Ein Wort, auf den Boden gelegt

Predigt an Karfreitag 2016 (25. März), Stiftskirche Windecken

 

Jetzt wieder.

Das Lied im Radio bricht ab.

Die Klänge im Hintergrund der Welt sind in Stille verwandelt.

Rauch. Zersplitterte Fenster. Explosionen. Zwei. Und Zwei heißt: kein Zufall.

Die mühsam erarbeitete und erkaufte Sicherheit meiner Welt liegt in Scherben.

Ich stecke den Schlüssel in die Haustür und er passt nicht. Du buchst einen Flug und das Flugzeug fliegt ohne Dich. Zerbrochen, was so lange hielt. Pläne passé.

Wie vor nicht langer Zeit, die wir doch gern schon in weite Ferne rückten:

Ein Café, eine Konzerthalle, ein Fußballstadion. Schüsse und Detonationen. Kein halbes Jahr ist das her.

Und wieder dies:

Wie vor langer Zeit, die wir gern nah hätten: Sitzt Du da und strickst am Lebensnetz, und da kommt einer und sagt: Steh auf. Dir ist vergeben. Folge mir nach. Erzähl von dem, was Du verstanden hast.

Und einer tat’s. Nimmt sein Handwerkszeug mit und erzählt. Im zweiten Korintherbrief im 5. Kapitel:

 

Gott war es, der in Christus die Welt mit sich selbst versöhnte (und dadurch so wirkte, dass man sagen könnte: Gott war in Christus) und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.

So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!

 Denn er hat den, der von keiner Sünde wusste, für uns zur Sünde gemacht, damit wir in ihm die Gerechtigkeit würden, die vor Gott gilt.

 

Wie hält man die Dinge zusammen? Das ist die Frage, auf die die Rede von der Versöhnung bei Paulus antwortet.

Wie hält man denn die Dinge zusammen? Paris. Brüssel. Und meine eigenen Katastrophen. Welt in Scherben.

Und dies ja auch, immer wieder: Die guten Worte und der heiße Kaffee, und die Sonne auf der Terrasse.

Wer am Abend in den Nachtzug steigt, ist zu Sonnenaufgang in Paris. So war das damals.

Oder: Mit dem Kind für Monate in Belgien. Wegen der Kultur. Und den Spielplätzen. Und dem Strand. Und Muscheln, Waffeln, Bier. Und der günstigen Metro.

Und Du siehst darin die Welt so an Dir vorbeiziehen, mit hoher Geschwindigkeit, Häuser und Straßen und sonnenbeschienene Terrassen, da setzt sich einer auf den Platz nebendran, so ein Viererding, das Kind in der Mitte, sieht an, was ist, und sagt: Steh auf. Dir ist vergeben. Folge mir nach. Und erzähl von dem, was Du verstanden hast.

Gott war es, der in Christus die Welt mit sich selbst versöhnte (und dadurch so wirkte, dass man sagen könnte: Gott war in Christus) und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung.

Immer-wieder-Dinge helfen, die Welt zu ordnen:

Lichter zu entzünden und Banner durch die Straßen tragen.

Omas Hut zu tragen, wenn es drauf ankommt, und mit dem Füller des Vaters zu schreiben, wenigstens die wichtigen Dinge.

Spuren des Eigenen, Schwarz-gelb-Rot und blau-rot-weiß, in die verlorenen Gewissheiten einzeichnen.

Von dem, der sagte: „Steh auf. Dir ist vergeben. Folge mir nach“. Geschichten zu erzählen und Kaffee mit Kakao zu mischen, wie sie es immer so gern tat.

Dinge zusammenhalten. Was war und ist.

Und nicht mehr sein kann.

Vergebung erfahren zu haben ist die menschliche Haltung, die Gottes Versöhnung der Welt mit sich selbst entspricht. Versöhnte Welt. Erlöster Mensch.

Wenn sie weiß, was sie tut.

Und wenn sie nicht weiß, was sie tut.

Am Tag, wo nichts ist, die ganze Welt im Tohuwabohu,

ist es Gott, der dafür ein Wort grundlegt,

auf den Boden.

Dort liegt die Verheißung, dass etwas beginnen wird.

Am Boden.

Am Boden liegen die, die zuerst sterben.

Am Fuße des Kreuzes stehen die, die dem Gekreuzigten beistehen. Mit ihren Tränen, ihren Schreien und ihrer Verzweiflung.

Am Boden des Bootes liegt ein Neugeborenes. Schwankender Boden. Mitten im Meer. Ein Kind, das jetzt laufen lernt. Ein Jahr später. Im Frieden. Nur wenige Kilometer von hier, wo Menschen Aufnahme finden, die geflohen sind. Mit der Erinnerung, an die Tränen der Mutter, ihr Schreien und ihre Verzweiflung.

