Bibeln über Bibeln. Aufmerksamkeit für Materialität

Natürlich, unter rein funktionalen Gesichtspunkten hätte es auch die Standardausgabe getan. Aber ich stellte mir vor: Eines Tages, wenn ich mal alt wäre, sitze ich im Lehnstuhl und streiche über die Tiefenprägung von „Luther17“, der Sonderausgabe zum Reformationsjubiläum. Und ich würde mich erinnern, wie das war, damals, 2017. Wie es schwer war, Gemeinden im anhaltenden Veränderungsdruck und ebenso besonnen anhaltendem Festhalten an dem, was ist, die Impulskraft der reformatorischen Theologie nahezubringen. Wie es eine besondere Herausforderung war, über die immer gleichen Einsichten immer wieder neu zu sprechen, um Einsichten anzubahnen. Wie schön es war, dass überall in den reformatorischen Kirchen ein Thema alle Christenmenschen verband. Wie bereichernd für alle es war, mit den Gebildeten unter den Verächtern der christlichen Religion aus feuilletonistischem Anlass über das Reden von Gott und den Glauben zu sprechen. Wie Mancher (und Manchem) die Bibel das erste Buch im Wandschrank war, weil eine B-Promi oder ein Modedesigner oder ein bekennend atheistischer Cartoonist auf dem Schuber abgebildet war. Wie groß die Erwartungen waren und wie klein die Brötchen, die wir gebacken haben. Und wie uns eigentlich alles miteinander gar nicht radikal, grundlegend weitreichend genug war, #loyalradical eben. Wie es genug Grund gab, ständig unter #reformationwiesieniemandwill zu schreiben und die Welt voller Lutherbonbons war. Und wie das Leben ansonsten trotzdem weiterging.

 

„Die revidierte Lutherbibel ist das schönste Geschenk des Reformationsjubiläums“, haben sie gesagt, damals, und damit doch auch alles andere relativiert, was sich da so zwischen Oktober 2016 und Oktober 2017 durch die Kirchenlandschaft tummelte. Und darauf hingewiesen, was sowohl hermeneutisch als auch sachlich als die weitestreichende Errungenschaft der reformatorischen Bewegung gilt: die Zugänglichkeit der christlichen Grundschriften für alle Menschen durch Übersetzungen, Einführung von Schulpflicht, Verbreitung von Massenkommunikation – zunächst durch Flugblätter, später durch die sonstigen Erzeugnisse des Drucks mit beweglichen Lettern. Vom Hören des Wortes in der Predigt gehen schließlich alle Gestaltungsimpulse christlicher Kirchen nach evangelischem Verständnis aus.

Das leuchtet mir ein, nicht nur, weil ich die Theologie studiert habe und die Auslegung der Schrift zum Kern meiner beruflichen Identität als Pfarrerin gehört, sondern weil ich trotz überwiegend säkularer Sozialisation an einen „Präsenzstrom“ biblischer Überlieferung anknüpfen kann – schließlich ist „Luther17“ nicht das erste Bibelbuch, das in meinem Schrank steht:

