Wenig vor Weihnachten, 2016.

Miszellen und predigende Gedanken – für den 21. Dezember 2016, Stiftskirche Windecken.

 

EINGANGSPORTAL (im Anschluss an Stille und Psalm 130)

Angesichts von Krieg,

von Terror mitten in unseren Weihnachtsgeschäften,

angesichts von Angst, die so viele umtreibt,

von Menschen, die auch in diesem Winter auf der Flucht sind und

angesichts der verheerenden Situation in Syrien

sind wir zum gemeinsamen Gebet gerufen.

An vielen Orten tun Menschen dies in diesen Tagen.

Nicht nur, weil wir uns einer alten Geschichte von Macht und Flucht erinnern,

damals, als ein Gebot ausging, dass alle Welt geschätzt würde,

sondern auch,

weil wir merken, wie brüchig unsere Welt ist. Wie garstig sie sein kann.

Unsere persönliche Welt, unsere gesellschaftlichen Grundannahmen, der politische Frieden.

Und trotzdem wird es Weihnachten werden.

Wir feiern dieses Fest,

nicht weil wir in eine kleine heile Welt flüchten wollen, sondern weil Gott in die kaputte Welt kommt, die große mit den Schlagzeilen, und die kleine, die nur Du kennst.

Das Kind, das auf die Welt kommt, fragt nicht, ob es recht ist, dass es gerade jetzt da sein wird.

Lasst uns all dies, was uns umtreibt, vor Gott bringen.

Wir tun dies, weil wir einander brauchen.

Wir tun dies im Advent,

weil wir darauf vertrauen,

dass unser Heiland, der Friedensbringer, kommt.

 

ANSPRACHE

 

I Terror – Was auf dem Spiel steht

„Es geht nicht darum, Menschen zu töten. Es geht darum, Menschen gegeneinander aufzubringen.“

Es geht nicht darum,

ob ein Kind, das eben noch mit strahlenden Augen vor dem Karussell stand,

mutwillig von einem LKW überfahren wird.

Es geht nicht darum,

ob die Alte, die ihr ganzes Hab und Gut mit sich trägt,

wenigstens in diesen Tag von dem, was der Weihnachtstrubel liegen lässt, mal satt wird.

Es geht nicht darum,

ob Ihr eben noch zusammen mit klebrigen Fingern viel zu süßen Glühwein getrunken habt

und jetzt durch einen gewaltsamen, sinnlosen Tod getrennt seid.

Es geht darum, Menschen gegeneinander aufzubringen.

Das zu tun, war es einem wert, eine solch unermessliche Gräueltat zu begehen.

Dass wir uns fragen würden, ob dass der Preis der Demokratie ist.

Dass wir uns fragen würden, ob wir denn morgen und übermorgen tatsächlich auf den Weihnachtsmarkt gehen sollen, in Hanau oder auf dem Römer.

Dass wir uns fragen würden, ob wir Konzerte besuchen, oder übervolle Weihnachtsgottesdienste, und ob wir denn überhaupt „O du fröhliche“ singen werden, übermorgen, wenn Gott auf die Welt kommt.

Wir müssen es tun.

Denn Gott kommt.

Und wir halten es nur miteinander aus – dem Bösen zu widerstehen.

 

II Gott kommt. Der  Macht zur Furcht.

Gott kommt, und Herodes fürchtet sich.

Er hat die Macht. Er hat das Sagen. Und er hat Angst.

Vor einem neugeborenen Kind.

Nackt und in Windeln gewickelt.

Das unmittelbare Leben macht Mächtigen Angst.

Das, was wir so alltagtäglich tun.

Die Kraft von vielen Menschen, die auf der Flucht sind. Die alles hinter sich lassen. Die ihr Leben riskieren.

Der Überlebenswille einer Hochkultur in Syrien, deren Land in Schutt und Asche liegt.

Herodes ist quasi der Einzige, der diese Worte nicht hört: Fürchte Dich nicht.

Herodes lässt die Kinder töten, wird erzählt. Alle neugeborenen Jungen.

Und es geht ihm nicht um das eine Kind, das Du in den Armen hältst.

Es geht ihm um seine eigene Macht. Daneben darf nichts sein.

Das Jesuskind, Gotteskind überlebt,

weil viele nebeneinander stehen.

Maria, die der Stimme eines Engels traut.

Josef, der Maria traut.

Hirten, die einfach loslaufen.

Könige, die ihren eigenen Einsichten folgen.

Alle haben sie Angst.

Maria ahnt, dass das Kind ihr Leben umkrempeln wird.

Josef ängstigt sich vor dem, was die Leute wohl so sagen werden.

Hirten haben Angst vor dem Ungewohnten, Unbekannten.

Könige befürchten, aufs falsche Pferd gesetzt zu haben: Sollen wir wirklich diesem Stern trauen?

