Dieses „Ding“ mit der Digitalisierung

Lose Gedanken inmitten einer aktuellen Debatte (besonders zu: http://www.pfarrerverband.de/pfarrerblatt/archiv.php?a=show&id=4266#tocomment)

How to deal with Information

„Hast Du schon gesehen?“ und es folgt ein Linkkürzel. „Nein“, schreibe ich zurück, „ich moderiere noch zwei Stunden eine Sitzung“. Später am Tag folge ich dem Link zum „Leben auf Cloud sieben“, finde Screenshots in meinem Messenger und am Abend auch den vollständigen Text auf der Homepage der Zeitschrift. #digitalfirst denke ich überrascht, wundere mich über die seltsame Uhrzeit und phantasiere, es muss wohl daran liegen, dass die Schriftleitung dies mutmaßlich ehrenamtlich in ihrer Freizeit irgendwann erledigt. Am nächsten Tag wird das Printexemplar in meinem Briefkasten sein. Nachdem es bereits 80 Kommentare dazu gibt. Und ich den Verfasser einen halben Tag lang bei einer Sitzung traf (zu der ein Navigationsgerät mich gewiesen hat) – ohne dass wir über den Artikel sprechen konnten. Weil es um Flyer ging, die leider noch nicht fertig sind und deren Zielgruppe auch unklar ist. Und weil er nicht wissen kann, dass ich den Text schon las, weil er nicht Teil meines Netzwerkes ist. Nachrichten, die mich zum Thema Digitalisierung daraufhin erreichen, lassen mich das Papierheft wieder aus dem Regal holen, ein paar Bücher und Websites auf einer (imaginären) Pinnwand platzieren und jetzt an einem linearen Text schreiben, der gewiss anders aussieht – je nachdem, ob ich ihn mit meiner alten Adlerschreibmaschine zu Papier bringe oder auf einem Computer. Und damit, dass Sie als Leserin das nicht wissen, wie mein Schreibprozess aussieht, müssen Sie umgehen. Leben ist heute gleichzeitig, mixed-cultural, cross-medial und unübersichtlich. Wer demgegenüber einsiedelt, tut dies auf Kosten derer, die es nicht tun.
Analoges und digitales Leben sind unauflöslich miteinander verschränkt. Digitalisiert lebt nicht erst, wer einen sprechenden Kühlschrank hat, ein drittes Auge auf der Stirn oder sein Bild der Welt aus Twitternachrichten konfiguriert. Der Digitalisierung können Menschen in Westeuropa sich ebenso wenig entziehen wie der Industrialisierung, der Marktwirtschaft, der Neuzeit, der Aufklärung. Und sei es, durch Negation.

Definitorische Diffusion

Digitalisierung wird im „Leben auf Wolke sieben“ – und natürlich nicht nur dort – als Angstbegriff gehandelt. Dies könnte in einer begrifflichen Unschärfe begründet sein, die dazu führt, dass Menschen, die von „Digitalisierung“ sprechen, mindestens zwei verschiedene Phänomene damit bezeichnen: Zum einen geht es um die zunehmende Verwendung von Computertechnik in allen Bereichen des Lebens. Zum anderen ist aber auch im Blick, dass sich analoge „Dinge“ in Digitales „verwandeln“. Der erste Horizont ist quantitativer Natur: „immer mehr Computer“. Der zweite Horizont ist primär philosophisch zu beschreiben: In gleichem verbirgt sich etwas Anderes, das möglicherweise nicht-intendierte Nebeneffekte mit sich bringt. Theologiegeschichtlich geschulte Blicke sehen auf die hochmittelalterlich entwickelten Vorstellungen von Konsubstantiation und Transsubstantiation und die damit verbundene Nähe zur Sakramentenlehre. Klar ist: Es „geschieht“ etwas, und im Zweifel weiß keiner, wie. Und davon immer mehr. Und das macht Menschen Angst. Und wie immer gilt: Klarheit klärt auf. Klarheit entmythologisiert. Wer einen diffusen Digitalisierungsbegriff in die Debatte einbringt, setzt sich einem Ideologieverdacht aus. Man wird der Doppelstrategie des Phänomens nicht entkommen können. Aber man sollte sich ihrer bewusst sein.