Merkwürdigerweise gab es im Hause meiner Ursprungsfamilie keine Familienbibel, wohl aber ein großformatiges, leinengebundenes und fadengeheftetes Neues Testament, illustriert mit Bildern im Kirchenfensterstil des sozialistischen Realismus – keine Ahnung, wo das Buch in den 1980er Jahren plötzlich herkam, jedenfalls waren mir seine Texte bald schneller verständlich als die grellen Bilder. Irgendwann zog Zinks Kinderbibel ein, vielleicht mochte ich sie schlicht deshalb, weil es mein erstes und über lange Zeit auch einziges Hardcover-Buch war. Ende der 1980er Jahre kam ich auf ein Gymnasium eines katholischen Ordens und bekam an meinem ersten Schultag dort mit großer Selbstverständlichkeit eine Bibel geschenkt, in Einheitsübersetzung. Wohl am meisten beeindruckte mich, dass mir die Schule etwas schenkte. Das war ich nicht gewohnt und sollte es auch zukünftig nicht allzu oft erleben. Im Konfirmandenunterricht bekam ich dann keine mehr – „Du hast ja sogar schon eine“ -, dafür dort die Erinnerung ans Bibellesen als Ritual: So begann jede Konfirmandenstunde – vermutlich handelte es sich um den Predigttext des herannahenden Sonntags -, jedenfalls ist die Erinnerung an das Das stärker als an das Was. „So ist das eben in der Kirche“, dachte ich. Und mit dem Theologiestudium nahm mein Bibelbesitz auch quantitativ schlagartig zu – die Elberfelder zum Übersetzen, die Zürcher für die Sprache, eine Biblia Hebraica und ein Novum Testamentum Graece, später auch die Vulgata. Eine Septuaginta schenkte mir ein pensionierter Pfarrer, bevor ich mir sehr viel später tatsächlich nochmal eine neue Auflage kaufte. Jerusalemer für die eilige Kommentierung und natürlich die kommentierte Zürcher, weil es einfach auch so ein wunderschönes Buch ist. Im Pfarramt Senfkornbibel „für alle Fälle“, die ich nach fast zehn Jahren übrigens neulich verlegte, illustrierte Bibeln für Predigteinfälle, Message Bible fürs schnelle Gebrauchsübersetzen unter der Woche – sofern erforderlich -, Hosentaschenbibeln zum Verschenken, Bibelcomics für Konfirmandenunterricht, bebilderte Lutherbibeln für Trauungen und manchmal auch Taufen, Hörbibeln, Internetseiten fürs Copy&Paste und Apps. Eine nur für Bibliologe, wegen der vielen Post-its, und eine für art journaling. Dazu im Archiv die Bibeln von Vorgängern und solche, die Familien ererben, ohne Gebrauch davon machen zu wollen. Kirchengemeinden stellen Auguste-Viktoria-Bibeln in Vitrinen aus oder eben das, was sie an alten und/ oder regional bedeutsamen Bibeln vorzuzeigen haben. Mehr als genug also.

 

Die Überlieferungsgeschichte der Bibel ist neben ihrer inhaltlichen Rezeption im Gottesdienst, im Leben der Kirchengemeinden und – in Abhängigkeit zur frömmigkeitlichen Prägung – der häuslichen Lektüre auch materialer Kultur. Als solche imponiert sie sich Menschen als Symbol für das, was über das Vorfindliche hinausgeht und das Leben gründet. Sie wird in Ehren gehalten und hat einen besonderen Platz in der Haushaltung, nicht selten an gut verborgenem Ort. Ihren Notizen und Einlegern wird besondere Bedeutung beigemessen. Oft auch dann, wenn diejenigen, denen sie gehört, selbst nicht mehr gefragt werden können.  Dann steht deren Bibel stellvertretend für die Anwesenheit eines Menschen, auch für das, worüber er oder sie eben nicht sprach. Und über seine Lebenszeit hinaus.

 

Das, was die Materialität unserer Bibeln erzeugt, wie sie auf Menschen wirkt, ist offensichtlich nicht zu unterschätzen. Zur Kulturprägung des Protestantismus gehört die Wirkung der Materialität von Bibeln. Deshalb ist es gut, dass es zum Reformationsjubiläum 2017 eine revidierte Übersetzung gibt. Und dass sie in vielen Formaten unter die Leute gebracht wird. Weil von der Materialität eine eigene Wirkung ausgeht, die wahrscheinlicher macht, dass das Wort Gottes, wie es in den Büchern Alten und Neuen Testaments bezeugt ist, auch an unvermuteten Orten zur Geltung kommt und reformatorische Einsichten hervorbringt. Und damit wären wir dann auch beim Thema Reformation. Sie ist ein Thema des rechten Bibelgebrauchs. Erst damit beginnt sie.

 

Fotocredit: Deutsche Bibelgesellschaft 

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