Statt Blumen. Plädoyer für informelles Organisieren

Ich mag Blumensträuße. Doch dazu später. Zwei Trends – scheinbar jenseits der Tagespolitik – beschäftigen dieser Tage: #muttertagswunsch und #organisierteliebe. Viele haben dazu jeweils schon gedacht, diskutiert und geschrieben.

 

Ich frage mich: Gibt es Gemeinsamkeiten? Weisen beide Trends auf geteilte gesellschaftliche Phänomene?

 

Beide Themen üben sich in gesellschaftlicher Kritik: Annette Loers (@mutterseelesonnig), Christine Finke (@mama_arbeitet) und das AutorInnenkollektiv „family-unplugged“ riefen die Aktion #muttertagswunsch ins Leben. Was seit Ende April diesen Jahres mit oberflächlich betrachtet humorvollem Unterton in 140 Zeichen daherkommt, spiegelt in fast allen Fällen den bitteren Ernst der sozialpolitischen Situation in unserem Land:

@mutterseelesonnig präludiert so: „Ich brauch kein Candle-light-Dinner. Ich brauch ein kostenfreies Monatsticket für den Schulweg meiner Kinder.“

Keine Süßigkeiten, sondern Elterngeldanspruch für Studierende.

Keine Massagen, sondern flexible Arbeitszeiten bei Kinderkrankheiten.

Keine Torte, sondern gesundes Mittagessen für meine Fünftklässlerin.

Nix Gebasteltes, sondern Rentenpunkte.

Keine Blumen, sondern eine Beleghebamme finden können.

Kein Frühstück ans Bett, sondern Steuerklasse 3.

Keinen Bollerwagen, sondern eine Welt, in der auch Väter pünktlich Feierabend machen können, ohne schief angesehen zu werden.

 

Es handelt sich um ein Thema, das in medialen Kontexten, die Müttern besonders affin sind (social media, v.a. die Blogs der Initiatorinnen und Twitter), eine hohe virale Leistung erzeugt hat. Damit hat die Aktion in erster Linie eine decouvrierende Funktion gegenüber dem, was in der überwiegend geteilten gesellschaftlichen Öffentlichkeit als zivilreligiöses Ritual dieses zweiten Sonntags im Mai gilt: einmal Ausschlafen, einmal den Luxus eines Schnittblumenstraußes, einmal nicht kochen müssen und Ähnliches. Dies zeigt sich vor allem auch daran, dass Medien, die überwiegend die Meinungsbildung einer imaginierten bürgerlichen Mitte bedienen, sich zurückhaltend bis ironisierend zur Aktion verhalten. Lokale Tageszeitungen titeln und resümieren etwa: „Was sich Frauen wirklich zum Muttertag wünschen“ (Kölnische Rundschau), „Mütter wollen Zeichen gegen Muttertag setzen“ (Schwäbische Zeitung), „Diese Begeisterung, die die Kleinsten ihren Mamas entgegen bringen, würde man sich auch für die Art und Weise wünschen, wie Muttersein hierzulande gesehen wird, und wie Mütter sich selbst sehen“ (Südkurier), abwägender etwa der Mannheimer Morgen: „Die Politik muss für Familien in der Republik mehr tun“. Dringlichen gesellschaftlichen Missständen Gehör zu verschaffen und nach Abhilfen Ausschau zu halten, klingt anders. Man könnte – im Blick auf den Sachverhalt pro bono – fast unterstellen, die Printmedien verhielten sich per se misstrauisch gegenüber der viralen Resonanz der Aktion.

Im Blick sind eindeutig gesellschafts- und sozialpolitische Forderungen zu angemessenen Vereinbarkeit von Familien- und Erwerbsarbeit, zur Entwicklung und Wertschätzung zeitgemäßer Rollenmuster für das Handeln in gesellschaftlichen Teilbereichen, von Familienarbeit, Familien sowie zur Skalierbarkeit verbindlicher Formen des Zusammenlebens. Diese politische Fokussierung ist neu, überwogen doch in den vergangenen Jahren konsumkritische Stimmen sowie Hinweise auf die problematische Geschichte des Muttertags (dazu heute hier nichts, man kann das allerorten nachlesen).