Was zur Debatte motiviert

Es ist (zu) mühsam, im Einzelnen zu zeigen, inwiefern die Argumente derer, deren Vorbehalte gegenüber den unaufhaltsamen Entwicklungen unserer Gesellschaft ihnen gewichtig erscheinen, solche sind, die unabhängig von Digitalisierung für jede technische Innovation der Neuzeit gelten. Diese Einwände sind inzwischen populärwissenschaftlich: Dass eine Innovation eben nicht nur das Verhalten von Menschen tangiere, sondern ihre Persönlichkeit. Dass eine flachere Hierarchisierung mit Heilsutopien verknüpft werde. Dass technische Innovation zu Massenarbeitslosigkeit führe – um nur einige Beispiele zu nennen.

Mich beschäftigt die Frage, ob uns die Spaltung der (innerkirchlichen) Diskussion in die vehemente Digitalisierungsskeptiker und –befürworter nicht mehr schadet als nutzt. Verhält es sich nicht vielmehr so, dass theologiegeschichtlich mit zuverlässiger Regelmäßigkeit auftretende Dichotomien von kulturpessimistischen Haltungen und Positionen des liberalen Kulturprotestantismus am neuen Beispiel aktualisiert werden? Und natürlich werden manche sagen: Nein, DAS sei ja nun etwas ganz Anderes. Aber das dürfte doch wohl jede Generation von den Innovationen ihrer Zeit gedacht haben. Und ich schreibe ein paar lose Zeilen, weil mir zu denken gibt, dass jemand in der Diskussion darauf verweist, dass die Potentiale der Digitalisierung überwiegend als behauptete Folie der Gegenargumente genannt werden. Interessant ist mir, dass der Artikel selbst genau so rezipiert wird, wie es meinem Erleben des Themas entspricht: Auf der einen Seite gerät er in den Strudel dessen, was er selbst beschreibt. Auf der anderen Seite wird er von denen gelesen, die sich mails ausdrucken lassen, um sie zu bearbeiten und am gleichen Tag im Supermarkt fleißig Paybackpunkte sammeln. Allseitig verfestigen sich Klischees. Ich kann mit diesem Text wenig mehr als den Wunsch adressieren, dass wir konstruktiver mit den Herausforderungen unserer Zeit umgehen. Dazu geht es mir darum, einen Moment innezuhalten und zu klären, welche grundsätzlichen theologischen Fragen in der Debatte aufgeworfen sind und welche offenen Fragen sich beispielsweise für das Handeln der Kirche daraus ergeben.

Wer entscheidet was?

Wir sind mit der Welt konfrontiert, in der wir leben und wir sind ein Teil von ihr. Das haben wir selbst nicht entschieden. Digitalisierung ist darin ein schleichender Prozess. Das hat in erster Linie technische Gründe – so, wie sich technologisches Know-How entwickelt, schreiten auch die Anwendungen fort. Das bedeutet auch, dass sich die Lebensbereiche, die betroffen sind, ausweiten. Digitalisierung ist pervasiv, durchdringt also (nach und nach) alle Lebensbereiche. Dieses Phänomen weckt offensichtlich allein aufgrund seiner Wirkweise in Menschen die Vorstellung, es sei eine Macht am Werke, die sich Herrschaft sichern wolle, indem sie verborgen, aber stetig expandiere. Das Bild ist: Es gibt einen Plan, den ich nicht kenne und dem ich ausgeliefert bin. Wer das für sich gelten lässt, erlebt sich mit dieser Haltung in steter Konkurrenz zu seinen eigenen Autonomieansprüchen. Mit zunehmender Digitalisierung könnte sich folglich der Verdacht erhärten, dass ich mir selbst gar nicht mehr so sicher bin, das Subjekt der Entscheidungen zu sein, die traditionellerweise mir selbst zugeschrieben werden. Besonders deutlich wird dies etwa bei der Frage, welche Wirkung personalisierte Werbung am Rande von Kontenbereichen von Onlinewarenhäusern oder Pinnwandseiten hat. Freilich gilt dies allein unter den erwähnten Vorannahmen – es ist keineswegs zwangsläufig, dass Menschen ihre Entscheidungshoheit verlieren, wenn ihre Welt sich zunehmend digitalisiert. Mit der Zunahme an Entscheidungsmöglichkeiten und Optionen kann genauso gut auch ein Gewinn an Entscheidungsfreiheit einhergehen.

