Sucht sich Institutionalität neue Orte? Ein Schlaglicht auf die Entwicklung Neuer Medien

 

Dass sich die Welt verändert, gehört zu den stehenden Topoi und Klischees allgemeiner Rhetorik. Wer so redet, nimmt auch in Kauf, dass diese Entwicklungen durch die schlichte Thematisierung negativer gedeutet werden, als dies nach intersubjektiven Maßstäben der Fall sein müsste. Veränderungsrhetorik ist immer auch pejorativ.

 

Zu den stehenden Motiven dieses Sprachspiels gehört der Hinweis, dass sich Kommunikation durch Soziale Medien verändere. Weiterhin kann die Hypothese angeschlossen werden, dass sich gar das gesellschaftliche Leben durch diese Möglichkeiten von Interaktion und Kooperation verändere. Offen bleibt dabei allerdings, in welcher Weise es dies tut und ob es Beschreibungsmöglichkeiten gibt, die jenseits einer schlichten Polarisierung liegen. Denn relativ unversöhnt stehen sich ja die gegenüber, die zum einen Nutzen und Mehrwert betonen, und diejenigen, die mit anderen Medialitäten nicht nur die bisherige kommunikationsethische Etikette, sondern zugleich gesellschaftliche Werte in Gefahr sehen.

 

Allerdings übersehen beide, dass neue Medien alte nie ablösen, sondern immer zusätzlich auftreten: Der Buchdruck hat das Manuskript nicht abgelöst, das Telefon nicht den Brief, das Internet nicht das Telefon. Medien treten grundsätzlich additiv auf. Deshalb haben auch die mit ihnen jeweils verbundenen Werte immer einen eigenen Spielraum.

 

Die Wirkweise von Medien wird auffällig häufig metaphorisch beschrieben, etwa als Spur, als Bote oder als Virus. Analogien sollen dazu dienen, komplexe Relationen verständlich und in Ansätzen auch „sichtbar“ zu machen. Eine komplexe Beschreibung sozialer Interaktion überhaupt liegt mit der Akteur-Netzwerk-Theorie vor, die maßgeblich von Bruno Latour beschrieben wurde. Nicht-soziale und soziale Handlungsträger dienen in ihren Verbindungen und Konstellationen gleichermaßen dazu, das gesellschaftliche Leben zu beschreiben. Nichts ist zwangsläufig, aber Vieles folgerichtig. ‚Dinge’ handeln selbst und können umgekehrt zu Verhalten gezwungen werden. Die computability ist ein wesentlicher Faktor für die Konfiguration des Netzwerks: Alle Elemente können neu zusammengestellt, versetzt, ja, auch manipuliert werden. Netzwerkmetaphorik ist immer auch ein Beschreibungsversuch für Flexibilität, um Veränderungen mit Hilfe einer einzigen Theorie erfassen zu suchen. Doch auch hier stellt sich die Frage nach eingefahrenen Spuren, dem persönlichen Boten, der chronischen Erkrankung, den verdichteten, wenn nicht verfilzten Arealen.

 

Weiterführend dürfte über diese Beobachtung hinaus die Frage sein, inwiefern durch sekundäre Faktoren Effekte auftreten, die nachhaltig zu anderen Strukturen von Kommunikation und Kooperation führen. Ein sekundärer Effekt kann etwa sein, dass mehr Menschen ein Medium nutzen. Die Praxis des Buchdrucks war geradezu programmatisch darauf ausgelegt, bisher privilegiert zugängliches Wissen möglichst vielen Menschen zur Kenntnis zu geben. Informationsmedien wie Zeitungen, Radio und Fernseher führten zunächst zu einer Fülle geteilten Wissens unabhängig von Lebensstilen und –kontexten – zumindest aus heutiger Sicht betrachtet. Dies war darin begründet, dass es faktisch kaum Auswahl dem Inhalt nach gab, sondern die Tatsache der Nutzung zu einer geteilten Ausgangsbasis an Wissen führte, die freilich rasch aufgrund unterschiedlicher Rezeption und verschiedenen vorausgesetzten Hermeneutiken disparat anmutete.

 

Ein zweiter Aspekt ist die Frage, ob die Dauer, die Akteure in einer spezifischen medialen Zone verbringen, nicht zu anderen Wahrnehmungen und Nutzungen führt, die das Medium selbst verändern. In der Frankfurter Schule sind solche Prozesse u.a. mit der Metapher der Skelettbildung beschrieben worden (es gibt auch andere Referenzen, ich schließe aber hier so an, weil es Schnittmengen zu den Ausführungen Latours gibt). Perspektivisch wird man fragen müssen, ob es sich nicht um Institutionalisierungseffekte handelt, mit allen Merkmalen, die Institutionalität mit sich bringt. Im Blick auf Neue Medien tritt mit dieser These sogleich der Einwand auf, es verschwänden aber auch eine Reihe von Plattformen und Internetdiensten relativ sang- und klanglos von der Bildfläche. Was passiert mit dem gesammelten Wissen unabhängig von der Erinnerung in den Dingen? Folgt man der Akteur-Netzwerk-Theorie, bleiben allen Dingen die Spuren dieser Interaktionen eingeschrieben. Sie sind damit, wenn nicht unverlierbar und unvergessbar, so doch bleibend wirksam. Damit erscheinen scheinbar flüchtige Phänomene, die uns medial vermittelt treffen (und schlösse man sich Aristoteles’ Medientheorie an, umfasste dies ja die Mehrzahl unserer Erfahrungen), in einem anderen Licht. Es spräche all diesen flüchtigen Dingen Relevanz über den Augenblick hinaus zu. Inwiefern ihnen Lebensbestimmtheit zukommt, läge sogar nur begrenzt in menschlicher Verfügungshoheit. In dieser Eigenständigkeit der Materialität sowie des Netzwerks selbst (!) liegt das Wahrheitsmoment des oft emphatisch zitierten Verdikts, „das Internet vergesse nichts“. Es handelt sich gleichermaßen nicht nur um eine festschreibende Größe, sondern um eine Verselbstständigung der Vergangenheit, die mit einem Kontrollverlust für den Einzelnen einhergehen kann.