Eine Erinnerung, die auch meinen Boden unter den Füßen ins Schwanken bringt. Wenn ich dieses Leben sehe. Und das Leben unserer Kinder. Versöhnung ist die Antwort auf die Frage, was die Dinge zusammenhält.

An den Grund der Welt hat Gott ein Wort gelegt.

Wenn alles fort ist und nichts mehr gewiss,

nichts kommt und nichts immer-wieder ist,

und damit die Ordnung verschwunden,

dann klingt ein Wort,

durch das Gott spricht: Ich bin.

Nichts ist, aber ich bin.

An diesem verheerend sinnlosen Kreuz.

Wo Mütter stehen und Freundinnen und die, die wirklich etwas auf dem Kerbholz haben und die die Welt blank sehen, weil niemand sie ansieht.

Ich bin.

In sanftem Säuseln und brennendem Dornbusch. Weg und Wahrheit und Leben und Brot und Licht und alle Tage bei Euch.

Nichts davon sehen wir.

Nicht im Angesicht des Nächsten oder der Fremden, nicht in den Karfreitagskirchen und theologischen Traktaten.

Die Dinge sind nicht zusammengehalten, weil wir sie sehen. Oder weil wir sie klug erdenken.

Wie wir das, was wir erleben, und das, was wir wissen können, aufeinander beziehen und das Aufeinander-Bezogensein als Wirken Gottes beschreiben können. Das ist klassischerweise Theologie. Und das ist gut.

Und doch: An Karfreitag wackelt das Fundament. Schaukelt der Boden. Sogar dieser.

Auf Golgatha. Wo das Kreuz aufgerichtet dem Wort der Versöhnung am Boden spottet.

Auf dem Meer. Wo jeder, der aufsteht, all die vielen in Gefahr bringt.

Und in all diesen fiesen kleinen Ecken, die sich in eines Menschen Leben einschleichen und Raum gewinnen wollen mit ihren Fragen und Zweifeln, nicht an den Dingen, sondern dem Leben selbst.

Ich sag’s nur mal, damit niemand denke, er sei damit allein.

Wir dürfen an Karfreitag nicht von Gott reden, sagt der eine.

Wir müssen an Karfreitag eine Welt ohne Gott denken, sagt die andere.

Heute zerbricht das: Wir müssen… Wir dürfen… Wir sollten…

Wohl das Schlimmste: die Welt ohne Gott.

Kreuze sind aufgerichtet, in der Brüsseler Metro, mitten in Paris und mitten in Deinem Herzen.

Dadurch geschieht etwas. Gott legte etwas dazu. Und sei es ein Wort, das etwas ins Leben ruft.

Darüber, behauptet Paulus, sollen wir reden.

Kein Verzweiflungsdauergerede,

weil wir nicht weiter wüssten,

oder sich da einer gern reden hörte.

Vielmehr: Nachbuchstabieren.

Gott sagt: Ich bin. Je suis.

Weil ich das hören kann, bin ich gewahr: ich bin. Je suis.

Das hält die Welt zusammen.

Ein Klang klingt nach.

Von Dingen, die nicht hier sind.

Die Stimme der Mutter. Die Hand, die des Vaters Füller führte. Die Erinnerung an Omas Hut auf dem Konfirmationsfoto.

Ein Klang klingt nach.

Ich bin, der ich bin.

Steh auf, Dir ist vergeben, folge mir nach.

Klang klingt nach.

Von entzündeten Lichtern und Bannern, die du durch die Straßen getragen hast.

Je suis. Hat Gott gesagt.

Ich bin der Weinstock, ihr die Reben.

Welt in ein Verhältnis zu sich selbst gesetzt. Zusammengehalten. Versöhnt.

Ich bin das Licht der Welt.

Ich bin der gute Hirte.

Am Kreuz.

Schau: die Kreuze der Welt.

Ohne etwas darin zu sehen und zu deuten.

Wenn sich aller Klang in Stille verwandelt hat.

Zersplitternde Fenster andrängen.

Und Rauch in der Nase beißt.

Und einer sagt: ich bin, der ich bin. Am Kreuz.

Und Du: Folge mir nach.

Und vergib.

Denen, die nicht wissen, was sie tun.

Und denen, die wissen, was sie tun.

Die Deine Welt in Scherben legen und das Schloss zu ihrem Herzen austauschen.

Immer wieder: Erzähl von dem, was Du verstehen willst.

Es könnte sein, Gott richtet darin etwas auf.

Legt einen Grund. Und sei es nur ein Wort, das gewiss ist. Das ins Leben ruft.

Wenn nichts da ist.

Ein Wort. Einmal.

Und Du hörst es. Weil jemand einstimmt. Die Stimme erhebt. Jetzt wieder.

Durchdringend,

alle Schüsse der Welt,

und jede Todesstille.

Amen.

 

Fotocredit: pixelio.de/ Thomas Max Müller

Advertisements

Ein Gedanke zu “Ein Wort, auf den Boden gelegt

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s