„Das soll nur eine Weise der Beichte sein“. Von RiesenRädern und kleinen Rädchen

Offener Brief an Margot Käßmann

Liebe Frau Käßmann,

ich schicke einen Brief, weil es mir wichtig ist, dass Sie die Resonanz auf Ihre Kolumne für die „zeitzeichen“ auch tatsächlich erreicht und nicht irgendwo in den „Untiefen“ des Internet verloren geht. Ich erlaube mir zugleich, diesen offenen Brief auch im Internet einzustellen, wie es Andere zu diesem Thema auch jüngst getan haben, etwa Christoph Breit und  Holger Pyka. Ich tue dies um derjenigen Kolleginnen und Kollegen willen, die mir in den letzten Tagen dazu schrieben – verunsichert und gekränkt, ob denn all dies nichts sei, was da an Seelsorge im Internet geschehe.

Im Jahr des Reformationsjubiläums sucht unsere Kirche vielerorts nach Möglichkeiten, in den vielfältigen gesellschaftlichen Öffentlichkeiten die Themen des evangelischen Glaubens und der reformatorischen Kirchen ins Spiel zu bringen. Der Kampf um Aufmerksamkeit ist groß. Und gerade die Arbeitsbereiche, die eher im Verborgenen der Kirche ihren Ort haben, aber in hohem Maße zur Akzeptanz der evangelischen Kirche in der allgemeinen Wahrnehmung beitragen, haben es da besonders schwer. Sie, Frau Käßmann, unterstützen den Vorschlag der Fachkonferenz Seelsorge der EKD, anlässlich der Weltausstellung Seelsorge im Riesenrad anzubieten. Ob dies angemessen oder gelingend ist und ob das Riesenrad tatsächlich ein „geschützter Raum“ ist, wo einen jeder sieht, wenn man ansteht, wo jeder Fotos machen kann etc., wird die Durchführung erweisen.

Zum Schaden gereicht nun aber, dass Sie diese gut gemeinte Aktion in einer Kolumne der „zeitzeichen“ in einem Atemzug mit Ihrer Sicht auf das Verhalten von Menschen innerhalb von sozialen Medien verbinden. Hier werden Dinge vermischt, die nicht zusammengehören – und deshalb gerät Ihre Einschätzung aus meiner Sicht in eine schwierige Schieflage.

Dass Menschen in Sozialen Medien viel von sich preisgeben, hat genau mit dem Kampf um Aufmerksamkeit zu tun, den die Kirchen in institutioneller Hinsicht auch aus dem gesellschaftlichen Leben kennen. Menschen, die persönlich gut vernetzt sind und tagtäglich vielerlei lebensrelevante Kontakte haben, mag das befremden, als pauschales Urteil erscheint es mir gegenüber dem Einzelnen, der Einzelnen, die sich so verhält, unbarmherzig.

Und welch ein Segen ist es für manche, dass sie an diesen Orten Menschen der Kirchen vorfinden, die professionell und zuverlässig ansprechbar sind. Durch kirchliche Präsenz im Internet, gerade auch seelsorglicher Art, vergrößert die Kirche ihre Kontaktflächen und Reichweiten enorm. Das betrifft nicht nur die, denen es schwerfällt oder die gar nicht die Möglichkeit haben, ein sog. Klassisches Seelsorgesetting aufzusuchen oder in Anspruch zu nehmen, es betrifft auch den immer größer werdenden Anteil derjenigen, deren Leben von einem ständigen Unterwegs geprägt ist und denen es lebensstilbezogen schlicht fremd ist, Angebote der Parochie oder regionaler Beratungsstellen aufzusuchen. Lassen Sie sich doch von einer Jugendpfarrerin im Brandenburgischen einmal berichten, welchen Stellenwert Chatseelsorge in ihrer Arbeit einnimmt! Virtuelle Realitäten sind in ihren Lebensräumen genauso vielfältig wie die Ihnen vertraute Welt. Und ehrlich gesagt ist es doch eher verwunderlich, wie wenig missbräuchlich Seelsorge im Internet geschieht. Bereits in meinem Vikariat brachten Kollegen und Kolleginnen Chatprotokolle als Verbatims mit ins schöne Hofgeismarer Predigerseminar. Und nie war strittig, dass es sich in den gezeigten Fällen um Seelsorge, auch im engeren Sinne, handelte. Und das ist über zehn Jahre her! Kein Pfarrer, keine Pfarrerin, der oder die schon einmal jemanden in einer extremen Krisensituation via Chat begleitet hat – vielleicht, weil ihm oder ihr eine andere Form der Kontaktaufnahme schon nicht mehr möglich war – wird jemals mehr die Relevanz dieser Form kirchlicher Seelsorge bestreiten können.

