„Ich glaube“. Zur Frage nach Gott

Nidderauer Ringpredigt 2016:

28.8, 9.15h evangelische Kirche Erbstadt/ 10.30h evangelische Kirche Eichen

18.9, 10h evangelische Kirche Ostheim (mit Abendmahl)

23.10, 10h Stiftskirche Windecken (mit Taufen)

30.10, 10h Brückenkirche Heldenbergen (mit Taufen)

 

Weil Gottes Geist uns zu seinem Ebenbild verwandelt und weil wir – entsprechend der Barmherzigkeit, die wir ja erfahren haben – diesen Dienst haben, verzagen wir nicht. Sondern wir haben uns losgesagt von verwerflicher Geheimnistuerei. Wir gehen unserer Wege nicht mit Hinterlist noch verfälschen wir Gottes Wort, sondern durch die Offenlegung der Wahrheit empfehlen wir uns jedem menschlichen Gewissen vor Gott. Sollte unsere frohe Botschaft aber dennoch zugedeckt sein, so ist sie doch nur zugedeckt für die Verlorenen: Die, die nicht glauben – denen die Gottheit dieses Zeitalters den Verstand geblendet hat, dass sie das Leuchten der frohen Botschaft von der Gegenwart Christi, der Ebenbild Gottes ist, nicht sehen. Denn wir verkündigen nicht uns selbst, sondern dass Jesus Christus Herr ist, wir selbst aber eure Knechte um Jesu willen. Denn der Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufstrahlen, er ist es, der ein helles Strahlen in unsere Herzen gegeben hat, damit Erkenntnis aufleuchtet der Gegenwart Gottes im Angesicht Christi.

(Aus dem zweiten Korintherbrief, Kapitel 4)

 

I Die Paradoxie des Glaubens

„Ich glaube.“ ist ein paradoxer Satz.

Zum einen ist er völlig einsichtig:

Dass Menschen, die eine Kirche zum Gottesdienst besuchen;

Dass Menschen, die einer Kirche angehören, glauben,

das wissen selbst die, die von all dem überhaupt nichts wissen. Und häufig sagen sie es auf eine neidvolle Weise: Du hast da etwas, was ich nicht habe. Etwas, was ich vielleicht überhaupt nicht verstehe, was Dich aber wesentlich prägt und ausmacht. Auch mir ein bisschen fremd sein lässt. Natürlich wissen wir heute, dass es viele Gründe gibt, weshalb Menschen einen Gottesdienst besuchen, weshalb Menschen einer Kirche angehören. Der Glaube ist da eins unter anderem. Und dennoch: Dem Umstand selbst, damit zu tun zu haben, können Menschen sich nicht entziehen.

Und das ist schon das zweite: Glaube ist nicht nur einerseits völlig selbstverständlich – es ist ja heute geradezu en vogue zu sagen, schließlich glaube jeder an irgendetwas -, sondern Glaube ist auch völlig unverfügbar. Ich habe es nicht in der Hand, ob ich glaube.

Ich kann mich entscheiden, mich so oder so zur Erklärung dafür, weshalb alles ist, wie es ist, zu verhalten, aber ich kann mich nicht zum Glauben selbst verhalten.

 

II Einsicht ist unverfügbar

Natürlich: Manche von uns haben Eltern und Großeltern, die sie mit dem Glauben vertraut gemacht, die mit Euch gebetet haben, gesungen, oder biblische Geschichten erzählt haben. Manche haben gute Lehrerinnen gehabt, oder einen Pfarrer, von dem sie das Evangelium hörten. Aber ob wir all das für plausibel und einsichtig halten, dafür können wir nichts.

Dass der Umstand, zu glauben, nicht der Freiheit meiner willentlichen Entscheidung unterliegt, hat Martin Luther in der Reformationszeit ganz stark gemacht.

Zunächst einmal kann einen das ja hilflos machen: Ich kann meinen Glauben nicht beeinflussen. Umgekehrt heißt es aber auch: Die Tatsache, dass ich es mit dem Glauben zu tun habe, ist selbst ein Hinweis darauf, dass Gott handelt. Denn auch, wenn ich zweifele, mit vielem, was wir vom Glauben wissen, hadere, gerade nur noch andere für mich sprechen lassen kann, komme ich vom Glauben selbst ja nicht los. Martin Luther war überzeugt, dass dieses Phänomen ein Indiz dafür ist, dass Christen heilsgewiss sein sollten.

