Mark-Gleichnis

 

Wenig nach Sonnenaufgang. Der Tag hat gerade erst Laufen gelernt. Da schellt es und sie steht vor der Tür. Hält mir eine Tüte hin, voller Markknochen. „Kalb“, sagt sie, und strahlt mich an. Ich bin überrascht. Und bewegt. Sie weiß, worauf es jetzt ankommt, denke ich. „Wollen Sie…?“, frage ich beflissen, und sie schüttelt den Kopf. „Und später?“, ich zeige auf die leicht beschlagene Plastiktüte. „Nein, nein“, sagt sie, „nur für Sie.“ Ich lächele zurück und der Tag geht seinen Gang. Alles wohl, gekühlt verstaut.

 

Kurz vor der Besuchsrunde fällt’s mir wieder ein. Das Kalb! Jetzt oder nie. Eilig drehe ich den Herd hoch und suche ein bisschen Suppenzeugs zusammen. Rösten, zischen, schäumen – alles tausendmal gemacht. Geübt. Sitzt. An Anderes denken und doch fasziniert sein. Wenige Minuten und die Dinge werden über Stunden ihren Gang gehen.

 

Und ich gehe auch. Und Ihr erzählt und ich höre zu und frage nach und biete an und höre wieder zu und sehe all diese Dinge. Und Gott. Die Zeit stimmt, das weiß ich, obwohl ich keine Uhr trage.

 

Nach Stunden wieder da und als ich die Tür öffne, weiß ich sofort, was Sache ist. Und keiner weiß, wie. Was lange dabei war und irgendwie dafür sorgte, dass jetzt ist, was es ist, muss weg. Je größer die Dinge, desto einfacher, zum Schluss muss das Feinsieb her. Nichts soll zurückbleiben. Und alles ist klarer als es je eines meiner Argumente war.

 

Und die gleichen Dinge kommen nun in ganz klein dazu, und das Kraut, das in meinem wüsten Garten überlebt hat und ich weiß: Ganz gleich, was über Stunden geschehen ist: Das Meiste wurde getan und doch zählen die letzten Minuten.

 

Als es um den ersten Löffel geschehen ist, weiß ich: So hat sie es gewollt. Und Omas Heizungskeller ist um mich herum, wo sie die Geschichten ihres Lebens erzählte, und der Geruch der Gasflamme in der Vorküche und ich höre das Kratzen der Metallkelle am Topfboden. So geht Wegzehrung.

 

Einiges fiel auf gutes Land und trug Frucht, einiges hundertfach, einiges sechzigfach, einiges dreißigfach. (Mt 13, 8)

 

Später werdet Ihr heimkommen und natürlich ist genug für jeden da.

Und zum Dessert gibt’s Erdbeeren.

So ist das mit dem Reich Gottes.

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

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