Gottes Gegenwart in menschlichen Sinnen (zu Mt 17, 1-9)

Nidderauer Ringpredigt „dass Jesus Christus sei mein Herr“ (Frühjahr 2017)

Aus dem Matthäusevangelium:

Sechs Tage später sahen Drei von ihnen diese Herrlichkeit des Menschensohnes. Jesus nahm Petrus und die Brüder, Jakobus und Johannes, und führte sie auf einen hohen Berg. Seine Erscheinung kehrte sich von innen nach außen, direkt vor ihren Augen. Sonnenlicht strahlte von seinem Gesicht. Seine Kleidung war erfüllt mit Licht. Dann nahmen sie wahr, dass auch Mose und Elia in eine Diskussion mit ihm vertieft waren.

Petrus unterbrach: „Herr, was für ein großartiger Moment! Was würdest Du denken, wenn ich drei Denkmäler hier auf dem Berg baute – eins für Dich, eins für Mose, eins für Elia? Während er so weiter redete, umhüllte eine lichterne Wolke sie, und aus der Tiefe der Wolke erklang eine Stimme: Das ist mein Sohn, gezeichnet von meiner Liebe, Mittelpunkt meines guten Willens. Hört auf ihn.

Als die Jünger das hörten, fielen sie auf ihre Angesichter, zu Tode erschreckt. Aber Jesus kam über sie und berührte sie. Fürchtet Euch nicht! Als sie ihre Augen öffneten und umhersahen, war alles, was sie sahen, Jesus. Jesus allein.

Den Berg hinabkommend, schwor Jesus sie zur Geheimhaltung ein. Sagt kein Wort von dem, was ihr gesehen habt. Nachdem der Menschensohn von den Toten auferweckt ist, seid Ihr frei zu sprechen.

 

I Wovon man nicht reden kann, davon —

Wenn Christen sagen sollen, was das ganz Eigene dieses Glaubens ist, und wie sie es in eigenen Worten beschreiben, dann sind viele eigentümlich still.

Und ich meine, dass das nicht nur daran liegt, dass wir alle aus einer Kultur herkommen, in der das Christentum so selbstverständlich war, dass man sich darüber gar nicht verständigen musste.

Gleichsam so, wie man erst nach dem Tode eines nahestehenden Menschen manchmal merkt, wie wenig man eigentlich über ihn weiß. So an Dingen, die erzählbar sind.

 

Dass Viele eigentümlich still sind, liegt an dem, wovon heute die Rede ist.

 

Innen kehrt sich nach außen. Sonnenlichtstrahlendes Gesicht. Lichterfüllte Kleidung. Vertiefte Diskussionen auf dem Berge. Unterbrechungen. Ungebaute Bauvorhaben. Umhülltsein von lichterner Wolke. Eine beleuchtete Wolke. Eine Stimme aus Wolkentiefe. Ein Mensch, gezeichnet von Gottes Liebe. Zu Tode erschrockene Menschen. Berührtsein. Fürchte Dich nicht! Geöffnete Augen. Jesus allein. Aber: Sagt nichts.

 

So wird von Jesus erzählt. Ich finde es ziemlich naheliegend, davon nicht zu erzählen. Von so Vorab-Erlebnissen. Denn wer würde denn daraufhin glauben? Offensichtlich trauen wir besonderem Erleben, kaum aber besonderen Worten.

 

II Das Dass des Erlebens

Wohl aber können wir uns darüber verständigen, dass es in jedes Menschen Leben solches Vorab gibt:

Ich weiß etwas, was mir hilft, das Leben zu verstehen und zu deuten, was kein allgemein geteiltes Wissen ist. Das kommt dazu – und stellt es in besonderes Licht.

 

Exkurs: need to know

Vorher ist im Matthäusevangelium von der Leidensnachfolge die Rede. Das hören viele.

Auf den Berg nimmt Jesus nur Drei mit.

Drei von vielen. Petrus, Jakobus, Johannes.

Sie sind die, die später in den frühen Gemeinden besondere Verantwortung tragen.

Besonderes und besonders Schweres liegen oft ineinander.

 

III Deine VorabGeschichten

Vorabgeschichten sind Bilder, die ich mir ausmale, die darauf zielen, wie das Leben sein könnte. Welchen Sinn eine Begegnung machen könnte. Weshalb es gut ist, sich einer Herausforderung auszusetzen; über den eigenen Schatten zu springen.

Kleine Erfahrungen im Alltagsleben, die zeigen, wie es einmal sein kann.

Dass ein Leben aus Liebe gelingt.

Dass wir voneinander wissen, was wir meinen. Und es nicht nur ahnen.

Dass es Verbundenheiten gibt, die über das, was wir selbst sind und tun, hinausreichen. Weit hinausreichen.