Neben das Bild eines Mechanismus der Durchdringung entwickelt sich eine – mehr oder minder – subtile Koalition von biologischen und maschinellen Prozessen, die ineinandergreifen. Die Digitalisierungsforschung nennt dieses Phänomen „ambient intelligence“. Implantate, Brillen und Herzschrittmacher sind in unserer Gesellschaft als solche völlig akzeptiert. Die Bewertung leistungssteigernder Prothesen, Mikrochips oder zusätzlicher Wahrnehmungsorgane (wie dem „dritten Auge“) ist umstritten. Im erweiterten Personbereich mobiler Endgeräte ist gelegentlich unklar, wer im Blick auf eine Entscheidung auf wen einwirkt. Damit stellt sich die Frage, ob nicht die Unterscheidung von Subjekt und Objekt oder auch: „Ding“ unter heutigen Wahrnehmungsbedingungen unterkomplex ist. Weitergedacht werden sollte (das kann an dieser Stelle nur angedeutet werden, beschäftigt mich aber an vielen Punkten) der sozialphilosophische Ansatz von Bruno Latour, in dessen Akteur-Netzwerk-Theorie der Unterschied von Subjekt und Objekt verschwindet und „Dingen“ konsequenterweise ethische Handlungsfähigkeit zugeschrieben ist. Demnach „werden“ Dinge nicht durch irgendetwas zu Akteuren, sondern sie sind es bereits. Es geht mir hier zunächst weniger um die technikphilosophischen Folgen dieser Annahme, als um die grundlegende Sicht, dass Dinge und Personen sich wechselseitig zueinander instaurativ verhalten können und einander entscheidend beeinflussen können. Die Zunahme an erlebter Komplexität kann insofern zu der Annahme veranlassen, Menschen verlören an Selbstbestimmung, weil sie sich Einflüssen aussetzten, die anders vorgeben zu sein als sie tatsächlich sind. Ein analysierender Schritt zurück in philosophischem Erkenntnisinteresse macht dann deutlich, dass es sich dabei um eine Frage handelt, die nicht spezifisch durch Digitalisierung hervorgerufen ist. Ängste mag dies dadurch auslösen, als Menschen durch eine Zunahme ethischer Handlungssubjekte einen Verlust an individueller Selbststeuerung in einem gesellschaftlichen Milieu erleben, das auf Selbstwirksamkeit wert legt. Hier zeigt sich, dass Digitalisierung primär – so mein Vorschlag – Themen der Anthropologie aufruft.

