Ich mag keine Volkstrauertage.

Zu Volkstrauertag 2016 (kommunale Gedenkfeier)

Ich mag keine Volkstrauertage.

In meiner Kindheit gab es in unserem kleinen Dorf ein öffentliches Heldengedenken: Das Spiel wurde unterbrochen, gute Kleidung musste her, Flecken vom matschigen Herbstlaub und roter Frühstücksmarmelade unter weißen Strickjacken versteckt sein, und Männer in dunklen Anzügen – niemals Frauen – standen neben einer monumentalen Soldatenfigur und redeten lange und vor allem bedeutungsschwer. „Nie wieder“ und so weiter. Und es gab Ahnungen von allem dem Blut, das sich nachhaltig an so vieler Menschen Westen hielt. Und während ich nicht spielte, spielte der Spielmannszug, der sonst an Fasching aufspielte.

Ich mag keine Volkstrauertage.

Weil es so schwer ist, vom Frieden zu reden, ohne dass es erwartbar oder plakativ ist. Ohne diffuse Mächte zu beschwören und uns umgekehrt bei tiefsitzenden Verunsicherungen zu packen.

Ich mag keine Volkstrauertage.

Weil es für mich so schwer ist, dass jeder Einzelne mir klagt, dass es so viel zu klagen gibt, und an öffentlichen Klagetagen kaum jemand da ist, der es nicht aus Pflicht oder Tradition muss.

Verstehen Sie mich nicht miss: Pflicht und Tradition können Kontinuitäten schaffen, die auch unserer Demokratie Stabilität verleihen. Von daher haben all diejenigen heute meinen besonderen Respekt, die aus diesen Gründen hier sind. Denn das Klima wird rauher, auch in Deutschland.

Ich mag keine Volkstrauertage.

Weil sie mich auch als Einzelne hilflos machen, gegenüber dem unermesslichen Leid. Gegenüber dem unermesslichen Leid der Vergangenheit, das wir uns heute beklagen und vor die Instanzen bringen, von denen wir sagen, dass wir ihnen das Leben verdanken. Christen bezeichnen Gott so. Wir klagen Gott jedes einzelne Leben der 120 Millionen Toten der Weltkriege. Und wir wissen ja: Die Welt beginnt nicht erst im 20. Jahrhundert. Und jeder dieser Männer hatte Eltern, Schwestern, kleinere Brüder, Verlobte, Ehefrauen, Liebhaber, Freunde, Menschen, die ihm wert waren und die er schätzte.

Wir klagen Gott das Leben von 105 Soldaten und einer Soldatin, die bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr gewaltsam ums Leben kamen.

Wir klagen Gott jedes einzelne Leben, das heute bedroht ist, weil Kriege auf der Welt wüten. Kriege sind kein Schicksal. Hinter Kriegen stehen Entscheidungen. Und dennoch macht sich Hilflosigkeit breit.

Ich mag keine Volkstrauertage.

Weil es schwer ist, angemessen etwas zu sagen oder zu tun, das etwas Anderes ist, als etwas gesagt oder getan zu haben.

Vor vier Jahren habe ich Euch von dem jungen GI erzählt, der auf dem Gebiet meiner Kirchengemeinde wohnt, hinter verschlossenen Türen und zugezogenen Gardinen, der vor dem Krieg floh und der ihm doch folgte. Mitten unter uns ist der Krieg. Und der Hilfe suchte, bei den Worten, die wir teilen, als Christen auf der ganzen Welt, in verschiedenen Sprachen. O Lord, hear my prayer! Bei Gesten, die so verschieden sind, und die wir doch verstehen, wenn wir gemeinsam beten.

Vor zwei Jahren waren wir am Wartbaum. Frauen, Männer und Kinder – alle gemeinsam. Und dann verabschiedeten sie sich voneinander: Kinder von ihren Vätern, Männer von ihren Frauen und denen, an denen ihr Herz hing, Söhne von ihren Vorbildern, Töchter von denen, die ihnen das Schaukelpferd bauten. Und sie gingen. Krieg ist Katastrophe, die mitten in Dein Herz reicht.

Ich mag keine Volkstrauertage.