Glaube ist ein Werk Gottes. Paulus sagt es im zweiten Korintherbrief so: Denn der Gott, der sprach: Aus Finsternis soll Licht aufstrahlen, er ist es, der ein helles Strahlen in unsere Herzen gegeben hat, damit Erkenntnis aufleuchtet der Gegenwart Gottes im Angesicht Christi.

 

III Erkennen ist menschlich

Um dieses Verses willen halte ich diesen Text für die Frage nach Gott für zentral. Denn er sagt: Es gibt eine Entsprechung zwischen dem Schöpfungslicht Gottes am Anfang und etwas, das Gott Menschen eingegeben hat, damit wir etwas von ihm selbst erkennen können. Dass wir Gott erkennen können, gehört ganz direkt zu uns. Die Antiken sind davon ausgegangen, dass Gleiches einander besonders gut erkennen könne.

„Es werde Licht“, so beginnt Gottes Geschichte.

Licht über den Wassern.

Licht über dem Chaos.

Licht, das die Finsternis eingrenzt.

Licht, das Tagdinge schafft und Nachtwerk, umgekehrt.

Licht, das den Christenverfolger Saulus blendet und ihn erblinden lässt. Und doch schlussendlich neu sehen lehrt.

Licht, das Herzen hell macht und herzenshelle Menschen schafft.

Was Menschen im Innersten bestimmt, kommt von außen auf ihn zu. Licht. Wir selbst verfügen darüber nicht. Das bedeutet auch: Wie die Schöpfung am Anfang eine Differenzierung von Licht und Finsternis mit sich bringt, bringt der Glaube eine Differenzierung in Herzenshelle und Anderes mit sich. Und manchmal läuft diese Unterscheidung sogar mitten durch uns selbst. Es gibt nur eben kein Drittes. Paulus kann sich das nicht anders erklären, als dass dies eine Folge des „Gottes dieser Weltzeit“ ist.

 

IV „So oder so“

Man mag darin so etwas wie Zeitgeist sehen, oder etwas Widergöttliches, Endliches, Begrenztes, auf jeden Fall etwas, was etwas Flüchtiges hat. Auch wenn es im Wortsinn diffus bleibt, was Paulus hier eigentlich meint, glaube ich, dass wir diese Gestimmtheit gut nachvollziehen können: unser Glaube ist nicht konkurrenzlos, auch für uns selbst nicht. Wir zweifeln nicht nur innerhalb unseres Glaubens, sondern werden mit unserem Glauben selbst auf den Prüfstand gestellt. Viele kennen die Situation, wie es ist, wenn der Glaube an sich angefragt wird. Wenn Glaube erklärt werden will und wir merken: Selbst wenn ich mich verständlich machen kann, reicht dies nicht hin, damit Andere glauben. Und doch kommt Glaube aus dem Hören. Nicht hören, dass jemand anders glaubt, schafft Glauben, aber das Evangelium hören, daraus kann Glaube entstehen. Weil die Schrift selbst, indem sie gepredigt wird, Gottes Geschichte mit unseren Geschichten verwebt.

Glaube ist ein Werk Gottes. Er spielt Menschen eine Verlässlichkeit zu, die sie nicht in sich selbst finden. Glaube ist voraus. Glaube ist größer. Und Glaube zieht in die Zukunft. Deshalb bewegt er uns, erscheint uns manchmal aber auch wackeliger, wenn wir etwas von ihm sagen sollen, als er eigentlich ist, liebe herzenshelle Menschen.

Bei allem, was wir wissen und verstehen können, zieht Glaube zu dem, was noch kommt, was aussteht. Deshalb sind Zeugnisse des Glaubens und Vorbilder glaubender Menschen uns so einsichtig. Sie veranschaulichen das. Sie bilden auch Muster, an denen wir uns orientieren können. Wir täten das nicht, hätten wir den Eindruck, unser Glaube sei in sich vollständig.

Und zugleich ist uns Herzenshelligkeit zugesagt. Nicht irgendwie so ein Dämmerlichtchen. Herzenshelligkeit. Obgleich Glaube nie vollständig ist, ergreift er uns umfassend und unbedingt. Wie auch das Licht nicht irgendwie „anhält“: Die ganze Welt – alles: gut und böse –lebt aus Licht.

In diesem Licht sehen wir sowohl die Dinge, die unser Leben glücklich und selig machen, als von Gott geschaffen als auch können wir das, was es schwer macht, vor Gott bringen.

