Vom Hausbau. 44 Möglichkeiten.

Für den Predigtslam am 3. Mai 2016 im CLACK-Theater Wittenberg. Es gibt dazu auch ein Video, und das ist hier

 

PROLOG – Ein Kinderspiel

 

„Das ist das Haus vom Nikolaus.“

8 Striche, 44 Möglichkeiten.

Erdgeschoss Eigenheim, ausgebauter Dachboden, Keller, Garten.

 

Tausende taten so Vieles vor Dir,

Und Du lehrst es die eigenen Kinder,

aber: erinnerst Du Dich an diesen Moment,

wenn es auf Anhieb geklappt hat?

 

I

„Das – ist – das – Haus.“

Hier wohnte, wirkte und starb Lucas Cranach.

Hier wohnte, wirkte und starb Philipp Melanchthon.

Hier wohnte, wirkte und starb ein ganz Großer.

Wer wo wohnt, gibt Gebäuden Glanz,

Glanz, von dem goldene Lettern in Marmor zeugen.

Die Wohnstätte – ein feste Burg.

 

Jetzt wohnt sie hier: Frau M.

Es geht ein paar Stufen hinauf,

bevor sie den Bordstein erreicht,

in ausgetretenen Schuhen

mit tastend-zielstrebigen Schritten die Straße erklimmt.

 

Vor langer, langer Zeit,

als Wahrheit und Gerechtigkeit und Gnade noch nicht geboren waren,

machte sich Frau M. auf den Weg,

dorthin, wo die Welt aller Mauern und Tore ledig war,

wo Feuer noch nicht zu Stein erstarrte,

sondern aus der Tiefe emporkam

und das Orakel in Worte fasste,

was Deinem Leben Glanz gibt.

 

Zögerlich entschlossen nähert Frau M. sich der,

die das Feuer hütet

und die Sehnsucht nährt.

Frauen am Feuer.

 

Und sie verbirgt, was sie erhält: die goldenen Löffelchen,

8 hoch 44, zahllos,

im Feuer geschmiedet,

in Leinen gewickelt,

„für dereinst“.

Und sie verstaut’s Besteck in Schatulle auf Speicher.

Verborgen vor Künstlern und Kriegen.

Bis der Tag kommt, an dem es poliert und aufgedeckt werden wird.

 

II

„Das ist das Haus.“

„Hier leben und lieben Paul und Sigrid, Martin und Philipp.“

Salzteigkringel am Haustürblatt.

8 Striche, 44 Möglichkeiten.

Das Dach ausgebaut,

den Kindern ein eigenes Reich,

den Fotos ein Schuhkarton,

und Wintermäntel in Mottenpulver.

Feste Burg.

Echter deutscher Durchschnitt.

Die wilden Jungs, 7 und 9. Nur raus mit denen!

Zum Höhlenbauen das gute weiße Tischtuch entwendet,

singend von festen Burgen

ziehen die beiden elbabwärts,

wo die Stadt ihre Mauern zurücklässt

und dem Leben Spielplätze freigibt.

Zum Rennen und Rutschen

Wippen und Wappnen,

gegen die Feinde, die ja angeblich überall lauern.

Meins-deins-nein-doch-nein-doch,

ruft es eindringlich und immer lauter.

Sie zerren und ziehen,

bis das gute weiße Tischtuch verdächtig knarzt,

und sie drohen,

einander darüber zu Feinden zu werden.

 

 

III

Draußen

„Los, fass mit an.“

Wir und die, die angeblich überall lauern,

bauen eine lange Tafel quer durch die ganze Stadt.

Philipp und Martin legen weiße Tischtücher auf. Licht bricht sich durch fadenscheinige Stellen.

Und Frau M. legt – einst im Feuer geschmiedet, jetzt aus Leinen herausgewickelt – Frau M. legt ein goldenes Dessertlöffelchen an jedes Menschen Platz. Poliert.

 

„Ist hier noch frei?“ fragt sie Dich und deutet auf den Platz neben Dir.

Du zuckst innerlich zusammen, blickst zögerlich auf die Fremde und nickst stumm, nicht gerade begeistert.

Und dann auch noch das:

Sie nimmt ein Taschentuch und tupft alle Tränen ab,

geweint und ungeweint.

Von rosenrot getünchten Wangen,

und die, die regennass auf Deiner Seele liegen.

 

8 Striche, 44 Möglichkeiten. Von allen Seiten haben sie abwartend acht hinter den Gardinen, kommen aus Häusern und Wohnungen. Neugierig, was da glänzt. Sie bringen Brot und Bier und Schwarzwälder Kirschtorte, zur friedlichen teatime und für die Halbzeitpause.

 

Sie erzählen vom Leben, Wohnen und Wirken.

Wie es sich in goldenen Lettern in ihre Herzen geschrieben hat.

Auf dem Tischtuch wird schreibgespielt:

Von Häusern und Hütten,

Platte, Pavillons und Palästen

 

Und da hören sie vom Balkon des Theaters eine laute Stimme:

„Siehe, die Wohnung Gottes bei den Menschen! Er wird bei ihnen wohnen, und Gott selbst wird mit ihnen sein. Und abwischen wird er jede Träne von ihren Augen, und der Tod wird nicht mehr sein.“

Erinnerst Du Dich an diesen Moment, wenn es auf Anhieb geklappt hat?

 

EPILOG ohne Worte

„Das ist das Haus.“

 

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