 

IV Christologie: Jesus als Gottes Vorab-Mensch im Moment. Und die Sache mit der Verwandlung

Jesus ist Gottes Vorab-Mensch. Jesus lebt, wie Gott Menschen will. Er erzählt von Gottes Welt. Davon, wie Gott handelt. Er heilt. Er provoziert. Er macht sehend und hörend. Er ist ortlos und doch gewiss. Er verweist auf etwas, was kommt und doch da ist.

Und dass das eine gute Welt ist, das zeigt der Einwurf des Petrus. Der redet dazwischen. Man tut das nicht, lernt man. In erster Linie ist es aber ärgerlich. Weil es etwas zerstört, das eben noch da war.

Manchmal ist das so. Da ist etwas gut. Und in dem Moment, wo ich einen Schritt zurücktrete und genau das zum Thema mache, ist es vorüber – das, was da gut war. Petrus will das „Vorab“, diese Momente, in denen wir das Leben verstehen, in ein „Immer“ verwandeln.

 

Stattdessen aber wird Jesus verwandelt. Alles wird geschildert und doch verstehen wir nichts. Von innen nach außen, direkt vor ihren Augen. Nach antikem Verständnis ist das Innen eines Menschen weniger das, was nur ihm selbst gehört, als der Sitz seiner zentralen Lebensfunktionen. An Jesus wird sozusagen Einblick gegeben dahinein, wie das Leben funktioniert, wie es geht. Und das tut Jesus nicht selbst, sondern es wird an ihm getan. Jesus bleibt eigentümlich passiv. „Er wurde verklärt vor ihnen“, heißt es in unserer traditionellen Bibelübersetzung, die auf Martin Luther zurückgeht. Auch, wenn wir heute von Verklärtem sprechen, umschreiben wir ja etwas, was eigentlich nicht so in unsere Welt zu passen scheint. Dabei ist doch gerade auffällig, dass der verwandelte Jesus mit Dingen umschrieben wird, die zu unserem Alltagserleben gehören: Das Gesicht wie die Sonne, die Kleider wie Licht, Mose und Elia als Figuren einer geteilten Geschichte des Glaubens, die zumindest damals jeder kannte. Sonne, Licht und Geschichten. Später kommt eine Wolke dazu und eine Stimme. Nichts, was noch nie jemand gesehen und gehört hätte.

 

V Christologie 4.0

Und doch geschieht etwas. Wir sehen und hören nichts Ungewöhnliches, und doch geschieht eben solches.

Später wird Jesus nach Jerusalem gehen. Wie es alle tun.

Er wird verurteilt, die meisten sagen: zu Unrecht. Das geschieht vielen.

Er wird hingerichtet, wie es zu seiner Zeit üblich war. In ein Grab gelegt, wie es den allgemeinen Gepflogenheiten entspricht.

Und doch geschieht auch etwas Anderes. Darin.

Wir hören heute von einem „Vorab“. Und wir erleben solches „Vorab“.

Selbst uns, die wir diese Geschichte nur lesen oder heute hier hören, zieht die Szene eigentümlich in den Bann. Wir sind geradezu gezwungen, uns zu ihr zu verhalten.

Kommentieren wie Petrus, dazwischenreden – das macht man ja auch manchmal, um es nicht aushalten zu müssen -, oder Häuser bauen wollen, wo es kaum zu ertragen ist, dass die guten Dinge auch flüchtig sind.

 

VI Christologie auf dem Prüfstand

Und das Licht und die Sonne sind nicht nur wärmend und klar. Das Leuchten der Sonne und das weiße Licht blenden auch. Eine lichte Wolke überschattet. Ich kann mir dieses Paradox nur so einsichtig machen, dass etwas erleuchtet wird, damit wir eben gerade nicht unmittelbar sehen. Wer Gott sieht, stirbt, weiß die Bibel. An Mose geht Gott vorüber. Für Elia ist Gott in einem Geräusch. Für Petrus, Jakobus und Johannes ereignet sich etwas surreal Mächtiges, ohne dass es eine direkte Begegnung wäre, so wie wir einander ins Angesicht schauen können. Jesu Angesicht leuchtet wie die Sonne, die Jünger fallen nieder auf ihr Angesicht. Ja, eine althergebrachte Geste der Ehrfurcht, aber doch viel mehr wohl das Erschrecken, von dem der Matthäusevangelist berichtet.

Im Erschrecken, dass da in den Dingen etwas Anderes ist, als das, wonach es erstmal aussieht, rührt Jesus sie an und spricht. Und dieses Anrühren ist mehr als ein kurzer Körperkontakt. Wie ein Auf-die-Schulter-Klopfen oder eine Umarmung mehr sein kann als eben dies. Etwas von Gott zu erleben, rührt an. Es gehört damit zu meiner Geschichte. Und selbst, wenn ich dem keine weitere Bedeutung zumessen will, hat es sich mir eingeschrieben, meinem Leben, meinen Erfahrungen und meinem Körper. Und ich werde daran erinnert, dann und wann.