Schließlich ist der Umstand zu bedenken, dass mit zunehmender Digitalisierung ihre Symbole immer mehr verschwinden. In einem vielbeachteten Essay formulierte Mark Weiser bereits 1991, dass der technologische Fortschritt das Computergerät zum Verschwinden bringen würde, weil er allgegenwärtig sein würde. (The Computer for the 21st Century, Scientific American 265, 1991, S. 94–104). Digitalisierung wird perspektivisch ubiquitär und damit eine Größe, der es unmöglich ist, sich zu entziehen. Damit wird sie selbst unsichtbar, weil es keine abgegrenzten Zeichen ihrer selbst gibt. Sie wird zum Gegenstand von „Glauben“. Das primäre Thema der Digitalisierung ist insofern weniger die (alte) Befürchtung, Maschinen nähmen Menschen die Arbeit weg, sondern die unübersichtliche Gemengelage von Entscheidung und Verantwortung in Hybridformen von Mensch und Maschine. Die Verlagerung auf bekannte, aber letztlich ungeklärte Fragestellungen trägt dazu bei, dass anthropologische und ethische Herausforderungen eher unklar werden und schürt damit Ängste. Gleiches gilt für Themen wie Filterbubble, Crossmedialität, Erstellung gezielter Profile oder den vermuteten Verlust an Selbstbestimmung. All dies ist im Grundsatz nicht notwendig mit dem Thema Digitalisierung verbunden, wird dadurch aber teilweise offensichtlicher bzw. entwickelt sich schneller, zum Teil unabsehbarer, als wir dies bislang gewohnt sind. Das gilt auch für Meinungsbildungsprozesse, die unter dem Stichwort „Empörungsdemokratie“ Einfluss auf politische Willensbildung nehmen. Einstellungen, die ohnehin eigenen Dynamiken unterliegen – beispielsweise Hass und Spott – nehmen unkalkulierbar an Fahrt auf. Dass eine leise Mehrheit des Abwägenden weniger gesehen wird, gilt dann um so mehr. Ob man allerdings durch das, was „wirklich wahr“ ist, überzeugen und Haltungen messbar verändern kann, bleibt fraglich.

Intuitive Reaktionen wie etwa Daten „mit Verfallsdatum“ wie etwa Snapchat als Reaktion auf das Nie-vergessende-Internet zeigen menschliche Sehnsucht nach Vergebung und unbelastetem Neu-Anfang an. Auch in prädigitalen Zeiten war dies eine Sehnsucht, die nicht jedem vergönnt war, erfüllt zu sein. Es ist eher das Gefühl des fernen, unbestimmten Ortes, an dem Daten sich sammeln, der Menschen ängstigt, als das Phänomen an sich, das sich grundsätzlich „in jedem Tante-Emma-Laden ereignen“ kann.

Ein Mythos am Rande

Der Wissenschaftsjournalist Marcel Hänggi hat die verbreitete Rede entlarven können, dass durch technische Innovationen Zeit gespart werde. In in 2015 veröffentlichten Einzelstudien konnte er zeigen, dass sich dies für eine Vielzahl von Erfindungen empirisch nicht verifizieren lässt (Fortschrittsgeschichten. Für einen guten Umgang mit Technik, Frankfurt am Main 2015). Deshalb erscheint mir fraglich, ob eine veränderte Einstellung zur Zeit tatsächlich angemessen auf die Herausforderungen reagiert, die sich uns mit der Digitalisierung stellen (ähnliches ließe sich auch für das Stichwort „Präsenz“ zeigen – wenn damit mehr gemeint ist, als das alltagssprachliche „Ich-bin-mir-bewusst- dass-ich- ‚hier‘- bin“, dann würde es geradezu zur Transzendentalisierung des Ichs oder der digitalen Welt beitragen – auch christlicher Sicht ein dramatischer Kategorienfehler!). Präsenz bezieht sich klassischerweise auf eine transzendentale Größe, die für die Verlässlichkeit einer Ordnung steht, in der jede Veränderung negativ bewertet werden muss. Jede flüchtige, liquide Struktur der Gegenwart bekommt dadurch einen Makel. Der Ruf nach Sicherheit kann im Kontext von Digitalisierungsdebatten folglich nicht mit dem Hinweis auf Zeitverständnis und Präsenz hinreichend beantwortet werden.

