noch-mahlganzanders nachgepredigt

13 Teller an einer langen Tafel. Die Christenmenschen fragen: Weshalb denn 13? Können wir nicht einen wegstellen, wegen des Abendmahls und so? Die Künstlerin fragt: Was macht Ihr denn so in der Kirche? Was sagt Ihr zu meinen Sachen? Ich weiß nicht, ob meine Dinge religiös sind. „Schön“ sollen sie jedenfalls nicht sein. Aber sie haben eine Bedeutung, die mir wichtig ist.

Von Aschermittwoch bis Gründonnerstag war die Installation „Weil ich satt bin!“ in der Stiftskirche zu sehen. Nicht irgendwo in einem Eckchen, sondern mitten im Raum, im Mittelgang. Weil 13 Gedecke einfach auch Platz brauchen. Weil der Kirchraum hier eine Fluchtlinie hat, um die herum Menschen sich aufhalten. Wir haben geredet, gekocht, gegessen, und gelegentlich im Vorfeld ganz schön lange überlegt, was da geht und was nicht. Wir haben auch Gottesdienste gefeiert, in denen die Teller nur selbst dazu redeten und nichts zu ihnen gesagt wurde. Gepredigt angesichts des Todes, und das nicht nur einmal. Mit Kindern dort gebastelt, mit Jugendlichen diskutiert und einmal auch Leberwurstbrote und eingelegte Gurken drum herum gehabt. Und einmal hat ein Sanitäter auch Kanülen hier abgelegt – Kunst hin oder her, wenn es um das Leben geht. Das Tischtuch hat Flecken bekommen. Viele hat inspiriert, was in dieser Passionszeit für so viele „Andere“ hier geschah – und Mancher hat es auch nur ertragen, weil er um die Perspektive wusste, dass das vorübergehend wäre.

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Und an Gründonnerstag: Kunst auf der Straße. Abendmahl auf der Straße. Zerbrechlich. Erst abgesperrt. Nicht wegen „Besser ist das“, sondern: Weil es doch vielen Menschen so geht, mit dem Abendmahl, dem Kultus und der Kunst, der Kultur. Außerdem erzeugt es Öffentlichkeit, das Verbotene, Unzugängliche. Eine Gemeinschaftsaktion von evangelisch.de (www.mahlganzanders.de), evangelischer Kirchengemeinde Windecken und Kirchenkreis Hanau. Anknüpfend an Erfahrungen, und doch „noch-mahlganzanders“. Ein bisschen nachzuschauen hier.

Performance arbeitet zuallererst an Dir selbst. Jeder, der es tut, weiß das. Ein besonderer Fokus der Karwoche: Die Wahrnehmung schärfen auf das, was ich selbst tue, aushalten muss, nicht tun kann, zuschauen muss. Rollenwechsel, wann immer es passt. Und das Wunder, wie sich alles einspielt. Wer auf sich achtet, achtet auch auf die anderen. Die ersten Scherben gab es erst, als eigentlich schon alles vorbei war. Und das Kunstaktive braucht, wenngleich keine Pausen, so doch Leichtigkeit. Sich selbst vom Tisch nehmen, das Schwätzchen am Marktstand und den geteilten Käse für alle. Heiliges Spiel ist keine Dauerschleife heiligen Ernstes.

Wir gehen nach draußen, weil wir Aufmerksamkeit für ein christliches Thema wollen. So die Agenda. Und die Rechnung geht auf. Erst auf Distanz. Hinter den Gardinen hervorgeschaut. Auch medial vermittelt. Die Jugendlichen fragen: Ist das das Fernsehen? Kommen wir ins Fernsehen, wenn wir was sagen? Bilder gehören dazu. Wir wissen das. Was wir tun, tun wir nicht um unserer selbst willen.

