Ich sah Dich, Kirchentag.

Es war mal wieder Kirchentag. So banal diese Feststellung im kirchlichen Kontext wirken mag – das Ereignis, auf das in vielen evangelischen Kirchen seit langer Zeit hingedacht und –gearbeitet wird, gehört keineswegs zum aktuellen kulturellen Gedächtnis der Bevölkerungsmehrheit in unserem Land. Und damit ist bereits ein Kernthema evangelischer Kirche heute benannt: So sehr der Protestantismus nach innen angesichts demographischer, gesellschaftlicher und religionskultureller Entwicklungen der Selbstvergewisserung bedarf, so sehr gerät er nach außen unter Druck. Wer darin kein halbwegs deutliches Bild hat, was das im Zusammenspiel bedeutet, gerät im Blick auf seine Ausdrucksformen ins Schlingern. Das war in Berlin allüberall zu sehen.

 

Dass Einschätzungen zum diesjährigen Kirchentag möglicherweise so disparat sein könnten wie noch nie, kann einerseits nicht dazu führen, dass dann eben auch alles so bleibt, wie es ist, noch andererseits das immer noch weit verbreitete Klischee bestärken, dass eben in evangelischen Kirchen einfach alles möglich sei.

 

Eine Spur könnte sein, die Wirkung von „Dingen“ im engeren Sinne ernst zu nehmen, und zwar bis hin zu ihrer moralischen Qualität. Der Jenaer Soziologie Hartmut Rosa benennt dies in Rezeption der Sozialphilosophie Bruno Latours als „diagonale Resonanz“, in der die Dinge zu uns in Austauschbeziehungen treten, indem sich uns der Eindruck vermittelt, die Dinge sprächen „für sich“.

 

Ich schlage vor, den Kirchentag als Ganzen ebenso wie Einzelnes, das ihn repräsentiert, als „Ding“ zu verstehen und sage ein paar Beispiele.

Kirchentag spricht für sich. Innerhalb der evangelischen Kirche gibt es hochverbundene Milieus an Bewegungschristentum, für die die Teilnahme an und Rezeption von Veranstaltungen des Kirchentags unhinterfragt ist. Dies ist für die Kirchen eine wichtige Ressource. Die Entwicklung sog. alternativer gottesdienstlicher Formen im 20. Jahrhundert, die Weiterentwicklung evangelischen Liedgutes sowie eine ganze Reihe gemeindlicher Initiativen, etwa im Bildungsbereich oder in der Einen-Welt-Arbeit wären nicht denkbar ohne Kirchentage. Meine Generation ist mit all dem selbstverständlich aufgewachsen, ebenso wie mit den dicken Kirchentagsprogrammen, die Besucherinnen und Besucher voraussetzen, die sich geflissentlich und zeitintensiv auf das evangelische Glaubensfest vorbereiten. In der Außenwahrnehmung wird der Kirchentag eher kritisch gesehen – wer die Annahme seiner gesellschaftlichen Relevanz nicht teilt, stellt seine Mitfinanzierung durch die öffentliche Hand ebenso in Frage wie die vorübergehende Besetzung des öffentlichen Raums. Wer als kritischer Beobachter am Abend der Begegnung am Reichstag entlangflanierte, hatte es leicht, gängige Kirchenklischees zu bestätigen: Vieles gut gemeint und unterschiedlich gemacht; in seinem Verweischarakter auf den christlichen Glauben evangelischer Prägung aber überwiegend unklar. Wer aber von innen schaut, weiß, mit welchem Fleiß ehrenamtliches Engagement aufgebracht wurde, um all diese Stände zu bespielen; wer von innen schaut, weiß, welche Abstimmungsprozesse Einrichtungen aufbringen müssen, um eine große Kirchentagsbühne einen Abend lang zu bespielen. Diese zwei ganz unterschiedlichen Blickrichtungen sind eventuell auch ein Indiz für die unmittelbar nach dem Ende der Veranstaltungstage medial viel traktierte Frage, wie viele Menschen eigentlich am Abschlussgottesdienst in Wittenberg teilnahmen.

