Zu Pfingsten 2017 gepredigt.

Stiftskirche Windecken, Verabschiedung aus dem Gemeindepfarramt daselbst (Joh 14, 15-19. 23b-27)

 

Hier ist der Text.

Jesus sagt: Wenn Ihr mich liebt, zeigt es dadurch, dass Ihr tut, was ich Euch gesagt habe. Ich werde mit dem Vater sprechen, und er wird Euch einen anderen, der tröstet, geben, so dass Ihr nie ungetröstet sein werdet. Dieser Tröster ist der Geist der Wahrheit. Die gottlose Welt kann ihn nicht annehmen, weil sie keine Augen hat, ihn zu sehen; sie nicht weiß, wonach sie schauen soll. Ihr aber kennt ihn, weil er bei Euch geblieben ist und in Euch bleiben wird.

Ich werde Euch nicht als Waisen zurücklassen. Ich komme zu Euch. In Kürze wird die Welt mich nicht mehr sehen, Ihr aber wohl, weil ich lebe und Ihr auch leben sollt.

Wer mich liebt, wird mein Wort sorgfältig hüten und mein Vater wird ihn lieben und wir werden zu ihm kommen und Nachbarn sein. Meine Worte aber nicht zu halten, bedeutet, mich nicht zu lieben. Das Wort, das Ihr hört, ist nicht mein Wort. Es ist das Wort des Vaters, der mich gesandt hat.

Ich erzähle Euch diese Dinge, während ich noch mit Euch lebe. Der Tröster, der Heilige Geist, den mein Vater in meinem Namen senden wird, wird Euch alles leicht machen. Er wird Euch an alle Dinge erinnern, die ich gesagt habe. Ich verlasse Euch wohlbehalten und in Gänze. Das ist mein Abschiedsgeschenk für Euch: Friede. Ich verlasse Euch nicht so, wie Ihr es gewohnt seid, verlassen zu werden – preisgegeben, beraubt. Deshalb seid nicht aufgebracht und verstört.

So steht es im Johannesevangelium im 14. Kapitel.

 

Du bist ein getrösteter Mensch. Und niemand ist ungetröstet. Das ist Pfingsten. Wo geschieht, was Jesus sagt. Sieh (richtig) hin. Auf die Anderen. Auf Dich selbst.

 

Tut doch einfach, was ich Euch sage. So einfach ist die Welt. Hast Du vielleicht schon mal gehört. Oder wie es sich anfühlt, wenn denn endlich mal jemand tut, was Du sagst.

Hier sagt’s einer. Und alle sind getröstet. Auch Du. Pfingsten ist: Geist für Dich.

 

Also lasst uns zunächst aus dem Weg räumen, was man so zuerst zu diesem Predigttext denken könnte: Dass es um Abschied geht und jeder das kennt, und die Jünger auch und dass ja alles gar nicht so schlimm sei mit dem Abschied, weil Gott und der Glaube und die weltweite Kirche und wir sowieso alle verbunden und so weiter.

 

Oder: Dass die Gemeinden des Johannesevangeliums verfolgt waren, um ihr Überleben kämpften, nach etwas Dauerhaftem suchten, und wir heute ja auch – und der demografische Wandel, die Werte der Kirche, der heftige weltanschauliche Gegenwind, Drohungen gegenüber Pfarrerinnen und Pfarrern, von außen und von innen, und so weiter. Alles, was uns so umtreibt, beschäftigt und sorgt.

 

Oder schließlich: Dass ja alles eine Frage des Geistes sei und es natürlich überall sonst besser, neuer, schöner, professioneller, größer und begeisterter sei als bei uns, einer Kirche, die für alle da ist. Und damit diffus. Gerichtet an die draußen und unten. Und die diese lästigen Leute habe, die nur an Weihnachten in die Kirche kämen, wegen der Krippe und der Kerzen und „O du fröhliche“. Gerichtete Kirche. Ja, auch an die drinnen und oben. Und Du doch vor allem denkst: Hauptsache die Kirche ist dort, wo ich bin oder wo ich will, dass die Kirche ist. Und die Pfarrerin. Und mit ihr möglicherweise auch noch der Geist. Und Pfingststimmung ist, auf der bunt verzierten Geburtstagstorte der Kirche hellblaubuntgeringelte Kerzchen anzuzünden, als ob wir einem unserer Kinder eine Freude machten und den Tag mit einer Schnitzeljagd nach dem Glauben oder den Glaubenden verbrächten.

