SchreibDinge[1]

Dann und wann mit Paul Auster[2] weitergedacht

 

Die Dinge also.

Anfangs habe ich nicht viel drüber nachgedacht.

Sie sind halt da.

Die Welt ist da.

Mit ihrer provozierenden Stetigkeit,

den wunderbaren Überraschungen, mit Goldrand

und den blöden, bösen und bodenlosen Dingen.

 

 

Und Du schaust hin oder weg.

Der Welt zu. Und die Welt Dich an.

 

 

Provozierend zwecklos.

Um ihrer selbst willen.

Hintergedankenlos.

Hinter allem, was da handelt.

Und gut sein will, und schön, und wahr.

 

 

Provozierend zwecklos schreiben wir Dinge. Ich schreibe Dinge.

Derer gedenkend, die da an mir vorüberziehen.

In meinem Leben, und auf dieser Straße

Mich anmutend.

Und bezwingend frei.

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Ich muss Milch kaufen. Und Kaffee.

 

 

Wir schreiben Dinge.

Und wi(e)der die Versuchung der sozialen Deutung.

Nein, sage ich, das ist nicht nur für die (und sie hören: „für die armen Leute da“), die es nicht können.

7,5 Mio. allein in Deutschland.

Eine, die es wohl wissen muss, sagt:

„Eine Sprache nicht zu beherrschen, ist wie im Gefängnis zu sein“.

Und erzählt, wie es war, damals, 1974, als Fremde hier nach Hanau zu kommen.

Und frei zu werden. Durch Worte frei. Durch Sprache frei.

Und alle gleich, wenn es ums „Einfach nur so“ und das provozierend Zwecklose geht.

Freiheit als Unterbrechung.

Unterbrechung als Freiheit.

Unbewusste Voraussetzungen unserer Welt, meiner Welt.

 

 

Ein Jahr verging, zehn Jahre vergingen, und nicht ein einziges Mal hielt ich es für seltsam oder auch nur für irgendwie ungewöhnlich.

 

 

Ich muss Milch kaufen. Und Kaffee.

 

I Pjel. Schw. Gesch

Würzmischung I

I P. Chester Schmelz Käse

I P. (425 ml) Champi

I Stg. Lauch

Keine Zwiebel

75 g Räucherspeck gew.

I P. Jägersoße

200 g. Sahne

( — Goldfolie)

4 Sesambr.

 

Und Kaffee. Ich muss Milch kaufen.

 

 

Wi(e)der die Versuchung, Zahlen mächtig sein zu lassen.

Eine sagt: Ich sehe so schlecht, schreiben Sie mir immer?

Nein, sage ich, nur heute.

Einer sagt: ich habe so viel, schreiben Sie mir immer?

Nein, sage ich, nur heute.

Einer sagt: So viel erinnert mich und geht mir im Kopf herum, schreibst Du mir morgen?

Nein, sage ich, nur heute. Und fühle seine Tränen.

Eine sagt: Da ist was, aber ich überlege noch mal.

Nur heute, sage ich.

Und sie: Heute. Nur heute. Nur für heute.

Und strahlt und weint.

Bringt Kaffee. Mit Milch.

Das musst Du nicht tun, sage ich. Und freue mich doch.

 

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Mit dem Licht rücken die Dinge mehr ins Zentrum.

Und die staunenden Kinder.

Ein Staunen, das verstummte Jesuslieder übertont.

Und

Eingefrorene Wurstsuppe.

Staunen.

Kohlrabi. Kopftücher. Kehlchen, rot.

Gebrüder Grimm und was mit Jesus.

HeilmichFrühling.

Heimlich blau.

Blaues Band. Staunende, wie die Kinder.

 

 

Liebes Geburtstagskind.

Viel Glück, ganz viel Gesundheit, ganz viel Geschenke,

einen Ausflug, ein schönes neues Jahr und leckeren Kuchen.

Ich muss also Milch kaufen.

Und Eier und Schmalz,

Butter und Salz,

Milch hab ich ja schon, und Mehl,

Safran. Und Kaffee.

 

 

Milch, Kaffee – rote Rose.

 

Bitte sei nicht mehr böse auf mich.

Ich hab Dich sehr lieb.

Deine —

 

 

Dinge schreiben wir.

Eine Engel-Apotheke.

Charts von rechts, Jesuslieder von links.

To Go, mehr als gesund ist.

Und mittendrin die regelmäßige AnSchlagzahl, die der Welt ihren Takt gibt.

