Kirchen – verw@ndert Euch.

Kleine Notizen entlang der Gräben am Wanderweg – 2 Tage in Hannover im Februar des 500. Jahres des Thesenanschlags an der Schlosskirche zu Wittenberg

Das Stichwort „Reformationsjubiläum“ ist der Refrain dieser Tage. Zumindest in meinem pfarramtlichen Alltag. Es gibt offensichtlich in den (evangelischen) Kirchen nicht nur einen kirchentheoretisch stehenden, gelegentlich gar nicht in Gänze reflektierten Narrativ von der Kirche, die stets zu reformieren sei , sondern auch eine glaubhafte grundlegende Sehnsucht nach Veränderung in der verfassten Kirche. Manche treibt das, andere lässt es resignieren, Dritten bietet es angesichts der oft sehr milieuspezifischen Ästhetik, die damit einhergeht, Raum für humoreske Selbstdistanzierung (#reformationwiesiekeinerwill).

In den vergangenen zwei Tagen Mitte Februar 2017 habe ich das evangelische Schlag- und Unwort des Jahres nicht gehört. Dabei ging es genau programmatisch um einen Aufbruch der Kirche. Der Kirchen, um genauer zu sein. Mit einer Ökumene, die so selbstverständlich war und ist, dass sie sich nicht eigens thematisierte. Manche Rhetoriken weisen auf eben gerade Ausstehendes hin und verschwinden, sobald sich ihr Inhalt ereignet.

120 Christen und Christinnen waren der Einladung von „Kirchehoch2“, einer dialogbasierten ökumenischen Bewegung, die maßgeblich vom Bistum Hildesheim und der evangelisch-lutherischen Landeskirche Hannovers getragen wird, gefolgt. Einer Einladung zum W@ndern, jener Existenz zwischen Unterwegs-Sein, Verblüfft-, Neugierig- und Aufmerksam-Sein und dem Rasten, um Wunden zu pflegen. Einer Einladung, der alle Teilnehmenden ebenso ohne Detailwissen vertrauten wie dem Prozess, dem sich jede und jeder anheimstellen würde. Ein Design, das sich im Prozess als durchaus user-centred erwies.

W@nder – Vom Fremd Sein in der Kirche. Eine Konferenz für Pioniere: eine eigentümliche Spannung, die Viele erfasste und an der auch die teilhatten, die am Rande oder via Social Media teilhaben konnten. Und ein Thema, das nicht allein von kirchentheoretischer und/ oder –strategischer Bedeutung ist, sondern ein theologisches Grundphänomen christlicher Existenz umreißt, das unter gegenwärtigen Lebensbedingungen zu einer ganz eigenen Spielart christlichen Selbstverständnis des Einzelnen führen kann.
Fremdsein verweist auf grundlegend Gleiches und ist immer eine Selbstbeschreibung. Der Philosoph Bernhard Waldenfels formuliert das folgendermaßen:

„Wer sich unterscheidet, steht auf einer Seite, das Fremde als das Wovon der Unterscheidung, auf der anderen. Der Fremdbezug liegt in diesem Fremdentzug. Die Tatsache, daß diese Asymmetrie sich verdoppelt und vervielfältigt, hat keineswegs eine Symmetrie zur Folge.“ (in: Grundmotive einer Phänomenologie des Fremden, p. 27)

Der Manchem am nächste Impuls, nämlich der des Nicht-Passens, entzieht das Fremde der eigenen Verfügung. Mit dieser Spur geht die Kirche wesensmäßig. Sie rückt gerade heute in den Fokus, weil Kirche selbst unter Druck zu geraten meint und zu Klarheiten und Grenzziehungen tendiert, die der strength of diversity nicht immer hinreichend Rechnung tragen. Sie rückt gerade heute in den Fokus, weil individuelle Lebensentwürfe von Einzelnen als stärker prägend wahrgenommen und gewertet werden als vermeintlich vorentworfene Berufsrollen. Unterstützt wird dieser Habitus durch ein Prä der Person, das derzeit in praktisch-theologischen Diskursen großes Gewicht hat.