„Fürchtet euch nicht“, sagt Jesus. Er sagt keine Worte, die noch nie jemand gesagt hätte. Die Propheten haben’s getan. Immer wieder. Der Engel bei Maria. Die Engel an Weihnachten. Immer wieder: Fürchtet euch nicht.

Aber jetzt ist es klar. Bedeutsam für mich: Fürchte Dich nicht. Jesus ist die Person, die verbürgt, dass in den Dingen Anderes ist, das etwas von Gottes Welt ist. Und dass das nichts ist, was uns fürchten machen lässt. Weil Jesus gezeichnet ist von Gottes Liebe. Weil Jesus der Mittelpunkt von Gottes gutem Willen ist. Hört auf ihn!

 

VII Auftrag zur Antizipation

Aber weshalb dieses „Vorab“? Weshalb nicht erst alles nach der Auferstehung? So tragen drei Jünger nun eine Erfahrung in sich, die sie geheim zu halten haben. Mag sein, sie sind ganz dankbar dafür, dass sie nichts sagen können von so unglaublichen Dingen. Es mag aber auch sein, ihnen ginge das Herz über und es wäre richtig schwer, nichts zu sagen von dem, was sie erkannt haben.

Das „Vorab“ – das gibt es, weil sich den Jüngern anschließend die Dinge anders zeigen. Könnte Gott nicht wollen, dass wir die Welt im Lichte der Verklärung sehen? Der Matthäusevangelist nimmt uns schließlich mit auf den Berg. Er müsste das nicht tun. Wir könnten auch unten gelassen werden, wie die meisten Jünger. Wir sind aber dabei. Selbst als die, die nur hören und lesen, können wir uns den Ereignissen nicht entziehen.

Dass man sein Kreuz auf sich nehmen müsse, wenn man nachfolgt, davon haben alle gehört. Jesu Leiden wird ständig angekündigt. Dass es schwer ist, als Christenmensch zu leben, hat sich unserem Gedächtnis eingeschrieben – und oft ja auch zurecht. Auf dem Weg nach und in Jerusalem geht es um eher unschöne Themen: Um das Politische; darum, wer eigentlich das Sagen hat, um Streit, um Verlorenes, um üble Nachrede und dererlei mehr. Christen brauchen einen langen Atem. Das wissen die Jünger. Dass wissen die Menschen in den Gemeinden, an die das Matthäusevangelium sich wendet. Und deshalb auch wir. All das ist da. Und darin ist etwas Anderes. Hört auf Jesus, sagt die Verklärungsgeschichte, das gleiche Evangelium. Seht auf ihn. Da ist zwar nur Jesus allein, ohne Licht und Kleid und Glanz und Mose und Elia und so. Aber in Jesus allein ist Gottes Wille und Gottes Liebe ganz eingeschlossen.

Auf-ihn-Hören, das ist: Gelten lassen, was er sagt. Gerade auf dem Weg ans Kreuz. Weil Licht und Kleid und Glanz und Mose und Elia auf uns wirken. Auf das, was wir erleben.

Jesus wird gewaltsam und brutal sterben. Das wird zu sehen sein. Für alle. Darin und danach und am dritten Tage wird etwas Anderes geschehen. Allen wird das dann erzählt werden. Nachdem der Menschensohn von den Toten auferweckt ist, seid Ihr frei zu sprechen. Auch vom Verklärten. Mit Ostern im Rücken werden wir davon sprechen, wieviel mächtiger das Leben ist als der Tod.

Deshalb fürchtet euch nicht.

Amen.

 

Ein zweiter Schluss: Wovon man reden soll – Zu Ehren reformatorischer Worte

Und haltet an den Worten fest, die sagen, was Ihr glaubt. Und andere mit Euch, hier in dieser Kirche und an so vielen Orten auf der ganzen Welt.

Wir sprechen gemeinsam die Erklärung zum zweiten Artikel des Glaubensbekenntnisses im Kleinen Katechismus von Martin Luther. Sie finden das im Gesangbuch unter der Nummer 806.2 auf der rechten Seite unten:

Ich glaube, dass Jesus Christus,

wahrhaftiger Gott vom Vater in Ewigkeit geboren

und auch wahrhaftiger Mensch von der Jungfrau Maria geboren,

sei mein Herr,

der mich verlornen und verdammten Menschen erlöset hat,

erworben, gewonnen von allen Sünden,

vom Tode und von der Gewalt des Teufels;

nicht mit Gold oder Silber,

sondern mit seinem heiligen, teuren Blut

und mit seinem unschuldigen Leiden und Sterben;

damit ich sein eigen sei

und in seinem Reich unter ihm lebe und ihm diene

in ewiger Gerechtigkeit, Unschuld und Seligkeit,

gleichwie er ist auferstanden vom Tode,

lebet und regieret in Ewigkeit.

Das ist gewisslich wahr.

 

 

Fotocredit: Deutsche Bibelgesellschaft

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