Die Sache mit der gerechten Welt. Ein Adventsgleichnis vom Wirken Gottes

Ein Stückchen Predigt für den Ersten Advent 2016 in der Stiftskirche Windecken (zur Eröffnung der Aktion „Brot für die Welt“)

 

Erster Advent ist der Beginn unserer Sehnsucht nach der gerechten Welt.

Die gerechte Welt Gottes ist mit Sauerteig zu vergleichen, den eine Frau nahm und in drei Sat Mehl verbarg, bis das ganze Mehl durchsäuert war.

So erzählt Jesus es im Gleichnis. Überhaupt, direkt ist nicht zu sagen, was doch ausgesprochen ist: was von Anfang der Welt an verborgen war.

Wenige Zeilen, eine lange Geschichte.

Die wesentlichen Stationen:

Was Sauerteig zu solchem macht, ist unsichtbar. Gib Wasser zu Mehl und lass alles stehen. Heute wissen wir: Mikroben tun ihre Arbeit. Und dennoch: Es geschieht etwas, was wir nicht bewusst initiiert haben, sondern eher billigend in Kauf nehmen.

Die erste Etappe ist mühsam. Man hat wenig und es passiert auch nichts.

Eine kleine graue Masse Etwas, die stinkt und sich eklig anfühlt. Irgendwie macht einem das nicht gerade Hoffnung.

Irgendwann – keiner weiß im Nachhinein mehr, wann es so genau begonnen hat – geht es los. Es blubbert und schäumt. Und wenn Du Mehl dazugibst, sieht es fast so aus, als spreche das, was da ist.

Gelegentlich googelt man dann doch mal, ob alles mit rechten Dingen zugeht. So eine Gebrauchsanweisung wäre ja schon irgendwie gut, für die gerechte Welt. Alles kann man genau messen und zeitlich abschätzen, aber dann: Es kann auch alles ganz anders sein. Es macht einen Unterschied, ob Du in Nidderau bist oder in New York, in den Alpen oder in der Lüneburger Heide. Und überhaupt, was in der Luft ist. Aber was weiß man schon, was so in der Luft liegt?

Tag 3. Das Buch sagt: Es stinkt eklig. Eklig Stinkendes riechen ist übrigens eine andere Erfahrung als zu lesen, dass es eklig stinkt.

Nächste Aufgabe: Abmessen und verbergen. Ob es dadurch mehr wird? Ob es dann endlich irgendwann einmal reicht? Ich hab schließlich eine Menge andere Dinge zu tun, als ständig meiner Sehnsucht nach der gerechten Welt nachzugeben.

Wenn ich ehrlich bin, habe ich das auch erst mal vergessen. Weil er es warm und dunkel braucht. Und ich im Herbst doch eher den Wind und das Licht suche. Dinge einsammeln für den langen Winter. Und doch bin immer wieder zu ihm zurückgekehrt. Habe erwartungsvoll das Leinentuch gehoben. Tut sich da was?

Das Himmelreich ist mit einem Sauerteig zu vergleichen.

Er kann überwintern, braucht kaum Pflege, wissen viele. Aber wenn etwas geschehen soll, dann kümmere Dich, sagen die Insider. 3 Sat Mehl gibt die Frau im Gleichnis. 39,39kg. Den Sauerteig interessiert es nicht, dass das unendlich viel Arbeit ist. Er tut sein Werk erst, wenn er anschließend ruht und gärt. Bis dahin hat eine Einzelne viel zu tun, damit 150 satt werden. Allzu idyllisch sollte man sich das Gleichnis und das Leben der Christen und Christinnen nicht vorstellen. Die Errungenschaft: Sie muss es nicht täglich tun, damit die 150 täglich Brot haben. Was geschieht, hält an. Der Sauerteig ist kein Mimöschen. Er nimmt Dir nicht übel, dass Du ihn vergisst, ihm zu wenig oder zu viel gibst – er reagiert, aber er geht nicht ein. Arbeit setzt Wunder in Gang. Aber sie tut sie nicht. Am Ende ist alles durchsäuert, die ganze Welt, von Gottes Welt. Das ging jetzt aber schnell, oder?

Das Himmelreich ist mit einem Sauerteig zu vergleichen.

Nehmen wir mal an, der Matthäusevangelist weiß, was er da schreibt. Dann heißt das doch:

Mit dem Reich Gottes verhält es sich so:

Wir tun etwas, und etwas Anderes ereignet sich darin oder danach, das wir nicht direkt initiiert haben, aber billigend in Kauf nehmen. Wir sprechen, beten, singen, schweigen – und es geschieht noch etwas Anderes.

