tänzele/ zwischen Sprache und Schweigen

 

zu: SAID, ich jesus von nazareth, mit einem Nachwort von Erich Garhammer, Würzburg 2018.

 

Die Überlieferung von Jesu Passion provoziert vielfältig neue Worte: Musik, Nacherzählungen, Lyrik. Da Gleichursprüngliche, der historische Angelpunkt der Jesusfigur ist ein Ereignis, keine literarische Überlieferung. Von Beginn an ist die Literalität Jesu mehrstimmig: In vier kanonischen und zahlreichen späteren Evangelien wird von Jesu Leben und Wirken berichtet. Diese Erzählproduktivität hält an. Unter dem Einfluss didaktischer Konzepte des 20. Jahrhunderts ist die Menge religiöser Gebrauchs- und Erbauungsliteratur, die sich des „Jesusstoffs“ annimmt, unübersehbar geworden.

 

Anlässlich eines Vortrags auf dem Katholikentag in Hamburg 2000 hat der Heidelberger Neutestamentler Gerd Theißen gezeigt, inwiefern die jeweils gezeichneten Jesusbilder in einem hohen Maße Projektionen ihrer Autoren sind. Als solche entfalten sie in ihren je aktuellen Diskurszusammenhängen Produktivität.

 

Auf diesen Vortrag verweist jüngst auch der emeritierte katholische Pastoraltheologe Erich Garhammer in seinem Nachwort zum jüngst erschienenen „Jesus-Buch“ des iranischen Schriftstellers SAID, der seit 1965 im Exil in Deutschland lebt. Es handelt sich in der Form um eine fingierte autobiografische Retrospektive. Garhammer erinnert die Leserin resümmierend: „Jede Form von Eingemeindung Jesu muss also letztlich scheitern. Ein Jesus ohne Fremdheitszumutung, ohne befremdliche Wirkung ist letztlich austauschbar.“ SAIDs kurzer Essay stellt sich eben diesem Dilemma, Worte zu finden, ohne „einzugemeinden“. In dieser Hinsicht ist der Text wirklich bemerkenswert. Selbst Kategorien, die ihre eigene Überschreitung bereits in sich tragen, treffen auf diese Darstellung nicht zu: Dieses Buch ist anders als skandalös, anders als fremd, anders als vertraut. SAID nutzt wohlbekannte Worte, stellt radikale Anfragen, rückt mit einem fremden Jesus nah an die Leserin.

Ein Jesus, der angesichts lauten gesellschaftlichen Rauschens nicht verstummt, sondern eindrücklich ruft. Ein Jesus, bei dem Zärtlichkeit und Zorn in ein Wort passen. Und Freiheit und Liebe im Zusammenklang sich wortwörtlich in Seelen ein Zuhause suchen.

Insofern gibt SAID in diesem Buch etwas von dem weiter, was er von sich selbst im Blick auf Religion sagt:

Was der Mensch braucht, weiß ich nicht. Ich bin kein Prophet. Ich übe keine Religion aus und habe auch nie eine ausgeübt. Ich habe meine Religiosität mit Mühe und Not gegen die Barbaren gerettet, die im Namen eines Gottes regieren. Aber ich glaube, dass der Mensch etwas in diese Richtung braucht. Man kann es Spiritualität, Religiosität oder wie Max Weber „religiösen Musikalität“ nennen. Ein Schwingen, etwas was in uns ist, und auf etwas anderes zielt.“ (im Interview mit Eren Güvercin am 2. Juli 2010 für das Internetportal der Deutschen Welle „Qantara“)

 

SAIDs zornigzärtliches Jesusbuch entkommt nicht der Projektionslogik, die für die historische Jesusforschung gezeigt werden konnte. Es zeigt eindrücklich, wie sie auch für die dezidiert literarischen Formen gilt. Für dieses Buch ist es gerade eine Stärke. Eine provokante Spiritualität reformuliert sich im Duktus einer Erzählung unserer eigenen Denk- und Glaubenstradition. Ein besonderer Spiegel von außen. Auch eine hohe Wertschätzung, die der jesuanischen Tradition des Christentums da von außen entgegengebracht wird. Dadurch wird diese Tradition neu und relevant. Manche theologiegeschichtlich längst überholte These (etwa die der cooperatio Jesu und Judas‘) ist so formuliert, dass sie noch einmal neu zum Denken anregt. Es ist eine fast vergessene Spielart von rechter Lehre, deren Normativität hier nahegelegt wird. Leser und Leserinnen sind gleichsam gezwungen, sich dazu in ein Verhältnis zu setzen: „mir gehen keine engel voraus, die euch warnen. meine engel, die ich seit meiner kreuzigung auf die erde geschickt habe, weinten vor verzweifelung, als sie mir von euch berichteten“ (7). Der Text ist – gerade in Konstellation zu derzeitiger Lehrbildung innerhalb der christlichen Theologie – eigentümlich theologieproduktiv, obwohl oder indem er gerade keine Ansatzpunkte für christologische Überlegungen anbietet.

 

SAID, über den Nina Fargahi ein eindrückliches Porträt geschrieben hat (NZZ vom 27. November 2015), hat Europa einmal als Ort der Freiheit, aber auch der Einsamkeit beschrieben: Diese mutige und anstößige Rekonstruktion der Jesusgeschichte zeugt von dieser Freiheit, nach neuen Bedeutungen zu suchen. In ganz naher, völlig unverbrauchter Sprache. Und sie zeugt von der Einsamkeit, in die Menschen gestellt sind, wenn sie ihre Wahlheimaten mit je eigenen Worten einkleiden müssen: „ich wandere stets und brauche für meine wege unerschütterliche weggefährten.“

Ein provozierendes Buch: nachdenkliche, spirituelle Worte, Worte, die weiterentwickelt werden wollen.

 

 

Fotocredit: Radio Vatican (bearbeitet)

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