Ein Beispiel

Für die Konkretisierung aller drei Aspekte (Durchdringung, Mensch/ Maschine, Allgegenwart) eignet sich das im Artikel erwähnte Beispiel der “Hello Barbie” gut, weil seine Entwicklung zeigt, welche Aspekte von Smart Toys – also Spielzeug, das sich mit dem Internet verbinden kann – als so kritisch angesehen werden, dass sich die Gesellschaft eine rechtliche Selbstreglementierung auferlegt. Es ist dies keineswegs die Datenaufzeichnung schlechthin, sondern eben ausschließlich jene, die ohne explizite Einwilligung der Spieler/ der Beteiligten geschieht: Im Rechtsverständnis unseres Staates ist das autonome, entscheidungsfähige Subjekt vorausgesetzt. Deshalb sind auch nur all jene Puppen vom Markt genommen worden, die ihre Umwelt schlicht immer und damit ggf. „heimlich“, also ohne Zustimmung des Nutzers datentechnisch verarbeiten. Dieses Argument ist deshalb kritisch, weil man ja genauso gut argumentieren könnte, dass der Nutzer nicht erst mit der Betätigung eines Einschaltsknopfes zustimmt, sondern dies bereits schon mit dem Kauf tut bzw. damit, eine solche Puppe/ ein solches „Ding“ in seinem Nahbereich zu dulden. Offensichtlich wird aber die Zeitnähe von Zustimmung und Ereignis als ethisch relevant und damit ausschlaggebend für die rechtliche Bewertung angesehen. Das bedeutet in einem weiteren Kontext, dass die Digitalisierung – permanent durchdringend, den Menschen konfrontierend und in allen Lebensbereichen präsent – den Einzelnen in ständige Entscheidungssituationen bringt. Damit ist sie im Sinne Latours selbst instaurativ. Mit Recht kann eine Gesellschaft für sich sagen, dass sie dies regulieren möchte (unabhängig davon, ob das faktisch gelingt). Wer sich dem aber völlig entzieht, spielt denen in die Hände, die aus ökonomischen Gründen Angst vor Regulierung des digitalen Marktes haben. Das gilt hier genauso wie auf analogen Märkten.

Wer gewinnt?

Die vorhergehenden Erläuterungen verdeutlichen: Es gewinnt, wer entscheidungsfähig ist und unter digitalisierten Bedingungen auch bleibt. „Bildung aus dem Netz“ (Krückeberg, 206) ist nicht notwendig „Schlagwortwissen“, die analytisches Denken verdrängt. Wohl aber habe ich zu entscheiden, wie ich mit Wissen umgehe – das gilt digital genauso wie analog. Minimalistische Eliten oder solche mit „Retro-Chic“ bilden sich analog wie digital. Gleichwohl zeigt sich, dass sich bestimmte Wahlmöglichkeiten, digital teilzuhaben oder eben nicht, nur privilegierten Gruppen nahelegen: Ob ich perspektivisch darauf verzichten kann, mein digitales Portfolio so zu pflegen, dass es ökonomisch möglichst vorteilhaft ist, ist eine Frage von Know-How und Wohlstand. Gesellschaftlicher Ausstieg ist immer ein Elitenprivileg. Umgekehrt ermöglicht Digitalisierung Teilhabe, vor allem in analog-infrastrukturell schwachen Gebieten oder dort, wo große geografische Entfernungen zu überbrücken sind.

Was sollen wir tun?

