Aufgeweckt wesentlich reden.

Zu: „Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“. Von Erik Flügge (München 2016).

 

Ein neues Buch ist angedruckt: Die Revision der Lutherbibel, die seit 1984 unverändert sprachliche Prägekraft behauptete, wird in einer moderaten Überarbeitung pünktlich zum 500. Jubiläum der Reformation veröffentlicht. Ein symbolischer Akt: Arbeit an der Sprache soll Impulse freisetzen zur Reformation der Kirchen unter gegenwärtigen Bedingungen.

 

Ein neues Buch erfährt kurz nach Veröffentlichung eine zweite Auflage: „Fulminant“ nennt die ZEIT den Weckruf des Kölner Kommunikationsberaters Erik Flügge, der im April 2016 unter dem Titel „Der Jargon der Betroffenheit. Wie die Kirche an ihrer Sprache verreckt“ erstmals erschien (München: Kösel, 2016). Neben Beobachtungen, die Flügge bereits ein Jahr zuvor in einem Blogbeitrag formuliert hatte, treten in den Rubriken „Zorn, Angst, Schweigen, Nähe, Hoffnung“ in suggerierter Nähe zum Modell der über Jahrzehnte pastoralpsychologisch gelehrten „Trauerphasen“ weitere Themen zur Kommunikation der Kirchen.

 

Flügges Fokus liegt dabei (primär) sozialisationsbedingt bei der römisch-katholischen Kirche. Vieles dürfte sich aber in gleicher Weise oder ähnlich für die reformatorischen Kirchen sagen lassen. Das Meiste ist nicht neu: Kirche pflegt überwiegend binnenkirchliche Diskurse, Ästhetiken der 1960er-Jahre, eine Formensprache der beginnenden 1980er Jahre und reproduziert sich selbst aus schmalen Milieus, da ihr ein wirksames diversity management schlicht fehlt, wie überhaupt das Bewusstsein für die angemessene Oberflächenpolitur. Vieles werde unter Wert verkauft. Soweit, so wenig neu. Und der leitmotivische Hinweis, dass es auch immer das „Dennoch“ und „Trotzdem“ des ganz Anderen ist, macht Flügge selbst auch bis zu einem gewissen Grade selbst zum Teil dieser Denkweise. Eine Reihe seiner eigenen Vorschläge ist so stark milieuverhaftet, dass sich mir im Detail die Frage stellt, ob hier nicht eine Milieuverengung gegen eine andere ausgetauscht wird.

 

Für den Autor dient biografisches Erleben als Argument für die eigene Kirchenbindung, da die Kirche aktual für Menschen seines Lebenstils wenig Kontaktflächen biete. Interessant ist dabei die Beobachtung, wie kirchliches Kerngeschäft (am Beispiel Seelsorge) in der Sache wertgeschätzt, dabei aber zugleich seiner abständigen Form nach entlarvt wird: In einer Zeit, in der Menschen zunehmend mobil sind und dies auch als selbstverständlicher Teil des eigenen Lebensentwurfs verstanden wird, habe eine sich territorial und parochial verstehende Kirche ein Reichweitenproblem, da in entscheidenden Phasen der Kontakt abbreche und andernorts nicht mehr leicht aufgebaut werden kann, da es sich um gewachsene Vertrauensbeziehungen handele. Hier finden sich im Buch interessante Ideen, ebenso wie auch Andeutungen zum „Preaching on the streets“. Hilfreich wären aus meiner Sicht darüber hinaus Hinweise gewesen, was Ungleichzeitigkeiten im Blick auf Lebensstile für die kommunikative Strategie der Kirchen eigentlich bedeuten.

 

Ich will nicht Einzelnes wiederholen, zu dem in den letzten Wochen schon viel gesagt und geschrieben wurde, sondern ein paar Grundzüge benennen und vor allem eine These versuchen, weshalb dieses Buch, obwohl es wenig aufzeigt, was Kirchenmenschen tragischerweise nicht längst schon wissen könnten, dennoch auf so große Resonanz stößt.

