Das Erinnern: ‚Flüchtig Heiliges‘ als verborgenes Grundgerüst des menschlichen Daseins

 Gastbeitrag für www.totenhemd.de (zum 7. November 2016) – In diesem Jahr fragen Petra Schuseil und Annegret Zander: Auf welche Weise erinnern wir uns an unsere Toten? Einigen Spuren, auf die mich diese Frage setzt, geht der folgende Beitrag nach.

 

„Es kann im Sinn der Sache liegen, das Skelett zu verbergen. Aber setzt dann selbst wieder die Röntgenphotographie voraus.“ (Adorno, Th.W., Zu einer Theorie der musikalischen Reproduktion, hg. v. H. Lonitz, Frankfurt am Main 2005, 207).

Es wird etwas sichtbar, das dem menschlichen Auge verborgen ist. Th. Adorno war vom bildgebenden Verfahren mittels Röntgenstrahlen so fasziniert – obgleich das 1946 schon nichts Neues mehr war -, dass er dieses Phänomen zu einer zentralen Metapher seines Denkens machte. Persönliche Erfahrungen mit der Abbildbarkeit des eigenen Skeletts waren ihm immer dann greifbar, wenn er das eigene Leben als begrenzt, schwach und bedroht wahrnahm. Sichtbarkeit von eigentlich Verborgenen hat seinen Sitz im Leben in Todesnähe.

 

Erinnerungen teilen die Ambivalenz von Sichtbarkeit und Verborgensein. Was darin geschieht und was über die Schwelle des eigenen Bewusstseins schreitet und damit der eigenen Reflexion zugänglich wird, ist der menschlichen Steuerung überwiegend entzogen. Freilich kann ich mir Ankerpunkte im Leben schaffen, beispielsweise Orte wie Gräber auf Friedhöfen oder Fotografien im eigenen Zuhause, Zeiten wie ein bedeutsames Kalenderdatum oder kollektive Erinnerungsspannen wie den Totensonntag im November, um Erinnerungen an Tote wachzurufen. Um die Jetztzeit mit einer Erfahrung und einer Emotion, die in der Vergangenheit liegen, gleichgegenwärtig zu machen. Der Psychologe Endel Tulving nennt diese exklusiv menschliche Fähigkeit „Chronästhesie“ – als eine trickreiche Möglichkeit, der Unumkehrbarkeit von Chronologie im eigenen Erleben ein Schnippchen zu schlagen (grundlegend in: Elements of Episodic Memory, Oxford 1983).

 

Erinnern ist aber überwiegend überraschend. Ihm eignet Ereignisqualität, es zieht Aufmerksamkeit auf sich und nimmt in Beschlag. Dem Erinnern, das als identitätsrelevant verstanden wird, kann man sich nicht entziehen – es zwingt vielmehr dazu, sich zu verhalten. Deshalb neigen Menschen dazu, sich ihre Verstorbenen als handelnde Wesen zu vergegenwärtigen, obwohl sie gleichzeitig rational der Überzeugung sind, dass mit dem Tod das Ende aller Handlungsmöglichkeit einer Person gekommen ist, ja der Tod gerade dadurch definiert ist. Das Ende aller Handlungsmöglichkeiten zieht aber offensichtlich nicht die totale Verhältnislosigkeit nach sich. Darin ist ein basal menschliches Erleben anschlussfähig an die reformatorische Einsicht, die das Gottesverhältnis eines Menschen unabhängig von seinen Handlungsfähigkeiten beschreibt: Es besteht etwas, das über menschliche Gestaltungsspielräume hinaus Geltung besitzt und auch beansprucht. Deshalb können wir uns dem Erinnern Toter nicht entziehen. Das Erinnern wird zum Zeichen dafür, dass Menschen unabhängig von ihren Möglichkeiten, ihr Leben und ihre Welt zu gestalten, miteinander verbunden sind. Im Regelfall erinnern Menschen einander als Lebende. Dass ich „jemanden so in Erinnerung behalten kann, wie sie/ er war“, gehört zum stehenden Repertoire unserer Erinnerungskultur. Das Gedächtnis behält an Erinnerung, was ihm selbst nützlich ist.

 

