilen Vorzüge und gute Eigenschaften untereinander.

Durch Nachahmung.

 

Je nachdem, was sie erreichen wollen,

suchen sie sich aus, wen sie nachahmen.

 

Manche werden sich so ähnlich,

dass man sie bis auf molekulare Ebene nicht unterscheiden kann.

 

Seid Nachahmer Gottes!

Macht GottesMimikry.

Schaut’s Euch ab.

Die Nachahmung ist die menschliche Antwort auf die Rede von der Gottebenbildlichkeit.

Gott sagt: Wir wollen Menschen machen, die uns gleich seien.

Der Epheserbrief sagt: Ahmt Gott nach, um seine Menschen zu sein.

 

Das ist kein plumper pseudomoralischer Rat,

der gebietet und verbietet.

 

Der Epheserbrief rät vielmehr zur moralischen Integrität,

damit die Christen ihrer Zeit zu Vorbildern für Anderen werden.

Damit aus Wenigen Viele werden.

Damit die ohnehin kleine Gruppe keinen Anstoß bietet.

Eine Überlebensstrategie.

 

[Im 20. Jahrhundert hat man’s so gesagt:

Gottesgemeinschaft erfahren wir im Wort von Jesus Christus.]

 

Schaut also auf Christus!

Oculi nostri ad dominum nostrum.

Unsere Augen sehen stets auf den Herrn.

Sagt Euch das und sagts einander, wenn das gesellschaftliche Klima rauher und der Ton schärfer wird.

 

Was Jesus Christus gesagt, getan und unterlassen hat,

ist für Christenmenschen nachahmenswert.

Gottes Leiden mitleiden.

Die Passionszeit ist eine gute Zeit dafür.

Das zu lernen: Gott ist verwundeten Herzens durch das, was seiner Welt geschieht.

Gott schreit nicht an, gegen rauhes Klima und schärfere Töne.

„In der Fülle der Aufgaben, Fragen, Erfolge und Misserfolge, Erfahrungen und Ratlosigkeiten leben – Wie sollte man bei Erfolgen übermütig oder in Misserfolgen irre werden, wenn man … Gottes Leiden mitleidet?“[2]

 

Die christlichen Mystiker und Mystikerinnen vieler Jahrhunderte

Hatten die Vorstellung,

dass Menschen transparent, durchlässig sein können für Gott.

Manche haben dafür ein Bild verwendet:

Nämlich, dass ein göttlicher Funken im Menschen sei,

den wir zur Geltung bringen können.

Die Mainstream-Theologie hat das immer abgewiesen,

weil wir in unserem Denken eher das Bild haben,

das Veränderung von außen auf uns kommt.

 

Doch Nachahmung kann sich,

das wissen wir heute,

bis in die Zellstruktur eines Lebewesens festsetzen.

Gott hat uns mitten ins Herz gelegt,

was uns möglich macht,

etwas von Gott zu verstehen.

Du kannst diese Möglichkeit nicht verlieren.

Das ist der Grund, weshalb wir mutig sein können.

 

Schaut auf Gottes Geistkraft!

Oculi nostri ad dominum deum.

Unsere Augen sehen stets auf den Herrn. Sagt Euch das und sagts einander, wenn das gesellschaftliche Klima rauher und der Ton schärfer wird.

 

Die Schrift sagt,

was Gottes Geist tut: Nämlich diesen Mut hervorrufen. Er mahnt. Tröstet. Erinnert.

Du musst ihn nicht suchen. Du musst ihn nicht er-handeln. Er ist da.

 

Ihr seid Licht im Herrn.

Auf ihn seht.

Und lebt so.

 

Amen.

 

[1] Platon, Politeia 393CD (drittes Buch).

[2] Dietrich Bonhoeffer, Widerstand u Ergebung, 183.

Fotocredit: schubalu/ pixelio.de

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