 

Das Sprachproblem der Kirche wird auf mehreren Ebenen aufgezeigt: Es ist zunächst ein theologisches: Menschen reden von etwas, was kategorial weiterreicht als sie selbst. Dieses Thema, das Flügge anfangs benennt, wird gegen Ende so bearbeitet, dass Sprechen von Gott als Selbstoffenbarung des Sprechers verstanden werden sollte, nicht als Zielgruppenmarketing für diejenigen, die zuhören (132). Das Thema, das das Buch durchzieht, einen weiten Teil der Ausführungen motiviert, aber doch nicht gänzlich aufgelöst werden kann, ist der Umstand, dass RednerInnen ihren Predigten in der Sache nicht das zutrauen, was von ihnen behauptet wird. Dass dieser Umstand nicht ganz aufgelöst werden kann, liegt daran, dass Flügge grundsätzlich dazu tendiert, die Wirksamkeit der Sprache an das geistliche Amt zu binden: Es unterliegt der Wirksamkeit eben dieser Personen, auch in ihrem Einfluss auf die Kontextfaktoren, ob Kommunikation gelingt oder nicht. Diesem Amtsverständnis muss aber eben die Überzeugung von der Sache selbst inhärent sein, damit diese These schlüssig funktioniert. Ein dritter Aspekt ist schließlich die handwerkliche Seite der Rede: Hier halten sich hartnäckig Paradigmen des Abholens/ Anknüpfens/ der lernpsychologischen Modelle, die vor Jahrzehnten gelehrt wurden und sich durch das weit verbreitete Nachahmungslernen in den Kirchen als außerordentlich stabil erweisen. Flügges These: Prediger lernen nur von guten Predigern gut predigen – nicht von Geistlichen, die eigentlich ganz andere Dinge gut können.

 

Gibt es Bilder für dieses gute kirchliche Reden? Zwei Referenzen durchziehen das Buch dabei leitmotivisch: Zum einen die Orientierung daran, wie Jesus redete. Daraus leitet Flügge ein Verständlichkeitsparadigma ab. Dass Kirchenmenschen regelhaft ein Problem damit haben, sich in unterschiedlichen Kontexten angemessen verständlich zu machen, dürfte leider ein Gemeinplatz sein und ist damit weitreichend zustimmungsfähig. Gerade aber im Blick auf die Überlieferung von der Verkündigung Jesu wird man aber doch fragen müssen, ob dies gerade als weiterführender Rekurs hilft: Jesu Gleichnisreden waren allzu oft missverständlich, seine Zeichen im Sand allzu unverständlich, fremdsprachigen Worten maß man geradezu mirakulöse Bedeutung bei. Als zweites führt Flügge das ein, was man im Schauspiel das „Privatmoment“ nennt. Freilich distanziert Flügge selbst sich vom theaterpädagogischen Paradigma als angemessenem Ausbildungsskript für geistliche Rollen, eher hat er Personen im Sinne „geistlicher MentorInnen“ im Sinne, die zeigen, wie man „eine Rolle lebt“. Bei Flügge heißt das Privatmoment „reden wie beim Bier“. Intuitiv leuchtet der Hinweis ein, geht es doch darum, die eigenen diskursiven Ressourcen einer Person anzuzapfen und sie engagiert bei der Sache zu erleben. Freilich wird man im gleichen Zuge doch auch Ausführungen dazu erwarten dürfen, wie dieses Setting angesichts des öffentlichen Kontextes verkündigender Rede transformiert werden muss, um zu gelingen – irgendwo zwischen „Habermas’ Hörsaal und der Kita Pusteblume“. Hier erschienen mir einige weitere Ausführungen hilfreich, damit konkreter deutlich wird, was der Autor eigentlich genau unter „großen Predigten“ unter gegenwärtigen Bedingungen versteht.

 

Dass Flügges Buch auf so große Resonanz stößt, dürfte nicht nur daran liegen, dass der Autor ein ausgezeichneter Marketingstratege ist, sondern an den Assoziationen, die der Titel hervorruft. Darauf möchte ich nicht nur im Sinne einer Etikettierung hinweisen, sondern auch, weil ich den Eindruck habe, dass in der Bearbeitung der damit einhergehenden Themen noch erhebliches Potential liegt. Die Kirchen sprechen Jargon. Dies ist nicht nur ein flottes Wort für das Verdikt der Eigensprachlichkeit, die sich Institutionen und Gruppen zulegen, die regelhaft über zu wenig ernsthaftes Feedback von außen verfügen oder verfügen wollen. Vielmehr verweist es auf Adornos Rede vom „Jargon der Eigentlichkeit“, mit der er die Ideologisierung im Nachkriegsdeutschland aufzeigt. Wer Jargon nachweist, entlarvt. Adornos Annahme (in: „Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie“ (1964)) ist, dass Jargon eine Sprache sei, in der der Tonfall so stark dominiere, dass der Inhalt demgegenüber in den Hintergrund trete. Er sei eine „Kernmarke vergesellschafteter Erwähltheit, edel und anheimelnd in eins“, dessen „metaphysischer Gestus … empathischen Wahrheitsanspruch“ suggeriere. Harter Tobak, wenn man dieses Skript den Ausführungen des zu besprechenden Buches unterlegt. Freilich aber auch Spuren, die die Kirche für die eigene Ideologieanfälligkeit sensibilisieren. Was ich erwarte, ist das, was ich kenne. Freilich folgt auch Flügge selbst dieser Spielregel: Die Kirche, die er fördern will, ist die Kirche, die er kennt – befreit von allem, was Distanz schafft. Pflegt die Kirche Jargon, ist sie gefangen im Dilemma subkultureller Sprachspiele beim gleichzeitigen Auftrag allgemeiner Geltung. Jargon grenzt nach außen ab. Kirche hat aber in ihrem Reden programmatisch das Gegenteil zu erreichen. Damit ist sie in kommunikative Selbstwidersprüche verstrickt, die weit über die Kritik hinausgehen, dass Kirche immer nur erwartbar spreche oder die Erkenntnisleistungen ihrer Adressaten unterschreite (Stichwort: Verwendung von Beispielen aus dem Leben einer Kindertagesstätte).