 

Möglicherweise werden wir uns in den evangelischen Kirchen fragen lassen müssen, ob wir nicht in Zukunft auf diejenigen Ausdrucksformen verzichten sollten, die unbotmäßig Ressourcen binden und zugleich in ihrem Verweischarakter bisweilen sogar kontraindizieren. Denn wir begegnen denen, denen wir auch ohne all dies begegnen möchten und bleiben ansonsten doch auch lieber „unter uns“. Mag sein, Formaten wie dem „Abend der Begegnung“ unterliegt in einem Maße der Annahme von Milieuhomogenität der Kirchentagsbesucherinnen und –besucher, wie es faktisch schon nicht mehr der Fall ist und perspektivisch viel weniger der Fall sein sollte. Zusammengefasst heißt das: Als „Ding“ an sich ist der Kirchentag insgesamt ein wichtiger Impulsgeber für die Gemeinden vor Ort. Dem stehenden Hinweis darauf, dass es so schwierig sei, Einsichten und Ideen des Kirchentags vor Ort zu implementieren, verweist ja lediglich auf die Diversifizierung des gegenwärtigen Protestantismus auch im Blick auf seine grundsätzliche Bereitschaft zur Veränderung und Passung als gesellschaftskritischer Größe. Wer ohne relativen Widerstand wählt, was „mir zusagt“, droht leicht, sich in Filterbubbles zu verschanzen und im bequemen Schaumbad einer Wohlfühlkirche zu verharren. Weil es gut ist, dort zu sein, wo es schön ist. Vereinsförmig organisierte Kirche kann sich von der Tendenz nicht freimachen, sich so zu verhalten. Dem christlichen Glauben gemäß ist dies nicht – er zeigt das Andere, fordert heraus, legt das Widerständige vor die Füße. Nur von dieser Ausgangsposition her ist es überhaupt sinnvoll, die Rede von Gottes rechtfertigendem Handeln in einer Konfession zentral zu stellen.

 

Damit schon zum zweiten Aspekt der „Dinge“ – sie antworten: Impulse werden aufgenommen oder verhallen, die Diskussion gesellschaftsrelevanter Fragen wird weitergeführt oder nicht, theologische Denkanstöße werden durchdacht oder eben auch nicht. Der damit verbundene Prozess heißt – im Anschluss an die Ausführungen Hartmut Rosas – treffsicher: Arbeit. Es ist eine Arbeit, die sich nach dem Fest ergibt. Nicht das Wegräumen des dreckigen Geschirrs und Auffüllen der immergleichen Bestände, sondern diejenige Arbeit, die Kreativität freisetzt – die lernbar ist und Arbeit macht. Dass dies unterbleibt, mag Quelle von Frustration vieler Orten sein. Hauptamtliche gelten als quantitativ so beansprucht, dass sie diese Arbeit nicht leisten können oder wollen. Als Laienbewegung setzt der Kirchentag auf seine Wirkung als „gestreckte Kasualie“ bei seinen vielen Trägergruppen. Doch auch hier kann geschehen, was sich in Kirchengemeinden vielerorts beobachten lässt: Initiatoren und Zielgruppe sind (fast) identisch und am Ende bleibt alles, wie es ist.

 

Zugleich ist Glaube angewiesen auf Resonanzräume, die nicht das immer Gleiche echoen, sondern Anstöße liefern. Inwiefern das Christentum evangelischer Prägung sich in seinem normativen Anspruch und seiner soziologischen Verfasstheit hier auch spätestens im 20. Jahrhundert auseinanderbewegt hat, zeigt der Kirchentag 2017 eindrücklich. Nicht umsonst beschwört die Avantgarde des Protestantismus eine Wiederkehr des Spirituellen und stützt all jene Theologien, die sich dafür anschlussfähig zeigen.

 

Als eine Suchbewegung unter Druck – von außen und innen – hat es der Kirchentag nicht leicht. Wie auch jeder Einzelne, könnte er der Versuchung erliegen, die Selbstresonanz für die Lösung zu halten, die am ehesten gängig ist. Für mich erklärt dies zumindest die Kampagnenmotivik, die sich vom Vorwurf der Infantilität letztlich nicht befreien konnte und in manchen Linien zu hochproblematischen Bildprogrammen führte. Sich selbstresonant in der Tendenz eher zu unterfordern, stabilisiert für den Moment. Ob es allerdings die geeignete Strategie ist, die Kirchentagsbewegung und mit ihr einen maßgeblichen Teil des Protestantismus gesamtgesellschaftlich diskursfähig zu zeigen, mag dahingestellt sein. Demgegenüber dürften die innerkirchlichen Denkanstöße gewichtiger sein. Das ist viel. Und doch könnte Kirchentag mehr.

 

 

Fotocredit: Friederike Erichsen-Wendt

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