Fast ein Jahrhundert.

 

Zum 8. August 2017

 

Advent war genau dann, wenn wir zu ihr fuhren.

Wenn das Auto trotz unendlicher schneeweißweiter Landschaft für fahrtüchtig erklärt wurde und die Rüschenblusen aufgebügelt wurden.

Advent wurde, wenn sie quer über die schneeweißweite Festtafel rief: „Prost Kinder“. Wenn sich auszahlte, was wir im kleinen Leben an Etikette lernten.

Stil war selbstverständlich, doch wenn die Themen der Erwachsenen zu nah oder zu politisch wurden, dann rief sie einfach: „Kinder, habt ihr genug Kroketten?“ Und wir wussten, wie es sich anfühlen würde – dieses Weihnachten.

Als wir größer wurden, überließ sie uns ihr Apartment am Palmengarten, ohne Fragen zu stellen.  Mehr als Tee hatte sie hier wohl nie gekocht, aber wir haben auch nie mehr wissen wollen. Von ihr lernten wir Großstadt.

Sie war es, die den Eltern erklärte, dass die Kinder doch natürlich durch die Welt fliegen sollten.

Sie überlebte einen Flugzeugabsturz.

Sie trug Silberbroschen und trank gern Bier. Aber immer mit Glas!

Abends ging sie mit einer Alditüte durchs Westend.

Als ich 9 war, kochte ich meine erste Marmelade (Erdbeer, selbstgepflückt) und schenkte sie ihr zum Geburtstag. Es war ein großer Geburtstag. Viele waren da und sogar der Pfarrer. Zwei Tage später rief sie an und erzählte mir, dass sie auf dem Balkon sitzt und ein Toastbrot mit meiner Marmelade isst. Und dass es gut ist. Mich hatte vorher noch nie jemand angerufen. Mich.

Später lehrte sie uns, dass Bayreuth mehr als irgendeine Kleinstadt ist.

Wer uns willkommen war, war es ihr auch. Fraglos.

Sie war auch das, was Andere gern sein wollten. Aber eigentlich wussten wir wenig über sie.

Sie hatte ein Weltzuhause und ein perfekt-pünktliches Geburtstagskartenmanagement. Sie mochte es nicht, Geschenke zu kaufen, legte aber immer ein paar Mark in die Karten. Und jeder kriegt das Gleiche, nur dass Ihr das wisst.

Sie wusste alles, ohne jemals zu fragen.

Ihr seid mir wie eigene Kinder, sagte sie ganz manchmal, und das verbindet uns auf eine ganz feine Weise. Auch jetzt.

Sie mochte keine Eiskrem. Glatteis machte sie unsicher.

Sie trug Schuhe, die ich damals nur aus Spielfilmen kannte.

Sie reiste in ferne Länder und winzige Dörfchen.
Sie war gern in der Luft und dies viel mehr als auf der Straße. Und dort nur mit Anderen. Sie fand immer Mittel und Wege und Chauffeure, überallhin. Sie fuhr Taxi und NVV-Bus, Hauptsache, sie erreichte ihr Ziel.

Als sie aus ihrem Haus auszog, gab sie mir ihre Kuchenplatte mit Goldrand. Und Krümeltellerchen. Krümeltellerchen!

Ihr großes Zutrauen in das, was wir – so ganz „Anderes“ – taten, hat mich immer beeindruckt.

Sie war es, die auf Anhieb verstand, dass ich irgendwann ganz dringend einen guten Schnellkochtopf brauchte.

Sie freute sich, dass das Leben weiterging. Sie erwartete nie, besucht zu werden. Und ließ alles stehen und liegen, wenn Du kamst. Sie hatte immer Butterkekse und Bier. Und Krümeltellerchen. Aber eigentlich haben wir wenig gewusst, von ihren anderen Welten.

Offensichtlich lehrten sie sie auch, immer das zu sehen, was noch gut an den Dingen ist. Und den großen Segen, der auf dem Leben liegt.

Wenn Du wüsstest, dass ich gerade jetzt am anderen Ende der Welt bin, würdest Du sagen: „Mach es Dir schön, mein Kind, Du musst dich doch nicht um mich Alte kümmern“. So war es immer und von Herzen. Und Du würdest Dich für mich an all dem freuen, und die weißweiten Schneefelder auf den Bergspitzen vor Dir sehen. Und irgendjemanden anrufen, der mir längst ausverkaufte Karten für die Opera an der Kasse hinterlegt.

Und wenn auch ich zuhause bin, dann backe ich Frankfurter Kranz mit Erdbeermarmelade (selbstgekocht) und stelle ihn auf die Kuchenplatte mit Goldrand. Und dazu ein Bier, im Glas, hinter dem sich meine Tränen verstecken.

 

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