Die antiken Gelehrten stritten darüber, was sich eigentlich hinter Wolke Sieben befindet. Manche sagten: Dort ist das Paradies. Andere sagten: Dort ist das Nichts. Und über Beides kann man trefflich streiten – bis heute. Und sich an der Grenze von bekannter und unbekannter Welt darin verlieren, was wohl an einem anderen Ort der Fall ist. Digitalisierungsphänomene werden auffällig häufig raummetaphorisch beschrieben. Die Rede vom #neuland der Netzwelt hat sich der Diskussion terminologisch eingebrannt. In fundamentalistischer Perspektive wird vom ‚Feindesland‘ gesprochen. Das erscheint mir im Kontext von Kirche eine problematische Redeweise zu sein, weil es all jene kränkt, die mit den Möglichkeiten der digitalisierten Welt das Evangelium dort – jenseits vieler Komfortzonen und all den Mechanismen der Digitalisierung ausgesetzt – verkündigen, wo es nicht bei rotem Tee und Gummibaumpflanzen gehört wird. Und Mancher, der selbst sehr profitiert, wähnt sich im Gelobten Land.

Die Frage ist aber doch, wie wir es gemeinsam dort aushalten, wo wir sind: Auf der Grenze. Wie wir es aushalten zwischen Paradies und Nichts, bestenfalls gemeinsam gestaltend. Wie Menschen instand gesetzt werden, Entscheidungen begründet zu treffen, ohne in Strudel zu geraten oder naiven Vorschlägen zu folgen, die ökonomischen Paradigmen immer mehr Macht geben. Das sind gesellschaftliche Fragen. Es sind aber auch kirchentheoretische Fragen. Denn wie wollen und können wir unter diesen Bedingungen Kirche sein? Angesichts dessen, dass die meisten Menschen nicht nur ihr Wissen über Religion, Theologie und Spiritualität digital erwerben, sondern dort auch religiös leben. Es entstehen völlig neue Netze diakonischen Handelns und kommunitären Lebens. Pfarramtliches Handeln kann stärker themenbezogen kollaborativ stattfinden. Diese Möglichkeit kommt den gegenwärtigen demographischen Entwicklungen ausgesprochen entgegen! Menschen beten, die es nie gelernt haben. Menschen stellen Fragen, für die sie sonst keine Adressaten finden. Sie besuchen Friedhöfe und zünden Kerzen an, obwohl sie das Haus nicht verlassen können. Es entstehen Räume von Seelsorge, die selbstverständlich ihre eigenen Schutzmechanismen definieren. Kirche in der Fläche bekommt ungeahnte Möglichkeiten. Die Reichweite ist häufig groß, größer als gewohnt, und nicht notwendig flacher. Wir können sie nicht übersehen und deshalb trefflich darüber streiten. Wir sollten es nicht tun. Sondern die unübersichtliche Situation zur Grundlagenbesinnung nutzen: Was sagen wir (christlicherseits) über den Menschen in diffusen Lagen? Was wissen wir über Gottes Handeln angesichts der Schöpfung selbst als Subjekt je und je? Wie denken wir heute Redefiguren, die angesichts heutiger Bildwelten völlig neu an Relevanz gewinnen – wie etwa die der Perichorese, der Durchdringung? Was bedeutet Sakramentalität auf dieser Grenze? Wie denken wir die Virtualität, die in der Liturgie traditionell zur Sprache kommt?
Wenn es nicht stimmt, dass es eine „abgeschlossene, homogene Lebenswelt“ der Kirche gibt, und die Kirche sich (daneben?) „in Vorstellungen und Gefühlen der … Individuen (konstituiert)“, die Kirche demnach keine Konstruktionsleistung des Einzelnen ist, sondern sich aus transzendental Gegebenem – religiös gesprochen: Gott – ergibt, dann gilt es, diese Grundsatzfragen angesichts digitaler Welten neu sprachlich auseinanderzusetzen. Das ist weit mehr, als christlichen content zu generieren, und zu zeigen und Kontaktflächen zu bieten. Das ist freilich schon viel. Und doch sollte Menschen wohl auch eine Hilfe gegeben angeboten sein zu entscheiden, wie sie – aus Sicht eines christlichen Weltverständnisses und Menschenbildes – wahrnehmen und verstehen, was sie ohnehin erleben.

Fotocredit: TheRegister

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