Herzschlag. Rot wie Kehlchen, die Rose, die Liebe.

Sie fasst sich gut an, arbeitet reibungslos, verlässlich.

Und wenn ich nicht in die Tasten hieb, war sie stumm.

Schien unzerstörbar.

Unzerstörbare Welt.

 

 

Ich muss Milch kaufen. Und Kaffee.

 

 

Welten auf Farbbändern.

Du lässt Dein blaues Band –

Der Ton auf den einfachen Dingen.

Experten, nie Expertinnen, auf den Plan gerufen.

Von Wert, Alter und Geschichte.

 

 

„Ach, dass man die/ses Klap/pern noch/mal hört.“

Und das Rotkehlchen.

Den Taubenschwarm.

Und Jakob und Wilhelm,

die ungleichen Brüder,

die gemeinsam durch die Welt gehen.

Die stummen Grimms.

 

 

Ich sehe nur den Rücken. Ich sehe ihnen hinterher. Einer beugt sich zum Anderen herunter.

Jakob, Jesus, Jedermann – er sitzt, auf der Bank.

Ich vermute, er schreibt,

aber vielleicht liest er auch.

 

 

Es sieht nach alten Geschichten aus.

Bitte sei nicht mehr böse.

Es sieht nach alten Geschichten aus.

Ich freue mich auf den tollen Abend.

Es sieht nach alten Geschichten aus.

Zwischen den beiden ein Bücherstapel.

Es sieht nach alten Geschichten aus.

Ich muss Milch kaufen. Und Kaffee.

 

 

Manche sagen:

Dinge sind ethische Subjekte.[3]

Sie handeln, indem sie sind.

Und wirken.

Und sie lassen sich bezwingen.

Unfassbare Kälte und gleißendes Licht.

Nicht öfter gereinigt als Präsidentschaftswahlen sind.

Kälte und Licht.

Von ihr gereinigt, durch die alles ist: Kälte und Licht.

Kann Denken erfrieren? Kann Fühlen erblinden?

Nie musst Du irgendwelche Teile ersetzen.

Der Erweis, dass Dinge sind,

wärmendes Denken und sehendes Fühlen –

flaniert von Irritierten und Baffen, auch denen mit den blöden Kommentaren,

aber nie Böse.

Ach, wenn die guten Dinge doch nur das Böse abhielten!

 

 

Wir schreiben Dinge.

Die Schreibende und ihre Dinge sind ihre eigene Welt,

in die die Textlosen einfallen und fragen und staunen

und die wortreichen Welten den Anderen überlassen.

„Bitte gib mir nur ein Wort.“

Sprich nur ein Wort —

Den Langsamen, den Kleinen, denen aus entlegenen Welten.

 

 

Ich war den ganzen Tag verzweifelt.

Am nächsten Morgen trug ich sie zu einer Werkstatt in der Court Street

Und ließ sie wieder anlöten.

Die Wörter und Worte und Texte und Träume und Gedanken und Gedichte.

 

An der Stelle ist jetzt eine kleine Narbe, aber die Operation verlief erfolgreich,

und seitdem hält’s.

 

 

Wir schreiben Dinge.

Wir schreiben Dinge mit Narben und Träumen,

auf zerknitterten Einkaufszetteln mit Goldrand.

 

Ich muss Kaffee kaufen. Und Milch.

 

 

[1] Mit einer Reihe von Textschnipseln, die im Rahmen eines Writing-on-the-Streets am 21. Januar 2017 in Hanau entstanden sind. Dank an alle, die erzählt und diktiert haben; an alle, die im Vorfeld mitgedacht und ermutigt haben, und an Holger Pyka, der ein Stündchen mitgespielt hat – auch, damit mir eine Aufwärmpause vergönnt war.

[2] Ein Künstler, der in Paul Austers Haus einkehrt, beginnt eine Affäre mit Austers Schreibmaschine. So sagt es der Autor selbst von der Maschine, auf der er seit 1974 jeden Text schreibt. Darüber ist ein wunderbares kleines Buch entstanden: Sam Messer/ Paul Auster, The Story of my Typewriter (2002), dt: Die Geschichte meiner Schreibmaschine (zuerst: 2005), Reinbek 2005. Diesem Buch sind die kursiv gesetzten Worte entnommen.

[3] Etwa: Bruno Latour in seiner Einführung in die Akteur-Netzwerk-Theorie: „Reassembling the Social“ (Oxford 2005).

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