 

Für Soziale Medien erklärt das den irritierenden Effekt, dass es trotz der (sogar in Deutschland) relativ weiten technischen Verbreitung und dem langen Zeitraum, in dem sie nun schon verfügbar sind, zu einer fortschreitenden Polarisierung in ihrer Nutzung kommt. Es ist dies ein Effekt, der gegenüber „Alten Medien“ deshalb verstärkt auftritt, weil weite Teile des Inhalts neuer Medien user-generated sind. Wer neue Medien nutzt, hat sich darin zwischenzeitlich (überwiegend) professionalisiert. Hatespeech hat sich dem Verfahren nach dabei leider ebenso etabliert wie die Versuche, sie einzudämmen bzw. „#organisierteLiebe“ zu verbreiten. Gleichzeitig haben sich Orte der Kooperation stabilisiert, zeichnen sich durch Verlässlichkeit aus und nehmen Gewohnheitseffekte mit. Nicht wenige haben sich in ihrer Filterbubble bequem eingelebt, zum Teil bewusst als mehr oder weniger heimeliger Ort jenseits einer ungastlich erlebten Welt, zum Teil schlicht auch unbewusst in der (unterkomplexen) Annahme einer abgebildeten Welt (dieses Missverständnis gibt es allerdings spätestens seit der Verbreitung von Tageszeitungen). Dritte schließlich leugnen die Existenz digitaler Wirklichkeiten in der Annahme, dass nichts existiere, was ich mir selbst nicht erschließe. Dies dürfte vor allem eine Reaktion darauf sein, dass die Welt durch die Addition weiterer Medien im Ganzen komplexer und vor allem unübersichtlicher wird.

 

Für alte Medien lässt sich Institutionalisierung unbestritten zeigen. Die Wahl abonnierter Printmedien galt ehedem, in Zeiten des Spartendenkens, als Lebensstilindikator. Fernsehen ohne die Möglichkeiten einer heutigen Mediathek und ohne eine unübersichtliche Zahl von Spartenkanälen führte zur geteilten zeitlichen Ritualisierung in weiten Teilen der bundesrepublikanischen Bevölkerung. Gilt dieses Phänomen auch für neue Medien?

 

Hauptfunktion von Institutionalität ist, handlungsleitende Regeln zu Verfügung zu stellen und bewährte Problemlösungen anzubieten. Derzeit wird man (noch?) nicht sagen können, dass Neue Medien in unserem Land gesamtgesellschaftlich kulturprägend sind oder formale Regeln setzen, die weite Teile des Lebens beeinflussen. Wohl aber übernehmen sie, insbesondere durch ihre Algorithmisierung, Steuerungsfunktionen und schaffen Anreize. Dazu müssen Einzelne sich verhalten. Als theoretisches Paradigma für diese Aufgaben von Institutionen gilt derzeit in der soziologischen Theorie die Lehre von den Transaktionskosten. Man darf mit Recht skeptisch sein, ob ein solches ökonomisches Muster geeignet ist, grundlegenden Einfluss auf alle Lebensbereiche zu nehmen. Gleichwohl schärft es den Blick dafür, dass Einzelne sich im Blick auf Medien (im engeren Sinne) utilitaristisch verhalten und nach dem Nutzen für ihr eigenes Leben fragen. Und dies gilt auch und gerade für denjenigen Content, der „Nutzern und Nutzerinnen“, die all dies erst erlernt haben, frei von Nutzen (um nicht zu sagen: „nutzlos“) vorkommt.  Kritisch wird zu fragen sein, wessen Nutzen sich hier Raum verschafft.

 

Unter dem Aspekt insgesamt rasanter Wandlungsprozesse, die allerdings das Leben des Einzelnen weniger gravierend beeinflussen, als es augenscheinlich wirkt, erscheint es kontraintuitiv, in Zeiten abnehmenden Institutionenvertrauens den Blick ausgerechnet auf Institutionalisierungsprozesse zu lenken. Es könnte aber auch sein, dass sich die Funktionen der Institution schlicht an andere Orte verschieben. Dass politische Meinungsbildung, religiöser Ausdruck und Kooperation andere Räume suchen, wenn sie an ihren tradierten Orten nicht mehr die Stabilität vorfinden, die sie für ihre Zirkulation benötigen.

 

Offensichtlich erzeugt die Fluidität, die neue Medien an ihrer Oberfläche haben, die Attraktivität, die Menschen zur Teilhabe bewegt. Mit der Zeit bilden sich darunter Skelettstrukturen. Kommt Institutionalität an die Oberfläche, geht sie notwendigerweise mit Raum- und Machtanspruch einher. Darauf wird genau zu sehen sein, damit die Institutionen erster und zweiter Ordnung wie Rechtstaatlichkeit und Demokratie nicht Konkurs gehen oder Nutzen und Macht Koalitionen eingehen, die den politischen und persönlichen Handlungsspielraum der Einzelnen gravierend einschränken.

 

 

 

 

 

Fotocredit: Immanuel Giel

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