Bewusst barrierefrei (Gemeinde) bauen. Auf dem Weg zu einer grenzsensiblen Kybernetik

Beitrag für die Zeitschrift „Gemeinde leiten“

Eine Kirchengemeinde baut ein Gemeindehaus. Über Jahrzehnte stand die räumliche Situation des vorherigen Gebäudes aus den 1960er Jahren nicht im Fokus, weil es hauptsächlich Trägergruppen Raum bot, für deren Nutzung das Haus ursprünglich konzipiert war. Nach fast 50jähriger – überwiegend hoher – Auslastung wurde deutlich, dass der bestehende Gebäudebestand nicht nur abgenutzt, sondern bereits den gegenwärtigen Nutzungsanforderungen konzeptionell nicht mehr gewachsen war. Immobiliarer Innovationsstau war identifiziert und damit offensichtlich. Das Gemeindehaus zeigte sich sowohl in Bezug auf das Nutzerverhalten, vielmehr aber noch im Blick auf zu erwartenden Entwicklungen exkludierend: Nicht nur zahllose Treppenstufen und vergleichbar offensichtliche Barrieren trugen zu faktischen Ausschlüssen bei, sondern auch die Symbolisierungsleistung des Hauses im Stadtbild: Qualität der Arbeit und die Vorgaben des Raums traten zunehmend in Widerspruch.

 

Bereits 2007 hatten erste Überlegungen zu umfassenden Sanierungsarbeiten am evangelischen Gemeindehaus Windecken stattgefunden. Schnell zeigte sich, als zwei Jahre später diese Fragen wieder aufgenommen wurden, dass es sich um Themen handelte, die den Bereich Bau erstmal allenfalls sekundär berührten. Denn es ging doch darum zu fragen: Welche Gemeinde werden wir mutmaßlich in den nächsten Jahrzehnten sein? Womit rechnen wir im Blick auf die demographische Entwicklung in der Region zwischen Hanau und Frankfurt? Was bedeutet es im Blick auf eine Immobilie, dass unser Stadtteil von sehr hoher Mobilität geprägt ist? Wie reagieren wir angemessen darauf, dass landeskirchliche, auch prognostizierte Entwicklungen in unserer Region atmosphärisch kaum zu greifen sind? Mit wem solidarisieren wir uns vorrangig? Welche Kriterien leiten unsere Entscheidungen? Welchem Kirchenbild gilt unsere Priorität? Welchen Zeitrahmen geben wir uns auf? Wer entscheidet was? Und jenseits aller Rationalitätsskepsis natürlich auch die Frage: Worauf wollen wir bewusst Einfluss nehmen? Eine Bauaufgabe entpuppte sich als umfassende Themenstellung der Gemeindeentwicklung und damit aus pfarramtlicher Perspektive als pastoraltheologische Steuerungsanforderung mit erheblichem geschäftsführenden Aufwand.

 

Neben Multifunktionalität, konsequenter Permeabilität im Gesamtkonzept des Hauses, energetischer Haushaltung und skalierbarer Raumnutzung auch bei perspektivisch weiter verändertem Gebäudebestand gehörte ‚Barrierefreiheit’ von Beginn an zu den Kriterien, die in Geltung stehen sollten. Freilich stand mit der Entscheidung für einen Neubau auch fest, dass „Barrierefreiheit“ in einem umfassenden Sinne der „Inklusion“ verstanden sein wollte und sich nicht in einer „Rampenbau-Logik“ erschöpfen sollte (so sinnvoll das bei bestehenden Gebäuden sein mag). Als Thema der Gemeindeentwicklung betrachtet, ist das Windecker Gemeindehausprojekt eine bauliche Annäherung an eine inklusive Kybernetik. Will man die Einsicht nicht aufgeben, dass kirchliches Handeln auf allen Ebenen maßgeblich der theologischen Begründung bedarf, zeigt sich dieser Zusammenhang zwingend: Wer in den kirchlichen Immobilienbestand eingreift, trifft – so oder so – kirchentheoretische Steuerungsentscheidungen. Hilfreich war, dass die Kirchengemeinde bereits auf Überlegungen zurückgreifen konnte, die die Theologische Kammer der EKKW zur Inklusionsthematik vorgelegt hatte. Dort werden die Mechanismen von Inklusion und Exklusion aus theologischer Perspektive beschrieben sowie die hohen Selbstreflexivitätsanforderungen, die sich für Institutionen daraus ergeben.

 

Für das Bauvorhaben ergab sich daraus, dass das weiterhin im Papier genannte Kriterium der Grenzsensibilität für die Konzeption des  Gebäudes maßgeblich war: Die Kirchengemeinde soll möglichst vielen Menschen mit möglichst wenigen zusätzlichen Hilfen zugänglich sein. Dabei sind allerdings nicht nur mobilitätseingeschränkte Personen im Blick (hier gelten ja Regeln des Rechts) sowie Menschen aller Generationen, sondern auch solche, die aufgrund von Vorbehalten oder etwa Nicht-Zugehörigkeit zur evangelischen Kirchengemeinde Schwellen wahrnehmen. Ziel war ein sog. „design for all“. Deshalb arbeitet die Gebäudekonzeption mit einer optischen, atmosphärischen und funktionalen Durchlässigkeit von Innen und Außen, die der sozialräumlichen Aufstellung unserer Gemeinde entspricht und bewusst mit nichtintendierten – und auch: nicht überschaubaren – Nebeneffekten rechnet. Dass sie zugleich geschützte Räume vorsieht, ist uns selbstverständlich.

Gehen Gemeinde- und Bauentwicklung Hand in Hand, erklärt sich quasi von selbst, weshalb der gemeindliche Prozess bis zu diesem Haus mühsam und wichtig zugleich war: Die Zielvorgaben des Vorhabens bildeten sich bereits im Prozess ab. Ein hohes Maß an Know-How in Prozessmethoden, Konflikt- und Fehlerfreundlichkeit, geduldige Iterationen und konsequente Zielorientierung sowie breites Engagement von Gemeinde und Kirchenvorstand sind unabdingbar Voraussetzung, um in einer derart weitreichenden Frage zu tragfähigen Entscheidungen zu kommen. Diese Tragfähigkeit macht wahrscheinlich, dass sich Gebäudebestand und kirchengemeindliches Handeln nicht im Wege stehen. Man sollte aushalten können, dass in Veränderungen manche gehen, andere dazukommen. Das Haus lehrt die Gemeinde selbst, für den Umgang mit Menschen in einer Gesellschaft der Vielfalt sensibilisiert und befähigt zu werden. In diesem Sinne beansprucht es kulturelle Barrierefreiheit. Als Haus, das der Kommunikation des Evangeliums dient, zielt es auf Einübung in geistliche Inklusion. Es setzt Zeichen und ermöglicht viel. Aufgrund seiner Durchlässigkeit und Zugänglichkeit unterstützt das Haus Glaubenskommunikation weitgehend ohne Unterstützungsbedarf. Zugleich muten sich verschiedene Formen des religiösen Ausdrucks einander aber auch zu. Nicht allein Demographie und Einsicht verändern die Formate gemeindlichen Lebens, sondern auch der Raumbestand, der zur Verfügung steht. In diesem Sinne baut auch Raum Gemeinde.

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