Die Kirche w@ndert also weniger von hier weiter in die Zukunft wie eine Schulklasse, die endlich ihr Pensum hinter sich gebracht haben will, als zwischen diesen Polen, in Zwischenräumen, in „In-Betweens“. Institutionslogik steht dem dann entgegen, wenn sie formale Zentralitäten erzählt, und von Rändern spricht, in deren Mitte das Bild einer mehr oder minder bürgerlichen Parochialgemeinde steht. Und es kirchlicherseits nur das an organisationaler Kirchlichkeit gibt, was in Kennzahlen erfasst, in Statistiken abgefragt und in Haushaltsstellen abgebildet wird (manche sagen: werden kann). Und an der Seite dieser mechanistischen Steuerungshörigkeit steht eigentümlich ‚daneben‘ die Beobachtung, die offensichtlich nicht nur einzelne (evangelische?) Kirchen trifft, dass wir derzeit keinen Konsens über strategisch leitende Kirchenbilder haben – ja, kaum die Aussicht darauf. Dieses Vakuum führt zu naturalistischen Fehlschlüssen bei den einen („es muss alles so bleiben, wie es war/ ist“), zu teilweise markenkerngefährdenden Diffusionen andererseits („wir tun, was gefällt“).

Der Kongress selbst war Kirche, und zwar vornehmlich durch die Art der Vergemeinschaftung („Unterstützungssysteme ohne ‚System‘“), durch die gesprächsweise Klärung in Sachen Theologie und Glaube (und damit anschlussfähig an Traditionen aufgeklärt-erwecklichen Christentums des 19. Jh.) und in der Feier von Wort und performativer Sakramentalität (zumindest aus evangelischer Sicht).

Reformationsgedenken lässt aufmerksam werden, wo Aufbruchsbewegungen in der Kirche Raum nehmen. Mit Kirchehoch2 und der Protegierung von freshX-Ansätzen in Deutschland tritt neben der Emergent-Bewegung eine zweite „größere“ Bewegung mit visionärer Kraft an die Oberfläche kirchlicher Sichtbarkeit. Mindestens jede/r, der in Großstädten religiös aufmerksam unterwegs ist, weiß, dass sich auch unter dieser Oberfläche avangardistische Strömungen des Christlichen tummeln. Allein: Die Institution sieht, was sie zählen kann.

Beiden Bewegungen ist – bei aller Unterschiedlichkeit – gemeinsam, dass sie auf authority dissenter angewiesen sind: Etablierte Kirchen wissen im Allgemeinen, dass sie gut daran tun, Bewegungen, die sich im Bereich des eigenen normativen Konsensus aufhalten, zu fördern. Bei allem hierarchiekritischen Impuls wissen Bewegungen bei Lichte, dass sie sich ohne ein Mindestmaß an institutioneller Unterstützung und Aufmerksamkeit nicht entwickeln können. Allerdings existieren oft unterschiedliche Vorstellungen, wie diese Entwicklungen aussehen. Dass Kirchen in Projekte investieren, die keine Zielbeschreibung mit sich liefern (können), erfordert in der gegenwärtigen gesellschaftlichen Situation Mut und erzeugt auch mindestens internen Rechtfertigungsdruck.

Die meisten Kirchen haben unterdessen gelernt, dass ein – oft neidischer – Blick über den Ärmelkanal und das Nachahmen einzelner Projektideen nicht ausreichen, um ein Pioneering in der Kirche zu etablieren. Sie lernen, dass Pioneering sich nicht auf dem kirchlichen Antragsweg sicherstellen lässt und auch nicht als die Ausnahmeerscheinung vom sonstigen parochialen Normalfall, die man sich nun mal – aus welchem Grund auch immer – leisten will. Es stellt sich vielmehr die Frage einer anderen, alternativen Kultur in den Kirchen, weil die Kultur, die für die kirchliche gehalten wird, den Menschen in unserer Gesellschaft nicht einmal mehr fremd ist: Einer Kultur jenseits der Klischees von Kaffeesahne, Gummibäumen und rotem Tee. Dieses Gemeinsame gibt es nicht – oder: nicht mehr, falls es das überhaupt einmal gegeben haben sollte. Kirche ist gesamtgesellschaftlich gesehen nicht fremd – in ihrer Ausdrucksgestalt ist sie den Menschen gleichgültig, als Form oft folkloristisch.