Und doch bannt die Angst sie nicht. Weil sie die Anderen sehen – mit ihren Ängsten. Den anderen Ängsten. Und wie sie einander ihre Ängste entgegen können.

Vertrauen, Mut und Klugheit lassen Menschen nebeneinanderstehen.

Es miteinander aushalten.

Dem Bösen widerstehen.

Dem Terror.

Mitten in dieses Garstige hinein öffnet Gott seinen Himmel.

Lässt uns Licht sehen und Engel hören,

die rufen: Fürchtet Euch nicht.

 

III Gott bleibt.

Denn Gott bleibt in dieser Welt.

Niemand kann etwas tun, um ihn zu vertreiben –

Wie er so neben dem Kind in Aleppo sitzt, das schon keine Tränen mehr hat.

Wie er mit schmerzerfülltem Gesicht vom Kreuz in der Gedächtniskirche auf den Breitscheidplatz schaut,

wie er der gebückten Frau mit all ihren Tüten und Taschen einmal alles abnimmt, damit sie den Blick zum Himmel heben kann.

 

IV Die Frage unserer (vermeintlichen) Erwartungen und Gottes Gericht: Der Zwang zum Hinschauen.

Und ja: Gott stellt sich unseren Erwartungen an ein friedvolles Weihnachtsfest ziemlich in den Weg.

Es hätte doch so schön sein können. Wir hätten doch wenigstens für ein paar Tage mal alles vergessen: Die ewigen Streitereien, enttäuschten Erwartungen und das Leid aller Welt. Gott rückt uns damit auf den Pelz, an die Seele und manchem auch an den Leib. Gott bleibt. Und er schaut hin.

Damit wir hinschauen.

Gott bleibt. Damit wir nicht mehr wegschauen.

Hinzuschauen, dazu zwingt Gott.

Auf dass wir einander beistehen.

Und einander den Weg zur Krippe zeigen.

Einander zeigen, wo Gott ist.

Wenn wir selbst die Rolläden unserer Häuser und Herzen vor all dem am liebsten verschließen.

 

V. Schließlich: Singt!

Dann stehen Andere trotzig davor und singen: Welt ging verloren, Christ ist geboren. Christ ist erschienen, uns zu versühnen. Himmlische Heere jauchzen Gott Ehre.

Die Nacht ist vorgedrungen, der Tag ist nicht mehr fern,

wer zur Nacht geweinet, der stimme froh mit ein.

Der Morgenstern bescheinet auch deine Angst und Pein.

Amen.

 

BEKENNTNIS (aus der liturgischen Fassung des Bekenntnisses von Belhar, 1986)

Wir glauben, dass Gott wahre Gerechtigkeit

und dauerhaften Frieden auf Erden herbeiführen will.

Wir glauben, dass Gott in besonderer Weise

der Gott der Notleidenden, der Armen und der Unterdrückten ist.

Gott schafft den Unterdrückten Recht und gibt Brot den Hungrigen;

Gott befreit die Gefangenen und macht die Blinden sehend.

Gott schützt Fremde, Waisen und Witwen

und vereitelt die Pläne der Bösen.

Wir glauben, dass die Kirche als Gottes Eigentum

dort stehen muss, wo Gott steht:

gegen das Unrecht und auf der Seite der Entrechteten.

Wir stellen uns jeder Politik entgegen, die Ungerechtigkeit hervorruft:

wir legen Zeugnis ab gegenüber den Mächtigen,

die ihre eigenen Interessen verfolgen und andere verletzen.

Wir stehen bei denen, die leiden –

und teilen unser Leben mit ihnen.

 

Als Schriftwort haben wir gehört auf: 1 Petr 3, 8-17 und gesungen haben wir auch: „Die Nacht ist vorgedrungen“ EG 16, 1-5), „O Heiland, reiß die Himmel auf“ (EG 7, 1-4) und „Macht hoch die Tür, die Tor macht weit“ (EG 1, mit zwei traditionell überlieferten Strophen, 1.3, und zweien aus der Feder von Thomas Laubach:)

 

Gott kommt ganz unscheinbar zur Welt,

zur Nacht, im Stall, auf freiem Feld,

zu Menschen, die im Abseits stehn,

die Engel trauen, Sterne verstehn,

die glauben, dass die Hoffnung blüht,

die hoffen, dass ein Wunder geschieht,

Gott geht im Menschen auf.

 

In jedem Kind spricht es sich rund.

Die Sehnsucht findet einen Grund,

dass Kriegsgeschrei, der Mantel aus Blut

der Terror und die blinde Wut

am Ende nur am Ende sind,

weil Ohnmacht uns den Morgen gewinnt:

Gott steht im Kleinen auf.

 

 

 

 

 

 

 

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