 

In der ideologiekritischen Funktion liegt aus meiner Sicht eines der inhaltlichen Hauptverdienste dieses Buches, das mit seiner überaus leichten und kurzweiligen Lesbarkeit ständig herausfordert, darin selbst Suggestionen zu entlarven. Das macht das Buch zu einem Spiel um Ernstes, ohne trivial zu sein. Man sollte darüber nicht betroffen sein, sondern dieses Wort möglicherweise ganz aus dem kirchlichen Sprachspiel streichen. In Flügges Buch spielt der Titelbegriff „Betroffenheit“ nach meiner Wahrnehmung keine Rolle. Betroffenheit trägt aber in sich die Ambivalenz, um die das Buch durchgängig handelt: Kirchliches Sprechen will betreffen, will relevant sein und Menschen in ihren wesentlichen Lebensfragen bewegen. Damit will Kirche zur Beteiligung motivieren, zur Beteiligung im Glauben, zum Mitmachen in der Kirche und ihren Gemeinden. Zugleich transportiert „Betroffenheit“ aber die Atmosphäre eines negativen, düsteren Dünkels. So ist das Wort in unserer Sprache eindeutig konnotiert. Betroffenheit macht unbeweglich, man folgt einem atmosphärischen Abwärtstrend. Kirche stabilisiert diesen Trend durch Ästhetiken mit zeitlosem Gestus, auf denen sich hartnäckig ein Staubschleier hält. Daran, so Flügge, werde Kirche „verrecken“, unwürdig sterben.

 

Auch hier zweierlei: Eigentlich kommt der Kirche eine hohe Dignität zu. Indem kirchliche Repräsentanten und Gemeinden dem sprachlich nicht entsprechen, entwürdigt dies die Kirche und marginalisiert ihre Bedeutung. Flügge übertreibt natürlich (und weiß das vermutlich auch). Theologisch gesehen kann die Kirche nicht „sterben“. Unser Sprechen kann aber – und so verstehe ich die Übertreibung – sehr viel dazu beitragen, ob Menschen das, was sie in Kirchen erleben, als bedeutsam wahrnehmen. Oder den Eindruck mitnehmen, Kirche habe sie „längst aufgegeben“.

 

Man sollte dieses Buch aus dem Grund lesen, aus dem der Autor angibt, es geschrieben zu haben: Weil es das Augenmerk auf die Anfälligkeiten unseres Sprechens, der kirchlichen Kommunikationskultur im Ganzen legt, die maßgeblich zur Wirksamkeit der Kirche beitragen. Sprache ist zu einem guten Teil schlicht Handwerk. Ein Handwerk, das sich über die Instrumente des 20. Jahrhunderts hinaus weiterentwickelt hat. Die dadurch mögliche Wirksamkeit sollte nicht fahrlässig aufs Spiel gesetzt werden.  Dafür ist Flügges Buch ein Symbol, das darüber hinaus auch wichtige Hinweise, für eine binnenkirchliche Leserschaft möglicherweise interessante milieuspezifische Eindrücke und Deutungen,  und nicht zuletzt ein kurzweiliges Leseerlebnis bietet.

 

In wenigen Wochen wird ein neues Buch ausgeliefert. Die Bibel. Ein Klassiker. Mit neuen Worten gesagt. Im Blick auf 2017, im Blick auf Reformation jenseits (bestenfalls) theologiegeschichtlicher Reminiszenzen. Über die Verbreitung neuer Erkenntnisse in der Sache hinaus auch dies ein Symbol – für neues Reden über große Dinge. Das ist der Auftrag der Kirche, zu dem beide Bücher aufhelfen wollen.

 

 

Foto: Missionsakademie Leipzig, Straßenfront (few)

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