#Mahlganzanders Kassel 2017 – nachgedacht.

Prolog.
Anfang vor dem Anfang.
Wir reden ein bisschen drumherum.
Kaufen metallicfarbene Kopfkleider gegen die Sonne tags und den Mond des Nachts.
Spielen mit Klischees und freuen uns aufeinander.
Posten Bilder vergangener Jahre.
Adressen, Abläufe, Anweisungen treffen ein.

Der Abend vor dem letzten Abend.
Euer Anfang. Ich arbeite noch. Und weiß: Auch Anfangen ist Arbeit.
Ich bedenke mein Bild: Was weiß ich eigentlich über diese Jünger?
Leute, die sich rufen ließen.
Alle mit Namen.
Männer und Frauen.
Die, die vom Geld Anderer leben und die mit den verschwielten Händen.
Die, von denen wir immer reden und deren Bedeutung in den frühen Gemeinden die Evangelisten in ihre Erzählungen projizierten.
Und die Anderen.
Kirche ist nie ohne die Anderen gewesen.
Wir halten uns für die Anderen und ahnen, dass auch die Anderen the gift of not fitting in in sich tragen.
Ihr schickt lustige Fotos.
Und ich weiß: Es ist eine schwere Geschichte, und es ist eine gute Geschichte.

Weit vor Sonnenaufgang.
Verkehrsreichster Tag des Jahres, sagt die Stimme im Radio.
Aber nicht jetzt.
Die Frau mit dem Brot in der Hand spricht jeden mit Namen an.
Meine paar kleinen Münzen klirren auf dem Tresen der Backstube und sie wünscht mir gesegnete Festtage.

Der Morgen des Abends.
Du gehörst einfach dazu.
Dass man sich ohnehin immer erstmal kennenlernen müsse, ist hartnäckiger Vermeidungsmythos längst vergangener Pädagogik.
Wir wechseln ständig die Richtung und wachen auf.
Wachsein werden wir brauchen, heute.
Alle wissen das.
Manche von Euch sind mir sehr vertraut. Wir kennen uns sehr lange oder sehr bedeutsam.
Von Anderen weiß ich nicht einmal die Namen.
Aber Ihr habt einen. Und ein Bild. Dieses Bild.
Das Bild von Jesus, den Leuten am Tisch, die wir Jünger und Apostel nennen, und Brot und Wein.
Satis est. Es ist genug.
Und es ist auch dann genug, als nicht genug da ist. An Trauben, an Wasser, an Brot und an liturgischem Gerät. Noch ist Zeit, etwas zu tun.
Es gibt eine Zeit, in der nichts mehr getan werden kann.

Übendes Christentum, nach innen und außen
Wir haben dieses Bild. Von Jesus und den Seinen.
Und es ist unser Bild.
Deshalb ist alles Proben keine Garantie auf Gelingen, sondern ein Besser, ein Feiner, ein Wirksamer.
Üben ist im Christentum systematisch unterschätzt.
Und Andere brauchen Bilder.
Für Instagram, Twitter und das Fernsehen.
Denn sie sollen es alle wissen: Es gibt dieses Bild.
Und kein Leben ohne das Verhalten auf diesem Bild: Gehen und Sitzen, Sehen und Klingen (der Erfinder dieser Theorie sagt hier: Singen ), Hören und Essen.
Vor allem deshalb werden ja alle hinschauen.

Ab nach Kassel. Wilhelmshöher Allee 330.
Das Kirchenhaus sorgt für uns. Mit Buchstaben, Grüner Soße und ein bisschen Zeit füreinander. Gedeckter Tisch und Reden, bevor wir Anderen den Tisch decken und Schweigen. Und weiße Worte fallen auf die Nutzlasten: Wein, Brot, Kuss.

Großer Bahnhof.
Sei pünktlich. Das Leben wartet nicht auf Dich. Also los. Trauben in der Bahnhofshalle und Menschen draußen. Wir suchen Analogien, aber wenig hilft.
Die Uhr tickt unaufhörlich. Es will Abend werden und der Tag wird sich neigen.
Erstes Bild für Andere. Eingeladene und Passagere. Manche, die sich extra auf den Weg gemacht hat.
Nur hier sind Fragen erlaubt:
Judas, wie ist das für Dich?
Bin ich’s, die Jesus verraten wird?
Gibt es etwas, was kälter sein kann als diese Zugluft?
Und eine tanzt. Tanzend.jpg

Weiterziehen.
Sie waren viel unterwegs, damals in Galiläa.
Viele sind unterwegs, heute in Kassel.
Mancher mit schwerem Gepäck, Anderer mit fast nichts. Kein zweites Hemd, sagt Jesus. Sich verlassen auf die, die für alles sorgen.
Exclusive, behauptet so mancher Laden, dass er sei. Je mehr am Rande, desto lauter schreien die Buchstaben mich an. Exklusiv. Nur für Dich. Manche sagen so auch vom Abendmahl. Einer wird deshalb noch gehen. Kirche ist auch das, was Dir vertraut ist.