Studien (etwa diese von Elizabeth Loftus) zeigen, dass Menschen sich auch dann Zeichen und Erzählungen als persönliche Erinnerung aneignen können, wenn sie sie gar nicht selbst erlebt haben, sofern ihnen dies hilft, ihre Beziehung zu einer verstorbenen Person zu verstehen, zu deuten, zu klären. Erinnern beschränkt sich nicht notwendigerweise auf Erfahrenes. Vielmehr werden Erinnerungen im eigenen Erleben jeweils so eingeordnet, wie wir auch das Leben ansonsten bereit sind zu verstehen: Irgendwo zwischen dem, „etwas so festzuhalten, wie es auf jeden Fall gewesen ist“, und den Erinnerungen als „datengestützte[n] Erfindungen“ (Wolf Singer). Erinnerungen sind insofern ein (verbreiterer) Spezialfall unserer Weltwahrnehmung überhaupt. Wenn ich etwa damit rechne, dass von „Dingen“ der mich umgebenden Welt, einschließlich und insbesondere anderer Menschen, wesensmäßig etwas ausgeht, das mein eigenes Erleben und Verhalten beeinflusst, gehe ich selbstverständlich auch in der Erinnerung an meine Toten davon aus (der französische Sozialphilosoph Bruno Latour hat diese Konzeption jüngst aufgegriffen und im Blick auf die Anthropologie weit ausgeführt – doch dazu denke ich an anderer Stelle ausführlicher nach). Diese Anschauung unterscheidet sich fundamental von der Vorstellung, die mich zentral als handelndes Subjekt in weitgehend für mein eigenes Erleben irrelevant objekthaften Umwelten sieht. Sie reicht ebenfalls weiter als die Vorstellung, durch bestimmte Zeichen oder definierte Reize würden meine Erinnerungen quasi „ausgelöst“. Erinnerungen haben ein Eigenleben. Und sie sind in ihrer Bedeutung für das eigene Leben umso dichter und vielfältiger, je weiter sie zurückliegen. Das hat Einfluss auf unser Verständnis von Dauer. Dass viele Menschen meinen, die Zeit sei in ihrer Kindheit viel langsamer vergangen als es im Erwachsenenalter der Fall ist, liegt vor allem auch daran, dass wir mit der Kindheit im Regelfall eine Fülle von Erinnerungen verbinden. An Erinnerungen, die uns an diesem Lebensgefühl müßigen und erfüllten Lebens teilhaben lassen, knüpfen wir gern an. Und das sind eben vielfach, zumindest mit fortschreitendem Lebensalter, Erinnerungen, die mit zwischenzeitlich Verstorbenen verbunden sind.

 

Erinnerungen sind in diesem Sinne hochindividualisiert. Sie hängen an der eigenen Lebensgeschichte, und vor allem auch an ihrer jeweiligen individualisierten Rekonstruktion. Sie verleihen dem Leben Stabilität, weil sie unser Erleben verknüpfen – einzelne Ereignisse werden eingeordnet, Menschen miteinander verbunden, sogar über den Tod hinaus. Wir handeln aufgrund von Erfahrung, wir fangen miteinander nie bei Null an. Erinnerungen ermöglichen das kontinuierliche reflexive Selbstgespräch als Mittel, sich selbst zu verstehen und bilden so eine Art Hintergrundstruktur für Gegenwärtiges. Harald Welzer formuliert es so: „In kooperativen Überlebensgemeinschaften, die Menschen ja dauernd bilden, brauchen wir das Kriterium der Adressierbarkeit “ (in: Das kommunikative Gedächtnis. Eine Theorie der Erinnerung, München 2011). Durch „Orte“ der Erinnerung vergewissern wir uns selbst der „Orte“ unseres Lebens. Genau in diesem Sinne sollten wir die Fähigkeit, uns zu erinnern, als „flüchtige Heiligtümer“ (Pierre Nora) verstehen. Die Metapher leistet, Erinnerungen sowohl in ihrer Ereignisqualität als auch in ihrer Bedeutsamkeit für den Einzelnen gleichzeitig zu beschreiben.

 

Erinnerungen sind hochindividualisiert. Indem sie uns aber jeweils die eigenen „Orte“ in der Welt zeigen, verweisen sie auf Verknüpfungen und damit auf Erinnerungsgemeinschaften. Familien sind Erinnerungsgemeinschaften durch die Zeiten. Peer-Groups leben aus erinnertem Gemeinsamen, häufig auch besonderen Anfangsgeschichten. Glaubensgemeinschaften sind Erinnerungsgemeinschaften. Heilige Schriften explizieren Gewissheiten, die sich Menschen, die sich als gläubig verstehen wollen, imponieren. Rituale verdichten geteilte Erinnerungen, etwa, wenn in der Abendmahlsliturgie der reformatorischen Kirchen das Bild aufgerufen wird, gemeinsam mit allen Heiligen, Engeln und Gewalten gemeinsam singend am Werke zu sein. Zeiten fallen zusammen. Erinnerung wird zur völligen Gegenwärtigkeit.

 

Gleichzeitig bergen überindividuelle Erinnerungsstorys unter gegenwärtigen Bedingungen des Verstehens die Gefahr, sich von der permanenten Reflexion zu lösen. Martin Luther hat dieses Phänomen 1519 im Rahmen der Leipziger Disputation beschrieben: Indem er einräumt, dass Konzile irren können, räumt er dem einzelnen Menschen das Recht ein, gegen normierte Erinnerungskultur Widerspruch einzulegen. Erinnerung, die durch soziale Bestätigung normiert ist, hat somit per se keinen höheren Wahrheitsgehalt als die Erinnerung des Einzelnen. Das darin liegende Konfliktpotential löste Luther pneumatologisch auf: Die rechte Erinnerung werde sich durchsetzen, weil darin der Heilige Geist wirke. Über Erinnerung darf nicht gerichtet werden. Wir gehen lediglich mit ihnen um. Wie wir dies tun, darin liegt unsere ethische und moralische Verantwortung, nicht in der Erinnerung selbst.