In einer Zeit, in der die offene Gesellschaft auf dem Spiel zu stehen droht, ist nicht allein das Plädoyer für Geschützte Räume in der Kirche vonnöten, sondern auch die Einrichtung solch geschützter Räume dort, wo Menschen sie mit großer Ernsthaftigkeit und trotzdem niederschwellig aufsuchen können. Im übertragenen Sinne dürften viele Kolleginnen und Kollegen „Riesenradseelsorge“ kennen – im Foyer eines Kinos, an einer Bushaltestelle, im Nebenzimmer einer Apotheke oder dem ansonsten leeren Wartezimmer einer Arztpraxis. All dies verweist und lebt vom Symbol des „Amtszimmers“ der Pfarrerin oder des Pfarrers. Jede/r Geistliche mag sich doch selbst einmal fragen, zu welchem Prozentsatz seine/ ihre Seelsorgegespräche tatsächlich dort stattfinden, in dem Setting, wie es die poimenischen Lehrbücher bis heute als Normalfall suggerieren. Wir brauchen diese Räume nicht nur aufgrund des besonderen Rechtsschutzes, mit dem sie behaftet sind, sondern auch als wirkmächtige Symbole auf andere Orte der Seelsorge hin. Und da geben sich Riesenrad und Chatroom nicht viel. An all diesen Orten gilt es Glaubwürdigkeit und Vertrauen zu stabilisieren.

In Frage steht dieses Vertrauen, wo Amtspersonen sich dort nicht als die zeigen, die sie sind: nämlich als dazu ausgebildete und von ihren Kirchen ordentlich berufene Geistliche. Sie stellen in Ihrem Artikel eine enge Verbindung von Seelsorge und Beichte her. Das Schlüsselamt ist in reformatorischer Tradition nicht grundlos an das Amt gebunden worden. Wenn Sie nun in einem Zeitungsartikel durchaus auch suggestiv davon berichten, Sie hätten ein Account unter einem falschen Namen angelegt, dann ist dies für all jene ein Problem, die unter ihren Klarnamen in Sozialen Medien Position für die evangelische Kirche beziehen und sich gesprächsweise auf Kontakte einlassen, die immer das Risiko von hatespeeches und shitstorms mit sich bringen. Solidarität mit einem so großen Arbeitsfeld vieler Kolleginnen und Kollegen sieht anders aus, meine ich. Dem Vertrauensvorschuss, der in uns gesetzt ist, müssen Pfarrerinnen und Pfarrer allenthalben mit einem Einsatz persönlicher Ressourcen, auch ihrer Person als solcher entsprechen. Manchem fällt das im Internet schwer, anderen bei einem großen öffentlichen Anlass, dritten auf einem Jahrmarkt. Es ist ein schweres Amt.

Das Riesenrad bei der Weltausstellung verweist auf ein spezifisches Kommunikationssetting, für das christliche Kirchen außerhalb therapeutischer Settings im institutionellen Raum ein Alleinstellungsmerkmal haben dürften. Darauf öffentlichkeitswirksam hinzuweisen, ist allenthalben gut und wichtig. Möglicherweise auch mit einem Riesenrad. Dass damit aber im gleichen Zuge diejenige Arbeit disqualifiziert wird, die jeden Tag notwendigerweise im Verborgenen geschieht, dort, wo die vielen „kleinen Rädchen“ gedreht werden und sich dadurch Leben und Glauben so vieler Menschen lebensdienlich und gottgefällig verändern, ist völlig unnötig. Sie stimmen damit in einen stehenden Diskurs evangelischer Medienschelte ein, den es merkwürdigerweise fast seit der Reformationszeit auch gibt.

Das Riesenrad könnte sich doch auch einmal umgekehrt drehen und ein willkommener Anlass sein, darauf hinzuweisen, wie stark evangelische Seelsorge in die Strukturen unserer Welt verwoben ist – und auch jenseits der vielbeschworenen „Gartenzäune“ in geschützten Räumen medialer Orte geschieht. Martin Luther selbst verweist am Ende des Beichtartikels im Kleinen Katechismus auf die Formfreiheit der Beichte: „Dies soll nur eine Weise der Beichte sein.“

In Ihrem Artikel verbinden Sie eine als innovativ angesehene Idee – das Riesenrad – mit einem Klischee, um für Ersteres Akzeptanz zu bekommen. Sie gewinnen damit diejenigen, die in der Kirche schon immer da sind, die genau wissen, wo die guten Dinge sind und die bösen Dinge lauern – immer bei den Anderen – und die eine Welt ohne ‚Neuland’ haben möchten – wie es sie möglicherweise noch nie gegeben hat. Man kann das tun – auf die verwirrende Unübersichtlichkeit unserer Welt mit einer Bestätigung einer eigentlich vergangenen Welt, die es aber doch wenigstens in parochialen Kirchengemeinden oder Amtszimmern der Pfarrer und Pfarrerinnen noch gebe, zu reagieren. Ob das dem Geiste der Reformation entspricht, mögen Sie selbst entscheiden.

Mit herzlichen Grüßen,

Friederike Erichsen-Wendt

Zum Titel: Martin Luther am Schluss seines Artikels zur Beichte im Kleinen Katechismus.
Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

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