Und stehe heute doch hier. Ja, es ist meine Pflicht. Ich tue es, weil unser demokratisches Gemeinwesen und die Freiheit, die wir ohne die reformatorische Geschichte in unserem Land wohl ganz anders verstehen würden, jede Verteidigung verdienen. Ich tue es auch, weil uns an diesem Tag so offensichtlich wird, dass sich diese Aufgabe nicht erledigt hat, sondern wachgehalten werden muss. Ich tue es, weil wir öffentliche Worte brauchen, nicht allein Bilder und Kränze. Weil das Symbole und Zeichen sind, die bald niemand mehr verstehen wird. Wenn wir nichts sagen. Wir, die wir etwas sagen können, weil wir Erfahrungen haben, die uns sprechen lassen. Oder weil es unser Amt ist, als Vertreter oder Vertreterin einer politischen oder kirchlichen Institution.

Ich bitte Sie ganz eindringlich – und schließe mich selbst darin ein – auch dann nicht zu schweigen, wenn es uns etwas kostet. Wenn wir wissen, dass wir an Ansehen verlieren. Wenn wir um Worte ringen. Auch, wenn wir eingeschüchtert werden. Es ist so wichtig, die Freiheit und die Demokratie zu organisieren und sprachfähig zu erhalten. Wir müssen sagen können, weshalb es gut ist, in einer vielfältigen und diversen Gesellschaft zu leben.

Wir sind es denen schuldig, die dafür starben.

Wir sind es denen schuldig, die heute auf der Flucht sind, unter Krieg und Kriegsfolgen leiden.

Wir sind es denen schuldig, die in Ländern leben, in denen Freiheitsrechte wie Versammlungsfreiheit, Meinungsfreiheit, Pressefreiheit und Freiheit der Religionsausübung nicht garantiert oder systematisch eingeschränkt werden.

Wir sind es auch den Politikern und Pfarrern und überhaupt allen, die öffentlich das Wort erheben, schuldig, die durch anonyme Briefe eingeschüchtert werden sollen, ihr Amt nicht so auszuüben, wie die Ordnungen von Staat und Kirche es zu Recht vorsehen.

Wir sind es uns selbst schuldig, unserer eigenen Integrität.

Ich mag keine Volkstrauertage.

Und ich muss Volkstrauertage auch nicht mögen.

Und doch ist es gut, dass es sie gibt. Eigentlich wünschte ich mir sogar, Menschen würden viel mehr die öffentlichen Orte teilen. Weil dann etwas sichtbar wird von der Demokratie, für die wir einstehen. Weil wir Geschichten teilen könnten: Die, denen es nachts den Schlaf raubt, das Geräusch der Bomber über dem Aquädukt immer noch zu hören, nach so vielen Jahrzehnten; denen wir mir, die der Kriegsenkelgeneration angehören, und Vieles unserer Wohlstandsunsicherheit nur verstehen, wenn wir endlich anfangen zuzuhören. Und derer, die nach uns sind und von ganz anderen Fragen bewegt sind.

Und wir verstünden und teilten das Leben. Volkstrauertage, Volksfriedenstage und den unbedingten Willen zu Demokratie und Freiheit.

Dafür würde ich auch das Alltagsspiel unterbrechen. Die gute Kleidung anziehen. Den Herbstmatsch mit mir tragen und die roten Marmeladenflecken vom Tisch, an dem alle Platz haben. Und Männern und Frauen und Kindern endlich einmal wirklich zuhören. Wir werden sehen, wo Blut versickert und zum Himmel schreit. Und klagen. Und wir werden schweigen und weinen und lachen und beten.

Ich spreche ein Gebet (nach Worten von Sylvia Bukowski):

Gott,

Du willst Freiheit und Frieden.

Viele haben das für sich geschworen: Nie wieder Krieg! Nie wieder Auschwitz!

Sieh unsere Welt an: Aber die Waffen sind dennoch nicht zum Schweigen gekommen. Blutige Kämpfe toben,

Menschen werden interniert, gefangengenommen, gefoltert. in vielen Teilen unserer Erde. Wir sind Zeugen und Zeuginnen von Völkermorden: Das Blut der Opfer schreit zum Himmel: Wie lange noch soll das Töten weitergehen? Wie lange noch werden die Seelen vergiftet? Antworte, Gott, und bleib nicht verborgen! Und gib uns Worte, wenn wir Verantwortung übernehmen müssen.

Verhindere, dass wir uns abfinden mit Gewalt und Unrecht, und dass wir die Hoffnung verraten, die wir dir verdanken. Stärke in allen Völkern und in allen Religionen Menschen, die für Entfeindung eintreten, die gewaltlos für Gerechtigkeit kämpfen, und die Vielfalt der Schöpfung schützen.

Amen.

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt (Friedhof Nidderau-Windecken, Ehrenmal für die Opfer der Weltkriege des 20. Jahrhunderts)

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