 

V Glaube ist trotzdem lernbar

Man kann das erfahren, man kann es aber auch wissen und eine spätere Erfahrung damit verbinden. Martin Luther hat es im Großen Katechismus deshalb auf die Frage, was Gott ist, so gesagt:

„Ein Gott heißet das, dazu man sich versehen soll alles Guten und Zuflucht haben in allen Nöten.“

Gott stellt das bereit. Wie wir die Welt vorfinden, wenn wir beginnen, sie zu erkunden. Subjektiv haben wir ja oft das Gefühl, wir würden uns alles selbst und mit eigenen Händen erschaffen und herstellen. Aber wie viel finden wir doch vor! Genauso erschaffen wir den Glauben auch nicht, wir lassen ihn zu – oder eben nicht. Und wenn wir es tun, erfahren wir etwas, was die Bibel Gottebenbildlichkeit nennt. Glauben ist etwas, das Menschen und Gott gleich ist, und eine Ebene, auf der wir miteinander verlässlich in Kontakt kommen können. „Meinem Gott gehört die Welt“, kann der glaubende Mensch sagen und singen.

Licht ist dann mehr als eine mehr oder minder zufällige Wellenbewegung in der Atmosphäre, mehr als eine Metapher für Verstandesleistungen, es wird uns zum Zeichen dafür, was Gott will: Seine Schöpfung ist auf Leben angelegt, auf Gutes und auf sichtbare Vielfältigkeit.

 

VI Unverzagt und unvertretbar

Glaube kommt von Gott her auf uns zu und will die gute Welt. Deshalb entspricht dem Glauben eine unverzagte und offene Haltung. Paulus spricht davon wider allen Anschein. Er selbst ist unfrei, auch unter Druck. Die Lage in den christlichen Gemeinden in Korinth ist total unübersichtlich. Christen sind in der Minderheit. Sind von mächtigen Kulten umgeben. Unverzagt und offen zu sein, legt sich nicht nahe. Eigentlich will man daheim bleiben, abwarten und andere mal machen lassen. Die Herzenshelligkeit ist es, die zum unverzagten und offenen Leben ruft. Jeden, der glaubt. Dein Glaube ist unvertretbar. Du kannst keinen anderen schicken. Weil Du selbst Barmherzigkeit erfahren hast, Leben, Gutes, in Gott eine Adresse hast für den Dank für alles Gute und die Klage angesichts aller Nöte. Und weil jeder dazu andere Geschichten erzählen kann, fallen alle eigenen Glaubenssätze ein bisschen unterschiedlich aus:

Ich glaube an einen gerechten Gott.

Ich glaube, dass Gott Schwache sicher hält.

Ich glaube, dass Gott Frieden will.

Ich glaube, dass Gott in Wolkenmeeren tanzt und mit Kraft und Feuer liebt.

Ich glaube, dass Gott Raum schafft und Luft zum Atmen.

Ich glaube, dass Gott weite Nähe ohne Angst schafft.

Jeder hat eigene Ich-glaube-Sätze. Und es gibt einen Zusammenhang zwischen allen diesen Sätzen, die im Wesen Gottes gründen, wie er sich uns zuwendet. Paulus nennt’s Barmherzigkeit.

 

VI Ein barmherziger Gott ist selbst herzenshell.

Barmherzigkeit Gottes ist: Gott selbst lässt sich in sich anrühren im Herzen von dem, was Dich bewegt, weil er es selbst nicht allein weiß, sondern erfahren hat, umherziehend in Galiläa; Gott ist selbst herzenshell. Gott glaubt. Deshalb können Menschen sich frei verhalten, einem Satz zuzustimmen, deren Grund sie nicht selbst legen können:

„Ich glaube.“

(ab hier nur in den Gottesdiensten ohne Taufen)

Die Kirche solidarisiert alle, die glauben. Stellt die Verkündigung auf Dauer, die Glauben hervorruft. Sie bekennt gemeinsam, wozu Einzelne sich näher und ferner verhalten.

So bekennen wir gemeinsam unseren Glauben:

Ich glaube an Gott,

den Vater, den Allmächtigen,

den Schöpfer des Himmels und der Erde,

und an Jesus Christus,

seinen eingeborenen Sohn, unsern Herrn,

empfangen durch den Heiligen Geist,

geboren von der Jungfrau Maria,

gelitten unter Pontius Pilatus,

gekreuzigt, gestorben und begraben,

hinabgestiegen in das Reich des Todes,

am dritten Tage auferstanden von den Toten,

aufgefahren in den Himmel;

er sitzt zur Rechten Gottes,

des allmächtigen Vaters;

von dort wird er kommen,

zu richten die Lebenden und die Toten.

Ich glaube an den Heiligen Geist,

die heilige christliche Kirche,

Gemeinschaft der Heiligen,

Vergebung der Sünden,

Auferstehung der Toten

und das ewige Leben.

 

Amen.

 

 

 

 

 

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