Damit es jede/r tun kann. Ein Beitrag zur Barrierefreiheit in kirchlichen Kernvollzügen

Ins Buch geschaut:

Katholisches Bibelwerk e.V. Stuttgart/ Akademie Caritas-Pirckheimer-Haus Nürnberg/ Franziskanerinnen von Thuine (Hgg.), Bibel in Leichter Sprache. Evangelien der Sonn- und Festtage im Lesejahr A, Verlag Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 2016, 264 S., ISBN 978-3-460-32194-6.

zuerst in: HPfrBl 1 (2017)

„Wer das Evangelium liest, wird froh. Darum soll jeder das Evangelium lesen.“ So klingt es in Leichter Sprache, was die Herausgeber des zu besprechenden Bandes mit der Konstitution „Verbum Dei“ des Zweiten Vaticanums begründen: Aus der Erfordernis, dass die Heilige Schrift für alle Menschen zu lesen, hören und verstehen sein soll, erwächst die Notwendigkeit eines sprachlich möglichst barrierefreien Lektionars. Und dies mehr als 50 Jahre, bevor die deutsche Bundesregierung die UN-Behindertenrechtskonvention anerkannt hat. Das Ergebnis dieser Mühe machen die Herausgeber nun für das Lesejahr A in gebundener Form einer breiten Öffentlichkeit zugänglich (chronologisch geordnet nach den Festkreisen Weihnachts-, Oster-, Jahresfestkreis sowie Besondere Anlässe). Die Einbeziehung einer Reihe von Fachgelehrten sowie avisierten Nutzern im Vorfeld ist methodisch vorbildlich: Bereits 2013 begann die Arbeit an den Textübertragungen in Leichte Sprache, die nach einer jeweils 9-10wöchigen Vorlaufphase von Teamübersetzungen auf einer Homepage zum Gebrauch eingestellt wurde und auch weiterhin wird (www.evangelium-in-leichter-sprache.de). Die bibliophile Gestaltung des Bandes lohnt indes auch für die, die sich die Texte allein auch digital zugänglich machen könnten. Die nun vorliegende Bibelübertragung versteht sich nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung regulärer Bibelübersetzungen. Sie folgt grundsätzlich den Regeln der Leichten Sprache (kurze Sätze, kein Passiv/ Genitiv/ Konjunktiv, lesefreundliches Schriftbild, mindestens zwei Testleser). Ziel ist es, herkömmliche Lautsprache in „leichte Schriftsprache“ zu übertragen, so dass der Graben von Mündlichkeit und Schriftlichkeit überwunden wird. Ist dies im Blick auf Alltagskommunikation schon anspruchsvoll, so doch hinsichtlich biblischer Texte noch einmal mehr: Wie wird Unsichtbares anschaulich? Wie umgehen mit Bildern und Metaphern? Das Übersetzerteam hat sich entschieden, die Textverständlichkeit zum obersten Kriterium zu machen. Ob sie damit dem „Vorbild Jesu“ (S. 6) folgen, ist zwar fraglich, in der Sache ist das Anliegen aber konsequent umgesetzt: Auslassungen, Erläuterungen und Ergänzungen dienen dem Verstehen des Textes. Von „Exformationen“ – der Explikation „mitgewusster Inhalte“ – wird reflektiert Gebrauch gemacht. Bei einem Projekt dieser Größenordnung, das die Herausgabe der Texte für die weiteren Lesejahre fest im Blick hat, wäre freilich ein hermeneutisches Vorwort hilfreich gewesen. Dieses könnte deutlich machen, was die Herausgeber i.e.S. mit Verstehen meinen und auf welche Art und Weise sie sich auf „mitgewusste Inhalte“ verständigt haben. In der jetzigen Textgestalt ist vorausgesetzt, dass der vorgängige Prozess der Textproduktion mustergültig ist für die Rezeption des Buches.

Der Text steht nicht allein. Jeder Übertragung sind im Anhang Anmerkungen und Kommentare beigefügt, die für den Nachvollzug der konkreten Textgestalt ausgesprochen hilfreich sind und zeigen, wie die Regeln der Leichten Sprache jeweils individuell bedacht worden sind: Pragmatik wird über Regeln gesetzt, Abweichungen im Einzelfall begründet und einige, (manchmal zu) wenige katechetische Hinweise gegeben. Für ein Buch mit Lektionarcharakter augenfällig ist die Beifügung von Bildern aus der Feder von Dieter Groß (für die Reihen B und C werden jeweils andere Künstler die Bände gestalten). Sie dienen ausdrücklich der Illustration, sollen also die Textverständlichkeit unterstützen. Welches Potential diese Bilder gerade im Kontext von Gottesdiensten in Leichter Sprache entfalten könnten, erscheint ausgesprochen lohnenswert, auszuloten.