Schön, dass Ihr aus der Kirche rauskommt, sagen sie. „Ich wollte ja schon lange mal wieder, aber…“, hören wir oft. „Ach, da ist ja unsere Pfarrerin“, wissen so Viele, und sagen damit: „Dann ist es ja gut.“ Und die Pfarrerin weiß: Die Statistik hat einfach mal recht.

Unser AbendmaIMG_0194.JPGhlskelch ist dabei. Aus der Reformationszeit. Die Teller sind zerbrechlicher, viel zerbrechlicher. Aber dieses Eine interessiert im Vorfeld alle Mitwirkenden: Was passiert, wenn der Kelch fällt? – Dann ist er hingefallen, sage ich und weiß zugleich: Nach menschlichem Ermessen passiert das nicht. Und das interessiert die schreibende Zunft: Was ist der denn wert?  Den kann man nicht wiederbeschaffen, sage ich, und alle wissen: Der Glaube steht für etwas, worüber wir nicht verfügen können.

 

Trauben und Brot haben wir dabei. Aus dem eigenen Ofen und dem örtlichen Supermarkt. Das ist kein Abendmahl. Aber es ist mehr als Einfaches. „Ich habe schon gegessen“ ist kein Argument und auch nicht, dass die Eisdiele direkt nebenan ist. Du nimmst etwas und bist Teil. Und Manchen bringen wir was. Denen, die es besonders eilig haben. Den Kleinen, denen man sagt: Nimm nichts von Fremden. Oder die schon wissen, dass man manchmal besser einfach abwartet. Und denen, die in ihrer eigenen Welt lebend vorüberziehen.

Manche bleiben die paar Minuten, die wir da sind. Einige hätten es gern gehabt, wir wären länger an einem Ort geblieben. Und Wenige gehen sogar eine Station mit. Ein ziemlich improvisierter Kreuzweg, finde ich. Mit dem unaufgeräumten Auto, den Resten des Wochenendeinkaufs und dem ständigen Aus- und Einladen.

Am Ende ist uns doch auch kalt und wir merken: Jetzt ist der Tag so fortgeschritten, dass jede es eilig hat. Eilig, heimzukommen. Eilig, noch einzukaufen. Und das überträgt sich auf uns. Wir können die Teller nicht mehr in die vorgesehene, richtige Reihenfolge stellen. Wir können niemanden mehr ansprechen. Verteilen nur noch Infos und Trauben. Am Ende haben wir es eilig, in die Kirche zu kommen.

IMG_0192.JPGDort warten schon Menschen. Wir sperren die Türen auf, damit jeder es warm und licht hat. Für jeden ist ein Ort da. Fließender Beginn des Gottesdienstes heißt auch: Die Glocken läuten dann und wann. Die Tür geht auf und zu. Den Profis passiert Vieles, was nach Lehrbuch einfach nur „no go“ ist. Die Welt ist eben nicht nur Lehrbuch. LiturgInnen tauschen Jeans/ Pullover gegen „was Ordentliches“ und preußisch und schwarz und so. Und gestehen sich ein, dass eigentlich gar nichts mehr geht. Und doch kann eigentlich nichts passieren, was der Atmosphäre abträglich wäre. Die Eindrücke des Tages sind den Dingen und Menschen in die Kirche gefolgt und übertragen sich auf die, die jetzt am Abend hier sind, und Brot teilen, gemeinsam essen, wofür die gesorgt haben, die tagsüber zuhause waren (fürs frühe Christentum würde man wohl sagen: die „ortsstabilen Sympathisanten“) und aus einem Kelch trinken.

Am Ende des Abends ist die Kirche leer. Karfreitagsleer. Die theologischen Leute unternehmen noch einen Versuch, den Predigttext des Karfreitags zu verstehen. Und merken: Dieser Ort braucht jetzt mal Ruhe. Und wir vielleicht auch.

Das Kind fragt, den Mund noch voller Trauben: „Du – ist Gott jetzt tot?“ Was ich darauf gesagt habe, weiß ich nicht mehr.

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