 

Natürlich widersprecht Ihr und runzelt die Stirne. Weil Euch die Kirche lieb und wert ist. Und mir ja auch. Und weil es gut ist zu wissen, wie Abschied sich anfühlt. Weil uns das auch solidarisiert: in der Kirche, und perspektivisch nicht nur, aber auch als Kirche. Und weil es unbedingt notwendig ist, darauf zu sehen, wo Christen verfolgt und geächtet werden und sie unserer Hilfe und unserer Fürbitte so dringend bedürfen. Und weil auch unbehaustes Christsein sich nach Heimat sehnt und Gemeinden wie Wohnzimmern und die meisten gerne Kuchen essen.

Und wir werden sagen: Manche sagen halt so, Andere sagen so. Und alles ist wenigstens ein bisschen relativiert. Und letztlich geschieht nichts. (und nicht nur, weil wir uns hilflos erleben) Weil wir einander nicht kränken wollen. Weil wir einander lieb und wert sind. Und das so ein hohes Gut ist in einer rauhen Welt. Wenigstens doch in der Kirche.

 

Jesus sagt nach dem Johannesevangelium: Liebt mich. Hütet mein Wort. Gott wird Euch lieben. Und wir werden Nachbarn sein, Wohnung bei Euch nehmen – wie Luther es sagt.

 

Jesu Abschied ist ein Abschied, der uns Gott zum Nachbarn macht. Ein Abschied, durch den nicht plötzlich einer weit weg lebt, plötzlich woanders; und ein Anderer zurückbleibt, und da etwas nicht mehr ist, was immer war. Und eingespielt und gekümmert und nervig und selbstverständlich und Du halt wusstest, was Du hast. So ein Abschied, der eben preisgibt und beraubt, aufbringt und verstört, der im Moment ein Drama ist, aber doch auch irgendwann von „Jetzt“ und „Damals“ reden lässt. Und das Jetzt alles viel besser ist oder Damals alles viel schöner.

 

Hier: Ein Abschied, durch den wir mit Gott Wand an Wand wohnen.

 

Und ich mich abwartend frage:

Wird das klappen? Oder stört ihn meine laute Musik gegen das akustische Chaos der Welt? Oder dass ich nie Unkraut jäte? Und er das dann auch im Garten hat. Und wenn es umgekehrt wäre? Und bei mir plötzlich wachsen würde, was Gott gesät hat und hegt? Ob es stört – Dass viele Leute ein- und ausgehen und oft die, denen niemand die Tür öffnet. Und dass die mal durchatmen, die den ganzen Tag die Kinder von A nach B karren, Glastische polieren und dafür Lebensträume weichen. Dass ich gelegentlich allein bei meinem Glauben bleiben muss, um Andere und mich selbst besser zu verstehen. Dass wir vom Tod reden und das Leben feiern, und streiten, ob es Wahrheit überhaupt gibt, ob und wer aufzuräumen hat, ob für die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen in unserer Gemeinde eigentlich die Eltern Sorge tragen müssten oder die krude Bemessungszahl der Personalstellen überhaupt an allem schuld ist.

 

Hört. Hütet das Wort und liebt Gott. Mehr ist es nicht. Und Gott bleibt.  Und liebt. Und setzt sich hinzu. An polierte Glastische und auf dönerpapierverschmierte Holzbänke. Auf das Plüschsofa neben Porzellanpuppe rechts und Jahrmarktteddy links. Auf die Parkbank neben der Shell, hinter der Kirche und am Fahrradständer an der Willi-Salzmann-Halle, bei Wind und Wetter. Und ja sogar — Und er hört Dir zu. Und tröstet. Und erinnert an Jesus. Und macht es Euch leicht. Gott will es leicht machen. Jesus geht, der Tröster kommt. Und er tut nichts Anderes. Es scheint ganz so zu sein, als ob sich gar nichts änderte: Jesus geht, Tröster kommt, Gott wohnt nebenan. Ein Abschied wie kein Abschied. Nur unter einer einzigen logischen Voraussetzung gilt das: Nämlich, dass Gott überall ist. Und zwar nicht: überall sonst, da und dort, sondern: genau hier. Genau hier, wo Du bist, und wo der ist, dem Du gerade ins Angesicht zu schauen versuchst, an den Du Dein Wort richtest und wo Dein Herz schlägt. Das ist doch Friede: Nicht preisgegeben zu sein. Gott gibt nicht preis. Unter keinen Umständen. Du bist getröstet. Niemand macht es niemandem recht und alle sind da.

 

Das kommt nicht zum Leben dazu, an Pfingsten, dieser Gott, dieser Trost. Was wäre Dein Leben denn ohne Trost? Was wäre Dein Leben, wäre es preisgegeben? An Mächte und Gewalten, an die Meinungen Anderer, an die gerade herrschende Deutungshoheit gesellschaftlicher Entwicklungen, an den Tod?

