Vielfältige Vernetzung in vielfältig vernetzter Gesellschaft

Ins Buch geschaut:
Wolfgang Nethöfel/ Holger Böckel/ Steffen Merle (Hgg.), Vielfältige Vernetzung. Hinauswachsen aus der Großkirche, Netzwerk Kirche 7, EB-Verlag Dr. Brandt, Berlin 2016, 348 S., ISBN 978-3-86893-228-7.

zuerst in: HPfrBl 1 (2017)

Ein starker Impuls treibt dieses Buch. Es ist das von sechs Autoren und einer Autorin gemeinsam getragene Ansinnen, der verfassten Kirche in ihrer jetzigen Gestalt durch Einsichten und Reformvorschläge aufzuhelfen – und je nach Impetus aus der Krise zu führen bzw. vor dem Untergang zu bewahren. Der identifizierte Reformbedarf zeigt sich in je eigenem Leiden an und Unzufriedenheit mit der vorfindlichen Kirche, die zu einem gelegentlich deutlich polemischen Ton der Veröffentlichung führt. Daraus ergeben sich klare inhaltliche Frontstellungen, die dem Sachanliegen des Buches insgesamt aber nicht zum Schaden gereichen dürften.

Das Thema, ob überhaupt und ggf. wie Kirche an Haupt und Gliedern erneuerbar ist, wird aus unterschiedlichen Perspektiven angegangen: kirchenpolitisch, kybernetisch, hermeneutisch, theologisch sowie im Blick auf Öffentlichkeitsarbeit und Mediennutzung. Für alle Beiträge verbindend ist ihr Bezug auf netzwerktheoretische Grundannahmen. In durchgängig kritischer Rezeption von KMU V wird im Unterschied zur „Vernetzten Vielfalt“ von „Vielfältige[r] Vernetzung“ gesprochen, die sich nicht nur auf die sog. Außenbeziehungen der Kirche bezieht, sondern auch einen qualitativen Typus von Verbundenheit beschreiben kann. Mit ihm verbindet sich der Anspruch, „aus der Großkirche hinauszuwachsen“.

In den einzelnen Beiträgen verbergen sich eine Vielzahl relevanter Struktur- und Einzelbeobachtungen, die für die weitere Steuerung der Kirche, die als grundsätzlich möglich und wünschenswert angesehen wird, hilfreich und bedenkenswert sind. Die Rezeption ist allerdings dadurch erschwert, dass sich die überwiegende Zahl der Beiträge auf vorausgehende umfassende Publikationen der jeweiligen Verfasser bezieht, die mehr oder minder vorausgesetzt werden und deren Kenntnis für das Verständnis der Beiträge mindestens hilfreich ist. Deshalb ist zu fragen, wer als Zielgruppe des Bandes eigentlich im Blick ist. Die systemtheoretischen (Nethöfel) und weitergeführt semiotischen (Merle) Erörterungen zeigen Wichtiges auf, setzen aber beim Leser eine hohe Sachkenntnis in beiden Bereichen voraus. Hier wäre eine grundlegende Einführung, mindestens ein Glossar, als Lesehilfe wünschenswert gewesen. Daran hätte deutlich sein können, worin für alle AutorInnen des Bandes begrifflich Übereinstimmung besteht. Gleichermaßen hätte ein Schlusskapitel, das Querschnittsthemen der Beiträge noch einmal aufzeigt und bündelt, neue Einsichten bringen und hilfreich für die Weiterarbeit sein können (etwa zu den Stichworten Qualität, Parochie u.a.). Den pionierhafte Impetus des Buches hätte es nicht relativiert, wenn die Netzwerktheorie, wie sie hier vertreten wird, in den Kontext ihrer soziologischen und auch philosophischen Diskussion eingeordnet worden wäre. Gerade hier dürften sich ja in der Zukunft vielfältige Vernetzungsgelegenheiten zu Arbeiten insbesondere pastoraltheologischer Provenienz ergeben, die sich zunehmend auf diese Ansätze beziehen! Gelegentlich stellt sich die Frage, ob Schlussfolgerungen tatsächlich zwingend sind bzw. hätten Thesen in ihrer Voraussetzungshaftigkeit erläutert werden können (beispielweise die Annahme, ob alles pfarramtliche Handeln kirchenbindende Maßnahme ist). Trotz dieser Anmerkungen im Detail ist das Buch im Ganzen gewinnbringend für alle, denen die Gestaltung der Zukunft der verfassten Kirche ein Anliegen ist oder sein sollte.