Am Anfang ist es mühsam. Irgendwie versteht sich das ja von selbst. Die meisten wichtigen Dinge sind erst mal auch mühsam. Auch das Reich Gottes.

Es sieht erst mal anders aus als das, was es verheißt. Überraschend und verstörend.

Und irgendwann ist es da. Es kann so sein, wie es geschrieben steht – und es kann anders sein. Hier anders wie dort. Bei Dir anders als bei mir.

Erleben ist anders als über Erleben lesen. So verhält es sich auch mit dem Reich Gottes.

Die Sache mit dem Reich Gottes wird auch mal vergessen. Wir leben ja nicht so, als erwarteten wir in jedem Atemzug das Reich Gottes. Selbst, wenn das zu unseren Ansprüchen an uns selbst gehörte. Davon geht es nicht ein, wohl aber macht es einen Unterschied, ob das Reich Gottes im Vergessen überwintern muss, oder ob es genährt wird.

Überhaupt das: Es geht immer noch etwas dazu. Reich Gottes geht nicht aus.

Das Himmelreich ist mit einem Sauerteig zu vergleichen.

Der entscheidende Augenblick ist der zwischen dem Ende der Arbeit der Frau und dem Beginn der Durchsäuerung. Hier ist eine Leerstelle in unserem Denken. Hier kann ich nicht genau beschreiben, was geschieht.

Darüber reden wir in der Eine-Welt-Gruppe. Wie das geht, mit dem Durchwirken. Wie das ist, in der Arbeit der Gruppe. Was sich schon getan hat seit den 80er-Jahren, als alles anfing, nach einem Kirchentag. Reden über so viele Dinge, die wir alle eigentlich wissen. Alltagsdinge, alles tausendmal bedacht und getan: Von Luxus und Überangeboten, von der Entscheidungsmacht des Einzelnen, von der Moralfalle und denen, die mitten unter uns nicht genug haben.

Übers Durchwirken denken wir nach. Über den langen Atem und über den Widerstand, der die Kirche ist. Wie wir überleben und an uns gewirkt wird, mitten im Gesellschaftsmehl verknetet. Überhaupt, diese ständige Warterei im Christentum. Wo doch sonst überhaupt scheinbar niemand auf irgendetwas wartet. Wo alles gleichzeitig ist.

Und ich erzähle von Modellen, die die Theologie ersonnen hat, um zu verstehen, wie Gott in der Welt wirkt; und Menschen und die Welt durchwirkt.

Am späteren Abend, als es schon dunkel ist, gehe ich nachdenklich durch die Straßen unserer Stadt. Durchwirkt und doch verborgen, denke ich.

Zuhause setze ich mich im Dunkeln noch vor den Bildschirm meines Dienstrechners. Ich sehe das grüne Symbol für „online“ in meinem Chatfenster und denke: Gut, dass Du noch arbeitest, und schreibe: „Ich will das jetzt genauer wissen, mit dem Durchwirken und dem Sauerteig und so“, schreibe ich, „Wie das so ganz genau funktioniert mit dem Sauerteig. Weiß Du das?“ Rätselraten beginnt. Ein bisschen Biologie, ein bisschen angelesenes Wissen von hier und da. Egal wie, ich will es ausprobieren. „Einfärben“, lese ich, „was hältst Du davon? Färb den Sauerteig ein und dann müsstest Du doch sehen, wie sich das entwickelt, mit dem Durchsäuern. Und sei nicht zimperlich – nimm die Farben aus England, so richtig ungesundes Zeug.“ Ich schmunzele, mache ein paar Notizen und schalte Strom und letzte Lichter aus. Nacht. Leerstelle. Nicht genau beschreiben können, was geschieht. Und doch: Gesagt, getan.

Am nächsten Tag: Ich gehe in den Laden, der immer alles hat. Rot, denke ich, als ich die Farbpalette sehe. Rot, die Farbe des Heiligen Geistes. Rot, die Farbe der Kirche. Und: Ein bisschen voyeuristisch ist’s schon, als ich alles in ein großes Glas fülle, den pfingstroten Sauerteig und Mehl und Wasser und auf die Heizung stelle. Ach was, das lebt ja nicht, beruhige ich mich. Aber wer weiß das schon…

Die gerechte Welt ist mit einem Sauerteig zu vergleichen.

Und am dritten Tag – da ist alles rot.

Amen.

 

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