„Seht, da ist die Kirche.“ Ansichten anlässlich des 100. Katholikentags in Leipzig

 

 

„Seht, das ist der Mensch.“ Ein allgemein anschlussfähiges Leitwort ist für den diesjährigen Katholikentag gewählt, immerhin eine Jubiläumsgroßveranstaltung, die einhundertste Zusammenkunft dieser Art überhaupt.

 

Gut 40 000 Besucherinnen und Besucher waren am letzten Maiwochenende in Leipzig zu Gast, immerhin in einer Stadt, die vor Symbolen protestantischer Theologie und Frömmigkeit nur so strotzt. 4% der Bevölkerung gehören der römischen Kirche an, etwa 20 000 Menschen. „Wenn die Evangelischen sagen: Ihr schafft das – dann sagen wir zu“, schildert eine Verantwortliche die Entscheidung für Leipzig auf einem Podium.

 

Hohe Erwartungen verknüpfen sich mit dem größten Laientreffen deutscher Katholiken. Das Mensch-Sein als vordergründiges Leitmotiv erweist sich als allenthalben anschlussfähig: Inwiefern ist der Mensch politisch oder nimmt eine Rolle in einem politischen System ein? Macht es Sinn, von „digitalen Menschen“ zu sprechen, oder geht es je um Menschen, die mit verschiedenen kulturellen Herausforderungen konfrontiert sind? Alte philosophische Fragen tauchen da auf. Inwiefern spielt es eine Rolle, dass Menschen gemeinhin als Männer oder Frauen angesehen werden – insbesondere in der römischen Kirche? In weit mehr als diesen Hinsichten gerät das Menschsein selbst zum Gegenstand von Reflexion und Diskussion. Dies ist freilich kontextsensibel gewählt und nicht allein als inhaltliches Zugeständnis an die Geldgeber der öffentlichen Hand zu lesen (so bereits im SPIEGEL vom 17. September 2014). Dass die Kirchentagslosung aus der johanneischen Passionsgeschichte stammt und behauptet, dass Christus, der unausweichlich dem gewaltsamen Tod am Kreuz entgegengeht, zum Paradigma des Menschen werden soll, ist skandalös und wird eher nur am Rande thematisiert. Überhaupt fällt der evangelischen Theologin auf, wie wenig auslegungsbezogene Veranstaltungen es vergleichsweise gibt und wie überwiegend schlecht sie besucht sind. Offensichtlich vermuten die wenigsten, dass mit Christologie Staat gemacht werden könne.

 

Meine These nach fünf Tagen Katholikentag in Leipzig ist demgegenüber: Dem Katholikentag ging es weniger um die materiale Anthropologie denn um die Aufmerksamkeitssteuerung des Hinsehens – „Seht!“.

 

Dass eine überwiegend säkulare Stadt (was auch immer das genau heißen mag) für mehrere Tage derart prominent mit den üblichen Flaggen, Roll-Ups und vor allem Teilnehmendenschals des Katholikentags signiert war, bot Gesprächsanlässe nach innen und außen. „Viele Katholiken und Katholikinnen aus den östlichen Bistümern sind zum ersten Mal da“, erzählt mir ein Priester, „denn sonst ist der Weg immer so weit.“ Wohl nicht nur eine Frage der Geographie ist das. In gewisser Weise bringt römische Kirche sich am Standort Sachsen auch zu ihren eigenen Hochverbundenen und stärkt sie durch die Wahrnehmung, nicht allein zu sein. Diese Beobachtung ist durch die These gestützt, welch hohe Bedeutung die Regionen für die Präsentationen der ‚Weltkirche’ am Abend der Begegnung haben. Dies mag vornehmlich pragmatische Gründe haben, gibt aber auch zu denken. Ebenso wie die Wahrnehmung regelmäßiger KatholikentagsteilnehmerInnen, „es werde ja ohnehin immer das Gleiche diskutiert“ – im Blick auf die Themen der verfassten Kirche, für die ein Großteil der Laien sich eine stärkere Veränderungsbereitschaft ihrer Kirche wünscht.

 

Der Katholikentag ist nicht allein durch die Finanzierungsdiskussionen im Vorfeld Gesprächsthema (die Co-Finanzierungsanträge bei der Stadt Leipzig sowie dem Freistaat Sachsen führten im Vorfeld zu erheblichen öffentlichen Diskussionen und auch öffentlich organisiertem Widerstand). Dass so viele Menschen im Stadtbild sichtbar sind, die fröhlich und mehrheitlich auch gesprächsbereit auf die Leipziger und Leipzigerinnen zugehen, gibt Manchem zu denken. In einer weitgehend säkularisierten Gegend sind diesbezügliche Polarisierungen sehr stark. In anderen, mehr oder minder (noch latent) volkskirchlich geprägten Gegenden unseres Landes kämen etwa SchülerInnen kaum auf die Idee, bei einer Podiumsdiskussion ihre MitschülerInnen ganz selbstverständlich in KirchgängerInnen und solche, die es nicht tun, stabil einzuteilen. Da ist es doch eher „mal so, mal so“. Bei einer dreistündigen Abendveranstaltung sitze ich neben einer Einheimischen, die durchaus der öffentlichen Elite zuzurechnen ist, und die „einfach mal wissen will, was es denn nun mit dem Christentum und diesem Glauben an Gott auf sich hat.“ Und nein, sie glaube einfach nicht an Gott, sondern danke sich selbst. Gibt der Katholikentag auf diese repräsentative Frage eine angemessene, vorzeigbare Antwort? Mit welcher Haltung gehen wir auf die zu, denen Unverfügbares als solches nicht zugänglich ist?