Kirchen benötigen ein Zusammenspiel diverser Kulturen jenseits einer Ästhetik, was irgendjemand mal gemocht, gespendet, gehäkelt haben könnte. Es ist dies eine Aufbruchsstimmung, die auch all jenen Recht tut, denen die Klischeekultur unterstellt wird, die sie aber selbst in Wahrheit gar nicht teilen: Das Fremde ist zwischen und in allen kirchlichen Dingen selbst. Nicht, weil Glaube vom Himmel fiele oder Christenmenschen per se weltdistanzierter lebten, sondern weil jeder Mensch mehr ist als das, was ein Ort in einer Struktur von ihm fordert. Im Blick auf die Kirche verschärft sich nun diese Beobachtung insofern, als Kirche und einzelner Christ auf offensichtlich unterschiedliche Weise das gleiche Ziel haben: nämlich der Verkündigung des Evangeliums zum Ausdruck zu verhelfen. Und das entscheidet die Kirche dann eben doch von Konzernen, mit denen Mitarbeitende in zunächst vergleichbar existentieller Weise fremdeln können. Von ihnen können Menschen sich distanzieren, ohne sich selbst lebensbestimmend aufs Spiel zu setzen. Bei der Kirche ist dies aus theologischer Sicht nicht möglich.

Die radikale Inkulturierung des Evangeliums durch Einzelne bei gleichzeitiger radikaler Loyalität zur Kirche erfordert ein hohes Maß an selbst angeeigneter, leistungsfähiger Theologie auf der einen Seite, und erzeugt ein hohes Bedürfnis an Vergemeinschaftung dort, wo sich im Menschen Theologie in Glaube transformiert. Der klassische Ort dieser Transformation ist das Hören auf das Wort Gottes. Der Oxforder Theologe Jonny Baker fragt in seiner Keynote für den Kongress, wo in Deutschland Container für solche Orte sein könnten, an denen Pioniere auf gemeinsame geistliche Ressourcen zugreifen können. Gesehen ist damit, dass (öffentlich) verkündigenden Menschen unter gegenwärtigen Bedingungen zentral in geistlicher Hinsicht einen hohen Unterstützungsbedarf benötigen, um ihren Dienst gern und möglichst auch auf Dauer zu tun. Fragen der institutionellen Identifikation und der Salutogenese leiten sich daraus ab. Ekklesiocommunities sind zu stärken. Kirche sollte sehen auf die Potentiale regionaler und vor allem überschaubarer Zusammenhänge derer, die die Kirche leiten und sie zeigen, und dabei unter den Bedingungen der Flächenkirchen auch die Möglichkeiten virtueller Netzwerke im Blick haben.

Die reformatorische Bewegung ging hinaus aus den Klöstern, weil ihre Eigenweltlichkeit sie mit der Zeit mehr abschottete gegenüber einem „Draußen“ als dass sie wirksamen Schutz boten. Heute dürfte es an der Zeit sein, Inseln, Zelte, Camps, Stadtklöster, (virtuelle) Netzwerke zu fördern, die der Zurüstung zu einem Dienst in einer Welt zuarbeiten, die als von Gott geschaffene immer fremd bleibt. Von hier aus würden sich auch die Orte theologisch inspirieren und geistlich anleiten lassen, die den verfassten Kirchen seit Ende des 19. Jahrhunderts bis in die Gegenwart hinein als stabile Orte des christlichen Lebens gelten.

Wandern, Wundern und als-Verwundete-Leben sind Grunderfahrungen christlichen Glaubens. Die hohe normative Referenz auf konventionell Gewusstes und Erlebtes in der Kirche wird neu sichtbaren Bewegungen helfen, unplanbare Dynamiken, wie sich die Kirchen in Deutschland entwickeln werden, aufmerksam zu begleiten und selbst daran mitzutun. Jede/r kann aber entscheiden, mit welchem Blick er darauf schaut und welches Maß an Störkraft hinsichtlich der eigenen Bilder vom Leben und der Welt er dem christlichen Glauben einräumen mag. Das gehört zur christlichen Freiheit, die die reformatorischen Bewegungen seinerzeit neu freilegte und die uns in diesem Jahr allen Grund zum Feiern gibt. Es ist dies eine Freiheit, die die Kirche zu erleben erlaubt.

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

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