Im Überblick: Nach Vorwort von Peter F. Barrenstein (pp. 9f.) und Einleitung der Herausgeber (pp. 11-24) schließen sich drei grundlegende Aufsätze, die vom Allgemeinen zum Besonderen vorgehen, an: Wolfgang Nethöfel analysiert das Problemfeld kirchenstruktureller Maßnahmen (pp. 25-75), Holger Böckel führt eine multiperspektivisch integrierte Netzwerktheorie aus und benennt Kriterien für Führung darin (pp. 77-165), Steffen Merle erweitert die Netzwerktheorie semiotisch und betont vor allem die drittheitlichen Kontextualisierungen als notwendige Anforderung, um Kirchenbindung durch ‚Verdichtung’ nahezulegen, was an Taufe und Pfarramt exemplarisch ausgeführt wird (pp. 167-229). Sind auch in diesen Beiträgen bereits konkrete kirchliche Handlungsfelder im Blick, so widmen sich die weiteren drei Essays programmatisch spezifischen Handlungsfeldern. Karsten Kopjar lotet die Möglichkeiten einer ethisch angemessenen Präsenz von Kirche in digitalen Netzwerken aus, insbesondere im Blick darauf, wie Neues zur Stärkung bereits bestehender Netzwerke beitragen kann. Daneben treten weitreichende Thesen zur theologischen Deutung von Virtualität (pp. 231-264). Armin Beck fasst Ergebnisse seiner Masterthesis in Multidimensionaler Organisationsberatung zusammen. Er nimmt die anstehenden Veränderungen in der Evangelischen Kirche von Kurhessen-Waldeck, die sich durch Synodalbeschlüsse des Jahres 2015 ergeben und insbesondere mit dem Stichwort „Kooperationsräume“ verbunden sind, aus Sicht von Organisationsberatung in den Blick; dabei analysiert er eine Reihe von qualitativen Interviews (p. 265-332). Anke Wiedekind (pp. 333-335) schließlich nennt Gelingensbedingungen für Medieneinsatz in Kirchengemeinden.

Zu den Beiträgen im Einzelnen: Die Herausgeber breiten „volkskirchliches Versagen und seine Alternativen“ aus. Nach Darlegung der Reformvorhaben der letzten 50 Jahre kennzeichnen sie die Gegenwart als nun diejenige Zeit, in der es für Reformen „von oben“ zu spät sei. Die KMU V wird als Dokument von Entscheidungs- und Handlungsverweigerung gelesen. Dem entspreche, dass Warnsignale innerkirchlich kaum mehr wahrgenommen werden würden. Die Theologie als eine der Entäußerung müsse neu als fremde, aber kopplungsfähige Größe ins Spiel gebracht werden, um den Blick auf die zu richten, die „draußen“ und „unten“ seien. Vernetzung wird als Rahmenbedingung einer neuen Epoche benannt. Wolfgang Nethöfel benennt eine Reihe von ekklesiologischen Fehlschlüssen und Selbstmissverständnissen von Kirche, um deutlich zu machen, inwiefern Organisationshybride für die Lösung drängender Fragestellungen (insbes. milieudifferenzierte Zielgruppenansprache, alternatives Finanzierungssystem) besonders leistungsfähig sind, indem sie Gleichgewichtszustände systematisch produktiv irritieren. Kirchliche Führungskräfte sind Vernetzungsexperten, die eben diese solidarisch nach dem Prinzip des Servant Leadership (Wertschöpfung durch Wertschätzung) organisieren.

Holger Böckel bestimmt die Fragestellung vielfältiger Vernetzung betriebswirtschaftlich-führungstheoretisch. Dass sich im Kontext verfasster Kirchen Netzwerke bilden, gilt dem Verfasser als Indikator für eine nachlassende institutionslogische Steuerungsfähigkeit. So plädiert er für die Kirche als Organisation als bevorzugtes Modell gegenüber einer Institution, deren Entscheidungen folgenlos bleiben, und einer Gemeinschaft, die auf reiner Freiwilligkeit beruht. Die Marktsituation, in die die Kirche gestellt ist, begünstige Netzwerkstrukturen darüber hinaus, da sie sich im Bereich mittlerer Transaktionskosten bewege. Sie unterstützten, ebenso wie ein ‚integriertes Führungsverständnis’ den Wandel der Kirche hin zu einer Organisationslogik, der es im Unterschied zum institutionellen Denken gelänge, das Evangelium als Alternative zum Markt auf dem Markt zu vermitteln.