 

Zu gleicher Zeit ist ein Gegentrend zu beobachten: Mutter- und auch Vater- bzw. (signifikant!) Herrentag gelten als feste Termine im Kalender, die keine Alternativverabredungen dulden. Werbung und Hinweise auf passende Konsumgüter nehmen sich schon viele Tage vorher öffentlichen Raum. Und dabei geht es nicht mehr nur um Bier für Männer und Rosen für Frauen. KollegInnen berichten, dass es in nennenswerter Anzahl Kirchengemeinden gibt, in denen die Nicht-Thematisierung des Vatertags an Christi Himmelfahrt sowie des Muttertags am jeweiligen Sonntag nicht tolerabel zu sein scheint. Die Sensibilität dafür, dass es sich um eine Zeichenhandlung einer Gesellschaftsideologie handelt, die sich zwischenzeitlich für weite Bevölkerungsschichten überlebt hat, scheint in breiten Sphären des volkskirchlich orientierten, verfassten Christentums offensichtlich abhanden gekommen zu sein bzw. als Erbe einer engen Verquickung mit dem Staat nie stabil bestanden zu haben. Wie leicht ist es, den blumen- und schmuckbewehrten Bildern zu glauben. Wie schwer ist es, nicht nur die Geschichten von schwierigen Mutter-Kind-Beziehungen in ein Koordinatensystem evangelischer Theologie einzuzeichnen, sondern sich zu positionieren in einer reichen Gesellschaft, die es überwiegend gut ausgebildeten Frauen nicht ermöglichen kann, einer angemessenen Erwerbstätigkeit nachzugehen. Wie können wir dulden, dass die Arbeit in Familien, die für das gesellschaftliche Leben von ausschlaggebender Bedeutung ist (das gilt ja weit über die religiöse Bildung hinaus!), weiterhin unbezahlt ist, obwohl (oder: gerade weil) wir uns in nahezu allen Lebensbereichen einem ökonomischen Leitparadigma unterzuordnen entschieden haben? Für die Willensbildung in unserer Gesellschaft mag es nur ein schwacher Trost sein, dass sich viele über DIY-Projekte und kleine Selbstständigkeiten eine sinnstiftende, gabenorientierte ökonomische Nische schaffen konnten und/ oder mussten.

 

Es geht ein Riss durch unsere Gesellschaft. Zusammenleben beruht darauf, dass Menschen unabweisbar und auf Dauer Verantwortung für Andere übernehmen. Dafür ist die „Mutterschaft“ ein Symbol. Aus meiner Sicht gibt es auch immer noch gute Gründe, Frauen für das, was sie überdurchschnittlich für die Gesellschaft an Familienarbeit erbringen, an anderer Stelle zu entlasten – auch über symbolpolitische Zeichen hinaus. Ich wünsche mir aber eine Gesellschaft, die sich perspektivisch darauf einstellt, dass auch dies zur Disposition steht. Zu vielfältig sind die Lebensformen, die Menschen gegenwärtig für sich wählen können und wollen – und das ist gut so. Deshalb sollte das, was eine programmatisch kinderfreundliche Gesellschaft bereit wäre, Müttern einzuräumen, grundsätzlich auch all jenen ermöglicht sein, die eben genau diese Funktionen und Aufgaben wahrnehmen.

 

Was ansonsten geschieht, dürfte als Gegenbewegung zu verstehen sein: Ein Rekurs auf klar definierte Rollen, die man (naiverweise) glaubt, durch vehemente Appelle stabilisieren zu können. Appelle, die sich – egoistisch bis verzweifelt – an das eigene Selbstverständnis klammern. Eigentümlich angerührt hat mich die Äußerung einer Kollegin, dass Eltern den Konfirmationstermin am 8. Mai 2016 vehement kritisierten, weil ihnen dann „der ganze Muttertag versaut sei“. Um was geht es denen, die so sprechen, am Muttertag anderes als um die Inszenierung einer Rolle, die am Alltag zu zerbrechen droht?