 

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Leipzig ist eine Messestadt und der Katholikentag keine öffentliche Ausnahmesituation. Für die meisten Einheimischen geht das Leben einfach weiter wie gewohnt. Aber der Katholikentag hat Strahlkraft in die Zivilgesellschaft aufgrund der Menge seiner TeilnehmerInnen. Am Rande: Ich habe keine der „atheistischen“ Gegenveranstaltungen besucht, um mir ein Bild von Argumenten und Haltungen derjenigen zu machen, die eine mir so fremde Weltanschauung vertreten. Im so größer ist mein Respekt vor denjenigen, die es umgekehrt wagen.

 

Doch zugleich betreten wir mit der Wahrnehmung der freundlichen Zugewandtheit das größte Minenfeld, das aus meiner Sicht den diesjährigen Katholikentag geprägt hat, nämlich eine nicht nur missverständliche, sondern perspektivisch auch abträgliche Argumentation in Bezug auf ‚christliche Werte’. Dieser Bezug ist unabhängig vom Format beim Katholikentag allgegenwärtig und nach meiner Wahrnehmung unwidersprochen. Der Rekurs auf christliche Werte wird zum sichtbaren Zeichen des christlichen Glaubens, das man für über die Grenzen der verfassten Kirche hinaus konsensfähig hält. Eine Co-Finanzierung des Kirchentags wird zivilgesellschaftlich mindestens geduldet, weil man sich die Stärkung demokratischer Werte erhofft. An zahllosen Beispielen zeigen christliche Initiativen, inwiefern sie Gerechtigkeit und Barmherzigkeit in die Tat umsetzen. All dieses Engagement verdient größten Respekt. Es ist allerdings aus meiner Sicht unzulässig, dies als Argument für die Relevanz des Christentums geltend zu machen. In der öffentlichen Inszenierung einer Großveranstaltung geschieht dies so, dass Werte beschworen, reklamiert, ihre Umsetzung auch perspektivisch in Aussicht gestellt wird. Werte bekommen Heilsbringerfunktion: Könnten wir Nächstenliebe gesellschaftlich wirksam umsetzen, erledigten sich viele unserer Herausforderungen von selbst – und zwar sowohl für die verfasste Kirche als auch für die Gesellschaft. Dabei handelt es sich um einen gefährlichen Fehlschluss, der zudem theologisch mindestens sehr fragwürdig ist. Denn Andere könnten leicht umgekehrt sagen: Man kann auch Gutes tun ohne an Gott zu glauben.- und daraus gerade eben folgern, dass die Kirchen nicht notwendig einen werterelevanten Beitrag zum Gemeinwesen leisten. Handeln bleibt immer ambivalent. Aus Sicht evangelischer Theologie bleibt ein wertorientiertes Christentum hinter zentralen christlichen Einsichten von Rechtfertigung und der Annahme bleibender anthropologischer Ambivalenzen zurück. Gleichwohl ist es eine Haltung, die nach meiner Beobachtung in den Kirchen verbreitet ist und sich insbesondere in Kirchengemeinden alltagstheologisch und religiös großer Beliebtheit erfreut. Mag sein, wir empfinden es als unnötigen Schritt zurück oder als defensive Geste, in der Öffentlichkeit daran festzuhalten, dass Kirchen vielmehr die Plattform bieten, um sich über Wertfragen zu verständigen. Das ist keine neue Idee, sondern eine systematisch-theologische Einsicht des 20. Jahrhunderts (die m.W. erstmals von Eilert Herms vorgetragen wurde).

 

Wo, wenn nicht in Leipzig, müsste diese Einsicht plausibel sein! Kirchen halten die Räume offen, damit Menschen sich darüber verständigen können, welche Werte gelten sollten. Manche werden dabei zu neuen Einsichten kommen, andere sich selbst vergewissern. Jedenfalls steht dann außer Frage, was wir überhaupt meinen, wenn wir von Werten sprechen. Jedenfalls steht außer Frage, dass diejenigen, die sich verständigt haben, darüber auch Einvernehmlichkeit erzielt haben, zumindest vorübergehend. Jedenfalls steht damit außer Frage, was die bleibende (und unabdingbare) Leistung der Kirchen für die Gesellschaft ist. Und dies um so mehr, als die offene Gesellschaft von anti-demokratischen Kräften und Bewegungen bedroht ist. Manche lernen dabei etwas Neues, und sei es Diskursregeln, anderen dient das Forum Kirche der Selbstvergewisserung. Und dies ist um so nötiger, um unter Druck zu wissen, wo ein Ort der freien Äußerung und Entfaltung ist. „Und wenn es eng wird, gehen wir in die Nikolaikirche“, erinnert der Leipziger Superintendent Martin Henker die Stadtgesellschaft. Damit dieser Rekurs gelingt, müssen die Kirchen in ihrer Auseinandersetzungsfähigkeit, in ihren tragenden öffentlichen Ritualen, in ihrer Gebetskultur eingeübt sein. An vielen Orten geschieht dies im Raum der Kirchen.