Die Leistungsfähigkeit der Übertragung in Text und Bild zeigt sich am deutlichsten bei Texten, die begrifflich anspruchsvoll und theologisch verdichtet sind. Exemplarisch für viele gelungene Beispiele weise ich auf die Umsetzung beim Johannesprolog hin (S. 24). Das Bild ließe sich auch in religionspädagogischen Zusammenhängen ohne erhöhten Inklusionsbedarf mit Gewinn betrachten. Joh 1, 1-8 wird als „Gedicht, dass Gott die Welt erschaffen hat“, präsentiert und die Schwierigkeit seiner Übertragung offensiv miterzählt („Ein Mann hat ein Gedicht geschrieben. Das Gedicht ist schwer zu verstehen. Aber es ist ein sehr schönes Gedicht.“). Diese Strategie überzeugt, weil sie deutlich macht, wie die Übertragung um Verständlichkeit ringt, ohne einem Verstehensterror das Wort zu reden. In den Erläuterungen z. St. (S. 222) wird offengelegt, weshalb die Übersetzer an dieser Stelle bewusst die Regeln Leichter Sprache außer acht lassen. Wirkungslogisch überzeugt das, auch gegenüber dem vielfach vorgebrachten Argument, Übertragungen in Leichte Sprache trügen in erster Linie dem Bedürfnis nach mehr „Übersichtlichkeit“ (auch in der Sache) Rechnung. Die Begründung – um die „Bedeutung dieses neutestamentlichen ‚Spitzensatzes’ zu würdigen“ – erscheint fraglich: als ob anderen Texten weniger Würde dadurch zukäme, dass sie regelgerecht übertragen worden sind!

Allgemein geltende übersetzungshermeneutische Kriterien sollten beim vorliegenden Band nicht allzu streng angelegt werden, weil er mit seinem strikten Primat auf die Wirkung, insbesondere für Menschen, denen die Sprache besondere Barrieren birgt, seinen Fokus hat. Damit gehen natürlich an anderen Stellen Fraglichkeiten einher. (zwei Beispiele: Jünger/ Apostel werden konsequent „Freunde“ genannt; die Texte sind durchgängig nicht gendersensibel).

Das Buch soll dem liturgischen und katechetischen Gebrauch dienen. Dafür ist es ein hervorragendes Hilfsmittel, um das Leben von Menschen mit der biblischen Überlieferung ins Gespräch zu bringen. Insbesondere auch im Vorlesen und beim Betrachten der beigestellten Bilder dürfte es seine Wirksamkeit in besonderer Weise entfalten. Und dies unabhängig von seinem römisch-katholischen Kontext, in dem es entstanden ist, ebenso für Christinnen und Christen anderer Konfessionen. Auch, wer auf die ausdrückliche Barrierefreiheit nicht angewiesen ist, erhält durch eine ungewohnte, weil neue Sichtweise auf die Bibel die Möglichkeit vertieften Zugangs zur Heiligen Schrift. Methodisch sind der breit angelegte Prozess, die konsequente user-centredness, sowie die crossmediale Grundanlage des Vorhabens beispielgebend für Vergleichbares.

Der Band regt darüber hinaus an, grundsätzlich zu fragen: Wie steht es um die Barrierefreiheit liturgischen und katechetischen Redens und des Gebrauchs der Bibel in Gemeinden und Einrichtungen? Was bedeutet das in Zeiten grundsätzlich abnehmender Lese- und Rezeptionsfähigkeiten? Wo sollte Leichte Sprache regelhaft angewendet werden, wo legt sich Elementarisierung nahe? Wie versteht sich der Bildungsauftrag, gerade der evangelischen Kirchen, im Blick auf basale Sprachfähigkeiten einerseits, Sprachkunst andererseits – und ihrer möglichen Verknüpfungen, wie etwa im vorliegenden Band?

Charmant ist die Grundhaltung des Herausgeberkreises, der, bei allem Engagement, um die Unabgeschlossenheit jeder, und damit auch der eigenen Bibelübersetzung und –übertragung weiß. Oder, in Leichter Sprache mit ihren eigenen Worten gesagt: „Wir alle lernen noch.“

Fotocredit: http://www.evangelium-in-leichter-sprache.de

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