Steffen Merle bezieht die Ergebnisse seiner semiotischen Rekonstruktion von religiösen Orientierungs- und Bindungsprozessen auf die Resultate von KMU V. Die zeichentheoretische Erweiterung der Netzwerktheorie hat dabei das Ziel, strategische Optionen zu erschließen. Er entlarvt methodische Fehler in der Grundlegung der Kirchenmitgliedschaftsuntersuchung, insofern beispielsweise kirchlich definierte Religiosität als Maßstab entkoppelter Bezüge angelegt werde, was letztlich die Kirche in ihren internen Relationen vergleichsweise stabil erscheinen lässt. Dem Verfasser ist es demgegenüber ein Anliegen, religiöse Kommunikation selbst qualitativ zu rekonstruieren. Ausschlaggebend ist Merle zufolge, inwiefern soziale Praxis auf Kirchenbindung hin gedeutet werden kann und wird. Es gehe um „Deutungsmuster statt Beziehungsmuster“. Die Leitbegriffe aus KMU V werden demgegenüber als unterkomplex herausgestellt: Engagement wird als zweitheitliche Größe gedeutet, Indifferenz als erstheitliche. Das Leitdesign der Kirchenmitgliedschaftsstudie käme folglich ohne einen wesentlichen Bezug auf den Markenkern der evangelischen Kirche, die Rechtfertigungslehre, aus. Erst eine darüberhinausgehende, drittheitliche Rekonstruktion zeige Kirchenmitgliedschaft als Zeichen für die Zugehörigkeit zum Leib Christi und mache damit die theologische Dimension der Entscheidung zur Mitgliedschaft greifbar. Erläutert und ausgeführt wird die Darlegung an den Beispielen Taufe (Haustaufe, interessant auch: Taufmesse) und Pfarramt (insbes. Besuche, Qualität).

Dass die in KMU V herausgestellte unterdurchschnittliche Mediennutzung im Bereich der evangelischen Kirche eher auf ihre (ebensolche) Qualität denn auf eine gegenüber dem Bevölkerungsdurchschnitt veränderte Bedürfnislage ihrer Mitglieder zurückzuführen sei – diese These vertritt Karsten Kopjar in seinem Beitrag. An interessante konkrete Hinweise (z.B. kirchliche Kommunikation thematisch statt strukturell aufzustellen, einheitliche Hashtags zu verwenden) und eine Darstellung von bestehenden Offline-Netzwerken bzw. Hybridformen (auffällig: Es wird kein einziges Beispiel aus dem Bereich Seelsorge genannt) schließt er Ausführungen zur Differenzierung verschiedener „Realitätsebenen“ (physisch, virtuell, geistlich) an. Auch wenn manche Analogie oder Schlussfolgerung sehr gewagt bis fraglich erscheint, zeigen die Ausführungen die (potentielle) Leistungsfähigkeit des Virtualitätsbegriffs, um Kriterien für eine ethisch vertretbare Medienpräsenz der evangelischen Kirchen zu gewinnen. Dazu gern mehr!

Abnehmend institutionell verstandene Kirchenzugehörigkeit führt Armin Beck zufolge kirchlicherseits zu Reflexionen auf Identität, Mitgliederorientierung, missionarische Kompetenz und Innovation (hier: Medialität, freshX). Neu an den Synodalbeschlüssen der EKKW zur Strukturreform sei die Verbindlichkeit, die mit ihnen einhergehe. Dies habe weitreichende interorganisationale und interpersonale Folgen, die unter theologischen Perspektiven zu besprechen seien. Dass Parochie und Region (z.T. auch anachronistisch) fraglos als Größen eigener theologischer Dignität thematisiert werden, befremdet die Rezensentin und hätte mindestens problematisiert werden müssen, zumal hier die Gefahr naturalistischer Fehlschlüsse lauert bzw. sich das Bild der Normativität des Faktischen nahelegt. P. 293 ist ein decouvrierender Lapsus: „Mit- und Gegeneinander“ als Strukturprinzip! Die interessante Frage, was ein Kooperationsraum eigentlich „für ein Gebilde“ ist, bleibt leider unbeantwortet. In einer Gemengelage von Hoffnungen und Befürchtungen werden Dialog, Zeit, klare Leitung, Planungssicherheit und Ruhe als Gelingensbedingungen herausgestellt. Schließlich gehe es darum, das innere Regulativ des Netzwerks auf Kooperationsräume anzuwenden, das bedeutet: Hierarchiefreiheit, Ressourcenaustausch zum allseitigen Vorteil, gemeinsame Ziele, Freiwilligkeit. Hier hätten detailliertere Hinweise hilfreich sein können – etwa, was dies unter Bedingungen von Knappheit und Konflikt bedeutet.

Der kurze Beitrag von Anke Wiedekind geht schlussendlich auf Kriterien angemessener medialer Kommunikation in Kirchengemeinden ein: Zielgruppenorientierung, corporate identity, Professionalität, Profil.
Das Buch als Ganzes ist ein weiteres Warnsignal an die Institution Kirche. Gerade dort, wo konkrete Handlungsfelder im Blick sind, wird deutlich, wo netzwerkliches Denken leistungsfähig ist. Aber auch in seinen grundlegend systemtheoretischen und semiotischen Darlegungen regt es das eigene kirchentheoretische Nachdenken an – auch dort, wo Fragestellungen offenbleiben.
Viele, die nach Kriterien für die Steuerungsfähigkeit der verfassten Kirche suchen, brauchen starke Impulse. Dazu ist der Aufsatzband ausgesprochen dienlich. Dem Band ist zu wünschen, dass sich seine Grundannahme, dass Warnsignale an die verfasste Kirche weitgehend verhallen, für ihn selbst nicht erfüllen möge.

Fotocredit: Mare-me.de

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