 

Es geht ein Riss durch unsere Gesellschaft. Es ist kein neues Phänomen, dass eine Gesellschaft Kanäle und Ventile für antidemokratische Impulse einräumt, wohl aber ist die gegenwärtige Situation in Bezug auf ihre Intensität und Stabilität neu – ebenso wie die Beharrlichkeit, mit der sie in der öffentlichen Diskussion ignoriert wird. Das ist bedenkenswert bis bedrohlich.

 

„Es ist ein Luxus, zu glauben, es gäbe keinen Bedarf, Liebe zu organisieren. Ich frage mich, wer diese Menschen sind, wie sie leben. Ich beneide sie. Denn ich fühle mich unwohl in diesem Land. Ich habe Angst. Ich bin erschrocken über das, was mehr und mehr gesellschafts- und salonfähig ist,“ sagt Kübra Gümüsay in ihrem Appell #organisierteliebe im Rahmen der Re:Publica10 (einem Konferenzformat, das sich dem Zusammenhang von Internet und Gesellschaft widmet), die am vergangenen Wochenende in Berlin stattfand.

Die Politikwissenschaftlerin stellt eine Deutung zur Verfügung, die gegenwärtige relative zivilgesellschaftliche Hilflosigkeit angesichts der Ausbreitung antidemokratischer Kräfte in Deutschland zu erklären: Die politische Rechte ist im Internet hervorragend vernetzt und nutzt die Potentiale der social media ganz selbstverständlich und professionell für ihre Anliegen. Hasskommentare und gezieltes Trolling sind zu mächtigen Instrumenten geworden, renommierte JournalistInnen und AktivistInnen zu brechen zu versuchen. Dass all dies unwidersprochen bleibt, ist ein Skandal. Zwei fatale Entwicklungen könnten dabei zusammenkommen: Intellektuelle kultivieren fortwährend eine Rhetorik der Distanz gegenüber „dem Internet“. Für sie ist es ein fremdes, oft despektierlich betrachtetes „Neuland“. Oft mit der Begründung fehlender Qualität nach Form und Inhalt, mit dem Hinweis, mit der Fülle an (scheinbar!) ungefilterten Informationen nicht zurechtzukommen oder eben dieses „zusätzliche“ Medium nicht zu benötigen, da ja alles, was für die eigene Wahrnehmung als relevant erachtet wird, ohnehin auch offline zugänglich sei. Am Rande bemerkt: Ich war – ehrlich sagt – völlig schockiert über die Fragen und Haltungen, die sich in den Fragen und Beiträgen der Teilnehmenden an #onewww zeigten; einem Fachtag zum Thema Social Media, den die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau jüngst mit rennomierter Besetzung durchführte (am 27. April 2016 in Dreieich). Und dabei geht es mir nicht darum zu kritisieren, dass es zunehmend schwierig wird, sich in einer rasant entwickelnden digitalen Welt zu orientieren (das fällt mir gelegentlich selbst schwer), sondern es geht um die Einstellungen, die Menschen, die sich immerhin beruflich mit medialen Vermittlungsformen beschäftigen, virtuellen Kommunikations- und Kooperationsformen gegenüber an den Tag legen. Kübra Gümüsay entlarvt diese Haltung als Privileg: nämlich zu ignorieren, in welchem Maße demokratische Meinungsäußerung durch Hasstiraden oder Shitstorms geschwächt werden. Manche mag sich an die Rede von Golineh Atai anlässlich der Auszeichnung zur Journalistin des Jahres erinnern, in der sie im Zusammenhang ihrer Berichterstattung über die russische Opposition ausführt: „Aber eine noch größere Angst habe ich, wenn ich sehe, wie die Angst, die Zweifel, die Beschwerden, die Anfeindungen uns verändern und wie die Kollegen nicht wahrnehmen, dass jemand mit ihren Ängsten spielt.“ (Text abgedruckt in der Ausgabe der DIE ZEIT vom 16. März 2015).

Was ich in dieser Woche gelernt habe: Das Privileg der Ignoranz dürfen sich diejenigen, denen die Ressourcen zur Verfügung stehen, sich mit Gründen und Argumenten demokratisch verhalten zu können, nicht mehr leisten. Weil der öffentliche Raum immer contestive space ist. Und weil mit der Niederlage der Demokratie diese selbst auf dem Spiel stünde.

