Schreiben als spirituelle Übung.

Zum 11/9/2016 – Strategien gegen Angst vor Terror.

Die Kirche des Wortes hat über lange Zeit einem Primat des Hörens das Wort geredet und damit den Fokus der Gottesdienstbesucher auf die Rezeption gelegt. Gleichwohl besteht daneben eine alte Tradition, die den Prozess des Schreibens als geistliche Übung versteht. Bereits die Briefe des Apostels Paulus lassen sich als geistliche Selbstreflexion lesen, die durch die Tätigkeit des Schreibens zu einer gedanklichen Klärung und Weiterentwicklung führen, die sich ihrerseits wieder schriftlich niederschlagen. Schreiben und Denken treten so in einen wechselseitigen, iterativen Prozess. Dafür ist offensichtlich nicht entscheidend, ob jemand selbst das Schreibgerät in die Hand nimmt oder, wie bei Paulus der Fall, einem Schreiber diktiert. Handwerkliche und gedankliche Arbeit liegen eng ineinander, weil beim Schreiben die Worte mit gesprochen wurden. Über die Bedeutung des Übens im Christentum wäre über die Bemerkungen Sören Kierkegaards hinaus zwischenzeitlich noch Einiges zu sagen – doch das nicht heute hier. 

Die besondere Bedeutung, die die Visualisierung von Worten mittels Schrift in sich trägt, ist in Mitteleuropa sakral motiviert. Transzendental verweisende Texte zu gliedern und würdevoll auszustatten, diente der Ehre Gottes und vereinfachte durch optische Erinnerungsorte im Text ihre Meditation. Das Auge, das leere und sich füllende Zeilen in den Blick nimmt; das Ohr, das den Klang der Schriftsprache hört; die Hand, die gegen den Widerstand des Papiers immer weiterrückt; und das Herz, das von wortvermittelten Bildern und Einsichten bewegt wird, rücken im schöpferischen Schreibprozess nah zusammen. Erschwerte Produktion bedeutete in der Kulturgeschichte des Schreibens meist, dass die Rezeption von Worten einfacher wurde.

Finden Menschen Worte, die mit ihnen selbst und dem Raum, in dem sie erklingen, korrespondieren, entstehen relevante Verstehensbewegungen. Das löst Resonanzen aus. Predigtslamgottesdienste bieten Rahmenbedingungen, um dies in einem sakralen Deutungshorizont bei allen Anwesenden auszulösen, und zwar sowohl produktiv als auch rezeptiv. Vielfältige Prozessbedingungen, beispielsweise die starke Fokussierung auf die Autorenpersönlichkeit, konsequentes Einspielen von biblischem Text und codierten Räumen, Schulung von Detailwahrnehmung und zuverlässige, konzentrierende Rahmenbedingungen fördern, was sich ereignet.

 

INTRO – Gottesdienstlogik in 5einhalb KurzNachrichten.

Friederike Erichsen-Wendt

 

Von Rissen und Ruß

gezeichnete Mauern,

von Stühlen und Spinnweben

versteckte Eckchen,

von Sehnsucht und Suchen

durchsessene Bänke.

Du, Kirche?

Ja, Friederike?

Du bist ein ganz schön altes Haus.

 

Raum,

der mich die Schönheit schauen

und in der Stille wurzeln lässt.

 

Von Zweifeln und Zagen

Gesäuberte Leh/ere,

Von Haben und Herrschaft

Durchdrungene Gestalt.

Du, Kirche?

Ja was denn nun, Friederike?

Du bist ein ganz schön strenges Haus.

 

Raum,

der Menschen singen und klagen lässt,

Im Namen Gottes des Vaters und des Sohnes und des Heiligen Geistes.

Der dir Trost ist und Brot.

 

Von Regeln und Routinen

Getragenes Feiern. Sonntags und alle Tage,

auch 9/11,

auch Denk-Mal-Tage,

Und Taufen und Trauen und Trauern und Tanzen und Tränen Verschütten

In all dem

Gemessene Schritte

Fremde Worte.

Ach, Kirche!

Na, was denn jetzt noch?

Manchmal einfach zu eng und zu klein.

 

Raum, der mich der Weite und Tiefe

Dir und dem Himmel begegnen lässt.

Segen. Für alle.

 

Poetrypredigtslam

Ann Schulte

 

den eigenen ansprüchen nicht genügen

gemeinschaft erleben

tolle worte hören

inneres und äußeres chaos aushalten

die kühle der kirche genießen

auftanken auf der freundinnenterasse

sich mitfreuen über torjubel

c— lachen sehen

g—s warmer stimme lauschen

mit a— zusammenarbeiten

kirche anders erleben

sich über playmobil freuen

meinen text weitergeben

t—s karte einstecken

stolz sein auf mich selbst

mitgemacht und durchgehalten

glücklich nach hause fahren

ein stück des himmels spüren

 

 

 

Advertisements

Ein Gedanke zu “Schreiben als spirituelle Übung.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s