Zeit ansagen. This is my church

 

Für den PredigtSlam zum Deutschen Evangelischen Kirchentag in Berlin/ Wittenberg, 25. Mai 2017. Gethsemanekirche in Berlin-Prenzlauer Berg. 

 

Ich erzähle Euch von gestern Nacht.

Ich meine diese Zeit,

Wenn die letzten Begegnungsabendbratwürste verkauft sind,

die Finger von Puderzucker und Currysauce hartnäckig kleben,

Restmünzen in irgendwelchen Taschen verschwunden sind,

und Erwartungen abgesteckt, Freundschaften versichert und die letzten Zäune um die kirchliche Community zuverlässig geprüft sind.

Wenn Du endlich alle Emoji-Spielkarten zusammengesammelt hast

und AbendSegen im Kerzenmeer Dein Leben ummantelt.

Letzte Ohrwürmer kriechen langsam aus dem Tag.

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Berlin schläft nie.

Die Stadt unter der Erde schläft nie.

Rund um die Uhr indirekt ausgeleuchtet,

und kalte Schatten folgen Deinen Schritten.

Die Stadt unter Deinen Füßen schläft nie.

Central Station, hier sei die Mitte, Knoten aller Dinge, unseres Landes, der demokratischen Welt.

Central Station,

wo sich das Orange Berlin-Wittenberg dieser Tage in das Leben dieser Welt löst

wie Salz der Erde im Meer.

 

Und ich stelle mir vor,

einer sagt:

Mit dem Glauben verhielte es sich so. Wie mit dieser Central Station.

Manche warten ewig auf die Einfahrt und verpassen den Anschluss.

Oder Du verträumst den Ausstieg und landest irgendwo, wo Du gar nicht hinwillst.

Wo Du Dinge entdeckst, die nicht in Deinem Reiseplan standen.

Quietschende Bremsen sagen Dir: Es gibt einen Weg zurück.

Und alles ist mindestens zweisprachig und Vieles hörst Du doch nicht, weil Dein Gehör gar nicht weiß, wo Du hinhören sollst, und ob es wichtiger ist, dem Gespräch der Passageren zu lauschen oder den dumpfen Ansagen über den Lebensgleisbetten – spricht da eigentlich wirklich jemand? – oder ob es wichtiger ist, Deiner eigenen Lebensplaylist zu lauschen, die Dir natürlich am nächsten ist und den Takt Deines Lebens vorgibt.

 

This is my church.

 

„So viele Hilfsdienste, ist hier heute was besonderes?“ „Nein, ich habe keine Zeit, ich muss mein Auto abholen!“ „Ach, was mit Kirche??“

Und irgendwie sind mir Eure fordernd-fragenden Augen näher als die, die mich von Plakaten, Kaffeetassen und fair gehandelten Stoffbeuteln unbestimmt-eindringlich und irgendwie auch infantil-vorwurfsvoll anstarren. „We can’t hide behind a Wall.“

 

Und als der letzte Posaunenchor verstummt ist, steht einer wartend in die Zeit gefallen mit Maßanzug und rotem Rosenstrauß auf der leergefegten Terrasse neben der Systemgastro, sehnsüchtig nach Lebensüberblick und Liebe.

 

Und die Vielen purzeln am Feiertagsvorabend aus und in den letzten Zügen, hetzen ortloser Schritte über die Rolltreppen und sehen das eine Ziel, das so schnell wie nur irgend erreicht werden muss.

 

 

Und einer kniete sich zwischen sie alle, mitten auf dem Bahnsteig und schreibt Zeichen in den Sand, den das Profil deiner Schuhe zurückließ.  Stumm.

 

 

Und ihr fahrt hinauf und ich fahre hinab.

Dorthin, wo die ganze Nacht die Türen aufstehen.

Und immer wird ein Mund sich üben.

 

Und ich übersehe Dich fast, wie Du in dieser Ecke sitzt, so, als wäre wenigstens sie deine Heimat. Die Welt Deiner Werte und Melodien und Überlebensstrategien. Abgesteckt durch Deine Blicke.

 

Salzreste aus Pommestüten kleben auf dem Tisch fest, der die Spuren eines langen Tags trägt. Viele nahmen hier Platz. In deiner Heimat, als es für dich nur ums Überleben ging.

 

In den Händen hältst du den zerknitterten Pappbecher.

Kalter Cappuccino, zusammengesammelt aus den hingeworfenen Münzen der Passanten, hervorgeholt aus Hosentaschen.

 

Ich übersehe Dich fast. Doch ich bin angesehen, von dir, und Du jetzt auch, von mir. So als fielen grad zwei Welten ineinander. Und ich versuche zu verstehen, was Du zu verstehen siehst und vielleicht tust Du es mir gleich.

Und als die letzten kichernden Teens gegangen sind, höre ich’s leise:

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Die Stadt singt sich ihr Wiegenlied in Endlosschleife. Wachet auf, ruft uns die Stimme.

 

Ich aber fliehe vor Endlosschleife und protestantischem Moralweckruf, vor der dumpfen Zugluft unter der Erde noch weiter unter die Erde, wo die Luft vibriert und Du nicht mehr unterscheiden kannst ob es tagt oder Nacht ist. Bässe werden tiefer, Takte eindringlicher und Sounds aufdringlicher. Und die Welt ohne Ich und Du und Ordnung und Ritual greift nach mir.

 

Und einer ging hinaus, auf einen Berg, allein.

 

Ich trage Deiner Augen Blick in mir und weiter und den Geruch nach kaltem Cappuccino.

 

In meiner InterimsHeimat: Automatische Rolläden quietschen und bremsen die Nacht. Ich wache irgendwann auf. Durch die Lamellen erstes Licht durch dichte Blätter alter Großstadtbäume am mondänen Stadtrand. Peripherie, die Bürgerlichen am Rande, plötzliches Licht, direkt auf die Netzhaut, das mich blinzeln lässt und ein zaghafter Stundenschlag eines Vorstadtkirchleins, der flüstert: Steh auf.

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„Ich danke dir, dass du mich diese Nacht bewahrt hast vor Schaden und Gefahr und allem Übel.“

 

Und ich sehe die Kirchen und Kanzeln dieser Stadt und meines Lebens.

Und die Kellerkapellen: Central Station, Mitte, Knoten aller Dinge, des Widerspruchs und der Furchtlosigkeit für unsere Kirche.

 

Und ich binde mir orange-Berlin-Wittenberg um und lege für einen Cappuccino to go beim Bäcker nebenan ein paar Münzen auf den Tresen.

 

 

 

 

Liedtextzeile: Susanne Brandt, Melodie: Miriam Buthmann

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

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