 

Viele Menschen in unserem Land profitieren von diesem Dienst der Kirchen für alle, indem sie aus freiheitlich-demokratischen Einsichten und auch Errungenschaften leben. Weshalb kommunizieren wir dies nicht auch so, sondern tendieren zu den handfesteren, semantisch überwiegend zustimmungsfähigen Wertecontainern? An der Frage, ob die parteipolitische Zugehörigkeit eines Menschen ausschlaggebend ist für die Teilnahme an einem Katholikentagspodium, zeigt sich, wie hoch der Veranstalter seine Deutunghoheit über die verhandelten Themen einschätzt. Seien wir doch mutiger! So mutig, wie es die Kirchen in Leipzig symbolpolitisch bereits sind. Ihre Kirchgebäude sind viel größer und zeichenmächtiger, als es für das gemeindliche Leben erforderlich ist. Und sie sind trotzdem angemessen, weil Kirchen über das hinausweisen, was in ihnen geschieht. Gesellschaften sind auf Symbolsicherheiten angewiesen.

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Die neugebaute römisch-katholische Propsteikirche St. Trinitatis hat während des Katholikentags geradezu magnetische Wirkung auf die Menschen ausgeübt. Es sei ihr – wie den Kirchen überhaupt – gewünscht, dass sie sich ihren ‚Zeltcharakter’ bewahrt, das Vorläufige in aller architektonischen Festlegung. Architektonisch ist sie ein mutiges Symbol. Sie gefällt – nach meinem Eindruck – Außenstehenden und Fremden besser als der katholischen Kernklientel. Denn das klassische Inventarprogramm römischer Kirchen ist zeitgemäß interpretiert und in ihrem Minimalismus bedeutungsschwer und deutungsprovozierend. Das fordert heraus, auch den (römisch-katholischen) Glauben zeitgemäß zu interpretieren. Jargon wirkt da deplatziert und entlarvt sich selbst. Dass ein leitender katholischer Geistlicher den ersten Schöpfungsbericht in diesem Kirchenraum zum Erweis der Präferenz bestimmter Formen von Sexualität und familialen Zusammenlebens auslegt, erzeugt noch einmal stärkere Dissonanzen als in klassischen katholischen Settings und lässt eine evangelische Theologin ehrlich gesagt auch ratlos zurück.

 

Bei Symbolisierungen von Zugehörigkeit allein darf eine Kirche, die sich an alle Menschen gewiesen weiß, nicht stehenbleiben. Denn sie tut damit nicht etwas, was man ehemals noch als strukturkonservativ oder reaktionär bezeichnet hätte, sondern sie sitzt einer allgemeinen Tendenz unserer Gesellschaft auf, die Gernot Böhme so beschreibt: „Ästhetische Ökonomie bedeutet, dass der Inszenierungswert der Waren im Gebrauchszusammenhang weitgehend darin besteht, eine Person, einen Lifestyle, eine Gruppen- oder Schichtzugehörigkeit zu inszenieren.“ (Gernot Böhme, Ästhetischer Kapitalismus, Berlin 2016). Wir unterstellen Dingen einen Wert über ihren Gebrauchs-/ Tauschwert hinaus. Wir inszenieren, was uns ausmacht. Damit fordern wir zu Begehrnissen oder Abwehr heraus. Diese Polarisierung tut nicht not, und ist m.E. etwas Anderes als eine lebensbestimmende Grundentscheidung, weil sie nicht auf Glauben zielt, sondern auf Zugehörigkeit. Kirchen unter Druck könnten der Versuchung erliegen, das Spiel des ästhetischen Kapitalismus mitzumachen. Es könnte hip und trendy sein, einer Kirche anzugehören. Es gäbe endlich vorzeigbare Zeichen der eigenen Zugehörigkeit: Schau her, da gehöre ich dazu. Selbstverständlich: Der Glaube gebietet es wesensmäßig, sich des Evangeliums nicht zu schämen. Dafür reicht eine Inszenierungsleistung allerdings nicht aus.

 

Christliche Großveranstaltungen legen auch Spuren, den Glauben für sich selbst als relevant und als gesellschaftlich diskursfähig neu zu sehen.  Auf solcherlei an der Kirche sollten wir sehen. Und das an der Kirche sollten wir auch mutig und stolz herzeigen. Auch im Blick auf die Jubiläen, auf die wir in den reformatorischen Kirchen zugehen.

 

 

(Bildnachweis: Friederike Erichsen-Wendt)

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