A Crack in everything
Und dann
ist da dieser Moment, der so winzig ist, dass Du gar nichts entscheiden kannst, geschweige denn wahrnehmen. Nur subkutanes Geräusch im Großstadtlärmklischee. Mehr als eine Doppelhauslebenerinnerung geht zu Bruch.

Leben mit defekter Ausrüstung
Bin ich’s, Herr?
Und der Himmel verdunkelt sich und ich halte die Scherben dieses einen Moments in der Hand.
Und da weiß ich, wer ich in dieser Rolle bin.
Und werde dem, was da ist, nur durch Tun gerecht.
Ich decke auf. Die Scherben, die mal ein Teller waren. Und ein zweiter, und ein dritter, und der nächste und der nächste. Das dauert alles lange, lange, unerträglich lange. Denn alles ist wert, da zu sein. Feiner Riss in der Mitte, abgebrochene Ränder, fehlende Stücke.
Ihnen wird aufgetischt. Denen, die auch im Regen auf der Parkbank sitzen, die sich am Glas festhalten und an all ihrem Hab und Gut, das sie bei sich haben. Everything. Crack.
Christi Leib, für Dich gegeben. Christi Blut, für Dich vergossen. Brot des Lebens. Kelch des Heils.

Gottes Nachspielzeit
Ich drehe mich um. Damit fällt der Vorhang. „Eine feste Burg ist unser Gott“, mir direkt gegenüber, dieser Kirche in Stein gemeißelt, auf die ich nun schaue. Zerbrochenes Steingut und Trutzburg. Wein-Brot-Kuss. Fein lustig trotz allem, dieses Leben. Und darunter, vor der Tür, Bindingbierflaschen in Scherben. Gottes Pfand, vom Tode bedroht. Auf der Schwelle zum heiligen Raum liegen Scherben.
Und Jesus nahm den Kelch, dankte und gab ihnen den – und das Licht brach sich Bahn durch die Wolken. Nur dieses eine Mal. Und er brach das Brot. Und mitten im Heiligen liegen Scherben.

Theo, mach mir ein Bananenbrot!
Und weitere subkutane Bilder im Großstadtgetümmel.
Ewiges Karrussell und unvergessbare Melodien unserer Kinderlieder. Große Augen und fordernde Worte. Blickwelt, die nicht bis ans andere Ende des Tisches reicht. Ihr seid da, aber ich sehe Euch nicht.
Und immer: Bin ich’s, Herr?
Und das Klirren der Münzen des Judas, das allem ein Ende macht.
Allem ausgesetzt. Jeder Deutung. Jedem Wort. Diese andere Welt, wie wir sagen werden. Mittendrin. Kirche, die sich nicht aussetzt, muss im Lebensspiel der Anderen aussetzen. Wir wissen das und machen weiter. Rathaus.jpg

Auch, weil die Anderen es auch tun. Die Anderen schützen, und die Requisite, die Kleidung, die strikte Inszenierung, die klaren Regeln. Der öffentliche Raum diszipliniert. Kirche ist immer auch gute Form.

After Show
Und auch heute ist es am Ende allen eilig. Kakao to go, in biograsgrünem Gründonnerstagsambiente sitzend. Die Sehnsucht am Ende ist der Zauber des Gartens am Anfang. Szenen verlassen, nicht mehr ausgesetzt sein, miteinander sprechen, lachen und staunen, in warmen Autos sitzen, an gedeckten Tischen und hinter dicken Kirchenmauern, durch deren Fenster Licht in allen Farben fällt. Und Gott wandelt zwischen all dem in der kühlen Abendluft umher.

Kreuzkirche. Wohin wir zurückkehren
„Bin ich’s, Herr?“ taucht in das Licht von Gottes Schöpfung, als die Sonne längst gesunken ist und Du nicht mehr „Ja“ sagen musst zu alten Worten, die uns – heute – viel zu groß und verloren gegangen sind. Sooft Ihr davon esst, sooft Ihr davon trinkt – das tut zu meinem Gedächtnis.
Wir teilen Brot, wir teilen Wein, wir singen die gleichen Lieder und wissen einander, was es bedeutet, zu beten. Auch das ist Kirche. Übende Kirche. Kirche als Herberge am Wegesrand. Wir packen, kochen Kaffee und fahren durch die Nacht.
Wir reden noch ein bisschen, bevor Du in die andere Richtung weiterfährst. Wir wechseln ständig die Richtung und gönnen uns jeden Schlaf.
Ich fahre allein weiter durch die Nacht und hänge Gedanken nach. Siri liest mir die Worte vor, die Ihr noch schreibt. Bevor alles schweigt. Drei Tage lang.

Fotocredits: Claudius Grigat (Titelbild), Johanna Waldmann (tanzendes Kind), Frank Muchlinsky (Rathaus Kassel).

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