 

Ein Riss geht durch unsere Gesellschaft: Derer, die von abstrakten Raumkonstellationen im Netz und vermeintlich anonymer Identität ausgehen und dort antidemokratische Ressentiments aufbauen, pflegen oder hinnehmen, die so – mehr oder gar minder –  schleichend in der kohlenstofflichen Welt hoffähig werden. Und derer, die mit all dem nichts zu tun haben oder zu tun haben wollen und sich der Illusion hingeben, dass nicht geschieht, was ich nicht sehen will, das geschieht.

 

Wir dürfen uns das Ignoranzprivileg nicht leisten. Weil es zu Lasten aller geht, für die die Verheißungen einer programmatisch freiheitlichen und offenen Gesellschaft gegenwärtig vor allem zusätzliche Lasten bedeuten, von denen die profitieren, die die öffentliche Meinung in der Hand haben. Wo es doch so wichtig wäre, ihre Stimmen zu hören! Weil Demokratie von den Beteiligungsmöglichkeiten aller lebt. Das ist alles ganz banal und könnte doch noch weitergehend eingelöst sein.

 

Der evangelische Theologe Friedrich Schleiermacher führt im 19. Jahrhundert zum Zweck der Analyse von Sozial- und Kultursphären in seiner Sittenlehre die Unterscheidung des organisierenden Handelns in individuell-eigentümliches und identisches Organisieren ein. Damit beschreibt er zum einen das Tätigsein im Rahmen der sog. „freien Geselligkeit“, zum anderen das Handeln des Staates. Was heute gefordert ist, spielt sich in einem intermediären Raum dazwischen ab: Es genügt nicht, scheinbar zufällig Synergien zu erzeugen, um sich öffentlich zu positionieren. Denn dazu sind Strukturen von Lobbies zu mächtig, um solch spontanen und zunächst kleinen Pflänzchen Raum zu lassen. Gleichermaßen sind aber auch die Zeiten vorbei, in denen der Staat eben diese Aufgaben übernimmt. Dazu stehen Merkmale der Demokratiefähigkeit selbst derzeit zu sehr unter Ideologieverdacht.  Die Stärkung der Aushandlungsprozesse demokratischer Kultur greifen in einem Zwischenraum. Kübra Gümüsay plädiert für „organisierte Liebe“. Darunter versteht sie, Solidarität, Zustimmung und Wohlwollen genauso wenig zufällig sichtbar zu machen, wie dies in Sachen Hass schon längst organisiert und geplant geschieht und entsprechend wirkt. Nichts zu sagen, zu kommentieren, zu liken, zu faven ist eben kein Lob. Dabei geht es weniger (aber auch!) um die Wertschätzung einer einzelnen (journalistischen) Leistung, sondern um eine politische Aktion, auf diese Weise demokratische Prozesse zu stabilisieren.

Der Appell zielt auf informelles Organisieren. Aktionen wie #muttertagswunsch, die mit ihrem Aufruf zugleich zur öffentlichen Bewusstmachung beitragen als sich auch an die Bundesregierung richten, zeigen, dass diese Prozesse sinnvollerweise auf einer „mittleren Ebene“ anzusiedeln sind: Sie profitieren gleichermaßen von den Strukturen und Möglichkeiten der Netzwerkereien, kommen aber ohne den Vertrauensvorschuss von Begegnung, grundsätzlicher Wertschätzung und kritischer Anteilnahme der Einzelnen aneinander nicht aus.

 

Was wir brauchen, ist – so paradox es klingen mag – informelles Organisieren. Denn dies ist flexibel genug, um auf die jeweiligen aktuellen politischen Anforderungen zu reagieren. Zugleich sind Netzwerke vertrauensvoller Kollaboration so stabil, dass sie belastbare Auseinandersetzung und Willensbildung ermöglichen. Ohne dies wird es die offene Gesellschaft schwer haben. Eine Gesellschaft, in der Menschen ohne ideologischen Ballast Blumen verschenken, Kinder aufziehen und sich freuen an den (journalistischen) Leistungen Anderer.

 

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