 

Der Wiener Philosoph Thomas Macho bemüht die Analogie der Verwesung, um zu beschreiben, was in der religiösen Vergegenwärtigung von Erinnerung geschieht, nämlich „eine Art von Verknöcherung beziehungsweise „Kristallisierung“ der Erinnerung, „die auch in den Steinen, die für den Toten errichtet werden, entsprechenden Ausdruck findet“. Erinnerungen machen Erlebtes greifbar. Einordnen hilft: „Das Zufällige, Formbare, Weiche, aber auch das Fleisch lebendiger Erfahrung … weicht … dem Notwendigen, buchstäblich Festgestellten, Harten, dem Ossuar, dem Skelett, dem Schädel, auf dem ein Zeichen oder ein Name stehen mag.“ (im Artikel: „Tod“, in: Ch. Wulf (Hg.), Handbuch Historische Anthrologie, Weinheim u.a. 1997).

 

Es mag zum Besonderen menschlichen Lebens gehören, solche „Erinnerungskerne“ zu haben. Manche eignen sich, um vom Eigenen zu erzählen und es verstehbar zu machen, andere sind persönliches Eigentum, gehören zuweilen sogar zum intimen Wissensbestand eines Menschen.

 

Und dann wieder Adorno: Alle Relationen, Zusammenhänge, Widersprüche, Konstruktionen und die sinnlichen Klänge, die unter der Oberfläche liegen, sichtbar zu machen, das tut das Erinnern. Dafür steht das Röntgen metaphorisch. Und es verleiht Ahnungen eines Ganzen in allen Brüchen.

 

So stehe ich staunend vor dem Erinnern. Und ich verstehe, weshalb mir Orte des Erinnerns wenig bedeuten, wohl aber minimale Erinnerungsspuren, kleine Begebenheiten und Ereignisse in biografisch weit zurückliegender Zeit. Erinnerungen – „flüchtige Heiligtümer“. Und natürlich geht davon eine moralische Qualität aus, wenn ich mich frage, woran sich Andere einmal werden erinnern können, im Zusammenhang mit mir. Erinnern ist für mich selbst aber auch wesentlich proleptisch. Wenn ich mich frage, woran ich mich im Leben „später“ einmal gern erinnern möchte, woran ich mich mutmaßlich erinnern werde. Und ich stelle mir vor, ich würde mich jenseits aller Zeiten daran erinnern, was geschah, als Menschen sich vom Leben mit mir verabschieden mussten. Dass dort so von Gott die Rede gewesen wäre, dass Menschen an meinem Grab hätten tanzen wollen. Oder es getan hätten. Weil Gott weiter reicht. Als der Tod sowieso. Und als alles Erinnern.

 

 

Fotocredit: Bill Rhodes (gebrochener Oberarm, links)

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2 Gedanken zu “Das Erinnern: ‚Flüchtig Heiliges‘ als verborgenes Grundgerüst des menschlichen Daseins

  1. Liebe Friederike,
    ich weiß ja nicht, was für einen Kaffee du morgens trinkst, ich musste mich ausgeschlafen und am Abend durch deine Gedanken arbeiten ;-). „Sie (Erinnerungen) verleihen dem Leben Stabilität, weil sie unser Erleben verknüpfen – einzelne Ereignisse werden eingeordnet, Menschen miteinander verbunden, sogar über den Tod hinaus.“ Ich musste daran denken, wie sehr Menschen mit zunehmender Demenz in ihrer Welt und sich selbst verloren gehen, weil sie dieses ordnende und stabilisierende Element der Erinnerungen nicht mehr haben. Und wie wichtig – im Umkehrschluss – diese Funktion der Erinnerungen für unser „in der Welt stehen“ ist. Mit meinen älter werdenden Eltern bin ich gerade auch aktiv dabei, mir Erinnerungen mit ihnen durch gemeinsames Tun zu kreieren. Sozusagen knochenstärkende Mittel.
    Danke, dass du wieder bei unserer Blogaktion mitgemacht hast!
    Viele Grüße
    Annegret

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    1. Liebe Annegret, danke, dass Du ausgeschlafene Zeit für den Text investiert hast! Gern lade ich Dich mal auf Kaffee ein – da ist das Beste nur gut genug. Das Bild vom Knochenaufbau spricht mich an; ich muss daran denken, wie viel Reha und Übung Knochenaufbau braucht. Spielen nicht Heilen und Üben eine entscheidende Rolle, wenn es um Leben und Sterben geht?

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