Ein paar Minuten gegen alles Unrecht

Mentoringrußwort zur Einführung der Prädikantinnen und Prädikanten

Heringen/ Werra, am Palmsonntag 2016 (20. März)

 

Manche stehen im Rampenlicht und ernten großen Applaus.

Manche lassen uns etwas sehen, von dem wir nicht wussten, dass es überhaupt da ist.

Manche schließlich hantieren mit Dingen, die wir für gefährlich und am liebsten auf Abstand halten.

Sie, liebe Schwestern und Brüder, unterbrechen die atemberaubenden Fähigkeiten der Menschen.

Sie zeigen eine andere Welt. Eine andere Seite der Menschlichkeit.

Manchmal stolpern Sie herum, über zu lange Talarsäume, über zu große theologische Worte, über Schuhe, die ein paar Nummern zu groß sind.

Sie weisen auf das Merkwürdige, Gebrechliche, Verletzliche und doch Widerstandsfähige menschlichen Lebens hin. Sie tun Unerhörtes.

Sie erzählen von Jesus Christus, der dadurch, dass er so wie wir geworden ist, alle menschlichen Bildern von dem, was heilig und göttlich genannt wird, in Frage stellt. Sie werden hörbar mit dem, was Sie vom Glauben verstanden haben.

Das ist der Dienst, zu dem Sie in der Kirche gestellt sind. Sie sind frei. Sie sind unabhängig von den Meinungen Anderer – sogar Ihrer Mentoren und Mentorinnen. Von dem, was im Ort gesprochen wird. Von dem, was politisch gerade am meisten Kopfnicken hervorruft. Und doch gebunden an die Schrift. Unabweisbar, und allein an sie.

Sie sind völlig frei. Und Sie sind völlig gebunden. Das ist ein Stück besonderer Existenz. Ihre Mentorinnen und Mentoren stehen dafür ein. Vielleicht habt Ihr uns manchmal im Rampenlicht gesehen oder werdet neidisch auf den Applaus sein, den die großen Gottesdienste einbringen. Manchmal zeigen wir etwas, was Andere nicht sehen. Oder hantieren mit Worten und um Dinge, die wir am liebsten auf Abstand halten. Aber auch wir haben die Kleider, die zu groß sind; theologische Worte, die wir nicht immer verstehen, und verletzlich-Widerständiges. Von beidem haben wir Ihnen zu zeigen versucht.

Nicht, um unsere Kleider eines ganz persönlichen und doch transpersonalen liturgischen und homiletischen Habitus in eine Änderungsschneiderei zu bringen, um passend zu machen, was einfach nicht passend zu machen ist, sondern um mit Ihnen im großen Warenhaus von Gottes Welt zu stöbern, was Ihres ist.

Womit Sie fallen und wieder aufstehen können. Was Ihnen hilft, die Fliege zurechtzurücken und den Hut. Was dieses große Wunder möglich macht, Freude und Tränen, Lachen und Klage zu verbinden. Damit die Gottesdienste in unseren Kirchen, landauf landab in Kurhessen und Waldeck, zu Orten werden, an denen man leben kann. Und das, liebe Schwestern und Brüder, mag Strahlkraft haben, auf die Gemeinwesen, die Kommunen, die Städte, in denen so viele Menschen leben, denen das Evangelium durch Sie einen Dienst erweist.

Gegen wie viel Unrecht reden wir ein paar Minuten auf der Kanzel. Predigen ist eine Torheit. Wer es tut, ist ein Narr. So schreibt es Paulus im ersten Korintherbrief. So erleben es Menschen: Das Kreuz ist im Weg. Der Glaube ist alt. Das Christentum deplatziert.

Ihr Amt ist, auf die Wirkmacht hinzuweisen, die eine andere Lesart nahelegt: Das Kreuz zeigt eine Alternative. Der Glaube ist Halt. Das Christentum hat einen verlässlichen Platz als kritischer Partner im gesellschaftlichen Diskurs.

Davon mit Ihnen gemeinsam zu erzählen, da mitten dazwischen, das lag uns am Herzen. Eine törichte Sache. Eine Närrin, wer es tut. Ich danke Ihnen sehr, dass Sie sich den jeweiligen Zumutungen durch Ihre Mentoren und Mentorinnen ausgesetzt haben. Wir wissen oder ahnen, was das für Sie bedeutet hat. Mich selbst erfüllt es mit Freude und Demut, mit welch tastenden Fragen und überreichem Engagement Sie sich Ihrem Amt stellen.

Mentorinnen und Mentoren sind dankbar, dass wir ein Stück gemeinsamen Weges mit Ihnen gegangen sind. Wir wünschen Ihnen Kreuzeskraft und Geistesgabe, um in Ihrem Dienst Worte und Gesten für Gottes frohe Botschaft zu finden, für das törichte Wort vom Kreuz und die skandalöse Rede von der Auferstehung.

Seien Sie gewiss: Gott hat ein Faible für Menschen, die solch närrische Dinge tun. Sein Segen begleite Sie und Ihren Dienst.

 

Fotocredit: Günter Havlena/ pixelio.de

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2 Gedanken zu “Ein paar Minuten gegen alles Unrecht

  1. Sehr schön gepredigt! Wäre ich Prädikantin wäre mir mein Herz aufgegangen, hätte ich Dich gehört. Du machst Mut. Das gefällt mir sehr.

    Ich werde nach Hongkong reisen und eine „alte“ Bekannte treffen, die dort in der evangelischen Kirche als Prädikantin wirkt. Ich werde sie nach ihren Erfahrungen fragen und ihr gleich mal deine ermutigenden Worte schicken … auch wenn sie schon mitten drin ist, wird ihr das gefallen, denke ich.

    Herzlich Petra

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  2. Für mich ist das interessant: Wie sich Texte unabhängig von Geographischem verbreiten, weil Menschen sie als relevant erleben. So mag das vielleicht im frühen Christentum auch gewesen sein. Und weil es so wichtig ist, Worte für wichtige Dinge zu haben, stelle ich auch (gern) gelegentlich was ein. In der Hoffnung, dass es auch dort Menschen was sagt. Viele Grüße nach Hongkong.

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