 

Doch Gott wohnt nebenan. Auf Dauer flüchtig eingerichtet, mit Zeit und zuhörendem Ohr, geschichtenschwerem Campingtisch mit wackeligen Füßen, der Bonbondose auf dem obersten Regalbrett und einem festen Platz fürs Päckchen Taschentücher. Und ich möchte mir vorstellen, es ist ein Haus ohne Hausordnung. Aber da sind wir Theologen und Theologinnen uns nicht so ganz einig. Ich möchte mir vorstellen, dass es ein Haus mit vielen Wohnungen ist. Gott ist da. Und wir sind da. Und die Wolken der Zeugen und Zeuginnen des Glaubens, denen wir verbunden sind. Genau hier.

 

Und niemand ist Waise, wie von Vater und Mutter verlassen. Auf Dich ist geachtet und Du bist angesehen. Und nichts ist untröstlich. Auch kein Abschied. Weil mit dem Abschied bleibt, was wichtig ist. Und Platz gemacht ist für das, was kommt. Für das Rauschen und Brausen, akustisches Chaos als Gleichnis der Welt, in der wir leben, und in dem doch jede etwas versteht von dem, was Gott will. Hütet das Wort. Liebt Gott. Lasst nicht los. Ihr habt die Wahl, worauf Ihr schaut.

 

Und auch Gott wird anklopfen. Vielleicht fehlt ihm Milch oder ein Schulbrot oder Dein Fleiß oder Deine Klugheit oder Dein praktisches Geschick. Und gemeinsam werdet Ihr vor dem Haus sitzen und sehen, was dort ist: Wolken und Wind, bites und bytes, Messzahlen, die die Welt machen wollen, wie sie irgendjemandem gefällt, und Rotkehlchen und Kinder, die eigenen und die sogenannten fremden, und Brot auf Omas angeschlagenen Tellern, zuweilen mit Sauerkirschmarmelade, und Wein für alle: Kirche, eigen und fremd. Stabil von ganz Nahem Außen her. Durch gehütetes Wort und kritische Frage und So-soll-es-Sein, Das-ist-gewisslich-Wahr, und diese großen Worte, an denen wir uns festhalten: guter Hirte, Licht der Welt, Salz der Erde. Nehmt das. Und Nehmt und esst. Nehmt und trinkt. Nehmt und spielt. Nehmt und denkt und streitet und betet.  Und rechnet dann auch ein bisschen, mit Bites und Messzahlen, vor allem aber mit Gotteswirken in Wolken und Wehen inmitten akustischen Chaos‘. All dies ist‘s. Genau hier.

 

Und die Kerzen auf der Geburtstagstorte der Kirche werden dadurch leicht flackern und Gott teilt aus davon und es ist genug für alle und Friede – erinnert Euch: Abschied wie kein Abschied, Nicht-Preisgegeben-Sein – und Du hörst im akustischen Chaos Kehrverse: Hüte das Wort. Und liebe Gott. Du bist da. Und Gott nebendran. Und im Wort und unter Euren schwachen und zitternden Wörtern. Und das ist Trost, dieses Wort. Für Dich und für Andere. Weil Gottes Wille Friede ist. Und so geschieht Kirche. Daran muss sich alles messen lassen, was wir „Kirche“ nennen. Hier. Und ganz gleich, wie sie aussehen wird, diese Kirche, und diese Gemeinde. Und, wenn wir irgendwann (heute) aus dieser Kirche gehen, an den Orten, wo Ihr seid. In diesem Karussell da draußen, in Euren Büros, im Landtag, und an den Küchentischen, und auf der B-Ebene an der Hauptwache, dort, wo Welt ohne Tageslicht ist, wo wir hier und dort dran herumpolieren und sich doch nichts ändert; auf dem Campus des Studienseminars, am Wärtchen und in den verschlossenen Herzkammern Deiner Seele. Gehütetes Wort ist dorthin gesagt. Die Welt ist nie wortlos, nie ohne Wirken Gottes, nie ohne dass wir verstehen könnten, mit Herz und Sinnen. Gottes Welt ist Wortwelt, durchwirkt, geistgottesdurchwirkt. Deshalb wirkt Gottes Friede, deshalb funktioniert das überhaupt. Niemand kann das preisgeben oder rauben: Gott ist da. Genau hier. Daran seid erinnert, darauf schaut:

Gottes Friede, der höher ist alle Vernunft, bewahrt Eure Herzen und Sinne in Christus Jesus, unserem Bruder, Tröster und Herrn.

 

Amen.

 

 

Fotocredit: Birgit Mattausch

 

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